WACKEN - das perfekte Paralleluniversum - Dr. Lydia Polwin-Plass - E-Book

WACKEN - das perfekte Paralleluniversum E-Book

Dr. Lydia Polwin-Plass

0,0

Beschreibung

"Das Herz ist bei den Metalheads am rechten Fleck. Alles, was sie tun, ist mit viel Liebe, Seele und Herz verbunden." Doro Pesch "Metalheads sind wild, chaotisch, dauerbetrunken, gewalttätig und dem Teufel verfallen." So das Image der Metaller in der Gesellschaft. Aber ist das wirklich so? "Nein", sagen die eingefleischten Metalheads Dr. Lydia Polwin-Plass und Dr. Michael Gläser und zeigen in diesem Buch genau das Gegenteil auf. Sie beleuchten den sozialen Aspekt der Metalszene. Wie sehr Toleranz, Hilfsbereitschaft, Empathie und Inklusion in der Metalszene verankert sind, wird in Gesprächen mit Musiker*innen, Veranstaltern, Einsatzkräften, Metalheads und Nicht-Metalheads ergründet. Viele Metalfans und Musiker*innen engagieren sich in sozialen Projekten und versuchen auch durch ihr eigenes Verhalten dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und einmal jährlich treffen sie sich zu Zehntausenden am Rande eines kleinen norddeutschen Dorfs, wo seit 1990 das Mekka der weltweiten Metal-Kultur entstanden ist. Wo könnte man also besser herausfinden, wie die Metalheads ticken und was die Gesellschaft von ihnen lernen kann, als beim legendären Wacken Open Air.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Lydia Polwin-Plass und Dr. Michael Gläser

WACKENdas perfekte Paralleluniversum

Was die Gesellschaft von Metalheads lernen kann

Originalausgabe

© 2022 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin;

[email protected]; http://www.hirnkost.de/

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage Oktober 2022

Vertrieb für den Buchhandel:

Runge Verlagsauslieferung; [email protected]

Privatkund:innen und Mailorder:

https://shop.hirnkost.de/ Unsere Bücher kann man auch abonnieren!

Layout: Conny Agel

Titelfoto: Dirk Jacobs

ISBN:

PRINT: 978-3-949452-72-7

PDF: 978-3-949452-74-1

EPUB: 978-3-949452-73-4

Hirnkost versteht sich als engagierter Verlag für engagierte Literatur.

Mehr Infos: https://www.hirnkost.de/der-engagierte-verlag/

© Dirk Jacobs

DIE AUTOR:INNEN

© Hans Keller

Dr. Lydia Polwin-Plass promovierte in Publizistik an der Wiener Universität und arbeitet aktuell in Frankfurt am Main als freie Journalistin, Texterin, Autorin und Lektorin für verschiedene Medien, Agenturen und Unternehmen. Neben den journalistischen Tätigkeiten ist sie Verfasserin zahlreicher Gesundheitsbroschüren, Mitwirkende an mehreren Nachhaltigkeitsberichten sowie Gründerin, Managerin und Redakteurin des Musikmagazins Metalogy.de.

Schon während der intensiven Schreibarbeiten am Buch Wacken – Das perfekte Paralleluniversum arbeitete sie an drei weiteren Büchern. Ein Buch über die Parallelen der klassischen Musik und Heavy Metal (für das sie ein Stipendium der VG Wort erhalten hat), eines zum Thema natürliche Stärkung der Abwehrkräfte und ein weiteres über das Metalfestival Wacken Open Air, dessen Konzept bereits seit 2013 existiert.

Vor ihrem Umzug nach Deutschland war Polwin-Plass angestellt beim Verlag und Herausgeber der österreichischen Bildungsführer (Fachhochschulführer, Dualer Studienführer, Karriereführer), des Frauenratgebers, eines Hotel-Seminarführers und der Arbeitsmarktbroschüren. Zuständig unter anderem für das Verfassen von Pressemitteilungen, Fachartikeln und Content für diverse Printmedien und die Websites des Verlages und seiner Publikationen, die Organisation der Pressekonferenzen, Pressegespräche und Messeauftritte, für die Großkundenbetreuung und Kundenakquisition, die Koordination und Betreuung der Redaktion und des Akquisitionsteams, das Lektorat der Bücher und die Einschulung neuer Mitarbeiter:innen in Redaktion, Verkauf und Marketing.

https://text-und-journalismus.de/

© Lydia Polwin-Plass

Dr. Michael Gläser ist Biologe und promovierte im Fachgebiet der molekulargenetischen Krebsforschung am Universitätsklinikum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Düsseldorf. Seit 2001 ist er in der Pharmaindustrie als Führungskraft im Bereich Forschung & Entwicklung tätig. Er ist verheiratet und lebt derzeit mit seiner Frau und seinem Sohn in Frankfurt am Main.

Seit 2016 ist er als Autor für das Musik-Magazin Metalogy.de aktiv und veröffentlicht dort regelmäßig Reviews, Konzertberichte und Interviews. Auf dem Wacken Open Air ist er seit 1998 Dauergast und erlebte 2018 sein 20. W:O:A.

INHALT

Vorwort

METALHEADS UND IHR IMAGE

Sind Metalheads böse?!?

Feindbild Heavy Metal

Metal im Mittleren und Nahen Osten – zwischen religiösem Fanatismus und totalitären Regimen

Wege in die richtige Richtung

Das Frauen- und Männerbild im Metal

Das Männerbild im Metal – damals und heute

Das Frauenbild im Metal – damals und heute

Metal – Musik für Schlaue

METAL IST MEINE RELIGION — WIE METALHEADS WIRKLICH TICKEN

Mano Cornuta – die Pommesgabel

Das Outfit der Metalheads – Düsternis im Kleiderschrank

Bewegungsformen und Rituale auf Gigs

Headbanging

Moshpit

Pogo

Circle Pit

Wall of Death

Rudern, Hocken, Hüpfen, Nachturnen, Mitgrölen

Crowdsurfen

Schlammschlachten

Gesichts- und Körperbemalung

Noch ein Bier!

Helgaa!!!!!

Campground-Rituale

Die Kultobjekte der Metalheads

Metalshirts

Festivalbändchen

Full Metal Bag

Festivalbecher

Festival-Programmhefte

Heilige Erde in Döschen

Eintrittskarten

Autogramme

Live-Mitschnitte

Die Ernährung der Metalheads

Klischee Nummer 1: Bier – das Lebenselixier

Klischee Nummer 2: die fleischlastige Ernährung der Metalheads

Zwischen Gourmetküche und Dosenfutter – die Festival-Ernährung

Metalheads und die Logistik

DAS WACKEN OPEN AIR — MEKKA DER METALHEADS

Wie alles begann

Das Dorf

Die Bedeutung des Festivals für die Region

Das W:O:A in Zahlen

Das Festival als soziales Labor

DER METALHEAD IM PERFEKTEN PARALLELUNIVERSUM

Das Wacken-Feeling

Der W:O:A-Alltag

Die folgenden Tage

Die Heimreise und die Leere danach

METALHEADS UND IHRE WERTE

Die Friedfertigkeit der Metalheads

Die Toleranz der Metalheads

Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft der Metalheads

WENN METALHEADS DIE WELT VERÄNDERN WOLLEN — DAS SOZIALE ENGAGEMENT DER METALHEADS

Die Wacken Foundation

Der Wacken Rescue Fund

Kooperationen der Wacken Foundation

„Metal will never die“ – Wacken Music Camp und Nachwuchsförderung

Das Wacken Music Camp – Kreativitätsförderung der besonderen Art

Bands brauchen auch Bassist:innen

Coaches arbeiten aus Überzeugung – gute Connections helfen

Müssen Halbwüchsige unterhalten werden?

Der Kreativität der Kids sind keine Grenzen gesetzt

Wer Metal dann kann, tritt zum Metal Battle an

Die Rotarian Metalhead Fellowship

Rotary und Metal – geht das?

