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Geschichten aus unserer und anderen Welten: - Die letzten Tage einer Zivilisation - Lumiel tritt dem Feuer entgegen - Ein Abenteuer für den Sommer - Kurze Pause in der Mojave-Wüste - Die Gemeinde Maon kämpft gegen äußere und innere Feinde - Eine späte Geste für einen Verstorbenen - Der Finsterpark und seine Geheimnisse - In einer zerstörten Welt versucht ein Cyborg, seine Menschlichkeit wiederzufinden
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Vielleicht kehrt das Leben zurück
Lumiel
Etwas für den Sommer
Kurze Pause
Maon
Eine späte Geste
Der Finsterpark
Nach den Bomben
Carolin stellt die Teetasse auf den Beistelltisch und setzt sich in ihren Lieblingssessel vor dem Panoramafenster ihres Wohnzimmers. Draußen weht der Wind rötlichen Sand durch die flimmernde Luft. Die Gebäude mit Fassaden aus hitzeabweisendem Gestein stehen in der Mittagssonne wie vergessene Kunstwerke. Leben die Architekten noch, die diese abstrakten Formen geschaffen haben?, überlegt sie. Bei einigen wundert sie sich immer wieder, wie darin große Wohnungen Platz finden, so wie die gebogenen Außenwände ineinander verschlungen sind.
Nach einigen Schlucken des wärmenden Getränks dreht sie gedankenverloren mit Daumen und Zeigefinger ihren Ehering, bis sie von einem Klingelton unterbrochen wird. Vor ihr erscheint eine holografische, schimmernde Fläche. Mit dem Daumen streift sie durch das grüne Bestätigungssymbol in der unteren, linken Ecke und nimmt damit die Verbindungsanfrage an. Das Gesicht von Vitus erscheint. Seine blondgrauen Haare stehen in alle Richtungen ab. Dunkle Ringe haben sich unter seinen Augen ausgebreitet.
„Vitus! Was verschafft mir die Ehre?“, fragt Carolin.
„Brauche mal ne Auszeit und du meldest dich ja nicht von alleine“, antwortet er und zwinkert ihr zu.
„Vielleicht musst du nur geduldiger sein. Wie kommt ihr voran?“
„Wir starten heute Mittag eine weitere Prüfung. Wahrscheinlich ist sie in einigen Tagen startklar.“
„Respekt! Gar nicht so schlecht für euer Alter“, meint Carolin lächelnd und nimmt ihre Teetasse.
„Lust auf einen Ausflug, bevor ich wieder in der Montagehalle verschwinde?“
„Was schwebt dir vor?“
„Wir könnten ein Kino aktivieren. Oder zu einem der Flüsse?“
„Ich war schon lange nicht mehr unter der Erde. Funktionieren die Aufzüge noch?“
„Klar, die fahren schon.“ Erneut zwinkert er ihr zu.
„Sehr vertrauenswürdig! Aber warum nicht, wo treffen wir uns?“
„Ich komme dich abholen. In einer halben Stunde?“
„Okay, dann hab ich noch genug Zeit für meinen Tee.“
„Wie viele Menschen leben noch in diesem Gebäude?“, fragt Carolin, während sie und Vitus mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahren.
„Weiß nicht, hab lange nichts mehr außerhalb der Montagehalle mitbekommen.“
Carolin seufzt. „Und ich nicht außerhalb meiner Wohnung. Kaum zu glauben, oder? Unsere Zivilisation vergeht mit Einsamkeit und Teetrinken.“
„Apropos Einsamkeit. Wie geht's Benita?“
„Gute Frage, ich sollte sie wohl mal wieder besuchen.“
Der Aufzug hält, die Türen gehen auf. Flackernd springt vor ihnen die Deckenbeleuchtung an und taucht den weitläufigen, unterirdischen Bereich in kühles Licht. Fast fünfzig Fahrzeuge stehen darin auf Induktionsflächen.
Sie gehen zu einem weißen Zweisitzer. Vitus legt eine Handfläche auf das Wagendach und sagt: „Aktivierung.“ Beide Türen öffnen sich, die Innen- und Außenbeleuchtung springt an.
„Autopilot oder manuelle Steuerung?“, fragt die monotone Stimme des Bordcomputers, als sie auf der gepolsterten Sitzbank Platz nehmen.
