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Corona-Pandemie und Überflutungen, Kriege und Migrationsströme, Klima- und Energiekrise: So präsentiert sich das 2020er-Jahrzehnt. Ende kaum absehbar. Was würde Helmut Schmidt jetzt tun? Fehlt an Deutschlands Spitze eine Führungsfigur seines Formats? Schmidts Nimbus als Krisenmanager entstand vor allem 1962, bei der Sturmflut an der Nordseeküste, und im Terrorherbst 1977: Der Kanzler ließ den entführten Lufthansa-Jet "Landshut" in Mogadischu stürmen, und die Geiseln dort kamen frei. Schmidts entschiedenes Auftreten und seine klare Sprache sind Kult. Kann Helmut Schmidt der Politik ein Vorbild sein - zeitlos, in Gegenwart und Zukunft?
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2024
VORBILD HELMUT SCHMIDT?
Politische Führung in Krisen und Katastrophen
Sven Felix KellerhoffHelmut Stubbe da Luz(Hrsg.)
Dieses Buch erscheint mit freundlicher Unterstützung der Warburg-Melchior-Olearius Stiftung in Hamburg.
In Kooperation mit der Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität/ Universität der Bundeswehr Hamburg, Ausrichterin der Ausstellung „Extreme Situationen, schnelle Entscheidungen. Helmut Schmidt gegen Sturmflut und RAF-Terror“ (2022)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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e-ISBN: 978-3-8132-1040-8
© 2024 von Mittler im
Umschlagbild: © picture alliance/ Istvan Bajzat | Istvan Bajzat
Maximilian Verlag GmbH & Co. KGStadthausbrücke 4, 20355 Hamburg, DeutschlandEin Unternehmen der
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Die in den Beiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen des Maximilian Verlages.
INHALT
Führung ist Führung
Vorwort
Gerhart Baum
„Helmut-Schmidt-Momente“ – typisch, vorbildhaft, gigantisch
Editorial
Helmut Stubbe da Luz
Vom Krisenmanager zur Lichtgestalt
Helmut Schmidt in der öffentlichen Meinung
Sven Felix Kellerhoff
Politische Führung in Extremsituationen
Historische Anmerkungen
Georg Eckert
Ein Kampf auf Biegen und Brechen
Helmut Schmidt und die RAF
Wolfgang Kraushaar
Verbrecher erpressen den Staat – Was tun?
Das Leben der Geiseln und die Staatsräson
Auszüge aus der Podiumsdiskussion mitHanns-Eberhard Schleyer, Matthias Iken, Frederik Ferreau,Helmut Stubbe da Luz, 30. Mai 2022Moderation Burkhard Plemper
Rettung aus höchster Not
Der „übergesetzliche Notstand“
Joachim Renzikowski
Gegen das Grundgesetz verstoßen?
Der „Schmidt-Sturmflut-Mythos“ und „Mogadischu“
Helmut Stubbe da Luz
„Die Sache ausschießen“
Helmut Schmidts Entscheidung zum „Landshut“-Sturm in Mogadischu 1977
Martin Rupps
Orientierung in Extremlagen
Helmut Schmidts Marburger Rede 2007
Michael Hoelzl
Führung in der Zeitenwende
Kontinuitäten zwischen Helmut Schmidt und Olaf Scholz
Sven Felix Kellerhoff
Helmut Schmidt
Aktualität und Vorbildhaftigkeit
Helmut Stubbe da Luz
Die Autoren
Literatur
Personenregister
© picture-alliance / Sven Simon | Windeck/SVEN SIMON
„Ein Hauch von starkem Selbstbewusstsein. Helmut Schmidt und Gerhart Baum, 8. Juni 1978. Gerhart Rudolf Baum (FDP), bisher Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, löst Werner Maihofer als Bundesinnenminister ab.
FÜHRUNG IST FÜHRUNG
Vorwort
Gerhart Baum
Vorbilder … Als ich 1972 ins Bonner Innenministerium kam, als Parlamentarischer Staatssekretär, hatte ich mich schon fast zwei Jahrzehnte lang politisch betätigt, unter anderem als Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und in verschiedenen Parteiämtern. Wir wollten eine Republik des Grundgesetzes aufbauen. Wir wollten das Land verändern. Wir waren Reformliberale. Wir wollten die sozialliberale Koalition und wir wollten uns von den Nationalisten trennen, die es in der FDP noch gab. Wir haben die FDP verändert mit Scheel, Genscher und vielen anderen. Ein ganzes Programm der FDP hat dieses sozialliberale Lebensgefühl 1971 verfestigt – das Freiburger Programm. Wir wollten Willy Brandt, diesen charismatischen Friedenskanzler. Diesen verließen am Ende langsam die Führungskräfte. Ich erinnere mich an eine Kabinettssitzung, in der eine schwierige Frage erörtert wurde. Irgendwann sahen alle den Kanzler an, in der Erwartung, dass er die Diskussion zusammenfasste. Er wusste nicht weiter. Da griff Helmut Schmidt ein und übernahm gewissermaßen die Führung. Brandt war ein ganz anderer Typ. Oft schwebte er in anderen Sphären. Das Alltagsgeschäft einer Koalition – das war nicht mehr seine Sache. Für die RAF-Krise wäre er wohl nicht der richtige Mann gewesen.
Realität und Disziplin
Aber Schmidt war in dieser Situation der richtige Kanzler. Helmut Schmidt war ein Macher, mittendrin in der Realität. Er disziplinierte sich selbst und erwartete Disziplin auch von anderen. Er hatte oft nicht viel Verständnis für uns Jüngere, die wir ja auch „geträumt“ haben – von einem besseren Deutschland und von einem Europa, das sich entwickelte. Natürlich merkte Schmidt, dass die Jugend rebellierte. Aber er hatte wenig Verständnis dafür, dass Demonstranten sich auf Straßenbahngleise setzten, um Tariferhöhungen zu verhindern oder gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Die Bewegung der Achtundsechziger, deren Elan – das alles war ihm nicht so nah. „Herr Baum“, sagte er einmal, „Sie sind sehr liberal und mir sogar ein bisschen zu liberal. Ich war ja ein Linksliberaler, ein Bürgerrechts- und Umweltliberaler.“ Schmidt gehörte zu denen, die uns Menschenrechtler etwas skeptisch betrachteten. Das interessiere in China doch niemanden, hat er mir mal gesagt. Und mit Umweltschutz war bei ihm nicht viel zu machen.
Krisenkanzler Helmut Schmidt
Helmut Schmidt war ein Krisenkanzler. Zu Hamburg, zur Flutkatastrophe 1962, kann ich nicht viel sagen. Schmidt hat wohl das Heft in die Hand genommen. Er hat sich auch, wie man oft hört, über hemmende Vorschriften hinweggesetzt. So habe ich ihn später allerdings nicht kennengelernt. Dann kam die Ölpreiskrise, 1973/1974. Da war Schmidt Finanzminister, ab 1974 dann Bundeskanzler. Die Ölpreiskrise hat er mit großer Sachkenntnis gemeistert. Als Krisenkanzler war er dann in hohem Maße gefordert durch den RAF-Terror. Der erreichte 1977 seinen Höhepunkt. Schmidt hat mutige Entscheidungen getroffen und dafür gesorgt dass der Staat sich nicht erpressen ließ. Er opferte Schleyer – das war eine Entscheidung, die er vor allem gegenüber der Familie vertreten musste und vor dem Bundesverfassungsgericht. Und wenn die Erstürmung der Lufthansa-Maschine in Mogadischu gescheitert wäre – das ganze Flugzeug war mit Sprengkörpern bestückt –, dann hätte er seinen Rücktritt eingereicht; dessen bin ich mir sicher. In der Maschine befanden sich fast 90 Menschen.