Internationalität ist ein Muss

Rotary ist nicht Rotary

Weitere ehrenamtliche Aktivitäten – unpolitisch und nicht religiös

Metality – helfen statt zusehen

Wer Geld hat, sollte auch bereit sein zu teilen

Entscheidungen gemeinsam treffen und Werte respektieren

Die „Me(n)talität“ in die Gesellschaft tragen

Das wertvolle Blut der Metalheads – mit Blutspenden Gutes tun

Metal im Kampf gegen Obdachlosigkeit

Big Sleep Out

Engel in den Straßen – ein Problem zu etwas Nützlichem umkehren

666 Schlafsäcke für die Outsiders outside

MercyWatch

Barber Angels

Den letzten Wunsch erfüllen mit dem Wünschewagen

Metalheads für Nachhaltigkeit und Umweltschutz

Dosen und Flaschen – Fluch oder Segen

Gelebte Müllvermeidung: Mehrwegbecher und nur wenig Plastik

Future Factory und der Weg zu einem nachhaltigen Festival

Merchandising – fair und nachhaltig

Aufforstung von Regenwäldern

Gesellschaftliche Verantwortung – jeder trägt sie

Metalheads und Inklusion

Wir alle sind anders – oder doch gleich?

Neue Inklusionsmodelle bieten neue Möglichkeiten

Vorreiter in Sachen „Inklusion“ aus dem deutschsprachigen Raum

Menschen mit Behinderung wollen als zahlende Kund:innen wahrgenommen werden

Gemeinsam sind wir stark

Musik fühlen statt hören

Trotz hochgradiger Sehschwäche das Festival genießen

Mason McDeid – mit schwerer Zerebral-parese von einem Gig zum anderen

Behinderungen sind nicht immer offensichtlich

Immer noch extrem viel Luft nach oben

Metalheads im Kampf gegen Krebs

Die DKMS und das Knochenmark der Metalheads

(LAUT)STARK gegen KREBS – eine Initiative, die aus Schlamm geboren wurde

Metalheads und die Tiere

Zwischen Veganismus und Billigfleisch aus Massentierhaltung

Kann man auf Festivals als Veganer überleben?

(Vegane) Ernährung auf Tour

Tierversuche – viele lassen sich heute vermeiden

Pelze und Leder – gehören sie wirklich zu einem metallischen Bühnenoutfit?

Sea Shepherd

Metalheads4Pets

METAL WORLD WIDE — DIE INTERNATIONAL VERNETZTE METAL-COMMUNITY 2.0

World Metal Congress (w\m/c) – connecting the global heavy metal community

Als der World Metal Congress geboren wurde

Zielsetzung und Inhalte World Metal Congress

Die Finanzierung – alles in trockenen Tüchern

Der W:O:A Metal Battle – ein globaler Bandwett-bewerb und noch viel mehr

Die Organisation des Metal Battle – lokal und global

Lokale Szenen als Bestandteil der weltweiten Metalszene

Das internationale Metal-Battle-Finale auf dem W:O:A – eine Win-Win-Win-Win-Situation

Das World Metal Camp – Building Bridges in Wacken

Metal is Peace – Botschafter des Metal

Die „Wacken Open Air“- Facebook-Gruppe – für Metalheads aktueller denn je

Die XING-„Wacken Open Air“-Gruppe – Karriereforen und Metal schließen einander nicht aus

NACHWORT

Danksagung

Kurzprofile der Interview-partner:innen

VORWORT

Wir sind Metalheads aus Überzeugung. Wir gehören seit frühester Jugend der Szene an und besuchen seit vielen Jahren das Wacken Open Air – Musik und Community bedeuten uns unbeschreiblich viel. Das ist auch der Grund, weshalb es uns seit Jahren ein großes Anliegen ist, den sozialen Aspekt der Szene in einem Buch darzustellen. Und hier ist es!

Die Metalheads – bei keiner anderen Gruppe von musikliebenden Menschen ist die Wahrnehmung in der Gesellschaft so fern von der tatsächlichen Realität. Steht auf der einen Seite das Klischee der rohen Wildheit, chaotischen Undiszipliniertheit, exzessiven Teufelsanbetung und zügellosen Brutalität, zeigt sich bei genauerer Betrachtung der Metalheads oft genau das Gegenteil: ein vorbildliches soziales Gefüge von gelebter Freiheit, unbeirrbarer Toleranz und jederzeit angebotener Hilfsbereitschaft.

Seit der Metalhead in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, hat seine Evolution einen rasanten Verlauf genommen. Von Generation zu Generation haben sich nicht nur die bevorzugten Stile der harten Musik weiterentwickelt, auch die Verhaltensweisen, Rituale, gesellschaftlichen Werte, Vorlieben, Vernetzungsmöglichkeiten und das soziale Engagement des Metalheads vollzogen einen erstaunlich positiven Wandel. Das Ergebnis dieser Evolution ist sein neues Selbstverständnis – geprägt von Freundschaft, Gemeinschaft, Inklusion und Nächstenliebe. Aber nicht nur der Homo metalicus, die ganze Szene hat sich über die Jahre in ihren Verhaltensweisen, Ansichten und Werten gefestigt.

Eines der wichtigsten Ereignisse in dieser Entwicklung trug sich im Jahr 1990 im hohen Norden der Bundesrepublik zu, als auf dem heiligen Acker des kleinen Dörfchens Wacken das legendäre Wacken Open Air, abgekürzt auch W:O:A genannt, geboren wurde. Die Metalheads fanden dort ihr Mekka, das heutzutage liebevoll als „Holy Ground“ bezeichnet wird. Aber das W:O:A ist noch viel mehr als das – es ist das perfekte Paralleluniversum.

Seit mehr als 30 Jahren pilgern die Freund:innen der härteren Musik alljährlich nach Wacken, um ihrer musikalischen Leidenschaft zu frönen, ihre Held:innen zu würdigen und ein paar Tage entspannt gemeinsam abzufeiern. Was damals als Ausdruck einer Subkultur und Szene von Außenseiter:innen galt, ist heute längst gesellschaftsfähig geworden. Dazu haben nicht zuletzt die Medien beigetragen, die dem friedlichen Festival, das auf den Feldern rund um das kultige 1.800-Seelen-Dörfchen stattfindet, in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Das Wacken Open Air ist zum natürlichen Habitat des Metalheads geworden. Nirgendwo anders kann man seine Lebensart besser studieren als hier.

Wir zeigen, wie sich der Metalhead verhält – allein, in der Gruppe und in der Gesellschaft, was ihm besonders am Herzen liegt, welche Gefühlswelten er durchläuft und welche Werte ihm wichtig sind. Vor allem aber werden wir erklären, wie die Gemeinschaft der Metalheads funktioniert und warum ihr soziales Verhalten als gesamtgesellschaftliches Vorbild gewertet werden kann.

Dieses Buch ist aber nicht nur für Metalheads und Fans des Wacken Open Air gedacht, die unseren Beschreibungen und Feststellungen wahrscheinlich durchweg zustimmen werden und eine weitere Bestätigung dessen finden, was sie in ihrem Innersten immer schon wussten. Vielmehr soll es auch als aufklärende Lektüre für Eltern dienen, deren Kinder sich in Metalheads transformiert haben und die sie möglicherweise nicht verstehen können. Wenn sich Nicht-Metalheads, in deren Lebensgefährt:in, Freund:in oder Ehepartner:in ein Metalhead schlummert, fragen, wie es alljährlich 75.000 Metalheads schaffen, tagelang auf engstem Raum und oft unter widrigsten Witterungsbedingungen in perfekter Harmonie zusammenzuleben und miteinander zu feiern oder weshalb ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein die Tausenden schwarzgewandeten und düster anmutenden Metalheads so sehr ins Herz geschlossen hat – in diesem Buch finden sie ihre Antworten. Last but not least aber bietet es uns, dem Autor:innenduo, eine Möglichkeit, unseren Stolz und unsere Freude zum Ausdruck zu bringen, ein Teil dieser ganz besonderen Community zu sein, deren kleinster gemeinsamer Nenner eine Musikrichtung ist. Metal ist aber nicht nur Musik, sondern vor allem eines: Lebensphilosophie und Lebenseinstellung.

Anhand von Erfahrungsberichten von Superstars der Szene, Veranstaltern, Hilfsorganisationen, Einsatzkräften, engagierten Metalheads und Nicht-Metalheads beschreiben wir das soziale Miteinander von Menschen aus aller Welt und verschiedensten Kulturen.

Doch bevor es losgeht, möchten wir noch einen wichtigen Punkt klären. Wenn in diesem Buch der Metalhead geschrieben wird, sind natürlich alle Vertreter der Gattung Homo metalicus gemeint, egal ob weiblich, männlich oder divers. Beim Anglizismus Metalhead bezieht sich der maskuline Artikel schlicht und einfach auf den Kopf, in dem sich alles um Metal dreht, egal welches Geschlecht dessen Träger:in hat. Daher verwenden wir im Folgenden den Artikel der und meinen ganz im Sinne der bei Metalheads sehr ausgeprägten Toleranz und Diversität alle, die unseren Musikgeschmack teilen.

