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Gottfried Schweiger beobachtet in Deutschland und Österreich ein besorgniserregendes, paradoxes Phänomen: Auf der einen Seite wird Kinderarmut ignoriert und heruntergespielt, auf der anderen Seite wird Mitleid mit Kindern in armen Verhältnissen vorgeschützt, um vor allem politische Maßnahmen zu rechtfertigen, die die Situation dieser Kinder meist noch verschlechtern. Damit will sich der Soziologe nicht mehr abfinden und fordert in seinem Beitrag in Kursbuch 201 leidenschaftlich, dass Deutschland und Österreich endlich ihre Ressourcen nutzen – denn davon gibt es ausreichend –, um Kinderarmut ein Ende zu bereiten. Das Recht auf ein angenehmes, würdevolles Leben, das Kindern im Grundgesetz versprochen wird, muss endlich sichergestellt werden. Ansonsten verhilft sich die Gesellschaft zu nichts anderem als einer ewig perpetuierenden sozialen Ungleichheit.
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Seitenzahl: 25
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhalt
Gottfried SchweigerWarum Kinder arm sindAnklageschrift inklusive Urteilsverkündung
Der Autor
Impressum
Gottfried SchweigerWarum Kinder arm sindAnklageschrift inklusive Urteilsverkündung
Wenn ich mir den öffentlichen und politischen Diskurs über Kinderarmut hier, also in Deutschland oder Österreich, vor Augen führe, nehme ich ein paradoxes Phänomen wahr. Auf der einen Seite wird Kinderarmut in reichen Ländern gerne ignoriert oder heruntergespielt,1 manchmal auch beides zugleich. Es gäbe hier gar keine »echte« Kinderarmut, und was als solche bezeichnet wird, sei eigentlich viel harmloser als die »echte« Kinderarmut, die ganz woanders zu finden ist, nämlich in Afrika oder Asien, jedenfalls weit weg von Deutschland oder Österreich. Diese Strategie der Verharmlosung und des Wegwischens ist schamlos und zynisch. Sie ignoriert soziale Realitäten und missachtet das Wissen, das die Armutsforschung über die vielen Nachteile, die arme Kinder in ihrem Leben erfahren müssen, generiert.
Gegenläufig dazu, die andere Seite, auf der gerade politische Akteure sehr wohl Mitleid äußern, obgleich sie die Verhältnisse, unter denen Kinder leben müssen, geschaffen haben. Die Verfechter eines neoliberalen Sozialabbaus oder populistischen Wohlfahrtschauvinismus würden Kinder, insbesondere junge, nie direkt angreifen und eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen fordern. Kinder, gedacht in der Einheit der traditionellen Kleinfamilie unter mütterlicher Fürsorge und väterlicher Strenge, gelten hier immer auch als schützenswertes Gut – zumindest wird dies verbal so vorgespiegelt, auch wenn die politischen Maßnahmen wie Hartz IV in Deutschland oder die in Österreich diskutierte Kürzung der Sozialhilfe dann das Gegenteil erzeugen und Kinder überhaupt erst in Armut und Not bringen.
Kinderarmut als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu diskutieren, ist vielschichtig und in der Forschung keineswegs unkompliziert zu untersuchen. Allein die Frage, wer überhaupt ein Kind ist,2 kommt in vielen Diskussionen zu kurz. Das scheint nicht schwer zu beantworten zu sein, ist es aber dann doch, denn Kindheit ist vor allem eine soziale Kategorie. Es gibt natürlich typische, biologisch feststellbare Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen, obwohl es auch hier Varianz gibt. Unsere sozialen Kategorien bilden diese biologischen Unterschiede nicht einfach ab, sondern bauen auf ihnen auf und machen sehr viel mehr daraus. Es werden Altersgrenzen gezogen, die immer auch willkürlich sind. Wieso ist man bis zum Alter von 18 Jahren ein Kind und nicht bis 17 oder 20? Wieso dürfen 16-jährige Jugendliche nicht wählen, aber 18-jährige schon, obwohl es eigentlich keine hinreichenden Gründe für diese politische Grenzziehung gibt? 3
