Warum die Welt einfach nicht untergeht - Gregg Easterbrook - E-Book

Warum die Welt einfach nicht untergeht E-Book

Gregg Easterbrook

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Beschreibung

Die Zukunft scheint düster zu sein: Der Klimawandel bedroht das Leben auf der Erde, der soziale Zusammenhalt bröckelt, und unsere Demokratien sind in Gefahr. Alles kein Grund zum Verzweifeln, sagt Gregg Easterbrook, denn es steht besser um die Welt, als wir denken! Die Menschheit findet immer wieder kreative Antworten auf drängende Probleme der Zeit, und die meisten ökologischen, sozialen und technologischen Entwicklungen gehen in die richtige Richtung.  Easterbrook nimmt sieben Krisenszenarien unter die Lupe, von Epidemien bis zu Technologien, die außer Kontrolle geraten. Auf Grundlage zahlreicher Studien erklärt er, warum wir trotz allem optimistisch in die Zukunft blicken sollten.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deFür William Whitworthvon der Arkansas Gazette über The New Yorkerzum Chefredakteur von The Atlantic:der unübertreffliche RedakteurÜbersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karsten Petersen© Gregg Easterbrook, 2018Titel der amerikanischen Originalausgabe: »It’s Better Than It Looks« bei PublicAffairs, New York 2018Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2019Covergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotive: Buena Vista Images / Getty Images (Erde); Shutterstock.com (Wasser, Himmel) Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Cover & Impressum

Motto

Vorwort

Optimismus kommt aus der Mode

Erster Teil

Warum die Welt sich weigert unterzugehen

1 Wieso verhungern wir nicht?

2 Wieso leben wir trotz unserer schlechten Angewohnheiten immer länger?

3 Wird die Natur zugrunde gehen?

4 Wird die Wirtschaft zusammenbrechen?

5 Wieso geht die Gewalt zurück?

6 Wieso wird die Technologie sicherer statt gefährlicher?

7 Wieso gewinnen die Diktatoren nicht?

Zweiter Teil

Eine bessere Welt ist näher, als es scheint

8 Wie die Schwarzmalerei in Mode kam

9 Die »unmögliche« Herausforderung durch Klimaveränderung

10 Die »unmögliche« Herausforderung durch Ungleichheit

11 Herausforderungen wird es immer mehr als genug geben …

12 … und es wird nie zu spät sein

Dank

Anmerkungen

Die wichtige Tatsache, die man nicht vergessen darf, ist, dass der Trend der Zivilisation stets nach oben zeigt.

Franklin Delano Roosevelt kurz vor seinem Tod im Jahr 1945

Vorwort

Optimismus kommt aus der Mode

An jenem Tag im November 2016, an dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, betrug die Arbeitslosenquote in den USA 4,6 Prozent – eine Zahl, angesichts derer die Ökonomen der 1970er-Jahre voller Dankbarkeit niedergekniet wären und den Boden geküsst hätten. Inflationsbereinigt lag der Benzinpreis im Jahr 2016 auf demselben Niveau wie damals, als begeisterte Teenager die Plattenläden stürmten, um die neueste 45-rpm-Mono-Single zu kaufen. Natürliche Rohstoffe und Nahrungsmittel waren im Überfluss vorhanden. Die Gehälter der Mittelschicht und die Haushaltseinkommen stiegen. Die amerikanische[1] Wirtschaft war seit 89 aufeinanderfolgenden Monaten gewachsen. Im privaten Sektor waren seit 80 aufeinanderfolgenden Monaten neue Arbeitsplätze entstanden, wodurch der vorherige Rekord von 48 Monaten beinahe verdoppelt worden war; in weniger als zehn Jahren waren unterm Strich acht Millionen neue Jobs geschaffen worden. Die US-Industrieproduktion war so hoch wie noch nie. Seit zehn Jahren war die Inflationsrate niedrig gewesen, während Hypothekenzinsen und andere Kreditkosten historische Tiefststände erreicht hatten. Die Kriminalität – vor allem in der Kategorie Tötungsdelikte – war seit Langem rückläufig. Abgesehen von Treibhausgasemissionen gingen alle Arten von Umweltverschmutzung seit Langem zurück, ebenso wie alle Formen von Diskriminierung und die Häufigkeiten der meisten Krankheiten. Bildungsniveau und Lebenserwartung der Menschen waren höher denn je. Zwei Drittel der Währungsreserven weltweit wurden in US-Dollar gehalten, was bedeutete, dass die übrige Welt die Aussichten der USA für glänzend hielt. Die Vereinigten Staaten waren nicht nur die stärkste Militärmacht der Welt, sondern sie waren stärker als alle anderen Militärmächte zusammengenommen. Objektiv betrachtet ging es den Vereinigten Staaten so gut wie noch nie.

Dennoch konnte Trump seinen Wählern einreden, dass »unser Land zur Hölle geht«. Obwohl die Industrieproduktion auf dem höchsten Stand aller Zeiten war, überzeugte er seine Wähler, dass »wir nichts mehr herstellen«, dass es der Wirtschaft »immer schlechter« gehe, »immer nur bergab, bergab, bergab«. Trotz der Renaissance der Großstädte Boston, Chicago, Cleveland, Denver, Philadelphia, Pittsburgh und Washington, D.C., redete Trump seinen Wählern ein, dass »die amerikanischen Städte keine Bildung haben und keine Jobs«. Obwohl die Vereinigten Staaten von anderen Ländern als der Acht-Zentner-Gorilla angesehen wurden, überzeugte er seine Wähler, dass die USA in ihren Interaktionen mit dem Rest der Welt »immer nur den Kürzeren ziehen, wir verlieren bei allem«. Bei einem Wahlkampfauftritt in Colorado ein paar Tage vor der Wahl erzählte Trump seinen Zuhörern, sie würden »den Tiefpunkt der Geschichte unseres Landes« miterleben.

Nach der Präsidentschaftswahl 2016 überschlugen sich die Medien, um das Wahlergebnis den Meinungsforschern und Experten in die Schuhe zu schieben – oder den Russen, dem FBI, WikiLeaks, Sexismus oder Hillary Clintons unsäglichem Wahlkampf. Worauf es dabei jedoch ankommt, ist, dass die Wähler Trump glaubten, wenn er ihnen sagte, dass die Lage der Dinge ganz fürchterlich sei.

Trump war keineswegs der Einzige, der alles immer nur negativ sah. Im selben Jahr kam Bernie Sanders aus der Tiefe des linken Felds und lief beinahe der stark favorisierten Hillary Clinton bei der Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei den Rang ab, indem er die Vereinigten Staaten von heute in seiner Kampagne immer wieder als völlig am Boden zerstört darstellte. Die Zukunftsaussichten der Menschen, so behauptete Sanders, seien »zerstört« worden, mit Ausnahme derjenigen der allerreichsten Mitglieder der Gesellschaft. Sanders’ Unterstützer bejubelten seine genüsslich ausgebreiteten pessimistischen Behauptungen, von denen manche mindestens ebenso irrsinnig waren wie alles, was Trump jemals von sich gegeben hat. Sanders verkündete, die Amerikaner würden durch Umweltverschmutzung »vergiftet«, die auf die Gier der Großkonzerne zurückzuführen sei. Falls wir wirklich körperlich vergiftet werden, ist es doch seltsam, dass wir trotzdem immer länger leben.

Der Glaube, die Lage sei viel schlimmer, als sie tatsächlich ist, war nicht nur in den Vereinigten Staaten zu beobachten. Objektiv ging es Großbritannien im Jahr 2016 besser als je zuvor – gemessen an einem kräftigen Wirtschaftswachstum, der niedrigsten Arbeitslosenquote aller EU-Mitgliedsländer, großer persönlicher Freiheit, guter staatlicher Gesundheitsfürsorge, hohen Realeinkommen und fast jedem anderen Leitindikator. Kein einziger Brite aus den aktuellen Generationen ist in kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen europäischen Großmächten gefallen, im Gegensatz zu den zwei Millionen Toten und fünf Millionen Schwerverletzten aus den vorangegangenen Generationen, die europäischen Kriegen zum Opfer fielen. Dennoch forderten wütende britische Wähler im Jahr 2016, aus der Europäischen Union auszusteigen, weil sie offenbar glaubten, in ihrem von Ruhe und Wohlstand geprägten Gemeinwesen gehe es »immer nur bergab, bergab, bergab«.

Es gibt vier grundlegende Arten von Wissen. Die erste ist Gewissheit: Wir können sicher sein, dass die Sonne 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist. Eine zweite ist Glaube oder Zweifel: Wir können Überzeugungen, die auf dem Glauben an Gott beruhen, weder beweisen noch widerlegen. Eine dritte ist Meinung: Es gibt kein Richtig oder Falsch bei Geschmacksfragen – etwa welches Bier am besten schmeckt oder ob es beim Fußball den Videobeweis geben sollte.

Und dann ist da noch das, was wir glauben wollen. Was wir glauben wollen, kann jegliche Wahrnehmung, Beweisführung oder subjektive Haltung auf den Kopf stellen. Trump, Sanders und die Brexit-Bewegung trafen einen Nerv, weil die Leute das Schlimmste über die gesellschaftlichen Zustände glauben wollten. Sie wollten das Schlimmste glauben, obwohl es den Vereinigten Staaten damals so gut ging wie noch nie, man über Großbritannien das Gleiche sagen konnte und es der Welt insgesamt noch nie so gut gegangen war.

Natürlich gibt es immer viele Menschen und Familien, die mit persönlichen, gesundheitlichen oder finanziellen Problemen zu kämpfen haben. Der Tag, an dem kein einziger Mensch mehr krank, in Not oder verzweifelt ist, wird niemals kommen. Aber insgesamt gesehen ging es den Menschen zu keinem Zeitpunkt der amerikanischen Geschichte besser als 2016: Der Lebensstandard, das Pro-Kopf-Einkommen, die Kaufkraft, Gesundheit, Sicherheit, Freiheit und Lebenserwartung waren auf einem so hohen Niveau wie noch nie zuvor, und Frauen, Minderheiten und Homosexuelle genossen Freiheiten, die sie noch nie zuvor gehabt hatten. Und es hat auch noch nie eine Phase der menschlichen Geschichte gegeben, in der es einem typischen Bewohner der Welt so gut gegangen wäre.

