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Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2016
Senthuran Varatharajah
Roman
Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch bei Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Der Autor dankt der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, der Akademie der Künste, dem Literarischen Colloquium Berlin sowie dem Berliner Senat.
Covergestaltung: Hauser Lacours
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403494-2
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Widmung/Motto
Unterhaltung heute gestartet
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Für Vlerë, zögerlich
»Woher bist du?« Jesus aber gab ihm keine Antwort.
Johannes 19:9
Senthil Vasuthevan 03:24
dein profil erschien gerade am rand, gelistet unter den personen, die ich vielleicht kenne. du kamst mir vertraut vor.
du scheinst auch in marburg studiert zu haben.
vielleicht sind wir uns dort begegnet.
Senthil Vasuthevan 03:25
vielleicht könnten wir uns dort begegnet sein.
Senthil Vasuthevan 03:27
kannst du dich erinnern?
Valmira Surroi 10:46
Ich erinnere mich nicht.
Valmira Surroi 12:58
Ich stehe am Rudolphsplatz und versuche mich zu erinnern, aber ich erinnere mich nicht an Dich.
Valmira Surroi 16:03
Vielleicht haben wir uns in einem Seminar gesehen, vielleicht im Trauma oder im Roten Stern.
Senthil Vasuthevan 16:56
im ersten semester bin ich oft im roten stern gewesen, beinahe täglich. nach einigen monaten, es könnte bereits mitte des semesters gewesen sein, fragte mich die buchhändlerin, nachdem ich die bücher auf den tresen gelegt hatte und sie sie zu scannen anfing, woher ich komme und ob ich mich hier oder in meinem heimatland wohler fühlen würde.
Senthil Vasuthevan 16:57
seitdem war ich nicht mehr dort.
Valmira Surroi 17:41
Anfang des Jahres, von März bis April habe ich ein Praktikum in einer kleinen Galerie in Mitte absolviert.
Valmira Surroi 17:41
Wir könnten uns auch in Berlin begegnet sein.
Senthil Vasuthevan 17:58
ich war von ende februar bis anfang mai in new york.
Senthil Vasuthevan 18:00
wir hätten uns hier nicht gesehen haben können.
Valmira Surroi 18:40
Mein Onkel und seine Familie wohnen in Boston, und letztes Jahr habe ich sie besucht. Ich fuhr mit meiner Cousine nach New York, wo wir uns ein Appartement in Williamsburg gemietet hatten. Es lag in der Metropolitan Avenue, die die Bedford Avenue und Berry Street kreuzt, in der Nähe des Nitehawk Cinemas und nicht weit von der Williamsburg Bridge entfernt, vielleicht bist Du auch schon einmal hier gewesen. Ich erinnere mich daran, dass ihre Arme und Beine angewinkelt waren und dass sie leicht nach vorne gebeugt liefen. Ihre Köpfe lagen auf gleicher Höhe und mit einigen Zentimetern Abstand von ihren Körpern getrennt, und ein Passant befand sich in Laufrichtung, der andere in der entgegengesetzten. Sie waren an mehreren Stellen auf den Fußgängerweg gemalt worden, ich glaube sechs- oder siebenmal, und vielleicht hast Du sie und den Satz gesehen, der auf der Mitte der Brücke mit einer Schablone zwischen ihre Köpfe gesprüht worden war. Ich weiß nicht, warum ich Dir das erzähle. Aber ich erzähle es Dir.
