Wachstum? - Katja Gentinetta - E-Book

Wachstum? E-Book

Katja Gentinetta

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Beschreibung

Wachstum - große Gefahr oder einzige Lösung? Ob Wachstum den von der Menschheit eigens herbeigeführten Untergang der Welt bewirkt oder ganz im Gegenteil die einzige Lösung für die Probleme der Weltgemeinschaft bereithält, ist eine der umstrittensten Fragen unserer Zeit. Während Katja Gentinetta dafür plädiert, dass menschliches Handeln nicht einzig auf ein Überleben ausgerichtet sein darf, sondern sich vielmehr auf die größte Fähigkeit des Menschen rückbesinnen muss, die Welt durch seine Talente immer weiter zu verbessern, übt Niko Paech scharfe Kritik: Gerade das menschliche Streben nach Wachstum ist es, das unsere Welt ihrem Ende immer näher bringt, da die Menschheit durch ihre besinnungslose Ausrichtung an immer mehr Fortschritt und der dadurch ausgelösten Zerstörung kurz vor ihrem Ende steht. Wer sich eine kritische und fundierte Meinung zu den drängenden Fragen unserer Zeit bilden will, kommt an dieser Reihe nicht vorbei! Dr. phil. Katja Gentinetta, geboren 1968, ist politische Philosophin. Seit über 10 Jahren arbeitet sie als selbständige Publizistin und Universitätsdozentin. Sie ist Wirtschaftskolumnistin der NZZ am Sonntag und publiziert und referiert im In- und Ausland regelmäßig zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen. Während je vier Jahren moderierte sie die Sternstunde Philosophie und die NZZ Standpunkte im Schweizer Fernsehen. Katja Gentinetta gehört zu den wichtigsten Stimmen der Schweiz. Prof. Dr. Niko Paech, geboren 1960, ist Volkswirt und habilitierte sich an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wo er von 2008 bis 2016 den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt innehatte. Derzeit forscht und lehrt er an der Universität Siegen im Studiengang "Plurale Ökonomik". Paech hat den Begriff der "Postwachstumsökonomie" in Deutschland eingeführt und gilt als vehementer Verfechter der Wachstumskritik. 2014 wurde er mit dem ZEIT WISSEN-Preis "Mut zur Nachhaltigkeit" ausgezeichnet.

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Seitenzahl: 113

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ebook Edition

Katja Gentinetta Niko Paech

Wachstum?

Herausgegeben von Lea Mara Eßer

Mehr über unsere Autor:innen und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-867-9

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2022

Motiv: Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Umschlag: Buchgut, Berlin

Satz: Publikations Atelier, Dreieich

Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Printed in Germany

Inhalt

Vorbemerkungen

Katja Gentinetta:Wachstum heißt Entwicklung

Einleitung

I Eine kleine Dialektik des Wachstums

Das Leben wird besser

Der Kuchen wird größer …

… und die Abfallberge auch

II Alles hat seinen Preis

Das Versagen des Sozialismus

Kostenwahrheit als Schlüssel

Elend als einzige Alternative

III Das unterschätzte Individuum

Der vergegenständlichte Mensch?

Das entscheidende Subjekt

Der bewusste Konsument

VI Ein Recht auf Wachstum

Niko Paech: Wirtschaftswachstum als essentielle Bedrohung

Einführung

I Lässt sich Wachstum durch Umsteuerung entschärfen?

Qualitatives Wachstum und alternative Wohlfahrtsmaße

Von der Zielerreichung zur Messung des Mitteleinsatzes

Die Invasion einer neuen Wachstumsphysik

Qualitatives beschleunigt quantitatives Wachstum

Lebensqualität oder Zwangsbeglückung

Ökologisch ›wahre‹ Preise als Lenkungsinstrument?