„Autopilot“, erwidert Vitus. „Bring uns zum Tunnelzugang Vier.“
„Verstanden.“
Langsam setzt sich das Fahrzeug in Bewegung, fährt zum Ende der Tiefgarage und eine Rampe hinauf. Das metallene Tor, das die überhitzte Außenwelt fernhält, wird hochgefahren. Sand weht ihnen entgegen.
Während sie aus dem Stadtgebiet fahren, kommen sie an mehreren selbststeuernden Reinigungsfahrzeugen vorbei. Unermüdlich befreien sie die Straßen von der rötlichen Schicht, genauso die Bürgersteige, die kaum noch jemand benutzt.
Selbst jetzt noch, mit dreiundsiebzig Jahren, bewundert Carolin die Gestaltung der Gebäude. Eins sieht aus wie eine mehrfach gebogene Büroklammer.
„Vielleicht hoffen auch jetzt noch einige, dass es irgendwann weitergeht“, meint Vitus, als sie die Stadt hinter sich lassen und die freie Ebene erreichen. Immer wieder fahren sie über Schlaglöcher, niemand kümmert sich noch um die Straßen außerhalb der Wohngebiete.
„Was meinst du?“
„Na alles, was wir aufgegeben haben. Unsere Arbeit, die Regierung, das Leben.“
„Immer für eine Aufmunterung gut.“ Sie klopft ihm auf den Oberschenkel. „Wenigstens hast du noch etwas zu tun und wartest nicht nur auf das Ende.“
Carolin blickt aus dem Seitenfenster. Am Horizont sind die Gebäude und Gewächshäuser des Produktionsbereichs zu sehen. Ausnahmsweise Bauten mit geraden Wänden, funktional und steril. Aus der Ferne wirken die Roboter, die weiterhin genügend Nahrung und sauberes Wasser sicherstellen, wie fleißige Insekten.
Sie erreichen den Zugang zum Tunnelsystem, ein kleines Gebäude mitten im Niemandsland. Carolin und Vitus steigen aus, Es ist fast windstill, sie beeilen sich, aus der brennenden Sonne zu kommen.
Die Eingangstür gleitet zur Seite und schließt wieder, nachdem sie drinnen sind. Im Innenraum befinden sich außer dem Aufzug zwei Automaten an der hinteren Wand. Einer mit Getränken, der andere mit versiegelten Lebensmitteln.
„Darf ich dir etwas anbieten?“, fragt Vitus.
„Aber gerne!“ Carolin lacht kurz. „Ein Wasser reicht mir als Proviant.“
„Kommt sofort!“
Er zieht eine Flasche, während sie zum Aufzug geht und den Rufknopf betätigt. Weit unter ihnen setzt sich die Kabine in Bewegung. Es dauert eine Weile, bis sie oben ankommt und die metallene Tür nach außen aufschwingt.
„Huch!“, ruft Carolin und macht einen Satz nach hinten. „Hatte vergessen, wie gemein diese Tür ist.“
„Ich auch, sorry. Alles okay?“
„Klar.“
Sie betreten den Aufzug und fahren in die Tiefe.
Die Kabine vibriert und klappert. Carolin hält sich an Vitus Ellbogen fest, bis sie unten ankommen. Die Tür geht auf, kühle Luft weht herein. Vor ihnen erstreckt sich eine weitläufige Felskammer. Am Boden sind in regelmäßigen Abständen halbkreisförmige Lampen montiert, die nacheinander aufflackern. Nicht alle funktionieren, aber sie spenden ausreichend Licht.
Vom entfernten Ende der Kammer hören sie das Rauschen des unterirdischen Flusses. Aufmerksam gehen sie über den unebenen Grund, vorbei an Stalagmiten und Gesteinsbrocken, die sich von der Decke gelöst haben. Am Wasser angekommen kniet Carolin sich hin und hält eine Hand hinein, genießt dabei die kühle Luft um sich herum. Auch unter der Oberfläche sind Leuchtmittel angebracht und lassen die Umgebung schimmern.
„Niemand hat das Geheimnis je gelöst, oder?“, überlegt sie.
„Des Wassers? Nein, glaube nicht.“
„In welchen unbekannten Tiefen hat es seinen Ursprung? Auf eurem Zielplaneten gibt es mehr als genug.“
„Ja, dort bedeckt es weite Teile der Oberfläche. Sollen wir zum See?“
„Klar!“, antwortet Carolin und steht auf.
