Vorüber ist nicht vorbei - Sieglinde Schneider - E-Book

Vorüber ist nicht vorbei E-Book

Sieglinde Schneider

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Beschreibung

Menschen sind, oft ohne es zu ahnen, über Generationen mit den Schicksalen ihrer Vorfahren verbunden, was sie in ihrem gegenwärtigen Leben einschränken oder krank machen kann. Familienaufstellungen können helfen, sich mit diesen unbewusst wirkenden Geschichten zu befassen und sie in ihrer Dynamik zu verstehen. Sieglinde Schneider und Gabriele ten Hövel vermitteln verständlich die Theorieansätze des Familienstellens und analysieren anhand von 60 spannenden und berührenden Geschichten die unterschiedlichsten Schicksale. Nach Themen sortiert – z. B. Symptome, Trauma, die Beziehung zu den Eltern, Paarthemen, Erben – und mit kurzen Reflexionen versehen, vermitteln sie die Essenz der Aufstellungsarbeit mit Familien und bieten zugleich viele praktische Anregungen und Tipps für Aufstellende.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2023

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»Unser Leben gehört uns nicht allein.

Dieses Haus, das wir unser Ich nennen,

ist bewohnt von denen, die vor

uns kamen. Ihre Spuren sind in unseren Seelen

eingraviert. Erst ihre Geschichten machen uns

zu dem, was wir sind.«

Daniel Speck

Sieglinde SchneiderGabriele ten Hövel

Vorüber ist nicht vorbei

Geschichten und Reflexionen zur Aufstellung in der Einzelarbeit

Mit einem Geleitwort von Gunthard Weber

2023

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer ✝ (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin ✝ (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Themenreihe »Systemaufstellungen«

hrsg. von Gunthard Weber

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlaggestaltung: B. Charlotte Ulrich

Umschlagmotiv: © Sieglinde Schneider

Redaktion: Eva Dempewolf

Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2023

ISBN 978-3-8497-0475-9 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8431-7 (ePUB)

© 2023 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

[email protected]

Inhalt

Geleitwort

Vorwort

I     Aufstellung in der Einzelarbeit

Wir sind Lotsen, wir geben nur einen Anstoß

Wir wissen nicht, was dem Klienten hilft

Das »Gruppengewissen«

1.Geschichte: »Kinder sind Liebende«

Um dazuzugehören, tun Kinder alles – ohne es kognitiv zu wissen

Wir sind mehr Täter aus Liebe als Opfer

2.Geschichte: »Der Papa will das nicht«

Alle, denen wir etwas Existenzielles verdanken, brauchen im System einen Platz

Die »Hintergrundmatrix«

Von Clowns und Retter-Kindern: Der Platz

3.Geschichte: »Ich habe keinen Vater« – Wie der leibliche Vater einen Platz bekommen kann

Die Vorgeschichte von Peter

»Mama, ich weiß gar nichts über Papa, das ist manchmal schwer für mich«

4.Geschichte: Die ewige Nummer zwei

»Das ist der Platz deiner Schwester«

5.Geschichte: Vom harmlosen Symptom zur ganzen Tragik einer Familie

»Ja, da fehlt ein Kind«

»Ich war dir böse, dass du mich gerettet hast«

Wer hätte ins Gefängnis gehört?

»Wie haben Sie gewusst, dass ich mich umbringen will?«

6.Geschichte: Vom Hof gejagt – Mobbing, das von weit her kommt

»Die Magd muss gehen«

7.Geschichte: »Bei Bulimie kommt alles von der Mutter«

»Dann bin ich ja gar nicht schuld«

Sinn und Unsinn von Interpretationen

8.Geschichte: »Wir sind Rivalinnen, aber es hat nichts mit mir zu tun«

»Da gab es eine Doris«

Paare wählen sich aus ähnlichen Geschichten heraus, ohne es zu wissen

9.Geschichte: »Meine Mutter interessiert sich nur für meinen Bruder«

Es geht nicht um Geschlechterkonkurrenz

II    Was kommt aus der Vergangenheit, was mich nach vorne unfrei macht? – Wo Symptome hinführen können

10. Geschichte: »Ich stottere nicht mehr für dich«

»Es ist höchste Zeit, dass ich meine Schwester kennenlerne«

Der jüdische Opa

11. Geschichte: Wenn die Stimme wegbleibt

Die väterliche Linie: Wer ist der echte Vater?

Die mütterliche Linie: Die Oma ist das Kind aus einer Vergewaltigung

12. Geschichte: »Was mache ich falsch?«

Die Geschichte des Mannes

Früher Trennungsschmerz wird in der ersten Liebesbeziehung oft wiederholt

Wer zahlt den Preis? Wer hat den Gewinn?

Manchmal ist es für alle am besten, man fühlt nichts

Die Geschichte der Frau – Warum wählt sie einen Mann, der nichts fühlt?

Warum steht der Opa so weit weg?

»Mein Vater hatte da keinen richtigen Platz mehr«

In diesem System hat jede Frau das Gefühl: Ich habe den falschen Mann genommen

13. Geschichte: Hauterkrankung – Die »ätzende« Oma

»Wir hatten eine wunderbare Nacht«

14. Geschichte: Tiefflieger oben, ein totes Baby unten – Was sich hinter einem Tick verbergen kann

Dann kommt der Vater aus dem Krieg und bringt das Schwere mit

15. Geschichte: Woher kommen die »schmerzenden Hände«?

Die Rache des Opas am Nazi, der ein Kind zu Tode prügelt

16. Geschichte: Der erschöpfte Sohn und die überpenible Mutte

»Bei den Kindern geht es mir gut«

Drei Kinder: unterernährt, erstickt, ertrunken

Mit dem Symptom kommen die drei Kinder in den Blick

17. Geschichte: Vom Sohn, der im Bett bleibt, weil es »zu kalt« ist

Der Vater ist mit einem Teil beim toten Kameraden in Sibirien geblieben

18. Geschichte: Symptom Magersucht

»Wer keinen Busen hat, ist zumindest geschützt«

III   Aufstellung: Erste Eindrücke und Zugangshinweise

»Manchmal ist es zum Vergasen«

Das erste Bild

Figuren und andere Wahrnehmungskanäle

»Da geht kein Schuss durch«

19. Geschichte: Graf Koks muss Abitur machen

Also, wo ist der Graf?

»Hören Sie auf zu glauben, Sie seien königlich«

Aufstellungstopografie: Beispiele

Wer fehlt? Wer schaut auf wen? Wohin?