Richtlinienkompetenz und Mehrheitsverhältnisse
Wie hat Helmut Schmidt in „normalen“ Zeiten regiert? Brauchen wir heute einen neuen Schmidt? – Jede Zeit ist anders. Eine solche Ballung von Krisen, auf die man sich nicht vorbereiten konnte, die gab es damals nicht. Die sozialliberale Koalition – zwei statt heute drei Partner – hatte mitunter Meinungsverschiedenheiten zu überwinden. Das geschah ziemlich geräuschlos, bis in der Endphase die Gemeinsamkeiten geringer wurden. Schmidt, sein Partner Genscher und sein ganzes Kabinett praktizierten einen anderen Regierungsstil. Das Ergebnis: Zweifel an der Handlungsfähigkeit gab es kaum. Entscheidungen wurden viel besser vorbereitet als heute – eben nicht durch öffentliche Profilierung der Kontrahenten, sondern durch gründliche interne Vorbereitung. Hätte ich auf einem der vielen Politikfelder des Bundesinnenministeriums eine „Rakete“ in die Öffentlichkeit geschossen, hätte Schmidt sofort reagiert. Kabinettssitzungen wurden sorgfältig vorbereitet, bei wichtigen Entscheidungen in Kontakt mit den Regierungsfraktionen. Heute kritisieren diese mitunter Beschlüsse der Regierung, kaum sind sie getroffen. Es mag ja reizvoll sein, ein neues „Paket“, etwa im Steuerrecht, auf die Bühne und zur Diskussion zu stellen. Aber was auch immer herauskommt – am Ende bleibt der Eindruck: Die streiten mehr untereinander als mit der Opposition. Das ist Gift in Zeiten, in denen Menschen ohnehin von Angst und Unsicherheit bestimmt werden.
Ausschlaggebend ist, dass der Kanzler und seine Mannschaft vertrauensbildend handeln. Ich wage die Behauptung: Dass sich Minister nicht nur am Kabinettstisch, sondern auch in der Öffentlichkeit streiten – einen solchen Vertrauensbruch hätte es in dieser Dimension unter Schmidt nicht gegeben. Schmidt war immer voller Tatkraft.
Ein Wort zur Richtlinienkompetenz des Kanzlers. Sie wird vielfach überschätzt. Ich habe nie erlebt, dass Schmidt zu Genscher gesagt hätte, das machen wir jetzt so und so. Ich habe Sitzungen miterlebt, in denen Genscher sagte: „Herr Bundeskanzler, haben Sie denn mit dieser Meinung eine Mehrheit im Parlament?“ Und damit war die Diskussion zu Ende. Eine solche Position war mitunter auch gegenüber Kohl notwendig.
Schmidt war sehr von sich selbst überzeugt, zeigte also einen Hauch von Selbstbewusstsein, das nicht von Zweifeln angekränkelt war. Er verbarg auch nicht, dass er vieles besser wusste als seine Gesprächspartner. Doch er vertrug Widerspruch, ja, er forderte ihn gelegentlich heraus. Er hörte zu, er ließ sich bremsen. Es ist besser, einen Kanzler zu haben, der sich bremsen lässt als einen, den man schieben muss.
Die Kabinettssitzungen waren minutiös vorbereitet, aber Schmidt hat dennoch diskutieren lassen. Darüber konnten Stunden vergehen, mitunter wurde dann Mittagessen bestellt. Das war anders als bei Kohl, wo nach einer halben Stunde alles abgenickt wurde.
Schmidts Grenzen
Mit einer seiner Grundüberzeugungen passt Helmut Schmidt heute nicht mehr in die Zeit – ich habe es schon kurz erwähnt. Er war der Meinung, dass es eine Anmaßung sei, anderen Völkern beizubringen, wie sie zu leben hätten – und das in Bezug auf China. Oft habe ich mit ihm darüber diskutiert. Natürlich sollten wir uns jeder anmaßenden Arroganz enthalten. Aber die heutige Zeit und viele andere schweren Verletzungen der Menschenwürde in der Vergangenheit fordern uns heraus, diese ethischen Grundlagen der Völkergemeinschaft und unseres Grundgesetzes zu verteidigen. Schmidt hielt Leute wie mich für „Träumer“, die er mit ihren Utopien eher beim Arzt als in der Politik sehe. Auch in dieser Hinsicht bevorzugte er entschlossenes Handeln. Nur: Friedenssicherung war ihm wichtiger als deren Verbindung mit dem Schutz der Menschenwürde.
Wie steht es mit seinen Niederlagen? Er hatte sie, wie jeder Politiker. Er hat sich nicht lange bei ihnen aufgehalten.
Gescheitert ist Helmut Schmidt am Ende an seiner eigenen Partei. Das ist durch die Art des Koalitionswechsels 1982 zunächst verdeckt worden. Natürlich hat die FDP die Koalition unter Umständen verlassen, die meine Freunde und ich selbst nicht gebilligt haben. Aber die SPD hat ihrem Kanzler die Zustimmung zu einem wesentlichen Element seiner Außenpolitik letztlich verweigert: Es ging um den NATO-Doppelbeschluss. Der war ein Kernstück der Außenpolitik von Schmidt und Genscher, speziell der unverzichtbaren Westbindung unseres Landes. Schmidt hat Druck auf die Sowjetunion ausgeübt. Und ich bin überzeugt, eine Deutsche Einheit hätte es ohne Schmidt und den NATO-Doppelbeschluss nicht gegeben, jedenfalls zu jener Zeit nicht.
Irgendwann hat Führung auch mal ein Ende. Die Jungen in der SPD, unter anderem Gerhard Schröder, wollten nicht nur aus der NATO raus, sondern auch aus der Koalition. Sie nahmen in Kauf, dass Kohl kommen und lange bleiben würde. Sozialdemokraten und Liberale hatten in der Wirtschafts- und Sozialpolitik am Ende erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Sie waren aber nicht unüberbrückbar. Da hat Schmidt Ende August 1982 seinen Wirtschaftsminister, Otto Graf Lambsdorff von der FDP, aufgefordert, einmal aufzuschreiben, was die Liberalen aus seiner Sicht eigentlich wollten. Schmidt war ja klar, was der Wirtschaftsliberale Lambsdorff aufschreiben würde. Er wusste auch, dass die Sozialliberalen in der FDP von Lambsdorffs Standpunkt abwichen. Das „Lambsdorff-Papier“ lag am 9. September 1982 vor. Es war von keinem FDP-Gremium diskutiert worden. Die Mehrheit der SPD lehnte es ab. Es stellte ein Stück des Anfangs vom Ende dar, aus dem Schmidt persönlich allerdings ziemlich unbeschädigt hervorging.
