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Ein Hund. Ein Held. Die bewegende Geschichte von Will und Cairo, einem Navy SEAL und seinem vierbeinigen Kameraden und Lebensretter. Pakistan 2011. Zwei Dutzend Navy SEALs dringen in das Gelände vor, auf dem sich Osama bin Laden versteckt hält. Unter ihnen Cairo, ein Belgischer Malinois, der für die Einsätze der härtesten Elitetruppe der Welt ausgebildet wurde. Aber Cairo ist nicht nur maßgeblich an der Ausschaltung des Al-Qaida-Führers beteiligt. Er ist es auch, der seinem Herrchen, dem Operator Will Chesney, treu zur Seite steht, als dieser bei einer Granatenexplosion eine traumatische Hirnverletzung erleidet. Und in Cairos schwerster Stunde ist es schließlich Will, der seinem vierbeinigen Kameraden zu Hilfe eilt. Warrior Dog – Treuer Begleiter ist die wahre und ergreifende Geschichte eines Navy SEAL und des Hundes, der ihm das Leben rettete. Seite an Seite kämpften sie bei einem der gefährlichsten Militäreinsätze der Vereinigten Staaten und wurden für ihren außerordentlichen Mut von US-Präsident Barack Obama gewürdigt. Dieses Buch setzt dieser ungewöhnlichen Freundschaft ein Denkmal und ist der Beweis dafür, dass die Beziehung zwischen Mensch und Hund eine ganz besondere ist.
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Seitenzahl: 500
Veröffentlichungsjahr: 2021
WILL CHESNEY mit Joe Layden
WILL CHESNEY mit Joe Layden
Der Hund, der Osama bin Laden jagte und seinem Navy-SEAL-Kameraden das Leben rettete
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englische Originalausgabe erschien 2020 bei St. Martin’s Press, einem Imprint der St. Martin’s Publishing Group, 120 Broadway, New York, NY 10271, USA, unter dem Titel No Ordinary Dog. My Partner from the SEAL Teams to the Bin Laden Raid. © 2020 by Willard Chesney. All rights reserved.
Published by Arrangement with CAIRO HOLDING, LLC.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Dr. Kimiko Leibnitz
Redaktion: Rainer Weber
Umschlaggestaltung: Danielle Christopher, Sonja Vallant
Satz: Carsten Klein, Torgau
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print 978-3-7423-1752-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1456-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1457-1
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Für Cairo
Einleitung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Danksagung
Das ist vielleicht nicht die Geschichte, die Sie erwarten. Das möchte ich von Anfang an klarstellen.
Ich diente dreizehn Jahre lang in der U.S. Navy, davon elf Jahre bei den SEALs, und nahm an zahlreichen Operationen und Missionen im Rahmen des Krieges gegen den Terrorismus teil, der nach dem 11. September begann. Als Mitglied des SEAL Team XXX war ich im Frühjahr 2011 auf pakistanischem Boden, als der größte Staatsfeind der Vereinigten Staaten, Osama bin Laden, gestellt und erschossen wurde. Deshalb kann ich ohne Übertreibung sagen, dass ich im Lauf meiner Dienstzeit in die eine oder andere brenzlige Situation geraten bin. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte, die ich hier erzählen will, und gar nicht einmal der wichtigste.
Es ist so: Obwohl ich das große Privileg hatte, mit einigen der tapfersten und besten Männer zu dienen, die man sich als Kameraden nur vorstellen kann, hatte ich zugleich die große Ehre, mit einem ungewöhnlichen und unbekannten Helden zu arbeiten und zu leben, dessen Rolle im modernen Kriegswesen – vor allem in der Terrorismusbekämpfung – schwer zu erfassen ist. Es sei denn, man diente mit ihm oder einem anderen vierbeinigen Krieger.
Ich wuchs mit Hunden auf und war schon immer ein Hundenarr, begriff aber erst, in welchem Ausmaß Hunde bei den Streitkräften zum Einsatz kommen, als ich ein SEAL wurde und anfing, von ihren Leistungen zu hören. Ich erinnere mich, wie ich einmal am Anfang meiner Dienstzeit zusammen mit anderen in einem Schulungsraum saß und folgende Aufforderung hörte: »Heben Sie die Hand, wenn Ihnen jemals ein Hund das Leben gerettet hat.«
Ohne zu zögern meldeten sich etwa 90 Prozent der anwesenden Männer. Sie lachten nicht. Sie lächelten nicht. Das war eine ernste, wichtige Sache.
Kann ein Hund ein Menschenleben retten? Allerdings. In meinem Fall sogar sehr oft. Sowohl auf dem Schlachtfeld als auch jenseits davon.
Das ist meine Geschichte, aber es ist auch die Geschichte eines solchen Diensthundes oder MWD (military working dog – ein für die US-Streitkräfte tätiger Arbeitshund; genauer gesagt gehörte er einer Untergruppe der MWDs an, den sogenannten Zugriffshunden, den combat assault dogs oder CADs; und aufgrund seiner Teilnahme bei der Stürmung des Bin-Laden-Anwesens war er der berühmteste von ihnen). Der vierbeinige SEAL hieß Cairo und war ein zweiunddreißig Kilogramm schwerer Belgischer Malinois, der aus Flugzeugen sprang, sich von Hubschraubern abseilen ließ, Bäche und Flüsse durchquerte, am Straßenrand verscharrte Sprengfallen aufspürte und Aufständische kampfunfähig machte – in manchen Fällen auch mehr als nur kampfunfähig. Kurzum: Er tat alles, was man von seinen zweibeinigen Kollegen erwartete, und er tat es mit unerschütterlicher Loyalität und absoluter Furchtlosigkeit. Ich hätte für ihn eine Kugel eingesteckt, so wie er es einmal für mich tat. Deshalb geht es in diesem Buch nicht nur um mich, sondern auch um ihn. Vielleicht sogar mehr um ihn.
Ich lernte Cairo im Sommer 2008 kennen. Ich war damals sechs Jahre bei der Navy, beinahe durchgehend bei den SEALs, und hatte schon mehrere Auslandseinsätze hinter mir, zuletzt im Irak. Ich war in Virginia stationiert, mit meiner Arbeit zufrieden, und ich hatte kein wirkliches Interesse an großen Veränderungen. Doch als ich von dem Hundeführerprogramm erfuhr, wurde ich sofort hellhörig. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich Rottweiler und Pitbulls als Haustiere, machte mir damals aber nicht die Mühe, ihnen viel beizubringen. Sie waren Spielgefährten und treue Begleiter, keine Arbeitshunde. Zum Glück war in jenen frühen Tagen, als Diensthunde in die Special Operations eingeführt wurden, also in die militärischen Spezialeinheiten, Erfahrung keine Grundvoraussetzung, um Hundeführer zu werden. Man musste damals nichts weiter tun, als sein Interesse zum Ausdruck bringen, und plötzlich fand man sich in einer völlig neuen Situation vor, nämlich rund um die Uhr, tagein tagaus, Seite an Seite mit einem stattlichen Malinois, einer von vier Arten des Belgischen Schäferhunds (Deutsche Schäferhunde, Holländische Schäferhunde und Labrador Retriever wurden ebenfalls als Diensthunde verwendet, aber der Malinois – eine kleinere, schlankere und flinkere Version des Deutschen Schäferhundes – ist der ideale Zugriffshund für Kampfeinsätze).
Nicht jeder Mensch ist ein Hundefreund – ich denke manchmal, dass man als solcher geboren wird oder eben nicht – und nicht jeder SEAL will zu Hause oder im Ausland für ein Tier verantwortlich sein. Meine SEAL-Kameraden waren froh, dass Cairo für uns die Vorhut übernahm, wenn wir nachts in ein scheinbar menschenleeres Anwesen eindrangen und nicht wussten, ob der Außenbereich mit Sprengfallen vermint war oder jemand im Haus lauerte, der nur darauf wartete, uns anzugreifen. Wenn er nicht gerade im Dienst war, war er ein zutraulicher, verspielter Hund, der den Kontakt zu seinem menschlichen Rudel geradezu suchte. Kurzum, so ziemlich jeder im Team mochte ihn.
Aber sich die Verantwortung eines Hundeführers aufhalsen? Das war nur etwas für jemanden, der den Job auch wirklich wollte. Jemand, der diese Aufgabe verstand und gerne übernahm.
Diese Person war ich. Cairo war mein Hund. Und ich war sein Dad. Ich verwende diese Bezeichnung nicht leichtfertig. Die Bindung zwischen einem Hundeführer und einem vierbeinigen SEAL ist sehr innig und fest. Sie übersteigt bei Weitem eine normale Freundschaft oder die herkömmliche Beziehung von Mensch und Hund. Die Ausbildung ist sehr umfassend und durchdringt den gesamten Alltag; man ist rund um die Uhr zusammen, und dieser intensive Kontakt sorgt nicht nur für einen steilen Anstieg der Lernkurve, sondern lässt eine Bindung entstehen, die außergewöhnlich tief und vielschichtig ist.