Grundprinzipien – Basis für Hypothesen

Figuren erleben nichts, aber geben der Vorstellung Raum

20. Geschichte: Der Zahnarzt mit der schwer kranken Tochter – »Mir geht es blendend, ich komme wegen meiner Tochter«

»Vielleicht nimmt Ihnen Ihre Tochter etwas ab«

»Meinen Vater kenne ich nicht – ich habe einen tollen Vater bekommen«

»Stellen Sie sich vor, Sie sind nochmal zwei Jahre alt«

»Ihre Tochter bringt Ihren Vater in den Blick«

IVPaargeschichten: Wir wählen uns immer aus der gleichen Geschichte

Beim Aufstellen hört das Spiel »Ich bin Opfer, du bist Täter« sofort auf

21. Geschichte: »Jetzt ist Zeit für ein Kind, aber meine Frau will keines«

»Arbeiten Sie mal mit meiner Frau, damit die schwanger wird«

»Hör endlich auf! Es ist vorbei! Hör auf!«

Die Geschichte der Frau

Den Schmerz, dass Kinder weggegeben wurden, gab es schon einmal

Der Mann: »Kinder kann man immer wieder neue bekommen«

22. Geschichte: Der Workaholic

Der Mann: »Was wollen Sie mit meinem Urgroßvater?«

»Beim Uropa hat das Notariat floriert«

Die Frau: »Vater brauchte immer Ruhe. Das war so schlimm für mich!«

Vorwurf verhindert jede Trauer

»Jetzt weiß ich, was meinem Vater immer gefehlt hat«

Der Mann: »Ich liebe dich, aber ich kann dir nicht verzeihen«

Die Frau: »Wenn es wirklich schlimm wird, läuft man nur noch weg«

23. Geschichte: »Wenn meine Tochter nicht Barbara heißen kann, trenne ich mich«

Barbara – ein Euthanasieopfer

24. Geschichte: Der Opa und die Milchkuh Slava

»Wissen Sie, was eine Milchkuh ist?«

Der Krieg ist nicht nur eine Zeit des Sterbens

Wie Paare sich finden: Die einen tun gestorbene Kinder ab, die andern kommen von der Trauer nicht los

25. Geschichte: Der Hasardeur und die liebende Urenkelin

Die Familiengeschichte der Frau: »Pass gut auf die Oma auf!«

Er: »In meiner Familie hat man alles ein bisserl heiter, lustig gesehen«

»Opa, du warst ein Hasardeur. Ich war stolz auf dich«

»So wie der Opa war ich auch …«

26. Geschichte: »Wir wissen nicht, warum wir streiten«

»Für Sie ist jede Entscheidung wie eine Frage auf Leben und Tod«

Der Bub stirbt, der Großvater ist schuld

Die Familie der Frau: »Sollen wir das Mädchen oder den Jungen nehmen?«

Die Mutter der Frau: Der Vater annulliert seine erste Ehe

27. Geschichte: Die »Gräfin« und der »Förster«

»Die Schwester meiner Oma hat sich immer mit ›Sie‹ ansprechen lassen«

»Ihr Mann ist nicht der feige Graf«

»Sie sind der liebende Enkel und geben sich als Holzfäller«

Der Mann: »Es war immer mein Traum, Förster zu sein«

28. Geschichte: »Ich wollte nur, dass er leiden muss«

»Sie jammern und können nicht genug kriegen«

Wenn schon ein Mann leiden muss: Wer hätte es sein müssen?

29. Geschichte: Doppelte Verschiebung – »Die Mama ist so kalt«

Der tote und der lebende Michael

»Papa hatte eine erste große Liebe«

Die Wut von Oma und Uroma

Die Mutter bedient ihren Mann und seine Geliebte

V Über persönliche und systemische Traumata: Wer trägt die Verantwortung für Schuld im System?

30. Geschichte: Woher kommt der Schmerz des Getrenntseins?

»Ein Enkelkind ist ja immerhin etwas …«

31. Geschichte: »Ich verlier alles«

Das verlorene Kind

Lebt jemand als Lebender oder als Überlebender? Wenn sich persönliches Erleben und systemisches Trauma verschränken

32. Geschichte: »Die dritte Filiale bringt mich um«

Der Klient ist nicht der Opa, aber er fühlt wie er

33. Geschichte: »Ich wollte nicht ins Kinderheim«

Der Opa wächst im Waisenhaus auf

»Opa, ich fühl was, was du nie zeigen konntest«

34. Geschichte: »Ich kenn mein Trauma schon«

Die Oma konnte niemandem trauen

35. Geschichte: »Ich falle immer wieder in diese Trauer zurück«

Wir können nicht wissen, welche Wirkung welche Ursache hat

Ein Kind kann in mehrere Dynamiken aus der Vater- und Mutterfamilie eingebunden sein

Hilfreiche Hypothesen sind ganz un-apodiktisch

Jede Aufstellung ist ein Suchprozess

»Überlebende« schauen auf die Toten

Überlebensschuld: »Ich hätte doch mitverbrennen müssen«

Verschobener Missbrauch oder: Eine Dynamik gehört nicht immer dahin, wo sie auftaucht

36. Geschichte: »Männer sehen mich nur als Sexobjekt«

»Papa, wir müssen beieinanderbleiben«

37. Geschichte: Wo die Wut einer Verlobten landen kann

»Vielleicht haben Sie ein Geschwister«

VIEs gibt nur einen richtigen Vater

38. Geschichte: »Sie haben mir nichts zu sagen, Sie lügen!«

»Unser Sohn ist durch Fremdsamen entstanden«

Der Sohn wird angelogen – und sagt zur Lehrerin: »Sie lügen!«

»Den Tretroller kriegst du nur, wenn du ›Papa‹ sagst«

39. Geschichte: »Frauen sind schlimm, sie lügen. Man kann ihnen nicht trauen«

»Du bist 48 Jahre alt – da ist doch der Papa nicht so wichtig«

40. Geschichte: »Ich bin mir selbst immer irgendwie fremd«

»Ich weiß nicht, wer ich bin«

41. Geschichte: Systemisch gesehen kann Leukämie heißen: »Das Blut stimmt nicht«

Der Sohn muss wissen, dass er noch eine andere Wurzel hat

42. Geschichte: Er schielt zu den richtigen Großeltern

»Ich bin adoptiert«

Die Geschichte der leiblichen Mutter

»Mama, den Mann besuchen wir öfters …«

43. Geschichte: »Ich bin eh ein besserer Vater als der Krüppel«

»Ich habe geschafft, dass sie sich in mich verliebt«

Jetzt droht ihm, was dem ersten Mann widerfahren ist

44. Geschichte: »Wenn man vom Vater nicht geliebt wird, ist er kein ›richtiger‹ Vater«

»Also so wie der möchte ich nicht sein«

»Mein Großvater war kein ›richtiger‹ Vater«

Wer hat nicht gekriegt, was er braucht?

»Jetzt merke ich, dass ich eigentlich genug bekommen habe …«

45. Geschichte: »Jetzt verstehe ich, warum ich kein Vater werden kann«

Die »Evangelische« muss gehen – das Kind bleibt auf dem Hof

»Euch ist großes Unrecht widerfahren«

Die Geschichte der Frau

»Dann gibt es sowas wie Frieden«

VII  Die Eltern nehmen, wie sie sind – ohne Wenn und Aber

»Ich muss nicht euer Schicksal teilen …«

Die Verletzung kann groß sein – die Bindung an die Eltern bleibt

46. Geschichte: »Ich habe keine Familie«

Die Mutter warmherzig, der Vater ein »Arsch«

»Der Mann ist so blöd, mit dem will ich nichts zu tun haben«

Die Last des Opas – vier tote Geschwister

Der erste in der Familie, der seinen Beruf wählen konnte

Die Tragik des Vaters

Raus aus Vorwürfen, die ganz auf das kindliche Erleben bezogen sind

Das ist das Geschenk des Lebens, und den Rest macht man selber

Das Gefühl stimmt, es scheint nur woanders hinzugehören

47. Geschichte: »Ich kann nicht kommunizieren«

»Ich werde nicht gehört«

Wer kann nicht kommunizieren? Wer wird nicht gehört?