Dazu eine Kennzahl. Zur selben Zeit, als die Menschen Trump und Sanders zujubelten, weil sie überall nur Zerstörung sahen, war der »misery index« (Elendsindex) – der sich aus Arbeitslosenquote plus Inflationsrate ergibt – auf seinem niedrigsten Stand seit einem halben Jahrhundert (bei dieser Kennzahl gilt: je niedriger, desto besser). Der normale Bürger muss leiden, wenn Arbeitslosigkeit und Inflation zur gleichen Zeit hoch sind; 2016 waren beide zur gleichen Zeit ungewöhnlich niedrig. Gewerkschaftsführer sprechen von den 1960er-Jahren als einem »goldenen Zeitalter für Arbeiter«, aber damals war der Elendsindex höher. Die Republikaner bezeichnen gern die Amtszeit Ronald Reagans als US-Präsident als ein »goldenes Zeitalter für Familien«, aber damals war der Elendsindex höher. Die Demokraten sprechen von der Amtszeit von US-Präsident Bill Clinton als dem »goldenen Zeitalter, um Wohlstand aufzubauen«, aber damals war der Elendsindex höher. Falls der Elendsindex der beste Indikator für die Lebensumstände des durchschnittlichen Amerikaners ist – was er vermutlich ist –, dann war 2016 ein goldenes Jahr. Dennoch beschworen die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen 2016 den Weltuntergang herauf – und die Wähler wollten ihnen glauben.

In meinem 2003 erschienenen Buch The Progress Paradox (Das Fortschrittsparadox) vertrat ich die Auffassung, dass die Menschen in den Vereinigten Staaten und anderen entwickelten Ländern unter »collapse anxiety« (Kollapsängsten) leiden – also unter der Angst, dass es ihren Lebensstil möglicherweise bald nicht mehr geben werde. Viele Beobachter befürchten, dass die von freien Marktwirtschaften, Rohstoffverbrauch, individuellen Freiheiten und demokratisch gewählten, rechtsstaatlichen Regierungen geprägte Gesellschaftsform nicht mehr lange überdauern wird. In diesem Buch werde ich eine ganze Reihe von Gründen aufzeigen, warum der westliche Lebensstil stabiler ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag – und warum eine bessere Welt näher ist, als es scheint. Aber niemand kann sicher sein, dass es nicht zu einem Zusammenbruch kommen wird, und diese Ungewissheit scheint ein ständiges, diffuses Unbehagen zu erzeugen, durch das die Menschen sich schlecht fühlen, obwohl objektiv gesehen der Zustand des Landes – und der Welt – meistenteils gut ist.

Seit The Progress Paradox erschien, habe ich versucht, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen: Obwohl das Leben immer besser wird, fühlen sich die Menschen immer schlechter. Wenn ich sage, das »Leben wird besser«, meine ich damit keineswegs alle Aspekte des Lebens – und auch nicht, dass es ausnahmslos für jeden einzelnen Menschen besser wird –, sondern vielmehr, dass es heute den meisten Menschen in den meisten Aspekten des Lebens besser geht als jeder früheren Generation.

Das scheint eigentlich kaum zu bestreiten zu sein – steht aber doch im Gegensatz zum gesellschaftlichen Konsens, weil heute so viele Menschen das Schlimmste glauben wollen. Darüber habe ich viel nachgedacht und mich entschieden, das Buch, das Sie jetzt in Händen halten, zu recherchieren und zu schreiben. Es hat drei Ziele.

Erstens will ich zeigen, dass trotz all der Ängste, des digitalisierten Geschreis und der nervenaufreibenden Oberflächlichkeit unserer Zeit die Lebensumstände in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union – sowie in den meisten, wenn auch keineswegs allen anderen Ländern – günstiger sind, als allgemein angenommen wird.

Das zweite Ziel ist, zu fragen, warum das so ist. Die günstigen Lebensumstände in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern entstanden nicht durch Zufall. Warum werden die meisten Dinge besser statt schlechter? Welche tieferen Ursachen – und vor allem welche Arten von Reform – verhindern einen Niedergang?

Drittens will ich in diesem Buch versuchen, die in der Vergangenheit aus erfolgreichen Reformen gelernten Lektionen aufzunehmen und sie auf die Dilemmata des 21. Jahrhunderts – etwa zunehmende Ungleichheit und Klimaveränderung – anzuwenden.

Aufgrund dieser drei Zielsetzungen hoffe ich, zeigen zu können, dass der Pfeil der Geschichte nach oben zeigt. Ich gehe nicht davon aus, dass der Lauf der Geschichte deterministisch sei, bestimmt durch Kräfte außerhalb unserer Entscheidungsmacht. Ich gehe auch nicht davon aus, dass der Lauf der Geschichte teleologisch sei, gelenkt auf ein wie auch immer geartetes Ziel. Und ich will nicht behaupten, dass der Lauf der Geschichte zyklisch ist oder im Voraus bestimmt durch etwas, was aus früheren Ereignissen vorhergesagt werden kann. (Thesen, dass die Geschichte in Zyklen verlaufen würde, beruhen auf der Annahme, es gebe »Geheimnisse«, die den Lauf der Geschichte »bestimmen«; vor diesem Hintergrund ist es beunruhigend, dass einige von Donald Trumps wichtigsten Beratern an den Hokuspokus von geschichtlichen Zyklen glauben.) Ich will nur behaupten, dass im Laufe der Zeit das Dasein der Menschen durchweg besser geworden ist und daher zu erwarten ist, dass diese Entwicklung sich auch in Zukunft fortsetzen wird.

Der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebende französische Philosoph Frédéric Bastiat war davon überzeugt, dass man, um eine Situation richtig einschätzen zu können, unbedingt auch berücksichtigen müsse, was stattdessen hätte geschehen können. Sein Essay zu diesem Thema, Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas(Was man sieht und was man nicht sieht), wurde zur Grundlage dessen, was Ökonomen heute als »Opportunitätskostenanalyse« bezeichnen: Man solle nicht nur über das nachdenken, was tatsächlich geschehen ist, sondern auch über das, was nicht geschah und somit ungesehen bleibt. Was sehen wir nicht auf unserer großen, sich drehenden Welt? Als Auftakt zu den drei Zielsetzungen für dieses Buch überlegen Sie einmal einen Moment, über welche Nöte wir uns keine Sorgen zu machen brauchen.

Die Getreidesilos sind nicht leer. Es sind zwei Jahrhunderte vergangen, seit Thomas Malthus vorhersagte, dass die Zunahme der Erdbevölkerung dazu führen werde, dass massenhaft Menschen verhungern – was unvermeidlich sei, ein ehernes Gesetz. In den 1960er-Jahren wurde vorhergesagt, dass schon bald Hunderte von Millionen, womöglich gar Milliarden von Menschen verhungern würden. Stattdessen berichteten die Vereinten Nationen 2015, dass die Unterernährung auf der Welt so weit zurückgegangen sei wie noch nie zuvor. Hunger werde fast immer durch Verteilungsprobleme oder korrupte Regierungen verursacht, nicht durch einen Mangel an Nahrung; noch zu unseren Lebzeiten könne der Hunger eliminiert werden.

Die natürlichen Rohstoffe sind nicht erschöpft. In den 1970er-Jahren wurde oft prognostiziert, dass Erdöl und Erdgas bis zur Jahrtausendwende aufgebraucht sein würden, wodurch eine gravierende Treibstoffknappheit entstehen werde. Stattdessen herrscht heute auf der ganzen Welt ein Überangebot an Öl und Gas, die so leicht und billig erhältlich sind, dass die bei ihrer Verbrennung freigesetzten Treibhausgase eine Veränderung des Klimas verursachen. Mineralien und Erze, von denen ebenfalls erwartet wurde, dass sie zur Neige gehen würden, sind nach wie vor im Überfluss vorhanden. Trotz der unglaublichen Zunahme an Menschen, Fahrzeugen, Flugzeugen und Gebäuden wurden die natürlichen Rohstoffe nicht erschöpft.

Es gibt keine unaufhaltsamen Epidemien. Unaufhaltsame Ausbrüche durch Superviren und mutierte Krankheitserreger wurden als Bedrohung für eine wachsende Welt angesehen; stattdessen gehen die Häufigkeitsraten so gut wie aller Krankheiten zurück, einschließlich der meisten Krebsarten. Im Jahr 2000 berichteten die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC, US-Seuchenschutzbehörde), dass heute mehr Amerikaner wegen ihrer Fettleibigkeit sterben als durch Krankheitserreger. Die Sterblichkeitsraten aufgrund von Infektionskrankheiten sind in fast allen Ländern zurückgegangen, auch in den ärmsten.

Mit jedem Jahr, das ins Land geht, steigt die Lebenserwartung, nicht nur in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. In fast allen Ländern leben die Menschen länger, und es kommt weniger häufig zu Herzinfarkten und Schlaganfällen. Und selbst in den ärmsten Ländern der Welt gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Trend zu immer längerer Lebenserwartung zu Ende gehen könnte.

Die westlichen Länder ersticken nicht an Umweltbelastungen. Noch vor einer Generation – also gegen Ende der 1980er-Jahre – waren die Großstädte Denver, Houston, Los Angeles und San Diego durch Smog beinahe unbewohnbar geworden, und die Luftverschmutzung in vielen Regionen der USA und Europas führte zu weitverbreiteten Atemwegserkrankungen. Heute ist die Qualität der Luft in Los Angeles um so viel besser geworden, dass im Los-Angeles-Becken manchmal mehrere Jahre vergehen, bevor es zu einem gravierenden Smogalarm kommt. Und San Diego verzeichnete 2014 die geringste Luftverschmutzung seit Beginn der Aufzeichnungen. In den Vereinigten Staaten ist auf nationaler Ebene die Luftverschmutzung seit 1990 im Winter um 77 Prozent und im Sommer um 22 Prozent zurückgegangen – Verbesserungen, die erzielt wurden, obwohl im selben Zeitraum die US-Bevölkerung rapide wuchs. Noch 1980 erwartete man, dass große Wälder im Osten der Vereinigten Staaten und in Mitteleuropa durch sauren Regen zerstört werden würden. Seit 1990 ist die Verschmutzung mit Schwefeldioxid, der Hauptursache von saurem Regen, in den Vereinigten Staaten um 81 Prozent und in Europa ganz erheblich zurückgegangen. Die Appalachenwälder in den Vereinigten Staaten und der Schwarzwald in Deutschland sind heute in einem besseren Zustand, als sie es seit dem 18. Jahrhundert gewesen sind.