II Aussichtslose Entkopplungsversuche

Materielle Rebound-Effekte

Finanzielle Rebound-Effekte

Maßlose Techniküberschätzung

Grünes Wachstum mit der Brechstange

III Postwachstumsökonomie

Suffizienz befördert eine hohe Lebensqualität

Die Rolle der Subsistenz

IV Ausblick

Anmerkungen

Orientierungspunkte

Titel

Inhaltsverzeichnis

Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. […] Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grund­sätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.

Hannah Arendt

Vorbemerkungen

Dies ist der Versuch, Sie in die Frage zu verführen. Das Bild der Schlange, das Sie auf dem Titel sehen, ist keineswegs Zufall: In der Genesis ist sie es, die die Frage in die Welt bringt, die dazu verführt, das Selbstverständliche zu prüfen, dazu, sich ein ganz eigenes Urteil zu bilden. Auf diesem Weg bringt sie zugleich die Gefahr dieses Fragens in die Welt, denn zu fragen heißt immer, dem allzu Selbstverständlichen seine vermeintliche Alternativlosigkeit – und somit die darin liegende trügerische Sicherheit – zu nehmen.

Die Reihe Streitfragen stellt umstrittene Themen und Debatten zur Diskussion. Sie möchte Lust am Selberdenken und dem Entwerfen einer eigenen Position wecken wie auch das offene Gespräch verteidigen. Es ist ein großes Gut und Zeichen von Freiheit, dass es andere Standpunkte gibt, die den eigenen in Frage stellen. Nur so können Gedanken sich formen und umformen, nur so kann Neues entstehen, kann Gesellschaft wachsen und sich entwickeln.

Woran es unserer Zeit nicht mangelt, sind Formate des Streits, die in Lager einteilen und Kontrahenten in die Arena treten lassen. Diese Art der Debatte befördert eine Vertiefung und Verfestigung nicht mehr übertretbarer Frontlinien, sie zieht diese sogar oftmals erst. Auf diese Weise wird zur Linie verkürzt, was Gesellschaft und Öffentlichkeit einzig ermöglicht, nämlich der gemeinsame Raum des Gesprächs. Eine vielstimmige Gesellschaft ist aber weder selbstverständlich noch natürlich, sie bildet sich einzig im Dialog und endet, sobald ein solcher nicht mehr möglich ist, sobald es nur noch darum geht, den anderen mit allen Mitteln zu übertrumpfen, sobald Debatte zum Wettkampfspektakel verkommt.

Diese Reihe möchte dem entgegenwirken. Bei dem hier ausgetragenen Streit soll es nicht um Angriff und Verteidigung gehen, sondern darum, beiden Betrachtungsweisen ausreichend Platz zur Entfaltung zu lassen. Aus diesem Grund werden beide Beiträge ohne Kenntnis des jeweils anderen verfasst, und damit ohne dem (unterschwelligen) Zwang zu unterliegen, sich für seine eigene Position rechtfertigen zu müssen.

Nach der Lektüre sollen sich beide Standpunkte erheben wie die Teile eines Vorhangs und so den Platz eröffnen, der Ihren Gedanken, Ihrer Meinung zukommt. Der so entstehende Zwischenraum für eine eigeneSichtweise ist es, der eine lebendige Gesellschaft hervorbringt: die Leerstelle, die offene Frage, die auffordert zu Austausch, Diskussion und Überprüfung der eigenen Überzeugungen.

Lea Mara Eßer, Frankfurt am Main 2022

Katja Gentinetta:Wachstum heißt Entwicklung

Einleitung

Die größte Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, wie er seine Stelle in der Schöpfung gehörig erfülle und recht verstehe, was man sein muss, um ein Mensch zu sein.

Immanuel Kant

Wozu sind wir auf dieser Welt? Was macht uns glücklich? Und wie können wir unser Leben verbessern? Seit jeher will der Mensch mehr als nur überleben. Er will ein gutes und wenn immer möglich besseres Leben führen.