Generell werden wir uns aber bemühen, in diesem Buch nach Möglichkeit geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden. Wir bitten um Nachsicht, sollte uns das nicht immer gelingen.

© Lydia Polwin-Plass

Der Metalhead ist ein Freund der harten und lauten Töne. Aber er hört nicht nur Metal – er lebt Metal. Metal fließt durch seine Adern. In seinem Kopf läuft ständig und fortwährend Metal, egal ob er bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs ist. Für ihn gibt es in jeder Lebenssituation den richtigen Metalsong. Metal ist der Soundtrack seines Lebens.

Wann der erste Metalhead auf dieser Erde wandelte, ist nicht zu klären. Besonders im Bereich der klassischen Musik gab es bereits vor Jahrhunderten erste Ansätze härterer Klänge und entsprechende Liebhaber. Man denke nur an den Teufelsgeiger Niccolo Paganini, die Wucht von Carl Orffs Carmina Burana, die 5. oder 9. Symphonie Beethovens, die unbändige Geschwindigkeit in den Werken Vivaldis oder die unglaubliche Kraft zahlloser Orgelwerke Johann Sebastian Bachs. All diese Komponisten waren Vorboten dessen, was uns im 20. Jahrhundert beschert würde.

Einer der wichtigsten Grundsteine für den Musikstil Metal war sicherlich die Elektrifizierung der Gitarre. In den 1950ern gab Leo Fender mit der ersten E-Gitarre vom Band der kommenden Generation von Gitarrenhelden ein ideales Werkzeug in die Hand. Schnell entdeckten die ersten Metalheads ihre Vorliebe zur Musik, die darauf gespielt wurde. Wild, hart und für diese Zeit extrem. Und spätestens in den 1960ern und 70ern verwandelten sich immer mehr Menschen durch Klänge von Led Zeppelin, Deep Purple oder Black Sabbath in Metalheads. Gesellschaftlich waren aber weder diese progressiven Fans noch deren Musik akzeptiert, geschweige denn beliebt. Ganz im Gegenteil: Die Gesellschaft sah in ihnen nur eine wilde Horde langhaariger Satanist:innen.

SIND METALHEADS BÖSE?!?

„Metal ist aggressiv. Die Fans sind asozial, düster, arbeitslose Loser, dem Teufel verfallen und allesamt dazu verdammt, schwerhörig zu werden.“ Ungefähr so hörten sich die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber Heavy-Metal-Fans noch vor einigen Jahren an. „Teufelsmusik mit rückwärtsgespielten satanischen Botschaften! Krawall! Alles hört sich gleich an! Keine Kunst – nur Lärm!“ So wurde Metal als Musikrichtung lange eingeordnet, und die Kritiker:innen fanden nur allzu leicht Gehör. Wer sich außerhalb der Norm bewegt, gibt schließlich einen idealen Sündenbock ab.

Abwertende Floskeln waren früher an der Tagesordnung, und wenn man sich als Metalhead zu erkennen gab, lief man Gefahr, weder Job noch Wohnung zu bekommen. Mit solchen oder ähnlichen Problemen musste sich so mancher Freund des Genres in den 1970ern und 80ern noch herumschlagen. Über seine Liebe zu Heavy Metal zu sprechen, bedeutete damals ein prekäres Outing. Und lange Haare, schwarze T-Shirts mit Totenköpfen und Kutten mit Monster-Aufnähern waren verpönt. Die gesellschaftliche Meinung über Heavy-Metal-Fans – der Begriff Metalhead kam erst später auf – war generell feindselig. Für den Liebhaber rauer Klänge war es alles andere als leicht, mit dieser Ablehnung umzugehen und gleichzeitig ein beherzter Rebell zu bleiben.

Tatsächliche negative Vorkommnisse wie Ozzy Osbournes legendärer Biss in eine lebende Fledermaus bei einem Konzert im US-amerikanischen Des Moines 19821 heizten die allgemeine Ablehnung noch an und ließen so manchen Gegner sogar aktiv werden. 1986 wurde Ozzy vor Gericht gezerrt, weil die Eltern von John McCollum, der sich das Leben genommen hatte, meinten, Ozzys Song „Suicide Solutions“ habe ihn dazu inspiriert. In diesem Prozess wurde die Meinung vertreten, der Song enthalte eine versteckte Botschaft, die zum Selbstmord animiere.2 Man kann Ozzy Osbourne vieles vorwerfen, denn sein damaliges Verhalten hat der Szene auf keinen Fall gutgetan, aber dass er Menschen in den Selbstmord getrieben haben soll, ist keineswegs nachvollziehbar. In den folgenden Jahren musste sich so manche andere Band gegen ähnliche Vorwürfe vor Gericht verantworten. 1990 wurden Judas Priest bezichtigt, zwei Selbstmorde mit einer versteckten, rückwärtsgespielten Botschaft „Do it!“ in ihrem Song „Better by You, Better Than Me“ (Album Stained Class, 1978) ausgelöst zu haben.3Slayer wurden 1995 beschuldigt, in ihren Stücken „Postmortem“ und „Dead Skin Mask“ genaue Instruktionen für den Mord an der 15-jährigen Elyse Pahler gegeben zu haben.4 Ja, der Heavy Metal hatte damals keinen guten Stand in der Gesellschaft. Wie absurd diese Anschuldigungen waren, wissen heute nicht nur die Metalheads.

Sich gegen diese gesellschaftlichen Vorwürfe zu stellen, erforderte einiges an Widerstandskraft. Die Heavy-Metal-Fans waren ständig mit Vorurteilen und Angriffen konfrontiert. Das fing für die meisten schon innerhalb der eigenen Familie an. Wie oft sich so mancher Langhaarige von seinen Eltern den Satz „Du musst mal wieder zum Friseur“ anhören musste! Ich, Michael, antwortete damals immer mit einem schlichten, uneinsichtigen „Wieso?“.

Immerhin durfte ich aber ohne großes Murren meiner Eltern meine Musik hören, auch wenn sie einigen Plattencovern, wie von Kill’em all oder Number of the Beast etwas skeptisch gegenüberstanden. Meine Freunde hatten mit ähnlichen und manchmal heftigeren Widerständen zu kämpfen.

In jenen Tagen war Metal zudem noch etwas politischer angesiedelt, was unserem Rebellentum sehr zugute kam. Gemeinsam fühlten wir uns stark und verstanden. Wir lebten in unserer eigenen Welt, egal was die Gesellschaft darüber sagte. Heavy Metal war unser Universum, unser Lebenselixier, unser Lebensinhalt.

Bestimmt hatten die Anfeindungen der frühen Jahre Einfluss auf die Szene an sich und auch ihr Scherflein dazu beigetragen, dass die Metalheads so zusammenhalten – und zwar auf dem gesamten Globus.

Heute klingen die Kommentare zu dieser Musikrichtung und deren Anhänger:innen vollkommen anders. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die allein wegen der dunklen Kleidung und der – leider nicht mehr ganz so häufigen – langen Haare Vorurteile haben, aber die allgemeine Einschätzung dieser Kultur hat sich grundlegend verändert.

Doch was ist passiert? Wieso sehen sogar Menschen, die die Komplexität des Genres und dessen Musik gar nicht verstehen, das heute anders?

Was macht den Metalhead aus? Wie ist es um den Homo metalicus von heute bestellt? Welche Entwicklung nahm die Beziehung zwischen der Gesellschaft und den Metalheads?

All diese Fragen werden wir in diesem Buch genauer erörtern und beantworten. Doch vorher möchten wir uns mit der globalen Problematik der Anfeindung und den teilweise lebensgefährlichen Barrieren, auf die Metalheads in anderen Ländern heute noch stoßen, auseinandersetzen.

1 Siehe https://www.rollingstone.de/der-schlimmste-nachgeschmackozzy-osbourne-beisst-fledermaus-den-kopf-ab-356526/.

2 Siehe https://www.history.com/this-day-in-history/an-ozzy-osbourne-fancommits-suicide.

3 Siehe https://www.udiscover-music.de/popkultur/zeitsprung-16-7-1990-stehen-judas-priest-wegen-versteckter-botschaften-vor-gericht.