Sie folgen dem Fluss stromabwärts, verlassen die Felskammer und betreten einen Stollen. Auch hier sind genügend Lampen, angebracht auf dem Pfad neben dem Wasser. Nach einigen Metern macht er eine Kurve nach links und führt sie in eine weitere große Kammer, in deren Mitte sich der See befindet. Nachdem sie zum Ufer gegangen sind, ziehen sie Schuhe und Socken aus.
„Wie in alten Zeiten“, meint Carolin, setzt sich und lässt die Füße ins Wasser baumeln.
Vitus nimmt neben ihr Platz, öffnet den Verschluss der Wasserflasche und reicht sie ihr.
„Danke!“ Sie trinkt einige Schlucke und gibt ihm das Getränk zurück. „Vielleicht sollten wir wieder öfters was unternehmen?“
Vitus betrachtet die ruhige Oberfläche des Sees. „Sollten wir wohl, solange wir noch Zeit haben. So viel hat aufgehört, nachdem die Entscheidung von allen Parteien akzeptiert wurde. Keine weiteren Kinder, wir sind die letzte Generation.“
„Ob sich alle daran gehalten haben?“
„Weiß nicht, mir sind zumindest seit langem keine mehr über den Weg gelaufen.“
„Was sollten sie auch noch hier, in der Hitze und dem Staub?“
Sie schweigen eine Weile.
„Wir hätten wie früher unsere Schwimmsachen mitnehmen sollen“, meint Vitus.
„Ach, die brauchen wir nicht.“ Carolin lässt sich nach vorne ins Wasser gleiten.
Vitus lacht. „Ich hätte es wissen sollen!“
„Komm rein, Wasser ist gut für alte Knochen.“ Auf dem Rücken schwimmt sie zur Mitte des Sees.
Vitus steht auf, geht in die Knie und macht vorsichtig einen Kopfsprung.
„Nicht schlecht!“, ruft Carolin, nachdem er aufgetaucht ist und zu ihr schwimmt.
„Spätestens morgen früh werde ich wissen, ob das eine gute Idee war.“
Sie kommt nah an ihn heran, streicht sich die schulterlangen, grauen Haare zurück und betrachtet ihn einige Sekunden. „Wir kennen uns eine Ewigkeit. Warum waren wir nie ein Paar?“
„Weiß nicht.“
Er zuckt mit den Schultern. „Du warst verheiratet, ich war verheiratet. Auch jetzt noch trägst du deinen Ehering.“
„Ja“, antwortet sie nachdenklich. „Vieles ist vergangen, aber noch immer so präsent.“
„Geht mir nicht anders, die Vergangenheit lebt in unseren Gedanken weiter.“
Für einige Sekunden halten sie den Blickkontakt, dann deutet Vitus zum Ausgang.
„Möchtest du gleich mit zur Halle? Unser Wunderwerk der Technik bestaunen?“
„Klar, warum nicht?“
In der sengenden Mittagshitze erreichen sie die Montagehalle. Fast dreißig Meter ragt das ovale Gebäude in die Höhe. Die steinerne, gebogene Fassade glitzert in der Sonne. Durch das geöffnete Eingangstor fahren sie in den dahinterliegenden Parkbereich. Drei weitere Wagen stehen dort.
„Bereit?“, fragt Vitus.
„Denke schon.“
Carolin steigt aus und folgt Vitus zu der Wand, hinter der sich der Konstruktionsbereich befindet. Er drückt eine Handfläche an eine schwarze Scanfläche, wonach die Tür daneben zur Seite gleitet und sie die riesige Halle betreten können.
