Warten - Timo Reuter - E-Book

Warten E-Book

Timo Reuter

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Beschreibung

Just in time, alles sofort und immer in Bewegung - es ist höchste Zeit für eine neue Kultur des Wartens, die sich dem Rausch der Beschleunigung widersetzt! Warten gilt als uncool. Wer warten muss, ist arm und arm dran. Privilegiert sind diejenigen, die sofort an der Reihe sind und alles sofort bekommen: Materielles sowieso, aber auch Immaterielles wie Bekümmerung, Pflege und Liebe. Die Digitalisierung unserer Kommunikation und unseres Lebens spiegelt uns in eine Welt des immer Machbaren und Unmittelbaren vor. Doch um welchen Preis? Wer nicht warten kann, dem geht die Geduld verloren - und die Vorfreude. Denn sie ist das Glück des Wartenden. Timo Reuter betrachtet das Warten als Sandkorn im Getriebe der pausenlosen Verwertungsmaschinerie. Und als Möglichkeit, uns neue Freiräume zu öffnen. Er untersucht den politischen Gehalt des Wartens, sein subversives Potenzial und die beglückende Kraft des Nichtstuns.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ebook Edition

Timo Reuter

Warten

Eine verlernte Kunst

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www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-756-6

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2019

Umschlaggestaltung: ZitterCraft, Mannheim

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Vorwort: Die Insel und die Ungeduld
I. Einleitung:Das große Warten
1. Was das Warten vom Warten unterscheidet
Ein Blick in den Duden
(1) Auf nichts warten?
(2) Die Zeit des Noch-Nicht
(3) Gefangen im Wartezimmer
2. Eine Nische voller Bedeutung
II. Warten im Wandel der Zeit
1. Warten auf Gott und den König
Unter Pharaonen und Königen
Die Theologie des Wartens
2. Zwischen Zwang und Normalität
3. 123 Jahre warten – die Sprachgeschichte im Grimm’schen Wörterbuch
Die fleißigen Brüder
Der Wärter wartet auf der Warte
Warten in der neuen Zeit
4. Die Geschichte der Uhr und der Zeit
Die Zeit der Sonne
Die Zeit der Menschen
Der Kampf um die neue Zeit
5. Moderne Wartesäle
Die Verkehrsrevolution
III. Im Rausch der Geschwindigkeit
1. Von der Kutsche ins Flugzeug
Raketen statt Pfeile
Alles veloziferisch
2. Fortschritt schafft Pflichten
Anpassungszwang und Verpassensangst
Postmodernes Zeitmanagement
3. Die kranke Zeit
Das subjektive Zeitparadoxon
Von der Neurasthenie zum Burn-out
4. Time is money
Die kapitalistische Logik
Die Konsumwelt
Zeit verschwenden verboten
5. Das gute Leben und der Tod
6. Postmoderne Dialektik
Die ambivalente Epoche
Die wartende Epoche
Die gelangweilte Epoche
Zurück auf Los
IV. Was uns verloren geht
1. Dopamin statt Vorfreude
Die heilsame Freude
Die Dopamin-Gesellschaft
Digitaler Sofortismus
2. Geduld: Eine Tugend auf Abwegen
Ungeduld nach Feierabend
Erst denken, dann handeln?
Den Marshmallows widerstehen
Die andere Geduld
3. Von antiken Göttern und modernen Dämonen
Kairos und Chronos
Die Muße und die Musen
4. Verlorene Blicke
5. Allein auf dem Doppelsitz
Gemeinsam und doch einsam
Die bedeutungsschwangere Pause
Geduld: eine soziale Tugend
V. Die Warteschlange – eine Frage der Gleichheit
1. Zwischen Feudalismus und Demokratie
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Die moderne Schlange
Wer hats erfunden?
2. Ein umkämpftes Ideal
Kulturen des Schlangestehens
Warten im Ostblock
Diesseits des Eisernen Vorhangs
3. Zwischen Kooperation und Konkurrenz
10 000 wartende Football-Fans
Dreistigkeit siegt
4. Das Windhundprinzip
VI. Im Netz der Macht
1. Warten und warten lassen
Die Ohnmacht der Wartenden
Die Arithmetik der Macht
Das Kellner-Prinzip
2. Der Teufel im System
Geld wartet nicht
Rassismus
Die Ungleichheit unter Gleichen
3. Wartende Frauen
Im Sozialismus
In der Liebe
Wartende Männer
4. Die Architektur der Macht
Kafkas Wartesäle
Der Staat und seine Patientinnen
5. Die Diktatur des Sitzfleischs
Sitzen bis zum Umfallen
Helmut Kohls Sitzfleisch
Kairos und die Macht
VII. Die Kraft des Wartens
1. Das Siddhartha-Prinzip
2. Eine kleine Kulturgeschichte des (Hunger-)Streiks
Die Ultima Ratio
Das Recht auf Streik
3. Gelebte Solidarität
Die Konkurrenz überwinden
Bildet Banden!
4. Vom Attentismus zum Aktivismus
Handlungsmacht zurückgewinnen
Der Mann vom Lande
Warum wir nicht mehr warten können
VIII. Mach mal langsam
1. Warten statt beschleunigen
2. Rutschende Abhänge
Entschleunigung: Eine teure Illusion
Beschleunigungssog und Zwangsentschleunigung
3. Zehn Lektionen gegen die Zeitnot
1. Der einzig wahre Rat
2. Weniger ist mehr
3. Langsamkeit lernen
4. Freiräume schaffen
5. Die Let-it-be-Liste
6. Achtsamkeit und Meditation
7. Ab ins Grüne
8. Auf die Wellenlänge kommt es an
9. Neugierde dehnt die Zeit
10. Auf (Zeit-)Reisen gehen
IX. Das kleine Glück des Wartens
1. Godot und das Geschenk leerer Versprechungen
Warten auf Godot – was denn sonst!
Die Kraft der Leere
2. Die Magie des Verweilens
Die Zeit verträumen
Das Schöne und das Nichtidentische
Schlendern und flanieren
Die Ewigkeit des Verweilens
3. Zielloses Zielen
Die Geburt der Ideen
Gelangweilte Erfinder
Wartezeit als Mußezeit
4. Das süße Nichtstun
5. Die Kraft der Hoffnung
Hoffnung und Leidenschaft
Die kleinen (Vor-)Freuden
6. Traumhafte Utopien
7. Das Glück der Begegnung
Reisen heißt warten
Das Glück der Begegnung
Zeit verbindet
Nachwort: Die andere Seite der Insel
Dank
Anmerkungen

Vorwort: Die Insel und die Ungeduld

Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradies vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.1

Franz Kafka

Die Mittagssonne brennt vom blauen Himmel, gigantische Seemandelbäume spenden großzügig Schatten. Am Wegesrand werden frisch gepresste Säfte angeboten. Laute Reggae-Musik vibriert durch unsere Körper.

Alles scheint perfekt. Und doch scharren unsere Füße im feinen, weißen Sand. Was hier auf einer kleinen Insel im Nordosten Brasiliens zum Alltag gehört, daran müssen sich Besucherinnen erst gewöhnen: die Langsamkeit. Und das Warten. Kommt der Bus nicht jetzt, kommt er später.

Schon die Anreise hierher ist beschwerlich – nicht bloß wegen der ständigen Warterei. Obwohl nur etwa 100 Kilometer Luftlinie von einer Millionenstadt entfernt, dauert der Weg von dort beinahe einen ganzen Tag: Mit dem Bus, zu Fuß, mit einem Boot und wieder zu Fuß erreicht man einen Hügel, auf dem einige Traktoren samt Anhängern stehen. Weil es hier keine Straßen gibt, sondern nur Sandpisten, sind sie die einzigen Fahrzeuge. Doch der Fahrer will eben erst losfahren, wenn sich weitere Fahrgäste finden und der Wagen voll ist. Ist ja irgendwie auch logisch. Bloß: Wie lange das wohl dauern mag?

Zwischen dem einen und dem anderen Ende der Insel liegt also nicht nur die halbstündige Überfahrt, sondern auch eine unbestimmte Zeit des Wartens. Für Besucher*innen2 wirkt das höchst anachronistisch, es ist im wahrsten Sinne des Wortes aus der Zeit gefallen. Nach zwei frischen Säften im Schatten heißt es dann plötzlich »einsteigen«. Doch als das Gepäck verstaut ist, passiert erneut: nichts. Der Fahrer ist verschwunden. Eine Weile später holpert der Traktor dann endlich über hügelige Sandpisten bis zum Fischerdorf am anderen Ende der Insel. Hektik scheint auch hier ein Fremdwort. Der Traktor kommt, wenn er kommt. Und die Fahrt dauert so lange, bis man am Ziel ist.

Doch wenn es mal nur so einfach wäre, das zu akzeptieren. Auch ganz ohne Termindruck übertönt das Ticken der Uhr oft das Rauschen des Meeres, ungeduldig scharrende Füße halten die Anspannung aufrecht. Der Ärger über das bloße Herumstehen verhindert, dass wir mit anderen ins Gespräch kommen. Irgendwie scheint das Gras auf der anderen Seite des Hügels meist grüner zu sein.

Wer warten muss, ist wie auf Entzug. Es ist eine kleine Bewährungsprobe, eine Lücke in der Zeit, in der wir gefangen sind – schließlich können wir die Pause nur selten aus eigener Kraft verkürzen. Besonders im Alltag gilt Wartezeit für viele Menschen als verlorene Zeit. Als tote Zeit. Wir wollen das vielleicht Wertvollste, was wir haben, beim Warten am liebsten totschlagen: die Zeit.

Wie konnte es dazu kommen? Und was lässt sich dagegen tun?

I. Einleitung:Das große Warten

Rêver, c’est le bonheur; attendre, c’est la vie.1

Victor Hugo

Ständig warten wir – auf den nächsten Bus oder die große Liebe, auf den Feierabend oder den Urlaub, auf unsere Verabredung oder auf ein besseres Leben. Menschen warten voller Verzweiflung auf eine Aufenthaltsgenehmigung oder ein Spenderorgan, andere setzen ihre Hoffnung auf die Erlösung im Jenseits. Und warten wir nicht alle irgendwie auch auf das Ende? In jedem Fall ist das Warten unglaublich vielfältig, es kann harmlos oder existenziell sein, politisch und persönlich, es kann überaus deprimierend sein – und manchmal sogar Freude machen.

In den USA2 verbringen Menschen angeblich fünf Jahre ihres Lebens in Warteschlangen und sechs Monate vor roten Ampeln. Die Deutschen wiederum sind als Autoweltmeister auch so etwas wie die Stauweltmeister: Im Schnitt ganze 70 Stunden sitzt man hierzulande jedes Jahr im Auto, ohne dass es vorangeht. Immerhin: Während man in der Bundesrepublik beim Einkaufen durchschnittlich sieben Minuten an der Kasse steht, dauert es in Griechenland doppelt so lang. Allerdings wartet man in Portugal und Irland nur je knapp drei Minuten. Ob das schon ein Grund zur Klage sein kann? In der DDR haben Menschen etwa zwölf Jahre auf einen Trabi gewartet und sich auch dann in Warteschlangen gestellt, wenn sie gar nicht wussten, was es zu kaufen gab.

Eines jedenfalls teilen wir alle: Niemand kann dem Warten entgehen. Der Mensch ist ein wartendes Tier3 – in einer wartenden Gesellschaft. Landwirte warten auf die Ernte, Kundinnen auf frische Tomaten oder fabrikneue Smartphones. Und auf Dienstleistungen wird ohnehin ständig gewartet. Gläubige erwarten kollektiv ihren Messias, Geflüchtete stehen zu Hunderten an Grenzzäunen, während Kranke gemeinsam und doch einsam im Wartezimmer sitzen. Egal ob wir auf etwas Schönes oder das Ende einer Katastrophe warten, dieser Zustand strebt nach seiner eigenen Abschaffung: Denn sobald wir haben, was wir wollen, warten wir ja nicht mehr darauf.

Auf was warten wir also noch? Auf einen Zug etwa, der nie für uns hält? Die Möglichkeit des Scheiterns schwingt stets mit, die Unsicherheit, ob wir zu lange auf den richtigen Augenblick gewartet haben. Ob die große Liebe oder das kleine Glück so wie Godot einfach fernbleiben? Haben wir wirklich sinnlos gewartet?

1. Was das Warten vom Warten unterscheidet

Je mehr man nachdenkt, um so mehr wird man erkennen, daß das ganze Leben nur ein Warten ist. Ein Warten auf die kleinen Dinge des Alltags, ein Warten auf die großen Verheißungen des Lebens. Ein Warten auf Glück, und ein Warten auf Leid.4

Margarethe von Sydow

Die einen warten also auf den Zug und die anderen auf Zuneigungen. Aber verstehen sie überhaupt dasselbe darunter? Um der Ungeduld und dem Warten auf die Spur zu kommen, muss man wissen, wovon man spricht. Was genau ist also damit gemeint, wenn vom Warten die Rede ist? Wenn wir vergessen, worauf wir warten – warten wir dann überhaupt noch? Oder wenn wir uns dabei ablenken? Und was ist überhaupt das Gegenteil vom Warten, also außer dem Nichtwarten? Weil sich solche Fragen kaum widerspruchsfrei klären lassen, soll hier zunächst eine Antwort aus Thomas Manns Zauberberg genügen: »Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor.«5

Ein Blick in den Duden

Im Duden ist das Warten definiert als »dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint«6. Diese Zeitebene wird ergänzt um eine Ortskomponente: »sich, auf jemanden, etwas wartend, an einem Ort aufhalten und diesen nicht verlassen«. In dieser Definition stecken drei Wesensmerkmale, die dabei helfen, das Warten, wie wir es heute meist verstehen, zu charakterisieren: (1) die Orientierung auf ein Ereignis hin, (2) die Zeit, die bis dahin vergeht, sowie (3) die Abhängigkeit, die uns beim Warten vor allem in Form von Passivität und Ungewissheit plagt.

(1) Auf nichts warten?

Beim Warten kann man die Füße hochlegen und nichts tun. Aber kann man auch auf nichts warten?

Unter dem Pseudonym Peter Panter veröffentlichte der große Querdenker Kurt Tucholsky Ende der 1920er-Jahre die Glosse »Warten vor dem Nichts«7. Dort beschreibt er, wie Autofahrer an einer Straßenkreuzung warten, weil von der anderen Seite Autos kommen könnten. »Es kommen aber keine. So warten sie auf ein Nichts.« Überall meint Tucholsky zu entdecken, dass »die Leute auf das Nichts warten, weil sie vor dem Etwas Angst haben. Es gibt Tausende und Tausende von Verbesserungen, die man morgen früh um acht Uhr einführen könnte, wenn nicht diese Angst vor dem Nichts wäre«.

Haben wir nun Angst vor dem Etwas oder vor dem Nichts? Und was soll das überhaupt sein, dieses Nichts? Schon der vorsokratische Philosoph Parmenides von Elea riet von solchen Fragen ab – vielleicht ahnte er, dass sie manche Menschen verrückt machen. Einige Tausend Jahre später gaben sich die Philosophen indes lockerer: Für Martin Heidegger offenbarte sich das Sein erst im Nichts, für Jean-Paul Sartre konstituierte es gar die menschliche Existenz. Und schließlich erschuf Samuel Beckett mit Warten auf Godot ein Theater gegen alle Regeln, bei dem auf der Bühne nichts passiert – außer das Warten auf jemanden, der vermutlich nicht einmal existiert8. Aber wie ist das außerhalb der Theatermauern?

Wer wartet, erwartet etwas – und sei es Godot. Oder ist es doch umgekehrt: Wer etwas erwartet, muss warten? Weil kaum jemand glaubt, unsterblich zu sein, erwartet fast jeder Mensch den Tod – die meisten werden dennoch nicht darauf warten. Manchmal warten wir auch auf etwas, ohne eine genaue Erwartung davon zu haben. In der Regel aber gehören Warten und Erwarten zusammen. »Nur diejenigen, die warten können, können auch etwas erwarten«9, notiert der Zeitforscher Karlheinz Geißler. Der Soziologe Andreas Göttlich wiederum glaubt: »Man kann nicht warten, ohne dabei etwas zu erwarten.«10 Einen weiteren Hinweis gibt die Grammatik: Weil »erwarten« ein transitives Verb ist, erwarten wir etwas. Dagegen können wir »seit Stunden warten« – worauf, bleibt dann zunächst unklar. Erst die Erwartung füllt unser Warten also mit Inhalt und gibt ihm ein Ziel11. Und schließlich hat es auch etwas mit unserer Erwartung zu tun, wie wir auf das Warten reagieren: Haben wir schon damit gerechnet oder trifft es uns unerwartet?

Auf was wir warten, hat also einen Wert – deshalb sitzen wir im stickigen Vorzimmer oder stehen im Regen an Gleis 7. Zugleich wirft das, worauf wir warten, oft einen langen Schatten in den Augenblick hinein: Werdende Mütter sind trotz aller Strapazen in »freudiger Erwartung«, wer hingegen eine schlimme Diagnose erwartet, erstarrt womöglich in banger Sorge. Warten ist also nicht gleich warten: Tun wir es aus freien Stücken oder sind wir dazu gezwungen? Warten wir auf etwas Positives oder Negatives? Und hat all das eine existenzielle, ja womöglich lebensbedrohliche Bedeutung oder ist es doch alltäglich und damit letztlich harmlos? Warten wir also auf das Feuerwerk an Silvester oder auf die Feuerwehr, weil es brennt? Warten wir bei der Ärztin auf eine gewöhnliche Untersuchung oder auf eine neue Niere?

In diesem Buch soll es vor allem um den Routinecheck gehen, um die alltäglichen Zwangspausen – wenngleich auch andere Formen des Wartens immer wieder eine Rolle spielen werden.

(2) Die Zeit des Noch-Nicht

Wenn die Bahn kommt oder wir ins Behandlungszimmer gebeten werden, hat das Warten endlich ein Ende. Doch bis dahin vergeht die Zeit – es ist oft eine Zwischenzeit, nicht mehr ganz hier und noch nicht dort. Irgendwie soll diese Zeit überbrückt werden. Zu warten ist ein Modus des Noch-Nicht, ein Aufschub unserer Bedürfnisse. Damit sind auch die Stimmungen verbunden, die uns oft als Erstes beim Warten ereilen. Da ist zum einen die Langeweile, sie ist Stillstand, sinnlose Zeit. Und da ist zum anderen die Ungeduld, die uns vom Hier und Jetzt wegtreibt, um endlich woanders zu sein.

Ständig blicken wir also auf die Uhr, doch sie scheint stillzustehen. »Mechanische Zeit verwandelt sich in Erlebniszeit«12 – so beschreibt der Soziologe Rainer Paris die Situation des Wartens. Wenn der Fluss der Ereignisse stockt, spüren wir plötzlich, wie die Zeit vergeht. Und umso mehr uns das quält, darauf verweist ja bereits der Duden, desto langsamer bewegen sich die Zeiger. Beim Warten erleben wir das, was die Journalistin Andrea Köhler die »Folter der Ungewißheit«13 nennt, in der die Wartenden mit jeder Sekunde ihre »Verfallenheit an die Zeit« erleben.

Freilich gibt es Ausnahmen: Wenn uns das, worauf wir warten, völlig in Beschlag nimmt oder uns kaum tangiert, dann wird die Zeit zweitrangig. Beides, »sehnsüchtiges Erwarten und gelassenes Abwarten«, sind Grenzfälle, »in denen der Vorrang der Zeit suspendiert«14 wird, wie Rainer Paris notiert. Der Normalfall des Wartens aber sei »die Erfahrung von Dauer«. Und diese Dauer kann ewig währen, etwa für Gefangene, die lebenslänglich einsitzen, aber auch für Gläubige, die ihren Erlöser erwarten. Chronisches Warten infiziert die Wartenden – und manchmal schweißt es sie auch zusammen. Dieses Buch widmet sich eher am Rande dem langen, dauerhaften Warten – im Zentrum stehen die kleinen, kurzzeitigen Aufschübe.

(3) Gefangen im Wartezimmer

Wer nicht gerade freiwillig seine Zeit dahinschenkt oder wie der Nachtwächter dafür bezahlt wird, der bleibt beim Warten oft ohnmächtig: Wir müssen fremden Zeitplänen gehorchen. Wir sitzen an der Bushaltestelle und haben unser Schicksal aus der Hand gegeben – aber auch mit dem Auto stehen wir ständig im Stau. Und selbst wenn wir die Verspätungsmeldungen noch so oft aktualisieren, wann es weitergeht, liegt nicht in unserer Hand. Noch schlimmer wird die Abhängigkeit, wenn andere uns hinhalten. Zu warten ist also etwas anderes als zu zögern. Während jenem nämlich meist ein äußeres Hindernis zugrunde liegt, ist dieses beim Zögern innerer Natur. Wir zögern, einen bösen Brief wirklich abzuschicken – und wir warten auf die Antwort. Vielleicht hoffen wir auch, dass sie uns niemals erreichen möge.

Was wir beim Warten zu spüren bekommen, ist die Fremdbestimmtheit unseres Lebens. Natürlich wiegt der Zwang unterschiedlich schwer: Während Menschen verhungern, weil sie auf das Ende der Dürre warten, aber der Regen nicht vom Himmel fallen will, ist es gerade beim alltäglichen Warten eher möglich, einfach nach Hause zu gehen. Doch dafür müssen wir eben mit den Konsequenzen leben: Wer den Bahnhof oder das Wartezimmer verlässt, muss auf die nächste Bahn warten, die wichtige Verabredung absagen, um einen neuen Termin bitten. Irgendwie sind wir dann doch zum Warten verdammt – und dabei häufig an einem Ort »festgenagelt«.

Zu solch erzwungener Passivität gesellt sich oft die Ungewissheit. Gerade in einer Zeit, in der wir glauben, unser Leben unter Kontrolle zu haben, ist sie mitunter schwer zu ertragen. Meist wissen wir ja zumindest, worauf wir warten – aber eben nicht, wie lange. Manchmal ist aber auch das Gegenteil der Fall: Etwa wenn wir gespannt auf die wichtigen Wahlergebnisse warten, dann wissen wir, wann sie über den Bildschirm flackern, kennen jedoch ihren Ausgang nicht. Schließlich kann die zermürbende Ungewissheit allumfassend sein: Ob und wann eine Ehe zerbricht oder die Liebe einen Neuanfang macht – selbst wenn wir es zu ahnen glauben, schlauer sind wir erst im Nachhinein. Aber da kann es ja schon zu spät sein. Zu warten ist besonders dann anstrengend, wenn wir nicht wissen, ob die Warterei überhaupt ein gutes Ende nimmt.

2. Eine Nische voller Bedeutung

Warten ist ein unspektakulärer Zustand, aber die Art, wie man ihn erlebt, ist ein interessanter Indikator für gesellschaftliche und individuelle Verfassungen.15

Friederike Gräff

Obwohl viele Menschen auf Lebensnotwendiges warten und andere ein Leben lang, ist die Warterei zuerst und zumeist ein alltägliches Phänomen. Wir alle warten – obgleich dieser Zustand im Leben omnipräsent ist, wird er gerne verdrängt und vergessen, verleugnet und verflucht. Das Warten ist ein Nischenphänomen, das weder im Alltag noch in den Elfenbeintürmen der Philosophen oder in den Laboren der Wissenschaftlerinnen bisher allzu viel Aufmerksamkeit bekommen hat16. Das mag durchaus verwundern – denn ob freiwillig oder aufgezwungen, das Warten gehört zum Leben dazu. Es ist der Übergang vom Werden zum Vergehen, die Zeit zwischen unseren Erwartungen und ihrer Erfüllung. Oder eben bis zu dem Moment, an dem wir merken, dass aus Hoffnung Verzweiflung geworden ist. Aber auch im Alltag reicht das Warten weit über das Alltägliche hinaus. Es ist ein Zustand, der in vielfacher Weise in persönliche und gesellschaftliche, in historische, ökonomische und kulturelle Sinnhorizonte eingebettet ist.

Das Warten ist die Lücke zwischen hier und dort, zwischen jetzt und später. Und was in dieser Lücke passiert, ist ein Taschenspiegel der Verhältnisse, in denen wir leben: Warten wir auf eine Gehaltserhöhung oder auf ein Ende von Hass und Gewalt? Im Warten offenbaren sich unsere Bedürfnisse und Hoffnungen, aber auch die Zwänge, in denen wir leben. Längst warten Menschen zumindest in den Überflussgesellschaften nicht mehr auf die überlebenswichtige Ernte, die Sehnsucht gilt heute eher der nächsten Onlinebestellung oder dem Sommerurlaub, einem lang erhofften geselligen Beisammensein oder einer Pause vom hektischen Alltag – bloß eine Wartepause sollte es nicht sein. Doch wann können wir unsere Bedürfnisse aufschieben? Und wann müssen wir es?

Seit jeher sind auch Macht und Politik ein wichtiger Teil des Wartespiels. Menschen lassen andere warten, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren. In die endlosen Warteschlangen beim Arbeitsamt, auf der Ausländerbehörde oder vor den Tafeln hingegen müssen sich vor allem jene einreihen, die kaum über Privilegien verfügen. Die Verteilung der Wartezeiten ist also selbst ein Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse – und ein moralischer Gradmesser. Denn die Warteschlange steht für einen durchaus hohen Wert: Obwohl alle zuerst bedient werden wollen, soll die Zeit eines jeden dort dasselbe wert sein. Was beim Warten passiert, verrät also auch so einiges darüber, wie wir es mit der Gerechtigkeit halten.

All diesen Zwängen und Versprechen will das vorliegende Buch ebenso nachspüren wie der Frage, welche Chancen und welches Potenzial der Ermächtigung im Warten liegen. Können uns die Muße, das Innehalten und die Geduld vielleicht glücklich machen? Nur wer wartet, kann jedenfalls Vorfreude erfahren – und so das Leben bereichern. Ist die Wartezeit zudem nicht geradezu prädestiniert, um eine kurze Pause im hektischen Alltag einzulegen und uns in den Augenblick zu vertiefen? Das Warten ist ein Sandkorn im Getriebe der permanenten Verwertungsmaschinerie – kann dieser anachronistische Zustand vielleicht sogar dazu beitragen, dem Hamsterrad der Beschleunigung zu entkommen?

Wir leben in einer Zeit, in der uns die Zeit abhandenkommt – das wird besonders dann deutlich, wenn der erwartet schnelle Ablauf durch unerwartete Pausen unterbrochen wird. Aber war das schon immer so? Und ist das Warten anderswo nicht eher ritueller Teil des Alltags oder gar eine Art Kulturtechnik? In Brasilien heißt warten »esperar« – dasselbe Wort wird auch für das Hoffen verwendet.

Nicht immer reicht also der Blick in den Duden, um dem Warten auf den Grund zu gehen.

II. Warten im Wandel der Zeit

Die warten kann, kommt auch noch an.1

Altes Sprichwort

Schon immer haben Menschen gewartet: auf die Geburt und den Tod, auf besseres Wetter oder ihre Liebsten, auf das nächste Essen und die kommende Ernte. Das Warten ist eine anthropologische Tatsache – aber ist es auch eine Konstante? Oder hat sich die Art und Weise, wie und auf was wir warten, nicht doch radikal gewandelt? Wie war das früher, als es noch keinen Bus gab und kein Wartezimmer?

Bei der Suche nach Antworten stoßen auch Historikerinnen und Historiker schnell an ihre Grenzen. Wie normale Menschen ihren Alltag verbrachten, wie sie gelebt und geliebt haben und vor allem, wie sie gewartet haben – all das spielt in der Geschichtsschreibung kaum eine Rolle. Bis heute wird das in Lehrbüchern und Chroniken ebenso deutlich wie in vielen historischen Museen: Gesammelt und überliefert werden meist nur die »große Geschichten« von Heldentaten und epischen Schlachten, von todbringenden Katastrophen, Kaiserkrönungen und päpstlichen Bullen. Diese Inhalte sind untrennbar mit ihren Verfassern verbunden. Während die einfachen Leute nicht lesen und schreiben konnten, ließen die Herrschenden die Geschichte nach ihrem Belieben schreiben – auch, um sich selbst in ein positives Licht zu rücken. Lange Zeit bestimmten also die Eliten, was in die Geschichte eingeht. Das Leben und der Alltag der einfachen Leute gehörten nicht dazu.

Das änderte sich erst vor wenigen Jahrzehnten – die »Alltagsgeschichte« versucht nun zu rekonstruieren, was lange verborgen blieb: die »Geschichte von unten«. Doch umso weiter man in der Historie zurückgeht und je tiefer man in den Alltag der Menschen eindringen möchte, desto weniger Zeugnisse gibt es. Nur selten wird das Warten in historischen Dokumenten thematisiert – und dann eher beiläufig, ohne auf die Befindlichkeiten der Wartenden einzugehen. Der Althistoriker Peter Eich antwortet beispielhaft auf eine Anfrage, er glaube nicht, dass eine systematische Behandlung des Wartens in der Antike möglich sei. »Das liegt ganz generell an der Art der Überlieferung, aber auch an der in der Regel gewählten Oberschichtenperspektive.« Andere Historiker äußern sich ähnlich in Bezug auf das Mittelalter2. Und so notierte der Literaturwissenschaftler Harold Schweizer in seinem 2008 erschienenen Buch über das Warten: »Obwohl das Warten für die Erzählungen von Homer bis Hollywood zentral ist, ist es doch eine kaum kartierte und schlecht dokumentierte Zeitregion.«3

Gerade über die vormoderne Geschichte des alltäglichen Wartens lassen sich also häufig nur Mutmaßungen anstellen. Solche Interpretationen dienen allerdings allzu oft unserer Selbstvergewisserung: Sie sollen uns etwa verdeutlichen, in welch aufgeklärtem, fortschrittlichem Zeitalter wir leben und wie »finster« und »entbehrungsreich« die Vergangenheit demgegenüber war.

Trotz aller Schwierigkeiten soll an dieser Stelle versucht werden, der Geschichte des Wartens auf den Grund zu gehen – denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen. Dafür sollen in diesem Buch historische Entwicklungen ebenso wie typische Wartesituationen betrachtet werden, es wird ein Blick in das bedeutendste Wörterbuch zur deutschen Sprache geworfen und schließlich der Geschichte des menschlichen Zeitbewusstseins nachgespürt.

1. Warten auf Gott und den König

Wir müssen warten, so lange Gott wil.4

Sprichwort aus dem Mittelalter

Geschichte wurde also von oben gemacht. Und so wundert es kaum, dass die meisten historischen Wartegeschichten am Palast des Pharao, im mittelalterlichen Kloster und an den Höfen der Könige spielen. Oder aber in der Literatur. Der wohl erste abendländische Narrativ zum Warten stammt aus der Feder des Dichters Homer: Es ist die Erzählung von Penelope, die auf Odysseus wartet. Während der Held epische Abenteuer meistert, wartet seine treue Frau auf die Rückkehr ihres Mannes. Allein diese Tatsache spiegelt Rollenbilder und Machtverhältnisse wider – wenngleich Penelope im Grunde die heimliche Heldin dieses Stückes ist. Sie wartet nicht bloß, sondern vertröstet dabei all die aufdringlichen Freier, indem sie vorgibt, erst ein Totentuch weben zu müssen, bevor sie sich erneut vermählen könne. Doch bei Nacht trennt sie das am Tage Gewebte wieder auf. Als sie von einer Dienerin verraten wird, stellt sie den Freiern eine unmögliche Aufgabe, die erst der nach 20 Jahren zurückgekehrte Odysseus bewältigen kann.

Unter Pharaonen und Königen

Das wahre Leben hingegen war meist weniger romantisch. Wer etwas zu sagen hatte, ließ seine Nachricht überbringen. Unter Herrschern schickte man dafür gerne den eigenen Sohn los – doch selbst der königliche Spross teilte mitunter das Schicksal normaler Boten: Er musste warten. Schon im alten Ägypten5 hielt man Gesandte hin, um sie gefügig zu machen oder einfach, um die eigene Macht zu demonstrieren. Zudem hing die Behandlung der Laufburschen von den Beziehungen der Königshäuser ab – und natürlich davon, ob eine gute oder schlechte Nachricht überbracht wurde. Manche Boten wurden jahrelang an fremden Herrscherhöfen festgehalten, in einem Fall sollen es gar 20 Jahre gewesen sein. Laut dem Reisebericht des »Wenamun« verstarben ägyptische Kuriere in Byblos, nachdem sie dort 17 Jahre festgehalten wurden. Das »Antichambrieren«, die Unterwerfung in den Vorzimmern der Macht, erinnert dabei durchaus an aufwendige Choreografien, die von den Vorlieben der Herrscher und von zeitgenössischen Etiketten abhingen. In solchen Vorzimmern sitzen heutzutage übrigens die Lobbyisten – mit ungleich mehr Macht als ihre Vorgänger.

Manchmal waren sogar Könige Opfer der Machtrituale, wie die berühmteste Wartegeschichte des deutschen Mittelalters zeigt: Laut Überlieferungen ließ Papst Gregor VII. den exkommunizierten König Heinrich IV. vor der Burg in Canossa an drei kalten Januartagen des Jahres 1077 im Schnee ausharren, bis er ihn endlich empfing, um Heinrichs Bitte nachzukommen und ihn vom Kirchenbann zu lösen. Manche Legende lässt den König sogar barfuß warten, andere Quellen gehen davon aus, dass die Schmach nicht ganz so lebensgefährlich war und er nur barfuß vor den Papst treten musste6. Ob er die Demütigung verdient hatte? Zumindest ließ der König und spätere Kaiser im Juni 1073 sächsische Fürsten wie Knechte vor der Kaiserpfalz Goslar auf eine Audienz warten, während er sich mit Würfelspielen vergnügt haben soll. Damit verletzte er ihre ständische Ehre – und es kam zum Sachsenkrieg. Heinrich musste fliehen und konnte das Blatt erst zwei Jahre später wenden. Allerdings war die Warterei wohl nur der letzte Auslöser für den Krieg, Heinrich demütigte die Sachsen schon Jahre zuvor.

Um Anfang des 18. Jahrhunderts bei Kaiser Leopold I. in Wien eine Audienz zu erhalten7, musste man sich formell anmelden und dann warten – oft auch vergebens. Das stieß manchem sauer auf: Ein Offizier, der gerade aus Italien heimkehrte und aus dem Vorzimmer nicht zum König vorgelassen wurde, rief lautstark, der Kaiser solle doch diejenigen, die sich für ihn totschlagen lassen, hereinbitten – »und nicht die Pfaffen«, die ohnehin nur Märchen erzählten. Die Warterei konnte also schon früher zu Verstimmungen führen. Auf der anderen Seite war sie aber auch ein Türöffner. Wer die heiligen Gemäuer eines Klosters betreten und Teil der Glaubensgemeinschaft werden wollte, musste erst mal tagelang warten8. Meint es der Aspirant wirklich ernst, ist der Novize des Lebens im Kloster würdig? Geduld und Beharrlichkeit sollten bereits geprüft werden, bevor die Klostertore sich erstmals öffneten. Doch das ständige Warten war damit keinesfalls vorbei. Wem Einlass gewährt wurde, den erwartete ein asketisches Leben in Gehorsam, in dem man stets auf Weisung von oben wartete. Im Klosterleben sollten Gottesdienste, Mahlzeiten und Versammlungen außerdem von allen gleichförmig gestaltet werden – trotz aller Disziplin war das kaum ohne das Warten des Einen auf den Anderen möglich.

Die Theologie des Wartens

Doch nicht nur im Kloster ist das religiöse Leben ein Leben im Wartezustand. Bereits im frühen Judentum haben Gläubige den Messias erwartet, doch während die Juden noch immer warten, ist den Christinnen ihr Heiland bereits erschienen9. Das Warten war damit freilich nicht beendet. Zwar heißt es in der Bibel: »Das Reich Gottes ist mitten unter euch.«10 Zugleich aber sollte erst das Jüngste Gericht die Menschen wirklich vom irdischen Leid befreien. Es ist das Ende der Welt und der Beginn einer neuen, besseren Realität, der Tag der Erlösung, an dem Jesus wiederkehrt und Gott über das Schicksal der Lebenden und Toten richtet. Noch zu eigenen Lebzeiten sollen seine Jünger die baldige Wiederkunft Jesu erhofft haben. Doch weil diese sogenannte Parusie auf sich warten ließ, wurde der Aufschub zum religiösen Dauerzustand – und das Christentum zu einer Bewegung im Wartestand, für deren Anhänger eine lange Wanderschaft durch die Zeit begann. Mit den Jahren des vergeblichen Wartens verblasste zwar die Erwartung einer baldigen Rückkehr des Messias, nicht aber die Hoffnung. Aus der »Naherwartung« wurde eine »Fernerwartung«: Irgendwann wird der Tag schon kommen. Wartezeit, das ist in der Religion also auch eine »heilige Zeit«11 voller Hoffnung und Erwartung. Die Gläubigen hoffen auf die Zukunft und warten zugleich im Hier und Jetzt auf ein Zeichen Gottes: »Darum wachet, denn ihr wisset nicht, welche Stunde euer Herr kommen wird.«12 Das Warten auf Weihnachten im Advent spiegelt bis heute diese erwartungsvolle Haltung wider. Besonders deutlich wird sie auch in der Bibel. So heißt es etwa im Buch der Psalmen: »Herr, ich warte auf dein Heil und tue nach deinen Geboten.«13

2. Zwischen Zwang und Normalität

Geduld ist die Thür zur Freude.14

Altes Sprichwort aus dem Deutschen Sprichwörter-Lexikon

Warten bedeutete also oftmals Unterordnung und war gerade im Glauben doch mit großer Hoffnung verbunden. Aber was bedeutete das für den Alltag der Menschen? Trotz der dünnen Quellenlage gibt es Anhaltspunkte, anhand derer man sich sozusagen über die Hintertür dem Leben der Menschen nähern kann – und damit auch der Art und Weise, wie sie gewartet haben.

Ob im Altertum oder im Mittelalter – das was heute das Warten ausmacht, scheint früher noch stärker auf die Menschen gewirkt zu haben. Da sind zuerst die gesellschaftlichen und natürlichen Zwänge, denen man ausgeliefert war. Man wartete auf besseres Wetter, auf das große Schlachtfest oder das nächste üppige Mahl. Im Mittelalter, als die Lebenserwartung bei etwa 30 Jahren15 lag, war rund 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig – und das bedeutete, dass man sowohl vom Wohlwollen der Lehnsherren abhängig war als auch von der Natur und ihren Zyklen. Während einer Dürreperiode warteten die Menschen auf Regen, blieb er aus, verhungerten sie. Bereits im antiken Rom kam es immer wieder zu Versorgungsengpässen: Die Bevölkerung musste auf die Getreideflotte aus Ägypten und manchmal wochenlang auf die Ausgabe der Lebensmittel warten16. Der Staat verteilte kostenfrei oder verbilligt Getreide, dafür gab es bis zu 200 000 Empfangsberechtigte sowie eine Warteliste. Doch wer eine Lebensmittelmarke bekam, wurde nicht nach Bedürftigkeit entschieden sondern per Losverfahren.

Der Aufschub von Bedürfnissen gehörte für die meisten Menschen also zur täglichen Routine. Ständig waren sie dabei zur Passivität gezwungen. Bei Dunkelheit konnte man nicht arbeiten, im Winter kaum etwas ernten. Also harrte man aus, bis es hell wurde oder bis der Frühling kam. Und natürlich war Mobilität ein Fremdwort in einer Zeit, in der normale Menschen jegliche Distanzen zu Fuß zurücklegten. Wer überhaupt auf Pilgerschaft oder Reise gehen konnte, musste lange Wege in Kauf nehmen – und ständig warten. Die Rede ist hier von Tagen oder gar Wochen. Wer im späten Mittelalter aus Westeuropa ins »Heilige Land« pilgerte, fuhr zuerst nach Venedig. Von dort legte ein Schiff nach Fronleichnam ab – und manchmal noch eines im Herbst. Jedes Jahr kamen Hunderte Pilger, sie mussten teils wochenlang warten, bis die Schiffe ihre Anker lichteten. Reiseberichte17 legen nahe, dass sie die Zeit nutzten, um Besorgungen zu machen und die Überfahrt zu organisieren. Um die Wartezeit zu verkürzen, empfahl der Mainzer Domdekan Bernhard Breydenbach den Wartenden zudem den Besuch der venezianischen Heiligtümer. In einem anderen Pilgerbericht schreibt der Kleriker Wilhelm Tzewers, dass man für die Pilgerfahrt »zwei große Säcke« brauche, »von denen einer voll Geld und der andere, größere, nichtsdestotrotz gut gefüllt mit Geduld sein sollte«18.

Vermutlich müsste man ergänzen: Auch einen Sack voller Glück brauchte es. Denn überall lauerten Gefahren, man wusste nie, wann und ob man ankommt. Die Menschen waren den Launen der Natur ausgeliefert, Planungssicherheit gab es kaum, waren Bauernregeln doch die wichtigste Grundlage für Wetterprognosen. Auch die Ungewissheit war also allgegenwärtig im vormodernen Leben. Weil die Erde als Scheibe galt und Naturkatastrophen als von Gott gesandt, blieb den Menschen oft kaum etwas anderes übrig, als sich ihrem Schicksal und Gott anzuvertrauen – und so war auch das alltägliche Warten stärker von Hoffnung geprägt als heute. Vielleicht ließ sich Petrus ja doch milde stimmen und schloss die Himmelspforte wieder, um den Regen zu stoppen. Also faltete man die Hände und hoffte auf eine gute Überfahrt, eine reiche Ernte oder die ungewisse Rückkehr des Geliebten von hoher See. Zugleich waren die häufigen Gebete auch Zeiten des Innehaltens, die dem Leben einen Rhythmus gaben.

Die Warterei jedenfalls gehörte zum Alltag – ob man wollte oder nicht. Die Historikerin Gabriela Signori schreibt dementsprechend: »Warten dürfte im Mittelalter eine Kulturpraxis gewesen sein, über die man nicht spricht oder schreibt, weil man dauernd warten musste.«19 Das bedeutete wohl auch: Während das Warten für sächsische Adelige ein Kriegsgrund war und für königliche Boten Unterwerfung bedeutete, beschwerten sich zumindest die einfachen Menschen kaum darüber20. Auch der Geschichtsprofessor Grischa Vercamer schreibt, dass das Warten ein Umstand war, »der im Leben des mittelalterlichen Menschen alltäglich war und den man einfach hingenommen hat, ohne groß darüber zu klagen«. Letztlich blieb der großen Mehrheit der Menschen im Mittelalter auch nichts anderes übrig: Es gab schließlich keine Beschwerdestelle, wenn einen der Lehnsherr wieder mal zu lange warten ließ. Es gab kaum Ablenkung, keinen Strom, keine Unterhaltungselektronik, keine schnellen Verkehrsmittel. Die meisten Menschen konnten nicht einmal lesen, um sich abzulenken. Zum Warten gehörte also auch der Leerlauf.

Und so machte man aus der Not eine Tugend: Der Zeitforscher Karlheinz Geißler erinnert daran, dass »Geduld, Gelassenheit, Beharrlichkeit und auch Langsamkeit«21 in fast allen Hochkulturen »Zeichen der Würde, der Klugheit und der Selbstachtung« waren. Der Historiker Otto Borst wiederum notiert in seinem Werk »Alltagsleben im Mittelalter«: »Dem Phänomen der Bewegung steht man mit einiger Gleichgültigkeit gegenüber. Man interessiert sich nicht für das, was sich bewegt, sondern was ruht. […] der befremdlichen Ruhe entspricht das stumme Da-Sein von Zeit: geduldiges Warten, Beharrlichkeit, Wiederholung.«22

All das heißt nicht, dass die Menschen die Aufschübe immer stoisch hingenommen hätten. Ständig mussten sie auf Lebensnotwendiges warten. Seit Anbeginn seiner Tage muss der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen, und gerade in Zeiten der Entbehrung nimmt man, was man kriegen kann, anstatt lange darauf zu warten. Das Leben war meist harte Arbeit. »Wenn der Landmann auf eine gute Ernte wartet«, notierte Margarethe von Sydow 1921 in ihrem Büchlein vom Warten, dann »tut er das nicht, indem er müßig steht […]. Sondern sein Warten ist Arbeit, und seine Arbeit ist Warten – Pflegen.«23 Wir sollten uns also davor hüten, die Vergangenheit als idyllisch zu verklären, in der die Leute immer geduldig abgewartet hätten. Zumal das Leben früher durchaus auch schnell sein konnte. Drohte Regen, legten die Bauern mit der Heuernte natürlich einen Zahn zu. Der große Prediger des 13. Jahrhunderts, Berthold von Regensburg, verlangte von den Gläubigen: »Schnell, schneller zur Buße […] – und andernfalls in die Tiefe der Hölle!«24 Schon 1670 schrieb der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal in seinen Gedanken (frz. Pensées) über eine »mannigfaltige Unruhe der Menschen«25. Dennoch scheint die Zeit beim Warten kaum eine Rolle gespielt zu haben – geschweige denn der Zeitverlust26.

3. 123 Jahre warten – die Sprachgeschichte im Grimm’schen Wörterbuch

lang warten ist verdriszig, es macht aber die leut witzig.27

Sprichwort aus dem Grimm’schen Wörterbuch

Wie haben die Menschen früher gewartet und welche Rolle spielte dabei die Zeit? Ein Blick in das inzwischen fast schon wieder in Vergessenheit geratene Mammutwerk der Gebrüder Grimm kann uns nützliche Hinweise auf die Beantwortung dieser Frage geben.

Die fleißigen Brüder

Ihrer Nachwelt sind die Gebrüder Grimm vor allem als Märchensammler bekannt. Ihre Leidenschaft indes galt der Sprachforschung – und so beschlossen Jacob und Wilhelm 1838, das aus heutiger Sicht wichtigste historische Wörterbuch der deutschen Sprache zu verfassen. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen lesen konnten und die Bedeutung der Sprachwissenschaft zunahm, machten sich die auch politisch engagierten Tausendsassas mit großem Optimismus an die Arbeit: »Wenn wir beide vier Jahre der Sache täglich zwei Stunden widmen, u. ich will gerne fleißig seyn, so glaube ich, kommen wir zum Ende«28, meinte der jüngere Wilhelm. Eine fundamentale Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. In den ersten Jahren häuften die Brüder gemeinsam mit etwa 80 Mitarbeitern rund 600 000 mit Gänsefeder und Tinte beschriebene Belegzettel an, sie sammelten Sprichwörter, wälzten Bücher und Zeitschriften und suchten nach vergessenen Wörtern. Ihre Recherchen reichen teils bis ins 8. Jahrhundert zurück. Aber erst 1854 erschien der erste Band des Wörterbuchs. Wilhelm vollendete zu Lebzeiten den Buchstaben »D«, Jacob verstarb ausgerechnet beim Verfassen des Beitrags zur »Frucht« – bereits 1838 bezeichnete er das Wörterbuch als »frucht unsrer Verbannung«29.

Auch die Nachwelt musste noch lange auf das Mammutwerk warten. Erst im Januar 1961, also nach 123 statt der prognostizierten vier Jahre, wurde die Gesamtausgabe durch den Einsatz unermüdlicher Forscher fertiggestellt, die mit ihrer leidenschaftlichen Arbeit am Gesamtwerk über die eigene Lebensspanne hinausdachten. Die 32 veröffentlichten Bände30 umfassen insgesamt 33 872 Seiten. Entstanden ist ein sprach- und kulturhistorisches Zeugnis von unschätzbarem Wert, das einmalige Einblick in die Geschichte der deutschen Sprache gewährt – und damit auch in den Alltag der Menschen. Denn bereits Jacob Grimm wusste: »Unsere Sprache ist auch unsere Geschichte.«31

Der Wärter wartet auf der Warte

Der Eintrag zu »warten«, der 1922 erstmals erschienen ist, umfasst immerhin 21 Seiten. Dort erfährt man, dass »warten« ursprünglich meinte, »seinen blick auf etwas« zu richten. Davon zeugt bis heute die »Warte« als Beobachtungsposten. Die aus dem Althochdeutschen stammende Bedeutung fand bis ins 16. Jahrhundert Verwendung – und wandelte sich bereits vorher in »seine aufmerksamkeit worauf richten«. Das konnte auch bedeuten, sich über etwas zu vergewissern, jemandem aufzulauern oder etwas zu bewachen. Noch heute ist der »Wärter« ein Aufpasser.

Daraus wiederum etablierte sich im 14. und 15. Jahrhundert die Bedeutung »sich pfleglich einer person oder sache annehmen«. Vor allem kümmerte man sich um seine Mitmenschen. Diese Fürsorge beruhte auf der »vorstellung des liebevollen betrachtens«. Und so sollten Frauen wie selbstverständlich dasjenige »warten«, was ihre Männer besonders liebten. Dieser männliche Chauvinismus findet seinen Ausdruck etwa im Weiberspiegel von Johann Barth, einem »sittenbuch für frauen« aus dem 16. Jahrhundert. Die Idee des Wartens als Pflege ist heute mitunter immer noch gebräuchlich – allerdings warten wir interessanterweise keine Menschen mehr, sondern nur noch Maschinen.

Eine weitere Verwendungsweise, die etwa bis ins 17. Jahrhundert benutzt wurde, klingt in manchem dieser Beispiele bereits an, denn wer jemanden pflegt, schaut nach dieser Person – und dient ihr. So lässt sich auch verstehen, wie man noch heute seinen Gästen »aufwarten« kann. Ursprünglich stammt diese Bedeutung wohl aus dem Krieg, wo der treue Gefolgsmann »im gefecht auf seinen herrn sieht und ihm überallhin folgt«.

Warten in der neuen Zeit

Erst ab dem 14. Jahrhundert tritt allmählich die heute so wichtige Zeitangabe hinzu und lässt das Warten eine neue Bedeutung annehmen: »das verweilen, verziehen […] was durch bîten und später auch harren ausgedrückt wird«. Während wir manchmal noch der Dinge harren und ab und an sogar verweilen, aber kaum noch »verziehen«, wenn wir etwas verzögern, »bîten« oder »beiten« wir gar nicht mehr. Dieses Alt- und Mittelhochdeutsche Wort war bereits zu Zeiten der Brüder Grimm weitgehend ausgestorben. Ursprünglich hatte »beiten« nichts mit beten zu tun, sondern gemeint war, an einem Ort zu verweilen, dort zu wohnen und schließlich auch zu warten – durchaus mit einer positiven Konnotation, wie etwa in dem alten Sprichwort deutlich wird: »beiten, bis im gebraten enten in das maul fliegen.«32

Die heutige Verwendungsweise des »Wartens« ging schließlich aus der Vorstellung hervor, einem Kommenden entgegenzusehen. Man erwartete das, worauf man blickte – und man hoffte, dass es eintritt oder eben ausbleibt, je nachdem, ob man auf etwas Schönes oder Schlimmes wartete. Im Spanischen und Portugiesischen ist das noch immer so, dort wird »warten« und »hoffen« mit demselben Verb übersetzt: esperar. Dabei verweist der Ausspruch »des glücks warten« darauf, dass man sich um jenes Glück, auf das man hofft, kümmert. Demgegenüber schließt die Erwartung aber auch an die noch heute für das Warten charakteristische Passivität an: »wer einem kommenden entgegensieht, pflegt stehen zu bleiben, bis dieser eintrifft.« Wie lange man dort stand, spielte einst aber keine besondere Rolle. Weder beim »warten« noch beim »beiten« oder dem »harren« ist im Grimm’schen Wörterbuch von Zeitverlust oder Zwang die Rede. Heute ist das anders. Mit Hoffnung, dem gelassenen Verweilen oder einem heimeligen Warteort, mit dem Dienen und der pfleglichen Fürsorge hat das Warten kaum mehr etwas zu tun. Dafür aber mit verlorener Zeit.

4. Die Geschichte der Uhr und der Zeit

Die Uhr, nicht die Dampfmaschine, ist die wichtigste Maschine des Industriezeitalters.33

Lewis Mumford

Wie also kam die Zeit ins Warten? Und was ist das überhaupt: »Zeit«? Ist sie etwa nur ein Konstrukt und braucht die menschliche Anschauung, um vergehen zu können? Oder steht sie doch über den Dingen und strukturiert ihren Ablauf? Über diese Fragen streiten seit jeher die Gelehrten. Für den Kirchenvater Augustinus (354–430) war die Zeit von Gott geschaffen, genauer vermochte es aber auch der Bischof von Hippo nicht, die Zeit zu bestimmen: »Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht.«34 Ebenso ging der Schriftsteller Thomas Mann dieser großen Frage in seinem Zauberberg nach. Seine Antwort: »Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig.«35 Ähnlich ratlos gaben sich andere Denker. Als die Wochenzeitung Die Zeit zu ihrem zehnjährigen Jubiläum 1956 die Frage stellte, »Was ist die Zeit?«, musste der Philosoph Martin Heidegger zugeben: »Man könnte meinen, der Verfasser von ›Sein und Zeit‹ müßte dies wissen. Er weiß es aber nicht, so daß er heute noch fragt.«36

Doch die Zeit schafft neben der Verwirrung auch Ordnung – darauf deutet bereits das Mittel- und Althochdeutsche Wort »zīt« hin, das ursprünglich »Abgeteiltes, Abschnitt«37 bedeutete. In diesem Sinne soll der Physiker John A. Wheeler die Frage nach dem Wesen der Zeit in den 1970er-Jahren gerne mit dem Verweis auf ein Graffito in einer Herrentoilette beantwortet haben. Dort stand geschrieben: »Time is nature’s way to keep everything from happening all at once.«38 Der Philosoph Henri Bergson wiederum findet, die Physik behandele die Zeit fälschlicherweise wie den Raum: als objektive Größe, die in voneinander getrennte Abschnitte aufteilbar sei. Doch dabei verkennen wir die eigentliche Qualität der Zeit als stetigen Fluss der Veränderung: »Es ist gerade diese unteilbare Kontinuität von Veränderung, die die wahre Dauer ausmacht.«39 

In jedem Fall glaubte sogar der große Physiker Albert Einstein, dass »die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion«40 habe. Trotz all der unterschiedlichen Meinungen scheint heute alles ganz einfach zu sein: Zeit ist, was die Uhr misst. Doch das war nicht immer so.

Die Zeit der Sonne

Während das »okkasionelle«41 Zeitverständnis bloß zwischen »Jetzt« und »Nicht-Jetzt« unterscheidet, begannen Menschen schon vor Jahrtausenden, die Zeit zu bestimmen. Der erste Zeitmesser der Welt war ein Stock, den man in die Erde steckte – die Sonnenuhr. Doch bei Nacht oder Nebel konnte gar nichts gemessen werden. Ähnlich ungenau und zudem aufwendig in der Herstellung waren Wasseruhren, weshalb sie vor allem Herrscherhöfe und Gotteshäuser schmückten. Die Zeit aber lag in Gottes Hand und besonders das bäuerliche Leben war über Jahrtausende geprägt vom Rhythmus der Sterne und vom Zyklus aus Tag und Nacht, aus Sommer und Winter, Regen- und Trockenzeit. Auch die Kalender waren Ausdruck der ständigen Wiederkehr. Der »Nilometer« in Ägypten sollte den Lauf des Flusses abbilden, andere am Mond orientierte Kalender wurden eingeführt, um religiöse Riten einzuhalten. Der Wochenzyklus wiederum diente dazu, regelmäßige Zusammenkünfte wie Märkte zu organisieren. Da variierte natürlich auch die Wochenlänge: Die Inka hatten eine Zehn-Tage-Woche, ihre Nachbarn, die Muysca, eine Drei-Tage-Woche. Im Mittelalter spielte der Kalender für die Aussaat eine Rolle, aber auch der Kirchenfeste wegen. Etwa 70 bis 100 Feiertage gab es im angeblich so finsteren Zeitalter – Sonntage nicht mitgerechnet. Weil der von Julius Cäsar eingeführte Kalender übrigens etwa elf Minuten länger war als das Sonnenjahr, wurde er im 16. Jahrhundert durch den noch heute in vielen Teilen der Welt gültigen gregorianischen Kalender ersetzt, indem auf einen Schlag einfach zehn Tage übersprungen wurden.

Für Verabredungen eignete sich der Kalender aber nur bedingt. Man traf sich, wenn die Sonne am höchsten stand, in der Abenddämmerung oder besser noch im Morgengrauen. Dazu gehörte das Warten – schließlich konnte man gar nicht fünf oder 20 Minuten zu spät kommen, als es noch keine Schweizer Uhren gab. Der Zeitforscher Robert Levine erzählt die Geschichte eines mittelalterlichen Duells in der Stadt Mons, das wie üblich im Morgengrauen beginnen sollte. »Der pünktlich Angekommene wartete, bis seiner Meinung nach die neunte Stunde (Mittag) angebrochen war, die die geforderte Wartezeit […] markierte. Er bat dann darum, die Feigheit seines Konkurrenten amtlich festzustellen.« Doch die Schiedsrichter waren sich auch nach längeren Beratungen uneinig. »Schließlich wurde ein Gericht zusammengerufen, das nach der Diskussion der Beweise – dem Stand der Sonne, der Befragung der Kleriker […] und einer leidenschaftlichen Debatte – die Feststellung, es sei die neunte Stunde gewesen, anerkannte.« Der Kläger wurde als Sieger ausgerufen, während man den Nichterschienenen als Feigling ächtete42.