Valmira Surroi 18:48
Ich bin über sie gelaufen. Früher, als ich noch ein Kind gewesen war, hatte ich gedacht, dass Atemwolken im Winter wie Sprechblasen aussehen würden, aber hier gab es keine, keiner hatte sie darumgemalt, und ich hatte gedacht, sie würden das, was in ihnen steht, schützen. Es wurde Abend. Es wurde Abend und die Passanten könnten den Satz zueinander oder nur zu sich selbst gesagt haben. Wir kamen aus Brooklyn und es sah aus, als würde einer mit dem anderen sprechen, während er über Kopf lag und ihm zuhörte, aber vielleicht könnte es auch anders gewesen sein, vielleicht sagt einer diesen Satz, oder beide sagen ihn gleichzeitig, nur aus verschiedenen Richtungen sprechend und in unterschiedlich gewendeten Wörtern. Als wir aus Manhattan kamen, sprachen beide in den auf den Kopf stehenden Buchstaben, nacheinander oder gleichzeitig, zueinander oder nur zu sich selbst: we will be ephemeral. Wir hatten bereits Alphabet City erreicht und saßen auf einer Bank im Tompkins Square Park, als meine Cousine mir auf ihrem Handy die Bilder und auch das von ihnen zeigte, und ich sah, dass auf der Brücke nicht stand, dass wir flüchtig sind, sondern dass wir flüchtig sein werden.
Deine letzten Nachrichten erinnerten mich an diesen Satz.
Valmira Surroi 18:50
Wir werden flüchtig sein – diese Worte fielen mir ein, während ich sie las.
Valmira Surroi 18:54
In einer Woche fahre ich mit meiner Familie nach Prishtina.
Auch meine Cousine wird dort sein.
Valmira Surroi 19:05
Kennst Du Paulina Friedrichs?
Sie hat auch Philosophie hier studiert.
Senthil Vasuthevan 19:08
paulina und ein freund haben vor einigen jahren ein referat zusammen gehalten.
Senthil Vasuthevan 19:10
sie wohnte mit yaosi zusammen, unserer einzigen gemeinsamen freundin hier auf facebook, wie ich sehe.
Senthil Vasuthevan 19:14
sie könnten auch aneinander vorbeisprechen, obwohl, das, was sie sagen, an den anderen gerichtet war.
sie könnten aneinander vorbeisprechen, weil es an ihn gerichtet war.
sie könnten gleichzeitig sprechen.
Senthil Vasuthevan 19:17
aber vielleicht stand dieser satz auch vor ihnen bereits dort, an dieser stelle, und beide passanten versammelten sich um ihn, aus verschiedenen richtungen kommend und ohne ein weiteres wort zu sagen.
Valmira Surroi 19:20
Yaosi hat mit mir vor einigen Jahren eine Vorlesung besucht.
Senthil Vasuthevan 19:24
das letzte mal haben wir kurz vor meinem umzug miteinander gesprochen, als wir uns zufällig vor dem neunzehnhundert über den weg gelaufen sind.
Valmira Surroi 19:28
Ich habe ein Semester lang im 1900 gekellnert.
Valmira Surroi 19:31
Im Sommer standen die Fenster offen, und manchmal, wenn nur wenige Gäste innen saßen, konnten wir von der Bar aus die Gespräche hören, die die Passanten auf der Barfüßerstraße miteinander geführt hatten.
Senthil Vasuthevan 19:48
ein freund hat in demselben gebäude gewohnt, in dem sich das neunzehnhundert damals befand und sich vermutlich auch heute noch befindet. abends, nach den veranstaltungen, gingen wir zu ihm, um mario kart und james bond – the world is not enough auf seinem nintendo vierundsechzig zu spielen, bis in den frühen morgen. keine geräusche, keine verständlichen geräusche aus dem neunzehnhundert waren in dem niedrigen zimmer, das von dunklen stützbalken ungleichmäßig geteilt wurde, zu hören, nur das murmeln, das von der barfüßerstraße aus das fenster erreichte und das gespräche einmal gewesen sein könnten, die sich verständlicher dir vielleicht zeigten; vielleicht habe ich dich im vorbeigehen gesehen. ich habe nur wenige minuten entfernt gewohnt, in der universitätsstraße achtundzwanzig, an der bushaltestelle philippshaus; das haspelgäßchen verbindet sie steil mit dem barfüßertor. als ich, nachts, es könnte drei oder vier uhr morgens gewesen sein, nach hause laufen wollte, habe ich von den stufen aus das feuchte kopfsteinpflaster gesehen, im umkreis schwächerer beleuchtung. unter dem orangefarbenen licht der straßenlaterne, die in der biegung des haspelgäßchens stand und vermutlich auch heute noch steht, betrachtete ich durch gerissene jeans das blut aufgeschürfter knie, das schwarz war und nicht glänzte.