4 Siehe https://www.udiscover-music.de/popkultur/zeitsprung-am-22-7-1995-geschieht-ein-mord-sind-slayer-schuld.

FEINDBILD HEAVY METAL

Dass Heavy Metal auch in der westlichen Welt noch nicht vorbehaltlos respektiert wird, zeigt sich immer wieder, auch wenn es nicht mehr so offensichtlich ist.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Vorkommnisse auf dem Eurovision Song Contest 2021. Nachdem gefühlt die Hälfte der Teilnehmenden ihre eigene Interpretation des Songs „Waka Waka“ von Shakira präsentierte und die meisten nationalen Jurys, wie gewohnt, nur ihre Nachbarländer mit Punkten überhäuften, sorgte das Publikumsvoting für Überraschung. Der Gewinner: eine Hardrock-Band aus Italien. Und unter den ersten zehn – neben anderen tollen Musiker:innen – eine Metal- und eine Industrialband. Eines hatten alle Bands an vorderster Front gemeinsam – sie hoben sich vom Rest deutlich ab.

Das lässt doch wieder an die Menschheit glauben, dachte ich, Lydia, zunächst. Singende Mickeymäuse und ewig gleiche Wiederholungen erfolgreicher Hits begeistern eben doch nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren. Echte handgemachte Musik wird offenbar wieder wertgeschätzt.

Doch bei aller Freude über den Sieg von Måneskin wurden sogleich auch Neider auf den Plan gerufen. Sie wollten den Italienern mit einer fiesen Verleumdung den Sieg streitig machen und behaupteten, die Jungs hätten vor laufender Kamera gekokst. Der Drogentest, dem sich die Bandmitglieder freiwillig unterzogen, ergab: Die Musiker waren clean. Das rufschädigende Gerücht, das sich sofort über die Medien verbreitete, belegte jedoch die traurige Tatsache: Vorurteile gegen Musiker:innen und Fans des härteren Genres sind leider noch immer nicht passé. Niemals hätte jemand die französische Chanson-Sängerin eines Drogenmissbrauchs bezichtigt, hätte sie sich, wie der Sänger der italienischen Band, nach einem zerbrochenen Glas gebückt.

Auch mit religiösem Fanatismus sind Metalbands – sogar in unseren Breiten – immer noch konfrontiert. Sowohl die katholische Kirche als auch andere religiöse Vereine – die allesamt eine dunkle Vergangenheit haben und bis heute mit Fanatismus, Kindesmissbrauch, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Ausgrenzung, Unterdrückung, Kriegstreiberei etc. gegen die Lehren ihrer Gründer verstoßen – verbreiten Vorurteile und haltlose Anschuldigungen gegen das Metal-Genre und dessen Anhänger:innen.

Natürlich gibt es tatsächlich auch Bands mit sehr respektlosen, hasserfüllten und zweifelhaften Texten. Aber die sind in der Minderheit und profitieren in zivilisierten Ländern meist vom Grundrecht der Meinungsfreiheit. Und leider haben sich zertrümmerte Hotelzimmer, abgebissene Fledermausköpfe, Gerichtsverfahren wegen angeblich versteckter satanistischer Botschaften und exzessiver Drogenkonsum in den frühen Jahren des Metal in die Köpfe der Gesellschaft eingebrannt und das negative Image gefestigt.

Doch während die Metalheads in westlichen Gesellschaften relativ viele Freiheiten genießen, gibt es einige Länder, in denen es einfach nur genügt, das Genre Metal zu bedienen, um zu einem gesellschaftlichen und politischen Feindbild zu werden. Besonders schwer hatten und haben es zum Teil auch heute noch Bands im Mittleren und Nahen Osten.

METAL IM MITTLEREN UND NAHEN OSTEN — ZWISCHEN RELIGIÖSEM FANATISMUS UND TOTALITÄREN REGIMEN

Wir haben im Rahmen unserer Interviews zu diesem Thema mit der renommierten Nahost-Expertin und Metalliebhaberin Dr. Lina „Metalina“ Khatib gesprochen. Sie erklärt uns eindringlich, mit welchen Problemen Metalheads im Mittleren und Nahen Osten konfrontiert werden, wie es Frauen in den dortigen Szenen ergeht und wo erste Fortschritte in Bezug auf Meinungs- und künstlerische Freiheit zu erkennen sind:

Die Situation ist in jedem orientalischen Land anders. Manche Staaten des Mittleren Ostens sind offener als andere. Man kann sie keineswegs verallgemeinern. Einige Regionen entwickeln sich seit einigen Jahren durchaus positiv. Aber ganz allgemein besteht das große Problem, dass Metalheads sehr oft als Satanisten oder Aufwiegler betrachtet werden. So war es ursprünglich im gesamten Mittleren Osten. Doch heute gibt es Orte, wo man anders zu denken beginnt. Dubai, zum Beispiel, zeigt in den letzten Jahren beachtliche Weltoffenheit. Die Region ist viel entspannter geworden. In Dubai gibt es sogar eine richtige Metalszene, in der internationale Metalbands auftreten.

Lina Khatib selbst kommt aus dem Libanon und lebt heute in Großbritannien. Da sie sich schon als Jugendliche leidenschaftlich für die libanesische Metalszene eingesetzt und auch eine eigene Radioshow hatte, konnte oder musste die Expertin für Nahost-Politik und Diplomatie viele schlimme Dinge hautnah miterleben. Sie erzählt uns eine Anekdote, die über die Situation in ihrer Heimat Bände spricht:

Der Libanon ist zwar um einiges offener als andere Orte im Mittleren Osten, dennoch gibt es immer wieder Probleme mit der Außenwahrnehmung. Als zum Beispiel eine bekannte libanesische Metalband einen Song von einem renommierten Popsänger gecovert hat, regte sich dieser furchtbar darüber auf. Er meinte, eine Metalband sei seines Songs nicht würdig, denn für ihn war Metal ein böses Genre. Wie also konnte es diese Band nur wagen, seinen Song zu verunstalten?

Noch fehlt es also der Öffentlichkeit an Verständnis und Wertschätzung für diese Musikrichtung. Doch immerhin ist sie im Libanon erlaubt und auch Metalkonzerte sind nicht verboten.

Ähnlich verhält es sich, laut Metalina, in Ägypten. Crescent, eine bekannte ägyptische Metalband, gewann 2014 den lokalen Wacken Metal Battle in Kairo und ist mittlerweile bei einem renommierten französischen Label unter Vertrag. Das war im Land der Pharaonen jedoch nicht immer selbstverständlich, denn 1996 wurden auf Anordnung der damaligen Regierung noch wahre Hetzjagden auf Metalfans veranstaltet. Man warf ihnen Teufelsanbetung vor – viele wurden wochenlang in Gefängnissen festgehalten und gedemütigt. Das führte zu einem – zum Glück nur kurzfristigen – vollkommenen Verschwinden der lokalen Szene.

Die intoleranteste Gesellschaft gab es aber in Saudi-Arabien. Metal konnte nur im Untergrund und illegal existieren. Keine Konzerte, nichts – die Öffentlichkeit war einfach noch nicht bereit. Doch auch hier sieht Dr. Lina Khatib einen Silberstreifen am Horizont:

Sogar Saudi-Arabien ist jetzt viel toleranter geworden. Heute können Metalmusiker öffentlich auftreten. Länder verändern sich ständig. Die Vorstellung von einem total gruseligen Mittleren Osten stimmt nicht mehr ganz, denn auch die konservativsten Orte öffnen sich mehr und mehr.

Noch schwieriger, ihren künstlerischen Aktivitäten nachzugehen, ist es für Metalbands in Kriegsgebieten. Obwohl ihnen die Musik eine gute Möglichkeit bietet, sich angesichts der lebensbedrohlichen Verhältnisse Luft zu machen, ist eine normale gesellschaftliche Existenz im Krieg einfach nicht möglich. „In Syrien sind viele der älteren Formationen von der Bildfläche verschwunden. Meist weil sie das Land verlassen haben, denn während des Krieges ist es für Metalbands und andere Künstler sehr schwer aufzutreten“, so Lina.

Der Film Syrian Metal Is War von Regisseur Monzer Darwish zeigt ausdrucksstark, wie Metalbands dennoch auch in den ärgsten Krisenzeiten und unter widrigsten Umständen versucht haben zu performen. Trotz Kampfhandlungen, Bombardements, Unsicherheit und Krieg sowie auf die Gefahr hin, dass die Regierung Polizei oder Militär auffahren ließ, um diese Darbietungen zu beenden. Dazu Lina Khatib:

Natürlich gab es da kein großes Publikum. Aber immerhin haben die Künstler immer wieder versucht, Konzerte zu geben. Das ist der wahre Geist des Metal. Auch während der härtesten Zeiten – Metalfans und -musiker lassen sich niemals unterkriegen.

