Vorteil alt - Renate Brackhahn-Witt - E-Book

Vorteil alt E-Book

Renate Brackhahn-Witt

0,0

Beschreibung

Irgendwann passiert es. Jedem. Man wird alt. Einfach so. Eben noch feierten wir unseren fünfzigsten Geburtstag, und ehe wir uns damit abfanden, dass nun mehr Lebenszeit hinter als vor uns liegt, wurden wir sechzig....fünfundsechzig.......Es liegt an uns, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen. Ob wir in Schockstarre verfallen oder das Altern als ein weiteres Abenteuer mit dem Namen "Mein Leben" sehen. Das Buch beschreibt humorvoll und sachkundig 13 Möglichkeiten das Alter nicht als ein "Weniger", sondern als ein "Plus" zu entdecken - die Realität zu akzeptieren und die Vision zu leben - jetzt!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Renate Brackhahn-Witt, Jahrgang 1944, hat als Cutterin, Regieassistentin und Redakteurin beim NDR gearbeitet. Später gründete sie ihre eigene Filmproduktion, schrieb Drehbücher und führte Regie bei Serien, Fernsehspielen und Werbung. Sie hat sich in systemischer Arbeit weitergebildet und ist Trainerin im Bereich Lebensberatung. 2006 erschien im nymphenburger Verlag ihr Sachbuch „Der abwesende Mann – Hoffst du noch oder spricht er schon?“. Renate Brackhahn-Witt lebt als Autorin in Hamburg.

Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, dann regnet es auch.

Karl Valentin

Auf das Alter bezogen, würde Karl Valentins Spruch so lauten:

Ich freue mich, dass ich alt bin, denn wenn ich mich nicht freue, dann bin ich auch alt.

Damit ist alles gesagt.

Sie können das Buch wieder schließen.

Karl Valentin: Sämtliche Werke

© Piper Verlag GmbH, München

… ABER, FALLS SIE DOCH ETWAS MEHR ERFAHREN WOLLEN, ERWARTET SIE FOLGENDES:

Vorteil oder Nachteil? Sie entscheiden!

Grundsätzliches:

altSEIN Werte, Bewertungen und andere Misslichkeiten

jungSEIN Scham, Schuld und sonstige Unzulänglichkeiten

DREIZEHN MÖGLICHKEITEN UND MEHR …

Möglichkeit:. Alter und Lebensqualität

Möglichkeit: Alter und Authentizität

Möglichkeit: Alter und Genuss

Möglichkeit: Alter und Vollkommenheit

Möglichkeit: Alter und Gelassenheit

Möglichkeit: Alter und Wertschätzung

Möglichkeit: Alter und Ehrlichkeit

Möglichkeit: Alter und Anerkennung

Möglichkeit: Alter und Stille

Möglichkeit: Alter und Freiheit

Möglichkeit: Alter und Sinn

Möglichkeit: Alter und Liebe

Möglichkeit. Alter und Humor

ZUM SCHLUSS, bis in die Sterne hinein …

Literaturangaben

Vorteil oder Nachteil? Sie entscheiden!

Alles, was wir sind, ist das Ergebnis unserer Gedanken.

Der Geist ist alles.

Was wir denken, dazu werden wir.

Buddha

Am 26. März 2006 um 14:15 Uhr bin ich alt geworden. Ich stand vor einem Spiegel und sah meine Mutter. „Jetzt ist es soweit“, dachte ich. An diesem Tag war ich seit zwei Jahren 60. Es war an der Zeit mit dem Jungsein aufzuhören.

Das Alter gilt heute als Bedrohung, eine lebensgefährliche Zeit, deren sichtbaren Spuren vertuscht werden müssen. Wer glaubt, dass gutes Altern – nicht Altern bedeutet, lebt in einer selbstschädigenden Illusionsblase, die ihn daran hindert, diesen dritten Lebensabschnitt auch als Chance, als Abenteuer und als Vorteil zu erkennen.

Heute, da viele Menschen ihrem negativen Beharrungsvermögen besonders ausgeliefert sind, muss meine Behauptung, es gäbe irgendwelche Vorteile alt zu sein, als totaler Schwachsinn erscheinen. Und ich muss zugeben, sie haben Recht; weil aber nichts so vieldeutig ist wie das Leben, zugleich auch Unrecht. Denn, wenn wir uns ehrlich erinnern, es gab auch recht wenig Vorteile in der Pubertät zu stecken, als 30-Jährige verunsichert im Meer der Möglichkeiten zu schwimmen, als 40-Jährige mit peinvollen Blessuren durch Midlifecrisis und das Klimakterium zu gelangen und ab fünfzig sowieso schon durch den Produkttest „jung und flexibel“ zu fallen. Folglich ist es sehr leicht, zu der festen Überzeugung zu gelangen, dass auf diesem eigenartigen Planeten zwischen Steuererklärung, Zahnreinigung und Beziehungsdramen überzeugende Vorteile zu leben äußerst selten sind.

Dementsprechend bedeutet für die meisten von uns Leben, sich von einem Nachteil, von einer Einschränkung, von einer Enttäuschung zur nächsten durchzuwuseln, ohne je wirklich die geringste Ahnung gehabt zu haben, worum es hier eigentlich geht, was das Ganze soll und wozu die Menschheit 992.006 unterschiedliche Handytaschen braucht. Zu allem Überfluss schmelzen auch noch die Pole, Beziehungen haben immer kürzere Verfalldaten, die globalen Märkte implodieren, Terroristen erschießen wehrlose Konzertbesucher, Schurkenstaaten basteln sich ungestört Atombomben. Wer von uns noch einen Rest Verstand besitzt, sollte erleichtert über die Gnade seines baldigen Todes sein.

Zu dieser privilegierten Kohorte, die 60 Jahre und älter ist, gehören außer mir in Deutschland ca. 16 Millionen Männer und Frauen. Wir sind heute schon 20 Prozent der Bundesbevölkerung, im Jahr 2050 wird sich diese Altersgruppe auf fast 40 Prozent beinahe verdoppeln.

Im Gegensatz zu früheren Generationen sind „die“ Alten heute keine homogene Gruppe mehr, deren Zugehörigkeit an Gesundheitsschuhen und Resignation zu erkennen war. Vor allem wir Frauen entfernten uns am radikalsten von der Mutti-Generation unserer Vorfahrinnen. Einst boxten wir die Emanzipation durch, konnten bestimmen, ob wir schwanger werden wollten oder nicht, waren berufstätig, heirateten und ließen uns scheiden, hatten Kinder, Affären und Erfolg. Diese Frauengeneration ist weiterhin vital, mobil, neugierig, vielfältig interessiert, größtenteils finanziell abgesichert und stampft jetzt auch das Alter in seiner bisherigen Form in den Mülleimer der Geschichte. Wenn auch zögerlicher, so sind doch auch immer mehr Männer über 60 dabei, den Opi in sich einzutauschen gegen einen vitalen Silver-Ager, der auf die Heckklappe seines neuen Mini’s stolz schreibt: Rente 2016.