Jeder, der einmal einen Hund besaß, weiß, dass diese Beziehung symbiotisch ist – der Hund verlässt sich darauf, dass sein Besitzer ihn mit Nahrung und einem Schlafplatz versorgt, und schenkt ihm dafür eine bedingungslose Liebe und Treue, die sich praktisch nicht in Worte fassen lässt. Wenn man diese Beziehung aufgreift und mal zehn nimmt und dann noch die beinahe magische Bindung berücksichtigt, die entsteht, wenn ein Hund sein Leben für dich und deine Kampfgefährten aufs Spiel setzt, und zwar jeden Tag, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie es für Cairo und mich war – und so ziemlich für jeden, der das Glück hat, Hundeführer bei den SEALs zu sein.
Deshalb kann ich guten Gewissens sagen, dass ich wirklich Cairos Dad war, und ich stand ihm in etwa so nah wie ein Vater seinem Sohn.
Er war drei Jahre alt, als ich ihn kennenlernte, und er hatte seine Ausbildung in einer Gruppe potenzieller Kandidaten für die US-Streitkräfte bereits als Klassenbester abgeschlossen – ein Hund, der nicht nur überragende athletische und sensorische Fähigkeiten besaß, sondern auch einen unbändigen Arbeitswillen. Kurzum, er war ein Hund, der das Zeug zum SEAL hatte. Aber Cairo hatte noch etwas anderes, das ihn besonders machte: eine zutrauliche und entspannte Art, die bei anderen Hunden möglicherweise ein Entlassungsgrund gewesen wäre. Ein Diensthund beim Militär muss schließlich zuallererst ein Kämpfer sein, und in vielen Fällen führt diese Eigenschaft nicht unbedingt zu einem friedlichen, harmonischen Zusammenleben.
Cairo war anders. Er konnte den Schalter umlegen. Wenn er im Dienst war, arbeitete er. Und seine Arbeit war anstrengend, gefährlich und manchmal schmerzhaft. Cairo war außergewöhnlich – er war das Produkt jahrhundertelanger Evolution, makelloser Zucht, rigoroser Ausbildung und, seien wir einmal ehrlich, eines Siegerloses in der genetischen Lotterie. Aber es gab noch etwas anderes, das ihn besonders machte: ein ungezügelter Drang zu jagen, zu arbeiten und zu dienen. So wie seine zweibeinigen Kameraden bei den Special Operations schien Cairo furchtlos und unermüdlich zu sein.
Das ist natürlich nicht ganz wahr. Jeder, der jemals in einer Schlacht war, weiß, wie es ist, Angst zu haben; ich habe sie auf jeden Fall erlebt. Wir alle kennen Schmerz, Verletzungen und Erschöpfung. Hunde sind Tiere und damit hauptsächlich von ihrem Instinkt getrieben – ihr natürlicher Selbsterhaltungstrieb hält sie dazu an, Gefahrensituationen zu meiden und sich auszuruhen, wenn sie erschöpft sind. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von uns Menschen. Deshalb sollte es nicht weiter verwunderlich sein, dass ein Vierbeiner im Rahmen seiner Ausbildung zum Diensthund bei den Special Operations ein Auswahlverfahren bestehen muss, das genauso rigoros ist wie jenes, durch das etwa 80 Prozent der Männer durchfallen, die sich für das Navy-SEAL-Programm anmelden. Und für die, die weiterkommen, ist der Auswahlprozess sogar noch rigoroser.
Das ist nicht jedermanns Sache. Und das soll es auch nicht sein. Seien wir ehrlich – die meisten Leute wollen der Navy nicht beitreten. Und die meisten Leute in der Navy wissen ganz genau, dass sie sich die Strapazen der SEAL-Ausbildung nicht antun wollen. Jene, die sich trotzdem darauf einlassen, erkennen schnell, dass sie sich übernommen haben. Die überwältigende Mehrheit der Männer, die das berüchtigte, dreißigwöchige Programm mit dem Namen Basic Underwater Demolition/Seal (BUD/S) beginnen, beenden es nicht deshalb, weil sie sich verletzen oder von den Ausbildern entlassen werden, sondern weil sie selbst das Handtuch werfen.
Sie geben aus freien Stücken auf.
Darum geht es im BUD/S – nicht nur darum, die Grundlagen maritimer Spezialeinsätze zu vermitteln und routinierte Militärstrategen hervorzubringen, sondern durch natürliche Selektion herauszufinden, wer die wahren Krieger sind, Männer, die niemals, unter keinen Umständen, aufgeben.
Dieselben Grundprinzipien treffen zu, wenn es um die Ausbildung von Diensthunden für die Streitkräfte geht. Körperliche Attribute sind essenziell, aber alle Schnelligkeit und Kraft der Welt ist nutzlos, wenn ein Hund beim Klang von Granateneinschlägen vor Angst erstarrt, seinem Fluchtinstinkt erliegt oder bei feindlichem Beschuss zu zittern beginnt, oder er sich weigert, einen dunklen Raum zu betreten, weil er beim letzten Mal von einem feindlichen Kämpfer mit einem Messer angegriffen oder angeschossen wurde.
Es ist eine Tatsache, dass Diensthunde beim Militär ein sehr hohes Verletzungsrisiko haben, weil sie oft die ersten Mitglieder einer SEAL-Einheit am Boden sind und damit zu den Ersten gehören, die eine Gefahr konfrontieren. Selbst wenn menschliche Soldaten mit der modernsten Technologie ausgestattet sind, sind sie Hunden deutlich unterlegen, wenn es darum geht, Sprengstoff zu entdecken oder feindliche Soldaten aufzuspüren, die sich verstecken. Es gehörte zu Cairos Aufgaben, die Umgebung zu durchsuchen, bevor wir in ein Haus oder Anwesen eindrangen. Er war auch oft das erste Mitglied eines Trupps, das ein dunkles und potenziell gefährliches Gebäude betrat. Er tat dies immer wieder und mit stoischer Verlässlichkeit. Er tat es furchtlos.
Wie gesagt, Menschen sind für solche Tätigkeiten eigentlich nicht geschaffen; Hunde auch nicht. Ein solches Verhalten ist nicht natürlich. Es ist nicht … normal. Aber manche von ihnen tun es trotzdem. Cairo war einer von ihnen. Er konnte eine Sprengfalle aufspüren und dadurch Dutzende von Leben retten. Er konnte in ein Anwesen eindringen – und das tat er auch oft –, in dem es vor Schurken nur so wimmelte, und dort ein schwer bewaffnetes Arschloch aus seinem Versteck zerren, bevor der auch nur einen Schuss abgeben konnte. Wusste Cairo, dass er sein Leben für seine menschlichen Kameraden aufs Spiel setzte? Vermutlich nicht. Aber er wusste, dass seine Arbeit gefährlich war; daran habe ich keinen Zweifel. Er tat es trotzdem, und er tat das nicht nur kompetent und routiniert, sondern auch ohne Angst um Leib und Leben.
In den zahlreichen Missionen, also Spezialaufträgen und Einsätzen, die wir in den Bergen Afghanistans durchführten, war Cairo eine Kampfmaschine – ein Verbündeter, der genauso wertvoll war wie ein Sturmgewehr oder ein Nachtsichtgerät. Aber wenn es an der Zeit war, nach Hause zu gehen und mit seinem Dad auszuspannen, war er auch dafür zu haben. Wir setzten uns dann aufs Sofa und sahen uns Filme an. Wir aßen gemeinsam unsere Steaks. Wir schliefen im selben Bett. Man konnte ihm Fremde und Kinder anvertrauen, vor allem später, als er im Ruhestand war. So, wie ich das sehe, war er ein nahezu perfekter Hund.
Wenn ich meine Sache richtig mache, wird dieses Buch ein Tribut an Cairo sein – eine Geschichte, die nicht nur seine außergewöhnliche Arbeit zur Unterstützung der US-Streitkräfte und den enormen Aufwand beschreibt, der nötig ist, um einen großartigen Diensthund zu erschaffen, sondern die auch zeigt, was er für mich auf persönlicher Ebene getan hat. Er war in vielerlei Hinsicht mein engster Vertrauter. Als wir beruflich getrennte Wege gingen, verlor ich ihn eine Zeit lang aus den Augen, doch als seine Gesundheit nachließ, bekam ich die Gelegenheit, noch eine Weile für ihn sorgen zu dürfen. Er wiederum war für mich da, als ich ihn am meisten brauchte und die physischen und psychischen Narben der Schlacht, darunter ein Schädel-Hirn-Trauma, einen massiven Tribut forderten, der mich beinahe in die Knie zwang.
Ich hoffe, dass Sie noch nie eine solche Geschichte gelesen haben. Obwohl ich blutige Gefechtsszenen beschreiben werde, wird das Buch nicht so brutal sein wie einige Bücher, die es in diesem Bereich bereits gibt. Ich möchte mich auf die lange und schwierige Ausbildung konzentrieren, die erforderlich war, um Cairo zu dem außergewöhnlichen Soldaten zu machen, der er war; und wie viel er seinen Kampfgefährten bedeutete, speziell mir; und warum ich mich so für ihn einsetzte und mich durch die Mühlen der Bürokratie kämpfte, die uns in seinen letzten Lebensjahren beinahe getrennt hätte.