Aber obwohl der Syrienkrieg viele Musiker in die Flucht trieb, wurden dennoch mitten im Krieg einige neue Bands in Syrien ins Leben gerufen. Zum Beispiel gründete der damals fünfzehnjährige Jake Shuker im Jahr 2015 seine Formation Maysaloon.5 Da der Krieg nicht viele Freizeitbeschäftigungen zuließ, widmeten sich die jungen Musiker ihren Instrumenten und übten exzessiv, während Bomben alles um sie herum zerstörten. Metalina hat Jake Shuker für das Stalker Magazine interviewt. Hier erklärt er:

Die Band wurde ins Leben gerufen, als wir uns entschlossen, unseren Träumen zu folgen, wohl wissend, dass der Weg in die Zukunft im Obskuren liegt, da Metal im Mittleren Osten als kontroversiell gesehen wird. Du kannst nie voraussehen, ob du mal entdeckt und respektiert wirst.6

Maysaloon und andere syrische Metalbands wie Haunted Cellar, Merrin, Absentation und Step To Eternity begründeten eine neue Ära für die lokale Metalszene.7 Vor dem Krieg war die syrische Metalszene die einflussreichste im Mittleren Osten, doch als die Kampfhandlungen begannen, änderte sich das drastisch. Stromausfälle, fehlende Locations und Geldnot machten Metal-Aktivitäten fast unmöglich: „Die Rebellion in unserem Land hat uns auf jeder Ebene ausgeblutet. Aber am schlimmsten war, dass sich die Bands aufgrund der Flüchtlingskrise auflösen mussten“, berichtet Jake im Interview weiter.8

Auch in Syrien bezichtigten Gesellschaft und Behörden Metalheads des Satanismus. Doch trotz der Gefahr, verhaftet zu werden, nahmen viele Fans das Risiko auf sich, die wenigen Underground-Konzerte zu besuchen.

Selbst die finanziellen Probleme der Musiker im Mittleren und Nahen Osten sind unvergleichlich größer als die der meisten Bands in unseren Breiten. Metalina erklärt uns:

Im gesamten Mittleren Osten wird Musik von den Regierungen nicht unterstützt. Es fehlt also oft schon an der Infrastruktur. Darüber hinaus sind die meisten dieser Länder arm und es gibt kein Geld für Equipment, Studios etc. Durch die neuen Technologien wurde es jedoch leichter, auch zu Hause gute Aufnahmen zu machen. Aber natürlich haben die Musiker nicht die gleichen Zugänge wie europäische Musiker.

Für Frauen ist das Leben im Mittleren Osten aufgrund veralteter oder fehlender Frauenrechte und religiöser Unterdrückung noch schwieriger als für Männer. In Saudi-Arabien durften Frauen bis vor Kurzem nicht einmal Autofahren und sogar das Singen war und ist ihnen in vielen Regionen verboten. Auf die Situation von Frauen in der dortigen Metalszene angesprochen, schildert uns Lina Khatib aber Folgendes:

Diese Form der Unterdrückung hat alle Frauen betroffen und nichts mit der Metalszene zu tun. Die Probleme, mit denen Metalbands zu kämpfen haben, betreffen Frauen und Männer gleichermaßen. Und sowohl Männer als auch Frauen bringen es immer wieder zu Bekanntheit in der Öffentlichkeit. Frauen gelten ja in der Metalszene prinzipiell als gleichberechtigt. Also werden sie auch innerhalb der Metalszenen des Mittleren Ostens nicht unterdrückt.

Bilder von Frauen und Mädchen, die mit traditionellen Kopftüchern auf Metalkonzerten ihre Musik genießen, wurden über die sozialen Medien auch in den Westen getragen. In Moritz Grütz’ Buch Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur vertritt die Band Motör Militia aus Bahrain die Ansicht, es gebe in ihrer Heimat mehr Frauen in der Szene, als man im Ausland annehmen würde. Jedoch seien viele der weiblichen Fans praktisch unsichtbar, da es ihnen verboten sei, ohne Erlaubnis oder Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes auf Konzerte zu gehen. Doch auch hier sei schon einiges besser und die Einstellung der neuen Generation liberaler geworden.9

Interessanterweise gelang es Lina Khatib als prominenter Persönlichkeit der libanesischen Metalszene bereits in den 1990er Jahren, in einer eigenen Sendung auf einem öffentlichen Radiosender Metal zu präsentieren. Mit einer unterhaltsamen Anekdote erklärt sie uns, weshalb sie dennoch nie Probleme mit den Behörden bekam:

Als ich mit meiner Show begonnen hatte, war Metal eigentlich aus den öffentlichen Radiostationen verbannt. Weder im Fernsehen noch im Radio wurde er je thematisiert, geschweige denn gespielt, da die Regierung meinte, Metal wäre schädlich für die Gesellschaft. Auch Schallplatten bekam man nur auf dem Schwarzmarkt. Und die Radiostation, für die ich arbeitete, war ein öffentlicher Sender, also ein Informations-Werkzeug der Regierung. Und doch hatte ich meine Metalshow. Das lag daran, dass die Regierung Metal zwar verboten hatte, aber nicht wusste, wie diese Musik eigentlich klingt. Ihr war also nicht klar, dass ich die ganze Zeit verbotene Musik spielte.

Nicht immer sind es politische Gründe, die hinter den Metal-Verboten stecken. Häufig liegt die Ursache dafür in religiösem Fanatismus und Fundamentalismus. Ob Metalheads mehr unter Bigotterie oder politischer Unterdrückung leiden, beantwortet Lina so:

Eigentlich haben wir mit beiden Problemen zu kämpfen. Religiöse Fanatiker, die Metal hassen, finden wir leider auf der ganzen Welt. Auch im Westen versprühen sie ihr Gift. Mit politischen Problemen sind Metalheads in der westlichen Gesellschaft wahrscheinlich seltener konfrontiert, doch mit religiösem Fanatismus sehr wohl. Man sieht ja, was in Polen mit dem Leadsänger von Behemoth abgeht, weil er sich sehr klar gegen die Kirche stellt.10 Der wird dauernd verhaftet und kämpft mit allen möglichen Problemen. Im Mittleren Osten betrifft das eigentlich alle alternativen Musikrichtungen. Die Machthaber lösen diese moralische Panik aus, um von ihrer eigenen Inkompetenz und Korruption abzulenken. So werden oft Künstler zu Feindbildern gemacht.

Ein Schicksal, das die Szene und die Medien sehr berührt hat, war das Todesurteil für zwei Mitglieder der iranischen Heavy-Metalband Confess im Jahr 2016. Die beiden Musiker Nikan „Siyanor“ Khosravi und Arash „Chemical“ Illkhani gerieten durch ihr Album, das Titel wie „Teh-Hell-Ran“ und „I’m Your God Now“ enthält, ins Visier der Behörden. Sie wurden am 10. November 2015 verhaftet und im Evin-Gefängnis in Teheran eingekerkert. Um das Leben der Musiker zu retten, wandte sich Karl Hafen, Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in einem offenen Brief an den iranischen Botschafter. Da er im drohenden Prozess einen deutlichen Bruch internationalen Rechts sah, forderte er die Begnadigung der Musiker. In dem Schriftstück heißt es wörtlich:

Die Einhaltung des auch für den Iran völkerrechtlich bindenden Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte sehen wir in diesem Fall nicht gewährleistet. Die drohende Verurteilung der Musiker verstößt gegen völkerrechtlich verbrieftes Recht. […] Die IGFM betrachtet Herrn Khosravi und Herrn Illkhani als politische Gefangene, die ausschließlich wegen Ausübung ihres Grundrechts der freien Meinungsäußerung inhaftiert wurden. Dieses Grundrecht hat der Iran durch Ratifizierung des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte als bindendes Völkerrecht anerkannt. Auch durch die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen erkennt der Iran die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Handlungsgrundlage an.11

Nach der Festnahme der Bandmitglieder durch die sogenannte Armee der Wächter der Islamischen Revolution veröffentlichte Promoter Trev McKendry folgendes Statement mit der Intention, dass die Community etwas bewegen könne:

