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Du bist über 60 und stehst vor einer wichtigen medizinischen Entscheidung? Oder kennst jemanden, der sich in dieser Situation befindet? "Vorsicht Operationen - Nichts für Ältere" ist mehr als nur ein Buch - es ist ein wertvoller Wegweiser, der die Medizin durch die Augen des älteren Patienten betrachtet. Das Werk baut auf dem renommierten Vorgänger "Unnötige Operationen – Beispiele und Alternativen in der Orthopädie und Unfallchirurgie" auf und beleuchtet, wie ältere Menschen im heutigen Gesundheitssystem oft marginalisiert werden. Es deckt auf, dass die Entscheidung zur Operation oft nicht nur auf medizinischen, sondern auch auf gesellschaftlichen Kriterien basiert, die nicht immer im besten Interesse des Patienten sind. Mit 147 Seiten prall gefüllt mit klaren Diagrammen, Bildern und verständlichen Erläuterungen, zeigt dieses Buch allgemein zugängliche Informationen auf. Es nutzt dabei verlässliche Zahlen und Statistiken von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, damit jeder die Aussagen selbst überprüfen kann. Es geht über die reine Theorie hinaus und stellt praxisnahe Alternativen zu invasiven Untersuchungen wie der Herzkatheteruntersuchung oder Coloskopie vor. Erfahre, welche schonenden Methoden oft übersehen werden und warum einige Verfahren älteren Menschen vorenthalten werden, während andere riskanteren Altersgruppen vorgeschlagen werden. Doch es geht nicht nur um Operationen. Das Buch berührt auch sensible Themen wie die Isolation älterer Menschen in Seniorenheimen während einer Pandemie. Es rückt den älteren Patienten ins Zentrum und zeigt auf, wie medizinische Entscheidungen oftmals aus einer gesellschaftlichen Perspektive getroffen werden und nicht immer im Einklang mit den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen stehen. Dieser Ratgeber ist essentiell für jeden, der sich oder einen Angehörigen im Alter bestmöglich schützen möchte. Investiere in dein Wohlergehen und deine Gesundheit. Sichere dir oder deinen Lieben ein informiertes und selbstbestimmtes Leben im Alter mit "Vorsicht Operationen - Nichts für Ältere".
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2023
Vorsicht Operation – nichts für Ältere
Philipp Roth
Der Autor
Philipp Roth ist in Würzburg geboren und war nach Studium von Humanmedizin und Jura an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und der Freien Universität in Berlin zunächst beruflich viele Jahre in Berlin und Potsdam tätig. Als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht ist Philipp Roth in Mainz niedergelassen. Gerichtsverfahren wegen möglichen Behandlungsfehler oder fehlende Kostenübernahmen der Krankenkassen sind häufig Auseinandersetzung seines Berufsalltags. Als gerichtlich bestellter Betreuer seiner Mutter kennt er die Hürden und Probleme, die insbesondere in der Corona-Phase offenkundig wurden. Die Übermacht der Operationen ist in seinem vorherigen Buch der Orthopädie und Unfallchirurgie „Unnötige Operationen in der Orthopädie und Unfallchirurgie“ eindrucksvoll beschrieben. Philipp Roth plädiert für eine Medizin mit Würde.
Cover
Titelblatt
Vorwort
Operationen und Eingriffe
Medizinische objektive Bedingungen bestimmen die subjektive Entscheidung
Rationierung und Priorisierung medizinischer ambulanter Leistungen oder: Wie gehen wir mit Älteren um?
Die Corona-Pandemie veränderte die medizinische Versorgung
Ältere Menschen in der operativen Versorgung
Beispiel für eine altersgerechte Versorgung
Alter und Corona
Patientenwille und Triage
Medikamentöse Therapie und Polypharmazie
Operationen und ihre Grenzen
Bettenbedarfsplan und Altersmedizin
Altersmedizin und Forschung
Altersmedizin ist Individualmedizin
Operationen und Intensivtherapie
Altersdiskriminierung bei Koloskopien
Nachteile bei der Behandlung
Der Herzkatheter
Indikation einer Herzkatheteruntersuchung
Der Ablauf einer Herzkatheteruntersuchung
Welche Risiken hat eine Herzkatheteruntersuchung?