Senthil Vasuthevan 19:50
kennst du hüseyin bayrak?
er war tutor an eurem institut.
Senthil Vasuthevan 19:52
du müsstest ihn hier in meiner freundesliste finden, unter einem anderen namen, sollte er seinen account nicht wieder gelöscht haben.
Senthil Vasuthevan 19:52
auf deiner seite steht, dass du kunstgeschichte und kulturwissenschaften studierst oder studiert hast.
Valmira Surroi 20:11
Ich erinnere mich an ihn. In der WG eines gemeinsamen Freundes stand ein Beamer, und manchmal haben er und seine Mitbewohner Freunde eingeladen. Ich glaube, wir hatten den letzten Teil von The Godfather gesehen, und später auf dem Balkon erzählte er mir von der Dokumentation, die er mit seiner Schwester nach seinem Abschluss drehen wollte, ich glaube, über ein türkisches Gesetz aus den zwanziger oder dreißiger Jahren.
Valmira Surroi 20:13
Er hatte eine kleine Narbe, die über seine linke Schläfe verlief.
Sie war kaum sichtbar, und sie sah aus wie ein Schnitt.
Senthil Vasuthevan 20:19
hüseyin ist auch promotionsstipendiat derselben stiftung.
Senthil Vasuthevan 20:19
ich wusste nicht, dass er mittlerweile auch hier lebt.
seine doktorarbeit untersucht das türkische familiennamensgesetz aus dem jahr neunzehnhundertdreiundvierzig, über das er immer noch eine dokumentation drehen will, die, von der er auch dir erzählt hat.
Senthil Vasuthevan 20:20
vorgestern haben wir mit freunden zusammen den neuen film von nicolas winding refn gesehen.
Valmira Surroi 20:21
Ich wusste nicht, dass Only God Forgives bereits im Kino läuft.
Senthil Vasuthevan 20:21
er wird übernächsten donnerstag erst anlaufen.
Valmira Surroi 20:21
Hast du The Believer gesehen, auch mit Ryan Gosling?
Senthil Vasuthevan 20:21
wir haben ihn im internet gefunden.
Valmira Surroi 20:22
Ich kann mich an den deutschen Titel nicht mehr erinnern.
Valmira Surroi 20:23
Als ich heute den Bus nach Hause genommen habe, müsste ich an Deiner alten Wohnung vorbeigefahren sein.
Ich bin nie im Haspelgäßchen gewesen.
Senthil Vasuthevan 20:24
wo wohnst du?
wo hast du in berlin gewohnt?
hüseyin hat mir the believer vor einiger zeit empfohlen.
Senthil Vasuthevan 20:25
ich wollte ihn in den kommenden tagen anschauen.
Valmira Surroi 20:30
Seit dem ersten Semester lebe ich in der Frankfurter Straße, im Südviertel.
Valmira Surroi 20:35
In Berlin hatte ich über einen Freund eine Wohnung in der Nähe des Winterfeldtplatzes gefunden. Im Gebäude nebenan befand sich ein koreanisches Restaurant, das Ixthys hieß, vielleicht kennst Du es. Abends, wenn ich nach Hause kam, habe ich Bulgogi oder Bibimbap zum Mitnehmen bestellt, und ich setzte mich an den Tisch direkt am Fenster und wartete. Es war warm. Es war warm und während ich dort saß, habe ich die Bibelverse gelesen, die an den Wänden standen und die mit roten, schwarzen und grünen Filzstiften in einer gleichmäßigen Handschrift auf Stoffbahnen geschrieben worden waren, und erst kurz nach meiner Abreise verstand ich, warum.