Viele Städte in Afrika, Asien und Indien haben nach wie vor unter Smog und Rauch zu leiden; im Westen wird die Luft schon seit Langem nicht mehr mit Rauch belastet, außer bei Waldbränden. Doch auch in den meisten Entwicklungsländern geht der Trend zu weniger Luft- und Wasserverschmutzung, obwohl auf der Welt immer mehr Menschen leben und wirtschaftlichen Aktivitäten nachgehen. Es gibt eine weltweite Ausnahme von diesen Trends, nämlich Treibhausgasemissionen. Und das, was Sie im Talkradio zu hören bekommen, brauchen Sie nicht zu glauben – es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Klimaveränderung zumindest teilweise vom Menschen verursacht ist.

Die Wirtschaft macht uns alle verrückt, funktioniert aber nach wie vor. Viele sind seekrank geworden von den wirtschaftlichen Turbulenzen unserer Zeit, aber seit der Weltwirtschaftskrise vor gut 80 Jahren hat es keinen weltweiten Zusammenbruch der Wirtschaft mehr gegeben. Der Lebensstandard steigt für fast alle Menschen, vor allem für jene, für die dieser Trend am wichtigsten ist – die Armen. Auf der ganzen Welt werden reichlich Waren und Dienstleistungen angeboten; fast jährlich verzeichnet die globale Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung neue Höchststände. Die Einkommenszuwächse in den westlichen Ländern sind moderat, doch die Kaufkraft der Mittelschicht – die wichtiger ist als das Bruttoeinkommen – nimmt ständig zu. Das »Schrumpfen der Mittelschicht«, von dem Sie schon so viel gehört haben? In den Vereinigten Staaten liegt es vor allem daran, dass so viele Menschen sozial auf- und nicht absteigen.

Bei einem Aspekt, der innerhalb der Vereinigten Staaten und Europas nicht zu sehen ist, läuft die Weltwirtschaft sogar auf Hochtouren: Die Armut in den Entwicklungsländern nimmt rapide ab. Im Jahr 1990 lebten 37 Prozent der Menschheit in Umständen, die die Weltbank als »extreme Armut« definiert; heute sind es nur noch zehn Prozent. Das mag nur ein schwacher Trost sein für jemanden, der durch den weltweiten Handel seinen Arbeitsplatz im nördlichen Mittelwesten der USA oder in Nordengland verloren hat, doch dieselben Kräfte, die für einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien zu wirtschaftlichen Belastungen führten, bewirkten auch einen enormen Rückgang der Not in Afrika, Asien und Lateinamerika. Der Rückgang der Armut in den Entwicklungsländern sollte als der wichtigste Fortschritt des letzten Vierteljahrhunderts betrachtet werden. Da diese Entwicklung in den Vereinigten Staaten und in Europa nicht beobachtet werden kann, ist sie den meisten Menschen im Westen nicht bewusst.

Kriminalität und Kriege werden nicht schlimmer. Vor einer Generation, als immer mehr Menschen ermordet wurden und die Supermächte ihre nuklearen Waffenarsenale aufrüsteten, schien der Menschheit eine grauenhafte Zukunft mit durch Gewalttaten verwüsteten Städten und ständigen Kriegen bevorzustehen. Stattdessen sind die Kriminalitätsraten in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern seit 1990 erheblich zurückgegangen – der Central Park bei Nacht ist heute ebenso sicher wie der Yellowstone Park am Tag. Der Rückgang der Kriminalität führte zu einem Wiederaufblühen der Städte, das fast jedem nützt – auch den Afroamerikanern, die heute wesentlich seltener zu Mordopfern werden als vor einer Generation und die auch, ungeachtet entsetzlicher Ausnahmen von dieser Regel, wesentlich seltener zu Opfern von Polizeigewalt werden als in den vergangenen Jahrzehnten.

Obwohl es traurige Ausnahmen gibt, etwa den Syrienkrieg, sind seit etwa 1990 die Häufigkeit und die Schwere von kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit zurückgegangen; global gesehen sind die Pro-Kopf-Rüstungsausgaben rückläufig. Die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation bauen keine neuen Atombomben mehr, sondern demontieren Zehntausende dieser Höllenmaschinen und schmelzen dann die Einzelteile im Beisein internationaler Kontrolleure ein.

Ungefähr seit 1990 ist das Risiko eines Menschen, eines gewaltsamen Todes zu sterben, niedriger als jemals zuvor seit Menschengedenken. Diese Aussage gilt sogar angesichts der Welle islamistischer Terroranschläge in Europa und der Massenmorde in den Vereinigten Staaten, die 2016 stattgefunden haben. Außer in Afghanistan, im Irak, im Sudan und in Syrien war 2016 das Risiko, dass irgendjemand in irgendeinem Land durch eine Gewalttat ums Leben kommt, niedriger als jemals zuvor. Selbst unter dem Druck ihrer wachsenden Bevölkerung wird die Welt immer sicherer.

Die Diktatoren verlieren an Boden. Während des Zweiten Weltkriegs, als sich Finsternis über beide Hemisphären ausbreitete, konnte sich nur eine Handvoll freier Gesellschaften gegen Tyrannei behaupten. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der Kommunismus die Armut eines Polizeistaats über China und die Sowjetunion, ganz so, als wolle er den Job zu Ende bringen, den der Faschismus begonnen hatte. Weitsichtige Denker wie George Orwell sagten die Errichtung einer weltweiten absoluten Diktatur voraus, die den Menschen auch das letzte bisschen Freiheit nehmen würde.

Stattdessen haben Demokratie, Menschenrechte und Meinungsfreiheit einen Sieg nach dem anderen davongetragen. Einige Länder werden rückfällig (Türkei, Russland), andere wurden ins Chaos gestürzt durch das, was der Demokratietheoretiker Larry Diamond als »räuberische Regierung« bezeichnet (Nigeria, Venezuela), doch zu Lebzeiten der jetzigen Generation konnte sich in keinem freien Land ein Diktator etablieren. China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, experimentiert behutsam mit neuen Freiheiten, und Indien, das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung, hält an Meinungsfreiheit und freien Wahlen fest, wenn auch unter Schwierigkeiten. Die technologischen Entwicklungen, von denen Orwell befürchtete, sie würden Diktatoren in die Lage versetzen, jedes Detail im Leben der Menschen zu überwachen, haben stattdessen dem Normalbürger einen Zugang zu Informationen verschafft, den seine Regierung nicht kontrollieren kann.

 

Es gibt zahlreiche andere Bereiche, in denen die Probleme, die wir nicht haben, leicht übersehen werden können. Trotz Videospielen und einer Kultur, die eine kurze Aufmerksamkeitsspanne fördert, ist es nicht zu grassierender Ignoranz gekommen: Die Bildungsniveaus steigen, und auch in den Entwicklungsländern ist es keine Ausnahme mehr, dass Mädchen zur Schule gehen. Es ist nicht nur gerecht, dass gut ausgebildete Mädchen und Frauen verantwortungsvolle Positionen in Unternehmen, Regierungen und Wissenschaft übernehmen; dadurch verdoppelt sich auch die Zahl der Ideen, die der Welt zugutekommen. Der technische Fortschritt ist nicht Amok gelaufen: Autos, Flugzeuge, Medikamente und selbst viele Waffen sind weniger gefährlich geworden. Es ist viel Aufhebens gemacht worden um das Verschwinden von industriellen Arbeitsplätzen, eine Entwicklung, die freilich schon lange vor dem Handel mit China begonnen hat und aufgrund der fortschreitenden Automatisierung schon immer unvermeidlich war, ganz unabhängig von der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft. Aber kaum jemand spricht davon, dass mittlerweile 60 Prozent der Amerikaner als Büroangestellte arbeiten. Auch eine Bürotätigkeit kann Stress oder Langeweile mit sich bringen, aber keine schwere körperliche Arbeit, und niemand muss in einem Büro schädliche Industriegase einatmen.

Sämtliche oben angeführten Punkte werden in den kommenden Kapiteln ausführlich belegt werden.

Dass die Lage in den USA, in Europa und auf der Welt insgesamt besser ist, als sie allgemein wahrgenommen wird, sollte nicht zu Selbstzufriedenheit führen, sondern zum Gegenteil: Das Bewusstsein, dass Fortschritte erzielt werden, sollte uns zu verstärkten Reformanstrengungen motivieren. Die Herausforderungen unserer Zeit sind entmutigend: Ungleichheit, Rassenspannungen, Klimaveränderung, illegale Einwanderung, Flüchtlinge, denen nichts anderes übrig bleibt, als Kriegsgebiete oder gescheiterte Staaten zu verlassen, endlose Kriege im Nahen Osten, die Schreckensherrschaft von Tyrannen und Warlords in manchen Regionen Afrikas, ein schlechtes staatliches Bildungswesen, eine seichte und von Konzerninteressen getriebene Kultur, die den Bildungsauftrag der staatlichen Schulen zu einer Sisyphusarbeit macht, ein öffentlicher Diskurs, der von Wut geprägt ist – die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Außerdem kann man davon ausgehen, dass gerade ein neues riesiges Problem direkt auf uns zurast. Man nehme irgendein beliebiges Jahr aus der Vergangenheit: Unweigerlich ist unerwartet ein großes Problem aufgetreten. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass für jedes gelöste Problem ein neues entsteht. Also werde ich in diesem Buch nicht sagen, »don’t worry, be happy« – es gibt eine Menge, worüber man sich Sorgen machen kann, aber dabei sollte man auch optimistisch sein. Optimismus macht uns nicht blind für die zahlreichen Fehler der Welt; vielmehr ist Optimismus die Überzeugung, dass Probleme gelöst werden können, wenn wir nur die Ärmel hochkrempeln und uns an die Arbeit machen.