VIII Erlebnisse mit alten Eltern – Wenn die Kräfte nachlassen, melden sich die Kinderschmerzen nochmal

48. Geschichte: Die störrische Mutter und die hilflose Tochter

»Du willst mich loswerden«

Die tote Schwester der Mutter

»Das tut mir so gut, wenn die tote Maria dabei ist«

Der Bruder ist wie herausgefallen

»Ich war innerlich nimmer im Groll«

49. Geschichte: Die Enkelin und die unterernährte Tante

»Meine Güte, die war immer a bissel am krepier’n«

»Dann geht’s meiner Enkelin vielleicht gar nicht so schlecht?«

IXSchuld und Ohnmacht

50. Geschichte: »Ich muss doch jetzt für meinen Bruder sorgen«

»Ihr Bruder wird kein Euthanasieopfer«

51. Geschichte: »Wir prozessieren bis heute gegen den Arzt«

Der ältere Sohn schaut wirklich auf seinen Bruder

52. Geschichte: Die Angst der Hebamme, zu spät zu kommen

Die Oma stirbt bei einer Hausgeburt

X    Vom Erben

53. Geschichte: »Dann siehst du halt Enkelkinder nicht mehr«

»Wir waren und sind ehrliche Handwerker«

»Oh Gott, ich hab noch ein Kind! Mein Kind!«

54. Geschichte: Wenn sich zwei Gründer streiten und der eine getilgt wird

»Eigentlich gab es ja zwei Gründer …«

55. Geschichte: Der »großzügige« Bruder

Der Großonkel wurde betrogen

56. Geschichte: »Mein Bruder kriegt alles, ich kriege nichts!«

»Dass du so eifersüchtig bist und deinem Bruder nichts gönnst!«

»… damit du nicht immer so motzig bist«

57. Geschichte: Warum verkaufen sich die Häuser nicht?

Die Oma erbt, der Halbbruder und die Halbschwester gehen leer aus

Erben können altes Unrecht nicht gut machen, aber

58. Geschichte: »Entweder sind Sie Prostituierte oder Sie vertreten eine Prostituierte«

Unrecht ausgleichen, ohne »Schlampe« werden zu müssen

59. Geschichte: »Das war so ein tiefes Bedürfnis, dazuzugehören«

Überlebt das Kind oder nicht?

Das restliche Erbe: Alles weg

»Wenn du unterschreibst, dass du nie mehr auftauchst, kriegst du 300 Mark«

60. Geschichte: Die »soziale« Urgroßmutter

Es war kein Waisenkind, es war das Kind der Urgroßmutter

Vorüber ist nicht vorbei

Über die Autorinnen

Geleitwort

Dieses Buch braucht eigentlich kein Geleitwort. Das Wesentliche und Besondere, das, was die Arbeit von Sieglinde Schneider unverwechselbar macht und hervorhebt, beschreibt Gabriele ten Hövel einfühlsam und treffend in ihrem Vorwort. Es ist mir eine große Freude, dass es dieses lang erwartete Buch jetzt tatsächlich gibt und seine Inhalte nun in der Welt und zugänglich sind, und dieser Freude möchte ich hier Ausdruck verleihen. Das Entstehen des Buches habe ich begleitet und halte es für das anregendste und innovativste Aufstellungsbuch seit Langem. Besonders freut mich, dass Sieglinde Schneider die grundlegende Arbeit des Klassischen Familienstellens, das zwischen 1980 und 2000 vor allem von Bert Hellinger begründet wurde und dem auch ich mich sehr verbunden fühle, damit weiterführt und auf eine sehr eigenständige und kreative Weise für den Bereich der Einzelgespräche weiterentwickelt hat. Bert Hellinger hielt das anfangs nicht für möglich.

Wer Sieglinde Schneider kennt, weiß, dass sie ein Beziehungsmensch ist. Der lebendige Austausch mit anderen und ihr unbändiges Interesse, ja ihre Leidenschaft, Menschen und deren So-Gewordensein zu erfassen und zu verstehen, sind ihr Lebenselixier. Sie untersucht, fahndet und entdeckt dabei, auf welche Weise Lebens- und Beziehungsschwierigkeiten oder Symptome von Menschen Sinn machen, wenn sie sie in Zusammenhang mit Ereignissen, Schicksalen und Dynamiken in der Vergangenheit (vor allem in den Herkunftsfamilien) betrachtet. Darin ist sie meisterlich. Sind diese meist unbewussten Zusammenhänge am Licht, werden damit auch neue Beziehungsgestaltungen möglich.

Texte über die eigene Arbeit zu verfassen, ist hingegen nicht Sieglinde Schneiders Stärke. Es ist deshalb eine glückliche Fügung, dass sich Gabriele ten Hövel bereit fand, gemeinsam mit ihr ihre Erfahrungen und Erkenntnisse über die Aufstellungsarbeit im Einzelsetting in eine schriftliche Form zu übertragen. Gabriele ten Hövel war es schon vor über zwanzig Jahren gelungen, Bert Hellingers zentrale Einsichten und Vorgehensweisen gemeinsam mit ihm in dem lesenswerten Interviewband Anerkennen, was ist – Gespräche über Verstrickung und Lösung zu veröffentlichen.

Neugierig, staunend und bewegt nahm ich in den Jahren 1988 bis 1991 an mehreren Seminaren Bert Hellingers teil. Mein Ziel war es, aus der Außenperspektive zu beobachten, wahrzunehmen und zu verstehen, was sein Handeln leitete und was die Einsichten und Annahmen waren, die zu seinen Interventionen führten. Oft waren mir die Zusammenhänge, die er sah, anfangs fremd.

Wenn ich Sieglinde Schneider heute aufstellen sehe, geht es mir ebenso. Sehe ich sie mit einem Klienten oder einem Paar mit Playmobilfiguren arbeiten, schüttele ich öfters den Kopf und denke: Wie kann sie sich, die Aufstellung einer Klientin betrachtend, so sicher sein und behaupten: »Da fehlt jemand!«? Ließ sie dann die Klientin in deren Aufstellung eine zusätzliche Figur hinzustellen, fühlte die sich schon dadurch entlastet. Oft fordert sie die Klienten zusätzlich auf, sich zu Hause zu erkundigen, ob das, was durch die Aufstellung zu Tage trat, der Wirklichkeit entspricht. Und tatsächlich gab es dann in diesem Fall eine erste Beziehung des Vaters, aus der ein Kind hervorgegangen war, über das und über dessen Mutter in der Familie nie gesprochen wurde. Wenn sich so ein vermuteter Zusammenhang bestätigt, überzeugt das natürlich noch mehr. Die Treffsicherheit, mit der Sieglinde Schneider in ihrer Arbeit durch ihre Intuition, ihre große Erfahrung und oft anhand nur weniger Fragen auf sinnstiftende Zusammenhänge stößt und damit neue Sichtweisen ermöglicht, ist immer wieder frappierend. Die Zumutung der Wahrheit befreit.