Valmira Surroi 20:43
Ich habe sie wiedererkannt.
Valmira Surroi 20:51
Manche Wörter darauf standen in Großbuchstaben, und einige Sätze schienen mit einem Lineal unterstrichen worden zu sein, so gerade waren die Linien.
Senthil Vasuthevan 21:08
von der brooklyn bridge aus kann man ein mehrstöckiges gebäude sehen, auf dessem dach in schwarzen großbuchstaben watchtower steht.
Senthil Vasuthevan 21:10
sie haben mich wiedererkannt.
Senthil Vasuthevan 21:10
wie lange wirst du in prishtina bleiben?
Valmira Surroi 21:17
Ende September werde ich wieder zurück sein.
Valmira Surroi 21:17
Die letzten beiden Woche verbringe ich mit Freunden im Süden Kosovos, in Prizren, in der Stadt, in der mein Vater geboren wurde und auch aufgewachsen ist.
Valmira Surroi 21:21
Wann bist Du das letzte Mal hier gewesen?
Senthil Vasuthevan 21:53
ein jahr nach meinem umzug habe ich eine freundin in marburg besucht. am abend vor meiner abreise liefen wir zufällig an dem haus vorbei, in dem ich fast drei jahre lang gewohnt hatte. ich stand auf der gegenüberliegenden seite, auf dem nach innen gewölbten bürgersteig, der an der haltestelle der form einer einbuchtung folgt, den maßen der busse entsprechend. die gardinen am eckfenster im zweiten stock waren zugezogen, und aus dem spalt, den sie ließen, konnten wir einen streifen, eine linie feinen lichts sehen, so wie auch mich passanten damals dort hätten sehen können und damals dort gesehen haben. wir überquerten die straße, über die keine fahrzeuge fuhren, und wir standen vor der tür und dem karierten glas, das unter einer vergitterung lag. ich berührte die klingel neben dem namensschild, ein stück papier, mundbreit und eingelassen in eine schwarze umrahmung, auf dem, unter keinem stück kunststoff, die nachnamen meiner früheren mitbewohner neben zwei unbekannten standen, ich habe die schrift nicht wiedererkannt, ich legte meinen zeigefinger auf die klingel, die grau war von berührungen, ich legte ihn auf den schmutz, den finger hinterlassen hatten; ich legte ihn darauf.
Senthil Vasuthevan 21:53
ich hatte nicht vor zu klingeln.
Valmira Surroi 22:09
Heute Nachmittag brachte mir eine Freundin zwei Bücher vorbei, darunter auch eines, das ich in einem Antiquariat in Schöneberg gefunden habe. In der Nationalbibliothek in Prishtina will ich mit meiner Masterarbeit beginnen, und hier werde ich es lesen. Sie wurde fast vollständig von einer Stahlvergitterung bedeckt, die einem Fischernetz nachempfunden war und mich anfangs, als ich das erste Mal zusammen mit meinem Vater einen der Lesesäle betrat, an ein Baugerüst erinnerte, das aus aneinandergereihten und übereinandergelegten Xen und Ys bestand, ich konnte sie nicht auseinanderhalten. Aus dem Fenster habe ich die Kathedrale gesehen, die etwas abseits der Bibliothek stand und die auch diesmal nicht fertiggestellt sein wird. Mein Vater stand neben mir, und er zeigte auf die Wohnhäuser mit den Satellitenschüsseln auf den Dächern, die wir in einiger Entfernung durch die Stahlmaschen sehen konnten. Er bewegte seine Hand von links nach rechts, und er sagte, dass er früher, wenn er hier lange gesessen hatte, manchmal geglaubt habe, dass es diese Gebäude seien, die unter der Vergitterung lagen, und nicht wir. Vor dem Rohbau senkte er den Arm.