Gibt es konservative Behandlungsmethoden zur Herzkatheteruntersuchung?
Auch das CT bietet eine Alternative
Die Myokardszintigrafie (MSZ)
Fallzahlen
Die Koloskopie (Darmspiegelung)
Gibt es Alterativen zur Darmspiegelung?
Der Stuhltest
Der Bluttest als Alternative?
Wie sinnvoll ist die Koloskopie?
Alternative zur Operation – Rehabilitationsverfahren
Unnötige Gaumenmandeloperationen
Prostata-Operationen
Wofür ist die Prostata zuständig?
Prostatabeschwerden
Die Operation an der Prostata
Welche weiteren Operationsmöglichkeiten gibt es?
Ist eine OP immer nötig?
Schilddrüsenoperationen
An was kann die Schilddrüse erkranken?
Ist eine Operation immer notwendig?
Operationen der Gebärmutter und der Eierstöcke
Welche Probleme kann die Gebärmutter verursachen?
Warum werden trotz Alternativen so viele Gebärmuttern entfernt?
Mögliche Erkrankungen der Eierstöcke
Eierstockkrebs (Ovarial-Karzinom)
Eierstockzyste
Welche Alternativen gibt es?
Komplementäre Therapien
Dialysen
Was ist eine Dialyse?
Welche Aufgaben übernimmt die Dialyse genau?
Welche Arten von Dialyse gibt es?
Wann ist eine Dialyse notwendig?
Gibt es Alternativen zur maschinellen Blutwäsche?
Kann Dialyse unnötig sein?
Hautkrebs – Zu viele unnötige Operationen?
Das Hautkrebsscreening – sinnvoll oder nicht?
IGeL – Individuelle Gesundheitsleistungen bzw. Selbstzahlerleistungen
Die Zahnaufhellung
Die professionelle Zahnreinigung (PZR)
Nasenoperationen
Ist eine Operation unbedingt notwendig?
Was kann man selber tun?
Schnarchfrei durch Operation
Gaumen und Gaumensegel
Die Verkürzung des Zungengrunds
Der Zungenschrittmacher
Der Luftröhrenschnitt
Ausblick auf ein modernes Gesundheitssystem
Stichwortverzeichnis
Quellenverzeichnis
Urheberrechte
Cover
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Vorwort
Quellenverzeichnis
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Vorwort
Nach der Herausgabe meines Buches Unnötige Operationen – Beispiele und Alternativen in der Orthopädie und Unfallchirurgie,1 hatten wir Diskussionen, wie es den in anderen medizinischen Bereichen mit alternativen Behandlungsmethoden aussieht.
Die Zeit, ein Buch zu schreiben, um dieses Thema zu bearbeiten, ist auch für mich nicht immer so einfach zu finden. Die Praxis, die ich zuletzt einige Jahre mit einer Kollegin geführt habe, habe ich zwar meiner Nachfolgerin übergeben, dennoch bin ich als Rechtsanwalt tätig. Natürlich vertrete ich mit Schwerpunkt Medizinrecht alle Themen, die man sich vorstellen kann: Behandlungsfehler, Probleme mit der Ärztekammer oder mit den Krankenkassen. Die Situation bei den Privatkrankenkassen scheint sich zu verschärfen, denn da sind zunehmend mehr Anfragen von Patientinnen und Patienten, die auf nicht übernommenen Kosten sitzen bleiben.
Das Buch wird wieder über einen Selfpublishingverlag veröffentlicht, bei dem man sehr viel Zeit neben dem Schreiben haben muss, um ein Buch zu erstellen. Für die Recherchen, die Textprüfungen mit Korrekturen und den Buchsatz habe ich mir Hilfe geholt. Erik Kinting, ein professioneller Lektor, hat mich sehr gut unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin.