Unter den SEALs gibt es einen unausgesprochenen Kodex der Selbstlosigkeit und das Wissen, dass die Arbeit, die wir verrichten, zwar ernst und wichtig ist, der Einzelne an sich aber in keiner Weise besonders ist. Wir sind ein Team, das gemeinsam einen Zweck verfolgt, und niemand ist wichtiger als sein Nebenmann. Ich bin stolz auf meine Dienstzeit und meine Arbeit als Navy SEAL, aber ich bin mir durchaus bewusst, dass es Männer gibt, die viel mehr geleistet haben als ich … die mehr geopfert haben. Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich mich ins Rampenlicht stellen will – ich habe mich tatsächlich immer davon ferngehalten –, sondern um meine Kameraden zu ehren, darunter einen Diensthund namens Cairo, der in vielerlei Hinsicht genauso menschlich war wie der Rest von uns.
Wir kämpften gemeinsam, wir lebten gemeinsam, wir bluteten gemeinsam. Cairo war neben mir, als wir in jener Nacht im Jahr 2011 in den pakistanischen Luftraum flogen. Er war ein fester Bestandteil der bekanntesten Mission in der Geschichte der SEALs. Nach einer beinahe zehnjährigen Suche half er uns, unseren Erzfeind zu finden, und er war nicht mehr oder weniger wichtig als jeder andere Soldat, der an dieser Mission teilnahm.
Aber die Geschichte endet nicht an dieser Stelle, und sie endet nicht mit Pauken und Trompeten. Bei Hunden ist das schließlich nie der Fall, oder? Jemand sagte einmal, dass man sich beim Kauf eines Hundes gleichzeitig eine kleine Tragödie anschafft. Und man weiß schon am allerersten Tag, wie sie enden wird. Aber darum geht es gar nicht. Der Weg ist das Ziel – was man dem Hund gibt und im Gegenzug dafür bekommt. Cairo gab mir mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können, vermutlich auch mehr, als ich verdient habe.
Das ist für dich, Junge.
Ein Meter achtundsiebzig. Neunundsiebzig Kilogramm.
Das sind die durchschnittlichen Körpermaße eines U.S. Navy SEAL. Nicht gerade die Proportionen eines Superhelden. Ich will keine Mythen zerstören, aber Fakt ist, dass SEALs in der Regel wie ganz normale Leute aussehen. Unglaublich fit, ohne Frage, vor allem am Ende von BUD/S, aber in keiner Weise übermenschlich. Ich glaube, das bestätigt nur die alte Redewendung, dass der Schein manchmal trügen kann.
Es gibt keinen »typischen« SEAL. Wir alle haben unterschiedliche berufliche Werdegänge und kommen aus allen Ecken und Winkeln des Landes. Ich hatte Kameraden, die an der Highschool mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Dann gab es wieder andere, die das College mit Bestnoten abschlossen. Die meisten von uns waren zwischen achtzehn und dreiundzwanzig Jahre alt, voller jugendlichem Elan; andere waren zehn Jahre älter und hatten sich bereits in ein Erwachsenenleben eingefunden, das mir noch verschlossen war. Ich lernte Männer kennen, die überragende Sportler waren und Körper hatten, die aus Granit gemeißelt schienen. Die meisten von ihnen schafften es nicht. Ich kannte auch Männer, die körperlich eher unscheinbar waren und zuvor wenig Sport getrieben hatten. Auch sie schafften es meist nicht. Das ist ein Merkmal des SEAL-Programms: Wenn BUD/S anfängt und man den Strand von Coronado, Kalifornien, betritt, spielt es keine Rolle, woher man kommt oder was man vor dem Zeitpunkt geleistet (oder auch nicht geleistet) hat. Man bekommt auf jeden Fall sein Fett weg. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird man die Erfahrung so unerträglich finden, dass man aufgeben wird.
Und das ist auch genau der Sinn der Sache. Es ist keineswegs so, dass die Navy keinen Bedarf an mehr SEALs hätte – es ist nur so, dass der Prozess so gnadenlos und unerbittlich ist, dass nur 20 Prozent bestehen. Obwohl die heutigen SEALs ihren Ursprung bei den Froschmännern des Zweiten Weltkriegs und des Koreakriegs haben, gibt es das Programm erst seit Anfang der 1960er-Jahre, und seither blieb die Durchfallquote relativ unverändert. Das soll auch so sein. BUD/S dient nicht dazu, arme Seelen zu quälen, die sich für diese Ausbildung qualifiziert haben, sondern will sicherstellen, dass nur die stärksten die Ziellinie erreichen.
Dieser Wahnsinn hat Methode, und sie lautet: Krieg ist die Hölle, und SEALs werden auf einzigartige, unnachahmliche Weise durchs Feuer gehen – lautlos und brachial. Man erwartet von ihnen, körperlich fit, mental stark, psychisch belastbar, klug und hochmotiviert zu sein. Es geht nicht um blinden Patriotismus, obwohl SEALs zu den patriotischsten Menschen gehören, die ich jemals kennengelernt habe. Es geht auch nicht darum, den Haudegen zu spielen und sich leichtfertig Gefahren auszusetzen. Die Arbeit der Special Operations ist sehr technisch und präzise; man braucht also nicht nur Mut oder Aggression, sondern ebenso auch Disziplin und Sorgfalt. Wenn man beobachtet, wie sich eine zahlenmäßig deutlich unterlegene SEAL-Einheit methodisch und effizient durch ein dunkles Gebäude bewegt und auf der Suche nach einem hochrangigen Ziel einen bewaffneten Feind nach dem anderen ausschaltet, sieht man ein Team, das wie ein fein abgestimmtes Uhrwerk arbeitet. Es gibt in diesem Szenario keinen Platz für Draufgänger oder Einzelkämpfer. Das, was zählt, sind Professionalität und die hundertprozentige Entschlossenheit, die Mission zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
Es geht auch nicht um die geistlose oder blindwütige Durchführung von Befehlen, weil man als SEAL oft in Situationen gerät, die deutlich von dem abweichen, was man erwartet hat. Man lernt zu improvisieren und entsprechend zu reagieren. Die Arbeit ist oft blutig und brutal, es steht in der Regel außerordentlich viel auf dem Spiel, und niemand behauptet das Gegenteil; deshalb macht es durchaus Sinn, BUD/S so zu gestalten, dass die große Mehrheit der Rekruten ausgesiebt wird und nur die besten Kandidaten für diese Art von Dienst an der Waffe übrig bleiben.
Im Lauf der Jahre wurden nur geringfügige Veränderungen am BUD/S-Programm vorgenommen, und bei den meisten handelte es sich um Aufsichtsbelange und bessere medizinische Versorgung – Veränderungen, die in erster Linie aus Sicherheitsgründen eingeführt wurden. Der physische und psychische Druck auf die Rekruten ist immer noch genauso unnachgiebig wie eh und je. Wenn im »Sea, Air, and Land (SEAL)«-Programm der United States Navy ein Wachstum zu verzeichnen ist, liegt das nicht daran, dass BUD/S einfacher geworden ist; es liegt einfach daran, dass es mehr Bewerber gibt. Unterm Strich ist das Ergebnis immer dasselbe.
20 Prozent bestehen.
80 Prozent fallen durch.
Was brachte mich dazu, so arrogant (oder dumm) zu sein und anzunehmen, dass ich zu den 20 Prozent gehören würde? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Wenn ich jetzt, als vierunddreißigjähriger Veteran, daran zurückdenke, scheint die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering gewesen zu sein. Ich trat der Navy bei, meldete mich für das SEAL-Programm, und … nun, ich setzte einfach immer wieder einen Fuß vor den anderen. Ich habe keinen besonderen familiären Hintergrund. Ich war ein ganz normaler Jugendlicher, der mitten im Nirgendwo in Texas aufwuchs (eigentlich kam ich aus einer Kleinstadt namens Lumberton, die etwa fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Beaumont und hundertfünfzig Kilometer östlich von Houston liegt). Aber ich besaß Durchhaltewillen. Ich wusste, was ich wollte, und ich wollte ein Navy SEAL werden.
Ich war höchstens zwölf oder dreizehn Jahre alt, als ich anfing, mit dem Gedanken zu spielen, dem Militär beizutreten. Und nicht einfach nur irgendeiner Teilstreitkraft – ich wollte ein SEAL werden. Ich kann nicht wirklich erklären, woher dieser Drang kam. Vielen Leuten steckt das Militär im Blut – sie haben enge Verwandte, die stolz gedient haben – und diejenigen, die es zu den Special Operations zieht, haben oft einen ausgeprägten sportlichen Ehrgeiz oder verbringen als Jäger oder Angler viel Zeit in der Natur.
All das traf nicht auf mich zu. Ich hatte einen Großvater, der in der Navy gedient hat, und einen Onkel, der bei der Army war, aber ihr Militärdienst hatte keinen prägenden Einfluss auf mein Leben. Ich verbrachte regelmäßig Zeit mit ihnen, aber es war keineswegs so, als wäre ich mit allabendlichen Erzählungen ihrer Kriegserlebnisse aufgewachsen. Obwohl ich im östlichen Teil von Texas groß wurde, war ich kein großer Naturbursche. Als Jugendlicher ging ich hin und wieder angeln, aber ich besaß kein Gewehr und war kein passionierter Jäger. Ich war auch nicht bei den Pfadfindern. Ich ging manchmal wandern und zelten und hielt mich gern in der Natur auf, aber ich war kein Survival-Experte oder so etwas. Wenn man mich in der Mittelstufe in einem entlegenen Gebiet ausgesetzt hätte, hätte ich mich wahrscheinlich auf den Boden gesetzt und so lange geweint, bis jemand gekommen wäre, um mich zu retten. Ich hätte nicht gewusst, welche Pflanzen essbar sind oder wie man wieder nach Hause findet.