Optimismus war einmal die Einstellung von Menschen, die über die Zukunft nachdachten. Die Progressiven, die vor 100 Jahren lebten, waren durch und durch Optimisten: Sie strebten nach Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Freiheit von materieller Armut für alle Männer und Frauen, und sie glaubten, dass dies keine leeren Slogans seien, sondern Fortschritte, die tatsächlich auf einer praktischen Ebene erreicht werden konnten. Sie sahen eine Zukunft, in der, wie es in der letzten Strophe des Heimatlieds America the Beautiful(Amerika, die Wunderschöne) heißt, »alabaster cities gleam undimmed by human tears« (alabasterne Städte glänzen ungetrübt von menschlichen Tränen).

Dann kam Pessimismus in Mode, zuerst in der akademischen Welt und von dort aus dann auch in der breiten Öffentlichkeit. Heute herrscht die gängige Meinung vor, dass jeder halbwegs informierte Mensch das Gefühl haben sollte, die Welt rase ihrem Untergang entgegen – wenn Sie nicht glauben, dass alles ganz schrecklich ist, erkennen Sie nur den Ernst der Lage nicht!

In seinem Wahlkampf mischte Trump stampfenden Pessimismus über die Gegenwart mit nostalgischen Sehnsüchten nach der Vergangenheit und sagte: »I love the old days.« Wann genau war denn eigentlich diese »gute alte Zeit«? Und wo fand sie statt? In jeder Phase der Vergangenheit war die Lebenserwartung der Menschen kürzer, ihr Lebensstandard niedriger, Diskriminierung und Umweltverschmutzung schlimmer und die Freiheit gefährdeter.

Der konservative Intellektuelle Yuval Levin hat geschrieben, die Amerikaner hingen einer »Politik der konkurrierenden Nostalgie« an, die fordere, in eine verklärte Vergangenheit zurückzukehren, die jedoch nie erreicht werden könne, weil es sie von vornherein nie gegeben habe. Eine bessere Zukunft kann dagegen durchaus erreicht werden. Optimismus muss wieder intellektuell respektiert werden. Optimismus ist das beste Argument für Reformen – und der Bogen, der den Pfeil der Geschichte treibt.

 

Bethesda, Maryland

im Juli 2017

 

Einige Hinweise für den Leser[2]:

Alle in diesem Buch genannten Geldbeträge wurden um die Inflation bereinigt; das heißt, dass Beträge aus der Vergangenheit entsprechend ihrer damaligen Kaufkraft in heutige Dollars oder eine andere Währung umgerechnet wurden.

Länder werden mit ihren heutigen Namen bezeichnet.

Wenn es im Text heißt, eine Person »sagte« oder »hat gesagt«, stammt das betreffende Zitat aus einer öffentlich zugänglichen Quelle. Wenn der Text dagegen lautet, eine Person »sagt«, stammt das Zitat aus einem von mir geführten Interview.

[1]Anmerkung des Übersetzers: Mit »Amerika«, »Amerikaner« und »amerikanisch« sind in diesem Buch jeweils die »Vereinigten Staaten von Amerika«, der »US-Bürger« und »US-amerikanisch« gemeint. Um den Lesefluss nicht zu stören, wurde dieser Sprachgebrauch auch in der deutschen Übersetzung beibehalten.[2]Anmerkung des Übersetzers: Um den Lesefluss nicht zu stören, wird in diesem Buch der Einfachheit halber bei der Bezeichnung von Personen und Personengruppen stets die männliche Form verwendet. Selbstverständlich ist dabei die weibliche Form (»Leserin«, »Bürgerin« usw.) gleichrangig miteinbezogen.

Erster Teil

Warum die Welt sich weigert unterzugehen

1 Wieso verhungern wir nicht?

An einem kalten Wintermorgen im Jahr 1914 wurde auf einer Farm in der winzigen Ortschaft Cresco, Iowa, die wichtigste Person des 20. Jahrhunderts geboren. Der kleine Junge lernte Lesen, Schreiben und Rechnen an einer Schule mit nur einem Klassenraum, und jeden Tag nach dem Unterricht lief er rasch nach Hause, weil er sich dort um die Tiere kümmern musste. Später erhielt er ein Stipendium, sodass er am College Agrarwissenschaft studieren konnte, und dabei kam ihm eine Idee, wie man auf weniger Fläche höhere Ernteerträge erzielen kann. Dann zog er hinaus in die Welt und rettete eine Milliarde Menschen.[1]

In einer Zeit gruseliger Politiker und peinlicher Stars wird oft gesagt, der jungen Generation fehlen die Helden. Daher ist es eine Schande, dass kaum ein junger Mensch den Namen Norman Borlaug kennt, obwohl er ein sehr bewundernswertes Leben geführt hat – 1970 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Den größten Teil seines Lebens lebte Borlaug weit von der Heimat entfernt, um Forschern in Afrika, Asien und Mexiko bei dem zu helfen, was später als die »Grüne Revolution« bekannt wurde.

Diese von Borlaug ins Leben gerufene Bewegung ist der Grund dafür, dass die meisten der sieben Milliarden Menschen, die auf unserem Planeten leben, genug zu essen haben – und sie würden alle genug haben, wenn die Verteilung von Nahrungsmitteln besser organisiert würde. Im Jahr 2015 berichtete die UN Food and Agriculture Organization (FAO, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), dass ein geringerer Anteil der Menschheit als jemals zuvor unterernährt war – nur 13 Prozent gingen abends hungrig zu Bett.[2] Da jedoch die Weltbevölkerung mittlerweile so groß geworden ist, bedeutet »nur 13 Prozent« immer noch etwa 900 Millionen Seelen. In einer Welt des Überflusses ist das eine tragisch hohe Zahl, aber vor einem halben Jahrhundert waren noch 50 Prozent der Menschheit unterernährt.

Selbst während die Weltbevölkerung rapide wuchs, ging der Anteil derer, die nicht genug zu essen haben, stark zurück, und es ist zu erwarten, dass die Unterernährung auch in Zukunft zurückgehen wird, obwohl die Weltbevölkerung weiter wächst. »Durch die Grüne Revolution kann die Welt genug Kalorien und Protein für zehn oder gar 20 Milliarden Menschen produzieren«, sagt Rajiv Shah, der von 2010 bis 2015 die United States Agency for International Development (USAID, US-Ministerium für internationale Entwicklung) leitete. »Es stellen sich Fragen, wie wir die Umwelt schützen und die landwirtschaftlichen Erträge gerecht verteilen können. Doch die Befürchtungen von Malthus sind widerlegt. Falls es zu einem Zusammenbruch kommen sollte, dann nicht wegen Nahrungsmittelknappheit.«

 

Ganz gleich, in welcher Region der Welt Sie leben – die Mahlzeiten, die Sie heute essen, werden unter anderem auf diesen Bauernjungen aus Iowa und seine Begabung, Pflanzen zum Wachsen zu bringen, zurückzuführen sein. Das, was er und andere im Rahmen der Grünen Revolution geleistet haben, wirkt sich sowohl auf die Bedeutung der Landwirtschaft für die menschliche Existenz aus als auch darauf, inwieweit Reformen die entscheidende Zutat für den Fortschritt der Menschheit sind.

Da heute für so viele Menschen eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln selbstverständlich ist, wird leicht vergessen, dass jede erfolgreiche Gesellschaft der Menschheitsgeschichte auf Landwirtschaft aufbaute. Die Arbeit auf einer Farm ist im Vergleich zur Entwicklung von elektronischen Schaltkreisen oder dem Starten von Raketen nicht besonders glamourös, aber wenn Nutzpflanzen nicht wachsen, spielt kaum noch etwas anderes eine Rolle. Ein fundamentaler Grund, warum Argentinien, Australien, Kanada, die Vereinigten Staaten und weite Teile Europas wohlhabend sind, liegt darin, dass sie die Prozesse der Landwirtschaft beherrschen und dadurch ein reichhaltiges Angebot an Getreide, Ballaststoffen, Obst, Gemüse, Milchprodukten, Fleisch, Geflügel und Wein erzeugen. Wenn dieses landwirtschaftliche Wissen an die übrigen Länder der Welt weitergegeben wird, werden auch sie zu Wohlstand kommen.

Die Produktion von Nahrungsmitteln ist der erste Faktor, um zu verstehen, warum viele erwartete Katastrophen dann in weitgehend positive Trends münden. Maßnahmen, wie sie ergriffen wurden, um das Verhungern weiter Teile der Menschheit zu verhindern, können auch gegen andere kommende Herausforderungen funktionieren.

Historisch gesehen waren Ängste, dass es zu Hungersnöten kommen würde, weitverbreitet. Vor gut 200 Jahren postulierte Thomas Malthus, dass die Weltbevölkerung schneller wachse als die Nahrungsmittelproduktion, was zu allgemeinem Ruin führen müsse. Diese Entwicklung sei unvermeidlich, so Malthus, weil die Natur Knappheit einsetze, um biologische Arten zu dezimieren, und weil es physisch unmöglich sei, genug Land zu bestellen, um alle Menschen zu ernähren, die noch auf die Welt kommen würden.