Natürlich gibt es die Probleme mit unnötigen Operationen auch in allen anderen Fachbereichen. Deshalb habe ich mich entschieden, meinen Lesern einige Beispiele und grundsätzliche Hinweise zu geben, inwiefern es auch in anderen Bereichen der Medizin außerhalb der Orthopädie und Unfallchirurgie zu Operationen kommt, die nicht nötig sind, und wie man mit dem Problem der mitgeteilten Diagnose und der Empfehlung einer Operation umgehen kann.
Der Titel des Buches – Vorsicht Operation – ist eine Aufforderung, die ermahnt, dass eine Entscheidung ansteht. Die Entscheidung, ob man sich operieren lässt oder nicht, ist nicht nur eine Frage mit subjektiver Entscheidungsmöglichkeit. Der Rahmen, in dem eine Entscheidung fällt, bestimmt immer mehr unsere Entscheidungsmöglichkeit. Daher ist es nicht möglich, eine einfache Antwort zu geben, da die Entscheidungsinstrumente immer geringer werden. Wenn keine Ärzte da sind, können wir auch die Frage lassen, da sich sowieso nichts ändert. Ein Blick auf unseren Rahmen der Entscheidung ist daher auch nötig.
Unser gutes Gesundheitssystem steht bald an einem Wendepunkt zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft. Wir stehen noch nicht unmittelbar davor, aber wir nähern uns mit Schritten. Besonders mit Karl Lauterbach als SPDler ist ein Mann an der Spitze eines Ministeriums, der schon zu Ulla Schmidts Zeiten, der früheren Gesundheitsministerin der SPD, wesentliche Pflöcke der Planwirtschaft eingeschlagen hat. Herr Lauterbach als Gesundheitsminister setzt diese Linie fort, sodass die Niedergelassenen, insbesondere die Fachärzte, mit gesetzlichen Änderungen belastet werden. Herr Lauterbach favorisiert ein ambulantes System nur mit Hausärzten und ohne Fachärzte.
Dabei hat im Winter 2022 die Krise mit den Kinderärzten gezeigt, wohin es führt, wenn man eine Politik gegen die ambulanten Versorger – nämlich die niedergelassenen Ärzte – betreibt. Kinder und ihre Eltern hatten massive Probleme, bei der Zunahme der Infektionen mit RS-Virus einen Kinderarzt zu finden. Die Kinderärzte haben das erwünschte Ergebnis, nämlich Kontingentierung des Supports als Folge der Budgetierung und einem wesentlichen Element einer Planwirtschaft, praktisch gelebt. Ein Gesundheitssystem, das seit Horst Seehofer, früherer CSU-Gesundheitsminister, drastisch beschnitten wurde, kommt nicht mehr auf die Füße, wenn es wie jetzt bei der krassen Infektionswelle gefordert wird. Ebenso zeigen auch die fehlenden Medikamente 2022 in unserer Republik, dass nicht nur die unterbrochenen Lieferketten nach Asien, insbesondere nach China, zu massiven Versorgungsschwierigkeiten geführt haben. Ein Gesundheitssystem, das man kaputtspart – nach dem Motto es geht noch billiger, z. B. mit den Rabattverträgen der Kassen mit den Arzneimittelfirmen bei Generika-Medikamenten – kollabiert dann, wenn lokale Anbieter nicht mehr existieren. Es gab in den letzten Monaten keine Firma, die Ibuprofen oder ASS in Deutschland herstellen konnte, in Europa auch nicht. Es gab Antibiotika nur noch in begrenztem Umfang. Zu viel gesetzgeberisches Diktat in die Marktwirtschaft und ein Überwiegen der Planwirtschaft führen zu solchen Ergebnissen.