Politische Führung stößt an ihre Grenzen, wenn sie sich zu weit von Strömungen entfernt, die ihre Macht gesichert haben. Schmidts Macht wurde gesichert von der SPD. Als die wirtschaftspolitischen Differenzen sich verstärkten, konnte er seine Partei noch eine Zeit lang ruhig halten. Beim Koalitionspartner FDP stand er den Wirtschaftsliberalen, die seinen Sturz betrieben, programmatisch näher als den Sozialliberalen, die doch die Koalition mit der SPD aufrechterhalten wollten. Genscher hat mir mehrfach gesagt: „Herr Baum, merkwürdig, dass der Mann sich nicht an Sie und Ihre Freunde hält. Genau Sie sind doch auf seiner Seite, und nicht Graf Lambsdorff.“
Führung ist Führung
Politisches Führungsverhalten, das in den 1960er und 1970erJahren gezeigt worden ist, kann selbstverständlich weiterhin als Vorbild dienen. Nicht nur in der Politik, sondern auch in einer Gewerkschaft oder in einem Unternehmen – in jeder Führungsposition. Nehmen wir mal an, die führenden Manager der Firma Siemens würden wochenlang in der Öffentlichkeit ihre Firmenpolitik diskutieren, ob sie zum Beispiel ein Unternehmen hinzukaufen oder nicht. Das wird beobachtet und kommentiert. Bei einer Firma nicht von Wählern, aber an der Börse. Im Falle der Bundesregierung ist das sicherlich noch anders: Das ganze Land ist betroffen. Führungsqualitäten sind beim Bundeskanzler weithin sichtbar und besonders wichtig. Jeder macht es anders, aber der Erfolg entscheidet. Schmidt hat dem Lande als Bundeskanzler gutgetan. Mich hat er auch bei Meinungsunterschieden fair behandelt. Wir haben mitunter zu zweit lange diskutiert, wie es seine Art war. Er gehört zu den Kanzlern, die dieses Amt kompetent und erfolgreich ausgeübt haben. Das sage ich mit Respekt.
© picture alliance/ Istvan Bajzat | Istvan Bajzat
Bundeskanzler Helmut Schmidt bei seiner Rede auf dem SPD-Bundesparteitag am 20. April 1982 in München
Helmut Schmidt, 2008:
„Es fehlt an persönlicher Führungskraft“
FAZ: Halten Sie die neue Fünf-Parteien-Konstellation für gefährlich in diesem demokratischen Deutschland? […] Ist es ein Versagen der Volksparteien, dass sich das so aufsplittert?
Helmut Schmidt: Nein, umgekehrt. Es war ein Erfolg der Führungskraft von Leuten wie Konrad Adenauer, wie Kurt Schumacher, Ernst Reuter und Willy Brandt, dass niemand auf die Idee kam, eine eigene Partei aufzumachen. In dem Maße, in dem die persönliche Führungskraft abnahm, haben sich dafür Chancen ergeben. Das waren erst die Grünen, jetzt sind es die Linken.
FAZ: Sie schreiben das also nicht komplexer gewordenen gesellschaftlichen Verhältnissen zu, sondern schwacher Führung?
Helmut Schmidt: Der Unterschied zu der früheren Konstellation mit nur drei Parteien, der beruht wahrscheinlich darauf, dass damals stärkere Führungspersonen zur Verfügung standen – ich sage wahrscheinlich, sicher kann man nicht sein. Es hat kaum zu tun mit schwierigeren Umständen.
Interview der FAZ mit Helmut Schmidt, 7. Dezember 20081
„HELMUT-SCHMIDT-MOMENTE“ – TYPISCH, VORBILDHAFT, GIGANTISCH
Editorial
Helmut Stubbe da Luz
„Olaf Scholz: Ein Hamburger Kanzler wie Helmut Schmidt?“, fragte das Hamburger Abendblatt Ende 2021. Im Spätsommer 2023 kommentierte Gerhart Baum, der einstige Innenminister im Kabinett Schmidt II, die aktuelle Ampelregierung mit all ihren internen Streitigkeiten wie folgt: „Helmut Schmidt hätte zur Ordnung gerufen.“ Das war dem Kölner Stadtanzeiger und dem Berliner Tagesspiegel eine Überschrift wert. Zwei Monate später war im Münchner Merkur die Ansage zu lesen: „Olaf Scholz erlebt seinen Helmut-Schmidt-Moment“.2 Als Starkregenfälle zur Jahreswende 2023/2024 in einigen Bundesländern großflächige Überschwemmungen verursachten und als Olaf Scholz einige der besonders stark betroffenen Ortschaften besuchte, sah er sich in eine Reihe gestellt und verglichen mit vormaligen Kanzlern in ähnlicher Lage. An erster Stelle wurde hier stets Helmut Schmidt erwähnt. Der habe 1962, als er noch Senator in Hamburg war, eine hervorragende Rolle bei der Bewältigung der bekannten Sturmflut gespielt: „Schmidts schnelles und bestimmtes Handeln während der Flut prägte seine weitere politische Laufbahn bis hin zum Amt des Bundeskanzlers, das er von 1974 bis 1982 innehatte.“3
Wenn über Politik geurteilt wird, stehen oft schon sehr bald die Aktionen hochrangiger Amtsträger im Mittelpunkt. Von Staats- und Regierungschefs ist meist die Rede, mit präsidialen Vollmachten oder mit Richtlinienkompetenz ausgestattet, und von deren Führungsqualitäten – in bestimmten Momenten oder über die Dauer ihrer Amtszeit hinweg.
Politische Führung inmitten gesellschaftlicher Komplexität
Politische Führung umfasst komplexe soziale Prozesse. Welche Wirkungsmacht aber kommt ihr im Rahmen des noch weit komplexeren Gesellschaftssystems zu, von dessen Zentrum aus sie ausgeübt wird? Im Vergleich also zu der Gesamtheit der Prozesse, die im System ablaufen? Und im Vergleich mit alledem, was in mehr oder minder benachbarten Gesellschaften abläuft, die doch jeweils ihre eigene, oft andere Führung aufweisen?
Derart allgemein gehalten, sind diese Fragen nur schwer zu beantworten. Daher bleibt einiger Raum für gefühlsmäßig und weltanschaulich geprägte Gesellschafts- und Geschichtsbilder: Vielen Menschen scheint es leichter zu fallen, den ausschlaggebenden Rang bestimmten politischen Führern und Führerinnen zuzuerkennen. Diese prominenten Akteure werden dann oft höchstpersönlich für einschneidende Vorkommnisse oder für die Kontinuität von Zuständen verantwortlich gemacht – seien es Blütephasen oder Zerfallsprozesse. Ihrerseits neigen diese Personen dazu, positive Vorkommnisse und Entwicklungen sich selbst zuzuschreiben, für Krisen jedoch widrige Umstände verantwortlich zu machen.
Politische Führung oder gesamtgesellschaftliche Verhältnisse? Wenn die Frage nach der vergleichsweise ausgeprägteren Wirkungsmacht auf ausgesuchte Vorkommnisse, Prozesse oder Zustände konkret zugespitzt wird, kann von einer Antwort etwas mehr erwartet werden als bloße Spekulation. Helmut Schmidt wurde 2008 gefragt, worauf er die seit dem Ende seiner Kanzlerschaft im Jahre 1982 zu beobachtende Vermehrung der Bundestagsparteien zurückführe (siehe das vorangestellte Zitat).