Hungersnöte, wie sie etwa eine Generation nach Malthus China, Indien, Irland und Japan heimsuchten, schienen seine These zu bestätigen. Die Vorstellung von einer drohenden allgemeinen Hungersnot wurde auch von anderen aufgegriffen. In ihrem 1848 veröffentlichten Kommunistischen Manifest machten Marx und Engels die »Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau«, zu einer ihrer zehn Maßregeln. Sie glaubten, die einzige Hoffnung, die Menschheit zu ernähren, bestünde darin, die Soldaten der Welt von ihren militärischen Pflichten zu entbinden und zur Arbeit auf den Feldern abzukommandieren.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es in China, Deutschland, Griechenland, Indien, Russland und Vietnam zu schrecklichen Nahrungsmittelknappheiten, die zu einem gewissen Teil von Menschen verursacht wurden, durch Kriege und Diktaturen. Angesichts der »Dust Bowl« der 1930er-Jahre (verheerender Staubstürme in Teilen der USA und Kanadas nach der Rodung des Präriegrases zur Urbarmachung) mussten Amerikaner und Kanadier befürchten, dass die Produktivität ihrer Farmen enden könnte. Als jedoch die 1960er-Jahre anbrachen, war die Vorstellung vom unvermeidlichen Hungertod zur leeren Phrasendrescherei geworden. Der 1967 erschienene Bestseller Famine 1975! (Hungersnot 1975!) sagte voraus, dass es spätestens 1975 auf der ganzen Welt zu Nahrungsmittelaufständen kommen würde, woraufhin die Vereinigten Staaten die tragische Entscheidung treffen müssten, welche Länder gerettet werden sollten und in welchen Ländern man die gesamte Bevölkerung verhungern lassen werde, um den Bedarf an Nahrung zu reduzieren und »die überflüssige Bevölkerung zu dezimieren«, wie Charles Dickens es seiner Figur Ebenezer Scrooge in den Mund legt, dem Antihelden seiner Erzählung Eine Weihnachtsgeschichte. Paul R. Ehrlich, Biologieprofessor an der Stanford University und Liebling von Weltuntergangspropheten, weil er die Vereinigten Staaten als »dem Untergang geweiht« bezeichnet hatte, trat 1970 in der Tonight Show auf – die damals höhere Einschaltquoten hatte als irgendeine Talkshow heute –, um Johnny Carson mitzuteilen, dass schon bald nicht nur in Afrika und Asien, sondern auch in Nordamerika Hunderte von Millionen Menschen verhungern würden. »Irgendwann in den nächsten 15 Jahren wird das Ende kommen«, verkündete Ehrlich dem Fernsehpublikum im ganzen Land, »wobei mit ›Ende‹ das Ende der Menschheit gemeint ist«.[3] Hungerfantasien fanden sogar Eingang in die populäre Unterhaltung: Die an der Kinokasse sehr erfolgreiche Science-Fiction-Filmserie Die Tribute von Panem – The Hunger Games beruht auf der Annahme, dass die amerikanische Gesellschaft der Zukunft Kraftfelder und Antischwerkraftgeräte haben werde – aber nicht die leiseste Ahnung davon, wie man Tomaten anbaut.

Dennoch verhungern wir nicht. Als 1798 Malthus’ Buch An Essay on the Principle of Population (Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz) erschien, lebte eine Milliarde Menschen auf der Erde. Heute sind es siebenmal so viele, und trotzdem gibt es so viel Nahrung, dass Fettleibigkeit nicht nur in den reichen Ländern ein Problem ist, sondern auch in manchen Entwicklungsländern. Heute ist die Anzahl der übergewichtigen Menschen doppelt so hoch wie die gesamte Zahl aller Menschen, die am Leben waren, als Malthus sagte, es seien zu viele, um alle satt zu bekommen.[4] Obwohl sie sieben Milliarden Kunden haben, klagen Landwirte in aller Welt, dass durch Überproduktion das Angebot an Nahrung größer ist als die Nachfrage. (»Crop Glut Expected to Worsen« [Es wird erwartet, dass das Nahrungsmittelüberangebot steigt] – Wall Street Journal, April 2017. Lesen Sie das bitte zweimal.) Zwar gibt es immer noch durch Kriege oder Regierungen verursachte Probleme bei der Verteilung von Nahrungsmitteln, etwa in Nordkorea, Venezuela oder im Südsudan – wenn Nordkorea einfach seine Grenzen öffnen würde, hätte es mehr als genug Nahrung –, aber den Begriff »Missernte« haben wir seit der Getreidekrise in der Sowjetunion zu Beginn der 1930er-Jahre nicht mehr gehört.

 

Borlaug lebte in den 1940er- und 50er-Jahren in Mexiko und dann, in den 60er- und 70er-Jahren, in Indien und Pakistan, wo er mit Kleinbauern und Dorfgemeinschaften arbeitete und ihnen zeigte, wie sie die schwere körperliche Arbeit ihrer Subsistenzlandwirtschaft durch ertragreichere Verfahren erleichtern können, unter anderem durch schnellere Züchtungsverfahren für neue Sorten. Schon seit der Antike hat der Mensch Pflanzen und Tiere durch Züchtung verändert: Womöglich gibt es heute keinen Menschen mehr, der schon einmal ein pflanzliches Nahrungsmittel, Rindfleisch oder Geflügel gegessen hätte, das sich völlig natürlich entwickelt hat. Frühzeitliche Mesoamerikaner kreuzten das Wildgras Teosinte mit den Vorläufern von Mais. Es dauerte Jahrhunderte oder gar Jahrtausende, aus Teosinte Mais zu züchten, da das traditionelle Verfahren zum Züchten von Getreide quälend langsam vonstattengeht. Borlaug und andere Agrarwissenschaftler, die in Mexiko am Centro Internacional de Mejoramiento de Maíz y Trigo (CIMMYT, Internationales Zentrum zur Verbesserung von Mais und Weizen) forschten, entwickelten etliche Verfahren, um das Züchten von Hybriden zu beschleunigen. Mithilfe dieser Verfahren konnte Borlaug die Perfektionierung von Zwergweizen beschleunigen, der heute auf der ganzen Welt angebaut wird. Malthus und Marx wussten nicht, dass die Züchtung von Hybriden durch neue Ideen beschleunigt und dadurch höhere Erträge erwirtschaftet werden konnten; sie gingen von einem statischen, unveränderlichen Agrarsystem aus. Stattdessen wurde die Landwirtschaft dynamisch.

Obwohl normalerweise angenommen wird, dass sich jeder Landwirt langhalmige, beeindruckend aussehende Getreidepflanzen wünscht, hat es sich als nützlich erwiesen, niedrigere Weizen- und andere Getreidesorten zu züchten. Kurzhalmige Hybridzüchtungen verwenden weniger Energie auf die ungenießbaren Halme und mehr auf die essbaren Getreidekörner. Weizen mit kurzen, kräftigen Halmen stützt die Ähren, sodass sie senkrecht stehen, während bei langhalmigen Arten die reiferen Ähren sich neigen, wodurch sie komplizierter zu ernten sind. In der freien Natur hatte Weizen mit langen Halmen einen evolutionären Überlebensvorteil, weil er mit anderen Pflanzen um Sonnenlicht konkurrierte, doch in der ertragreichen Landwirtschaft gibt es diese Konkurrenz nicht mehr, da einheitliche Pflanzenreihen auf einem Getreidefeld alle gleich viel Sonnenlicht erhalten. Darüber hinaus entwickelten Borlaug und seine Kollegen mithilfe ihrer Erkenntnisse über beschleunigte Zuchtwahl auch Weizensorten, die resistent gegen den Rostpilz sind, seit Langem eine Plage für Getreidebauern. Borlaug konzentrierte sich auf Weizen, weil er von Natur aus widerstandsfähig gegen Insektenbefall ist. Er und seine Assistenten entwickelten Weizenhybridzüchtungen, die schnell wachsen, nicht von Rostpilz befallen werden, Trockenheit und wenig Licht tolerieren und vor allem höhere Erträge bringen.

Während Borlaug am CIMMYT daran arbeitete, neue Weizensorten zu perfektionieren, setzten Forscher am International Rice Research Institute (Internationales Reisforschungsinstitut) der Philippinen und am Hunan Rice Research Institute in China beschleunigte Zuchtwahlverfahren ein, um ertragreichere Reissorten zu entwickeln; später schlossen sich ihnen Agrarwissenschaftler vom Africa Rice Center an der Elfenbeinküste an. Diese Forschungsinstitute, von deren Existenz selbst hochgebildete Menschen nichts wissen, entwickelten die Verfahren, die notwendig waren, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Im Jahr 1997 schätzte die Zeitschrift The Atlantic, dass Borlaugs Innovationen für ertragreiche Getreidesorten eine Milliarde Menschenleben gerettet hatten. Heute, also zwei Jahrzehnte später, könnten es eher zwei Milliarden sein.

Selektiv gezüchteter Zwergweizen hat kaum noch Ähnlichkeit mit seinen Vorläuferpflanzen; er braucht kaum Pestizide, kann jedoch ohne Dünger und Bewässerung nicht gedeihen. Wie die meisten Agrarwissenschaftler sprach Borlaug sich dafür aus, organischen Dünger – ein vornehmer Ausdruck für Mist oder Dung – zu verwenden, um dem Boden wieder Nährstoffe zuzuführen. Wenn man allerdings große Mengen Dung erzeugen will, muss man große Tierbestände halten, die Getreide fressen, von dem sich sonst Menschen ernähren könnten. Düngemittel, die aus fossilen Brennstoffen und Mineralien hergestellt werden, können im globalen Maßstab Böden erneuern, wodurch aus ungenießbaren Stoffen Getreide, Obst und Gemüse erzeugt werden. Will man die Welt im kommerziellen Maßstab auf anorganische Düngung umstellen, muss man seinen Frieden schließen mit Landwirtschaft im industriellen Maßstab. Für Borlaug brachte diese Entscheidung keine Gewissenskonflikte mit sich, da sie den Interessen der Menschheit – und vor allem der Armen – dient.

Borlaug und zahlreiche mexikanische Agrarwissenschaftler reisten 1965 während des Zweiten Indisch-Pakistanischen Kriegs nach Indien und Pakistan, um ertragreiche Verfahren in diese Region zu bringen, in der Nahrungsmittel knapp waren. (Mexikos Beitrag im Kampf gegen den Hunger auf der Welt ist nie angemessen gewürdigt worden.) Manch eine Regierung eines Entwicklungslands beobachtete diese Aktivitäten argwöhnisch, weil sie befürchtete, ein Kontakt zwischen gebildeten amerikanischen und mexikanischen Agrarexperten und ungebildeten Kleinbauern, die zumeist weder lesen noch schreiben konnten, könne womöglich die überkommenen feudalen Strukturen zum Leidwesen der aristokratischen Landbesitzer durcheinanderbringen. Zugleich gab es Kommentatoren im Westen, die meinten, es sei ein Fehler, die Versorgung der Entwicklungsländer mit Nahrungsmitteln zu verbessern, da es besser sei, die Natur die Drecksarbeit, das Bevölkerungswachstum im Zaum zu halten, erledigen zu lassen.