Wir neuen Alten sind die Trendsetter für ein junges Altsein. Wir sind selbstbewusst, wir sind mächtig, wir sind leistungsfähig, wir sind gut drauf und haben den Belastungstest „Leben“ zwar mit etlichen Wunden, aber trotzdem erfolgreich bestanden. Nun schenkt den meisten von uns der Lebensabschnitt Alter zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit nicht nur eine Dauer von 20 bis 30 Jahren, sondern auch die Möglichkeit selbstbestimmt alt zu sein.

Dieses Geschenk als Vorteil zu erleben bedarf es einzig und allein einer Wahl: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen glücklich zu sein.“ Was schon Voltaire vor 300 Jahren erkannte, ist für uns neue Alte die ebenso pragmatische wie revolutionäre Grundregel der Lebenslust. Wir entscheiden uns, ob unser Leben ein Drama oder eine Komödie ist, ob wir uns mit Karl Valentin über den Regen freuen oder nicht, ob wir unser Altsein als mühevoll, deprimierend erleben oder gerade, weil es voller Tücken, Probleme und Widrigkeiten ist, als ein weiteres großes, aufregendes Abenteuer mit dem Namen „Mein Leben.“ Beide Sichtweisen sind richtig, nur, dass wir uns mit dem Blick auf die Vorteile einer Situation eindeutig besser, wohler und zufriedener fühlen.

Bedauerlicherweise bremst unser Hang zur Bequemlichkeit auch noch im Alter jede Veränderung aus. So halten wir es entweder für uns nicht machbar oder schlichtweg Selbstbetrug, die allzu offensichtlichen Nachteile und Einschränkungen unseres Lebensabschnitts Alter als Vorteil erkennen zu können. Mag sein, dass der Eine oder Andere sich in seiner Opferrolle recht gemütlich eingerichtet hat und diese vertraute Seelenkuschelecke am Ende seines Lebens nicht verlassen will. Mag sein, dass man glaubt, zwischen Darmspiegelung und Senioren-Yoga nicht genug Zeit zu haben. Mag sein, dass man sich schlicht für zu intelligent für solche Erlösungsvisionen hält und einen hinterhältigen Wohlfühlzwang wittert. Sollten Sie der einen oder anderen Meinung sein, empfehle ich Ihnen, verschwenden sie nicht weiter ihre knapper werdende Restzeit und werfen sie dieses Buch in den Müll. Jetzt.

Allen Anderen sei gesagt, jeder kann sein Denken verändern! Wie? Dies ist eine geniale Möglichkeit der Selbst-Programmierung unseres Geistes, eine Art Super-App, genannt Neuroplastizität, die es ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit wie den Strahl einer starken Taschenlampe vom Mangel, dem Negativen einer Situation auf das Positive, die Fülle, zu lenken. Dabei wird das Problem keinesfalls ignoriert, nur die Bewertung und die Reaktion obliegt uns, dem Betrachter. Diese neue Sichtweise entsteht nicht von heute auf morgen, sondern erfordert Zeit und Geduld – beides steht uns Alten ja angeblich nun ausreichend zur Verfügung.

Wer sich entscheidet, sein Alter nicht als Einschränkung, nicht als Wiederholung des immer Gleichen, sondern als Vorteil zu erleben, den erwarten neue Betrachtungsweisen, Erfahrungen und Möglichkeiten, diesen Abschnitt seines Lebens sinn- und lustvoll zu gestalten. Diese neuen Alten werden sich nicht mehr auf Gesundheitsschuhen still und leise in entlegene Heime verkriechen, sondern zu kühnen Pionieren eines neuen Lebensgefühls werden, das soziales Engagement wie auch individuelle Lebenslust beinhaltet. Ein Paradigmenwechsel hat begonnen – von geduldeten Senioren in Rentnerbeige hin zu selbstbewussten neuen Alten.

Die von mir ohne Anspruch auf Vollständigkeit ausgewählten 13 Möglichkeiten der Lebenslust für Fortgeschrittene, sind die Vorteile des dritten Alters, der 60- bis 75-Jährigen. Wenn wir diese über viele Jahre lang genossen und ausgekostet haben, können wir anschließend gelassen und „lebenssatt“, wie es in der Bibel steht, in den vierten und letzten Lebensabschnitt gehen.

Bis dahin aber stehen uns noch viele Möglichkeiten offen.

Dazu werden wir alt.

Grundsätzliches:

altSEIN Werte, Bewertungen und andere Misslichkeiten

Altwerden ist noch immer die einzige Möglichkeit, lange zu leben.

Hugo von Hofmannsthal

Warum werden wir alt? Antwort: Weil wir nicht jung sterben!

Wozu wir alt werden, ist dagegen sehr viel schwerer zu beantworten, denn es gibt bedauerlicherweise auf diesem putzigen kleinen Planeten auf schwierige Fragen nur selten einfache Antworten. Auch in diesem Buch nicht. Obwohl es durchaus nachvollziehbar ist, dass der postmoderne Einzelne, auch der alte postmoderne Einzelne, sich nach schlichten Erklärungen immer mehr sehnt, denn er blickt trotz Wikipedia kaum noch durch und fühlt sich in unserer immer komplexer werdenden Welt zunehmend alleingelassen und orientierungslos.

Früher … (ich verspreche, diesen nach Jugendneid müffelnden Begriff nur im äußersten Erklärungsbedarf zu benutzen!), also: früher galt ein Bauer als alt, wenn er das 30. Lebensjahr erreichte, ohne dass ihn zuvor ungesunde Begegnungen mit Seuchen, Kriegen und Hungersnöten, mangelhafte medizinische Versorgung oder grausame Arbeitsbedingungen dahingerafft hatten. Wem es trotz dieser, einst durchaus üblichen Lebensumstände gelungen war, 50 oder gar 60 Jahre alt zu werden, der wurde von seinen Nachfahren als unnützer Esser bestenfalls geduldet, schlechtestenfalls, wie in Japan gebräuchlich, von einem hohen Berg hinunter und den hungrigen Raben zum Fraß vorgeworfen. Auch das Aussetzen der lästig gewordenen Alten in einem Wald, wo sie ein sicherer Hungertod erwartete, entsprach einer der vielen Möglichkeiten, die nutzlosen Greise zu entsorgen. In kultivierteren Zonen lehnte man diese doch eher rüden Methoden ab, legte aber vorsichtshalber per Notar genau fest, wie viel, bzw. wie wenig Brot und Fleisch die Alten zugeteilt bekamen, wo sie bei Tisch zu sitzen hatten, wo sie schlafen durften und welcher Anteil am Gemüsegarten ihnen zustand. „Ehret das Alter“ entpuppte sich als eine selten wirksame Beschwörungsformel gegen den brutalen Überlebenskampf an den Fleischtöpfen der Sippe. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ galt Jahrhunderte als political correct, so dass einerseits Kinderarbeit ebenso selbstverständlich war, wie andererseits das möglichst schnelle Ableben arbeitsunfähiger Greise. Alte waren Tote auf Abruf.