Valmira Surroi 22:15
Während ihres Studiums haben meine Eltern sich in dieser Bibliothek auf ihre Prüfungen vorbereitet. Die weißen Glaskuppeln auf ihrem Dach erinnerten mich an eine Moschee und an die Qeleshe, die traditionelle Kopfbedeckung albanischer Männer, die auch mein Großvater auf dem Bild trägt, das vor mir hier auf dem Schreibtisch steht. Mein Vater war leise. Mein Vater war leise, und als ich das letzte Mal hier war, hatte ich mich an einen zufälligen Platz gesetzt und mit meinen Fingern fuhr ich die Maserung auf dem dunklen Holz nach, auf meine Hände fiel trübes Licht. Ich fragte mich, ob meine Eltern vielleicht auch auf diesem Stuhl gesessen und ihre Aufzeichnungen neben aufgeschlagenen Büchern in einen Notizblock geschrieben haben könnten, ich fragte mich, ob sie manchmal auch mit ihren Fingern diese Maserung nachgefahren waren, obwohl ich wusste, dass dieser Stuhl und dieser Tisch nicht dieselben waren wie damals.
Valmira Surroi 22:21
Ich weiß es auch.
Valmira Surroi 22:23
Ich weiß nicht, warum ich Dir das erzähle.
Senthil Vasuthevan 22:37
vor einigen tagen fand ich unter einem stapel notizblöcke eine karte, eine ansichtskarte, ihre unerwartete beschaffenheit. ich konnte die schrift, mit der sie beschrieben worden war, immer noch nicht lesen; ich konnte die landschaft auf ihrer rückseite, das aufgefaltete, das gespaltete gestein, keiner region zuordnen; risse, weißen zweigen nicht unähnlich, durchlaufen das bild, bruchstellenerhebungen, von rechts nach links und unten nach oben. ich strich über sie. regen schien die sätze verwischt zu haben. kein zeichen der versprochenen erlösung war zu entdecken. bis heute kenne ich weder inhalt noch absender dieser nachricht, bis heute weiß ich nicht, wie in diesen verschmierten zeichen der postbote einen empfänger, der ich, und eine adresse, die meine sein soll, einen empfänger, der ich, und eine adresse, die meine sein könnte, erkannt haben mag; vielleicht bin nicht ich der empfänger, vielleicht ist das nicht meine adresse gewesen.
Senthil Vasuthevan 22:38
deine letzten nachrichten erinnern mich an diese karte.
Senthil Vasuthevan 22:40
sie fiel mir ein, während ich sie las.
Valmira Surroi 22:46
Besitzt Du sie noch?
Valmira Surroi 23:00
Könnten wir uns vielleicht in der Zentralbibliothek gesehen haben?
Senthil Vasuthevan 23:08
ich bin nur einmal dort gewesen, zu einer führung am wochenende, bevor das semester begonnen hat.
Valmira Surroi 23:17
Im ersten Semester habe ich an Deinem Institut ein Seminar zu Heideggers Sein und Zeit belegt. Es wurde von nur wenigen Studenten besucht, kaum mehr als zehn waren dort, und Du gehörtest nicht zu ihnen. Ich setzte mich danach in Eure Bibliothek an den Tisch in der Nähe des Kopierers, mit Blick auf die Oberstadt und das Schloß, und bereitete mich auf die nächste Veranstaltung vor.
Senthil Vasuthevan 23:20
vielleicht habe ich dich, deinen rücken oder die spiegelung deines gesichts, vielleicht hast du mich über den kopierer gebeugt oder den papierstau, das zerknitterte papier, das vervielfachte, das sich vervielfältigende papier dort betrachtend, gesehen, flüchtig aus dem augenwinkel.
Senthil Vasuthevan 23:23
wer hat das seminar angeboten?
Valmira Surroi 23:26
Es waren zwei Doktoranden. Sie wirkten kaum älter als wir.
Valmira Surroi 23:27
Ich habe ihre Namen vergessen.
Senthil Vasuthevan 23:34
ich kann mich nicht erinnern, dass am institut in der zeit, in der ich dort studiert habe, heidegger gelehrt wurde.