Überall, wo Borlaug und seine Kollegen hinkamen, stiegen die Ernteerträge, und der Hunger nahm ab. Die Zahlen sind in jedem Fall ganz erstaunlich. Im Jahr 1920, als Borlaug noch ein kleiner Junge war, erzeugten die amerikanischen Farmen 0,73 Tonnen Weizen pro Hektar. Bis 1950 war der Ertrag in den USA auf 0,87 Tonnen Weizen pro Hektar gestiegen, und bis 2015 auf sage und schreibe 2,42 Tonnen pro Hektar.[5] Höhere Erträge bedeuten zuverlässig mehr Kalorien und Proteine pro Person, und zwar nicht nur im Westen, sondern auch in den meisten Entwicklungsländern. Das Worldwatch Institute, eine Organisation für nachhaltiges Wachstum, verkündete 2007: »Der weltweite Getreideertrag hat sich seit 1961 beinahe verdreifacht, in einem Zeitraum, in dem sich die Weltbevölkerung verdoppelt hat.«[6]

Im Jahr 1961 produzierte die Welt 760 Millionen Tonnen Getreide; bis 2015 war diese Zahl auf 2,4 Milliarden Tonnen gestiegen, was etwa dem Muster einer Verdreifachung des Ertrags bei einer Verdoppelung der Bevölkerung entspricht. Auch die Erträge für Milch- und Fleischprodukte stiegen entsprechend. Im Jahr 1950 produzierte die Welt 16,8 Kilogramm Rindfleisch pro Kopf der Weltbevölkerung; bis 2015 war dieser Wert auf 44,9 Kilogramm gestiegen. Diese Zahlen bedeuten, dass die Produktion von Kalorien und Proteinen nicht nur manchmal schneller als die Weltbevölkerung gewachsen ist, sondern vielmehr durchgehend in der gesamten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Beinahe ebenso wichtig ist, dass ertragreiche Bewirtschaftungsverfahren mehr Ertrag auf weniger Fläche ermöglichen. Die 29,9 Millionen Tonnen Weizen, die 1950 in den Vereinigten Staaten geerntet wurden, erforderten eine Anbaufläche von 34 Millionen Hektar. Die 54,4 Millionen Tonnen, die 2015 geerntet wurden, erforderten nur 22,3 Millionen Hektar – das entspricht beinahe doppelt so viel Ertrag auf einer um ein Drittel kleineren Anbaufläche. Andere Formen von Ertragssteigerung reduzieren die Belastung der Natur; so produzieren zum Beispiel Milchkühe immer mehr Milch: In den Vereinigten Staaten hat eine Kuh 2015 etwa 80 Prozent mehr Milch erbracht als 1980. Das bedeutet, dass heute mit einer Million weniger Kühe ebenso viel Milch erzeugt wird wie 1980 und dass somit weniger Weideland für Kühe benötigt wird.

Eine ertragreiche Landwirtschaft erbringt zahlreiche Ergebnisse, die ein wohlinformierter Rationalist vor einem halben Jahrhundert für unmöglich gehalten hätte – nämlich unter anderem, dass Indien inzwischen nicht nur genug Nahrungsmittel produziert, um die eigene Bevölkerung zu ernähren, sondern sogar Überschüsse, die es exportiert. Nach wie vor ist in den Straßen von Kalkutta und anderen Städten Indiens schreckliche Armut zu sehen, aber die erwarteten Wellen von Massensterben durch Verhungern blieben aus, aufgrund einer beeindruckenden landwirtschaftlichen Produktion. Im Jahr 2013 lieferte Indien Getreide im Wert von 13 Milliarden Dollar für den internationalen Markt.

Nach dem Beispiel von Borlaug züchteten spätere Forscherteams unter der Leitung von Yuan Longping in China und Monty Jones in Sierra Leone neue Reissorten, die unter der Bezeichnung »New Rice for Africa« (NERICA) zusammengefasst werden. Sie kombinieren die hohen Erträge und den niedrigen Wuchs der produktivsten asiatischen Reissorte mit den Eigenschaften, die sie für das afrikanische Klima brauchen, und mit dem Geschmack von traditionellem afrikanischem Reis. (Die Befürworter der Grünen Revolution hatten früh gelernt, dass eine Feldfrucht den Geschmack der lokalen Bevölkerung treffen muss.) Inzwischen wird NERICA in weiten Teilen Afrikas angebaut und ersetzt Importware durch lokal produzierten Reis.

Vor einer Generation behauptete manch ein westlicher Umweltschützer aus ideologischen Gründen, dass nur eine Subsistenzlandwirtschaft – von Tieren gezogene Pflüge, traditionelles Saatgut – für Afrika geeignet sei. Es ist leicht, über eine ertragsarme Landwirtschaft nach altem Stil und die damit verbundene Plackerei ins Schwärmen zu geraten, wenn man ein voll klimatisiertes Öko-Bäckerei-Café an der nächsten Straßenecke hat. Die trendige Opposition gegen eine ertragreiche Landwirtschaft für Afrika erschwerte es vielen Farmern, Darlehen von der Weltbank und anderen Kreditgebern zu bekommen, die sie für Dreschmaschinen, Hybridsaatgut und ähnliche Betriebsmittel brauchten – Zugang zu Kredit war für sie genauso wichtig wie genug Regen für eine gute Ernte in den Vereinigten Staaten und Europa. Borlaug hat mir 1995 erzählt, dass viele westliche Lobbyisten »nie das körperliche Gefühl von echtem Hunger verspürt haben. Wenn sie auch nur einen Monat im Elend der Dritten Welt gelebt hätten – wie ich es 50 Jahre lang getan habe –, würden sie lauthals nach Traktoren und Düngemitteln und Bewässerungskanälen schreien und vor Wut schäumen, dass trendbewusste Snobs zu Hause versuchen, diese Dinge zu verweigern.«

Ein Teil dieses Widerstands war darauf zurückzuführen, dass die Anbaumethoden der Grünen Revolution oft mit Vorstellungen über irre Wissenschaftler, die lebende Chimären erschaffen, verwechselt wurden. Viele Methoden der Grünen Revolution haben nichts mit Chemie zu tun, zum Beispiel die Tröpfchenbewässerung – ein Verfahren, bei dem über viele mit kleinen Löchern versehene Schläuche am Boden kleine Wassermengen abgegeben werden, um die Verdunstung zu reduzieren, die große rotierende Sprinkler mit sich bringen. Zum Beispiel wurden auch konservierende Ackerbauverfahren eingeführt – dabei werden die Rückstände der vorigen Ernte auf dem Acker belassen, um den Boden anzureichern –, sowie Direktsaat-Anbaumethoden.[7]

Die ablehnende Haltung gegenüber der Grünen Revolution änderte sich 2006, als die Bill and Melinda Gates Foundation sich auf die Seite der ertragreichen Landwirtschaft für Afrika schlug. Das Plazet der Gates bewegte Darlehensgeber, Kredite für afrikanische Farmer zu bewilligen, die es ihnen ermöglichten, moderne Anbaumethoden einzuführen. Die Erträge – zum Beispiel von kenianischem Mais – stiegen, ganz so, wie sie es in den Great Plains (dem Mittleren Westen der USA) getan hatten, als Borlaug noch ein junger Mann war. Durch Forschungsarbeit der Gates Foundation wurden etliche Durchbrüche erzielt, so zum Beispiel eine Methode, um die Anzahl der Stunden pro Tag zu erhöhen, in denen Nutzpflanzen Sonnenlicht verstoffwechseln.[8] Dieses 2016 entwickelte Verfahren könnte bei vielen Nutzpflanzenarten weitere Ertragssteigerungen von 10 bis 20 Prozent bringen.

 

Da in der afrikanischen Landwirtschaft bislang kaum moderne Verfahren eingesetzt werden, gibt es ein enormes Verbesserungspotenzial – nicht nur, um mehr Nahrungsmittel für den Schwarzen Kontinent selbst anzubauen, sondern auch, um dann die Mehrwerterzeugnisse für den Export zu produzieren, die das Wirtschaftswachstum in Afrika fördern. Olusegun Obasanjo, der ehemalige Präsident Nigerias, wies 2016 darauf hin, das »Agrobusiness [sei] Afrikas größte Chance – nicht nur, um Hunger und Unterernährung zu beenden, sondern auch, um mehr Einkommen und Beschäftigung zu schaffen«.[9] Wenn durch den Export von landwirtschaftlichen Erzeugnissen das BIP von afrikanischen Ländern gesteigert werden soll, müssen die Handelsrestriktionen des Westens fallen gelassen werden. So erlaubt zum Beispiel die Europäische Union den zollfreien Import von grünen Kaffeebohnen aus Afrika, erhebt jedoch hohe Zölle auf den Import von geröstetem Kaffee. Dadurch akzeptiert die EU die schweißtreibende Plackerei auf den Feldern Afrikas, behält jedoch die technisch anspruchsvollere Mehrwertkomponente der eigenen Wirtschaft vor. Im Jahr 2014 wurden grüne Kaffeebohnen von afrikanischen Plantagen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar nach Deutschland verkauft, wo sie dann geröstet und für 3,8 Milliarden Dollar an europäische Baristas und Supermärkte weiterverkauft wurden.[10]

Es sollten jedoch nicht nur solche Handelshemmnisse fallen; noch wichtiger ist, dass ertragreiche, für Afrika optimierte Saatgutsorten entwickelt werden. Nachdem Rajiv Shah sein Amt als Direktor von USAID angetreten hatte, drängte er die Entwicklungshilfebehörde dazu, agrarwissenschaftliche Forschungsprojekte zu unterstützen, die gezielt die spezifischen Bodenbeschaffenheiten und klimatischen Bedingungen Afrikas berücksichtigen. Dies ist eine Art von Reform, die innerhalb der Vereinigten Staaten keine Lobby hat, weil – und diesen Aspekt sollten wir im Hinterkopf behalten – ihre Ergebnisse für die Amerikaner unsichtbar sind.