Vorsichtig, aber eindeutig ordnete Schmidt den höheren Rang der politischen Führungskraft zu: Mache sich auf der politischen Bühne ein Mangel daran bemerkbar, könne sich die Anzahl der Parteien im Bundestag erhöhen. Zwischen den Zeilen ist unmissverständlich zu lesen: Zu begrüßen sei eine solche Entwicklung im Prinzip nicht. Der Aufstieg von Grünen und Linken, so Schmidt, liege überwiegend daran, dass es in den Chefetagen der bundesdeutschen Politik nicht mehr genug Führungspersönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Ernst Reuter oder Willy Brandt gegeben habe. Von politischer Programmatik kein Wort. Adenauer und Brandt hatten nicht nur als Parteichefs fungiert, sondern auch als Bonner Kanzler. Seinen eigenen Namen hat Ex-Kanzler Schmidt dort nicht genannt.
Führungsstärke, Führungsvernunft, Führungsbilanz
Schmidt hat die Wörter „Führungskraft“ und „Führungsstärke“ in dem zitierten FAZ-Interview verständlicherweise nicht eigens definiert. Vermutlich meinte er – im Einklang mit dem Alltagsverständnis – die Führungsqualitäten prominenter Mandats- und Amtsträger und deren sich daraus ergebende Autorität in der Gesellschaft. Beide Faktoren bilden eine Einheit. Die Qualität von Führung wird vor allem am Ausmaß des Zuspruchs gemessen, der bei den zu führenden Menschen erworben wird. Etwas eingehender lassen sich die Beziehungen zwischen politisch Führenden und ihrer Gesellschaft im Licht ausgesuchter Fragen diskutieren. Drei kleine Bündel solcher Fragen sind hier zusammengeschnürt. Bei den Begriffen „Führungsstärke“, „Führungsvernunft“ und „Führungsbilanz“ handelt es sich um pure Vorschläge.
Erstens: Wenn führende Politiker Wege weisen und auf ihnen vorangehen – welchen Teilmengen ihrer Gesellschaft können sie dann damit imponieren, welches Vertrauen können sie erwecken, wie viele Menschen längere Zeit zum Mitgehen veranlassen? Hier passt der Begriff der „Stärke“ von Führung. Schnell wird sie politischen Akteuren als persönliches Merkmal zugeschrieben, wenn diese sich als entschieden, als meinungs- und entscheidungsfreudig darstellen, überzeugend auftreten und auffällige Beifallsbekundungen auf sich ziehen. Allerdings müssen jene Akteure auf Stimmungsschwankungen des Publikums gefasst sein und sich gegenüber noch weiteren Hindernissen behaupten. Die sind zwar abstrakt stets zu erwarten, treten konkret aber immer erneut überraschend auf.
Zweitens: Werden die Geführten mit vertretbaren Mitteln und in angemessenem Tempo in eine geeignete Richtung geführt? Dies ist die Frage nach Technik und Ethik, zusammengenommen, nach der Vernunft von Führung. Ohne Zweckmäßigkeitserwägungen lassen sich politische Programme nicht erreichen: Welche Bedürfnisse also sind in der Gesellschaft, die geführt werden soll, zunächst einmal zu erfüllen? Wo müssen unterschiedliche Teilmengen der Gesellschaft „abgeholt“ werden? Wie groß ist deren jeweilige Veränderungsbereitschaft? Welche Methoden der Führung empfehlen sich für den Einsatz, sowohl technisch als auch ethisch? Vor allem aber: Welche Lebensweise ist der betreffenden Gesellschaft für die Zukunft zugedacht, auf dem Fundament welcher Ordnung, im Namen welcher Grundwerte? Bei diesen Überlegungen müssen vor allem Methoden und Inhalte voneinander getrennt werden. Das erweist sich immer erneut als schwierig. Niemand muss mit politischen Entscheidungen deshalb zufrieden sein, weil sie von einem führungsstarken Akteur gefällt und durchgesetzt wurden.
Über die Vernunft politischer Führung hat Helmut Schmidt selbst mehr als einmal nachgedacht. Er hat die auch sonst vielfach strapazierten Begriffe „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ einander gegenübergestellt und für sich beansprucht, das Prinzip der „Verantwortungsethik“ praktiziert zu haben. Darüber hinaus eine Pflichtethik im Sinne Immanuel Kants und dessen kategorischen Imperativs: Dieser Imperativ fordert: Das Motto von Handlungsweisen müsse, sofern es keine Gesetzesgrundlage dafür gebe, dazu geeignet sein, in ein Gesetz gegossen zu werden. Doch handelt es sich bei „Verantwortungsethik“ und „kategorischem Imperativ“ weniger um Instrumente zur Entwicklung politischer Entscheidungen – sofern überhaupt. Vielmehr werden die beiden Konzepte regelmäßig dazu herangezogen, bereits getroffene Entscheidungen und längst vollzogene Handlungen im Nachhinein als vernünftig darzustellen.4
Drittens: Gewiss ist – sprichwörtlich – auch bei politischer Führung „der Weg das Ziel“, bis zu einem gewissen Grad. Doch kann sich die Lösung oder, bescheidener, die Regelung mancher Probleme als dringend erweisen. Insbesondere bei manchen Krisen ist das der Fall, geradezu definitionsgemäß bei Katastrophen: Angesichts von Vorkommnissen also, die extrem hohe Schäden hervorrufen und extrem zahlreiche Opfer fordern. Die Notwendigkeit, diesen Vorkommnissen oder ihren Auswirkungen binnen eines bestimmten Zeitraums ein Ende zu setzen, kann sich gebieterisch aufdrängen, Beobachter und Kommentatoren achten darauf, ob am Ende bestimmter Etappen des politischen Wegs ein angemessenes Verhältnis von Aufwand und Ertrag präsentiert wird. Diese Führungsbilanz oder -zwischenbilanz ergibt sich im Licht einer Problemstellung und eines bestimmten Zeitabschnitts.
„Angemessenheit“, „Klugheit“, „Vernunft“ etc. – die drei Fragenbündel sind gefüllt mit Gummibegriffen. Deshalb verlangt die Beurteilung bestimmter führender Akteure ausgeprägte Vorsicht. Hinzu kommt, dass Führungsstärke, Führungsvernunft und Führungsbilanz miteinander verknüpft sind. Sie bilden eines der ab und zu theoretisch konstruierten „magischen Drei-, Vier- oder Fünfecke“:5 Keine der Eckgrößen darf zugunsten der jeweils anderen allzu sehr vernachlässigt werden.
Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982
Das Foto zu Beginn dieses Editorials zeigt Bundeskanzler Schmidt bei seiner Rede auf dem Münchener SPD-Parteitag 1982. Die Pose lässt nicht vermuten, dass die Mehrheit der Delegierten eher nur aus Parteidisziplin applaudiert.