In der Highschool änderte sich nicht viel daran, und obwohl ich ein wenig Football spielte – denn schließlich lebte ich in Texas –, war ich nicht überragend talentiert, sodass ich in der zehnten Klasse zu dem Schluss kam, dass manche Dinge im Leben einfach wichtiger waren als andere; ganz oben auf der Liste standen, nicht sehr überraschend, Mädchen. Wenn man das Interesse von Mädchen auf sich ziehen wollte, brauchte man ein Auto. Und wenn man ein Auto haben wollte, musste man es kaufen, und dafür brauchte man Geld. Ich nehme an, dass in manchen Familien Mama oder Papa ein Auto spendieren oder das dafür nötige Kleingeld, aber das traf auf mich, wie auch auf die meisten meiner Freunde, nicht zu.
Ich wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf, was wahrscheinlich schlimmer klingt, als es war. Es war eine schöne Wohnwagensiedlung, und obwohl sich meine Eltern trennten, als ich noch zur Schule ging, kamen wir alle vergleichsweise gut miteinander aus, und ich ging sowohl bei meiner Mutter als auch bei meinem Vater ein und aus. Ich betrachtete mich nie als arm, war mir aber durchaus bewusst, dass ich weniger hatte als viele andere Jugendliche an meiner Schule. Das störte mich nicht sonderlich, und ich bemitleidete mich auch nicht deswegen. So war es eben. Meine Eltern waren beide berufstätig, und am Ende des Monats blieb einfach nicht viel übrig. Ich war ein Einzelkind und war deshalb oft auf mich allein gestellt. Und ich war ein Einzelgänger – mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Aber ich war für mein Alter auch sehr selbstständig.
Ich erinnere mich nicht daran, mit meiner Mutter oder meinem Vater darüber geredet zu haben, dass ich einen fahrbaren Untersatz wollte. Das wäre auch völlig sinnlos gewesen. Ich kannte ihre Antwort bereits. Deshalb gab ich den Leistungssport und andere außerschulische Aktivitäten allmählich auf, um in einem Restaurant in der Stadt zu arbeiten. Mit Restaurant meine ich ein Lokal, das sich auf frittierten Catfish (Wels) spezialisiert hatte, denn der südöstliche Zipfel von Texas geht nahtlos in den Westen Louisianas über und Lumberton ist nur etwa eine Stunde von Lake Charles entfernt, deshalb wuchs ich auch mit einem Hauch von Bayou-Flair auf. In einem Catfish-Restaurant zu arbeiten ist vielleicht nicht unbedingt der glamouröseste Job der Welt, aber das machte mir nichts. Ich spülte das Geschirr, wischte den Boden, räumte Tische ab … und tat im Grunde alles, was man von mir verlangte. Ich gehörte zu den Jüngsten meiner Altersklasse, die einen Job hatten. Ich war deswegen weder wütend noch war es mir peinlich, im Gegenteil, ich war stolz, mein eigenes Geld zu verdienen, damit ich meine Eltern nicht um Dinge anbetteln musste, die sie sich nicht leisten konnten.
Viele denken nicht gerne an ihren ersten Job zurück. Ich schon. Es hatte etwas Reizvolles an sich, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, eine Aufgabe zu erhalten, diese nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen, am Ende der Schicht nach Hause zu gehen und zu wissen, dass ich meinem Traum, ein eigenes Auto zu besitzen, fünfzig oder sechzig Dollar näher gekommen war; und ich war stolz, dass ich an dem Tag nichts vermasselt hatte. Ich tat alles, was man von mir verlangte. Und ich tat es klaglos und so gut ich konnte. Ich lernte, den Mund zu halten und meine Arbeit zu erledigen – Fähigkeiten, die sich im BUD/S als überaus wertvoll erweisen sollten, als man rund um die Uhr an seine Grenzen getrieben wurde, und auch später noch, als ich bereits ein Navy SEAL war.
Meine schulischen Leistungen waren in Ordnung, und ich war auch jenseits des Klassenzimmers nicht auf den Kopf gefallen, obwohl ich zugegebenermaßen nicht mit großem Lerneifer gesegnet war. Ich war auch nicht der Sportlichste in meiner Klasse. Aber ich lernte schon früh, dass ich einen wesentlich größeren Durchhaltewillen besaß als die meisten Leute. Es machte mir nichts aus, mir den Arsch aufzureißen. Ich konnte jeden Tag zu einer lausigen Arbeitsstätte gehen, und jeden Abend nach Fisch und Fett riechend nach Hause kommen, ohne mich darüber zu beschweren.
Na ja, zumindest meistens.
In meinem vorletzten Jahr an der Highschool beschloss ich, an einem Praktikumsprogramm teilzunehmen, das den Vorteil hatte, dass ich nur den halben Schultag im Klassenzimmer verbringen musste; so konnte ich mehr arbeiten und mehr Geld verdienen. Ich lernte eine bittere Lektion, als ich einmal gefeuert wurde, weil ich mich nicht genügend angestrengt hatte, und zwar als ich für den Schulbezirk als Gärtner tätig war. Das ging voll und ganz auf meine Kappe. Ich versuchte, aus diesem Fehler zu lernen. Wenn man einen Auftrag bekommt, erledigt man ihn. Man beschwert sich nicht darüber, und man bittet niemanden darum, ihn zu übernehmen. Man muss versuchen herauszufinden, was man will, und sein Ziel in Angriff nehmen. Wenn man etwas unbedingt haben will, richtet man seine ganze Energie und Aufmerksamkeit darauf. Ohne Klagen. Ohne Ausreden.
Als ich kurz vor dem Schulabschluss war, arbeitete ich für eine Firma, die sich auf den Bau und die Wartung von Mobilfunktürmen und anderen hohen Gebäuden spezialisiert hatte. Das gab mir die Gelegenheit, mit meinem Vater zusammenzuarbeiten, der ebenfalls für diese Firma tätig war und mir diesen Job verschafft hatte. Der Vorteil war, dass ich gutes Geld verdiente – deutlich mehr als mit Rasenmähen oder Geschirrspülen. Der Nachteil war, dass mein Vater mein Vorgesetzter war, was wohl für keinen Jugendlichen leicht ist, schätze ich.
Ich liebe meinen Vater, wir haben eine gute Beziehung. Dennoch gehört meine Zusammenarbeit mit ihm nicht unbedingt zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens. Aber ich ließ nicht zu, dass sich etwaige Spannungen auf meine berufliche Leistung auswirkten. Er war mein Vorgesetzter, dessen Meinung man nicht immer teilen muss. Das ist eine weitere Lektion, die mir später gute Dienste leistete. Und ich lernte in diesem Job noch etwas anderes, das sich als sehr wertvoll erweisen sollte: Um meine Arbeit gut – oder überhaupt – zu erledigen, musste ich meine Ängste überwinden. Ich habe nämlich Höhenangst. Oder hatte sie. Merkwürdig, oder, wenn man bedenkt, dass SEALs ständig mit dem Fallschirm aus Flugzeugen springen oder sich aus Hubschraubern abseilen. Oder, wie ich später noch entdecken würde, eine Menge Zeit damit verbringen, in einer entlegenen afghanischen Provinz über einen Bergkamm mit steil abfallenden Hängen zu marschieren.
Aus irgendeinem Grund belastete mich keine dieser späteren Herausforderungen als SEAL so sehr, wie in dreißig Metern Höhe am helllichten Tag exponiert auf einem Turm zu arbeiten. Beim Fallschirmspringen ist der Steigflug das Schlimmste. Sobald man eine gewisse Flughöhe erreicht hat, ist es keine große Sache mehr: Man tritt einfach in den Himmel und lässt die Ausrüstung ihre Arbeit tun. Man hat keine Zeit, sich Gedanken oder Sorgen darüber zu machen, was schiefgehen könnte. Es ist beinahe surreal. In einer Minute sitzt man im Laderaum eines Flugzeugs, in der nächsten befindet man sich im freien Fall. Bei den Special Operations springt man sowieso meist nachts. Aber selbst am helllichten Tag ist Fallschirmspringen (zumindest für mich) weniger furchteinflößend als das Hochklettern auf einen Mobilfunkmast. In dreitausend Metern Höhe sieht die Erde nicht einmal echt aus. Es ist einfach nur eine riesige Landschaft, die sich vor dem Springer ausbreitet und darauf wartet, ihn aufzufangen und sanft zu schaukeln, während er langsam auf die Erde schwebt.
Aber klettern? Abwechselnd mit der linken und der rechten Hand greifen, oft über einen längeren Zeitraum hinweg, und dabei ständig die Erde vor beziehungsweise unter sich sehen?
Das wirkt sich ganz anders auf die Psyche aus.