Manche Agrarwissenschaftler haben Afrika für einen hoffnungslosen Fall gehalten, weil der Schwarze Kontinent nie von Gletschern bedeckt war – in höheren Breitengraden war der Abrieb durch Gletscher das Geschenk der Eiszeit an die Ackerkrume. In der historischen Soziologie kursiert die Hypothese, dass Europa sich schneller entwickelt habe als Afrika, weil dort die durch Vergletscherung angereicherten Mutterböden produktiver seien als die ausgelaugten Böden Afrikas. »Dabei wird jedoch die Kontinentaldrift außer Acht gelassen«, so Shah. »Wenn man in Betracht zieht, wo sich die Kontinente in ferner Vergangenheit befanden, stellt man fest, dass die afrikanischen Böden denen in Brasilien sehr ähnlich sind, die früher ebenfalls für unbestellbar gehalten wurden.« Das Campos cerrados, ein riesiges Savannengebiet in Brasilien, wurde durch Ausbringen von Kalksteinschotter fruchtbar gemacht. Brasilien hat mit zahllosen Problemen zu kämpfen, aber seine Soja- und Rindfleischproduktion läuft wie eine gut geölte Maschine. Vielleicht kann eine Kalksteinkur auch den afrikanischen Farmern helfen, ihre Erträge zu steigern.

Falls ein solcher landwirtschaftlicher Erfolg, wie er in Brasilien erreicht wurde, auch in Afrika herbeigeführt werden kann, würde sich dadurch nicht nur das Leben der Menschen auf dem Schwarzen Kontinent verbessern, sondern auf lange Sicht auch das Bild der globalen Ernährungssicherheit aufhellen. Andererseits würde dann auch das Bevölkerungswachstum nachlassen, und zwar wahrscheinlich entlang einer Kurve, der zufolge die Weltbevölkerung nach einem Maximum von elf Milliarden Menschen wieder abzunehmen beginnt. Das erwartet zumindest die United Nations Population Division (Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen), deren Prognosen in dem Ruf stehen, weitgehend zutreffend zu sein. In allen Regionen, wo Subsistenzwirtschaft durch ertragreiche Landwirtschaft abgelöst wurde, hat sich das Bevölkerungswachstum verlangsamt und das Bildungsniveau verbessert – vor allem für Mädchen.

Bei einer Subsistenzlandwirtschaft haben Kinder nur den Wert, der sich aus ihrer Muskelarbeit und ihrer Fähigkeit, später noch mehr Kinder zu gebären, ergibt. Im Umfeld einer auf Technologie basierenden Landwirtschaft verändert sich das: Es wird wichtiger, die Agronomie als Wissenschaft zu verstehen und zu lernen, wie die Märkte für die erzeugten landwirtschaftlichen Produkte funktionieren. Dieser Übergang von Muskelarbeit auf Fachkenntnisse der ökonomischen Aspekte von Landwirtschaft ist einer der wichtigsten Gründe, warum die globale Geburtenhäufigkeit seit Jahrzehnten abnimmt. Die Rate des globalen Bevölkerungswachstums erreichte 1960 ihr Maximum von etwa 2,1 Prozent pro Jahr, und seither hat sie sich auf den heutigen Wert von 1,2 Prozent verlangsamt. Niedrigere Sterberaten und die »demografische Dynamik« von unzähligen jungen Menschen, die erst noch eine Familie gründen werden, sorgen dafür, dass die Menschheit auch weiterhin wachsen wird; die demografische Dynamik wird dafür sorgen, dass die Weltbevölkerung trotz abnehmenden Bevölkerungswachstums noch bis gegen Ende dieses Jahrhunderts weiterhin zunehmen wird. Doch der langfristige gesellschaftliche Wandel – von einer hohen Reproduktionsrate bei geringer Bildung zu moderater Reproduktionsrate bei moderater Bildung bis hin zu niedriger Reproduktionsrate bei hoher Bildung – ist bereits fast abgeschlossen.

Damit die Nahrungsmittelproduktion auch weiterhin schneller als die Weltbevölkerung wachsen kann, muss nicht nur der Einsatz von ertragreichen Anbaumethoden auf so gut wie alle landwirtschaftlich genutzten Flächen ausgedehnt werden, sondern es müssen auch die Länder in Afrika und in anderen Erdteilen eine marktbasierte Landwirtschaft einführen. Es ist kein Zufall, dass die erhebliche Zunahme der Getreideproduktion in China begann, als die zentrale Planwirtschaft durch das freie Spiel der Kräfte auf den Märkten abgelöst wurde. Ein System der freien Marktwirtschaft hat zahlreiche Unzulänglichkeiten – nur Ideologen halten die Ökonomie von Märkten für perfekt –, doch es hat sich als besser als jede Planwirtschaft erwiesen, wenn es darum geht, landwirtschaftliche Ressourcen sinnvoll zuzuteilen, Nahrungsmittel bedarfsgerecht zu verteilen und diejenigen Farmer zu belohnen, die ihre Erträge steigern.

 

Viele Regionen der Erde brauchen eine Lösung nach dem Amerikanischen System der Politischen Ökonomie, das Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten, im 18. Jahrhundert begründete.[11] Sein Rezept bestand aus drei Teilen: eine Nationalbank, die kommerzielle Investitionen finanziert; vorübergehende Einfuhrzölle, um neu entstehende Industrien zu schützen; sowie staatliche Investitionen in den Bau von Straßen und Kanälen, damit sich Märkte für landwirtschaftliche Erzeugnisse entwickeln können, die Anreize für Farmer schaffen, mehr zu produzieren, als die lokale Kommune abnehmen kann. Der britische Landschaftsgärtner Noel Kingsbury hat darauf hingewiesen, dass Landwirtschaft eine lokale Unternehmung war, bevor sich ein System für Ferntransporte entwickelte; erst als sie ihre Güter auf entfernt gelegene Märkte liefern konnten, hatten Farmer einen Grund, ihre Erträge zu steigern.[12] Viele Regionen der Erde würden von einer verbesserten Infrastruktur profitieren, über die Frischware dorthin geliefert werden kann, wo sie gebraucht wird.

Die Hamilton’sche Politik hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Alle wohlhabenden Länder haben ein nationales Kreditinstitut. Einfuhrzölle helfen neuen Industrien, sich zu etablieren, müssen jedoch abgeschafft werden, wenn diese Industrien voll entwickelt sind. Ein Grund, warum die Vereinigten Staaten zu Wohlstand gekommen sind, liegt darin, dass die staatlichen Infrastrukturinvestitionen es der potenziellen Kornkammer des Landes ermöglichten, sich zu entwickeln. Viele Entwicklungsländer brauchen Straßen, Brücken und Eisenbahnen, da die Bauern in ländlichen Regionen (vor allem in Afrika und weiten Teilen Südamerikas) ihre Erzeugnisse nicht auf städtische Märkte liefern können und daher nichts davon haben, mehr zu produzieren. Die auch heute noch zu beklagende Unterernährung ist eher auf Verteilungsprobleme, fehlende Infrastruktur und lokale Korruption zurückzuführen als auf eine zu niedrige Produktion der betreffenden Landwirtschaft.

Da ertragreiche Landwirtschaft auch Chemie einsetzt und immer häufiger auch genetisch modifizierte Pflanzen, haben viele Menschen ein ungutes Gefühl wegen der modernen Anbaumethoden – wobei dieses Unbehagen in vielerlei Hinsicht zum heutigen Zeitgeist gehört. Vielleicht könnte es die Entwicklung einer sich schnell ausbreitenden Pflanzenkrankheit begünstigen, wenn man zu viele genetisch identische Nutzpflanzen anbaut. Dazu ist es zwar in den beinahe hundert Jahren, seit ertragreiche Anbaumethoden eingesetzt werden, nicht gekommen, aber diese Möglichkeit kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Das ist einer der Gründe, warum die agrarwissenschaftliche Forschung – die übrigens einer der rentabelsten Forschungszweige ist – danach streben sollte, immer neue Saatgutvarianten zu entwickeln, ebenso wie in der medizinischen Forschung stets nach neuen Antibiotikavarianten gesucht wird. Im Großen und Ganzen ist ertragreiche Landwirtschaft gut für die Natur. Warum hat es keine zweite »Dust Bowl« gegeben? Weil es durch ertragreiche Nutzpflanzen nicht mehr zu Missernten kommt.

Laut einer 2014 veröffentlichten Prognose der UN Food and Agriculture Organization (FAO, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) könnte der Kalorienertrag pro Hektar bis 2050 um 70 Prozent gesteigert werden, also deutlich schneller als das erwartete Bevölkerungswachstum. Zugleich könnte der Bedarf an Bewässerung und Pflanzenschutzmitteln pro Hektar ebenso abnehmen wie auch die für einen bestimmten Ertrag benötigte Anbaufläche.[13] Dass es wünschenswert ist, weniger Chemie einzusetzen, liegt auf der Hand, wird aber nicht immer gewürdigt – ein großer Teil der frühen Forschungsarbeit zur genetischen Modifikation von Nutzpflanzen zielte darauf ab, diese Pflanzen widerstandsfähiger gegen Insektenbefall zu machen, ohne Pestizide einsetzen zu müssen. Nach einer Studie des US-Landwirtschaftsministeriums nahm der Einsatz von Pestiziden in den Vereinigten Staaten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stetig zu, bis zu einem Maximum im Jahr 1981; danach ging er wieder zurück, da seither immer häufiger gegen Insektenbefall resistente Pflanzen angebaut werden.[14] Pestizide sind nach wie vor gefährlich. Eine Klasse, die sogenannten Chlorpyrifosse, können Entwicklungsstörungen bei Säuglingen verursachen; in den Vereinigten Staaten sind diese Mittel für die private Verwendung verboten, aber in der Landwirtschaft dürfen sie nach wie vor eingesetzt werden. So werden zwar die Verbraucher geschützt, aber keine schwangeren Frauen, die auf den Feldern arbeiten.