Senthil Vasuthevan 23:35
seit wann wohnst du in marburg?
Valmira Surroi 23:48
Vor fünf Jahren bin ich hierhergezogen, in der letzten Woche, bevor das Wintersemester begann.
Es müsste an einem Donnerstag gewesen sein, an einem Donnerstag Mitte Oktober.
Senthil Vasuthevan 23:55
ende september zweitausendacht bin ich nach berlin gezogen.
Valmira Surroi 23:57
Wir sind uns also nie begegnet.
Senthil Vasuthevan 23:58
wir hätten uns nie begegnet sein können.
Valmira Surroi 15:01
Bist Du hier?
Senthil Vasuthevan 16:03
ich bin auf einer tagung.
Senthil Vasuthevan 16:05
in einer stunde beginnt das panel, auf dem ein freund sprechen wird.
Senthil Vasuthevan 16:40
ich hatte den raum nicht gefunden und kam zu spät zur einführungsveranstaltung für studierende des neuen masterstudiengangs. sie fand in einem kleinen hörsaal im hauptgebäude statt; die sitzreihen waren aufsteigend angeordnet und in zwei flügel geteilt. er saß direkt an der tür, ich setzte mich neben ihn. wir nickten einander zu, ohne ein wort zu sagen. in der woche darauf wurden wir in einem seminar derselben referatsgruppe zugeteilt und wir fingen an, uns regelmäßig um ein uhr nachts zum training im mcfit an der seestraße zu verabreden, ruhige hallen, in orangefarbenem licht. er hatte philosophie in paris studiert und war als erasmusstudent nach berlin gekommen; vor dem ende seines auslandsaufenthaltes beschloss er, hierzubleiben, und er blieb. ich habe in dieser zeit noch im wedding gewohnt, in der reinickendorfer straße, in der nähe des verwaltungs- und laborgebäudes von bayer, er wohnte nur eine station entfernt. am leopoldplatz trafen wir uns an anderen tagen mitten in der nacht oder am frühen morgen spontan bei baba sultan, einem restaurant, das einem imbiss ähnelt und das wir noch heute sultan baba nennen, ohne erkennbaren grund. wir bestellten immer die gleichen gerichte, er mercimek, ich kelle paca, dazu aßen wir lahmacun und tranken frischen ayran und, bevor wir gingen, ein glas cay, er mit zwei würfeln zucker, ich ohne. wenn er läuft, hat er die angewohnheit, den blick auf den boden, auf den asphalt zu richten; ich aber würde immer nur den himmel, den leergeräumten himmel anschauen. es lag eine mischung aus unverständnis und ungläubigkeit in seiner stimme, als er das in den ersten monaten wiederholt sagte, eher zu sich selbst als zu mir, aber vielleicht war es beides, unverständnis und ungläubigkeit, das eine und das andere, das eine im anderen, vielleicht auch weder dies noch jenes; er hat es lange nicht mehr gesagt. wir haben am institut für theologie zwei semester lang einen altgriechischkurs belegt.
Senthil Vasuthevan 16:55
anfang des jahres, im januar, als ich noch nicht abgereist und auch noch nicht nach kreuzberg gezogen, wieder gezogen war, saßen wir am abend vor der einsendefrist des call for papers am tisch, an dem wir immer saßen, im raucherbereich, obwohl keiner von uns beiden mehr raucht. es ist der einzige platz an einem fenster, das nicht dem hinterhof zugewandt ist und von jalousien verschlossen wird, sondern die luxemburger straße zeigt, passanten und die risse auf den wölbungen des belags, auf die bewegtes licht von leuchtreklamen fiel; das fenster war undicht. er gab mir die letzte fassung des abstracts auf seinem ipad zu lesen und nannte eine reihe von titeln, fünf oder zehn, auf einem gelben notizzettel mit rotem fineliner geschrieben, die er in die engere auswahl für den vortrag genommen hatte, darunter auch ein zitat, das auf den aufzeichnungen eines gesprächs zwischen wittgenstein und dem wiener kreis beruht und zu dem ich ihm riet, ohne zögern: und trotzdem rennen wir gegen die grenzen der sprache an.