Das ist wieder so eine Sache, die es so schwer macht abzuschätzen, wer durch BUD/S kommt und wer nicht. So wie man erst wissen kann, wie jemand in einer Gefechtssituation reagiert, wenn die ersten Schüsse fallen, ist es praktisch unmöglich zu wissen, wer unter dem unnachgiebigen Druck und der Erschöpfung im BUD/S zusammenbricht und wer die innere Kraft zum Durchhalten findet. Die Aufschneider und Großmäuler sind oft die Ersten, die aufgeben – was nicht weiter verwunderlich ist, weil hinter ihren großen Tönen meist eine gehörige Portion Unsicherheit steckt. Umgekehrt finden die stillen Typen oft einen Weg, um klaglos weiterzumachen.
Viele Leute mit Höhenangst kämen nicht auf die Idee, zu den SEALs zu gehen. Ein angeborener Selbsterhaltungstrieb, kombiniert mit dem Wunsch, um jeden Preis eine öffentliche Bloßstellung zu vermeiden, würde diesen Traum im Keim ersticken. Ich kam zu dem Schluss, dass dies ein Hindernis war, das ich überwinden konnte und musste. Ich erschien jeden Tag mit meinem Vater auf der Arbeit und kletterte mit flauem Magen auf den Turm oder Kran. Etwa acht Stunden schmorte ich in der schwülen Hitze von Südtexas und kämpfte gegen meine Angst und die aufsteigende Panik. Ich kann nicht sagen, dass ich mich jemals an mein Arbeitsumfeld gewöhnte, aber nach einer Weile hatte ich mich desensibilisiert. Indem ich mich einfach an die festgelegten Handgriffe hielt und mich jeden Tag meinen Ängsten stellte, war ich in der Lage, etwas zu überwinden, das ich als extrem unangenehm empfand. Ich hasste den Job und die Angst, die er in mir hervorrief, aber ich fand das Geld verlockend, und ich wusste intuitiv, dass die Erfahrung nützlich sein würde, falls ich jemals die Gelegenheit bekommen sollte, die SEAL-Ausbildung anzutreten.
Das meiste davon geschah unterbewusst. Ich war siebzehn Jahre alt und versuchte, etwas Geld zu sparen, bevor ich die Stadt verließ. Rückblickend kann ich jetzt aber sehen, wie viel ich durch diesen Job lernte und wie er mir half, mich auf die Bewährungsproben vorzubereiten, die noch vor mir lagen.
Ich schloss die Highschool im Frühjahr 2002 ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits bei der U.S. Navy verpflichtet. Obwohl ich am 11. September 2001 im letzten Schuljahr der Highschool war und durch den Anblick der einstürzenden Zwillingstürme dafür prädestiniert war, aus einer Laune heraus dem Militär beizutreten, war das nicht wirklich der Fall. Verstehen Sie mich nicht falsch – die Ereignisse des 11. Septembers erfüllten mich mit Wut und Trauer und trugen dazu bei, dass ich aktiv werden und mithelfen wollte, die Leute zu finden, die für diesen Angriff verantwortlich waren. Ich wollte einen Beitrag leisten und sicherstellen, dass so etwas nie wieder geschah. Es war nur so, dass ich bereits beschlossen hatte, den Streitkräften beizutreten – mehr noch, ich wollte ein Navy SEAL werden. Ich wusste, dass mir wahrscheinlich keine große Zukunft beschieden sein würde, wenn ich in meiner Kleinstadt blieb, vor allem in der Gegend, in der ich wohnte. In unserer Wohnwagensiedlung gab es unter den Jugendlichen Drogenprobleme, und wenn ich geblieben wäre, hätte ich leicht in diese Szene abrutschen können. Ich hatte kein Interesse daran, aufs College zu gehen, deshalb waren meine Optionen begrenzt.
Ich hatte auch keinen brennenden Wunsch, einfach nur in der Navy zu dienen. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Der Dienst bei den herkömmlichen Streitkräften ist völlig in Ordnung. Er ist für die amerikanische Lebensweise und die Freiheit, die wir so schätzen, essenziell. Aber für einen siebzehnjährigen Jungen, der Texas den Rücken kehren und seinem Leben eine Wende geben wollte, ohne wirklich zu wissen, wie das passieren sollte?
Für mich galt die Devise: SEALs oder gar nichts.
Die Sache ist nur: Um ein SEAL zu werden, muss man sich zunächst bei der Navy verpflichten. Ich tat das viele Monate vor meinem Highschool-Abschluss, obwohl meine Eltern nur widerwillig zustimmten. Mit siebzehn Jahren kann man nämlich nur dann zum Militär gehen, wenn die Eltern ihre schriftliche Einwilligung geben. Meine Mutter hatte natürlich einige Vorbehalte, denn sie war sich nicht sicher, ob mir klar war, worauf ich mich einließ, zumal unser Land gerade erst Ziel eines Terrorangriffs geworden war, und damals konnte niemand abschätzen, welche militärische Reaktionen dies nach sich ziehen würde. Mein Vater war jedoch einverstanden. Er war wahnsinnig stolz darauf, dass ich ein SEAL werden wollte. So stellte ich meinen Eltern mein Vorhaben vor. Ich sagte nicht: »Ich will zur Navy gehen«, sondern: »Ich werde ein SEAL werden.« Nicht, weil das besser klang, sondern weil es wirklich das war, woran ich glaubte.
Für meinen Vater stellte das ein Ziel dar, und überdies ein ehrenwertes. Ich bin sicher, dass er sich freute, dass ich ein Lebensziel gefunden hatte. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend keine großen Probleme bereitet. Als ich noch jünger war, schaffte ich es, in Schule und Freizeit Ärger aus dem Weg zu gehen, und als ich älter war, arbeitete ich viel. Ich hatte trotzdem einige Freunde, die gelegentlich mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, und ich hatte in meiner Highschool-Zeit einige kleinere Begegnungen mit der Polizei. Geringfügige Vergehen, zum Beispiel wegen unerlaubten Alkoholkonsums, die einigen Eltern trotzdem Sorgen bereitet hätten. Mein Vater freute sich, dass ich ehrgeizig war, und ich denke, ihm gefiel die Vorstellung, dass sein Sohn in einer Zeit zu den Special Operations gehen wollte, als sich das Land im Anfangsstadium einer großen Welle des Patriotismus befand. Ob er dachte, dass ich eine Chance hatte, dieses Ziel zu erreichen, steht auf einem anderen Blatt. Er gab mir auf jeden Fall nie das Gefühl, an mir zu zweifeln. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte. Ich glaubte mit jeder Faser meines Seins, dass ich es schaffen würde. Ich schreibe das hauptsächlich meiner Jugend und Naivität zu. Ich las alle Bücher über die SEAL-Ausbildung, die ich in die Finger bekam. Ich sah mir Filme und Reportagen an. Ich wusste in gewisser Weise, was auf mich zukam – welche Schmerzen und Demütigungen mir bevorstanden.
Aber wie jede epische Reise muss man sie sehen – und erleben –, um sie zu glauben.
Meine Mutter war deutlich weniger begeistert oder verständnisvoll als mein Vater. Ich schätze, dass das nicht weiter verwunderlich ist. Es ging gar nicht einmal so sehr um die SEALs – allein der Gedanke, dass ich in so bewegten Zeiten den Streitkräften beitrat, bereitete ihr Sorgen. Sie war einfach eine Mutter, die Angst hatte, dass ihrem Sohn etwas zustoßen könnte. Praktisch gesehen gab es aber nicht viel, was sie tun konnte, um mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Falls sie sich weigerte, die Formulare zu unterschreiben, als ich noch minderjährig war, würde ich einfach bis zum Schulabschluss warten, weil ich dann volljährig sein würde und ihr Einverständnis nicht mehr benötigte. Jeder Einwand, den meiner Eltern vorgebracht hätten, wäre sinnlos gewesen, und das wussten sie auch.
Am Ende des Sommers brach ich nach Chicago auf, um die Grundausbildung anzutreten. Das war das erste Mal, dass ich länger allein unterwegs war, deshalb hätte ich Heimweh bekommen können. Aber ich hatte kein echtes Heimweh. Manche Leute gehen gemeinsam mit ihren Freunden zum Militär. Das war bei mir nicht der Fall. Ich war ganz auf mich allein gestellt, und als ich im Flieger saß und Houston verließ, spürte ich in erster Linie Neugier und Vorfreude auf mein neues Leben. Aber es dauerte nicht lange, bis ich einen herben Dämpfer erlitt. Das geschah praktisch in dem Augenblick, als ich im Boot Camp eintraf. Ein Ausbilder, der meine Unterlagen durchgesehen hatte, nahm mich zur Seite und wirkte überrascht, weil ich am SEAL-Programm teilnehmen wollte.
»Sie sollten doch eigentlich die U-Boot-Ausbildung machen, oder?«, sagte er.