Dieses Buch birgt eine Fülle unterschiedlichster und bewegender Familiengeschichten, in denen die Leser den Weg von den Anliegen der Klienten bis hin zum Ans-Licht-Kommen von Folgen besonderer Ereignisse oder familiärer Schicksale und Verstrickungen erleben können. Für diejenigen, die selbst mit Familienaufstellungen arbeiten, lohnt es sich besonders, die Fallgeschichten mehrmals zu lesen, um je nach Fall und Anliegen die unterschiedlichen Fokussierungen und Vorgehensweisen nachzuvollziehen, die Sieglinde Schneider wählt. Die Arbeit mit (Playmobil-)Figuren in Einzel- oder Paarsitzungen ermöglicht es zudem, größere Familiensysteme aufzustellen und sich mehr Zeit zu nehmen als in Aufstellungsgruppen. Ich habe Aufstellungen von Sieglinde Schneider gesehen, in denen schließlich bis zu 30 Stellvertreter von Mitgliedern der Ursprungsfamilien eines Paares standen, und habe verfolgen können, wie im Prozess immer mehr Hinweise auf Parallelen in beiden Herkunftsfamilien aufleuchteten, die plausibel werden ließen, warum sich das Paar wählte und wo seine Schwierigkeiten ihren Ursprung hatten.

Dieses Buch zu lesen lohnt sich!

Wiesloch, im Frühjahr 2023

Gunthard Weber

Vorwort

In diesem Buch wird ganz viel gefragt: nach Hypothesen, nach Grundannahmen, wie im Einzelnen der Weg geht vom Anliegen eines Klienten bis zu Einsicht in bisher nicht erahnte Zusammenhänge und Dynamiken. Es wird nach allem gefragt, was dazu dient, in einer Klientengeschichte weiterzukommen. Auch danach, wie und woher die Fragen kommen.

Dieses Buch bietet auf vielfältige Weise Werkzeug, Anregungen und Ideen für alle, die Aufstellungen leiten oder selbst aufstellen möchten: welche Grundannahmen dem Aufstellen eigen sind; worauf zu achten ist; wie Aufstellende ihre Sinne und ihre Wahrnehmung schärfen können; wie man zu Hypothesen kommt und sie in Fragen übersetzt, testet, verwirft; wie man sich immer wieder neu auf das einlassen kann, was ist – ohne festzuhalten an starren »Regeln« oder »Ordnungen«.

Eine Grundannahme der Aufstellungsarbeit bezieht sich auf die – nicht nur Aufstellungen eigene – allgemeine Erfahrung: Was in Familiengeschichten faktisch vergangen ist, wirkt auf bewussten und unbewussten Pfaden weiter. Vorüber ist nicht vorbei.

Aufstellungsarbeit lebt davon, dass sie sich auf Ereignisse bezieht, die bis zu vier Generationen zurückliegen können. Zum Beispiel: Wie geht es auf einem bayerischen Bauernhof zu? Wie befremdlich kann die Logik einer Dorfgemeinschaft sein? Wie selbstverständlich gehören Inzest, gestorbene, untergeschobene, abgeschobene Kinder, verschwiegene Väter, weggejagte und vergewaltigte Frauen, verrückt gewordene oder als »schwächlich« titulierte Tanten zum Repertoire von Familiengeschichten?

Dieses Buch ist deshalb auch ein Geschichtenbuch. Sie können einfach darin schmökern und Geschichte(n) lesen. Welche Geschichte Sie interessieren könnte, finden Sie über das ausführliche Inhaltsverzeichnis heraus. Sie werden merken: Jede Geschichte fasziniert auf ihre eigene Weise, zieht hinein in eine ganz eigene Welt. Manchmal ist es auch so, als wäre sie mit einem Mal lesen noch lange nicht auserzählt.

Es sind Geschichten, wie das Leben sie eben schreibt: merkwürdig, verwirrend, dramatisch, ungerecht, überraschend, brutal. Was Menschen alles tun, ertragen, aushalten aus blinder Loyalität oder Liebe – kaum zu glauben! Die Geschichten lassen keinen kalt. Sie sind so vielfältig ausgewählt und so lebendig erzählt, dass jede und jeder damit etwas anfangen kann.

Auch wenn die Kost manchmal schwer sein mag: Dieses Buch liest sich leicht, und es hat durchaus Unterhaltungswert. Nein, hier macht sich niemand lustig oder lacht auf Kosten anderer. Unterhaltsam ist es, weil die Geschichten mitnehmen, anrühren, staunen machen und so vielleicht auch bei Ihnen als Leserin oder Leser etwas in Bewegung bringen – Erinnerungen wachrufen, vielleicht Mitgefühl erzeugen, Erleichterung oder ein »Aha! So hab ich das noch gar nicht gesehen!«

Sie können dieses Buch von vorne nach hinten lesen, Sie können aber auch hineinlesen, wo es Sie thematisch gerade anlockt. Einige Kapitel sind mehr theoretischer Natur (mit praktischen Beispielen zur Illustration), andere befassen sich mit bestimmten Themenkomplexen. Nehmen Sie das Buch, wie Sie es brauchen: als Arbeitsbuch, als Geschichtenbuch, als Inspirationsquelle, …

Es war sehr spannend, dieses Buch mit Sieglinde Schneider zu schreiben. Sie bringt alles mit, was Menschen, die ein Anliegen haben, brauchen (und fasziniert): Erfahrung, soziale Fantasie, handwerkliches Können, gute Fragetechniken, Empathie und Hartnäckigkeit. Sie redet Tacheles, wo es nötig ist, unverblümt und direkt. Dazu kommt ein gerüttelt Maß an Humor und Coolness – nicht jeder Klient ist gleich begeistert von dem, was Sieglinde Schneider da mit ihm oder ihr »macht«: Sie bohrt und fragt und ist ehrlich, und dann packt sie ihre Playmobilfiguren aus (Augenrollen … Wir sind doch nicht im Kindergarten!).

Ein paar typische Sieglinde-Sätze, die durchaus gleich zu Anfang kommen können:

Für wen sind Sie so rebellisch?

Warum ziehen Sie Projekte an Land, die nichts werden?

Gell, Sie haben sich in Ihrem Leben immer angestrengt?

Wo ist dir die Süße des Lebens verlorengegangen?

Vielleicht musst du aufhören, schwanger zu sein, ohne schwanger zu sein?

Gegen Traummänner hat man keine Chance.

Ein Glas Sekt auf die Lust!

Die Seele braucht ein gemeinsames Grab für Täter und Opfer.

Sieglinde Schneider hat etwas, was man nicht lernen kann, sondern was einem vielleicht gegeben ist oder was sich auf die Dauer entwickelt, ohne dass man dafür etwas tun kann: eine Schnelligkeit, Behändigkeit und Eleganz, mit der sie in fremden Familiengeschichten – man könnte fast sagen: navigiert. Wie eine Kapitänin, die die Untiefen und die Launen des Meeres kennt, weil sie sich darin seit Jahren ohne Schwimmring bewegt. Sie assoziiert, kombiniert und legt die Lösung auf den Tisch, und man fragt sich: Wie ist sie jetzt darauf so schnell gekommen?