Die antike eudämonistische Ethik lehrt uns, dass das letzte Ziel des menschlichen Lebens, ja das gute Leben schlechthin, darin besteht, ein tugendhaftes Leben zu führen. Nach Aristoteles bedeutet dies, die uns Menschen einzigartigen Fähigkeiten bestmöglich zu nutzen. Menschliches Handeln ist Streben (orexis), und dieses Streben richtet sich nach dem höchsten Gut: der Glückseligkeit. Diese reicht weit über subjektive Glücksmomente hinaus. Nur wenn der Mensch seine spezifischen und seiner Natur entsprechenden Fähigkeiten – die Sprache, den Geist – einsetzt, um sich und sein Leben zu verbessern, vermag er die Glückseligkeit zu erlangen. Erst mit dem Gebrauch seines Verstandes gelingt dem Menschen seine Vollendung.

Ein gelingendes Leben – das lehrt uns nicht nur die Ethik, sondern auch unsere eigene Erfahrung – besteht im Wesentlichen darin, dass wir uns entsprechend unseren Möglichkeiten entfalten können, unseren Geist einsetzen und unsere Talente nutzen können, um für uns und für andere ein besseres Leben zu schaffen.

Die orexis, das Strebevermögen, attestiert Aristoteles allen Lebewesen. Aber nur beim Menschen geht es diese einzigartig fruchtbare Verbindung mit dem Verstand ein, woraus einerseits die Klugheit (phronesis) und andererseits die Kunstfertigkeit (techne) erwächst. Vernunft und Innovation sind es demnach, die unsere geistigen Fähigkeiten auszeichnen. Ihnen ist jener Fortschritt zu verdanken, der die Entwicklung und Erweiterung der Medizin, die Überwindung von Armut und Hunger, die Entdeckung der Welt, die Kommunikation über den ganzen Globus und vieles mehr umfasst. Die stete Steigerung des Lebensstandards gibt uns außerdem mehr Raum und Zeit, unsere geistigen Möglichkeiten auszuschöpfen und unserem Leben einen Sinn zu verleihen. Diese Entwicklung ist ohne wirtschaftliches Wachstum nicht denkbar. Unser Streben nach einem besseren Leben treibt das Wachstum an, denn Wachstum bedeutet Entwicklung. Das wirtschaftliche Wachstum, das erst mit der Industrialisierung begann, setzte eine beispiellose technologische und gesellschaftliche Entwicklung in Gang, die zu einer bis dato ungekannten Verbesserung des Lebensstandards breiter Bevölkerungsschichten führte. Elektrizität, fließendes Wasser, Schutz vor Wind und Wetter, aber auch Arbeitsteilung, Bildung und Ausbildung, Rechtsgleichheit – das alles und noch viel mehr zeugen von dieser Entwicklung. Sie belegen unmissverständlich, dass das Wirtschaftswachstum auf das Leben der Menschen eine ungeahnte, hinsichtlich ihrer Dimension und Qualität nicht bestreitbare positive Auswirkung hatte und auch weiterhin haben wird.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Wirtschaftswachstum nicht auch problematische Nebenwirkungen zeitigt, die behoben werden müssen. Hingegen sind weiteres wirtschaftliches Wachstum und technologische Entwicklung – beide Ausflüsse des menschlichen Geistes – überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die entstandenen Schäden zu beheben und weitere zu vermeiden. Wachstum bedeutet Fortschritt und Entwicklung; es baut auf den Leistungen der Vergangenheit und setzt auf die Potenziale der Zukunft.

Wer das Wirtschaftswachstum kritisiert oder ablehnt, miss- oder verachtet diese Entwicklung. Die gängige Wachstumskritik verweist einzig auf dessen schädliche Nebenwirkungen, womit sie, durchaus beabsichtigt, das Wirtschaftswachstum als Ganzes diskreditiert. Ob Umweltschäden oder Klimawandel, Ungleichheit oder Stress, Kriege und Waffen oder Terror und Flucht: Diese und zahlreiche weitere Phänomene und Ereignisse werden als Beweise dafür angeführt, dass das Wirtschaftswachstum der Natur und dem Menschen schadet und folglich gestoppt, ja rückgängig gemacht werden muss.