Strittig war vor allem die Verteidigungspolitik des Kabinetts Schmidt III. Namentlich der Kanzler selbst stand hinter dem NATO-Doppelbeschluss von 1979: Der aufrüstenden Moskauer Staatsführung wurden Verhandlungen über die Beschränkung der atomar bestückten Mittelstreckenraketen in Europa angeboten, zugleich aber eine Frist gesetzt: Wenn bis 1983 keine Einigung erreicht sei, werde die NATO ihrerseits entsprechend nachrüsten – mit Raketen, die ihr eine Überlegenheit verschaffen würden.
Doch der linke SPD-Flügel verhielt sich hier ähnlich ablehnend wie in den 1960er-Jahren gegenüber den Notstandsgesetzen, die nach langer Zeit von der Großen Koalition der Jahre 1966 bis 1969 verabschiedet worden waren. Innerhalb der SPD hatte sich Schmidt als stärkster Befürworter jener Grundgesetzänderungen hervorgetan, wobei er – taktisch geschickt – immer erneut auf seine Erfahrungen hinwies, die er während der 1962er Sturmflut in Hamburg gemacht habe.
1982 wurde zusätzlich und sehr hart über die Wirtschafts-, Finanz-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gestritten. Der Koalitionspartner FDP verlangte hier – ebenso wie die CDU-Opposition – eine Wende hin zu Wirtschaftswachstum, Währungs- und Haushaltsstabilität.
Das Foto des Redners illustriert die für Schmidt typische Ausstrahlung. Er schien sich seiner Sache sicher und trat entschlossen auf. Gewiss musste auch ihm am Zusammenhalt der SPD liegen, und es war ratsam, das Vertrauen, das er in den vergangenen Jahrzehnten erworben hatte, nicht übermäßig zu strapazieren. Aber Schmidt mochte es sich auch nicht versagen, an einer Stelle die prominentesten innerparteilichen Kritiker seiner Nato-Politik – Oskar Lafontaine und Erhard Eppler – zu attackieren. Schmidt tat das kurz, aber unmissverständlich: Im strategischen Interesse des Westens sei ihre Kritik nicht!
Helmut Schmidt demonstrierte in München seine persönliche Führungsstärke, wie man das von ihm kannte und wie sie bis heute seinen Nimbus ausmacht. Doch können persönliche Potenziale nur dann zum Erfolg führen, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind. 1982 wurde die Vernunft der Führung, die Schmidt praktizierte, auf eine Art und Weise bestritten, die er kaum noch beeinflussen konnte. Erfolge in Regierung und Parlament sind aber meist Voraussetzung für Erfolge in der Gesellschaft insgesamt. Schmidts Führungsbilanz für die 9. Legislaturperiode sah am Ende ungünstig aus. Am 1. Oktober 1982 musste der Kanzler seine Führungsposition abgeben. Nach einem konstruktiven Misstrauensvotum trat Helmut Kohl an seine Stelle. Bei der Bundestagswahl, die 1983 folgte, übersprangen die Grünen die Fünfprozenthürde.
Integrationskraft und Parteienlandschaft
Schmidts These, dass die Führungsstärke der maßgeblichen Partei- und Regierungschefs die Zahl der Bundestagsparteien umgekehrt proportional bestimme, kann zunächst anhand der Zeit von 1949 bis 1960 betrachtet werden. Damals verschwanden mehr als nur drei Parteien aus dem Bundestag. Verboten wurden 1952 die rechtsextreme Sozialistische Reichspartei (SRP) und 1956 die KPD. Das Zentrum, die Bayernpartei, die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV), der Gesamtdeutsche Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) und vor allem die Deutsche Partei gingen dagegen größtenteils in der CDU/CSU auf. Lag das an der Führungsstärke und Integrationskraft Konrad Adenauers, an dem Vertrauen, das ihm als Leitfigur entgegengebracht wurde? Oder doch eher am gesellschaftlichen, vor allem auch wirtschaftlichen Wandel damals insgesamt, namentlich am Nachkriegsboom, dem „Wirtschaftswunder“?
Ab 1960 stellten nur noch drei Parteien die Abgeordneten des Bundestags: CDU/CSU, SPD und FDP. 1983 kamen die Grünen hinzu, 1990 Vorläufer der Partei Die Linke. Bei der Bundestagswahl 2005 erreichte „Die Linkspartei/PDS“ ein besseres Ergebnis als die Grünen. Linker Fraktionschef wurde – neben Gregor Gysi – Oskar Lafontaine. Die Partei Die Linke konstituierte sich 2007. Im Jahr 2017, während der Kanzlerschaft Angela Merkels, erzielte die AfD größere Erfolge. Die Verdoppelung der Zahl der Bundestagsparteien kann als Diversifizierung oder Pluralisierung begrüßt, aber auch als Zersplitterung beklagt werden.
Helmut Schmidt – ein ungewollter Vater der Grünen?
Jürgen Trittin attestierte 2015 dem gerade verstorbenen Helmut Schmidt, „unfreiwillig zu einem der Väter der Grünen-Partei“ geworden zu sein: Sei diese doch maßgeblich aus der Anti-AKW- und aus der Friedensbewegung hervorgegangen.6
Kann Schmidts dritte Nachfolgerin Angela Merkel ihrerseits als „Geburtshelferin“ der AfD politisch haftbar gemacht werden?7 Die 2023/2024 zu beobachtende Radikalisierung mancher Teile der deutschen Bevölkerung liegt wohl vor allem am weitverbreiteten Unbehagen an der Einwanderungspolitik. Als Epochenjahr gilt vielfach 2015. Angesichts eines außerordentlich gestiegenen Zustroms an Asylbewerbern gab Merkel, um Führungsstärke bemüht, die optimistische Parole aus: „Wir schaffen das!“ Damit erntete sie viel Widerspruch und stärkte ungewollt rechtspopulistische Tendenzen, namentlich die AfD.
Eine Protestpartei auf dem Vormarsch profitiert schnell von weiteren Quellen der Unzufriedenheit. Zur Einwanderungspolitik trat insbesondere die Energiepolitik. Irritation und Wut können in besonders unruhigen politischen Zeiten schnell anwachsen. Dann versucht möglicherweise noch der ein oder andere Trittbrettfahrer davon zu profitieren – mit der Gründung noch einer weiteren Partei.
Setzt sich die Vermehrung der Parteien in deutschen Parlamenten in der Kanzlerschaft Scholz fort? Und liegt das an einem bei Scholz wahrgenommenen Führungs- und Integrationsdefizit? Oder verhält es sich eher umgekehrt: Erschwert die Zunahme von Rissen in der Gesellschaft, aus denen heraus sich auch eine Zunahme an politischen Gruppierungen ergeben mag, das Geschäft des Führens und Integrierens?