„Nicht schlecht!“, ruft Carolin, als sie die silbern glänzende Rakete erblickt. Mehrere Ingenieure arbeiten daran. „Wie habt ihr das denn geschafft?“
„Hat zum Glück nicht mehr viel gefehlt, als wir mit den Arbeiten begonnen haben. Die meisten Projekte wurden nach der Entscheidung zur letzten Generation eingestellt, auch dieses. Aber es fehlte nicht mehr viel, wir mussten hauptsächlich noch die verschiedenen Komponenten verbinden und Einzelteile ergänzen. Jetzt testen wir alles immer wieder durch.“
Sie geht näher an das Flugobjekt heran und blickt nach oben. Die Spitze endet wenige Meter unter der Decke. „Wo wird sie gestartet?“
„Genau hier. Das Gebäude kann auseinandergeklappt werden.“
„Schon klar! Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Wird sie ihren Zweck erfüllen?“
„Wir werden es leider nicht mehr erleben, aber warum nicht?“, antwortet Vitus. „Wir schicken die Grundbausteine des uns bekannten Lebens zu einer vitalen Welt und hoffen, dass es sich dort entwickelt. Ich mach mich mal an die Arbeit, bleibst du noch etwas?“
„Nein, ich störe euch hier nur, werde mal zurückfahren und nach Benita sehen.“
„Okay, dann fahre ich mit den anderen zurück. Bis dann.“ Er streicht ihr kurz über den Rücken.
„Bis dann. Pass auf dich auf.“
***
Die Tür gleitet zur Seite, kurz nachdem Carolin geklingelt hat. Sie betritt Benitas Wohnung, aber ihre Freundin ist nicht zu sehen. Vom Ende des Flurs dringt leise, instrumentale Musik.
Carolin geht über den weichen Teppich, vorbei an staubbedeckten Kommoden, und betritt das Wohnzimmer.
Benita sitzt vor einem Fenster, die angewinkelten Knie mit den Armen umschlungen. Hinter der vom Boden bis zur Decke reichenden Scheibe ist kaum etwas zu erkennen, der aufgekommene Sturm wirbeltden Sand durch die Luft. Auch hier ist alles verstaubt. Die Couch, der flache Tisch davor, die darauf stehende, kleine Musikanlage.
„Alles in Ordnung?“, fragt Carolin.
Erst nach einer Weile reagiert Benita. „Nur noch der Sand. Existiert die Welt noch?“, flüstert sie und summt mit den ruhigen Klängen der Musik.
„Klar, es ist nur der Wind und -“
„Nein! Es gibt nichts mehr! Wofür existieren wir noch?“ Sie wiegt sich vor und zurück.
Carolin schweigt. Sie weiß spontan keine Antwort und betrachtete die holografischen Bilder, die vor einer der Wände projiziert sind. Auf einem sind sie und Benita zu sehen. Sie hatten vor langer Zeit eine Motorradtour zu einem Canyon gemacht. Wie alt waren sie damals, knapp über zwanzig? Eine Erinnerung wie aus einem anderen Leben. Die meisten der weiteren Hologramme zeigen Benita und ihre Familie. Auf den meisten lachen sie.
„Such dir wieder eine Aufgabe, etwas, das dir Spaß macht“, sagt Carolin schließlich, geht zu ihrer Freundin und setzt sich neben sie.
Mit glasigem Blick sieht Benita hinaus. „Das versuche ich seit Jahren. Jedes Mal endet es hier vor diesem Fenster. Ich finde noch nicht mal mehr die Kraft zum Nachdenken.“
„Wir könnten wieder mehr Zeit miteinander verbringen?“
„Weißt du, warum ich mein Leben noch nicht beendet habe?“, fährt Benita fort, als hätte sie ihre Freundin nicht gehört.
Carolin rückt näher und legt einen Arm um sie.
„Weil ich mir nicht eingestehen möchte, dass die letzten Jahre sinnlos waren. Durchzuhalten in der Hoffnung, noch mal bessere Zeiten zu erleben. Aber es ändert nichts, ich sitze hier wie eine seelenlose Puppe, Tag für Tag.“ Sie blickt Carolin an. „Hilfst du mir? Hast du noch Zugang zu Medikamenten?“
Tränen schimmern in Carolins Augen. „Bitte mich nicht darum.“
„Tut mir leid. Ich habe sonst niemanden.“
„Ja, habe ich.“
„Denkst du drüber nach?“
Carolin nickt.
„Danke.“
Benita streicht sich die weißen Haare zurück und lehnt den Kopf an die Schulter ihrer Freundin.
„Ich möchte dir etwas zeigen, wenn es dunkel ist. Wäre das in Ordnung?“, fragt Carolin nach einer Weile.
„Ist es weit weg?“
„Vielleicht eine halbe Stunde, aber du musst ja erst mal nur mit runter zu den Fahrzeugen.“
„Okay“, antwortet Benita und beginnt wieder zu summen.