Ich habe oft und detailliert über die Gefahren gesprochen, die es mit sich bringt, ein Metal-Musiker im Mittleren Osten zu sein. Ich habe Confess oft als Beispiel angebracht, um die Risiken zu beschreiben, die es mit sich bringt, Musik zu spielen. Sie sind eine talentierte Thrash-Band, die alles riskiert hat, um ihren Hoffnungen und Träumen zu folgen, eines Tages ihr Land zu verlassen und ihre Musik und Geschichten mit der Welt teilen zu können. Aufgrund ihrer sehr religiösen Regierungen sehen viele Länder im Mittleren Osten Rock und Metal als Teufelsmusik. In vielen Fällen riskieren die Musiker oder Hörer, ins Gefängnis geworfen und in manchen Fällen sogar exekutiert zu werden. Ich hatte immer Angst, dass eines Tages eine Band aus der Gegend, die ich promote, in solch einer Situation landen würde. […] Heute erreichte mich die Nachricht eines Freundes der Band […], die ich bedenklich fand. Dieser Nachricht nach wurden sie im Iran ins Gefängnis geworfen, weil sie Heavy Metal spielen, ein Independent Label betreiben und mit ausländischen Radiostationen kommunizieren. Ich wurde persönlich darum gebeten, zu helfen, und ich hoffe, dass wir uns zusammentun werden und diese Geschichte bekannt machen. Teilt es und teilt es oft!12

Das Urteil lautet: 12,5 Jahre Haft und 74 Peitschenhiebe für Khosravi und zwei Jahre Haft für Ilkhani. Vorgeworfen wurde den beiden Männern „die Beleidigung der Heiligkeit des Islams“, „die Störung des öffentlichen Friedens durch die Produktion von Musik mit regimekritischen Texten und beleidigendem Inhalt und durch die Teilnahme an Interviews mit oppositionellen Medien“ sowie „die Beleidigung des Obersten Führers und des Präsidenten“. Hätten sie den Propheten Mohammed beleidigt, wäre dies sogar ihr Todesurteil gewesen. 2017 wurden die Künstler gegen 30.000 US-Dollar Kaution aus dem Gefängnis in Evin entlassen und nutzten die Gelegenheit zur Flucht. Norwegen gewährte ihnen Asyl. Ihre Erlebnisse in Gefangenschaft verarbeiteten sie in ihren Lyrics.13

Die Verurteilung der Band Confess ließ auch andere Musiker:innen den Ernst der Lage erkennen. Lord Aras versuchte mit 100 Dollar in der Tasche aus dem Iran nach Armenien zu fliehen. Dort angekommen, suchte der Künstler Hilfe bei der Flughafenpolizei, die ihn nur verhöhnte, stundenlang festhielt und schließlich an die UN verwies. Diese schickte ihn aber ebenfalls weg.

Ich erklärte ihnen, dass ich nicht wisse, was mit mir passiere, wenn ich in den Iran zurückkehre, und sie wollten mir weismachen, dass das kein Fall für die UN sei? Eine Anwältin erklärte mir, dass jedes Land sein eigenes Regelwerk habe und man, wenn man es breche, schuldig sei und dafür bestraft werden müsse.14

So beschreibt Lord Aras seine Situation. Der Musiker ging daraufhin zurück in sein Heimatland und versteckte sich einige Zeit vor den lokalen Behörden, bis er sich wieder einigermaßen sicher fühlen konnte.15

In einem Artikel für die Zeit fasst der freie Autor und Musikkritiker Jens Balzer die Probleme mit religiösem Fanatismus sehr treffend zusammen:

Noch unangenehmer ist die Lage in muslimischen Ländern, wo weite Teile der Bevölkerung sogar spaßbefreiter als die polnischen Katholiken sind, wenn es um die Lästerung ihres Gottes und des dazugehörigen Propheten geht.16

Balzer beruft sich dabei auf das Buch des britischen Journalisten Orlando Crowcroft: Rock in a Hard Place: Music and Mayhem in the Middle East. Crowcroft hatte dafür die gesamte Metalszene des Nahen Ostens und des Iran erkundet. Er erzählt von Künstler:innen und Bands aus dem Libanon, Iran, Ägypten, Saudi-Arabien, Israel, Palästina und Syrien, die sich voller Leidenschaft dem Metal verschrieben haben und dafür ihre Existenz, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben riskieren.

In Teheran traf Crowcroft zum Beispiel die Band Master of Persia, die Death Metal mit persischen Folkmusik-Elementen verbindet. Obwohl die Texte mit Blasphemie rein gar nichts zu tun haben, gerieten die Musiker in die Aufmerksamkeit der Religionswächter. Der Gründer der Gruppe, Meraj Ansari, wurde wegen Satanismus zu einer Strafe von 100 Stockhieben verurteilt. Später gelang ihm zusammen mit der Sängerin Anahid die Flucht.

Eine weitere ergreifende Geschichte, die Crowcroft erzählt, war dem Regisseur des bereits erwähnten Films Syrian Metal Is War, Monzer Darwish, zugestoßen. Er floh während des Syrienkrieges mit seiner Frau Lena in einem überfüllten Boot über das Mittelmeer. Das Boot geriet durch einen Sturm in Seenot und alle Insassen halfen sich gegenseitig. Als sie jedoch gerettet und am griechischen Ufer angekommen waren, erkannten sie erstmals die Metal-Tattoos des Künstlers. Daraufhin beschimpften sie ihn und griffen ihn an. Monzer hatte sich bereits in seinem Heimatland als Außenseiter gefühlt und musste die bittere Tatsache am eigenen Leib erfahren, dass ihn seine Landsleute auch in Europa niemals respektieren würden.17

Laut Balzer stammt die berührendste Szene des Buches aber aus dem Syrien der Zeit vor dem Bürgerkrieg:

Ende der Nullerjahre erkundet Crowcroft die vibrierende Metal-Szene in Yarmouk, einem Vorort von Damaskus mit einem hohen Bevölkerungsanteil an palästinensischen Flüchtlingen: Dort kann man damals noch auf Metal-Partys gehen, bei denen Ägypter, Iraner, Syrer, Palästinenser, Sunniten und Schiiten einträchtig headbangen und moshen; viele Menschen, die sich nach dem Willen ihrer politischen Führer eigentlich als Feinde begegnen müssten. Wenn sie nach dem Grund für ihre Metal-Begeisterung gefragt werden, geben sie immer wieder die gleiche Antwort: Die gemeinsame Leidenschaft für die Musik und für den verbindlichen Stil, den sie vorgibt – in Kleidung und Auftreten, Haltung und Teufelsfaustgrüßen, – verleiht den Beteiligten das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören; eine Sicherheit, die sie sonst niemals spüren, jeder für sich ein Außenseiter in einer feindlichen Gesellschaft.18

In einem Gespräch mit Sören Brinkmann vom Deutschlandfunk antwortet Jens Balzer auf die Frage, warum sich Menschen überhaupt solchen Risiken aussetzen:

Natürlich spielt zum einen immer der Wille zum Anderssein und zur Provokation – also wie im Metal generell – eine Rolle. […] in Beirut, da gab es diese blasphemischen Black-Metaller. […] Sie sehen ihre Musik als Protest gegen die Islamisierung der ja – bis in die Nullerjahre – tief multikulturellen und säkularen libanesischen Gesellschaft; sie wollen nicht, dass die Religion ihr Leben bestimmt und beziehen offensiv dagegen Stellung.19

Wir sind der Ansicht, dass Metal eine Lebenseinstellung, eine Lebensphilosophie und eine Leidenschaft ist, für die man brennt, und dass dies sicherlich ein Hauptgrund für den Mut und die Risikobereitschaft der Musiker:innen ist.