Mein Thema ist allerdings ein zentraler Aspekt, nämlich die Versorgung der Bevölkerung mit Operationen.
In diesem Buch versuche ich Ihnen aufzuzeigen, dass eine Operation nicht immer die einzige Lösung ist. Wir werden uns auch ansehen, wie die Zahlen von Operationen und konservativen Behandlungen im internationalen Vergleich aussehen.
Konservativ, an Bewährtem festhalten, bedeutet keinesfalls, nicht mit der Zeit zu gehen. Ganz im Gegenteil, denn am Ende ist es wichtig, dass dem Patienten geholfen wird, dass er in Zukunft selbstständig entscheiden kann.
Eine konservative Behandlung ist außerdem viel schonender, da sie mit Medikamenten und physikalischen Behandlungen durchgeführt wird, ohne dass der Patient einen körperlichen Eingriff über sich ergehen lassen muss.
Vielleicht hilft dieses Buch, selber um eine Operation herum zu kommen, wenn eine konservative Behandlungsmethode geeignet ist, auf die man als Laie vorher gar nicht gekommen wäre.
Nicht immer ist es möglich, eine Operation zu vermeiden, somit zur Klarstellung: Es gibt durchaus viele sinnvolle und notwendige Operationen. Ich bin auch kein Operationsgegner, aber es wird leider viel zu viel operiert.
Durch die Betonung der Vergütung zugunsten von Operationen kommt es auch zu schleichenden Veränderungen bezüglich der Selektion. Verantwortlich für die Selektion und die damit einhergehende Diskriminierung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen sind mehrere Mechanismen. Daher wird das klassische medizinische Thema immer wieder unterbrochen von einer Perspektive, Operationen nicht nur unter rein medizinischen Fragen zu betrachten.
Ich werde versuchen, möglichst wichtige Fächer innerhalb der Medizin anzusprechen, um Ihnen aufzuzeigen, dass es eigentlich kein Fach gibt, wo man nicht Eingriffe vermeiden kann.
Nichtsdestotrotz muss auch gezeigt werden, dass es systemische Fehler im Gesundheitsbereich gibt, weswegen operative Fächer dominieren, das System Operationen fördert und nicht operative Leistungen unterrepräsentiert sind. Es soll auch gezeigt werden, dass Unterlassung von notwendigen Operationen ebenso eine Benachteiligung von Patienten sein kann, denn paradoxerweise werden bestimmte Operationen bestimmten Gruppen vorenthalten, während andere Gruppen ein Überangebot erhalten.
1 tredition Verlag, ISBN 978-3-347-25849-5 und ISBN 978-3-347-25848-8
Operationen und Eingriffe
Ich benutze die Begriffe Operationen und Eingriffe in den nächsten Kapiteln identisch, da es sich um medizinische Methoden handeln, die die körperliche Integrität betreffen.
Der Begriff Operationen wird heutzutage auch in anderen Bereichen benutzt, so bei den Militärs, Informatikern und Managern. Üblicherweise wird im medizinischen Bereich hiermit eine Durchtrennung der Haut verbunden. Eine Punktion ist zwar auch eine Durchtrennung der Haut, wenn auch nur punktuell, Punktion wird aber dennoch nicht als Operation verstanden, ebenso wenig eine Blutabnahme. Juristisch ist eine Blutabnahme ein Eingriff in die körperliche Sphäre.
Durch den medizinischen Fortschritt kommt es immer mehr dazu, dass man auch ohne Hautschnitt operieren kann. So kann man über die Harnröhre in der Blase operieren, ohne die Haut zu durchtrennen. Auch Lasern kann eine Operation sein, ohne die Haut zu durchtrennen.