Senthil Vasuthevan 16:57
niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.
Senthil Vasuthevan 16:59
ich werde dir schreiben, sobald ich wieder zurück bin.
Valmira Surroi 08:50
In einer Stunde beginnt mein letztes Seminar.
Die Biographie des Asyls – Das Asyl der Biographie
Valmira Surroi 09:00
Wir werden ein Gespräch mit einem ehemaligen Flüchtling führen, so steht es im Vorlesungsverzeichnis.
Valmira Surroi 09:13
Im Asylbewerberheim wurden jeden Montag gelbe Nahrungsmittelpakete verteilt. Als ich noch nicht die Schule besuchen durfte, holte ich sie morgens mit meinem Vater in der Gemeinschaftsküche ab, wo sie auf dem Fußboden übereinandergestapelt lagen, wie eine Pyramide. Die Tischdecke war blau mit weißen Punkten darauf, und ich erinnere mich daran, dass ich dachte, sie würde wie ein Kleid aussehen, das eine meiner Tanten besessen hatte, damals, in Prishtina. Wir warteten. Wir warteten im Eingangsbereich, ohne ein Wort zu sagen. Unser Zimmer lag im zweiten Stock neben einem vergitterten Fenster. Wir waren noch nicht lange hier in Deutschland. Auf der Rückseite des Kartons schrieb ich meinen Namen. Auch die Farbe des Filzstifts war gelb.
Senthil Vasuthevan 09:27
im asyllandheim begannen zeugen jehovas uns zu besuchen, geistige speise in der ballung einer ausgestreckten hand. fünfzehn jahre sollten wir in ihrer mitte bleiben, in der wahrheit aufwachsen, wie es in ihrer sprache hieß. sie wussten, dass asylbewerber auf jemanden angewiesen waren, der sie zur ausländerbehörde begleiten und ihre anträge übersetzen und ausfüllen konnte, auf jemanden, der weder schrie noch schwieg.
Senthil Vasuthevan 09:32
mein vater fing an, seine zeit mit einer schwester zu verbringen, die, von einem bruder aus der örtlichen versammlung begleitet, den wachtturm und erwachet, geistige speise, wie schwester katharina sagte, jeden samstag in verschiedenen sprachen im asyllandheim verteilte. sie zeigte ihm aufgeschlagene seiten, durch einen rahmen und durch geteilte räume gereicht, glattes papier, mit zeichen bedruckt, die er monate zuvor bereits verlassen zu haben glaubte und die wiederkehrten, angekündigt von entschlossenem klopfen, an dieser tür. die wände waren dünn und mit filzstiften beschmiert. ich erinnere mich.
Senthil Vasuthevan 09:45
und sie legte ihm ein buch in die ungeduld seiner hände. schwarz, fast matt war der ledereinband, eine wortreihe darauf, körnig die gegerbte haut, in die eine vorhersage und ein versprechen, die neue welt übersetzung der heiligen schrift, auf tamil eingestanzt war, eine prägung, die finger nachfuhren, allmählich; die schnittfläche war rot. zweimal wöchentlich, mittwochs und freitags, las er unter schwester katharinas anleitung die bibel, zunächst in der englischen übersetzung und auch später nicht auf deutsch; das bibelstudium, wie zeugen jehovas es nannten, fand in ihrer wohnung statt. er wartete vor dem zaun abseits des eingangs auf sie. als er an einem sonntag nach dem besuch des königreichssaals den aufgewellten linoleumbelag des zimmers betrat, in dem wir untergebracht waren, sah er seine frau auf einem stuhl vor dem offenen fenster stehen, im halbschatten des rückwärtigen raumes. aus eifersucht, sagte sie jahre später, wollte sie aus dem vierten stock fallen, damals, im fünften, vielleicht auch sechsten monat schwanger. ich schenkte ihren worten keinen glauben.