Indem Wachstumskritiker bisherige Errungenschaften, oft sogar deren bloßes Vorhandensein, unerwähnt lassen, ignorieren sie letztlich jene Grundlage, von der aus ihre Kritik überhaupt erst formulierbar ist. Um es in Anlehnung an Ernst-Wolfgang Böckenförde zu sagen: Die Wachstumskritik lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Wer Verzicht predigt, kann dies nur aus der Warte der Saturiertheit tun, die ihrerseits ein Resultat des Wachstums ist. Und wer Wachstumskritik als Forderung nach ausschließlich »grünem« oder »nachhaltigem« Wachstum artikuliert, unterschlägt, dass dies ebenfalls Wachstum bedeutet und mehr noch: wirtschaftliches Wachstum bedingt. Gerade der Kapitalismus hat sich diesbezüglich als lernfähig und auch lernwillig erwiesen.

Wer das Wirtschaftswachstum anhalten oder gar verbieten will, beraubt all jene Menschen, die noch nicht über einen dem unseren vergleichbaren Lebensstandard verfügen, sämtlicher weiteren Entwicklungsschritte. Er entzieht ihnen damit nicht nur existenzielle Sicherheiten und alltägliche Annehmlichkeiten, sondern auch elementare Lebenschancen: die Möglichkeit, ein im aristotelischen Sinne gutes Leben zu führen und die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen. Wachstumskritik ist im globalen Kontext gesehen – und jeder andere Kontext muss heute als unvollständig gelten – ein Wohlstandsphänomen. Nullwachstum ist etwas für jene, die schon alles haben.

Das Hauptargument, das ich im vorliegenden Essay ausführen möchte, lautet, dass sich wirtschaftliches Wachstum in erster Linie in einer für den Menschen positiven Entwicklung niederschlägt: einer Entwicklung, die seinen geistigen Fähigkeiten und Möglichkeiten gerecht wird. Dies lässt sich anhand zahlreicher Fakten dokumentieren. Es bedeutet jedoch nicht, dass die problematische Seite des Wachstums – Ressourcenverbrauch, Umweltschäden, Überkonsum und Klimawandel – ignoriert oder gar geleugnet werden. Allerdings, so werde ich zeigen, können diese Probleme nur durch die Fortführung des Wirtschaftswachstums – und gerade nicht durch dessen Unterbindung – gelöst werden.

Dieses Paradox ist es, das ich als »Dialektik des Wachstums« bezeichne. Es ist der Eigenlogik der Ökonomie eingeschrieben. Ihre treibende Kraft ist die stete Effizienzsteigerung, und zwar wo immer möglich über Einsparungen und Reduktion von Ressourcen. Der Ursprung dieser treibenden Kraft liegt nirgends anders als im menschlichen Geist: Es ist das aristotelische Streben, der Wille, nicht nur zu überleben, sondern ein gutes, angenehmes Leben zu führen. Dafür setzt der Mensch seine Fähigkeiten ein und nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Die Ressourcen der Natur mögen begrenzt sein, dem menschlichen Geist hingegen sind keine Grenzen gesetzt.

Wer sich dieser Einsicht verweigert und die positiven Seiten des Wachstums ignoriert, kann nur von einer Ideologie geleitet sein – von Hannah Arendt definiert als jenes Denken, das sich »unabhängig von aller Erfahrung […] von der Wirklichkeit [emanzipiert] und […] ihr gegenüber auf einer ›eigentlicheren Realität‹»1 beruht.