Kurz vor Mitternacht erreichen Carolin und Benita das Observatorium, das etwa eine Autostunde von der Stadt entfernt auf einem Hügel errichtet wurde. Als sie hineingehen, geht eine gedimmte Beleuchtung an.
„Ich war oft hier, als Kind“, sagt Benita und geht auf zittrigen Beinen zum Teleskop.
Carolin blickt sich in dem kuppelförmigen Raum um, den auch sie lange nicht mehr betreten hat. Die dunkelblauen Wände sind mit Sternenkarten bemalt. „Mein Mann ist mit mir regelmäßig hierhin gefahren. Er hatte immer die Vorstellung, dass die Menschen irgendwann zu anderen Welten reisen können.“
„Vielleicht wird es irgendwann möglich, aber … wohl nicht mehr für uns.“
Das holografische Display neben dem Fernglas listet mehrere Koordinaten auf. Eine davon ist umrandet. Carolin hat vermutet, dass es bereits auf diesen Planeten ausgerichtet ist. Sie beugt sich nach vorne und blickt durch das Okular.
„Er sieht aus wie das Paradies!“, sagt sie und lächelt. „So viel Wasser und grüne Flächen. Sieh ihn dir an!“
Benita sieht ebenfalls hindurch, aber schon nach wenigen Sekunden geht sie zu einer Bank am Rand der Sternwarte. „Ich möchte das hier nicht mehr, diesen krampfhaften Versuch, noch an ein weiteres Leben zu glauben.“
„Benita, wir können doch -“
„Nein“, unterbricht sie. „Das hier ist ein guter letzter Ort. Hast du etwas für mich?“
Carolin zögert, sucht nach weiteren Worten. Dann nimmt sie etwas aus ihrer Umhängetasche, eine Packung mit Tabletten und eine kleine Flasche Wasser.
„Gib es mir einfach, bitte. Keine Abschiedsszene.“ Benita streckt ihre zitternden Hände aus.
„In Ordnung.“ Carolin reicht ihr die Sachen. „In einem anderen Leben machen wir wieder eine Welt auf Motorrädern unsicher.“
„Aber sicher!“, antwortet Benita und schließt die Augen, während Carolin den Raum verlässt.
Vitus hat das Grab fast zugeschaufelt, nicht weit vom Observatorium entfernt.
„Warte“, sagt Carolin und zieht ihren Hochzeitsring vom Finger.
„Bist du sicher?“, fragt er. Sein Atem kondensiert in der kühlen Morgenluft.
Sie antwortet nicht, gibt stattdessen dem Ring einen Kuss und legt ihn auf die rötliche Erde.
Nach einigen Minuten ist Vitus fertig. Er legt die Schaufel hin und setzt sich schnell atmend.
Carolin kommt neben ihn. „Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen. Sie ist noch mehr vereinsamt als die meisten von uns.“
Vitus legt einen Arm um ihre Schulter. „Mach dir keine Vorwürfe, niemand war mehr für sie da als du.“
Einige Minuten sitzen sie schweigend nebeneinander.
„In sechs Tagen ist es so weit“, sagt Vitus schließlich.
„Der Start?“
Er nickt. „Bis dahin prüfen wir alles immer wieder durch. Bin mir manchmal nicht sicher, ob ich Fehler überhaupt noch bemerke.“
Sie blickt zum orangefarbenen, fast wolkenlosen Himmel. „Vielleicht entsteht neues Leben und irgendwann blicken andere Lebewesen hierhin.“
„Wer weiß. Nur wird dann hier niemand mehr sein.“
***
Weitere Fahrzeuge erreichen das staubige Gelände rund um die Montagehalle. Wie eine Knospe wurde das ovale Gebäude geöffnet, die vier Teile der Außenwand sind im 45-Grad-Winkel geneigt. Daraus hervor ragt die Rakete, ihre silberne Oberfläche reflektiert das Licht der Morgensonne. Im sicheren Abstand bilden die Zuschauer einen Kreis um die Abflugstelle.
„Hätte nicht gedacht, dass noch so viele da sind.“ Carolin betrachtet die hauptsächlich fremden Menschen. „Viele müssen aus anderen Siedlungen hierhin gekommen sein.“
„Wahrscheinlich das letzte große Ereignis unserer Zivilisation, hat sich wohl rumgesprochen“, meint Vitus.
Als nach einer Weile die Triebwerke zünden, nimmt Carolin