Eingriffe sind in der Regel ohne Hautverletzung und stellen dennoch oft erhebliche Eingriffe in die körperliche Integrität dar. Beispielhaft sei die Darmspiegelung genannt. Dieser schwierige Eingriff ist auch mit Komplikationen verbunden und hat daher für mich das gleiche Gewicht wie eine Operation. Patienten verbinden das Risiko gerne analog zur Größe des Hautschnitts. Diese Schlussfolgerung ist nicht zulässig, denn auch ein Eingriff wie eine Lungenspiegelung kann erhebliche, ja, lebensgefährliche Folgen haben.
Medizinische objektive Bedingungen bestimmen die subjektive Entscheidung
Das Buch kann nicht ohne Hinweise darauf auskommen, dass wir eben nicht eine Medizin praktizieren, die Menschen nicht hilft, sondern eher schadet. Denn alle Ärzte haben mal Medizin studiert mit dem Ansinnen, eine nützliche Tätigkeit auszuüben. Aber auch Patienten müssen sich fragen, ob sie dem Bereich Medizin nicht zu wenig Beachtung schenken, denn das Interesse ist deutlich geringer als bei anderen Themen in der Gesellschaft. Corona, Klimawandel und Bildungspolitik scheinen mehr Beachtung zu finden als die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Daher muss auch eine gesellschaftsbezogene Analyse erfolgen; warum es zu dieser Entwicklung gerade in der ambulanten Medizin kam.
Daher ist die Entwicklung der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) im Gesundheitssektor von erheblicher und zentraler Bedeutung. Der Begriff Zeitenwende von Olaf Scholz für den Ukraine-Krieg ist sicherlich im Bereich der Medizin ebenfalls naheliegend. Ulla Schmidt, ehemalige Gesundheitsministerin der SPD, hat das Modell der MVZ eingeführt. Die Kooperationsform MVZ wurde mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz im Jahr 2004 in die vertragsärztliche Versorgung eingeführt. Die gesetzliche Grundlage für MVZ ist der § 95 des fünften Sozialgesetzbuches. Modell war das DDR-Poliklinik-Modell. Es bedeutet einen Systemwechsel in der Bundesrepublik, denn was vorher die Alleinherrschaft der Niedergelassenen war, hat ernste Konkurrenz bekommen.
Demnach gab es in ganz Deutschland Ende 2020 rund 3.850 Einrichtungen, knapp 300 mehr als im Vorjahr. Der Auswertung zufolge sind bundesweit knapp 23.650 Ärzte in MVZ tätig, im Durchschnitt 6,1 Ärzte pro Einrichtung. Davon sind wie im Vorjahr 8,0 Prozent Vertragsärzte, alle anderen sind angestellt. Rund 63 Prozent der in MVZ angestellten Ärzte arbeiten in Teilzeit. Insbesondere bei investorenbetriebenen MVZ besteht aufgrund der vorliegenden Gesetzeslücken die Gefahr, dass die freie Arztwahl durch die marktbeherrschende Stellung von MVZ und deren Ketten eingeschränkt wird. Auch die Niederlassungsfreiheit leidet darunter, dass selbstständige Ärztinnen und Ärzte mit den von MVZ in Nachbesetzungsverfahren bezahlten Preisen nicht mehr mithalten können. Schließlich bringen solche Konzentrationsprozesse nicht zu vernachlässigende Ballungsrisiken mit sich, wenn sich die ärztliche Versorgung in einer Region, in einem Fachbereich, bei einem Anbieter konzentriert.
Investoren geht es in der Regel um Rendite und nicht um die Versorgung der Bevölkerung. Die Räumlichkeiten sind uninteressant, man will die Kassenzulassung. Im Kauf der Zulassungen können junge Ärzte und Ärztinnen nicht mit den Konzernen konkurrieren und haben das Nachsehen.