»Jawohl, Chief«, antwortete ich. »Und dann gehe ich zu BUD/S.«
Er schüttelte den Kopf. »Das wird leider nicht passieren.«
Man muss hier verstehen, wie der Rekrutierungsprozess abläuft: Er wird von Anwerbern ausgeführt, die gerissen und erfahren sind. Navy-Anwerber – und ich vermute Anwerber aller Zweige der Streitkräfte – wissen genau, was sie unreifen und leicht beeinflussbaren Jugendlichen sagen müssen, damit diese sich verpflichten. Die Begegnung eines jungen Rekruten mit einem erwachsenen Anwerber ist in jeder Hinsicht unausgewogen. Was auch in Ordnung ist. Navy-Anwerber haben einen Auftrag zu erledigen, und dieser Auftrag besteht darin, die Reihen mit eifrigen jungen Leibern zu füllen. Es war keineswegs so, dass man mich dazu überreden musste, das Bewerbungsformular zu unterschreiben. Ich ging ins Rekrutierungsbüro und war bereit, mich zu verpflichten und für mein Land zu kämpfen. Ich wollte einfach nur, dass jemand mir die richtige Richtung wies. Es gab jedoch einen Haken: Ich wollte ein SEAL werden. Wenn mir dieser Weg versperrt gewesen wäre, wäre ich wieder aus dem Büro marschiert.
Der Anwerber hatte mir versichert, dass ich die Gelegenheit bekäme, meinen Traum zu verwirklichen. Mehr konnte er mir nicht versprechen.
Vor meiner Verpflichtung musste ich mich entscheiden, welche Fachausbildung, die sogenannte Class A School, ich nach der Grundausbildung machen wollte. Normalerweise geht jeder neue Matrose nach der Grundausbildung direkt zur A-School, bevor er eine Spezialausbildung absolviert, die ihn auf die Arbeit vorbereitet, die er später verrichten soll. Ich hatte von Anfang an klargemacht, dass ich ein SEAL werden wollte; wenn also alles nach Plan lief, würde mein Karriereweg anders verlaufen. Nach der A-School konnte ich mich für BUD/S bewerben. Das war der normale Ablauf. Der Anwerber erklärte mir die verschiedenen Optionen, die mir im Rahmen der A-School zur Verfügung standen. Keine der genannten Ausbildungen sprach mich sonderlich an; ich hatte meinen Blick vollständig auf den Schritt gerichtet, der nach der A-School kam: BUD/S. (So geht es übrigens vielen Rekruten, ungeachtet dessen, ob sie Interesse an BUD/S haben – sie entscheiden sich meist für die kürzeste Ausbildung.) Als der Anwerber die U-Boot-Ausbildung vorschlug, die mit einer Prämie von fünftausend Dollar verbunden war, versicherte er mir, dass diese Entscheidung keinerlei Auswirkungen auf meine Pläne hätte, ein SEAL zu werden, und so nickte ich und sagte: »Klar, warum nicht? Das Geld kann ich gut gebrauchen.«
Sie können sich sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich zur Grundausbildung kam und feststellte, dass meine Pläne in Gefahr waren. Ich möchte niemandem unterstellen, mich vorsätzlich angelogen oder die Fakten falsch dargestellt zu haben. Ich war siebzehn Jahre alt und nicht unbedingt der geduldigste oder aufmerksamste junge Mann. Vielleicht hätte ich mir das Kleingedruckte auch ein wenig genauer durchlesen sollen. Andererseits hört man, dass solche Dinge bei allen Teilstreitkräften passieren – Anwerber verdrehen die Wahrheit ein wenig, um freie Stellen zu besetzen und Rekruten die Posten schmackhaft zu machen, die am dringendsten benötigt werden. Hier war ich nun also, im Recruit Training Command, Great Lakes, am Westufer des Lake Michigan vor den Toren Chicagos, ein frischgebackener Rekrut, der die Grundausbildung als Durchgangsstation auf dem Weg zum SEAL betrachtete.
Und plötzlich erfuhr ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte und mein Traum geplatzt war.
»Ich weiß nicht, was man Ihnen gesagt hat«, erklärte mir der Ausbilder. »Aber die U-Boot-Ausbildung ist keine Vorbereitung für BUD/S. Sie ist eine völlig andere Ausbildung, die sehr zeit- und arbeitsintensiv ist. Aber die Arbeit ist gut, und sie ist wichtig.«
Daran hatte ich keinen Zweifel. Das war mir allerdings egal. Ich hatte mich nur auf die U-Boot-Ausbildung eingelassen, weil sie mir vorgeschlagen worden war und eine dicke Prämie winkte. Aber wenn die U-Boot-Ausbildung bedeutete, dass ich kein SEAL werden konnte, wollte ich nichts davon wissen. Ich versuchte dem Ausbilder meinen Standpunkt zu erklären, aber es stellte sich heraus, dass er selbst ein alter U-Boot-Mann war und das Programm nicht nur sehr schätzte, sondern auch nicht gerade von der Vorstellung begeistert war, dass ein Jugendlicher versuchte, sich ihm zu entziehen. Vielleicht wollte er auch einfach nur seine Autorität durchsetzen. Vielleicht dachte er, dass ich ein verwöhnter oder unreifer Bengel war. Was auch immer der Grund war – er sagte mir, dass ich keine Wahl hätte.
»Dafür haben Sie sich verpflichtet«, sagte er. »Die Ausbildung wird Ihnen guttun.«
Und damit skizzierte er meinen weiteren Werdegang. Ich würde die A-School besuchen, dort Informationstechnik lernen und anschließend die U-Boot-Ausbildung absolvieren. Ich würde die nächsten vier Jahre damit verbringen, in einem U-Boot lautlos durch die Weltmeere zu gleiten, bis auf die Zähne bewaffnet, unter anderem mit Atomraketen, die auf manche Leute sicher eine große Faszination ausübten, mich jedoch kaltließen. Ich konnte kaum glauben, dass ich in diesen Schlamassel geraten war, und nahm mir vor, mein Bestes zu geben, um die Situation sofort zu bereinigen. Und genau das tat ich: Ich begann meine Navy-Laufbahn damit, dass ich mich weigerte, das zu tun, was man mir aufgetragen hatte.
»Bei allem Respekt, Sir, ich habe kein Interesse daran, auf einem U-Boot zu dienen«, sagte ich. »Ich trat der Navy bei, weil ich ein SEAL werden wollte. Das ist alles, was mich interessiert. Ich bin nur hier, weil ich zu BUD/S will, und wenn das nicht geht, können Sie mich gleich nach Hause schicken.«
Ich hatte keineswegs vorgehabt, meine Karriere in der Navy als Querulant zu beginnen, und mir war klar, mit welchen Risiken eine Insubordination verbunden war. Zum Glück war der Ausbilder nicht der hartgesottene Kerl, der er auf den ersten Eindruck zu sein schien. Er zog meine Anfrage in Betracht, und nach relativ kurzer Zeit wurde mir im Rahmen der A-School eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker zugewiesen – in der normalen Schiffsflotte, nicht im U-Boot-Geschwader.
»Natürlich werden Sie dann auf die Prämie verzichten müssen«, bekam ich zu hören.
»Natürlich«, antwortete ich.
Das Geld war mir völlig egal. Mein Traum, ein SEAL zu werden, war noch am Leben, und er war viel mehr wert als fünftausend Dollar.
Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, deshalb hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was im BUD/S auf mich zukam – obwohl das tatsächliche Erlebnis natürlich etwas völlig anderes war, als nur darüber zu lesen oder Filme oder Videos anzusehen. Ich hatte auch eine ungefähre Vorstellung von dem körperlichen Eignungstest, der schnell und schonungslos die Spreu vom Weizen trennte, und ich hatte einen Großteil des Sommers damit zugebracht, mich darauf vorzubereiten. Nach den langen Arbeitstagen auf der Baustelle trainierte ich diszipliniert. Als die Grundausbildung anfing, war ich in hervorragender körperlicher Verfassung, und ich nahm an, dass ich keine Probleme hätte, den körperlichen Eignungstest zu bestehen.
Es gab nur ein Problem: Weil ich so darauf konzentriert war, ein SEAL zu werden, hatte ich nicht viel Zeit oder Mühe investiert, mich über den Alltag in der Grundausbildung zu erkundigen, und der war ganz anders als das, was ich erwartet hatte. Ich ging davon aus, dass die Grundausbildung anspruchsvoll sein würde – dass wir stundenlang marschieren und trainieren und psychischem Druck ausgesetzt sein würden. Ich war völlig davon überzeugt, dass mir die Grundausbildung zumindest die Möglichkeit geben würde, meine aktuelle Fitness zu erhalten, wenn nicht gar zu verbessern, sodass ich zu Beginn von BUD/S in hervorragender körperlich Verfassung sein würde.
Das war ein Irrtum.
In der Grundausbildung geschah nämlich Folgendes: Ich nahm zu. Ich war ein Meter fünfundsiebzig groß, wog zu Beginn neunundsiebzig Kilogramm (und entsprach damit, wie bereits erwähnt, so ziemlich dem durchschnittlichen SEAL). Binnen weniger Wochen war mein Gewicht auf vierundachtzig Kilogramm gestiegen. Trotz all der Dinge, die ich über die Strapazen der Grundausbildung gehört hatte, stellte sich die Navy-Grundausbildung hauptsächlich als Training in Langeweile dar. Wir verbrachten viel Zeit im Klassenzimmer oder damit, von einem Klassenzimmer zum nächsten zu marschieren. Gemächlich … ohne ins Schwitzen zu geraten. Wir verbrachten viele Stunden damit, uns mit den Gepflogenheiten und der Kultur der Navy vertraut zu machen und sie zu verinnerlichen. Das war zweifellos wichtig, vor allem für jene, die die nächsten vier Jahre in der »normalen« Navy verbrachten. Aber für alle, die SEALs werden wollten, war das beinahe kontraproduktiv. Wenn wir nicht marschierten oder lernten, aßen wir. Große, kohlenhydratreiche und vor Fett triefende Mahlzeiten. Es war wie ein Frühstück bei Cracker Barrel, den ganzen Tag, jeden Tag. Innerhalb von zwei Wochen setzte ich an, nach drei Wochen war ich aufgegangen wie ein Hefeteig. Ich wurde unruhig.