Doch der Trend geht zu immer weniger Pestiziden. Viele Verbraucher können sich mit Nahrungsmitteln, die mit dem unheimlich klingenden Stempel »Genetisch modifizierter Organismus« (GMO) gekennzeichnet sind, nicht anfreunden, obwohl solche Pflanzen seltener als andere Sorten mit Chemikalien bestäubt werden. Im Jahr 2013 kam die American Association for the Advancement of Science (Amerikanischer Verband zur Förderung der Wissenschaften) zu dem Ergebnis, dass es ungefährlich sei, GMO-Pflanzen zu verzehren.[15] In der Zeit bis 2017 hatte sich der Schwerpunkt der einschlägigen Forschung darauf verlagert, Pflanzen zu »bearbeiten«, und zwar ohne etwas hinzuzufügen, sondern vielmehr durch Umschalten von natürlich vorkommenden Genen (hauptsächlich solchen, die Verderben verursachen). Biotechnologische Landwirtschaft könnte langfristig die Gesundheit der Menschen verbessern, weil sie dazu führt, dass mehr frisches Obst und Gemüse gegessen wird statt verarbeiteter Lebensmittel. Ein Ziel der aktuellen Forschung besteht darin, Gemüsesorten zu entwickeln, die bei Zimmertemperatur länger frisch bleiben.

Warum es wünschenswert ist, in der Landwirtschaft weniger Wasser zu verbrauchen, ist nicht auf den ersten Blick klar. In weiten Teilen des Nahen Ostens ist die Versorgung mit Süßwasser angespannt; in China wird in besorgniserregenden Mengen Grundwasser verbraucht. China, das Land mit der größten Bevölkerung und dem größten Nahrungsbedarf der Welt, hat nur etwa 25 Prozent der weltweiten Durchschnittsmenge an Süßwasser pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung. Die chinesische Biomedizinerin Li Jiao hat geschrieben, es bestünde die Gefahr, dass der Grundwasserspiegel der Nordchinesischen Ebene, von dem die Reisernte des Landes abhängt, schon in einer Generation erschöpft sein könnte.[16]

Die Folgen der Klimaveränderung für die durchschnittlichen Temperaturen werden vielleicht beherrschbar sein, doch ihre Auswirkungen auf die Süßwasserversorgung könnten zu einem Problem werden. Der Geograf Laurence Smith von der University of California in Los Angeles hat darauf hingewiesen, dass 98 Prozent der weltweiten Wasserbestände salzig sind; die verbleibenden zwei Prozent Süßwasser sind nicht nur in Seen und Flüssen enthalten, sondern hauptsächlich in Gletschern und Schneedecken, die aufgrund der Klimaveränderung abschmelzen.[17] Nachdem das Schmelzwasser aus Eis und Schnee ins Meer geflossen ist, wird es durch den natürlichen Wasserkreislauf über kurz oder lang wieder in großen Höhen als Eis gelagert werden. Das geschieht jedoch viel zu langsam, um den Wasserbedarf der Menschheit zu decken.

Süßwasser kann auch durch Entsalzen gewonnen werden, aber das ist teuer. Deswegen ist es eine globale Priorität, den Wasserbedarf für landwirtschaftliche Zwecke zu senken; in der Landwirtschaft wird doppelt so viel Wasser verbraucht wie im privaten Bereich. Genetisch modifizierte Nutzpflanzen brauchen in der Regel weniger Wasser als die Pflanzen, die sie ersetzen; die Grüne Revolution hat viel dazu beigetragen, den Wasserverbrauch der Landwirtschaft zu senken.

In den vergangenen 20 Jahren hat der US-Bundesstaat Kalifornien Maßnahmen ergriffen, um die Verwendung von Süßwasser in der Landwirtschaft zu rationalisieren. Vom Markt bestimmte Wasserpreise waren der Schlüssel, um in Kalifornien die Verschwendung von Wasser zu reduzieren, die eher mit Landwirtschaft zu tun hatte als mit der Bewässerung von Rasenflächen. Andere westliche Länder müssen ähnliche Schritte ergreifen – so gibt zum Beispiel Belgien viel Geld aus, um den wasserintensiven Anbau von Kartoffeln zu subventionieren, obwohl es 50 Jahre her ist, seit irgendwo auf der Welt Kartoffeln knapp geworden sind.

Sowohl für die Natur als auch für die menschliche Gesellschaft ist der wichtigste Aspekt einer biotechnologischen Landwirtschaft, dass dadurch mehr Nahrung auf weniger Fläche angebaut werden kann. Heute wird in den Vereinigten Staaten 21 Prozent weniger Land landwirtschaftlich genutzt als 1880, und trotzdem werden auf dieser kleineren Fläche sechsmal so viel Nahrungsmittel und Ballaststoffe produziert. Seit die Sowjetunion 1991 zusammenbrach und die schwerfällige, zentral geplante Landwirtschaft durch das freie Spiel der Kräfte auf den Märkten abgelöst wurde, hat Russland eine Fläche von der Größe Polens aus der landwirtschaftlichen Nutzung ausgegliedert – und trotzdem ist die Produktion gestiegen. Solche Ergebnisse – mehr Nahrung auf weniger Fläche – werden überall gebraucht.

 

Als die Weltbevölkerung ihr rasantes Wachstum begann – im Jahr 1800 gab es eine Milliarde Menschen, 1900 waren es 1,6 Milliarden und 2000 schon sechs Milliarden –, war die hoffnungsvolle Sicht der Dinge, dass genug Nahrung für alle würde produziert werden können, aber nur durch das Abholzen sämtlicher Wälder und die landwirtschaftliche Nutzung auch des letzten Winkels Land. Stattdessen stieg die Nahrungsmittelproduktion, obwohl die landwirtschaftlich genutzte Fläche schrumpfte; in den meisten Fällen wurde das nicht mehr landwirtschaftlich genutzte Land wieder der Natur überlassen, zumindest aber nicht zugepflastert. Zurzeit sind nur etwa 0,45 Prozent des Globus mit Beton bedeckt, wobei in dieser Zahl noch nicht einmal die Antarktis enthalten ist: Wird auch der südlichste Kontinent berücksichtigt, ist nur noch ein Drittelprozent der Landfläche der Erde versiegelt.[18]

Jesse Ausubel, der Direktor des Program for the Human Environment (Programm für die Umwelt des Menschen) an der Rockefeller University in New York City, sagt: »Die Farmer haben so effektiv gelernt, auf einer gegebenen Fläche höhere Erträge zu produzieren, dass die für die Landwirtschaft benötigte Fläche schrumpft, obwohl es zugleich immer mehr Menschen gibt, die sich auch noch immer besser ernähren.« Heute sind die Waldgebiete in den Appalachen größer als jemals zuvor, seit Europäer den Fuß auf nordamerikanischen Boden setzten, ungeachtet der Bevölkerungsexplosion an der Ostküste Nordamerikas, da riesige Flächen nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden und der Natur zurückgegeben wurden. Ausubel weiter: »Diese Umkehrung der Nutzung von Land – die das Flächenwachstum der Städte um etliche Größenordnungen übertrifft – könnte eine große Renaturierung der Landschaft bis 2050 ankündigen, wodurch die bewaldeten Flächen der Erde um zehn Prozent wachsen würden. Das sind über 300 Millionen Hektar, also etwa die Fläche von Indien, die wieder der Natur überlassen werden, während sich gleichzeitig das größte Bevölkerungswachstum vollzieht, das die Erde jemals erlebt hat.«

Politiker, Lobbyisten, Aktivisten, Mainstream-Medien und heute auch die sozialen Medien ziehen es vor, Sachverhalte negativ darzustellen. Etwas, das eigentlich eine großartige Nachricht hätte sein können – dass nämlich die Welt mehr als genug Nahrung hat –, wird dargestellt als Geschäftemacherei von bösen Agrobusiness-Konzernen, die mit unserer Nahrung herumexperimentieren. Eine andere Entwicklung, die ebenfalls als gute Nachricht hätte aufgefasst werden sollen – dass es nämlich in den westlichen Ländern von Jahr zu Jahr immer weniger Farmen gibt und immer mehr Land aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen und der Natur zurückgegeben wird, und dass die noch verbleibenden Farmen immer weniger Fläche in Anspruch nehmen –, wird von Nachrichtensprechern und Lobbyisten als eine schockierende Krise des »Farmensterbens« dargestellt.[19]

Zhifeng Liu, ein Forscher an der Pädagogischen Universität Peking, fand 2014 heraus, dass Städte, Vororte und Straßen etwa drei Prozent der Erdoberfläche bedecken; dagegen werden elf Prozent der Landmasse der Erde landwirtschaftlich genutzt, was bedeutet, dass Landwirtschaft die bei Weitem größtflächige Nutzung von Land durch den Menschen ist.[20] Der abnehmende Bedarf an Ackerfläche ist daher nicht nur gut für die Natur, sondern ermöglicht auch, dass die Städte weiter wachsen können. Das Jahr 2013 war das erste, in dem weltweit mehr Menschen in Städten lebten als auf dem Land. Im Jahr 2015 gab es auf der Welt 35 Städte mit mindestens zehn Millionen Einwohnern. Viele davon sind im Westen kaum bekannt: Shenzhen, eine florierende chinesische Metropole, die es vor einer Generation noch gar nicht gab, ist heute größer als Chicago oder London.

Die Fortschritte der Landwirtschaft sind der wichtigste Grund, warum das fortgesetzte Wachstum der Städte in aller Welt nicht das Angebot an Land gefährdet; ein weiterer Grund ist, dass die Menschen durch die technologische Entwicklung in jeder Hinsicht weniger Land brauchen. Die holländische Wissenschaftlerin Louise Fresco hat gezeigt, dass ein Mensch in der Steinzeit 50 Hektar Land brauchte, um sich durch Jagen und Sammeln zu ernähren.[21]