Natürlich sollten Praxen denen gehören, die in der Praxis arbeiten. Inzwischen ist der Eigentümer – wenn man überhaupt herausbekommt, wer hinter dem Finanzkonstrukt steckt – nicht der, der in der Praxis arbeitet. Man kauft noch evtl. einen Promi-Arzt ein, der seinen Namen hergibt, und stellt junge Ärzte an, die sinnlos unnütze Behandlungen anbieten sollen, um so die Profitziele der Konzerne zu bedienen. Sogenannte Heuschrecken kaufen sich zunehmend in Arztpraxen ein, was die Gesundheitsversorgung unmittelbar betrifft. Finanzinvestoren haben mit dem Modell MVZ das Einstiegstor erhalten. MVZ unterscheidet nämlich zwischen Inhaberschaft und ärztlicher Tätigkeit. Besonders bei der Veräußerung von Praxen melden sich Finanzinvestoren. So prahlen die Investoren, dass sie höhere Kaufpreise zahlen als niederlassungswillige Ärzte. Laut Bundesärztekammer befanden sich 2018 von rund 2500 MVZ etwas 420 schon in den Händen von Finanzinvestoren. Die Zahl und der Anteil der MVZ der fondsbasierten Equity-Gesellschaften steigen von Jahr zu Jahr.
Neben diesen Aspekten stellen auch die Renditeorientierung und die damit verbundene Rosinenpickerei ein Problem dar: Wie verträgt sich ein Primat des Gewinnstrebens etwa mit der Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen? Was folgt daraus für das Arzt-Patienten-Verhältnis? Die Entscheidung, ob jemand operiert wird, wird vor dem Arzt-Patienten-Gespräch getroffen. Es fängt schon damit an, ob man eine konservative Abteilung einrichtet oder nicht. Es geht weiter, ob ein Arzt mit Prämien für ein gutes wirtschaftliches Jahr belohnt wird, also dafür, dass viele Operationen durchgeführt wurden. Daher sind scheinbar persönliche Entscheidungen des Patienten vorab von Dritten entschieden worden, ohne dass der Patient mitentscheiden konnte.
Schließlich: Ist es tragbar, dass die Betreiber dieser MVZ, die ihren Sitz meist in Steueroasen haben, ihre Renditevorstellungen aus den Mitteln des solidarisch finanzierten Gesundheitswesens realisieren? Wie kann die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen der in einem MVZ tätigen Ärztinnen und Ärzte geachtet werden und die Freiberuflichkeit als Garant für eigenverantwortliche ärztliche Entscheidungen weiter gestärkt werden? Wie kann eine marktbeherrschende Stellung investorenbetriebener MVZ verhindert werden?
Eine Erbsünde war es, MVZ einzurichten. Man hat mit dieser Zeitenwende eine völlig falsche Gesundheitspolitik eingeschlagen. Reformen am System MVZ werden nicht das grundsätzliche Problem ändern, nämlich dass die Freiberuflichkeit konterkariert wurde und der positive Effekt für Patienten, nämlich unmittelbare Verantwortung des Arztes gegenüber dem Patienten, Schaden genommen hat. Ein Patient muss sich im Falle eines Gesundheitsschadens mit anonymen Gesellschaftern herumärgern. Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung, die früher die direkte Aufsicht über den Behandler hatten, sind machtlose Organe geworden.
Rationierung und Priorisierung medizinischer ambulanter Leistungen oder: Wie gehen wir mit Älteren um?
Ein gutes Beispiel, wie ungerecht medizinische Leistungen verteilt werden, ist der Umgang mit älteren Menschen in unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft zeigt ihr wahres Gesicht dabei, wie sie mit den Minderheiten umgeht.
Vermutlich denken Sie, dass Altersdiskriminierung nur in anderen Bereichen vorzufinden sei und kein spezifisches Thema der ambulanten und stationären Medizin wäre. Auch hier hat Corona offenbart, dass es erhebliche Defizite bei Medizinern gibt, die ältere Mitmenschen bei der Verteilung medizinischer Leistungen benachteiligen. Daher der Untertitel Nichts für Ältere, denn durch die weitere Bearbeitung des Buches stellte sich heraus, dass wir mit einer zunehmenden Diskriminierung älterer Menschen zu tun haben.