"War nie weg, wird immer sein" - Levi Israel Ufferfilge - E-Book

"War nie weg, wird immer sein" E-Book

Levi Israel Ufferfilge

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Beschreibung

Levi Israel Ufferfilge beschreibt an jüdischen Schulen einen drastischen Fall eines Ausnahmezustands Normalität als Insel in permanentem Anderssein. Er schreibt: »Weniger Sicherheit wäre fahrlässig, keine Sicherheit unmöglich. Keine jüdischen Schulen mehr? Dann könnten jüdische Schüler nie einmal eine Pause davon haben, eine Minderheit zu sein, nie erfahren, so wie alle anderen Anwesenden zu sein."

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Seitenzahl: 24

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Levi Israel Ufferfilge»War nie weg, wird immer sein«Von den Normalitäten jüdischen Lebens und des Antisemitismus in Deutschland

Der Autor

Impressum

Levi Israel Ufferfilge»War nie weg, wird immer sein«Von den Normalitäten jüdischen Lebens und des Antisemitismus in Deutschland

Ich starrte meine Finger an, die gespreizt auf zehn Tasten meines Laptops warteten, dass ich ein weiteres Wort schreiben würde. Sie zitterten beinahe unmerklich. Mein Blick wanderte von meinen Fingern zu einem Wassertropfen, der sich am unteren Bildschirmrand bildete. Es war, als würden sich immer mehr Tropfen auf dem Laptop formen. Ein Schleier seichter Wellen schob sich von unten nach oben über die weiße Seite digitalen Papiers, das meine nun merklich bebenden Finger zu beschreiben suchten. Ich tippte »verabschieden« und schluckte angestrengt. Dabei stürzte sich Schmerz meine Kehle und die seichten Wellen auf meinem Bildschirm als Tränen meine Wangen hinunter. Ich hatte meine Oma, die Frau, die mich großgezogen hatte, der ich alles zu verdanken, zu der ich aufgesehen hatte, die weise war, die ein letztes Überbleibsel einer alten Welt war, die gütig war, der ich stets vertraut, alles anvertraut hatte, die mich beschützt und auf jede Weise unterstützt hatte, die ich geliebt hatte – ich hatte sie verloren. Ich hatte sie verabschieden müssen aus dieser Welt.

Ich hatte die letzten Wochen ihres Lebens neben ihr am Bett, auch ne­ben ihr auf dem Bett verbracht. Wir hatten uns alles noch einmal er­­zählt, gelacht, geweint, zusammen Musik gehört, ferngesehen. Ich habe ihr vorgelesen und sie hat mir noch so viele Weisheiten wie irgend mög­lich mitgeben wollen. Was meine Welt ins Wanken brachte und ihre Welt erlöschen ließ, mochte etwas sein, was nicht überraschend kam, was nicht ungewöhnlich war; es mochte etwas sein, was Abertausende Male in jedem Moment irgendwo auf der Erde geschah. Doch hinter meinen verweinten Augen in meinem Bewusstsein gab es nur noch Ge­danken um diesen einen Menschen. Ich saß im Zug, hatte noch schnell aus meiner Wohnung einen schwarzen Anzug für die Beerdigung meiner Oma geholt. Auf dem Weg wollte ich die Trauerrede für sie schreiben. Ich konnte mir kaum Worte abringen. Mein Kopf spielte pausenlos mehrere Kindheitserinnerungen an sie zugleich ab – derart lebendige Fragmente aus früheren Zeiten mit ihr, dass ich mich so fühlte, als wäre ich gerade fünf Jahre, neun Jahre, zwölf Jahre und 20 Jahre zur selben Zeit. Ich nahm meine Brille ab und rieb mir erschöpft die Augen. Ich schaute durch das Fenster auf die vorbeiziehende, nun umso verschwommenere Julilandschaft, die so harmonisch grün und bunt aussah, dass ich es kaum ertragen konnte.