Was, wenn ich nicht fit genug war, um den körperlichen Eignungstest zu bestehen?
Zum Glück durften die Rekruten, die ihr Interesse am SEAL-Programm zum Ausdruck gebracht hatten, zwei Tage in der Woche ein Fitnesstraining absolvieren. Es war nicht viel, aber besser als nichts. Und das Fitnesstraining wurde von zwei Männern geleitet, die mir einen ersten Eindruck vermittelten, wie es in der Welt der Navy SEALs aussah. Der eine Ausbilder war Anfang dreißig und unglaublich fit; der andere war vermutlich über fünfzig und ebenfalls in hervorragender körperlicher Verfassung. Er war ein wenig »old school«, was zu erwarten war, aber beide Männer waren sowohl hinsichtlich ihres Verhaltens als auch ihres äußeren Erscheinungsbildes beeindruckend. Sie trieben uns im Training an, machten uns aber auch Mut. Es schien so, als wollten sie uns das Gefühl geben, dass wir eines Tages zu ihnen gehören konnten.
Der körperliche Eignungstest für die SEAL-Ausbildung ist rigoros und besteht aus fünf Übungen – oder Evolutions, wie sie später im BUD/S hießen – und für jede Evolution gab es Zeitlimits, die eingehalten werden mussten. Die Mindestanforderungen sind:
500 Meter Schwimmen (12:30 Minuten)
42 Liegestütze (2:00 Minuten)
50 Sit-ups (2:00 Minuten)
8 Klimmzüge (ohne Zeitlimit)
1,5 Meilen laufen (11:00 Minuten)
Die fünf Teildisziplinen werden am Stück ausgeführt, deshalb ähnelt der Test mehr einem Fünfkampf als fünf separaten Leistungskontrollen. Die Pausen sind minimal: zehn Minuten nach dem Schwimmen, dann jeweils zwei Minuten nach den Liegestützen und Sit-ups, gefolgt von einer weiteren zehnminütigen Pause vor der letzten Disziplin, dem Lauf über anderthalb Meilen (2,4 Kilometer). Es sollte auch gesagt werden, dass die Mindestanforderungen genau das sind: die Untergrenze, die unbedingt eingehalten werden muss. Wenn man diese Anforderungen erfüllt, darf man sich für BUD/S anmelden, wo man mit größter Wahrscheinlichkeit aber zu den Ersten zählen wird, die das Handtuch werfen. BUD/S ist selbst für die fittesten und stärksten Kandidaten eine Herausforderung. Für diejenigen, die gerade einmal die Mindestanforderungen schaffen, ist das Programm quasi von Anfang an zum Scheitern verurteilt, und die Wahrscheinlichkeit durchzufallen liegt bei etwa 97 Prozent. Um die Erfolgsquote zu erhöhen, empfiehlt die Navy bestimmte »Richtwerte«. Zum Beispiel: 10:30 Minuten für das Schwimmen, 10:20 Minuten für den Lauf sowie je neunundsiebzig Liegestütze und Sit-ups und elf Klimmzüge.
Die Unterschiede zu den Mindestanforderungen sind nicht subtil – sie sind signifikant. Die meisten Kandidaten, die wirklich SEALs werden wollen, peilen sogar noch höhere Richtwerte an und erreichen zumindest einige davon.
Ich war zuversichtlich, dass ich die Mindestanforderungen erfüllen würde, und ich hatte in den Monaten vor der Grundausbildung sehr gewissenhaft trainiert. Ich machte mir über das 500-Meter-Schwimmen keine Sorgen, das – ob Sie es glauben oder nicht – für viele angehende SEALs ein echtes Problem darstellt. Viele Leute, die zu BUD/S kommen, sind regelrechte Wasserratten. Manche waren an der Highschool oder im College im Schwimmteam, manche spielten Wasserball. Andere waren ausgebildete Rettungsschwimmer. Ein Kamerad war am College sogar Turmspringer gewesen. Aber es gibt auch Ausnahmen, und selbst die, die Vorerfahrungen haben, stellen oft schockiert fest, dass es im »feuchten« Teil von BUD/S um viel mehr geht als nur darum, gut schwimmen zu können. Es geht auch ums Überleben und um Stärke, um die Überwindung der natürlichen Angst vor dem Ertrinken. Viele außergewöhnlich starke und ansonsten durchaus fähige Kandidaten fallen im BUD/S im Wassertraining durch, obwohl manche von ihnen sehr gute Schwimmer sind.
Ich liebte das Wasser – das war einer der Gründe, warum es mich überhaupt zum SEAL-Programm zog –, aber ich hatte keine Trainingserfahrung und war kein Leistungsschwimmer gewesen. Meine Highschool hatte kein Schwimmteam, und meine Familie gehörte nicht unbedingt zur feinen Gesellschaft eines Country Clubs mit Poolanlage, deshalb verbrachte ich als Heranwachsender nicht viel Zeit damit, Bahnen zu schwimmen. Aber ich mochte natürliche Gewässer: Flüsse, Seen, das Meer. Mir war alles recht. Ich hatte mir das Schwimmen selbst beigebracht und hatte keine Probleme damit, mich über Wasser zu halten. Falls ich jemals auf einem See oder auf dem Meer in einem Boot war, das kenterte, dann wusste ich, wie ich sicher wieder an Land kam. Was gab es da mehr zu wissen?
Sehr viel mehr, wie sich bald herausstellen sollte.
Zum einen war meine Schwimmtechnik ineffizient, und ich benutzte hauptsächlich das, was man wohlwollend als »modifiziertes Kraulen« bezeichnen würde. Das reichte auch völlig, wenn man an einem Sommernachmittag mit seinen Freunden abhing. Wenn man jedoch 500 Meter auf Zeit schwimmen musste, war es nicht die effektivste Strategie. Die Sache wurde noch durch eine kleine Regel erschwert, von der ich erst erfuhr, nachdem ich die Grundausbildung angefangen hatte und mich bereits auf den Eignungstest vorbereitete: Das Schwimmen fand zwar in der Sicherheit eines Schwimmbeckens statt, aber die Distanz musste unter Anwendung einer Kombination aus Brust- und Seitschwimmen zurückgelegt werden, die ich nie gelernt hatte.
Also eignete ich mir die Techniken an. Es dauerte nicht lange, bis ich sie halbwegs beherrschte. Ich hätte als Leistungsschwimmer zwar keine Preise gewonnen, aber ich entwickelte eine Routine und Effizienz, die mir half, mich auf den Eignungstest vorzubereiten. Die Wahrheit ist, dass ich mich so wie jeder andere während des Eignungstests sehr auf das Seitschwimmen verließ, weil das Brustschwimmen technisch schwierig und körperlich anstrengend ist.
Am Schluss war ich einer der wenigen Rekruten in meiner Grundausbildung, die sich für BUD/S qualifizierten. Ich brauchte dafür allerdings mehr als einen Anlauf. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Bewerber schaffen es nicht, die Mindestanforderungen einer oder mehrerer Disziplinen zu erfüllen, und müssen dann den gesamten Test wiederholen. Mithilfe der SEAL-Ausbilder und viel Zeit im Schwimmbecken bestand ich beim zweiten Mal.
Ich trainierte hauptsächlich mit Jacob, der schon älter war und aus Arizona kam. Jacob war Mitte dreißig, was ihn zu einem der ältesten Rekruten in der Grundausbildung machte. Er war ein bemerkenswerter Athlet, schlank und durchtrainiert, und bewegte sich leichtfüßig und elegant. Jacob schaffte die Grundausbildung spielend und qualifizierte sich problemlos für BUD/S. Ich fand es inspirierend, mich in der Nähe einer solchen Person aufzuhalten. Er war beinahe doppelt so alt wie ich und übertraf mich in den meisten körperlichen Disziplinen. Mittlerweile bin ich selbst Mitte dreißig, und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, in diesem Alter BUD/S noch einmal zu durchlaufen. Jacob war also einzigartig.
Leider hielt er nicht lange durch. Wie viele andere SEAL-Anwärter hielt Jacob der mentalen Belastung von BUD/S nicht stand. Er kämpfte mit einer der vielen Wasser-»Evolutions«, sprich Übungen, bei denen die Rekruten gefährlich nahe am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt zu ertrinken. Das ist ein entsetzliches Erlebnis, das regelmäßig dazu führt, dass Kandidaten, die zuvor besonders geeignet schienen, aus dem Programm ausscheiden. Das war bei Jacob der Fall, der trotz seines Alters sowohl auf dem Papier als auch in Fleisch und Blut wie der ideale SEAL-Kandidat aussah.
Man weiß es vorher einfach nie.