Ähnliche Beobachtungen wie Crowcroft beschreibt auch Autor Moritz Grütz in seinem Buch. In einem Interview mit Sully Omar von der lokalen Band District Unknown zeigt sich die Situation der Metalheads in Afghanistan. Man assoziiert dieses Land weniger mit Metal als mit Krieg, Intoleranz, Taliban und Drogen. Aber auch dort gibt es – wenn auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich – eine Metalszene. Allerdings finden Konzerte aus Sicherheitsgründen ausschließlich im Untergrund, hinter verschlossenen Türen und nur vor geladenem Publikum ohne jegliche Publicity statt. Auch die Kleidung verrät Metalheads nicht auf den ersten Blick. Die szenetypischen Accessoires werden sicherheitshalber weggelassen. Sully Omar erklärt:

Wir sind keine typischen Metalheads in dem Sinne, dass wir uns auf bestimmte Art und Weise kleiden oder bestimmte Accessoires tragen, um unsere Szenezugehörigkeit kundzutun. Ich verbinde auch nicht automatisch Kleider oder Style mit Metal. Wir sind alle vielseitige Künstler und wir würden uns nicht auf schwarze Hosen, Ketten und schwarze Shirts limitieren wollen, um in das Metal-Klischee zu passen. […]

Öffentliche Konzerte oder andere Metal-Veranstaltungen zu organisieren ist hier nahezu unmöglich – Live-Musik ist in Afghanistan ganz allgemein einfach mit einem Stigma behaftet. Da hat sich zwar schon viel getan, aber das zu ändern ist ein sehr langsam ablaufender Prozess und es gibt noch viel Luft nach oben. Der Begriff Gefahr ist untertrieben, wenn man sich die Risiken anschaut, die damit verbunden sind, bei einem beliebigen „alternativen“ Musik-Event öffentlich zu spielen. […]

Früher haben wir Masken aufgesetzt, um unsere Identität zu verschleiern, während wir auf der Bühne stehen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Wir tragen die Masken jetzt schon seit fünf Jahren nicht mehr. Wie gesagt: Durch den kontrollierten Zugang zu unseren Konzerten haben wir nicht mehr das Gefühl, dass wir uns oder unsere Musik tarnen müssen. Außerdem wurden die Masken irgendwann einfach zu einer ungewollten Ablenkung von unserer Musik.20

Während unserer Schreibarbeiten an vorliegendem Buch hatten die Taliban das Zepter in Afghanistan an sich gerissen, wodurch die Chance, dort Metal zu leben, wieder gegen null gesunken ist.

Im Interview mit der Band Dark Phantom erfährt Grütz auch, welche besonderen Schwierigkeiten Szenemitglieder und Künstler im Irak zu bewältigen haben. Vor einigen Jahren gab es dort eine Hetzkampagne von Islamisten gegen Metalheads und alle Menschen, die lange Haare hatten oder auch nur schwarze Shirts trugen. Sie wurden für vogelfrei erklärt und durften auf der Straße sogar getötet werden. Die Aktion führte dazu, dass Metalheads auf Facebook bedroht und aus ihren Proberäumen geworfen wurden. In den Moscheen hielt man Hetzansprachen gegen sie. „Damals wurden viele Leute von Islamisten ermordet, weil man sie für Emos oder Metalheads hielt“, erzählt Murad Jaymz von Dark Phantom im Interview.21

Laut Aussage des Musikers bleiben religiöse Themen in den Lyrics tabu. Und obwohl die weibliche Fanschar im Irak beachtlich gewachsen ist, dürfen Frauen auch weiterhin keine Szenekleidung in der Öffentlichkeit tragen oder ohne beziehungsweise „nur“ in weiblicher Begleitung nicht auf Konzerte gehen.22

Man könnte natürlich endlos auf die Situation von Metalheads in diversen Ländern eingehen. Ganz allgemein aber kann man eine Verbesserung und kleine Fortschritte beobachten, selbst in den rückständigsten und konservativsten Ländern dieser Welt.

WEGE IN DIE RICHTIGE RICHTUNG

Zum Glück gibt es auch positive Entwicklungen, die wir in diesem Buch ebenso erwähnen wollen.

Eine riesige Metalszene existiert zum Beispiel mittlerweile in China. Rund 500 Metalbands kommen, laut Askhan Avagchuud von der Band Nine Treasures, aus dem Reich der Mitte.23 Und ein jüngstes Beispiel für höchst erfreuliche Entwicklungen ist der Auftritt der Band Voice Of Baceprot, kurz VOB genannt, beim Wacken Open Air 2022. VOB sind eine All-Girl-Rockband aus Indonesien, die im Hijab auftritt und zeigt, dass Vielfalt im Metal eine wichtige Rolle spielt.

Glücklicherweise gibt es weltweit viele Länder, in denen Metalheads ihre Freiheit und Metalmusiker:innen ihre Kunst ausleben können. In manchen entstehen sogar neue Metalszenen, die von der internationalen Szene offenherzig unterstützt werden.

5 Siehe https://stalker-magazine.rocks/de/2018/11/18/maysaloon-extremer-metal-aus-syrien/.

6 Ebd.

7 Siehe ebd.

8 Ebd.

9 Siehe Grütz 2018: 34.

10 Siehe http://skulls-and-bones-magazin.de/2021/09/14/behemoth-klage-wegen-blasphemie-gegen-nergal-abgewiesen/.

11https://www.igfm.de/todesstrafe-fuer-heavy-metal/.

12https://www.rockhard.de/artikel/iranische-metalband-confess-sitzt-wegen-_blasphemie_-imgefaengnis_376934.html.

13 Siehe https://www.musikexpress.de/mitglieder-iranischer-band-confess-zu-gefaengnisstrafe-und-peitschenhieben-verurteilt-1309797/.

14 Grütz 2018: 83.

15 Siehe ebd.

16https://www.zeit.de/kultur/musik/2019-07/heavy-metal-wacken-2019-festival-slayer-covensatanismus/komplettansicht.

17 Siehe ebd.

18 Ebd. Mit den „Teufelsfaustgrüßen“ ist wohl die Mano Cornuta gemeint, die mit dem Teufel nichts zu tun hat, sondern eine Geste zur Vertreibung böser Mächte ist.

19https://www.deutschlandfunk.de/heavy-metal-in-nahost-der-wille-zum-anderssein-und-zur.807.de.html?dram:article_id=390802.

20 Grütz 2018: 13–15.

21 Ebd.: 76.

22 Ebd.: 78.

23 Siehe ebd.: 49.

© Lydia Polwin-Plass

DAS FRAUEN- UND MÄNNERBILD IM METAL

Die Metalszene war stets eine Männerdomäne und ist es zum Teil immer noch. Vor allem unter den Vertretern des „Hochkulturpublikums“24 präferieren tendenziell mehr Männer als Frauen Heavy Metal.

Laut einer Studie von Sarah Chaker finden sich vor allem in der Black- und Death-Metalszene deutlich mehr Männer, etwa 86 Prozent.25 Dies entspricht auch den Ergebnissen der bisherigen Forschung zum geschlechtsspezifischen Musikgeschmack von Jugendlichen und Erwachsenen, wonach eine stärkere Tendenz von Männern zu aggressiven und unkonventionellen Stilen ausgeht.26

Liegt das an der Härte der Musik? Wohl kaum, denn auch hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Sowohl das Bild der Männer als auch das der Frauen hat sich im Metaluniversum gewandelt. Beide wollen wir nachfolgend genauer vorstellen.

DAS MÄNNERBILD IM METAL — DAMALS UND HEUTE

Das Klischee eines männlichen Metalheads glich bis vor einiger Zeit noch den Hünendarstellungen auf einem Manowar-Cover: Große kettensprengende und schwerterschwingende muskulöse Typen mit wallenden langen Haaren und nacktem Oberkörper.

Das ist vielleicht etwas übertrieben. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte und eher bei einem Männertyp, der einerseits ein wenig androgyn, andererseits doch recht machohaft rüberkam. Androgyn aufgrund der meist langen Haare, die den ganzen Stolz vieler Metalheads (männlich als auch weiblich) ausmachen. Erleichtern sie doch schließlich auch das Headbangen und lassen die Haupthaarschwingenden doch etwas beeindruckender rüberkommen als mit Kurzhaarfrisur oder Glatze. Wirbelt eine füllige Haarpracht durch die Luft, macht das schon einiges her. Das ist auch einer der Gründe, warum Metalheads ihre Haare mit viel Liebe, Konsequenz, Ausdauer und einer großen Auswahl an Mittelchen pflegen, nicht zuletzt um es so lange wie möglich zu erhalten. Deshalb verbreiten Haarprachtwirbler:innen beim Headbangen zumeist einen wunderbaren Duft.

Ausnahmen gibt es natürlich auch hier, aber wer öfter mal einem überfüllten Metalgig beigewohnt hat, wird uns beipflichten, dass es – bis auf den leichten Peitschenhieb, den die geschwungenen Haare erfühlen lassen – nur selten unangenehm ist, die Haare eines anderen Metalheads ins Gesicht zu bekommen.

Androgyn auch wegen der reichlichen Schminke, der sich einige Metalstars gerne vor einem Auftritt bedienen. Kajal ist da oft nicht das einzige eingesetzte Utensil, aber auf jeden Fall das beliebteste.

Nicht umsonst entwickelten sich Stars der Mainstream-Seite des Metal in den 1980ern und 90ern auf diese androgyne Weise – inklusive Schminke und Dauerwelle – zu Frauen- beziehungsweise Mädchenschwärmen. Kiss, Europe, Bon Jovi, Axl Rose oder selbst Alice Cooper, Metallica und AC/DC zierten zu diesen Zeiten die Cover oder Poster der BRAVO-Hefte und galten als Sexsymbole. Es wurde geposed, was das Zeug hält. Und ein Metal-Hüne wie der leider viel zu früh verstorbene Pete Steele von Type O´Negative ließ sich gar für das Playgirl-Magazin ablichten.