Valmira Surroi 10:12
Als sie das erste Mal kamen, hatten sie eine Packung Stifte dabei, die nach Farben geordnet waren, und einen weißen Plüschhasen, an dessem rechten Ohr ein kleiner Metallknopf steckte, eine gelbe Fahne mit rotem Schriftzug daran. Seine Augen waren braun. Meine Eltern saßen mit ihnen an dem kleinen Tisch, der in unserem Zimmer direkt am Fenster stand, und sie redeten mit meiner Tante und meinem Onkel in einer Sprache, von der ich nichts wusste außer einem Namen, anglisht, so hatte meine Mutter sie früher, als wir in Prishtina lebten, einmal genannt, und sie sagte ihn zweimal. Sie begleiteten uns zur Ausländerbehörde und füllten zusammen mit meinen Eltern unsere Anträge und Formulare aus. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich genau damit anfing, sie Tante und Onkel zu nennen.
Valmira Surroi 10:14
Erst vor kurzem erzählten mir meine Eltern, dass sie damals überlegt hatten, mich zur Adoption freizugeben.
Die Entscheidung über unseren Antrag stand noch aus.
Valmira Surroi 10:14
Er ist hier.
Valmira Surroi 11:58
Ismail wollte einen Brief verschicken. Er war an seinen ältesten Bruder adressiert, der zum türkischen Militärdienst einberufen wurde. Die Gendarmerie winkte den Bus heraus und kontrollierte die Passagiere. Bevor der Gendarm ihn mit einem Taschenmesser öffnete, habe er den Umschlag wie einen Schein gegen den Himmel gehalten. Als er ihn aufschnitt, sah er ihm in die Augen, und er sagte, es würde nicht lange dauern, es sei gleich vorbei. Ismail hatte den Brief auf Türkisch geschrieben, und ein oder zwei Sätze darin sollen in seiner Muttersprache Kurmandschi gestanden haben, er ist Kurde. Während er las, stand er vor ihm, und er habe den Boden betrachtet, und er beschrieb ihn, das wenige Gras in der Erde, auf dem er wartete und das noch feucht war vom Regen. Der Gendarm nahm seine Personalien auf. Er ließ ihn wieder gehen.
Valmira Surroi 12:02
Ismail sagte, dass es still im Klassenzimmer war, als sie ihn am nächsten Morgen holen kamen.
Sie klopften nicht an.
Er habe den Stift noch in der Hand gehalten.
Valmira Surroi 12:03
Eineinhalb Jahre saß er in einem ostanatolischen Gefängnis.
Sie brachen ihm vier Finger.
Valmira Surroi 12:05
Seit zehn Jahren betreibt er einen kleinen Imbiss in Gießen.
Valmira Surroi 12:12
Er zeigte uns den Brief, den er damals von der Ausländerbehörde geschickt bekommen hatte und in dem ihm die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis mitgeteilt worden war.
Valmira Surroi 12:16
Er sagte, er bewahre ihn zur Erinnerung auf.
Valmira Surroi 13:42
Ich erinnere mich an Prishtina, an unseren ersten Besuch seit der Flucht. Wir fuhren in einem roten Alfa Romeo, den unser Vater einen Monat zuvor in einem Zeitungsinserat gefunden hatte. Verwandte kannte ich nur noch aus Erzählungen und von Fotos, die früher, als wir im Heim wohnten, in einem Briefumschlag lagen. Sie waren zerknittert. In den letzten Tagen kurz vor den Sommerferien versuchte ich, jedem Gesicht einen Namen zuzuordnen. In unserer ersten Wohnung hier in Deutschland hing an der Wand über dem Sofa ein Bild mit der Familie meiner Mutter darauf, meine Großeltern mit ihren fünf Kindern, sie saßen an einem Tisch. Der Rahmen war aus Metall. Ich legte meinen Finger auf das Glas, und der Reihe nach nannte ich ihre Namen.
Valmira Surroi 13:49