Nachdem ich die Grundausbildung und die A-School abgeschlossen hatte, blieb ich zunächst noch an den Great Lakes und verbrachte einige Zeit damit, auf einen freien BUD/S-Platz zu warten, bevor ich schließlich im März 2003 auf dem Navy-Stützpunkt in Coronado eintraf. Coronado ist eine ausgedehnte Stadt mit Resort-Charakter, die in der Bucht von San Diego liegt und unter anderem das Naval Special Warfare Training Center beherbergt, in dem der sechsmonatige BUD/S-Kurs stattfindet. Ich war beinahe einen Monat zu früh in Coronado, weil ich mich als freiwilliger Helfer für eine der früheren BUD/S-Klassen gemeldet hatte, was eine spannende und zugleich furchteinflößende Erfahrung war.
BUD/S beginnt normalerweise mit einem fünfwöchigen Konditionsund Trainingsprogramm, das als Indoctrination bezeichnet wird. Aber ich erhielt einen Einblick in eine spätere Phase der SEAL-Ausbildung, als ich auf eine Insel geschickt wurde, auf der sich eine Trainingseinrichtung befand. Hier waren die Mitglieder der SEAL-Klasse 243 in ihrer letzten Ausbildungsphase, dreieinhalb Wochen intensives Training im Umgang mit Sprengstoff und Munition sowie auch rigoroses Fitnesstraining. Das, was ich sah, erschien mir unglaublich hart zu sein, zugleich fand ich es aber auch faszinierend. Ich konnte mir nur vorstellen, was diese Typen in den vorangegangenen sechs Monaten alles über sich hatten ergehen lassen müssen. Ich meine, ich hatte eine Vorstellung davon, wie es gewesen sein muss, aber jetzt hier die letzten Überlebenden zu sehen, etwa fünfzig zu allem entschlossene Krieger der Special Operations, braungebrannt und durchtrainiert, so nah am Ziel … nun, das war inspirierend.
Und auch ein wenig furchteinflößend.
Eines Tages erhielt ich die Aufgabe, am Heck eines Lasters zu stehen und den Kandidaten Munition auszugeben, als diese ihre diversen Evolutions durchliefen. Einer der Männer – er war schon etwas älter, vermutlich Ende zwanzig – unterhielt sich kurz mit mir.
»Wie alt bist du?«, fragte er.
»Achtzehn«, sagte ich.
Der Kerl lächelte. »Du wirst es nicht packen«, sagte er trocken.
Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte, und deshalb hielt ich es für das Beste zu schweigen. Ich sah ihn nur an.
»Kann sein«, sagte ich und zuckte mit den Schultern. Und dann, für den Fall, dass ich ihn beim ersten Mal nicht gehört hatte, wiederholte er seine Aussage. »Du wirst es nicht packen. Aber mach dir keine Sorgen. Du kannst es später noch einmal probieren.«
Er ging, ich kehrte zu meiner Arbeit zurück und versuchte, mich von seiner Einschätzung, die er vermutlich ausschließlich aufgrund meines Alters und jugendlichen Aussehens getroffen hatte, nicht verunsichern zu lassen.
Es gibt jedes Jahr mehrere BUD/S-Klassen, die sich teilweise überschneiden. Als die BUD/S-Klasse 243 ihre dritte Ausbildungsphase abschloss, waren die Klassen 244 und 245 bereits auf dem Weg und befanden sich an verschiedenen Wegmarken ihrer Ausbildung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Rekrut in eine spätere Klasse wechselt und mit ihr abschließt – weil er sich verletzt hat, krank wurde oder es nicht geschafft hat, die Mindestanforderungen einer Übung zu erfüllen. Sagen wir zum Beispiel, dass ein Kandidat im Freiwasserschwimmen scheitert, eine Evolution in der dritten Phase. Vorausgesetzt, dass er nicht aufgibt – und Aufgeben ist in der dritten Phase relativ selten –, bekommt er eine zweite Chance, obwohl er oft nur einfach »zurückgestellt« wird, das heißt, er schließt sich der nächsten Klasse an und beendet mit ihr seine Ausbildung. Genauso gilt: Wenn jemand krankheits- oder verletzungsbedingt Zeit für seine Genesung benötigt, aber ansonsten gute Fortschritte macht und nicht aufgeben will, kann er sich zurückstellen lassen und mit einer anderen Klasse abschließen.
Ich trat die SEAL-Ausbildung mit der BUD/S-Klasse 246 an. Am Anfang bestand unsere Klasse aus 168 Mann. Davon erreichten nur 22 die Ziellinie. Und trotzdem schlossen mehrere Kandidaten aus früheren Klassen mit uns in Klasse 246 ab.
In diesem Sinn ist BUD/S nicht gänzlich gnadenlos. In so ziemlich jeder anderen Hinsicht ist es aber eine knüppelharte, ununterbrochene, sechsmonatige Tortur.
Sagte ich sechs Monate? Wenn man die Indoctrination dazurechnet, die nicht annähernd so harmlos oder kopflastig ist, wie der Name vielleicht andeutet, sind es etwas mehr als sieben Monate. BUD/S gehört zu den besten und zugleich schlimmsten Erfahrungen meines Lebens – ich nehme an, dass jeder SEAL das so sieht – und ich würde diese Erfahrung um nichts in der Welt eintauschen wollen. Es war grauenvoll und unermesslich anstrengend; es war streckenweise düster und bisweilen seltsam komisch. Der Zweck des Programms besteht nicht allein darin herauszufinden, wer ein SEAL werden will, sondern auch darin, wer wirklich das Zeug dazu hat. Als ich in Coronado eintraf, wusste ich sicher, dass ich zur ersten Kategorie gehörte; ich wusste nur noch nicht, ob ich auch zur zweiten zählen würde.
Man muss der Navy zugutehalten, dass sie sehr wohl versteht, dass weder die Grundausbildung noch die A-School viel dazu beitragen, einen Rekruten auf die körperlichen und psychischen Anforderungen von BUD/S vorzubereiten. Ich vermute, dass die Erfolgsquote bei etwa null Prozent läge, wenn die Kandidaten gleich mit der ersten Phase anfangen würden. Um Chancengleichheit zu schaffen, absolvieren die Kandidaten, die zum ersten Mal BUD/S durchlaufen, vor der Indoctrination eine Phase, die als Physical Training, Rest, and Recuperation (PTRR) bekannt ist. Hier liegt der Schwerpunkt auf Vorbereitung und Fitness, ebenso auf medizinischen Voruntersuchungen, die sicherzustellen, dass die Rekruten BUD/S körperlich gewachsen sind. Anwärter aus früheren Klassen, die krankheits- oder verletzungsbedingt zurückgestellt wurden, landen im PTRR, und dort trainieren, regenerieren und warten sie so lange, bis sie einer anderen Klasse zugewiesen werden, die den Ausbildungspunkt erreicht, an dem sie zurückgestellt wurden. Für diese Kandidaten kann PTRR eine lange und frustrierende Erfahrung sein.
Wenn genügend Rekruten vorhanden sind, geht die Klasse geschlossen in die Phase der Indoctrination. Obwohl das BUD/S-Programm theoretisch aus drei Phasen besteht, ist Indoc viel mehr als nur eine Aufwärmübung. Sie können jeden fragen, der sie durchgemacht hat: Indoc ist der Anfang von BUD/S. Sie besteht aus fünf Wochen intensivem Fitness-und Konditionstraining und einem psychischen Druck, der die Klasse nicht nur auf die Belastungen im BUD/S vorbereiten soll, sondern auch in die Gepflogenheiten und Traditionen einführt, die zur gesamten Erfahrung gehören. Indoc ist eine umfassende und unsanfte Einführung in die Welt von BUD/S. Man verbringt zwölf Stunden täglich mit den verschiedensten körperlichen Herausforderungen: man schwimmt, läuft, klettert Seile hinauf, überwindet den Hindernisparcours, schleppt Boote und erlebt eine Erschöpfung, die man sich nicht hätte vorstellen können. Man verbringt auch Zeit mit Theorieunterricht, in dem man mehr über das SEAL-Ethos erfährt, wobei der Schwerpunkt auf ethischem und ehrenhaftem Verhalten liegt.
Während der Indoctrination macht der SEAL-Kandidat Bekanntschaft mit der Häme und den Schikanen der Ausbilder, deren Job nicht nur darin besteht, die Rekruten zu trainieren, sondern sie mit körperlichen und verbalen Mitteln an ihre Grenzen zu bringen. Nach der Grundausbildung wusste ich, wie es ist, wenn man einen Recruit Division Commander hat (im Grunde ein Drill-Sergeant), der nicht müde wird, einem zu sagen, dass man ein wertloser Haufen Müll ist. Aber das war ein Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was die SEAL-Ausbilder im BUD/S auf Lager hatten. Diese Typen waren unermüdlich und originell; sie waren teilweise sogar recht witzig. Und während sie uns Rekruten nicht immer direkt anbrüllten – es war viel wahrscheinlicher, dass sie einfach nur den Kopf schüttelten und uns als unfähige Vollidioten bezeichneten –, erschienen sie manchmal wie wahrhaftig sadistische Mistkerle, die mit Freude zusahen, wie ihre Schützlinge körperlich wie seelisch litten.