Dazu ist sie ein Sprachgenie: Wer immer kommt – ob Obdachloser oder Stardirigent, hochrangiger Adel oder ganz normale Bauersleute, der Handwerker oder die Topmanagerin, die Millionenerbin oder der Hartz-IV-Empfänger –, sie erreicht »die Leut« auf der Frequenz, die sie brauchen, um ins Schauen, Fühlen und Erinnern zu kommen. So öffnet sich ihnen ein bisher verschlossenes Fenster und gibt einen ganz anderen Blick auf das eigene Leben und die Familienlandschaft frei.

Ich war immer wieder fasziniert und auf seltsame Weise erfüllt davon, Zeugin zu werden, wie Menschen mit diesen Tiefen und Untiefen ihrer Geschichte und ihres Erlebens in Kontakt kommen und plötzlich mit sich selbst und ihren Mitmenschen Frieden schließen können.

Ich hoffe, dass es Ihnen ähnlich ergeht.

Hamburg, im Januar 2023

Gabriele ten Hövel

I Aufstellung in der Einzelarbeit

GABRIELE TEN HÖVEL»Die Aufstellung gibt seelischen Bildern und Kräften Raum und führt uns in Dimensionen, die nur sehr schwer zu beschreiben sind. Wir können so etwas wie seelische Phänomene erleben, die weit über das bloße Betrachten hinausgehen.« Das ist ein Zitat von dir. Was heißt das? Was ist die Grundannahme dahinter?

SIEGLINDE SCHNEIDER Wir alle haben ein unbewusstes, inneres Bild von unserer Familie. Das bestimmt auch unser Handeln. In der Aufstellung kommt dieses Bild nach außen – also bei mir mit Figuren auf den Tisch.

Wenn wir mit Stellvertretern in einer Gruppe aufstellen, fühlt jeder, der aufgestellt wird, die Beziehung zu anderen und darüber hinaus die Beziehungsdynamik. Sie erleben innerlich einen Prozess. Der lässt sich von außen nicht einfach ablesen. Deshalb fragen wir ja die Stellvertreter.

In der Aufstellung mit Figuren, also ohne Stellvertreter, ist es zwar anders. Aber auch hier sehen wir mehr als nur: Wo gucken die Aufgestellten hin? Auch hier können wir »sehen«, was sie umtreibt.

Wenn ein Klient ein Beziehungsbild aufstellt und beschreibt, was er wie, warum macht, fängt er schon an – man könnte sagen – »gefühlt zu beschreiben«. Und schon ändert sich etwas: Das innere Bild, mit dem der Klient gekommen ist, gerät in Bewegung.

Wie geht das im Einzelnen? Lässt sich das beschreiben?

Eine Klientin stellt Figuren auf den Tisch. Schon währenddessen kommt bei vielen innerlich etwas in Bewegung. Sie sieht das Bild, sie fühlt etwas, sagt etwas, erkennt plötzlich Zusammenhänge.

Dann beschreibe ich, was ich sehe. Ich frage nach Fakten, nach Erinnerungen, die das, was da auf dem Tisch steht und wirkt, verständlich machen könnten.

Ein kleines Beispiel: Ein Mann hat ein Symptom – er wählt dafür eine Figur aus und stellt sie neben seinen väterlichen Opa. Sie schauen sich nicht an.

Ich frage: »Wissen Sie etwas über diesen Opa?«

»Nein.«

Ich: »Wie ist es, wenn sich das Symptom und der Opa anschauen?«

Er: »Da wird’s mir ganz komisch … Ah! Jetzt fällt mir noch was ein …«

Jetzt kommen über das Gefühl mit einem Mal Erinnerungen oder Informationsfetzen hoch, die vorher nicht zugänglich waren.

Wir sind Lotsen, wir geben nur einen Anstoß

Welche »Lücke« genau füllt die Familienaufstellung in der Einzelarbeit?

Menschen leiden unter etwas, aber sie können es aus ihrer Lebenswirklichkeit heraus nicht erklären. Sie kommen in die Beratung und sagen: »Mir geht’s eigentlich gut. Ich habe einen tollen Beruf, ich mag meine Frau, meine Kinder gedeihen, und trotzdem habe ich das Gefühl, mein Leben ist elend und trostlos, als wäre ich im falschen Film.«

Oder jemand sagt: »Ich sitze wie hinter einer Milchglasscheibe, und dahinter zieht das Leben vorüber.«

Oder: »Ich habe das Gefühl, ich laufe neben mir her.«

Dann frage ich mich: Wo machen diese Gefühle oder Verhaltensweisen, die in seiner Realität keinen Sinn machen, Sinn – wo könnten sie Sinn machen? Hier ist die Aufstellungsarbeit hilfreich, weil die Klienten erfahren können, dass sich in der Realität, in der sie leben, oft eine andere Realität spiegelt.

Also: Wo ist jemand in etwas eingebunden, was in ein anderes Schicksal gehört?

Ja. Das ist ein Kernpunkt meiner Arbeit. Ich bin immer etwas irritiert, wenn jemand anruft und sagt: »Ich brauche jetzt dringend eine Familienaufstellung, das ist die einzige Hilfe für mich.« Das stimmt so nicht. Es ist dann die richtige Hilfe, wenn ich an etwas leide, was nicht aus meinem eigenen Leben erklärbar ist. Das gibt es allerdings sehr häufig.

Es gibt auch die Vorstellung, eine Aufstellung ist schon die Lösung.

Aufstellungsarbeit bringt etwas in Bewegung. Wenn das innere Bild im Laufe der Aufstellung verändert wird, nimmt der Klient ein neues Bild auf. Das führt zu einer Veränderung.

Wie dieser Prozess in einer Person abläuft, was dann letztlich seine Lösung ist, können wir nicht wissen. Manchmal gehen Klienten mit einem guten Gefühl nach Hause und sind erleichtert. Doch nach drei Tagen rufen sie an, weil es ihnen nicht mehr so gut geht.

Hast du ein Beispiel?

Eine junge Frau kam. In der Arbeit mit ihr kam die Oma in den Blick. Sie hatte Schlimmes erlebt. Die Enkelin konnte das während der Sitzung spüren. Aber erst danach kamen der Klientin die Trauer und der Schmerz in ihrer ganzen Wucht nochmal hoch. Nachdem die Enkelin diese Trauer spüren und gleichzeitig der Oma zuordnen konnte, war sie frei davon.

Wir wissen nicht, was dem Klienten hilft

Irving Yalom hat so eine schöne Geschichte in einem seiner Bücher erzählt: Er hat mit einer Kollegin gearbeitet, die er gut kannte. Sie war sehr krank, wurde im Krankenhaus sehr depressiv und hat ihn angerufen. Er hat etwa zehn Stunden mit ihr gearbeitet. Nach einem Vierteljahr trifft er sie wieder, und sie schaut sehr aktiv aus, sehr strahlend. Er freut sich und denkt: »Toll, der konnte ich jetzt wirklich helfen.«

Er unterhält sich mit ihr und wartet darauf, dass sie sagt: »Schön, dass du für mich da warst« oder so etwas Ähnliches.