Anfang Januar 2024 hat sich Sarah Wagenknecht mit dem „Bündnis Sarah Wagenknecht“ (BSW) in die Startlöcher begeben. Wagenknecht, Ehefrau Oskar Lafontaines, war zwischen 2015 und 2019 Fraktionsvorsitzende der Linken. Ihr Eigenname als Markenzeichen – damit ist ein Gipfel der Personalisierung von Politik erreicht worden, gewiss kalkuliert, aber ebenso riskant. Medien berichteten über Zulauf von bisherigen oder früheren Amts- und Mandatsträgern aus der SPD, die in jeweils ähnlicher Wortwahl erklärten, die SPD sei nicht mehr die Partei Willy Brandts und Helmut Schmidts. So urteilte der ehemalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel beispielsweise, das viel bewunderte „‚Modell Deutschland‘ der Ära Helmut Schmidt“ sei von SPD und Grünen zu einem „Sanierungsfall“ heruntergewirtschaftet worden. Widerspruch auf gleicher Ebene blieb natürlich nicht aus: Von wegen „Modell“ – Deutschland habe doch „am Ende von Schmidts Amtszeit unter hoher Arbeitslosigkeit, hoher Inflation und hoher Staatsverschuldung“ gelitten.8 Am rechten Rand von CDU/CSU erfolgte eine weitere Parteigründung aus dem ehemals CDU-nahen Verein „Werteunion e. V.“ heraus. Unzufriedenheit herrsche dort, so war zu hören, mit der „Brandmauer“, die von der CDU gegenüber der AfD deklariert worden war, und generell mit der Unionsführung unter Friedrich Merz.9
„Es sind Persönlichkeiten, die mit ihrem Handeln die Geschichte prägen“
Die Personalisierung schwer überschaubarer Zusammenhänge und auch politischer Programme ist populär. Sie bietet oft den Vorteil, sich kurzfassen zu können. Wichtigeres, aber zugleich schwer Verständliches bleibt unerwähnt, und genau damit können oft breitere Kreise der Öffentlichkeit erreicht werden. Hier stößt die Zuspitzung nicht allein des Alltagslebens, sondern auch der großen Politik auf bestimmte Akteure wohl gehäuft auf Zustimmung. Die Zuspitzung entspricht einem vielfach geteilten, möglicherweise sogar vorherrschenden Welt- und Menschenbild. Ihm entspricht eine Vorliebe dafür, allerlei Mitteilungen und Meinungen dadurch zu stärken, dass sie auf allseits bekannte Autoritäten zurückgeführt werden.
Nach Schmidts Tod haben AfD-Politiker mehrfach mit der Behauptung geworben, der einstige Kanzler und spätere „Welterklärer“ würde seine Stimme, wenn er noch am Leben wäre, genau ihrer Partei geben.10 Schmidt hatte sich mehr als einmal skeptisch zur Einwanderungspolitik der Bundesrepublik geäußert. Solchen Bemerkungen wird 2023/2024 auch in der Mitte der Gesellschaft wieder größere Bedeutung beigemessen.11
Im Jahr 2008, als Schmidt seine zitierte These zum Verhältnis von politischer Führung und Parteienzahl äußerte, war an die AfD aber noch gar nicht zu denken. Ihr Entstehen im Jahr 2013 hat Schmidt wohl ebenfalls dem Mangel an Integrationskraft bei Führungspersönlichkeiten zugeschrieben. Den stellte er nicht nur in Deutschland fest, sondern auch auf europäischer Ebene. Dort vermisse er, so hatte er 2012 ausgeführt, „Personen vom Format Churchills oder de Gaulles“ oder „vom Typus Jacques Delors oder Raymond Barre“. Viel zu viele Akteure wollten in der EU mitreden; gebraucht aber würden „Leute, die nicht nur Resolutionen fassen“, sondern solche, „die das, was in den Resolutionen steht, hinterher auch tatsächlich durchsetzen“.12
Diese Sicht war nicht selten auch in Schmidts politischem Umfeld zu vernehmen: Geschichte werde „von Menschen gemacht“, schrieb, wiederum 2008, Ben Tellings, der Chef der INGDiba-Bank, die jährlich den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis vergibt. Tellings präzisierte: Geschichte werde gemacht „von Männern und Frauen, die im entscheidenden Moment bereit und fähig sind, Verantwortung zu übernehmen und Führungsstärke zu zeigen.“13 Der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, variierte dieses Bild 2016 im Rückblick auf die Sturmflut 1962: „Geschichte passiert nicht einfach, sie wird von den Beteiligten gemacht.“ So habe der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt „mit seinem beherzten und unbürokratischen Eingreifen vielen Menschen das Leben“ gerettet. Fazit: „Es sind Persönlichkeiten, die mit ihrem Handeln die Geschichte prägen.“14
Kritik an politischer Führung ist systemrelevant
Zu allen Zeiten der Bundesrepublik hat es Stimmen gegeben, die – in unterschiedlichem Maße auf bestimmte Führungsakteure zugespitzt – an der jeweiligen Führung auf Bonner und Berliner Ebene (gelegentlich auch an der Spitze eines bestimmten Bundeslands) mehr auszusetzen als zu loben hatten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Roman Herzog, Bundespräsident von 1994 bis 1999, klagte 2008, das Defizit an Führung durch Politiker und Parteien bremse die Reformbereitschaft der Bevölkerung. Wenn er sich die deutschen Politiker anschaue, so polemisierte Herzog (und zwar nicht nur in einem Boulevardblatt), dann wisse er nicht, ob er lachen oder weinen solle; die Reformen, deren Realisierung ihm vor Augen stand, seien „Kleckerkram“, es fehle an Charisma.15 Das war zur Zeit des Kabinetts Merkel I.
Gehäufte Kritik seit 2020: „Was würde Schmidt jetzt tun?“
Seit dem Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 hat sich Unmut über die politische Führung in Berlin auffällig gehäuft. Schwer verdaulich erschienen dann nacheinander auch die Hochwasserkatastrophe in Südwestdeutschland 2021; der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Anfang 2022; der erneute Anstieg der Flüchtlingszahlen 2023/2024; der durch den mörderischen Überfall von Hamas-Terroristen auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023 ausgelöste Gazakrieg; stets im Hintergrund die nicht mehr wegzudenkende Klimakrise. All das wirkte und wirkt für viele Menschen besonders alarmierend angesichts der vielfach beklagten Führungsschwäche. Landauf, landab sind diesem Defizit seit 2020 die Gesichter der bis Ende 2021 amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel und dann ihres Nachfolgers Olaf Scholz verliehen worden. Zugleich ging nicht selten damit die Beschwörung der Gestalt eines verblichenen Akteurs einher, der vielen Menschen noch als durchaus gegenwärtig erscheint.
Das Hamburger Abendblatt hatte schon 2017 ein selbstkonstruiertes Helmut-Schmidt-Orakel befragt, welche Einsichten die Leserschaft denn wohl zu „Trump, Brexit, Erdogan“ beherzigen sollte: „Das würde Helmut Schmidt sagen!“ Der verantwortliche Journalist hatte in Schmidts Schriften geblättert.16
Helmut Schmidt und Olaf Scholz
Olaf Scholz, seit 2018 Vizekanzler im Kabinett Merkel IV, hatte zuvor bereits deutlich gemacht, Schmidt nacheifern zu wollen. Der Altkanzler seinerseits war 2015 dazu bereit gewesen, in sein Buch „Dann wäre ich Hafendirektor geworden“, ein längeres Gespräch mit Scholz aufzunehmen.17 Scholz überhöhte kurz darauf den gerade Verstorbenen in Hamburgs St.-Michaelis-Gotteshaus zu einem „Giganten“ und betonte zugleich, es handele sich bei dieser Wortwahl nicht etwa um ein Gleichnis: „Es mag pathetisch klingen und ist doch wahr.“
Allerdings wollte bis zum Ende der Ära Merkel nicht so recht der Eindruck entstehen, als bemühe sich Scholz im Sinne des Helmut-Schmidt-Nimbus um ein Mehr an Führungsstärke. Dabei standen dem Kabinett nach Ansicht so mancher Beobachter in der Corona-Politik noch Handlungsspielräume offen: Helmut Schmidt, so stand es noch im November 2021 in der Zeit, hätte doch in genialer Weise 1962, „während der Flutkatastrophe [,..] die Verfassung überspannt“. Angela Merkel sei zwar nur mehr geschäftsführend im Amt, bleibe aber ungeachtet der unvermindert andauernden Probleme nach wie vor „weit unter ihren politischen Möglichkeiten.“18
Olaf Scholz hatte am 26. September 2021 mittlerweile die Bundestagswahl gewonnen. Im Wahlkampf ausdrücklich als indirekter Nachfolger Helmut Schmidts präsentiert, bezog er im Dezember 2021 tatsächlich das Kanzleramt. Neben den Grünen stieg auch die FDP in seine Regierung ein, obwohl ihr Chef Christian Lindner noch am 20. September 2021 Skepsis gezeigt hatte: Scholz sei „nicht der neue Helmut Schmidt“.19
„Helmut-Schmidt-Momente“
Am 1. Mai 2022, ein knappes Vierteljahr nach Russlands Überfall auf die Ukraine, hielt Olaf Scholz eine Rede bei der Zentralkundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Düsseldorf. Ungewohnt energisch wurde er, als er die Waffenlieferungen an die Ukraine gegen Kritik verteidigte. Bundesinnenminister Marco Buschmann (FDP) twitterte im Anschluss: „Ich finde, heute hatte Bundeskanzler Olaf Scholz einen echten Helmut Schmidt-Auftritt.“ Doch war Schmidt nicht früher einmal mit dem Appell hervorgetreten, man solle „lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen“? Eine Twitter-Userin entgegnete Buschmann in diesem Sinn: „Nein, ganz sicher war das kein Helmut-Schmidt-Moment.“20
Bei Rückblicken auf das Leben und Wirken Helmut Schmidts ist eineganze Reihenennenswerter Momenteausgemachtworden–
„berühmte“ und „denkwürdige“ oder „entscheidende“ Momente, etwas origineller „grandios-rhetorische Momente“, „staatspolitische Momente“ oder „Momente der Verzweiflung“.21 Darüber hinaus ist aber auch von typischen „Helmut-Schmidt-Momenten“ an und für sich die Rede, spätestens seit Beginn der Corona-Krise. Mal sieht sich der eine oder andere maßgebliche Politiker aufgefordert, solche „Helmut-Schmidt-Momente“ zu präsentieren, mal wird einem solchen Akteur attestiert, dies geschafft oder auch versäumt zu haben. Zu allermeist werden Schmidts Schlüsselmomente „Sturmflut“ und „Mogadischu“ als Vorbild bemüht.
Sturmflut 1962, Mogadischu 1977
Im Rahmen zweier Extremsituationen hat sich Helmut Schmidt den Nimbus des genialen, zumindest durchschlagend erfolggekrönten Führers und Krisenmanagers erworben, ja sogar den eines Retters oder Siegers. Zunächst während der Sturmflut an der deutschen Nordseeküste 1962, von der Hamburg unter den vier bundesdeutschen Küstenländern am stärksten getroffen wurde. Da war Schmidt als Hamburger Senator für die Polizei zuständig. Sodann im Herbst 1977: Terroristen entführten zunächst den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und dann den Lufthansa-Jet „Landshut“. Schmidt amtierte seit 1974 als Bundeskanzler. Der historischen Rekonstruktion jener Momente dienen in diesem Buch nicht weniger als drei Beiträge.
Ein Blick auf den Gebrauch, der vom Begriff der „HelmutSchmidt-Momente“ gemacht wird, legt nahe, diese beiden immer wieder angeführten Episoden zu „Helmut-Schmidt-Momenten“ in einem engeren, herausgehobenen Sinn zu erklären. Damit ergibt sich die Möglichkeit, sie durch zusätzliche Momente „im weiteren Sinn“ zu ergänzen, wie beispielsweise durch Schmidts Rede auf dem Münchener Parteitag 1982. Ein Modell der „Helmut-Schmidt-Momente“ weist dabei drei Merkmale auf:
Erstens ist eine Situation eingetreten, die von einem Publikum als kritisch eingestuft wird – ein objektiv gegebener „HelmutSchmidt-Moment“. Jetzt fehlt noch ein Akteur an ausschlaggebender politischer Position, der das Zeug und den Willen hat, seine Karriere durch ein zur Situation passendes Handeln, gewissermaßen den subjektiven „Helmut-Schmidt-Moment“, zu fördern.
Zweitens betritt ein solcher Akteur tatsächlich die Bühne des Geschehens. Er hat eine wichtige oder gar ausschlaggebende Führungsposition inne. Er trifft Entscheidungen, findet Wege zu ihrer Durchsetzung sowie akzeptable Begründungen, die er rhetorisch imposant verficht. Es sieht zusätzlich gut aus, wenn der Akteur deutlich werden lässt, dass er anerkannte Grundwerte beherzigt und vertritt. So hat Schmidt selbst es empfohlen.22 Entscheidungen zu treffen, sie sodann durchzusetzen und argumentativ zu verfechten – diese drei Arbeitsgänge können voneinander getrennt und auch jeweils für sich beurteilt werden. So wachsen die Chancen, bedeutsame Momente auszumachen und zu füllen, „Helmut-Schmidt-Momente“ eben. Olaf Scholz’ Auftritt am 1. Mai 2022 war ein Moment der Rhetorik. Der Kanzler stand auf einer Bühne, die nicht nur sprichwörtlich war. Da sind auch schauspielerische Fähigkeiten und Fertigkeiten gefragt. Helmut Schmidt hat sich zuweilen selbst – halb ernsthaft, halb scherzhaft – als Staatsschauspieler bezeichnet.23
Idealerweise gilt die vertrackte Lage am Schluss als bewältigt, zumindest kurzfristig. Das darf zunächst stets nur erhofft werden, ist aber auch wichtig: Nicht allein für den betreffenden Akteur, sondern auch für die weitere Karriere der Wortschöpfung „Helmut-Schmidt-Moment“.
Mit der wortwörtlichen Forderung nach „Helmut-SchmidtMomenten“ hat sich bisher vor allem Olaf Scholz konfrontiert gesehen. Eine Ausnahme findet sich 2020. Da fühlte sich ein Unternehmer dazu berufen, Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher darauf aufmerksam zu machen, dass ihm durch gelungenes Corona-Krisenmanagement ein „Helmut-Schmidt- Moment“ winke, ausdrücklich in Anspielung auf die legendäre Rolle, die Helmut Schmidt während der Sturmflut gespielt habe.24 Sehnsucht nach Helmut Schmidt ist nicht nur anlässlich der Corona-Krise mehrfach zum Ausdruck gekommen; sie hat sich auch nicht immer ausdrücklich im Verlangen nach „Helmut-Schmidt-Momenten“ geäußert. Dem Sinn gemäß allerdings doch.
Nach dem Ahrtal-Hochwasser wurde im Mainzer Landtag ein Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe eingesetzt. Dirk Herber (CDU), Obmann des Gremiums, stellte in der Tagesschau am 9. April 2022 fest, es habe sich gezeigt, dass Rheinland-Pfalz über keinen Helmut Schmidt verfüge. Die Verantwortlichen hätten sich „weggeduckt“. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo vermisste Helmut Schmidt nach dem 24. Februar 2022, weil er sich gern von ihm darüber hätte ins Bild setzen lassen, was Putin in dem von ihm begonnenen Angriffskrieg nun weiterhin vorhabe.25 Welcher Schmidt wäre als Ratgeber denn nun aber bevorzugt worden – der Schmidt, der in seinen letzten Jahren die Zeit zierte, rund ein Jahrzehnt zuvor, oder jener Schmidt, der in den 1970ern die bundesdeutsche Außenpolitik verantwortete, ein halbes Jahrhundert zuvor?
„Helmut-Schmidt-Momente“ – vielseitig verwendbar
Helmut Schmidt hat zu Recht bemerkt: „Wenn zwei Menschen sich auf ein gemeinsames Vorbild verständigen, meinen sie noch lange nicht dasselbe.“26 Mehr noch: Zwei Menschen können einander sogar vorwerfen, das Vorbild missverstanden zu haben, äußerstenfalls zu instrumentalisieren.
Das Konstrukt der „Helmut-Schmidt-Momente“, einmal in die Welt gesetzt, steht jedermann zur Verfügung. Schmidts imposantes Image unterliegt keiner Gebrauchsbeschränkung. Schon gar nicht kann ein Journalist davon abgehalten werden, ein gegenwärtiges und ein vergangenes Vorkommnis nebeneinander zu stellen und an ihnen mehr Übereinstimmungen als Unterschiede festzustellen.
Am 25. Oktober 2023 verknüpfte der Autor eines Artikels im Magazin Focus die aktuell von der Terrormiliz Hamas versteckten Geiseln, unter denen sich auch Deutsche befanden, mit den RAF-Geiseln des Jahres 1977. Der Autor sah sich an ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte erinnert und stellte einen Vergleich an: Helmut Schmidt konnte 1977 mit einem so versierten Unterhändler wie Hans-Jürgen Wischnewski aufwarten – jetzt aber: „Die Regierung Scholz verfügt nach allem, was bekannt ist, über keinen Verhandler dieses Kalibers.“ Focus hatte den Artikel aus dem Online-Magazin The European übernommen. Er erschien auch in der rechts stehenden Schweizer Weltwoche, wo im Titel gefragt wurde: „Was tun Außenministerin Annalena Baerbock und Kanzler Olaf Scholz?“ 27
Bereits am 15. Oktober hatte ein „Krisenexperte“ in der Braunschweiger Zeitung rhetorisch gefragt: „Wo ist eigentlich Helmut Schmidt, wenn man ihn braucht?“28 Olaf Scholz habe die Woche zuvor mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron am Hamburger Elbstrand Fischbrötchen verzehrt, während in Israel deutsche Touristen und Schüler auf ein Evakuierungsflugzeug hofften. Da habe sich Scholz einen „Laschet-Moment“ geleistet – so bezeichne man das mittlerweile in der Krisenforschung, unter Bezugnahme auf ein Foto vom 17. Juli 2021, das den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet 2021 um den erhofften Erfolg gebracht hatte: Laschet war am falschen Ort in ein Lachen ausgebrochen.
Von Scholz’ und Macrons „Fischbrötchen-Diplomatie“ nebst Bad in der Menge waren am 9./10. Oktober 2023 mehrere Fotos entstanden. Eines davon, worauf Scholz in einer wenig vorteilhaften Positur zu sehen ist, hatte kurz darauf der 2021 als Bild-Chefredakteur entlassene Julian Reichelt im Portal Nius verbreitet – kombiniert mit dem Foto eines gequälten Hamas-Opfers und mit einem Foto Helmut Schmidts. Der Kommentar: Helmut Schmidt habe während der Geiselnahmen 1977 eine angemessen stoisch-steinerne Mine gezeigt. Scholz aber sei sich des Ernstes der jetzigen Lage nicht bewusst. Man sehe „den Bundeskanzler glucksend und kichernd ein Fischbrötchen mampfen.“ Am Oktober 2023 setzte Nius nach – mit einem Kommentar, der zunächst an Schmidts Heldentaten von 1962 und 1977 erinnerte. Es ging nicht darum, Scholz ein Vorbild vorzuhalten. Die Intention bestand vielmehr darin – wie im Titel bereits angekündigt –, den Kanzler verächtlich zu machen: „Für Scholz würde Schmidt sich schämen.“29 Die genannten Artikel sind in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge zitiert worden. Focus und Braunschweiger Zeitung haben nicht darauf verzichtet, populistische Anwürfe aufzugreifen.
„Helmut-Schmidt-Momente“ – typisch, vorbildlich oder gigantisch
Schmidt selbst hat 2008 und öfter gemahnt, er wünsche nicht, zum „öffentlichen Vorbild“ erklärt zu werden, und das sollte heißen: Nicht unter jedem beliebigen Aspekt: Politiker sollten – wie andere Menschen auch – „auf ihrem Felde“ Vorbild sein, aber „nicht auf sämtlichen Feldern menschlichen Lebens“.30 Die Mahnung fiel großzügig aus, denn über so manche Merkmale, die an einem Akteur auf Schmidts ureigenem „Felde“, in der Politik, ausgemacht werden, kann so mancher Streit entstehen. Schmidts Appell dürfte auch aus einem weiteren Grund nicht überall fruchten: Das Wort „Vorbild“ wird im Alltag oft ungenau verwendet.
Häufig fehlt eine präzise Abgrenzung zu benachbarten Begriffen, wie „Typ“ und „Idol“.
Zunächst kann ein Mensch durch bestimmte, wiederkehrende Handlungen auffallen. Sie werden irgendwann von ihm erwartet und zu seinen Merkmalen gezählt. Wenn sie sich wieder einstellen, können Zeitgenossen kommentieren, jener Mensch habe sich einmal wieder von seiner „typischen Seite“ gezeigt – sei sie nun vorteilhaft oder negativ. Das Urteil „Typisch Schmidt!“ ist ambivalent. Versteht man es positiv, ergibt sich die Möglichkeit zur Identifikation.
Eine Vorbildrolle und -funktion wird einem Akteur aufgrund der überzeugenden Art und Weise zugeschrieben, wie er sich in einer ursprünglicheren, primären Rolle oder Funktion verhält – als Elternteil oder Kind, als Fußballspieler oder -zuschauer, als politischer Mandats- oder Amtsträger. Sind seine Bemühungen wiederholt von Erfolg gekrönt und werden ihm mehrmals Verdienste bescheinigt, dann kann er zum Protagonisten aufsteigen. Er bekommt ein Abbild seiner selbst an die Seite gestellt, modelliert unter dem Aspekt eben jener Erfolge und Verdienste, und er wird – zusammen mit diesem Abbild – als Vorbild empfohlen.