Der Mythos vom „Früher ehrte man das Alter“ gehört somit in die sentimentale Verklärungs-Abteilung von „Früher war alles besser“ gleich neben „Früher gab es mehr Lametta“ und entsprach bedauerlicherweise selten den historischen Tatsachen. In der Geschichte der Menschheit ist die Ehrung des Alters stets eine lästige Pflicht gewesen, genau wie die Wertschätzung von Kindern und Frauen, die Toleranz gegen Andersgläubige, die Achtung von Fremden, sowie das Hinhalten der anderen Wange nachdem man auf die eine geschlagen wurde.

Nur unsere prähistorischen Vorfahren und einige Randgruppen – die gerne mit dem Begriff „Wilde“ abqualifiziert wurden und zumeist in zivilisationsfernen tropischen Zonen lebten – glaubten, dass die Ehrung der Alten für das Überleben des Stammes von unverzichtbarem Nutzen sei. Während damals im Mesolithikum vor ca.10.000 Jahren die flinken und potenten Jungen loszogen, um Tiere zu jagen und Frauen zu schwängern, durften sich die gebrechlichen und hinfälligen Alten gemütlich ums Höhlenfeuer setzen und von alten Zeiten schwatzen. Dass sie dabei manch verqueres, unverständliches Zeug redeten, mag in ihrer beginnenden Demenz oder in Hungerödemen begründet gewesen sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass es an dem einen oder anderen kleinen Pfeifchen und Kräutertrank gelegen hat, den die sich selbst überlassenen Alten heimlich genehmigten. Folglich entwickelten sie sich zu wunderlichen Typen. Wie auch in unseren Tagen, ist der Übergang von kauzigen Sonderlingen zu verehrten Bedeutungsträgern fließend, die einst der Sippe – wie heute den Talkshow-Zuschauern – mal klipp und klar, mal mystisch verklärt, kundtun, was eigentlich Sache ist.

In besagten grauen Urzeiten oder vergessenen Enklaven – ohne 870 TV-Kanäle und Online-Zugang – gab es natürlich sehr viel öde Freizeit. Dies nutzten die alten, nutzlosen Esser geschickt zu ihrem Vorteil aus. Die Stammesältesten machten sich unersetzlich, indem sie zu Trägern der Geschichte, der Weisheit, der Überlieferungen des Stammes und vor allem zu unentbehrlichen Vermittlern zwischen Mensch und Göttern wurden, deren Sinnen und Trachten auch damals schon völlig im Dunkeln lag.

Im 21. Jahrhundert sind die Götter durch das World-Wide-Web abgelöst. Um im WWW-Netz zu kommunizieren, wird weder Geschichte, noch Überlieferung, noch Weisheit benötigt (ich meine tatsächlich Weisheit, nicht Nerd-Intelligenz). Diese einst geschätzten Werte sind in der globalen Google-Welt größtenteils nutzlos geworden. Daraus ergibt sich, dass die ehemals geachteten Vermittler – wir heutigen lebenserfahrenen, aber zugegebenermaßen oftmals digitalfernen Alten – ebenfalls ohne Wert sind. Gegenwärtig sind das über 16 Millionen alte Menschen – mit steigender Tendenz und zunehmender Lebenserwartung, die zurzeit bei durchschnittlich 80 Jahren liegt. Schon jetzt leben in Deutschland fünfmal so viele 100-Jährige wie 1989. Millionen Alte ohne Wert und Würde? Ist die Lebenszeitverlängerung ein fataler Irrtum der Evolution?

Denn das haben wir nun von Bio-Müsli, Jogging und Darmspiegelung – Tatsache ist, wir werden immer länger alt sein, aber werden wir dies nicht auch hassen, wenn wir Jahr um Jahr hinweg krank, pflegebedürftig zusammen mit anderen sabbernden Alten in tristen Heimen auf den Tod warten? Wir verdrängen, dass unsere gestiegene Lebenserwartung in Wirklichkeit eine verlängerte Alterszeit ist. Uns droht ein Lebensabend, der zwanzig bis dreißig Jahre dauern kann, also ausgedehnter als Kindheit und Jugend zusammen. Alter wird allmählich zur längsten Lebensphase überhaupt. Und nun? Was fangen wir damit an?

Weit und breit fehlt es uns an nachahmenswerten Modellen, wie wir langlebigen, leider aber nutz- und wertlosen Alten die nächsten zehn, 20 oder sogar 30 Jahre mit etwas Anstand durchstehen können. Unsere Eltern und Großeltern waren uns in ihrer Lebensendzeit zwischen selbst gehäkelten Topflappen und Kukident selten Vorbilder, eher Abschreckung. Erschwerend kommt zu allem Übel noch hinzu, dass uns dreihundert Jahre Aufklärung aus dem sicheren Kinderparadies – in dem uns Staat und Kirche einst vorgaben, wo’s langgeht und warum wir leben und sterben – in die große allgemeine Verunsicherung der individuellen Freiheit geworfen haben. Zwar tummeln sich in diesen undurchsichtigen Zonen auch die jüngeren Generationen, aber im Gegensatz zu ihnen können wir unser wachsendes Unbehagen an unserem Ich-Projekt nicht hinter Beruf, Partner, Kindererziehung und Dauerstress verstecken, sondern haben wahrhaft genug Zeit, uns den überfälligen, aber auch höchst beunruhigenden Sinnfragen zu stellen: „Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer kann ich sein?“ Und: „Warum bin ich?“ Die Schauspielerin Bette Davis soll einmal treffend bemerkt haben: „Alt werden ist nichts für Schlappschwänze!“

Babyschreck und Altenboomer

Die latenten Vorwürfe ob unserer sturen Langlebigkeit und die daraus folgende zahlenmäßige Zunahme von alten Menschen in unserer Gesellschaft gipfeln in dem Begriff Altenlast. Hier müssen wir über 60-Jährigen entschieden darauf hinweisen, dass dieser bedrohliche Zustand – außer durch bessere medizinische Versorgung – in seiner angeblichen Dramatik erst durch die uns nachfolgende Generation der Babyboomer, also die zwischen 1954 und 1970 Geborenen, zum tragen kommen wird. Diese heute um die 55zig Jährigen stellten im Jugendalter die Mehrheit, und sie werden der zahlenmäßig größte Nachschub der jetzigen, viel geringeren Rentnerschwemme sein. Außerdem zeigte diese Generation kaum Neigungen Nachwuchs zu zeugen, im Schnitt nur das statistische 1,2 Kind. Diesem einem, bedauernswerten Kind droht demnächst, seinen beiden Eltern durch hohe Steuern und Lohnabzüge einen langen Lebensabend finanzieren zu müssen. Wir heutigen Rentner sind dagegen noch fein raus, unsere jetzigen Renten bezahlen die vielen, weiterhin im Arbeitsleben stehenden Babyboomer locker noch mindestens 15 Jahre.

Die hohe Anzahl dieser Kohorte machte sie in der Vergangenheit zu den Bestimmern von Lebensstilen, Konsumverhalten und New Economy. Sie haben unseren 68-er Flower-Power-Jugendwahn marktkompatibel perfektioniert und zum Mehrheitsprinzip erklärt. Noch beißen sie sich durch Midlife-Crisis, Fitness-Studios und Dritt-Ehen, werden aber bald schon der Tatsache ins Auge sehen, dass auch sie dabei sind, auf die 60zig zu zugehen, wo sie sich dann selbst aus ihrer „jung, frisch und dynamisch“ – Liga ausmustern müssen.

Diese Generation zwischen 40 und 60, auch „Middle-Ager“ genannt, fürchtet sich laut Umfragen am meisten vor der Grauzone „Alt“, in der künstliche Hüftgelenke und plötzlicher Harndrang auf sie lauern. Furchterregende Zonen, weitab von der Überholspur des Lebens, auf die man immer noch überwechseln wollte. Gestern gehörte man noch zu der Welt der Aufsteiger, plötzlich und unwiderruflich findet man sich morgen in der Liga der Absteiger wieder. Und seit es Anti-Aging-Creme auch für den Mann gibt, schleicht sich das Gefühl des ständigen Abwärts auch bei denjenigen ein, die bisher mit Saab-Cabrios ihr schwindendes Wertesystem zu retten versuchten. „I hope I die, before I get old“ heißt es in dem Who-Song „My Generation“.

So ist es nicht verwunderlich, dass Horrorszenarien einer bevorstehenden Greisenplage biblischen Ausmaßes die Medien und Buchmärkte beherrschen, losgetreten von den zunehmend besorgten Babyboomern, die ihrer eigenen, kürzer werdenden Zukunft als Jungdynamiker mit Grausen entgegensehen und ihre Krise zur eigenen Beruhigung Midlife-Crisis nennen. Dabei wäre Endlife-Panic passender. Sie schreiben sich die Finger wund mit Projektionen ihrer Worst-Case-Phantasien, in denen schlechtgelaunte, selbstsüchtige Greise in öffentlichen Verkehrsmitteln armen Studenten die Plätze wegnehmen, in südlichen Ferienanlagen die besten Liegen am Pool besetzen, während sich ihre Kinder zu Hause die Aldi-Wurst aufs Brot streichen. Mächtige Alte, die dafür sorgen werden, dass es Viagra auf Krankenschein, längere Ampelphasen, breitere Mittelstreifen und weniger Kitas gibt. Gierige Alte, die sich auf Kosten der jüngeren Generationen ein flottes Leben machen und auf Kreuzfahrtschiffen den Kaviar vom Büffet schaufeln. Unappetitliche Alte, die ohne Scheu ihr Schlabberfleisch an tropischen Stränden zur Schau stellen, besserwisserische Alte, die mit ihren irrelevanten Bemerkungen die Google Welt herabwürdigen, egoistische Alte, die, anstatt zuhause die Enkelkinder zu betreuen, lautstark ihre Rente in Stripper-Bars und Spielhöllen verprassen. „Wir werden die Welt hässlich machen, wenn wir lebensgierige alte Säcke geworden sind.“ schrieb ein besorgter Vertreter dieser Generation in der „Süddeutschen Zeitung“

Neue Alte

Und was ist mit uns, die heute schon diese alten Säcke sind? Wir 60-bis 75-Jährigen stehen mittendrin in diesem Drama, sind zugleich Täter und Opfer, aber vor allem ratlos. Wir handeln anders, sind ganz anders und fühlen uns ganz anders als die Jüngeren denken und wir es selbst vermutet haben. Kaum zu glauben, aber wahr: Wir fühlen uns keineswegs alt! Schon im Jahre 1793, mit 68 Jahren, antwortete Casanova einem Korrespondenten, der ihn mit „verehrungswürdiger Greis“ angeredet hatte: „Ich bin noch nicht in dem miserablen Alter angelangt, in dem man keinen Anspruch mehr auf das Leben erheben kann.“

Auch wir erheben Anspruch. Anspruch auf unser Leben. Wir werden zwar nicht jünger, aber dafür können wir besser werden! Zum Beispiel die „neuen Alten“, das sind 25 Prozent der 60- bis 70-Jährigen, davon überdurchschnittlich viele Frauen, die willens und in der Lage sind, dem Alter ein neues Gesicht zu geben, fernab von Botox und Facelifting.

Diese neuen Alten haben ihr Leben lang Neuland betreten, sie waren seit den 60ziger Jahren aufsässig, widerspenstig, haben aufbegehrt gegen den Vietnamkrieg, Notstandsgesetze, Atomkraft, forderten Selbstverwirklichung und freien Sex. Seitdem veränderten sie die Lebens- und Konsumstile drastisch und werden dies auch weiterhin tun. Sie prägten einst das Gesicht der 68er Generation, welche die Jahrgänge zwischen 1940 und 1950 umfasst. Rund acht Millionen Menschen gehören dieser Altersgruppe an, die nunmehr Rentner sind oder ins Rentenalter vorrücken.

Die neuen Alten werden dem Altsein genauso den Muff von 1000 Jahren austreiben, wie sie einst gegen verstaubte Idee revoltiert haben, und es in seiner bisherigen Form in den Orbit schießen. Den Herstellern von Gesundheitsschuhen und Betreibern von Kaffeefahrten stehen harte Zeiten bevor, wenn sie ihr Produktangebot nicht relaunchen. Und wer nicht weiß, dass dies Neustart bedeutet, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Wir neuen Alten bringen nicht nur Erfahrungswissen aus unserem Leben voller Umbrüche, Anpassungen, Beschleunigungen mit, sondern auch den Mut zur Empörung, die Kraft für Kompromisse, wie auch den Willen zum Wandel. Diese Altersgruppe ist sich durchaus bewusst, welch ein Lebensgeschenk und Lebensluxus es ist, sich in diesen bewegten Zeiten diese Frage stellen zu können: Wozu werden wir alt? Was will ich noch leben, was nicht mehr? Möglicherweise ist die Zeit des Ruhestandes dazu da Erkenntnisse zu gewinnen, die im Lärm des bisherigen Lebens untergegangen sind. Vielleicht entdecken wir, dass unser Wert nicht von unserem Äußeren, unseren Leistungen, unseren Erfolgen abhängig ist und auch nicht von der Anzahl unserer Lebensjahre, sondern von dem Bewusstsein der Zugehörigkeit und einer tiefen, liebenden Verbundenheit mit allem „was ist“.

Aus einer solchen Einsicht erwachsen Haltungen, die in unserem auf Effizienz ausgerichtetem Leben bisher kaum eine Rolle spielten: Dankbarkeit und Demut. Demut ist eine Tugend, die total aus der Mode gekommen ist, vielleicht weil mit ihr auch Kriechertum und devoter Untertanengeist verbunden wird, dabei ist sie mit die Voraussetzung für eine realistische Selbsteinschätzung und die Befähigung, die eigene Begrenztheit anzunehmen. Mit Demut sind wir nun in der Lage zu erkennen, dass die vermeintlich grausamen Abbauprozesse des Alters uns in Wahrheit dabei helfen, die Selbsttäuschungen über unser Ich loszulassen. Dann erkennen wir, dass das Alter keineswegs ein überflüssiger Lebensabschnitt, eine Art Systemfehler ist, indem es um den Verlust von Fähigkeiten geht, sondern um den Verlust von Illusionen. Wir haben jetzt die letzte Chance zu verstehen, wer wir sind und was wir sind – mal freundlich, mal mürrisch, mal mutig, mal feige, mal wütend, mal liebend – Widersprüchlichkeiten machen unsere Einmaligkeit, unsere Unverwechselbarkeit aus. Wir treten uns vermutlich zum ersten mal gegenüber und erkennen uns mit allen, den guten, wie auch den schlechten Aspekten und sagen: „Ja, das bin ich!“

Wenn wir zudem unser Altsein als einen weiteren Ausdruck unseres vielfältigen Lebens würdigen und wertschätzen, dann können wir diesen Abschnitt unseres Lebens nutzen für das Wachsen oder Vertiefen unseres Verantwortungsbewusstseins, unseres Mitgefühls, unseres Anstandes, unserer Unabhängigkeit, Gelassenheit, Güte, Dankbarkeit, Integrität, Freiheit, Ehrlichkeit, Demut, Humors und unserer Liebe – damit wir nicht unerkannt sterben.

Darum werden wir alt.

jungSEIN Scham, Schuld und sonstige Unzulänglichkeiten

Jeder Mensch ist nur einmal jung.

Später braucht er eine andere Ausrede.

Unbekannt

Ich war dabei, damals, Ende der Fünfziger Jahre, als diese, meine verwirrte Nachkriegsgeneration sich Teenager nannte und alle Erwachsenen für uns so farblos, freudlos und alt wie Konrad Adenauer und Ludwig Erhard aussahen.

Die 50ziger Jahre sind in meiner Erinnerung lautlos, wie auch damals das höchste Glück der Deutschen die Gemütlichkeit, leise – ein sei still!-Befehl – war. Die Stille, das Schweigen verbarg das verborgene Grauen des Nationalsozialismus und füllte mit kecken Partyigeln, mickrigen Luftschlangen und C atarinas Valentes „Traumbooten“ die bleierne Kleinbürgerlichkeit unserer Eltern. Die Lügen klebten an allen Dingen und Worten – „Darüber wollen wir nicht reden“. Sogar das Schweigen war ein unüberwindlicher Plural.

Es war eine graue Welt. Wir lasen Ilse Aichingers Die größere Hoffnung, ohne ermutigt zu sein. Auf einem Klassenfoto gleichen meine Mitschülerinnen und ich düsteren alten Damen; dabei waren wir gerade vierzehn Jahre alt. Plötzlich trat etwas Ungeheuerliches in mein – zwischen Sonntagsessen und Mathearbeit – erstarrtes Dasein: der Rock’n Roll. Ich saß in einem der vielen Eckkinos, wohin ich wöchentlich mein Taschengeld trug und sah alten Männern, die sich Bill Haley & His Comets nannten, dabei zu, wie sie eine wilde neue Musik spielten. Es riss uns von den Plätzen, und wir tanzten im Mittelgang mit der besten Freundin Rock’n Roll. Noch heute kann ich mich an die heiße Erregung des Unerhörten erinnern. Jedem war klar, dass eine neue Zeit begonnen hatte.

Ich war 14 Jahre alt und fand es überfällig.

So geschah es, dass der Rock’n Roll, dann die Beatles und vor allem der wundervoll junge, amerikanische Präsident J. F. Kennedy mein Leben retteten. Für uns unbestimmte, entwurzelte Nachkriegs-Generation waren sie göttergleiche Hoffnungsträger. Wir ahnten nicht, dass der „Erlöser“-Wunsch-Bazillus klammheimlich weiterhin auch in uns saß und glaubten dringend „Götter“ zu benötigen, damit sie nicht nur mich, sondern meine ganze Generation aus der Grabesstimmung des zweiten Weltkrieges befreiten. Sie gaben uns etwas, das wir bisher nur verschwommen hinter dem Vergangenheits-Trauma der kollektiven Schuld unserer Eltern erahnten: eine eigene, sündenlose Identität. Und die war – entgegen aller elterlichen Zwänge und Vorschriften – jung! Ihr Krieg hatte uns bindungslos, sprachlos und haltlos gemacht. In diesem Vakuum erschufen wir uns selbst. Wir wurden gnadenlos jung. Wir taten unerhörte Dinge, wir waren radikal, wir waren verantwortungslos und vor allem waren wir anders. Alles Alte war schlecht, denn alle Alten waren passiv oder aktiv im Krieg gewesen.

Trau keinem über dreißig galt der Elterngeneration, die versuchte, sich im kollektiven Schweigen von der Mitschuld an den Nazi-Verbrechen zu erlösen. Der von uns erschaffene Jugendkult war unser Mittel, sich radikal von den elterlichen Tätern abzugrenzen. Es war leicht, gegen sie zu sein. Viele hatten Grauenvolles getan oder es nicht verhindert. Nie alt! war unser Credo. Nie wie sie! „Jung“ trennte uns von ihrem 1000-jährigen Reich, wir fielen erlöst und pubertär in die Gnade der späten Geburt. Man schrieb das Jahr 1968. Das richtige Leben konnte beginnen. „All you need is love“, sangen die Beatles.

Von nun an war „Jugend“ kein Alter mehr, sondern eine Haltung – die richtige Haltung. Unsere Eltern waren alt, wir waren jung. Die Werber, die Journalisten, die Medienschaffenden waren jung. Die Mode war jung, das Kino war jung, die Welt war jung. Wer richtig war, war jung. Die Beatles, die Rolling Stones waren jung. Alt und trotzdem richtig waren dem Anschein nach Heinrich Böll oder Marcuse, aber auch nur, weil sie „jung“ dachten. „Alt“ war eine Geisteshaltung, die so mega-out war wie der Käse-Igel auf dem elterlichen Nierentisch.

Wir stampften die Ideale, Couchgarnituren und Faconhaarschnitte unserer Eltern in den Mülleimer der Geschichte und hielten uns für kühne Revolutionäre. Heute sollten wir uns eingestehen, dass wir in Wahrheit weiterhin narzisstisch auf sie bezogen blieben, da unsere Überzeugungen und unser Verhalten oftmals nur schlichtweg das Gegenteil der Einstellungen und Normen unserer Eltern gewesen waren. Im Rausch der medialen Beachtung bemerkte meine Generation der 68-er dies nicht, es hätte manchem revolutionären Habitus der Lächerlichkeit preisgegeben. Stattdessen fütterten wir unsere Omnipotenz mit der Überzeugung, völlig neu jung zu sein und ewig jung zu bleiben! In unseren Allmachtsphantasien erschufen wir das Phänomen: „Forever Young“, und machten uns auf, im langen Marsch durch Schulen, Redaktionen, Büros und Einkaufspassagen die alte Welt durch eine junge zu ersetzen.

In den 70-er Jahren war jeder zweite Käufer unter 30. Wir ließen die Marktwirtschaft durch unser total neues Konsumverhalten explodieren, denn wir warteten nicht brav wie unsere Eltern darauf, dass die Gegenstände alt und aufgebraucht waren, sondern kauften nach der Regel: Befriedigung sofort – nur aus Lust am Neuen. Die Industrie und somit die Werbung erklärten uns zu ihren Göttern, eine Rolle, die unserem pubertären Größenwahn Zucker gab und der Industrie Milliarden Profit einbrachte. Die Kultur-Revolution der 68-er war auch eine Konsumrevolution. So warfen wir nicht nur unsere Triumph-BHs weg und proklamierten freien Sex, sondern nuckelten auch an der Afri-Cola, kauften Stones LP’s, Levi’s und in Amsterdam Hasch. Wir taten alles Verbotene, niemand gebot uns Einhalt, und eigentlich wünschten wir, nie wieder aus dem Kinderparadies abgeholt zu werden. Das ist uns trotz einiger Krisen weitgehend geglückt – nur, dass wir inzwischen über 60 geworden sind.

Seit den 70-er Jahren hat durch uns eine Infantilisierung der Gesellschaft stattgefunden, in der keiner mehr weiß, mit welchem Alter die Jugend eigentlich endet. Auch wenn wir inzwischen graue Haare und Falten bekommen haben, leben wir für immer und ewig im Kinderland, in dem Kinderschokolade, Kinder-Fernsehen wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, kindische Shows wie „Dschungel-Camp“, „Herr der Ringe“-Kinderfilme, „Harry Potter“- Kinderliteratur und die eigene Mode aus Jugendtagen im so genannten „retro-chic“ auf uns warten. Eine Gesellschaft von alten Kindern, die sich selbst zur ewigen Jugend verdammt hat und nicht aufhören kann, mit ihrem Leben Monopoly zu spielen. Es ist dringend nötig sich einzugestehen, dass wir tollen 68-er nicht nur die einstigen Erfinder des Jugendwahns gewesen sind, sondern auch deren treue Erfüllungsgehilfen, die in ihren Armani Jeans gefühlt irgendwo um die Mitte dreißig feststecken.

Während wir auf den Warteschleifen der Möglichkeiten endlose Runden drehten, geschahen verwirrende Dinge: Revolutionäre Straßenkämpfer wurden zu etablierten Außenministern, antiautoritäre Kinder gingen mit 20 ganz in weiß vor den Traualtar, wir selbst heirateten auch irgendwie, irgendwen, bekamen Kinder, ließen uns scheiden, machten Karriere oder nicht, wurden alt und hatten plötzlich ein unverwechselbares Leben gelebt. Kein Probe-Abo. Trotzdem sind wir uns nicht sicher, je den Eignungstest „Erwachsener“ erfolgreich bestanden zu haben.

Es gibt keine Sicherheit, nur unterschiedliche Grade der Unsicherheit.

Anton Tschechow

Zu allem, was wir sonst noch an verheerenden Großtaten nachfolgenden Generationen aufbürdeten, gehört in vorderster Linie auch unser verständnisvoller, konfliktscheuer Erziehungsstil, nicht Eltern, sondern Freunde der eigenen Kinder zu sein. Da wir selbst Kinder einer verstörten, wie zumeist auch gestörten Elterngeneration waren, die nach zwei Weltkriegen sich ins Spießertum zurück gezogen hatten, um dort unbehindert an uns Kindern ihre alten Werte von Autorität und Moral auszuleben, vereinte unsere Generation der feste Wille, unseren Kindern neue Eltern zu sein.

Wir steckten uns Blumen ins Haar, den Joint und die Pille in den Jutebeutel, um unseren autoritären Eltern und den verkrusteten Institutionen den Muff von tausend Jahren auszutreiben. Währenddessen quälten sich unsere Kinder durch alternative Erziehungsmodelle, überstanden Selbstverwirklichungs-Eltern und revolutionäre Lehrer, um anschließend um Arbeitsplätze zu kämpfen, Kündigungen, Scheidungen, Börsen-Crashs, Klimawandel und die Globalisierung zu durchleiden.

Natürlich wollten wir nur das Beste für unsere Kinder, das Beste allerdings, zeichnete sich in erster Linie dadurch aus, dass es anders war als der autoritäre Erziehungsstil unserer eigenen Eltern. So stellten wir unsere Kinder auf Augenhöhe, ließen sie mit drei Jahren entscheiden, welche Designerhose sie tragen wollten, und wo die Familie ihren Urlaub verbringen sollte. Diese selbstbestimmten Ichlinge, welche wir in die von uns bedrohte Umwelt setzten, wurden zu unserem ultimativen Effizienzbeweis – hübsch, klug und völlig überfordert. Natürlich nur zu ihrem eigenen Besten – und nebenbei zu unserer Kompetenz-Profilierung als moderne Eltern – zwangen wir sie durch unsere grenzenlose Toleranz, reif, verantwortungsvoll und erfolgreich zu werden. Dadurch nahmen wir ihnen die Erfahrung ab, wild, chaotisch und unangepasst zu sein. Kinder eben! Und weil sie nie richtige Kinder sein konnten, werden diese, unsere Kinder auch niemals erwachsen werden, auch wenn sie die Rolle des Erwachsenen sehr überzeugend darstellen können. Sie haben heute selbst Nachwuchs und eigenständige Lebensbiographien, und nur die Zunahme von Depressionen, Scheidungen und Ratgeberbüchern lässt ein Bild großer Verunsicherung und Unverbindlichkeit erahnen.

So kann es niemanden verwundern, dass auch die Gruppe der so genannten Middle Youth – die 20 bis 30-jährigen Erwachsenen, unsere Enkelkinder – zunehmend verhaltensauffällige Züge zeigt: jeder Vierte lebt weiterhin in seinem Kinderzimmer im „Hotel Mama“, und manche werden dort auch noch ihren fünfzigsten Geburtstag feiern: Generation Weichei! „Werdet endlich erwachsen“, fordert der Bund Deutscher Psychologen. Die Jungen werden von ihren Play Stations aufblicken und „Wozu?“ sagen. Alles, was am Erwachsensein verlockend ist, vom Führerschein bis zum Beischlaf, dürfen sie jetzt schon. Was anstrengend daran sein könnte, wird auf morgen verschoben.

„Ich habe alles, was ich brauche. Nur keinen Charakter. Und keinen Plan. Manchmal dauert es nur ein paar Minuten – und schon glaube ich das Gegenteil von dem, wovon ich eben noch überzeugt war“, beschreibt der Autor Sascha Lehnartz das Grundgefühl seiner Generation. Somit bleiben die Jungen ohne eine Bodenhaftung in der Schwebe. Ihre jugendliche Dynamik degeneriert zur Unentschlossenheit, zur Unbeständigkeit und Unruhe, statt zur mutigen Eroberung. Trotzdem sollten wir Alten sehr aufpassen, uns hier nicht in einer opiomihaften Bevormundung und einem reflexartigen Jugend-Bashing zu suhlen, um uns aus der Verantwortung zu stehlen und die von uns mitverursachten Probleme dieses Planeten der nächsten Generation zur Entsorgung in die Tasche zu schieben.

Möglicherweise ist auch dieser Schwebezustand der uns nachfolgenden Generationen im Grunde genau das, was seit eh die Jugend vom Alter trennt und trennen muss. Junge Menschen müssen unsicher sein, nur aus dieser Unsicherheit, der Nicht-Erfahrung, der Neugier heraus werden sie nach Neuem, Noch-Nie-Gedachtem, nach Lösungen suchen. Denn die mutige Eroberung neuer Ideen und Welten ist gerade der Wert der Jugend. Sie muss bedenkenlos, unvernünftig, verrückt, leichtsinnig, sorglos und verwegen handeln. Nur so entwickelt sich die Menschheit weiter.

Heute können wir Alten den Jungen unser Erfahrungswissen anbieten oder sogar ihnen auch dabei behilflich sein, gegen uns aufzubegehren, indem wir uns ihrem Spott ausliefern, indem wir Attributen ewiger Jugend sogar noch mit dem Rollator nachlaufen, Charakterfestigkeit bis Starrsinn zeigen, auf alte Erfahrungen zurückgreifen und alles Neue schlecht machen, sowie unverrückbar in unseren Meinungen sind. Da nur einige von uns Alten dieses Oma und Opa-Verhalten als späten Lebensentwurf attraktiv finden, überlassen wir stattdessen lieber unsere Kinder und Enkel den knallharten Regeln und Zwängen des von uns geschaffenen Marktes. Der verlangt von diesen, verantwortungsvoll zu handeln und ein zielorientiertes Karriere-Profil vorzuweisen und keine revolutionären Anwandlungen, es sei denn, sie dienen der Kreierung eines neuen, erfolgversprechenden Markenproduktes.

In unserer komplexen, vielfältigen Welt ist der Mut zum Risiko, zur Unangepasstheit, zur Empörung verkümmert, zu viele Möglich- und Unvorhersehbarkeiten sind nicht gewinnkalkulierbar für eine globale Marktwirtschaft. Die Verlierer dieser Entwicklung scheitern am Verständnis gesellschaftspolitischer Zusammenhänge, sammeln sich stattdessen in rechtspopulistischen Bewegungen und pervertieren gerechte Empörung in Verachtung und Hass. In der sich rasant verändernden Wirklichkeit fühlen sich viele Jüngere immer mehr davon bedroht, dass ihnen die Kontrolle über ihr Leben entgleitet – im Berufsleben, in Beziehungen, in Bankgeschäften, und sogar ihr Körper widersetzt sich zunehmend ihren Ansprüchen.

Folglich ruft der mit dem Alter und Siechtum verbundene endgültige Kontrollverlust noch größere Angst hervor. Ein gängiger Weg, um diese Angst abzuwehren, ist einerseits der, das Objekt der Angst, also uns alte Menschen, lächerlich zu machen – und andererseits der, die eigene Jugend und deren sichtbare Erscheinungen bis in die Würdelosigkeit auszudehnen. Das Down-Styling zeigt sich beim Tragen von Kinder-Pudelmützen auf Köpfen 43-jähriger Key-Account-Managerinnen genauso wie bei 50-jährigen Steuerberatern in knappen Biker-Punk-Lederjäckchen.

Weitere Gründe für den Wunsch, möglichst nicht erwachsen zu werden, ist die Befürchtung, dann die Verantwortung für die Folgen seines Handelns tragen zu müssen, Charakterfestigkeit zu zeigen und kurzfristige Triebbefriedigungen zugunsten langfristiger Ziele zurückzustecken, – alles unangenehme, anstrengende und uncoole Impulskontrollen die außerhalb des Kinderzimmers auf den Nesthocker lauern. So ist es nicht verwunderlich, dass die Spezi „Erwachsene“ vom Aussterben bedroht ist.

Der heutige Dauerjugendliche – er kann sowohl 20 wie auch 70 sein – lebt unter erschwerten Bedingungen. Während seine Vorfahren sich schon glücklich schätzen, ihre Jugend überlebt zu haben, ohne von Hungersnöten dahingerafft, brandschatzenden Söldnertruppen dahingemetzelt oder bei der Geburt gestorben zu sein, bangen viele Menschen heute um Aktienkurse, Cholesterinwerte und das richtige Handymodell. Jobs sind keine Lebensstellungen mehr, sondern höchstens Zeitverträge, Beziehungen sind ständig vom Scheitern bedroht, Liebe ist ein emotionales Risiko. Ehen werden nicht mehr vom Tod geschieden, sondern bei jedem dritten Paar nach wenigen Jahren durch den Anwalt. Kinder wachsen in sich ständig auflösenden Patchwork-Familien auf. Unverbindlichkeit gehört zur Grundausstattung unseres Alltags. Nichts ist sicher. Nichts bleibt, wie es war –wie schon Hannes Warder sang – „Nichts ist so, wie es scheint …“. „Jede Woche eine neue Welt“ – der Slogan eines bekannten Kaffeeverkäufers trifft dieses Lebensgefühl nur zu genau. Ich empfinde dies als Drohung und frage mich besorgt, wer, außer einem Erregung –Junkie, benötigt denn jede Woche eine neue Welt?

Das Dogma „Forever young“ ist in Wirklichkeit der Massenwahn einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft, die aus der „Nichts bleibt wie es ist-Welt“ ins Ikea-Paradies flüchtet, wo globale Beständigkeit herrscht: Billy bleibt Billy und Köttbullar für immer und ewig auf der Speisekarte. Außerhalb dieser Schutzzonen wächst täglich die Angst, sich falsch zu entscheiden und damit von den Ratinglisten des Erfolges zu kippen. Zukunftsangst hat eine ganze Generation entmutigt. Darum schweifen die Jungen unbestimmt in Übergangszonen umher und reden sich ein, dass alles immer noch machbar ist. Nur nicht festlegen, das würde deren grenzenlosen Optionen auf eine einzige Möglichkeit reduzieren. So bleiben sie unbestimmt, ohne Charakter, ohne Profil.

Der Spiegel stellt die besorgte Frage: „Bleiben viele der Erwachsenen von heute ewig kindisch? Haben sie es schwerer als ihre Vorfahren, zu wahrer geistiger Reife zu gelangen?“ und zitiert den britischen Evolutionspsychologen Bruce Charlton von der University of Newcastle, der eine Art moderne Entwicklungskrise wittert: „Schuld daran sei eine Umwelt, die wegen ständiger Veränderungen Kind-ähnliche Unstetigkeit und lebenslange Lernbereitschaft verlange. Auch die oft sehr lange Ausbildung erschwere das Einüben von erwachsenentypischen Lebens- und Denkgewohnheiten.“

Der Zukunftspessimismus des „No-Future“ der 80-er Jahre ist von dem Glücksversprechen des „To be Online or not to be Online“ abgelöst. Ein sehr egozentrischer Zustand, der Selbstbestimmung vorgaukelt, indem man mit einem kleinen Klick und einer Schnäppchen-Flatrate in die „Ich-bin-drin“-Welt gelangt und glaubt, dass nun alles möglich ist. Was die Welt ist, sagt uns Google. Warum die Welt ist, sagt uns niemand. Wir wissen immer mehr und verstehen immer weniger.

Je globaler die Welt verknüpft ist, desto weniger überschaubar erscheint sie dem Einzelnen, trotz allgegenwärtiger Informationen aus dem WWW schwindet das Bewusstsein für den Gesamtzusammenhang. Um den daraus wachsenden bedrohlichen Gefühlen zu entkommen, konzentriert sich der Mensch reflexartig auf sein persönliches Umfeld. Dieses belegen auch Untersuchungen wie die Studie der Berliner Strategieagentur Different. Sie zeigen einen Rückzug in die Idyllen des Biedermeiers: die neuen großen F’s – Familie, Freunde, Freizeit. Oder noch radikaler, die Reduktion auf sich selbst, wie die Antworten dreier Interviewten vor dem Brandenburger Tor am Silvester-Abend 2014 offenbaren, die nach einem Jahr voller Konflikte und Kriege, auf die Frage, was sie sich für das neue Jahr wünschen würden, unabhängig von einander „Abnehmen“, sagten.

Der heutige Freiheitsbegriff entstand in den Zeiten der Aufklärung, vor ca. 300 Jahren, indem der englische Philosoph John Locke den Menschen des Mittelalters, die zum zu großen Teilen Eigentum der Könige, Kirchen und Grundbesitzer waren, Revolutionäres verkündete: „… innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes seine Handlungen zu lenken und über seinen Besitz und seine Person zu verfügen, wie es einem am besten scheint – ohne jemandes Erlaubnis einzuholen und ohne von dem Willen eines anderen abhängig zu sein.“ Seitdem gilt der Mensch als befreit, na ja nicht jeder, nicht überall, aber es war schon mal ein Anfang. Die Mehrheit dieser Befreiten empfanden ihre Befreiung langfristig keineswegs als Bereicherung, sondern bedauerlicherweise als Verlorenheit, Unsicherheit und sehnten sich fortan nach Orientierung und möglichst schlichten Antworten auf komplizierte Fragen. Je einfacher die Problemlösungen, desto besser, denn das Dasein an sich ist für die meisten Menschen schon kompliziert genug. Das Meer der Möglichkeiten ist in Wahrheit das Meer der Beliebigkeit, indem wir verzweifelt nach einem Rettungsring suchen. Die Sehnsucht nach Halt und nach Führung, statt der Verwirrung des einsamen Individuums, das obendrein noch für sein Glück selbstverantwortlich ist, ist in der Tat verlockend. Verlockend für ein unsicheres Kind, aber keine Versuchung für einen autarken Erwachsenen. Erwachsensein bedeutet, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und für die Folgen seiner Entscheidungen und Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Eine oftmals knallharte Herausforderung, voller List und Tücken, voller Zweifel und Tränen, aber garantiert voll mit sattem, einzigartigem Leben.

Alter bringt nicht immer Weisheit mit sich.

Manchmal kommt es auch allein.

Mark Twain

Forscher sollen herausgefunden haben, dass die menschliche Intelligenz gegenüber allen anderen Lebewesen durch die verzögerte Entwicklung, also durch die lange Kindheit unserer Spezies entstanden ist. Gut und schön – doch dass dabei als Evolutionsziel über 80-jährige Cabrio-Fahrer herauskommen, wer hätte das gedacht? Andere Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Anforderungen der Globalisierung, der technischen Entwicklungen, der gewaltigen und schnellsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte nur durch die Jungen bewältigt werden können. Ihre Stärken wie Dynamik, Flexibilität und Selbstbezogenheit sind zukunftskompatibel, um sich den Anforderungen des „Gottes des Neuen“ tagtäglich anzupassen. Verlässlichkeit, Erfahrung, Toleranz, Mitgefühl – Werte, welche die Alten repräsentieren – sind dagegen der Hemmschuh des „World Wide Web“ oder degradiert zu Wortblasen in den Reden von Politiker. Schöne junge Welt, in der Nutzenmaximierung statt Gelassenheit, Leistungsorientiertheit statt Phantasie, Effizienzlogik statt Einfühlungsvermögen das Überleben sichert.

Der angebliche Vorteil „Jung“ erweist sich auch in weiteren Zusammenhängen schnell als Benachteiligung: Länder mit hohem Anteil an jungen Menschen, wie zum Beispiel Indien und Bangladesch, sind zumeist arm. Obendrein hat die Geschichte gezeigt, dass Völker mit überdurchschnittlich vielen jungen Männern zumeist aggressiv und kriegerisch sind.

Weder eine junge, expandierende, noch eine alte, stagnierende Gesellschaft ist die Ursache für Kriege und Vernichtung, sondern die Abwesenheit von menschlichen Werten, wie Respekt, Toleranz, Kooperation und sozialer Verantwortung. Fehlen diese, fühlt der Einzelne sich nicht eingebunden und diesen Menschenrechten gegenüber nicht verpflichtet, wird er in seinem Nächsten einen Konkurrenten, wenn nicht gar einen Feind sehen.

Seit in der Moderne die Seele durch das Selbst ersetzt wurde und dem befreiten Individuum keine moralische Intuition wie die Kirche dem Streben nach selbstsüchtiger und hemmungsloser Bedürfnisbefriedigung mehr Grenzen setzte, wo die einstige Sünde der Gier, in das modisch zu fördernde Eigeninteresse verwandelt wurde, wo Gewinnsucht mit Wirtschaftswachstum verharmlost wird, wo Individualität zur Egozentrik verkümmert, da ist der Mensch von sich selbst überfordert – sein System kollabiert.