Auch deshalb kommt kaum eine Wachstumskritik ohne jene marxistische Grundmelodie aus, die im Kapitalismus den Ursprung sämtlichen weltlichen Übels sieht und diesen folglich überwinden will. Diese Sichtweise beruht jedoch auf einer Reihe von Grundirrtümern, die die Debatte über die Wirtschaft und das Wachstum bis heute auf eine verhängnisvolle Weise prägen und eine konstruktive, an der Realität orientierte Diskussion verunmöglichen: Weder ist die Wirtschaft ein Nullsummenspiel, noch ist der Kapitalismus der größte Umweltsünder, den die Welt je gesehen hat. Zudem bedeutet die Alternative zu Wachstum nicht Stabilität, sondern Rückschritt und Elend. Unter Missachtung dieser Tatsachen erweist sich die Utopie der wachstumsfreien Gesellschaft als eine Verheißung, die sich als Dystopie entpuppt.

Der vorliegende Essay versteht sich als Plädoyer für Wirtschaft und Wachstum, für Fortschritt und Entwicklung, für Kapitalismus und Freiheit – nicht um der Wirtschaft und des Wachstums willen, sondern in Entsprechung zum menschlichen Streben nach Freiheit und Entfaltung. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Wer immer – ganz persönlich – dem Wachstum entsagen will, soll die Freiheit haben, dies zu tun. Wer weniger konsumieren, auf Reisen und Mobilität verzichten, Gebrauchsgüter tauschen und teilen, kaputte oder veraltete Instrumente reparieren und renovieren will, sein Gemüse selbst anbauen und ernten möchte, soll nicht daran gehindert werden. Wer ein derartiges Verhalten jedoch von anderen verlangt oder es gar im globalen Maßstab durchsetzen will, ist nicht nur fortschrittsfeindlich und ignorant, sondern vor allem zynisch und arrogant gegenüber all jenen Menschen, die sich ein besseres Leben wünschen und hart dafür arbeiten. Sie sollen genauso wie wir die Möglichkeit haben, zu wachsen – mit ihrer Wirtschaft und an sich selbst. Weiteres Wachstum bedeutet nicht, den Reichtum einiger weniger zu steigern und die Erde weiter auszubeuten, sondern die Lebensqualität von Millionen von Menschen zu verbessern und unser aller Lebensgrundlage zu erhalten.

I Eine kleine Dialektik des Wachstums

In ihrem Kern ist die Ökonomie die Lehre vom haushälterischen Umgang mit Knappheit. Eine der ersten Beschreibungen dieser Einsicht stammt aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert von dem Sokrates-Schüler Xenophon. In seinem Dialog Oikonomikos (was nichts anderes als »Hauswirtschaft« heißt) entwirft er das Bild eines tugendhaften Hausherrn, der darauf bedacht ist, die natürlichen Ressourcen seines Besitzes, wozu alles zählt, was dem eigentlichen Lebensunterhalt dient, möglichst klug und also effizient zu nutzen, um sich nicht seiner eigenen Lebensgrundlage zu berauben. Weder Verschwendung noch Überfluss sollten herrschen, denn beides wäre unökonomisch. Überschüsse hingegen, die durch umsichtiges Haushalten zustande kommen, sollten in Haus und Hof investiert werden. Ziel des guten Haushaltens war die Selbstversorgung, die Autarkie.

Diese Form der Subsistenzwirtschaft, wie sie gerade von Wachstumskritikern idealisiert und postuliert wird, war bis zur Industrialisierung die Regel. Ihre vorherrschende ökonomische Einheit war der Haushalt oder der Hof. Die Rollen darin waren klar verteilt: Der Hausherr oder Fürst hatte als Oberhaupt die Führung inne; seine Familie lebte von den Erzeugnissen der eigenen Ländereien, die von leibeigenen Bauern bewirtschaftet wurden. Herr und Knecht waren durch wechselseitige Verantwortung und Abhängigkeit aneinandergebunden; soziale Mobilität oder überhaupt die Verfolgung eines eigenständigen Lebensplans waren in dieser sozialen Einheit nicht vorgesehen. Herrschte Hunger, dezimierte sich die Bevölkerung, oder es wurden fremde Ländereien erobert, um auf deren Ressourcen zuzugreifen.

Allein auf Basis dieser Realität ist die Theorie von Thomas Robert Malthus zu verstehen. In seinem 1798 erschienenen Essay on the Principle of Population