Schließlich kann er sich nicht mehr zurückhalten und fragt: »Was ist passiert, dass es dir so gut geht?«

Sagt sie: »Jetzt muss ich dir was erzählen. Wir hatten im Krankenhaus so eine schreckliche Krankenschwester, die war so was von biestig, und ich war immer froh, wenn die wieder raus war aus dem Zimmer. Eines Tages war ich wieder so fertig und habe gedacht: Mein Leben ist sinnlos, alles vergeblich und so weiter. Da kam diese Krankenschwester, beugt sich über mich und sagt: ›Zeigen Sie Ihrer Familie endlich, dass Sie Klasse haben.‹ Das hat mein Leben verändert. Das stimmt, habe ich gedacht, wenn ich so rumjammere: ›Jetzt muss ich wohl sterben‹, was haben die für einen Eindruck von mir!«

Yalom war etwas enttäuscht. So ist das! Wir wissen nicht, was letztlich dem Klienten hilft. Wir geben nur den Anstoß. Das Weitere haben wir nicht in der Hand. Und zu glauben, wir wüssten die Lösung, wäre vermessen. Wir sind nur Lotsen.

Wie viele Generationen gehst du zurück?

Soweit die Erinnerung in einer Familie reicht, also bis zu den Großeltern und Urgroßeltern. Auch als Kind erinnert man sich meist an die noch lebenden Großeltern, manchmal sogar an die Urgroßeltern. Man kennt die Oma und aus Erzählungen vielleicht auch deren Eltern. Bei Firmen, beim Adel und bei Bauernhöfen kann die Erinnerung aber noch weiter zurückgehen. Es geht immer darum, was hat Bedeutung für meine Existenz. Beim Adel zum Beispiel ist es wirklich spannend, von wie weit zurück die Dinge wirken.

Das »Gruppengewissen«

Du sagst ja, Familienschicksale kommen oft erst eine oder mehrere Generationen später ans Licht. Warum genau? Was ist die Hypothese im Hintergrund?

Da wirkt oft etwas völlig blind aus einer Art »Gruppengewissen« heraus, wie Bert Hellinger das genannt hat. Dieses Gruppengewissen duldet keinen Ausschluss und kein Unrecht und sorgt für einen Ausgleich an dem bzw. durch den Späteren – wie gesagt: völlig unbewusst.

Wir sind eben liebende Kinder und wollen, dass jeder dazugehören darf. Kinder sind diejenigen, die Ausgleich schaffen wollen, wenn jemand benachteiligt war, ungesehen, untergeschoben oder ausgegrenzt war.

Warum?

Aus kindlichem Mitgefühl, aus kindlicher Größenfantasie. Kinder wollen die hereinholen, die dazugehören. Sie wollen gutmachen und ausgleichen. Kinder denken, sie müssen den Eltern oder Großeltern helfen oder im eigenen Leben richtig machen, was bei diesen schief gelaufen ist. Kinder sind zutiefst loyal ihren Eltern und anderen gegenüber, denen sie viel verdanken. Sie tun sich schwer damit, gut zu leben, wenn es denen, die sie lieben, schlecht geht.

Wenn du sagst »Kinder wollen …«, dann hört sich das an, als wenn es doch ein bewusster Akt wäre. Nur wirkt ja aber das »Gruppengewissen« unterhalb dieser Bewusstseinsschwelle.

Ja natürlich. Lass uns das an einem Beispiel zeigen:

1. Geschichte: »Kinder sind Liebende«

Da kommt ein junger Mann zu mir und sagt: »Ich bin verrückt.«

»Verrückt sind Sie sicher nicht«, entgegne ich, »aber vielleicht sind Sie ver-rückt.«

Er hatte sein Abitur mit 1,0 gemacht, hat aber nicht gefeiert. Er sagt, er war fast depressiv. Dann machte er sein Examen als Student mit der Note 2. Danach hat er sich den Oberschenkel gebrochen, kam ins Krankenhaus und sagt: »Da war ich glücklich.« Ein junger Mann, der glücklich ist im Krankenhaus?

Warum glaubte er, verrückt zu sein? Weil er sich sein eigenes Verhalten nicht erklären konnte?

Ja. Er war natürlich nicht verrückt. Ich habe mich gefragt: Für wen macht er das? Für wen kann er sich nicht über seine Gaben freuen, sich glücklich fühlen?

Bei der Aufstellung hat er sich ganz nah zum väterlichen Opa gestellt. Dieser Opa war 17 Jahre alt, als der Hof seiner Eltern abgebrannt ist. Die waren bettelarm und haben sich mühsam wieder etwas aufgebaut. Dann musste der Opa in den Krieg, kam schwerverletzt zurück. Kurze Zeit darauf mussten sie aus Schlesien fliehen. Sie haben alles zurücklassen müssen. Der Großvater hat wieder neu angefangen. Aber er musste oft ins Krankenhaus und kam nie mehr richtig auf die Beine.

»Da sehen Sie Ihre tiefe Liebe zum Opa. Der hatte kein Glück und konnte nichts mehr zuwege bringen. Wie können Sie es sich da erlauben, Erfolg und Glück einfach zu nehmen?«

Der junge Mann sitzt da und weint. Eine Viertelstunde lang hat er nur geweint. Ich habe mich gefragt: Ist das jetzt seine Trauer um den Opa oder ist das die nicht gelebte Trauer und der Schmerz seines Opas?

Ich sage: »Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen aufs Grab zum Opa und bringen ihm einen schönen, bunten Blumenstrauß für die Fülle des Lebens und sagen: ›Opa, schau, es geht gut weiter.‹«

»Darf ich das? Darf ich wirklich glücklich leben?«, fragt er, mehr in sich hinein.

»Ja«, sage ich, »nichts freut den Opa mehr, als dass Sie etwas aus Ihrem Leben machen.«

Um dazuzugehören, tun Kinder alles – ohne es kognitiv zu wissen

So ist es oft: Tief in unserem Inneren sind wir loyal wie Kinder, auch wenn wir längst erwachsen sind. Wir sind dann wie ver-rückt, hineingerückt in das Leben eines anderen.

Kinder sind Liebende. Aber sie wissen nicht, was sie tun – ist das nicht eher ein archaischer, seelischer Prozess?

Bert Hellinger hat aufgrund seiner Beobachtungen gesagt, das Gewissen reagiert nicht darauf, was gut oder böse ist. Das Gewissen misst sich daran: Gehöre ich dazu oder gehöre ich nicht dazu, wenn ich lebe, wie ich lebe, und tue, was ich tue? Um dazuzugehören tun Kinder alles. Auch wenn ich zum Beispiel in einer mafiösen Familie aufwachse, will ich dazugehören: Es gibt diese tiefe Loyalität auch im Schicksal. Eine tiefe, blinde Bindung – das nennen wir »kindliche Liebe«.

Wir empfinden es oft unbewusst als Verrat, wenn es uns besser geht als Vater oder Mutter oder anderen in der Familie. Das ist mit ein Grund, warum so viele Leute sich nicht trauen, ihren Erfolg zu nehmen. Die Erfahrung sagt: Menschen agieren in ihrem Leben auf eine Art und Weise, die etwas mit ihren Ahnen zu tun hat, ohne es kognitiv zu wissen.

Im Unbewussten sind wir eingebunden, im Unbewussten wissen wir über zwei, drei, vier Generationen Bescheid über alles, auch wenn nur ein Bruchteil davon ins Bewusstsein kommt.

Wir kennen natürlich alle die bewusst erlebte Dynamik: Ich will dazugehören, da bin ich loyal. Aber wie tief das in uns unbewusst verankert ist, das nehmen wir nicht wahr. Das ist archaisch. Selbst Kinder, die wirklich schlecht behandelt, misshandelt, missbraucht werden, sind trotzdem an die Eltern ganz tief gebunden. Ein Kind lebt dann, als würde es sagen: »Ich mach’s für dich richtig« oder entgegengesetzt: »Mir soll es nicht besser gehen als euch.«

Wir sind mehr Täter aus Liebe als Opfer

Könnte man das nicht einfach auch einen archaischen Überlebenstrieb nennen? Man kann ja als kleines menschliches Wesen nicht überleben, ohne zur Gruppe zu gehören.

Für mich ist es beides. Das Bestreben dazuzugehören ist in unserem biologischen Überlebenstrieb verankert. Ich kann nicht überleben ohne die anderen. Aber mir ist der Begriff der kindlichen Liebe so wichtig. Er verweist darauf, wie aktiv Kinder und auch Erwachsene in ihren kindlichen Gefühlen auf ihre Umwelt Einfluss nehmen.

Und für mich kommt noch etwas ganz Entscheidendes dazu: Vieles lässt sich leichter verändern oder annehmen, wenn wir die Liebe hinter einem problematischen Verhalten sehen. Wir sind viel mehr »Täter aus Liebe« als Opfer. In der Beratung und Therapie verändert die Frage »Für wen tust du das alles, für wen fühlst du da?« sofort das gesamte Setting.

Das öffnet ja offenbar auch Ressourcen, wenn die Klienten sich nicht als Opfer fühlen, sondern sich selbst verstehen, wie und warum sie so agieren und aktiv sind – wenn auch in eine Richtung, die ganz sprichwörtlich nach hinten losgeht? Hast du dafür ein Beispiel?

2. Geschichte: »Der Papa will das nicht«

Ich habe in Mexiko in manchen Fortbildungskursen mit Straßenkindern gearbeitet, die die Therapeuten mitgebracht hatten.

Da war ein Junge – so aggressiv mit seinen zwölf Jahren, dass sie in dem Haus, wo sie die Straßenkinder aufgesammelt haben, gesagt haben: »Wir können ihn nicht mehr behalten.«

Die Therapeutin hat auch gesagt: »An den kommt man nicht mehr ran.«

Er hat die Erzieher, die Therapeutin nie angeschaut, wenn sie mit ihm gesprochen haben. Sie hat ihm gesagt: »Da ist jemand da für dich, die arbeitet mit den Kindern. Geh mit mir hin zu ihr, sonst darfst du nicht mehr hier im Haus bleiben.«

Der Junge saß da, auch mich hat er nicht angeschaut – aber die Playmobilfiguren haben ihm gefallen.

Ich habe gesagt: »Miguel, du musst gar nichts sagen. Du nimmst einfach die Figuren und stellst dich und deine Eltern auf.«

Er hat sie wirklich aufgestellt, und ich konnte mit ihm arbeiten.

Er war ganz klar. Seine Figur schaute auf seinen Vater. Der war ein Mörder. Er hat auf der Straße Menschen erstochen. Auch Miguel hatte schon öfters auf der Straße andere mit dem Messer attackiert und verletzt.

Ich sagte zu ihm: »Ja, schau her, du machst das auch. Willst du auch ins Gefängnis wie dein Papa?« Der Vater hatte sich im Gefängnis umgebracht. »Wie schaut dein Papa dich an, wenn du das auch machst?«

Sagte er ganz leise: »Er will das nicht.«

Ich habe seine Figur den Papa anschauen lassen und gesagt: »Papa, du bleibst mein Papa, auch wenn ich anders lebe als du. Auch wenn ich in die Schule gehe, einen Beruf lerne, Geld verdiene und es mir gut geht.«

Er ging näher zum Tisch, nahm seine Figur und suchte einen Platz dafür. Dann wollte er noch zwei Figuren für seine Pflegeeltern dazustellen. Die hat er hinter sich gestellt.

Von der Pflegefamilie war er weggelaufen. Aber die Pflegeeltern wollten ihn trotzdem wieder zu sich nehmen und weiter im Kontakt mit seiner Mutter bleiben. Bisher hatte er das immer abgelehnt. Er wollte nirgends hin. Jetzt hatte er die Pflegefamilie hinter sich gestellt.

Ich sagte zu ihm: »Da bist du gut aufgehoben, die Mama freut sich auch.«

Dann ist er aufgestanden, hat gesagt: »So, jetzt ist das so.«

Er kam zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange, ging zur Therapeutin und gab auch ihr einen Kuss. Dann ist er rausgegangen.

Wir haben beide geheult.

Alle, denen wir etwas Existenzielles verdanken, brauchen im System einen Platz

Wer wird oft vergessen? Wer hat keinen Platz und »meldet« sich später wieder?

Frühere Partner, verstorbene Kinder, uneheliche Kinder, weggegebene Kinder, Verstoßene. Familienmitglieder, die Unrecht und Schlimmes getan oder auch erlitten haben: beispielsweise eine Tante, die im Dritten Reich in der Psychiatrie umgebracht worden ist, Kriegsschicksale und Ähnliches.

Warum sind vergangene Partner so wichtig?

Ganz einfach: Wenn ein Elternteil bei einem früheren Partner geblieben wäre, gäbe es das Kind nicht. Wenn die erste Frau eines Opas nicht gestorben wäre, hätte der Opa nicht die Oma geheiratet, gäbe es deren Kind und die Enkel nicht. Diese erste Frau muss den Platz bekommen.

Was genau heißt das »den Platz bekommen«? Reicht es, zu sagen: »Aha, die gibt es auch«?

Nein, das reicht nicht. Sie braucht Würdigung. Sie hat ihren Platz freigemacht für eine andere und so ermöglicht, dass diese andere Frau das Leben weitergibt. Ein anderes Beispiel: Wenn ein Kind aus erster Ehe vom zweiten Mann adoptiert wird, wird der leibliche Vater häufig wie ausradiert.

Die »Hintergrundmatrix«

Ich hatte mal in einem Seminar mit Eltern von behinderten Kindern einen Vater, der sagte: »Ich bin zum zweiten Mal verheiratet. Ich habe meine erste Ehe annullieren lassen.« Ich fragte: »Warum?« Er sagte: »Aus religiösen Gründen. Ich bin katholisch, meine zweite Frau auch. Eine kirchliche Trauung war uns wichtig. Die Familie meiner zweiten Frau bestand darauf.«

Die Annullierung einer Ehe bedeutet aber häufig: Ich lösche einen faktischen Teil meiner Geschichte. Ein Grund für die kirchliche Eheaufhebung ist: Es gab nie den Willen zur Ehe. Da muss man dann mit Zeugen nachweisen, dass man diese Ehe nur eingegangen ist, weil man dazu gezwungen wurde. Der zweite Grund ist: Die Ehe wurde nie vollzogen. Aber wie sollte das bei diesem Mann gehen? Er hatte drei Kinder von dieser ersten Frau. Wie er die Annullierung durchgekriegt hat, weiß ich nicht.