In den 1970er- und frühen 80er-Jahren unterstrich zum Teil auch die Mode den androgynen Touch. Man erinnere sich an den Glam Rock der 1970er, als Männer in strumpfhosengleichen Leggins oder anderen körperbetonenden engen Hosen, mit stylischen Fönfrisuren oder Dauerwellen-Löckchen und hautengen Oberteilen die Bühnen enterten. Dazu kamen noch viel Glitzer und Glamour, wofür der Genrename Pate steht.

Auf den Glam Rock folgte der Glam Metal, der in den frühen 1980ern seinen Anfang fand. Die alternative Bezeichnung „Hair Metal“ ist auf die meist hochtoupierten und langen Haare der Musiker:innen zurückzuführen.

Das Machoimage der männlichen Metalheads resultiert zum Teil aus den Anfängen des Metal, als sich dieser aus dem Hardrock entwickelte. Hardrock gilt unter anderem auch als Hauptmusikrichtung von Rocker- und Bikerclubs, in denen meist ein sehr machohaftes und dominantes Männerbild gepflegt wurde. Schwere Motorräder, Lederkluft, Cowboy- oder Bikerstiefel, tätowierte Körper – zu einer Zeit, als Tattoos noch lange nicht gesellschaftsfähig waren – und an der Seite eine Frau, die sich mehr oder weniger bereitwillig unterordnete.

Wer in den 1980er Jahren Whitesnake mit Ausnahmesänger David Coverdale als Frontmann live gesehen hat, der wird sich wahrscheinlich ähnlich über dessen damaliges Machogehabe auf der Bühne amüsiert haben wie ich, Lydia. Damals zählten wir Davids Griffe an seine Genitalien, und obgleich ich nicht mehr genau sagen kann, wie viele es pro Minute waren, an eines kann ich mich noch gut erinnern: Sie waren sehr zahlreich.

Auch die Texte im Hardrock handelten nicht selten von Sex, Drugs & Rock’n’ Roll, wobei die Frau eher als Sexobjekt gesehen wurde denn als gleichwertige Partnerin. Auf Bikertreffen gibt es auch heute oft noch Stripshows, auch diese nur für Männer, die Bedürfnisse der Frauen werden schlichtweg nicht bedient. Oder hat schon mal jemand auf einem Bikerfest Stripshows für Frauen mit schönen nackten Männern gesehen?

Dank dieser „Tradition“ war Metal ebenfalls lange eher eine Männerdomäne und es dauerte eine Zeit, bis die Musikrichtung auch verstärkt von Frauen entdeckt wurde.

Ausnahmen gab es immer. Mich, Lydia, zum Beispiel. Ich habe Metal immer geliebt. Seit ich in frühester Jugend in den 1970er Jahren den ersten metallischen Ton vernahm, lebe ich für diese Musik. Das erste Mal Rockmusik zu hören, war bereits wie eine Offenbarung und Hardrock eine unbeschreibliche Wonne, aber als ich erstmals Metal hörte, dachte ich im Paradies gelandet zu sein. Für mich glich diese Musik – meine erste echte Metalnummer war „Fast as a Shark“ von Accept – lieblichen Engelschören. Zudem fühlte ich mich mein Leben lang von langhaarigen Männern angezogen, die ganz klar auch meine Beziehungshistorie begleiteten.

Als Ende der 1980er/Anfang der 90er der durchgestylte Mainstream-Softmetal implodierte, folgte die krasse Gegenreaktion. Keine Schminke, keine Dauerwelle, keine Gepose – Grunge und Alternative Rock eroberten die Welt. Bands wie Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden oder Alice in Chains verkörperten eine andere musikalische Grundstimmung und ein komplett anderes Männerbild. Ungestylt und gefühlsbetont – genau das Gegenteil des durchgestylten Posers.

Es kam die Zeit, in der sich Metalheads äußerlich verstärkt ihrem bevorzugten Subgenre anpassten. Bands wie Korn, Limp Bizkit, Rage Against the Machine oder System of a Down boten nicht nur musikalischen Crossover, sondern vertraten ihren ganz eigenen Style. Neue Subgenres wie Symphonic Metal, Melodic Death Metal, Viking Metal oder Metalcore boten dem Metalhead viele Möglichkeiten, sich stilistisch und auch im persönlichen Ausdruck zu erweitern. Seit Grunge sind aber machohaftes Gepose und Dauerwelle passé. Heutzutage wirken Bands wie Steel Panther, die diesen Stil noch einmal hochleben lassen, eher als Persiflage und weniger als ernstzunehmende Stilikonen. Höchstwahrscheinlich gewollt.

So hat sich das Männerbild im Metal in den letzten Jahren verändert. Der metallische Mann präferiert – sofern es die Veranlagung zulässt – immer noch – Gott sei Dank – Langhaarfrisuren. Richtig machohaftes Gehabe kommt bei ihm aber nur noch selten vor. Die meisten Frontmänner zeigen sich nun gefühlvoll, herzlich und publikumsnah. Tätowierungen findet man heutzutage überall, Schwarz tragen in der Szene auch die Frauen, und frauenfeindliche Texte sind viel eher im Hip-Hop zu finden als im Metal.

Klar ist dennoch, dass Metal auch heute noch zu einem großen Teil von Männern dominiert wird. Das Besondere an der Szene ist aber, wie sie mit den daraus resultierenden Problemen umgeht. Wir haben uns zu diesem Thema mit dem Soziologen und wissenschaftlichen Berater des Wacken Open Air Manouchehr Shamsrizi unterhalten, der zu bedenken gibt:

Es stellt sich die Frage, wie man mit toxischer Maskulinität umgeht. Die Gaming-Community zum Beispiel geht ganz anders mit Sexismus um als die Metalszene. Letztere steht dem Thema viel reflektierter und gesitteter gegenüber. Dort wird nichts unter den Teppich gekehrt, wie es mitunter in anderen Communities der Fall ist.

An dieser Stelle wollen wir auf einen Blog von Katharina Marks verweisen, der den Begriff der toxischen Männlichkeit sehr gut erklärt:

An sich ist Maskulinität nicht problematisch. Wenn bestimmte „maskuline“ Verhaltensweisen aber Menschen Schaden zufügen, werden sie als toxisch bezeichnet. Dominanz, Aggressivität, Einschüchterung, Kontrolle, emotionale Distanziertheit – das sind einige Beispiele. Auch die Sexualisierung von Frauen sowie jegliche Formen von Gewalt zählen dazu. Oftmals wird toxisch-maskulines Verhalten mit Männlichkeit gleichgesetzt und somit als natürlich wahrgenommen. […] Menschen, die toxische Maskulinität praktizieren, definieren diese immer als der Femininität überlegen. Eigenschaften wie Mitgefühl, Fürsorge oder Emotionalität werden als schwach dargestellt, während gegensätzliches Verhalten als stark empfunden wird. Daraus folgt, dass Menschen, die sich eher durch feminine Eigenschaften auszeichnen, suggeriert wird, anderen unterlegen zu sein. Das kann Personen aller Geschlechter betreffen.27

Das Problem des Sexismus spricht auch Dr. Lina Khatib im Interview an:

In der Musikszene ganz allgemein, und da gehört Metal natürlich auch dazu, ist Sexismus ein großes Thema. Im Moment gibt es diesbezüglich großen Aufruhr wegen Marilyn Manson. Einige seiner Veröffentlichungen werden in der Gesellschaft hitzig diskutiert. Sexismus ist ein absolut politisches Thema, das uns wohl noch einige Zeit erhalten bleiben wird.28

Die Metalszene hat aber über die Jahre nicht nur einen Wandel durchgemacht – sie ist auch gereift. Obgleich männliche Metalheads gerne besonders maskulin wirken möchten, sind sie von toxischem Verhalten heutzutage größtenteils weit entfernt. Statt Dominanz, Aggressivität, Einschüchterung oder emotionaler Distanziertheit werden in der Metalszene Toleranz, Hilfsbereitschaft und Friedfertigkeit gelebt, wie wir noch genauer darlegen werden.

Ein Kommentar von Sängerin Anna Murphy (Cellar Darling, ex-Eluveitie) über ihre eigenen Erfahrungen in der Metalszene soll hier exemplarisch angeführt werden: