Warum Babys weinen - Aletha J. Solter - E-Book

Warum Babys weinen E-Book

Aletha J. Solter

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Beschreibung

Babys sollten genug weinen dürfen!

Nicht immer sind Hunger, nasse Windeln oder Bauchschmerzen die Gründe, warum Babys weinen. Auch emotionaler Stress und Spannungen brechen sich über das Weinen Bahn. Wird das Baby nicht daran gehindert, sondern darf sich in der liebevollen Umarmung der Eltern ausweinen, kann es die notwendige Entlastung erfahren.

Die renommierte Erziehungsexpertin Aletha Solter beantwortet konkret die drängendsten Fragen zu Gefühlen bei Babys und Kleinkindern wie:

• Wie soll ich mit meinem Baby sprechen?

• Was tun, wenn mein Baby weint?

• Soll ich mein Baby bei mir schlafen lassen?

Dieses wertvolle Grundlagenbuch zeigt Ihnen, wie Sie eine gute Bindung zu Ihrem Kind aufbauen, auf das Weinen Ihres Babys reagieren, die Intelligenz Ihres Kleinkinds fördern und Ihrem Baby zu besserem Schlaf verhelfen.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Nicht immer sind Hunger, nasse Windeln oder Bauchschmerzen die Gründe, warum Babys weinen. Auch emotionaler Stress und Spannungen brechen sich über das Weinen Bahn. Wird das Baby nicht daran gehindert, sondern darf sich in der liebevollen Umarmung der Eltern ausweinen, kann es die notwendige Entlastung erfahren.

Die renommierte Erziehungsexpertin Aletha Solter beantwortet konkret die drängendsten Fragen zu Gefühlen bei Babys und Kleinkindern wie:

• Wie soll ich mit meinem Baby sprechen?

• Was tun, wenn mein Baby weint?

• Soll ich mein Baby bei mir schlafen lassen?

Dieses Grundlagenbuch zeigt Ihnen, wie Sie eine gute Bindung zu Ihrem Kind aufbauen, auf das Weinen Ihres Babys reagieren, die Intelligenz Ihres Kleinkinds fördern und Ihrem Baby zu besserem Schlaf verhelfen.

Über die Autorin

Dr. Aletha Solter, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, ist schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit Dr. Jean Piaget leitet sie heute das von ihr gegründete Aware Parenting Institute in Goleta, Kalifornien, und bietet in mehreren Ländern Vorträge, Workshops und Beratungstermine für Eltern und ErzieherInnen an.

Aletha J. Solter

WARUMBABYS WEINEN

Die Gefühle von Kleinkindern

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Petersen, Berlin.

Dieses Buch erschien zuerst 1987 im Kösel-Verlag. Die hier vorliegende Ausgabe wurde 2009 von der Autorin komplett überarbeitet und aktualisiert.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © 2009 Kösel-Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Copyright © 2001 by Aletha Solter. Originaltitel:

The Aware Baby (Revised Edition). Originally published in English by Shining Star Press for the Aware Parenting Institute (www.awareparenting.com).

All rights reserved.

Umschlag: Kaselow Design, München

Umschlagmotiv: Marina Jefferson/Getty Images

E-Book Produktion:Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-34982-0V001

www.koesel.de

»DENN IM BABY LIEGT

DIE ZUKUNFT DER WELT ...«Aus einem Sprichwort der Maya

INHALT

Vorwort zur Neuausgabe

Einleitung

1 DER START INS LEBEN: Lassen Sie Ihr Baby Ihre Liebe spüren

Wie kann ich in der Schwangerschaft die Entwicklung meines Babys fördern?

Ist die Geburt für Säuglinge eine traumatische Erfahrung?

Was kann ich tun, damit die Geburt positiv verläuft?

Wie kann ich nach der Geburt die Bindung zwischen mir und meinem Baby fördern?

Was braucht mein neugeborenes Baby?

Wie kann ich die Bedürfnisse meines Babys nach Berührung, Gewiegtwerden und dem Geräusch von Herztönen am besten erfüllen?

Wie soll ich mit meinem Baby sprechen?

Muss ich aufpassen, mein Baby nicht zu »verwöhnen«?

Was ist mit meinen eigenen Bedürfnissen?

Übungen

2 WEINEN: Erlauben Sie Ihrem Baby, sich von Spannungen zu befreien

Warum weint mein Baby selbst dann, wenn alle seine Bedürfnisse befriedigt sind?

Welche Art von Stress bringt Babys zum Weinen?

Was tun, wenn mein Baby weint?

Welche Vorzüge hat es, wenn mein Baby in meinen Armen weint?

Wie lernen Babys, ihr Weinen zu unterdrücken?

Was kann ich tun, wenn mein Baby bereits gelernt hat, sein Weinen zu unterdrücken?

Woher weiß ich, ob mein Baby weinen muss?

Wie oft und lange weint mein Baby?

Was soll ich tun, wenn es mir schwerfällt, mein weinendes Baby zu halten?

Übungen

3 ERNÄHRUNG: Lassen Sie Ihr Baby selbst bestimmen, wie viel und was es isst

Welche Vorteile hat das Stillen?

Wie oft soll ich mein Baby stillen?

Welche Folgen hat es, wenn ich mein Kind stille, um es zu »beruhigen«?

Woher weiß ich, wann mein Baby wirklich Hunger hat?

Wann soll ich mein Baby abstillen und ab wann feste Nahrung anbieten?

Welche Nahrungsmittel soll ich meinem Baby anbieten?

Was ist, wenn ich in die Selbstregulierung meines Babys bereits eingegriffen habe?

Mir fällt es schwer, dem natürlichen Appetit meines Babys und seinen Vorlieben beim Essen zu vertrauen

Übungen

4 SCHLAF:Lassen Sie Ihr Baby ausruhen

Soll ich mein Baby bei mir schlafen lassen?

Was für Vorsichtsmaßnahmen kann ich beim Schlafen im »Familienbett« beachten, damit mein Baby nicht erstickt oder aus meinem Bett fällt?

Erhöht es die Inzestgefahr, wenn Baby und Eltern in einem Bett schlafen?

Was ist mit meinem Sexleben?

Was kann ich tun, wenn mein Baby nicht einschlafen will?

Wie helfe ich meinem Baby, nachts durchzuschlafen?

Soll ich meinem Baby zum besseren Einschlafen Medikamente geben?

Was ist mit meinem eigenen Schlafbedürfnis?

Übungen

5 SPIELEN:Lassen Sie Ihr Baby lernen

Wie wichtig sind die ersten Lebensjahre für die Entwicklung der Intelligenz meines Kindes?

Woher weiß ich, was angemessene Stimulation ist?

Woran erkenne ich, ob mein Baby über- oder unterfordert ist?

Mein Baby verlangt ständig meine Aufmerksamkeit und will unterhalten werden. Was kann ich dagegen tun?

Wie viel Anleitung soll ich beim Spielen geben?

Helfen Lob und Tadel als Anreiz beim Lernen und Spielen weiter?

Wie viel Hilfestellung soll ich meinem Baby geben, wenn ihm etwas schwerfällt?

Mir fällt es schwer, meinem Baby angemessen Aufmerksamkeit zu schenken

Welche Spiele kann ich mit meinem Baby spielen?

Übungen

6 KONFLIKTE: Geben Sie Ihrem Baby das Gefühl,respektiert zu werden

Soll ich mein Baby bestrafen oder belohnen?

Soll ich mein Baby zum Gehorsam erziehen?

Wie nachgiebig soll ich sein?

Wie erziehe ich mein Baby ohne Strafen oder Belohnungen?

Und wenn ich keine Lösung finde, welche die Bedürfnisse aller Beteiligten erfüllt?

Wann lernt mein Kind Regeln, und was ist, wenn es meine Grenzen »testet«?

Wie gehe ich mit dem »Negativismus« um, den mein Kleinkind entwickelt?

Wie verhalte ich mich, wenn mein Kind einen Wutausbruch bekommt?

Wie soll ich mich verhalten, wenn mein Kind zerstörerisch oder gewalttätig ist?

Wie kann ich meinem Kind beibringen, mit anderen zu teilen?

Wie bringe ich meinem Baby am besten bei, die Toilette zu benutzen?

Soll ich meinem Baby erlauben zu masturbieren?

Wie kann ich verhindern, dass ich meinem Baby Schaden zufüge, wenn ich wütend bin?

Übungen

7 ANHÄNGLICHKEIT:Geben Sie Ihrem Baby Sicherheit

Wann entwickelt mein Baby eine Anhänglichkeit an mich, und wie zeigt es das?

Warum entwickeln Babys Trennungsangst und »Fremdeln«?

Wie kann ich meinem Baby zu einer sicheren Bindung verhelfen?

Wie helfe ich meinem Baby, sich bei einem neuen Babysitter wohlzufühlen?

Und wenn mein Baby, nachdem es eine Bindung zu mir entwickelt hat, nicht bei anderen bleiben will?

Brauchen Babys die Mutter als erste Bezugsperson?

Sind Kinderkrippen für Babys geeignet?

Wie finde ich Hilfe bei meiner Aufgabe als Mutter oder Vater?

Zum Abschluss

Übungen

Anhang

Ein Brief aus Australien

Anmerkungen

Dank

Was ist Aware Parenting?

Über die Autorin

Vorwort zur Neuausgabe

Als die erste Ausgabe von Warum Babys weinen 1984 in Amerika erschien, wusste ich überhaupt nicht, wie Eltern diesen neuen Ansatz aufnehmen würden. Ich hätte mir darüber keine Sorgen machen müssen, denn inzwischen ist das Buch ins Französische, Deutsche, Niederländische, Italienische und Hebräische übersetzt worden und hat überall auf der Welt zu einer stillen, aber tief greifenden Revolution im Erziehungsverhalten von Eltern geführt. Darüber freue ich mich sehr und finde es aufregend, Teil davon zu sein.

Meine Kinder sind inzwischen junge Erwachsene, und ich kann persönlich bezeugen, dass dieser Ansatz tatsächlich gut funktioniert. Außerdem habe ich Hunderte von Briefen von Eltern aus aller Welt bekommen, in denen sie beschreiben, wie wohltuend es sich ausgewirkt hat, dass sie ihre Kinder auf diese Weise großgezogen haben. Diese Kinder haben kein Bedürfnis, als Jugendliche zu rebellieren, und entwickeln sich zu mitfühlenden, kooperativen und höchst intelligenten Erwachsenen. Sie gehen mit großer Entschiedenheit und Zuversicht ihren eigenen Weg und werden zu Mitgliedern der Gesellschaft, die sich in dieser bestens zurechtfinden und ihr gute Dienste leisten. Am wichtigsten ist vielleicht, dass diese jungen Menschen keinerlei Interesse an Drogen oder Gewalt haben.

Seit ich die erste Fassung dieses Buches geschrieben habe, hat die Forschung über kindliche Entwicklung beträchtliche Fortschritte gemacht. Dementsprechend habe ich jedes Kapitel für diese Neuausgabe auf den laufenden Stand gebracht. Hier habe ich vor allem einige der jüngsten Forschungsergebnisse aus Untersuchungen über pränatale Psychologie, Bindung und die Auswirkungen von Traumen einbezogen. Außerdem habe ich umfassenderes Material aus kulturübergreifenden Forschungen eingearbeitet, da es uns einen weiteren Blick auf unsere eigenen Erziehungspraktiken ermöglicht, wenn wir diese mit anderen Vorgehensweisen auf der Welt vergleichen.

1990 gründete ich das Aware Parenting Institute (Institut für bewusstes Elternsein, Anm. d. Ü.), eine internationale Organisation zur Förderung der in meinen Büchern beschriebenen Methoden. Inzwischen gibt es in zahlreichen Ländern zertifizierte Lehrerinnen und Lehrer für Bewusstes Elternsein. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte unsere Webseiten www.awareparenting.com. Zusammen können wir die Welt verändern.

Aletha Solter

The Aware Parenting Institute

P.O. Box 206, Goleta, CA 93116 USA

Telefon: +1-805-968 – 1868

[email protected]

www.awareparenting.com

Webseiten für deutschsprachige Länder:

Deutschland: www.awareparenting.com/germany.htm

Österreich: www.awareparenting.com/austria.htm

Schweiz: www.awareparenting.com/switzerland.htm

Haftungsausschluss

Dieses Buch soll als pädagogisches Lehrmaterial verstanden werden, das sich auf die emotionalen Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern konzentriert. Es ist nicht als Ersatz für ärztlichen Rat oder eine medizinische Behandlung gedacht. Viele der hier erläuterten Verhaltensweisen und Symptome können auf ernsthafte emotionale oder körperliche Probleme hinweisen. Eltern und Erzieherinnen wird geraten, sich an einen kompetenten Arzt zu wenden, wenn im Verhalten oder Gefühlsleben eines Babys Probleme auftreten, das Kind beim Schlafen, Essen oder Weinen plötzliche Veränderungen zeigt oder sie körperliche Schmerzen oder Krankheiten vermuten. Außerdem sind einige der in diesem Buch vorgeschlagenen Methoden möglicherweise unter bestimmten Bedingungen nicht gut geeignet, beispielsweise, wenn Kinder an ganz bestimmten körperlichen oder emotionalen Schwierigkeiten leiden.

Bestimmte Therapieformen werden in diesem Buch nur aus Gründen der Information erwähnt und stellen keine Empfehlung der Autorin dar. Manche davon können gefährlich sein, wenn die Praktizierenden über keine angemessene Ausbildung verfügen. Wenn Sie überlegen, für sich oder Ihr Kind eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu suchen, empfehle ich Ihnen, sorgfältig zu prüfen, ob diese eine offiziell anerkannte Ausbildung haben und entsprechende Referenzen vorweisen können.

Autorin und Verlag sind juristisch nicht haftbar oder verantwortlich zu machen für Schäden, die aufgrund der in diesem Buch enthaltenen Informationen verursacht wurden oder geltend gemacht werden.

EINLEITUNG

Die Geburt eines Babys ist ein freudiges Ereignis. Viele junge Eltern empfinden so viel Liebe und Fürsorge für ihr Kind, wie sie vielleicht solche Gefühle in dieser Tiefe bislang noch nie erlebt haben. Freunde und Verwandte sind neugierig auf das Neugeborene. Sie möchten es gern sehen und vielleicht auch ein paar Sekunden die Gefühle von Liebe und Hoffnung spüren, die so ein neu zur Welt gekommenes menschliches Wesen in uns allen weckt. Eltern wollen natürlich ihr Bestes geben, um sicherzugehen, dass ihr Baby zu einem liebevollen, intelligenten und glücklichen Menschen heranwächst, der für die Gesellschaft, in der er lebt, einen produktiven Beitrag leistet.

Allmählich wird diese Welt für Babys zu einem besseren Ort. Das Wissen um gesunde Ernährung kommt sowohl schwangeren und stillenden Frauen als auch den Babys selbst zugute. Aufgrund dieses Wissens und der besseren gesundheitlichen Versorgung haben Babys heute eine größere Chance zu überleben und gesund heranzuwachsen als je zuvor. Die Fortschritte in der Entwicklungspsychologie haben bei vielen Eltern die Bedeutung der ersten Lebensjahre ins Bewusstsein gerufen und eine Flut von Büchern über Elternschaft und pädagogisch wertvolles Spielzeug hervorgebracht, das die Entfaltung der Intelligenz von Babys fördert. Kleinkinder mit Behinderungen haben heute in vielen Ländern sehr gute Chancen, ihr volles Potenzial zu entwickeln. Untersuchungen über die Bedeutung von Bindung in der Kleinkindzeit haben zusätzlich dazu beigetragen, dass wir heute mehr über die optimalen Bedingungen für eine emotional gesunde Entwicklung wissen. In unserer Gesellschaft akzeptieren wir allmählich die Tatsache, dass es Babys mit ihrem Denken und Fühlen an nichts fehlt, was ein menschliches Wesen ausmacht.

Überall auf der Welt erziehen Eltern ihre Kinder zu produktiven Mitgliedern ihrer jeweiligen Gesellschaft. Je nach eigenem religiösen Hintergrund, ihren kulturellen Überzeugungen und den jeweiligen Lebensbedingungen fördern sie dabei die Entwicklung unterschiedlicher Werte, sei es Kooperation oder Gehorsam, Abhängigkeit oder Selbstständigkeit, Kreativität oder Anpassung, Teilen oder Besitz, Demut oder Stolz. Unter Berücksichtigung der Fähigkeiten, die ihrem Kind später im Leben am besten dienen, legen Eltern auch Wert auf die Entwicklung sozialer, motorischer und sprachlicher Leistungen, auf ein gutes Erinnerungs- oder Denkvermögen. Diese kulturellen Werte, Erwartungen und Fähigkeiten vermitteln Eltern ihrem Baby auf unzähligen Wegen; etwa wie sie auf sein Weinen eingehen, wie oft sie ihr Baby halten, welche Anregungen sie ihm geben, wie oft sie es füttern, wo das Baby schläft und wie sie ihm Grenzen setzen. Die meisten Kulturen gehen davon aus, dass ihre traditionellen Gepflogenheiten die »natürliche« und richtige Umgangsweise mit Kleinkindern sind.

In der traditionellen Jäger-Sammler-Gesellschaft der !Kung, eines Stammes von Buschleuten in der afrikanischen Kalahari-Wüste, legen Eltern großen Wert auf die Entwicklung motorischer Fähigkeiten, damit ihre Kinder schließlich imstande sind, lange Strecken zu laufen, zu jagen und schwere Lasten auf dem Rücken zu tragen. Anthropologen haben herausgefunden, dass die Babys der !Kung bei Tests der motorischen Koordination ausgezeichnet abschneiden.1 Bei den Yequana-Indianern in den Wäldern des Amazonas-Gebietes von Venezuela setzen Mütter ihre Babys von klein auf den verschiedensten Wasserströmungen aus. Fisch ist ein Hauptbestandteil ihrer Ernährung, und diese Menschen gehören zu den besten Kanufahrern auf der ganzen Welt.2 Die Gusii aus Ostafrika achten besonders darauf, dass ihre Kinder Gehorsam und Verantwortung lernen, damit sie zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft heranwachsen und bereits in jungen Jahren auf dem Feld oder bei der Betreuung der Viehherden helfen können.3

Keine Kultur ist jedoch perfekt. Meistens sehen sich die Eltern aufgrund kultureller Werte und ökonomischer Zwänge genötigt, ihren Kindern bestimmte Einschränkungen aufzuerlegen und bestimmte legitime Bedürfnisse zu ignorieren, wie zum Beispiel Emotionen auszudrücken oder eine sichere Umgebung frei zu erkunden. Die Tatsache, dass Kleinkinder überleben, heranwachsen und imstande sind, für den Erhalt der Gesellschaft zu sorgen und sich fortzupflanzen, besagt nicht unbedingt, dass ihre grundlegenden menschlichen Bedürfnisse erfüllt wurden oder sie das Potenzial für ihre intellektuelle, emotionale oder seelische Entwicklung haben voll ausschöpfen können.

In westlichen Industrienationen legen Eltern üblicherweise viel Gewicht auf die Entwicklung von Selbstständigkeit sowie den Erwerb sprachlicher und kognitiver Fähigkeiten. Dahinter steht der Gedanke, dass Kinder zu intellektuell kompetenten, selbstsicheren Menschen heranwachsen müssen, um in einer Welt, die zunehmend von Konkurrenz geprägt ist, überleben zu können. Schon die schulischen Leistungsabfragen wie Tests und Klassenarbeiten in fast allen Altersstufen spiegeln diese kulturelle Tendenz wider. Sie messen den Wortschatz, das Lesevermögen und mathematische Fähigkeiten. Auf Geschwindigkeit und Faktenwissen wird ebenfalls Wert gelegt. Die starke Bedeutung, die die Gesellschaft diesen Fähigkeiten beimisst, geht oft auf Kosten der Entwicklung eines tiefergehenden Denkvermögens von Kreativität, Kooperation und Einfühlungsvermögen.

Darüber hinaus haben westliche Gesellschaften bis vor kurzem wenig Anstrengung unternommen, um Kinder zur Gewaltfreiheit zu erziehen. Unsere Kinder sind sowohl im wirklichen Leben als auch in den Medien tagtäglich Gewalt ausgesetzt. Dabei ist es heute für das Überleben aller von primärer Wichtigkeit, Kindern Gewaltfreiheit beizubringen. Wir müssen ihnen Alternativen zur gewalttätigen Lösung von Konflikten aufzeigen. Außerdem müssen wir sie so großziehen, dass sie frei von aufgestauter Wut oder Angst sind, denn diese Emotionen bilden oft die Wurzel von Gewalt. Das heißt, wir müssen uns genau anschauen, wie Kinder verletzt werden, und ihnen helfen, von Stress und Traumen zu heilen. Wir können es uns nicht länger leisten, dass wir ignorieren, wie Kinder sich fühlen.

Unsere Erziehungsmethoden müssen sich drastisch ändern, wenn unsere Kinder nicht nur zu produktiven, sondern auch zu gewaltlosen Bürgern unserer sich rasch verändernden Welt heranwachsen sollen. Wir müssen, um das wirtschaftliche Überleben in Industrienationen zu sichern, immer noch Wert auf die Entwicklung sprachlicher und kognitiver Fähigkeiten legen, aber wir sollten uns auch auf die emotionale Gesundheit und die Selbstachtung konzentrieren. Wir müssen unsere Annahme, dass vollkommene Unabhängigkeit eine Tugend ist, infrage stellen und unseren Kindern beibringen, sich in wechselseitiger Abhängigkeit zu bewegen. Sie brauchen Vorbilder für aktive Demokratie und Konfliktlösungsfähigkeiten, damit sie lernen, mit anderen kooperativ zusammenzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten von allem, wir müssen ihnen erlauben, ihre Emotionen auszudrücken und von ihren seelischen Verletzungen zu heilen.

Dieser neue Ansatz basiert nicht nur auf den Erfordernissen unserer eigenen Kultur. Er erkennt und berücksichtigt die tiefen und universalen menschlichen Bedürfnisse, die jede Gesellschaft erfüllen muss, wenn Babys emotional gesund heranwachsen sollen. Laut Lloyd de Mause, einem bekannten amerikanischen Psychohistoriker, fand im Laufe der Zeitalter eine Entwicklung der Kindererziehung statt. Sie verlagerte sich ganz allmählich weg von Methoden, die eher durch Missbrauch geprägt waren, hin zu einem Ansatz, der in das Kindern innewohnende Gute vertraut, mehr Dialoge mit ihnen einbezieht, mehr Einfühlungsvermögen in ihre Emotionen zulässt, Toleranz für ihren sich entwickelnden Willen ermöglicht und ihre Individualität sowie die Ermutigung zu Kreativität und eigenständigem Denken fördert.4

Dieser neue Ansatz hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg allmählich durchgesetzt. Seine Entwicklung begann damit, dass die natürliche Geburt und der sanfte Umgang mit dem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt populärer wurden. Langsam lebte das Stillen wieder auf. Wir erkennen heute die Bindungsbedürfnisse von Kindern und wenden zunehmend Erziehungsmethoden an, die weniger autoritär sind. Trotzdem müssen wir einige grundlegende Annahmen und Überzeugungen, was für Babys am besten ist, weiterhin infrage stellen.

Dieses Buch beschreibt einen umfassenden, revolutionären Ansatz für das elterliche Betreuungsverhalten von der Empfängnis des Kindes bis zum Alter von zweieinhalb Jahren. Jedes der sieben Kapitel behandelt ein eigenes Thema (wie Weinen, Schlafen, Ernährung und Spiel) und beschäftigt sich mit den Bedürfnissen, die ein Baby in diesem speziellen Bereich hat. Dieser Ansatz, den ich bewusstes Elternsein nenne, hat keine schnellen Lösungen oder vereinfachten Methoden parat. Er stellt vielmehr eine völlig neue Umgangsweise mit Babys dar, die auf Vertrauen, Einfühlung und Respekt beruht. Er beschreibt, wie Sie mit Ihrem Kind auf einer tiefen, emotionalen Ebene in Verbindung kommen und ihm helfen, mit seinem wahren Selbst in Berührung zu bleiben und als vollständiges menschliches Wesen heranzuwachsen. Bewusstes Elternsein besteht aus drei grundlegenden Aspekten: bindungsorientiertem Elternverhalten, Disziplin ohne Strafen und Akzeptanz für die Entlastung von Emotionen.

Was ich Ihnen in diesem Buch empfehle, mag ganz anders aussehen als das, was Sie bislang in entsprechenden Büchern gelesen haben. Vielleicht unterscheidet es sich auch von Ihren gesellschaftlich geprägten Überzeugungen, wie man ein Kind »normal« oder »richtig« erzieht. Ich möchte Sie ermutigen, für diese neuen Wege auch dann offen zu bleiben, wenn Sie anfangs mit einigen der hier vorgestellten Ideen nicht einverstanden sind. Es ist normal und gesund, infrage zu stellen, was Sie lesen. Andererseits möchte ich Sie aber auch bitten, diesen Ansatz nicht blind als neues Dogma oder »System« für die Kindererziehung zu übernehmen. Er funktioniert nur dann wirklich gut, wenn Sie weiterhin kreativ darüber nachdenken, was für Sie und Ihre Familie das Beste ist.

Vier grundlegende Annahmen

Die Ideen, die ich Ihnen in diesem Buch vorstelle, beruhen auf vier grundlegenden Annahmen über die menschliche Natur.

Die erste Annahmeist, dass menschliche Wesen von Geburt an wissen, was sie grundlegend brauchen, um nicht einfach nur zu überleben, sondern sich auch körperlich, emotional und intellektuell optimal zu entwickeln. Ein Beweis dafür ist beispielsweise, dass Babys, denen wir verschiedene Spielzeuge zur Auswahl anbieten, zu jedem gegebenen Zeitpunkt die Dinge zum Spielen auswählen, die ihre intellektuelle Entwicklung am besten fördern. Die Idee hier ist, dass Babys wissen und zeigen, was sie brauchen, und wir deswegen darauf vertrauen können, dass sie, soweit sie körperlich dazu imstande sind, ihr Leben selbst bestimmen. Wenn wir ihnen die Chance geben, teilen Babys uns ihre Bedürfnisse mit. Wir als Betreuer haben die Aufgabe, ihre Signale richtig zu interpretieren.

Die zweite Annahme lautet, dass Babys ein Potenzial für gutes und schlechtes Verhalten mit auf die Welt bringen. Ausschlaggebend dafür, wie sie sich dann tatsächlich entwickeln oder verhalten, ist jedoch, wie wir sie behandeln. Wenn wir Kleinkinder nicht verletzen oder unterdrücken und alle ihre Bedürfnisse erfüllen, entwickeln sie sich zu guten, kooperativen, intelligenten, fröhlichen Menschen, die fähig sind, Liebe zu geben und zu empfangen. Menschen handeln nur dann verletzend und dumm, wenn sie an Verletzungen und Traumen leiden, für die sie keine Heilung finden.

Die dritte Annahme besagt, dass die Erfahrungen der ersten Lebensjahre tiefe und dauerhafte Auswirkungen auf Gefühls- und Verhaltensmuster im späteren Leben haben. Babys sind sehr offen und empfindsam, und wir können sie aufgrund ihrer extremen Abhängigkeit und Unerfahrenheit leicht verletzen. Selbst in den liebevollsten Familien erleben Babys manchmal Stress und emotionalen Schmerz. Diese frühen schmerzlichen Erfahrungen lösen nicht nur negative Gefühle aus, sondern können unter anderem auch für Essstörungen, sexuelle Störungen, Süchte, Schlaflosigkeit, bestimmte Lernbehinderungen, Beziehungsprobleme, selbstzerstörerisches Verhalten, Hyperaktivität, Depressionen und Gewalttätigkeit verantwortlich sein. Auch wenn spätere Kindheitserfahrungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, sind die ersten Lebensjahre im Leben eines Menschen doch bei weitem die wichtigsten.

Manche Menschen teilen diese Haltung nicht und haben das Gefühl, dass sie Eltern eine zu große Last und Verantwortung aufbürdet. Sie wollen lieber glauben, dass menschliches Verhalten überwiegend durch erbliche Faktoren bestimmt ist. Die Debatte zwischen denen, die Verhalten überwiegend als »angeboren« betrachten, das heißt, durch genetische Faktoren bedingt, und denjenigen, die es für »anerzogen« halten und die äußeren Einflüssen wie der Kindererziehung eine große Bedeutung beimessen, reißt nicht ab. Niemand weiß, wieweit unser Verhalten erblich bedingt ist. Es gibt jedoch reichlich Beweise dafür, dass unser Umgang mit Babys einen starken Einfluss auf ihre Gefühle und ihr Verhalten im späteren Leben hat. Tatsächlich können frühe Umgebungseinflüsse sogar die Funktion des Gehirns verändern.5 Deswegen ist es wichtig zu erkennen, dass selbst biologische Entsprechungen des Verhaltens möglicherweise keinesfalls genetisch bedingt sind, sondern eine Folge früher Einflüsse des Kindes (einschließlich vorgeburtlicher) auf das sich entwickelnde Gehirn darstellen.

Die vierte Annahme dieses Buches lautet, dass Babys unter optimalen Bedingungen viele Auswirkungen von Stress oder Trauma überwinden können. Babys haben einen natürlichen biologischen Hang zu Gesundheit und körperlicher Balance (Homöostase). Mit dem in diesem Buch vorgestellten Ansatz können wir nicht nur weitgehend vermeiden, Babys zu verletzen, sondern ihnen auch helfen, von erlittenen emotionalen Traumen zu heilen. Die Tatsache, dass die meisten von uns Erwachsenen immer noch unter den Auswirkungen früher Traumen leiden, ist kein Widerspruch zu dieser vierten Annahme. Sie zeigt lediglich, dass wir in einem Umfeld aufwuchsen, in dem man uns nicht erlaubt hat, unsere emotionale Gesundheit wiederherzustellen.

Im Folgenden fasse ich die vier Annahmen, die diesem Buch zugrunde liegen, noch einmal zusammen:

1. Babys wissen, was sie brauchen.

2. Wenn wir die Bedürfnisse von Babys erfüllen und sie nicht körperlich oder seelisch verletzen, wachsen sie zu intelligenten, mitfühlenden, nicht gewalttätigen Menschen heran.

3. Babys sind extrem verletzlich, und frühe Traumen und unerfüllte Bedürfnisse können langfristige, negative Folgen für sie haben.

4. Babys sind imstande, von vielen Auswirkungen von Stress und Trauma zu genesen.

Hinweise für die praktischen Übungen

Im Anschluss an jedes Kapitel stelle ich Ihnen eine Reihe von Übungen vor, die aus drei Teilen bestehen: Ihre eigene Kindheit erforschen, die Gefühle zum Ausdruck bringen, die Ihr Baby bei Ihnen auslöst, und sich selbst Zuwendung geben. Elternschaft ist mit vielen starken Emotionen verbunden und bietet wunderbare Möglichkeiten für unser eigenes Wachstum. Diese Übungen können Ihnen bei Ihrer eigenen inneren Heilung und Ihrer eigenen Weiterentwicklung helfen, während Sie sich darum bemühen, die Mutter oder der Vater zu sein, die oder der Sie gerne wären.

Der erste Teil, die Erforschung Ihrer eigenen Kindheit, hilft Ihnen, wichtige Verbindungen zu Ihrer eigenen Vergangenheit herzustellen. Es reicht nicht, wenn ein Buch lediglich Informationen vermittelt oder Ratschläge gibt, denn solange Sie unter den Auswirkungen Ihrer eigenen schmerzlichen Kindheit leiden, fällt es Ihnen wahrscheinlich schwer, das neue Wissen in die Praxis umzusetzen. Die meisten von uns tragen, wenn sie Eltern werden, noch »emotionale Altlasten« aus ihrer eigenen Vergangenheit mit sich herum. Ihre Kindheit zu erinnern heißt den ersten Schritt für Ihren eigenen Heilungsprozess zu tun. Es tut gut, über diese Erinnerungen einfach mit einem anderen Menschen zu sprechen, noch wohltuender ist es, wenn Sie dabei Emotionen wie Traurigkeit, Angst oder Ärger einfach rauslassen und sich von ihnen befreien.

Der zweite Teil, die Emotionen zum Ausdruck zu bringen, die Ihr Baby bei Ihnen auslöst, hilft Ihnen, sich die aktuellen Gefühle bewusst zu machen, die Sie möglicherweise daran hindern, Ihre Elternrolle so zu erfüllen, wie Sie es gern möchten. Diese Gefühle können unmittelbar mit den Einsichten über Ihre eigene Kindheit zusammenhängen. Wie bei der ersten Übungsreihe profitieren Sie auch von dieser mehr, wenn Sie Ihre Gefühle einem anderen Menschen mitteilen und sich von Ihrem Ärger oder Ihrer Traurigkeit entlasten, indem Sie sie zum Ausdruck bringen, wenn Sie das Bedürfnis danach verspüren.

Sie können, wenn Sie Ihre Reaktionen auf die hier gestellten Fragen einem anderen Menschen mitteilen, selbst entscheiden, wie tief Sie bei der Erforschung Ihrer Emotionen gehen wollen. Vielleicht sprechen Sie einfach kurz über die Themen, die Sie interessieren, oder Sie machen sich mithilfe dieser Fragen auf den Weg zu einer tiefer gehenden emotionalen Heilung. Manche dieser Fragen sind für Sie wahrscheinlich bedeutungsvoller als andere, die Sie einfach überspringen können. Vielleicht fallen Ihnen auch noch andere Themen ein, über die Sie gern sprechen möchten und die ich hier ausgelassen habe.

Wenn Sie mit Zuhören an der Reihe sind, schenken Sie Ihrem Gegenüber bitte Ihre ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne das Gehörte zu unterbrechen, zu interpretieren, zu analysieren, Vorschläge zu machen, Ratschläge zu geben, zu trösten, Fragen zu stellen, um weitere Informationen einzuholen, oder Ihre eigenen Erfahrungen einzubringen.

Die dritte Übungsreihe besteht aus Vorschlägen, wie Sie sich selbst Zuwendung geben können. Viele Menschen vergessen, sobald sie Eltern werden, ihre eigenen Bedürfnisse. Diese Übungen erinnern Sie hoffentlich daran, dass Ihr eigenes Leben und Wohlbefinden genauso wichtig ist, wie das Ihres Babys. Tatsächlich können Sie die Bedürfnisse Ihres Kindes gar nicht angemessen erfüllen, solange Ihre eigenen Bedürfnisse unerfüllt bleiben und Ihr Leben nicht im Gleichgewicht ist. Ich möchte Sie also ermutigen, diese Übungen auszuprobieren.

Ich hoffe, dass durch diese Hinweise die Übungen im Anschluss an jedes Kapitel eine wirkliche Hilfe für Sie werden, sodass Sie gemeinsam mit Ihrem Baby wachsen und sich selbst Zuwendung geben, während Ihre Familie sich kontinuierlich darum bemüht, Ihre gegenseitigen Beziehungen sinnvoll und liebevoll zu gestalten.

Erläuterung der verwendeten Begriffe

Dieses Buch ist nicht nur für Mütter gedacht. Wenn wir davon ausgehen, dass nur die Mütter sich um Babys kümmern, ist es tatsächlich extrem schwierig, die Bedürfnisse von Babys so zu erfüllen, wie ich es empfehle. Wenn ich im Buch das Wort »Eltern« benutze, meine ich damit jede Person, welche die Elternrolle übernimmt, sei es Mann oder Frau.

Das Wort »Baby« benutze ich generell für Kinder unter zweieinhalb Jahren. »Säugling« bezieht sich auf ein Baby von der Geburt an bis zum Alter von einem Jahr, und ein »Kleinkind« bezeichnet ein Kind von einem Jahr bis zum Alter von zweieinhalb Jahren (egal, ob es schon laufen kann).

1 DER START INS LEBEN:

Lassen Sie Ihr Baby Ihre Liebe spüren

Wie kann ich in der Schwangerschaft die Entwicklung meines Babys fördern?

Wir werden nicht mit der Geburt eines Babys zu Eltern, sondern mit der Empfängnis. Der wichtigste Schritt, um Ihrem ungeborenen Baby Ihre Liebe zu zeigen, besteht darin, für ein körperlich und emotional gesundes Umfeld zu sorgen. Das heißt, sich gut zu ernähren, sich viel Ruhe zu gönnen und keine Drogen, andere Rauschmittel oder Medikamente einzunehmen, die Ihrem Baby schaden könnten. Ratsam ist es auch, Stress und laute Geräusche während der Schwangerschaft auf ein Minimum zu reduzieren.

Mütterliche Emotionen können sich bereits vor der Geburt auf Babys auswirken. Wie Forscher herausgefunden haben, kann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baby zu früh geboren wird, körperliche bzw. emotionale Probleme hat oder häufig von Weinanfällen geplagt wird, in dem Maße zunehmen, wie die Mutter während der Schwangerschaft Stress erlebt.6 Wenn Sie in der Schwangerschaft unter Depressionen leiden, kann dies Auswirkungen auf das biochemische Gleichgewicht Ihres Babys haben. Untersuchungen belegen, dass der Stresshormonspiegel von Neugeborenen, deren Mütter depressiv sind, dem ihrer Mütter entspricht und physiologisch einen depressiven Zustand anzeigt. Diese Babys weinen auch häufiger als andere.7

Bei jedem Menschen kann es, selbst bei größter Umsicht, zu Stress und unerwarteten Ereignissen kommen. Auch die Schwangerschaft selbst ist oft mit körperlichen Problemen verbunden und bringt manchmal heftige, bislang unbekannte Emotionen mit sich. Wenn Sie in der Schwangerschaft, aus welchen Gründen auch immer, angespannt, ängstlich oder depressiv sind, sollten Sie nicht zögern, sich die Unterstützung zu holen, die Sie brauchen. Meditation, Massage und Entspannungsübungen können Ihnen helfen, Stress abzubauen. Wichtig ist auch, sich von schmerzlichen Emotionen zu entlasten, indem Sie über Ihre Gefühle sprechen und weinen, statt sie wegzuschieben und zu unterdrücken. Versuchen Sie, einen Menschen zu finden, der Sie dabei unterstützt und Ihnen zuhört.

Unsere Erkenntnisse über pränatale Erfahrungen nehmen ständig zu. Wir wissen, dass Babys vor der Geburt empfindsam, intelligent und empfänglich für Stimulation sind.8 Durch einfallsreiche Experimente hat man herausgefunden, dass neugeborene Säuglinge die Geschichten wiedererkennen, die ihre Mütter ihnen vor ihrer Geburt vorgelesen haben.9 Forscher haben gezeigt, dass Babys, deren Eltern bereits vor der Geburt für bereichernde Anregungen sorgen, einen größeren Kopfumfang haben und sich im Vergleich zu Kontrollgruppen motorisch, kognitiv, sprachlich und sozial besser entwickeln.10 Noch bis zum Alter von sechs Jahren zeigen diese Kinder Entwicklungsvorsprünge.

Auch wenn manche Menschen sich dafür aussprechen, systematisch für pränatale Stimulation zu sorgen, halte ich das nicht für notwendig. Sie können für Ihr Ungeborenes einfach singen, mit ihm reden, es im Rhythmus von Musik wiegen oder mit ihm tanzen, Ihren Unterleib streicheln oder reiben, um Ihr Baby zu massieren, oder das Strampeln Ihres Kindes beantworten, indem Sie mit der Hand leicht auf den Bauch drücken, um einen nonverbalen »Dialog« mit Ihrem ungeborenen Baby zu führen. Das alles kann sowohl die Mutter als auch der Vater tun. Väter können mit dem Fötus sanft sprechen, indem sie dabei ihre Lippen auf den Unterleib der Mutter drücken (siehe Thomas Vernys Buch Das Seelenleben des Ungeborenen).11

Für welche pränatalen Anregungen Sie auch sorgen, wichtig ist, sie einfach und natürlich zu gestalten und Ihr Baby nicht zu überreizen oder zu stimulieren, wenn es gerade schläft. Am besten nehmen Sie zu Ihrem ungeborenen Kind immer dann Kontakt auf, wenn Sie spüren, dass es gerade aktiv ist. Ihr Ziel sollte sein, eine liebevolle Beziehung zu Ihrem Kind aufzubauen und nicht, ein »Superbaby« aus ihm zu machen.

Pränatale Stimulation und Kommunikation fördern nicht nur die Entwicklung der kognitiven Funktionen, sondern bewirken auch, dass sich Ihr Kind bereits vor der Geburt als Familienmitglied angenommen fühlt. Manche Eltern können zu ihrem ruhigen Ungeborenen leichter eine positive Beziehung eingehen als zum schreienden, fordernden Säugling. Wenn Sie bereits vor der Geburt eine Bindung zu Ihrem Kind knüpfen, können Sie nach der Geburt wahrscheinlich besser und geduldiger auf seine Bedürfnisse eingehen.

Ist die Geburt für Säuglinge eine traumatische Erfahrung?

Eine Geburt ist eine intensive, tief gehende und äußerst stressige Erfahrung für alle Beteiligten, aber sie muss nicht traumatisch sein. Wenn Ihr Baby auf sanfte, natürliche Weise ohne Komplikationen oder Medikamente zur Welt kommt, hat seine Geburt wahrscheinlich keine langfristigen traumatischen Auswirkungen.

Viele Geburten sind für Babys jedoch eine große Qual. Oft erkennen Menschen die heftigen emotionalen Auswirkungen eines Geburtstraumas nicht, die das spätere Gefühlsleben und Verhalten des Babys beeinträchtigen können. Untersuchungen haben gezeigt, dass Komplikationen bei der Geburt mit einer späteren Anfälligkeit für emotionale Probleme und Verhaltensstörungen einschließlich Schizophrenie, Drogenmissbrauch, Depressionen, Selbstmord und Gewalttätigkeit korrelieren.12

Alle Schwierigkeiten oder Komplikationen bei den Wehen oder der Entbindung können starke Nachwirkungen haben, weil der Säugling nicht gewohnt ist, mit stressigen Situationen umzugehen und nicht versteht, was da geschieht. Besonders traumatisch sind Geburtserfahrungen, wenn das Leben des Kindes in Gefahr gerät. Auch wenn es das Trauma nicht unmittelbar selbst erlebt, wird es (über die Plazenta) durch die physiologischen Stressreaktionen der Mutter biochemisch in Mitleidenschaft gezogen.

Die meisten Eingriffe bei der Geburt können emotional traumatisch sein, selbst wenn sie das Leben des Babys retten. Experten auf dem Gebiet des Geburtstraumas (wie Arthur Janov und William Emerson) haben beobachtet, dass Narkose, Zangengeburt und Vakuumextraktion (Saugglockengeburt, Anm. d. Ü.), künstliche Einleitung oder Betäubung der Wehen sowie ein Kaiserschnitt negative psychologische Folgen haben.13 Auch eine Frühgeburt oder Steißgeburt sowie Sauerstoffmangel oder ungewöhnlich lange Wehen können psychischen Stress verursachen.14 Deswegen ist es wichtig, dass das medizinische Personal Eltern vor den potenziellen emotionalen Auswirkungen auf das Kind warnt, welche diese medizinischen Eingriffe sowie Komplikationen bei der Geburt haben können.

Untersuchungen zeigen, dass sich viele Kinder an ihre Geburt erinnern und diese Erinnerungen mit der Realität übereinstimmen. In seinem Buch Woran Babys sich erinnern beschreibt David Chamberlain faktische Geburtserinnerungen, von denen Kinder berichteten. Außerdem können viele Erwachsene sich in Hypnose an ihre Geburt erinnern.15 Alles, was Ihrem Baby bei der Geburt passiert, wird also irgendwo in seinem Gehirn abgespeichert und kann Nachwirkungen für das Kind haben.

Schmerzliche oder beängstigende Erfahrungen unmittelbar nach der Geburt können ebenso traumatisch sein wie die Geburt selbst. In dieser Phase ist das Neugeborene vielen neuen Erfahrungen ausgesetzt. Es ringt darum, einen Sinn in diesem Chaos zu finden, indem es nach Ähnlichkeiten zwischen neuen Empfindungen und den alten, vertrauten sucht, denn so funktioniert das menschliche Gehirn. Nie wieder wird das Neugeborene mit so vielen neuen Eindrücken und Informationen auf einmal regelrecht bombardiert. Ob dieser Übergang – die größte herausfordernde Lernerfahrung im Leben überhaupt – eine angenehme und bedeutungsvolle Annäherung an die neue Lebenssituation ist oder aber als Verwirrung erlebt wird, hängt davon ab, wie Sie mit Ihrem Neugeborenen umgehen.

In der Gebärmutter war das Baby die Geräusche des mütterlichen Körpers (Herzschlag, Verdauungsgeräusche und die Stimme der Mutter), andere leise Geräusche, gedämpftes Licht, eine konstante Temperatur und ständige Bewegung gewöhnt. Deswegen kann es für das Neugeborene beängstigend sein, Kälte, helles Licht, Stille, grobe Berührungen und laute Geräusche zu erleben oder von der Mutter getrennt zu werden. Wenn die Mutter ihr Baby jedoch dicht am Körper hält, hört es ihren Herzschlag und ihre Stimme und spürt das vertraute sanfte Wiegen durch ihre Atembewegungen. Das ist tröstlich für das Kind. Wird ihm hingegen die mütterliche Präsenz genommen, hat es größere Schwierigkeiten, all die neuen Empfindungen in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Das kann zu einer Überlastung seines Sinnesapparates führen, was Verwirrung und Panik zur Folge hat. Kann die Mutter ihr Baby nicht halten, dann sollte der Vater oder eine andere Person es auf den Arm nehmen.

Wichtig ist, dass Sie Ihr Baby von Anfang an genau beobachten, um zu wissen, was das Beste für Ihr Kind ist und auf seine Signale richtig eingehen zu können. Wenn es blinzelt, ist das Licht zu hell. Macht es saugende Geräusche, ist es wahrscheinlich bereit für seine erste Mahlzeit. Wenn es müde ist, schläft es ein und wacht automatisch auf, sobald sich Hunger einstellt. Es ist nicht nötig, ein schlafendes Baby zu wecken, um es zu füttern, es sei denn, es steht unter dem Einfluss von Medikamenten. Es gibt für die Zeit unmittelbar nach der Geburt nicht die eine richtige »Verhaltensstrategie« im Umgang mit dem Kind. Jedes Baby ist einzigartig, und so sollte auch unser Umgang mit ihm sein. Wichtig ist, das Neugeborene so liebevoll und behutsam wie möglich zu behandeln und es nicht zu vielen Reizen auszusetzen.

Forscher haben herausgefunden, dass körperlicher Schmerz, den Säuglinge in der Phase unmittelbar nach der Geburt erleben, langfristige Folgen für die zukünftige Entwicklung des Kindes haben kann, da der Säugling für Schmerz sensibilisiert wird. Kleine Jungen, die man gleich nach der Geburt beschnitten hatte, weinten bei Routineimpfungen im Alter von vier und sechs Monaten heftiger als Säuglinge, die nicht beschnitten worden waren. Ihr Weinen war weniger intensiv, wenn man sie vor der Beschneidung mit einer anästhesierenden, schmerzlindernden Salbe behandelte, doch weinten sie immer noch stärker als die nicht beschnittenen männlichen Säuglinge.16 Bevor Sie beschließen, Ihren Sohn zu beschneiden, sollten Sie sich also die möglichen emotionalen Auswirkungen bewusst machen, die diese Prozedur langfristig auf Ihr Baby haben kann. Neugeborene sind extrem sensibel für die Stimmung der Menschen in ihrer Umgebung.17 Wenn Sie beispielsweise enttäuscht sind, dass Sie einen Jungen statt ein Mädchen zur Welt gebracht haben, spürt Ihr Baby das wahrscheinlich und reagiert ängstlich und verwirrt. Wenn Sie große Angst um das Leben Ihres Kindes haben, können diese Gefühle ansteckend sein. Selbst wenn Sie Ihren emotionalen Zustand nach der Geburt nicht kontrollieren und auch nicht vor dem Kind verbergen können: Wenn Ihnen die möglichen Auswirkungen Ihrer Gefühle auf Ihren Säugling bewusst sind, können Sie ihm besser helfen, die psychischen Folgen zu überwinden, die diese frühen traumatischen Eindrücke für das Kind haben.

Es gibt viele Formen von Psychotherapie, die Erwachsenen helfen können, ein Geburtstrauma oder andere frühere Traumen zu verarbeiten. Glücklicherweise können Babys die psychischen Auswirkungen eines Geburtstraumas noch im Säuglingsalter überwinden (wie in Kapitel 2 beschrieben), sodass sie später im Leben nicht unbedingt eine Therapie benötigen. Die negativen Auswirkungen einer traumatischen Geburt müssen also keine lebenslangen Probleme zur Folge haben. Nur wenn Babys keine Gelegenheit zur Heilung bekommen, besteht das Risiko für spätere emotionale Schwierigkeiten.

Was kann ich tun, damit die Geburt positiv verläuft?

Sie können, außer sich gesund zu ernähren und die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen, noch weitere Schritte tun, damit die Geburt für alle Beteiligten ein möglichst positives Erlebnis wird. In Geburtsvorbereitungskursen lernen Sie Atem- und Entspannungsübungen, durch die Medikamente oft überflüssig werden. Hier bekommen Sie auch nützliche Informationen über die Wehen und den Geburtsverlauf, sodass Sie wissen, was Sie erwartet. Allen Eltern, die ein Baby erwarten, möchte ich diese Kurse nachdrücklich empfehlen.

Die innere Verfassung der Gebärenden kann den Verlauf ihrer Wehen beeinflussen. Wenn sie glaubt, emotional nicht bereit oder reif für ein Baby zu sein, kann sie sich unbewusst dagegen sperren, dass ihr Körper das Kind herauspresst. Oder der Schmerz der Wehenkontraktionen löst Erinnerungen an früheren körperlichen Schmerz wie Krankheit oder Missbrauch aus, sodass sie die Situation unbewusst als bedrohlich interpretiert. Dann mobilisiert sie die Abwehrmechanismen ihres Körpers bei Gefahr (eine Stressreaktion) und hemmt damit den Fortschritt der Wehen. Das Gebären kann bei einer Frau auch unbewusste Erinnerungen an ihre eigene traumatische Geburt auslösen, was möglicherweise zu Schwierigkeiten führt.18

Auch wenn die Menschen, die eine Geburt begleiten, bei der Gebärenden Gefühle wie Ohnmacht, Angst, Entmutigung oder Druck auslösen, kann das die Wehen erschweren. Eine Frau in den Wehen muss das Gefühl haben, dass sie selbst die Kontrolle hat, die anderen sie in ihren Entscheidungen unterstützen und sie alles tun kann, was notwendig ist, um die Schmerzen zu steuern und sich zu entspannen. Sowohl während der Wehen als auch beim Geburtsvorgang selbst muss sie ganz nach eigenem Belieben jede Körperposition einnehmen dürfen.

Es ist also wichtig, dass Sie in den Wehen emotional angemessen unterstützt werden. Die Menschen, die Sie begleiten, sollten ruhig und geduldig sein, Sie ermutigen und Ihrer Gebärfähigkeit vertrauen. Sie sollten die Stärke aufbringen, sich in schwierigen Situationen für Ihre Rechte einzusetzen, und darauf vertrauen, dass Sie wissen, was unter den gegebenen Umständen das Beste ist. Manche Frauen wollen in den Wehen gehalten werden, während andere keine Berührungen wünschen. Einige Frauen finden es erleichternd, in den Wehenpausen zu reden, zu lachen oder zu weinen. Andere spazieren gern im Zimmer herum, genießen eine Massage, meditieren oder kommen durch ein warmes Bad zur Ruhe. All diese Methoden helfen, sich zu entspannen und den emotionalen oder körperlichen Schmerz zu bewältigen.

In vielen traditionellen Kulturen bekommen werdende Mütter eine Frau zur Seite, die Doula (altgriechisch: Dienerin der Frau, Anm. d. Ü.) heißt und die sie in der Schwangerschaft, während der Entbindung und in der Zeit nach der Geburt unterstützt. Die Rolle der Doula besteht darin, »die Mutter zu bemuttern« und sich um deren emotionale und körperliche Bedürfnisse zu kümmern. Sie hat also andere Aufgaben als der Wehenbegleiter, der häufig der Vater des Kindes ist. Die Idee der Doula wird auch bei uns allmählich populär. Untersuchungen haben gezeigt, dass durch Anwesenheit einer Doula während der Wehen und bei der Entbindung der Bedarf an Schmerzmitteln abnimmt und Frauen die Geburt positiver wahrnehmen.19 Frauen, die von einer Doula begleitet wurden, stillen ihre Kinder sechs Wochen nach der Geburt häufiger als andere Frauen. Außerdem sind sie laut Selbstaussage weniger depressiv und haben mehr Selbstachtung und Respekt für ihr Baby als Mütter, die nicht in dieser Form unterstützt wurden.20 Es ist also eindeutig eine Bereicherung, bei den Wehen und in der postnatalen Phase nicht nur vom Kindsvater, sondern noch von einem weiteren Menschen Unterstützung zu bekommen.

Wenn Sie mithilfe einer Hebamme zu Hause entbinden wollen, dürfte es für Sie nicht schwierig sein, mit Ihrem Neugeborenen in Kontakt zu bleiben. Sollten Sie eine Entbindung im Krankenhaus planen, können Sie sich nach den dortigen Gepflogenheiten erkundigen und den Zuständigen Ihre Wünsche rechtzeitig vor dem Geburtstermin mitteilen. Die meisten Ärzte und Krankenhäuser kommen ihren Patientinnen gern entgegen und sind bereit, die Entbindung und postnatale Routineabläufe vorher mit ihnen durchzusprechen. Wichtig ist, bei Ihren Überlegungen auch die Möglichkeit eines Kaiserschnitts zu berücksichtigen und die postnatalen medizinischen Behandlungsmethoden bei einem solchen Notfall ebenfalls zu besprechen. Wenn Sie mitentscheiden können, ist eine lokale Betäubung ratsamer als eine Vollnarkose, denn so können Sie Ihr Neugeborenes direkt nach der Kaiserschnittgeburt sehen und berühren. Manche Paare formulieren ihre Wünsche an den Ablauf der Geburt schriftlich, um sie klar zum Ausdruck zu bringen und sie mit ihrem Arzt oder ihrer Hebamme vor der Geburt zu besprechen.21 Vor allem in großen Kliniken mit häufigen Schichtwechseln, wo Sie nicht genau wissen, wer Sie bei der Geburt begleiten wird, ist solch ein schriftlicher Plan, der Ihrer Akte beiliegt, sehr nützlich.

Wenn Patientinnen ihre Wünsche nicht deutlich formulieren, können sie kaum damit rechnen, dass Ärzte und Krankenschwestern von der üblichen Routineversorgung abweichen. Im Gegensatz zu früher dürfen Väter heute in den Krankenhäusern mit in den Kreißsaal, doch nur deswegen, weil viele Eltern auf dieser Veränderung bestanden haben.22 Vor der Geburt meiner Tochter habe ich dem Arzt meine Wünsche rechtzeitig klar dargelegt. Ich bestand darauf, dass er nur dann medizinische Eingriffe vornehmen sollte, wenn es absolut notwendig wäre. Außerdem wollte ich das Geburtszimmer des Krankenhauses benutzen (ein und derselbe Raum für Wehen und Entbindungen) und bestand darauf, dass sowohl mein fünfjähriger Sohn als auch mein Mann, meine Mutter und meine Schwester bei der Geburt anwesend sein dürfen. Alle meine Forderungen wurden erfüllt, und meine Tochter hatte, umgeben von ihrer Familie, eine wunderschöne Geburt.

Für das Krankenhauspersonal ist es natürlich bequemer und weniger riskant, bei der Routineversorgung zu bleiben, als Neues zu wagen. Sollten Sie sich mit Ihrem Arzt nicht einigen können, lohnt sich die Mühe, nach einem anderen Arzt oder Krankenhaus Ausschau zu halten oder eine Hausgeburt bzw. eine Geburt in einem Geburtshaus in Erwägung zu ziehen, denn Sie wollen sicherlich keine unangenehmen Überraschungen erleben, wenn Sie schon in den Wehen liegen.

Wenn Ihr Baby eine schwere Geburt hatte oder nicht alles nach Plan verlief, ist das kein Grund für Schuldgefühle. Sie haben ganz bestimmt Ihr Bestes gegeben. Wenn Sie sich kraftlos, wütend oder ängstlich fühlten, wird es Ihnen guttun, über die Geburt zu sprechen und sie einem aufmerksamen Zuhörer mehrmals zu erzählen. Vielleicht müssen Sie auch weinen oder Ihre Wut zum Ausdruck bringen, um entsprechende Emotionen zu verarbeiten. Viele Mütter stellen fest, dass sie in der postnatalen Phase leicht weinen können. Es ist wichtig, dass Sie Ihren Tränen freien Lauf lassen.

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem Interview mit einem Vater, der erzählte, wie enttäuscht er während und nach der Kaiserschnittgeburt seiner Tochter war:

Sie machten bei Jane einen Kaiserschnitt. Es war ein Notfall. Ich wollte bei der Geburt dabei sein, aber man ließ mich einfach im Flur zurück, wo ich allein wartete. Es war eine große Enttäuschung für mich, dass wir die Geburt nicht gemeinsam erleben konnten. Der Gynäkologe und die Krankenschwester schoben meine neugeborene Tochter Jennifer in ihrem Bettchen in den Fahrstuhl und brachten sie auf die Säuglingsstation in der nächsten Etage. Also konnte ich sie nicht halten. Und dann war sie auch schon hinter Glas. Mir fiel gar nicht ein, dass ich darum hätte bitten können, sie zu berühren. Ich dachte, ich hätte nicht das Recht dazu, und es sei auch nicht so wichtig. Wenn wir noch ein weiteres Kind bekommen, würde ich das nicht wieder zulassen. Ich würde vieles anders machen und etwas sagen, wenn das wieder so abliefe. Ich weiß nicht, warum ich in diesem Fall nicht den Mund aufgemacht habe. Sie wirkten alle so tüchtig, und ich fühlte mich wirklich als Außenseiter. Ich wusste nicht, wie ich mich durchsetzen sollte, was ich sagen oder an wen ich mich wenden könnte. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass ich Jennifer hätte berühren und auf den Arm nehmen können. Alles ging so schnell. Außerdem hatte ich überhaupt keine Erfahrung im Umgang mit Babys, und ich dachte, sie sind so zerbrechlich, als Mann halte ich mich da besser zurück und überlasse das den Krankenschwestern ... Ich weiß noch, dass ich später zu Hause geweint habe.

Obwohl ein Geburtstrauma lebenslange Auswirkungen auf Ihr Baby haben kann, sind die emotionalen Auswirkungen eines Geburtstraumas reversibel, und Babys können sie noch im Säuglingsalter überwinden. Wenn Ihr Baby also eine traumatische Geburt hatte, muss ihm das keine lebenslangen Schäden zufügen, denn Sie können ihm helfen, diese Erfahrung zu verarbeiten. In Kapitel 2 beschreibe ich, wie Sie die natürliche Tendenz Ihres Babys zur Selbstheilung erkennen und es darin unterstützen können.

Es ist wichtig, dass Sie sich nach der Geburt richtig ausruhen und mit der Wiederaufnahme Ihrer üblichen Tätigkeiten warten, bis Sie wieder voll bei Kräften sind. In westlichen Gesellschaften erwartet man von Frauen, dass sie nach einer Geburt schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, und betrachtet diese als kurzfristige Unterbrechung und Unannehmlichkeit. Ihrer Gesundheit bekommt es jedoch besser, wenn Sie diese Haltung nicht übernehmen und die Geburt vielmehr als einen wichtigen körperlichen und emotionalen Übergang betrachten, von dem Sie sich wochenlang erholen müssen. Und Sie müssen lernen, sich auf die neue Situation einzustellen. Bei der Planung der Geburt sollten Sie also nicht vergessen, dafür zu sorgen, dass Sie auch nach der Geburt angemessen unterstützt werden. Schaffen Sie ein Netzwerk aus Menschen, die Ihnen beim Kochen, Putzen und Wäschewaschen helfen, die Sie emotional unterstützen und Ihnen Ihr Baby gelegentlich abnehmen. Je mehr Hilfe und Unterstützung Sie haben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie eine postnatale Depression oder andere gesundheitliche Probleme bekommen.

Wie kann ich nach der Geburt die Bindung zwischen mir und meinem Baby fördern?

Bindung ist sozusagen der Prozess, bei dem Eltern sich in ihr Baby verlieben. Beide Eltern können eine sehr starke Bindung zum Baby entwickeln. Der Bedeutung des frühen, engen Kontakts mit dem neugeborenen Säugling, der als potenziell entscheidender Faktor für die Mutter-Kind-Bindung gilt, wird heute viel Aufmerksamkeit gewidmet. In den ersten Stunden nach der Geburt sind die meisten Babys, deren Mütter nicht unter Medikamenten stehen, ruhig, aufmerksam und haben die Augen weit geöffnet. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass Mütter in dieser Phase, ähnlich wie bestimmte Tierarten, für die Bindung an ihr Baby besonders offen und sensibel sind.

In einer ausführlichen Untersuchung über die Auswirkungen des frühen Kontakts zwischen Müttern und Säuglingen haben Forscher herausgefunden, dass Mütter, die unmittelbar nach der Geburt Kontakt mit ihrem Baby hatten, stärker zögern, ihr Kind im Alter von einem Monat einer anderen Person zu überlassen, als Mütter, die diesen frühen Kontakt nicht hatten. Die Mütter mit frühem Kontakt hatten auch mehr Möglichkeiten, ihr Baby zu beruhigen, wenn es bei körperlichen Untersuchungen schrie. Außerdem schauten sie ihrem Baby beim Füttern häufiger direkt in die Augen und streichelten es. Und man fand heraus, dass diese Mütter ihre Babys länger stillten und ihre Kinder im Alter von fünf Jahren einen höheren Intelligenzquotienten aufwiesen als die Babys von Müttern, die ihr Kind nicht unmittelbar nach der Geburt bei sich hatten. Die Forscher, die diese Studien begleiteten, zogen daraus den Schluss, dass die ersten Minuten und Stunden nach der Geburt für die Entwicklung der Bindung zum Säugling eine sensible und damit optimale Phase darstellt.23

Jüngere Untersuchungen zeigten außerdem, dass ein weiterer entscheidender Faktor für diese frühe Bindung ist, ob das Kind mit seinen Lippen die mütterliche Brustwarze berührt.24 Aus evolutionärer Sicht betrachtet, war eine starke Mutter-Säugling-Bindung für unsere Spezies lebensnotwendig. Bei manchen Tieren, wie Affen und Menschenaffen, können die Jungen sich am Fell der Mutter festkrallen. Bei anderen, wie Enten zum Beispiel, entwickeln die Jungen eine Bindung an die Mutter (oder was immer sie als Muttergestalt betrachten), indem sie hinter ihr herlaufen. Dieses Phänomen ist bekannt als »Prägung«. Bei diesen Tierarten müssen die Mütter keine starken Liebesgefühle für ihre Jungen entwickeln, um deren Überleben zu sichern.

Menschliche Babys jedoch sind extrem hilflos. Sie können sich weder an ihre Mütter klammern, noch ihnen hinterherlaufen. Die Natur hat dafür einen anderen Mechanismus eingerichtet, um zu verhindern, dass menschliche Säuglinge vernachlässigt werden, und sorgt auf diese Weise für ihr Überleben: durch die mütterliche Bindung oder Liebe. Dieser Mechanismus gleicht zwar dem der Prägung, verläuft aber umgekehrt, denn hier ist es die Mutter, die sich aktiv an ihr Kind bindet.

In dem folgenden Auszug aus einem Interview beschreibt eine Mutter mir ihre Gefühle für ihren neugeborenen Sohn, den sie ohne den Einsatz von Medikamenten geboren hatte:

Als er geboren war, hatte ich ein ganz warmherziges Gefühl. Ich war einfach entzückt von ihm. Er war so schön und vollkommen, und ich hielt ihn die ganze Nacht im Arm und sprach mit ihm. Ich hatte sofort ganz liebevolle Gefühle für ihn. Meine Schwangerschaft war eine äußerst positive Erfahrung. Ich wusste, dass ich genau das wollte. Ich war so glücklich, dass mit ihm alles in Ordnung war. Wenn ich ihn anschaute, war ich ganz gerührt von diesem kleinen menschlichen Wesen. Ich konnte kaum den Blick von ihm nehmen. Ich war geradezu ehrfürchtig und ganz aufgeregt und wollte allen erzählen, was ich da erlebte.

Forscher fanden heraus, dass auch die meisten Väter in den ersten drei Tagen eine Bindung an ihr Baby erleben. Diese Beziehung ist geprägt von der intensiven Beschäftigung mit dem Neugeborenen, der Sorge um das Kind und von dem Gefühl, jeden Moment mit dem Kind regelrecht aufsaugen zu wollen.25

Bei Beobachtungen von Hausgeburten fiel auf, dass Menschen, die während der Wehen und bei der Geburt anwesend sind, ganz gleich, ob sie verwandt mit dem Baby sind, eine stärkere Bindung zu ihm entwickeln als Freunde der Familie, die bei der Geburt nicht dabei waren.26 Die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt ist also ein wesentlicher Faktor für die Bindung zwischen Vater und Säugling. Väter müssen, ähnlich wie Mütter, das Gefühl haben, die Umstände bei der Geburt ihres Kindes mitbestimmen zu können. Wenn sie von den Ereignissen überrollt werden und keine Kontrolle darüber haben, fühlen sie sich hilflos und vielleicht auch schuldig und bekommen einen negativen Eindruck von der Geburt. Das kann ihre Fähigkeit, eine Bindung zu ihrem Baby zu entwickeln, beeinträchtigen.

Untersuchungen belegen, dass der Kontakt zwischen Vater und Kind in den Tagen nach der Geburt wichtig für eine weitere Vertiefung der Bindungsgefühle des Vaters ist.27 Väter, die man bat, ihren Säugling in den ersten drei Tagen zweimal täglich umzuziehen und eine Stunde lang Augenkontakt mit ihm zu haben, zeigten in den ersten drei Monaten ein stärkeres fürsorgliches Verhalten.

Während des Interviews, aus dem ich im Folgenden zitiere, hatte der Vater Tränen in den Augen, als er über seine Gefühle bei und nach der Geburt seines Sohnes sprach. Dieses Beispiel zeigt, wie stark die Bindung sein kann, die sich zwischen Vater und Säugling nach einem positiven Geburtserlebnis entwickelt:

Ich konnte sehen, wie Randys Kopf mit dem schwarzen Haarschopf hervorkam, der völlig nass und platt gedrückt war. Als der Kopf schließlich ganz draußen war, war ich völlig überwältigt. Ich finde kaum Worte dafür. Hier passierte das, worauf wir so lange gewartet hatten. Nachdem wir ihn beide im Arm gehalten hatten, legten sie ihn unter eine grelle Lampe. Ich ging zu ihm. Er hatte die Augen geschlossen, weil das Licht so stark war. Ich hielt meine Hand über seine Augen, um sie vor dem Licht zu schützen, saß da und betrachtete ihn. Ich glaube, ich habe auch mit ihm geredet. Schon bald öffnete er seine Augen, lag einfach da und schaute mich an. Unglaublich, aber ich hatte das ganz starke Gefühl, mit ihm zu kommunizieren. Das ging etwa eine halbe Stunde so. Ich hatte das eindeutige Gefühl, dass er mich sehen konnte. Ich weiß noch, dass ich mich richtig stark zu ihm hingezogen fühlte. Das war ein ganz persönlicher Kontakt nur zwischen uns beiden, obwohl wir uns mitten im Kreißsaal befanden. Menschen gingen dicht an uns vorbei, doch ich war völlig versunken in das, was da zwischen uns passierte. Es gab nur uns beide.

Es ist also für Väter äußerst ratsam, dass sie bei der Geburt anwesend sind und in den Stunden und Tagen nach der Geburt mit ihrem Säugling Kontakt haben, um den Bindungsprozess zu ermöglichen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Väter sich um ihr Baby kümmern wollen.

Mütter haben nicht zwangsläufig eine stärkere Bindung an ihr Baby als Väter, auch wenn hormonelle und andere physiologische Faktoren die Beziehung einer Mutter zu ihrem Baby beeinflussen, besonders wenn sie stillt, und ihre Bindung an das Kind eindeutig anders aussieht als die des Vaters.

Sollte man Ihnen den Kontakt mit Ihrem Säugling unmittelbar nach der Geburt verweigert haben, ist es normal, dass Sie traurig darüber sind, diese frühe Gelegenheit, mit Ihrem Kind eine Bindung einzugehen, verpasst zu haben. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass Sie Ihr Kind deshalb nicht automatisch ablehnen oder schlecht behandeln. Dafür braucht es ganz andere Umstände. Viele Mütter und Väter empfinden auch dann eine starke Bindung an ihr Baby und sind ausgezeichnete Eltern, wenn ihnen dieser frühe Kontakt nicht möglich war. Tatsächlich stimmen auch nicht alle Forscher mit den Schlussfolgerungen überein, die aus den Untersuchungen über Bindungsverhalten gezogen werden. Und in einigen Studien ist überhaupt nicht die Rede davon, dass der Mangel an engem Kontakt unmittelbar nach der Geburt auf die Liebesgefühle von Müttern für ihre Babys negative Auswirkungen hat.28

Bei manchen Eltern beginnt die Entwicklung der Bindung, sollte der frühe Bindungsprozess gestört worden sein, einfach etwas verspätet. Tatsächlich kann sich dieses enge Band zwischen Eltern und Kind an jedem Punkt im Leben des Kindes entwickeln und verbessert ihre Beziehung in jedem Fall. Bevor sie diese Bindung spüren können, müssen Mutter und Vater aber wahrscheinlich erst einmal betrauern, dass sie kurz nach der Geburt von ihrem Baby getrennt wurden. Eine Mutter schrieb: »Mein Sohn war schon 15, als ich darüber weinte, dass ich ihn unmittelbar nach der Geburt nicht bei mir hatte. Wir brauchten 15 Jahre, um die Beziehung zueinander zu bekommen, die ich mir so gewünscht hatte. Mein Kummer hatte dem immer im Weg gestanden, obwohl ich so viel Liebe zu geben hatte.«29

Enger Körperkontakt fördert den Bindungsprozess auch dann, wenn er nicht unmittelbar nach der Geburt stattfindet. Auf manchen Frühgeborenenstationen findet die Känguru-Methode Anwendung. Hierzu bittet man die Mütter (und manchmal auch die Väter), ihre zu früh auf die Welt gekommenen Säuglinge täglich mehrere Stunden eng am Brustkorb zu halten. Diese Methode wurde in Kolumbien entwickelt und ist mittlerweile auch in den Vereinigten Staaten und Europa verbreitet. Forscher haben festgestellt, dass Mütter, die man bat zu »känguruen«, eine stärkere Bindung zum Säugling haben und sich als Mutter kompetenter fühlen als Mütter, deren Frühchen die übliche Brutkastenversorgung erhielten. Die Babys profitieren ebenfalls davon: Sie schlafen länger und haben weniger Atemaussetzer.30

Auch das Stillen fördert die Bindung an Ihren Säugling. Dabei entsteht zwangsläufig mehrmals am Tag ein enger und intimer Kontakt zwischen Mutter und Kind, unterstützt durch bestimmte Hormone, welche das Gefühl der Bindung der Mutter an ihr Baby verstärken. Frauen, die Milch produzieren, haben einen hohen Anteil an Prolaktin und Oxytocin, auch »Bindungs- und Liebeshormon« genannt, im Blut, die bewirken, dass sie den starken Wunsch nach Körperkontakt zu ihrem Baby verspüren.31 Außerdem erleben manche Mütter beim Stillen meist angenehme Kontraktionen der Gebärmutter (Uterus), die schwachen Orgasmen gleichen. Diese Kontraktionen können jedoch in der unmittelbaren postnatalen Phase, in der sie die Funktion haben, Blutungen zu lindern und dem Uterus wieder zu seiner üblichen Größe zu verhelfen, auch sehr schmerzhaft sein. Viele Frauen leiden anfangs zudem unter schmerzenden Brustwarzen. Aber das sind meistens nur vorübergehende Beschwerden, von denen Sie jedoch wissen sollten. Wie der Liebesakt, sollte auch das Stillen lustvoll sein, denn beide Aktivitäten tragen zur Fortpflanzung und damit zur Erhaltung der menschlichen Spezies bei.

Auch wenn der enge Kontakt nach der Geburt und das Stillen Ihnen helfen, eine Bindung zu Ihrem Baby aufzubauen, ist beides dafür nicht zwingend notwendig. Vielen Eltern reicht das Wissen um die biologische Verwandtschaft mit ihrem Kind für eine starke Bindung. Ja, selbst dieses Wissen ist nicht allein ausschlaggebend, denn auch viele Eltern mit adoptierten Babys erleben eine sehr starke Bindung an ihr Kind. Der komplexe Bindungsprozess ist also eindeutig nicht nur von einem einzigen Faktor abhängig.

Babys unterscheiden sich aufgrund erblicher Faktoren und pränataler Erfahrungen von Geburt an in mehrfacher Hinsicht. Diese Unterschiede können die Eltern-Kind-Beziehung stark beeinflussen. Wenn Sie selbst ein beweglicher, sportlicher Mensch sind, kann ein aktives Baby für Sie eine große Freude sein. Aber wenn Sie lieber ruhig dasitzen und lesen oder Musik hören, ist Ihnen wahrscheinlich ein Baby näher, das sich ebenfalls gern still umschaut und lauscht. Wenn Ihr Baby viel weint oder keinen regelmäßigen Fütter- und Schlafrhythmus hat, fällt es Ihnen vielleicht besonders schwer, eine Bindung zu ihm zu entwickeln.

Weitere Faktoren, die Ihre Gefühle für Ihr Kind beeinflussen können, sind sein Geschlecht, sein körperliches Aussehen und eventuelle gesundheitliche Probleme oder Behinderungen. Vielleicht müssen Sie darüber trauern, dass Ihr Baby nicht das »Idealbaby« ist, das Sie sich immer vorgestellt haben. Versuchen Sie einen Menschen zu finden, dem Sie das alles erzählen können, der Sie unterstützt, indem er Ihnen zuhört, ohne Ihnen Vorwürfe zu machen, wenn Sie zugeben, dass Ihr Baby nicht Ihren Erwartungen entspricht.

Wenn Sie Schuldgefühle haben, weil Sie für Ihr Baby nicht genug Liebe empfinden, sollten Sie sich klarmachen, dass das nicht Ihr Fehler ist. Von ihrer Gesamtsituation aus betrachtet, tun alle Eltern ihr Bestes. Es ist wichtig, dass Sie sich selbst schätzen und sich auf Ihre Stärken als Eltern konzentrieren. Bedenken Sie, wie gut Sie sich um Ihr Baby kümmern, obwohl die Geburt möglicherweise kompliziert verlief, Sie nicht gleich Kontakt zu ihm aufnehmen konnten, es nicht stillen können, gesundheitliche Probleme oder anderen Stress in Ihrem Leben haben.

Wenn Sie, aus welchem Grund auch immer, keine starke Bindung zu Ihrem Baby empfinden, denken Sie vielleicht, dass Sie Ihr Baby nicht in den Armen halten müssen oder es von Ihnen nicht gehalten werden will. Das stimmt nicht. Ihr Baby braucht Sie dringend, und Sie als Eltern sind am besten qualifiziert, um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Ziehen Sie sich also nicht von Ihrem Baby zurück. Je häufiger Sie es im Arm halten, desto liebevollere Gefühle werden Sie wahrscheinlich empfinden.

Was braucht mein neugeborenes Baby?

Die menschliche Spezies verfügt über ein sehr großes Gehirn, das auch einen großen Schädel benötigt. Aus diesem Grund wird der menschliche Fötus in einem frühen Entwicklungsstadium geboren. Würde sich die Geburt verzögern, bis das Gehirn noch größer ist, könnte der Fötus den Geburtskanal nicht passieren, was sowohl für die Mutter als auch für das Baby tödliche Folgen haben könnte.32 Das Überleben der menschlichen Art ist also damit verbunden, dass Babys bei der Geburt hilfloser sind als die meisten anderen Säugetiere. Manche Paläontologen gehen davon aus, dass im ersten Jahr nach der Geburt die Schwangerschaft abgeschlossen wird, und das Gehirn schnell weiterwächst. Ihrer Meinung nach dauert die Schwangerschaft der menschlichen Spezies in Wirklichkeit also nicht neun, sondern 21 Monate.33 Obwohl neugeborene Kinder also schon sehen, hören und sich sozial austauschen könnten, sind sie in Bezug auf Wärme, Schutz und Nahrung völlig von anderen abhängig.