Was bedeutet die Annullierung einer Ehe systemisch?

Es ist die Verleugnung einer Ehe, einer Bindung – als hätte es sie nie gegeben. Das hat Folgen. Es ist, als würde das systemische Gewissen unbewusst darauf drängen, dass man dafür ein Opfer bringen muss. Manchmal stirbt dann das erste Kind in der zweiten Ehe oder wird behindert. Manchmal bleiben die nachfolgenden Kinder selbst kinderlos. Oder ein nachfolgendes Kind heiratet nie oder erlebt selbst, auf schmerzhafte Weise verlassen zu werden.

Und wenn die späteren Kinder davon wissen?

Wenn sie davon wissen – mit allen Hintergründen –, haben die ersten Kinder und die erste Frau wieder ihren Platz im System.

Das klingt etwas moralisch.

Nein, mit Moral hat das nichts zu tun – überhaupt nicht. Es geht nur darum, dass die Kinder ihr Leben nicht »ohne es zu wissen und ohne es zu wollen« an dem oder den »Annullierten« ausrichten müssen.

Ist das denn automatisch so?

Zumindest ist es möglich. Der Kern der Aufstellungsarbeit ist doch, dass wir durch Wissen, Verstehen und Erkennen, was in unserem Familiensystem geschehen ist, Verstrickungen loslassen und, soweit möglich, aussteigen können. Alle, denen wir etwas Existenzielles verdanken, brauchen im System einen Platz. Alle, die einen Preis gezahlt haben, müssen gewürdigt werden, sonst können ihre Nachkommen den Gewinn nicht nehmen. Das ist die »Hintergrundmatrix«, die ich für meine Hypothesen immer im Kopf habe.

Wer muss in Familien noch gesehen werden?

Uneheliche Kinder werden manchmal verschwiegen, früh verstorbene Kinder oder Fehlgeburten werden oft nicht mehr erwähnt und vergessen. Frühere Beziehungen, wenn sie schon durch »Tisch und Bett« verbunden waren, müssen offen anerkannt sein.

Zählt schon die Beziehung oder nur, wenn Kinder gekommen sind?

Auch die Beziehung allein kann bedeutsam sein. Aber wenn ein Kind entsteht, egal ob aus einem One-Night-Stand oder einer kurzen Beziehung oder einer langen Liebe und egal ob es lebt oder gestorben ist, verbindet das zwei Menschen dauerhaft – auch wenn sie längst auseinandergegangen sind. Das braucht einen Platz. Die dürfen nicht verschwiegen oder vergessen werden, nicht ausgeschlossen werden.

Wenn Kinder wissen, die Mama oder der Papa waren vorher schonmal mit jemand anderem verheiratet, aber sie haben sich getrennt, wenn sie wissen, Papa und Mama sorgen auch für die Kinder aus der ersten Ehe oder einer früheren Beziehung, ist es in Ordnung.

Warum ist das für Kinder so wichtig? Viele würden sagen: Das ist Schnee von gestern, für Kinder zählt nur das Hier und Jetzt.

Kinder müssen wissen: Papa ist der zweite Mann von Mama, und es gab einen ersten Mann. Denn als Kind verdanke ich dieser Trennung vom ersten Mann mein Leben. Das ist existenziell wichtig.

Ich bin immer wieder von den Socken, wie viele Klienten hier sitzen und zum Beispiel nicht wussten, dass die Mutter oder der Vater schonmal verheiratet waren. Ganz zu schweigen von »unordentlichen« Geschichten, über die man früher gar nicht gesprochen hat. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern damit, das, was war, anzuerkennen.

Von Clowns und Retter-Kindern: Der Platz

Es wird ja verschiedentlich kritisiert, dass die Vorstellung der »guten Lösung für alle« bei einer Aufstellung einer kindlichen Wunschvorstellung entspringe. Was sagst du dazu?

Ich kann nur kraftvoll in der Welt stehen, wenn ich meinen Platz habe und einnehme. Diese Einsicht verdanken wir Bert Hellinger. Das hat nichts Naives, das ist keine kindliche Wunschvorstellung.

Wenn wir in Aufstellungen mit Stellvertretern die Plätze so verändern, dass es möglichst allen gut geht, ändert das natürlich nichts an der realen Familiengeschichte. Aber es vermittelt ein neues seelisches Bild. Der Klient kann sich vorstellen, wer wo richtig stehen würde. Dieses Bild vom »richtigen Platz« bewirkt oft reale positive Veränderungen in Beziehungen. Und in der eigenen Seele entstehen heilsame Bilder. Die helfen, von der Vergangenheit irgendwie befriedet Abschied zu nehmen.

Wie machst du das in deiner Arbeit? Du hast ja keine Stellvertreter. Wo ist da der Fokus im Aufstellen?

Was die Stellvertreter in einer Aufstellung selber rückmelden oder machen, das erforsche ich durch Fragen an den Klienten. So ordne ich die Plätze in Rückkopplung mit dem Klienten.

Ein Klient stellt mit den Figuren sein Beziehungssystem auf, also beispielsweise die Eltern und Geschwister. Dann wird durch meine Fragen die eine oder andere Veränderung in der Konstellation vorgenommen. Vielleicht wird noch etwas dazugestellt, zum Beispiel ein Symptom. Daraus ergibt sich oft ein neuer, weiterführender Blick auf die eigene jetzige Lebenssituation und das eigene Anliegen.

Dann gehe ich mit dem Klienten meist zurück in seine Familiengeschichte, damit er sehen kann, wie und mit wem er in seinem Problem verbunden ist. Ich stelle dann die Figuren der Eltern nebeneinander und die Figur des Klienten gegenüber. Sukzessive werden alle, die zur Familie gehören, dazugestellt: Die einen stehen neben den Eltern, wenn es etwa um frühere Partner geht, mit denen es gemeinsame Kinder gibt. Oder wenn zum Beispiel die Eltern Geschwister mit einem besonderen Schicksal haben.

Hinter die Eltern kommen die Großeltern mit den Personen, die in dieser Generation dazugehören. Das geht so weit zurück, wie es notwendig ist.

Der Klient schaut dann als Kind seiner Eltern auf alle zurück, die dazugehören. Die Frage ist: Wer hatte ein besonderes Schicksal? Wie hat sich das auf ihn als Kind ausgewirkt? Wie auf seine Beziehungen, und wie scheint es schließlich auf sein Leben als erwachsener Mensch durch? Es geht um den Fluss des Lebens und wie er oder sie darin steht.

Du erzählst den Klienten oft anhand dieses Aufstellungsbildes das Familiengeschehen wie eine Geschichte. Das hat enorme Wirkung auf die Klienten. Sie sind emotional berührt, sie weinen, sie bestätigen das Gesagte oder verstärken es – das scheint sehr wichtig zu sein und mehr als nur ein rein kognitives Gespräch.