Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Was passiert eigentlich, wenn unser Herz vor Freude einen Satz macht? Und wenn wir Herzflattern bekommen? Oder uns jemand das Herz bricht? Felix Schröder, angehender Kardiologe, fühlt unserem wichtigsten Organ auf den Zahn und beantwortet all diese und noch viele weitere Fragen zu unserem Herzen. Zusammen mit Nina Weber erklärt er außerdem, was eigentlich die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenherzen sind, warum Babyherzen wahre Champions sind und wie wir alle uns besser um unsere Herzen kümmern können. Eine Herzensangelegenheit – nicht nur für Romantiker!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Kapitel 1 – Mit einem Blutstropfen auf Reisen
Rote Blutkörperchen: Live fast, die young
Startlinie: Lungenflügel
Zwischenfrage:Unser Herz hat Ohren
Durch den Spazierstock
Von echten und falschen Blaublütern
Das selbstlose Herz
Das Herz ist Linkshänder
Puls und Blutdruck
Sinfonie des Lebens
Teil des großen Kreislaufs
Zwischenfrage:Ist Blutspenden gesund?
Kapitel 2 – Das Herz im Lauf des Lebens
Steckbrief:Das Babyherz
Noch vor dem ersten Atemzug
Und nimm den Müll mit raus, Mama!
Antikörper auf Kaperfahrt
Babyleber im Stress
Wilde Jugend
Viren und Bakterien: Gefahren fürs junge Herz
Verkalkte Rohre
Todesursache Nummer Eins: Herzkreislauf …
Schlag um Schlag, ein Leben lang
Steckbrief:Das alte Herz
Alles Schall und Rauch?
Alles hat ein Ende …
Kapitel 3 – Frauenherzen sind anders, Männerherzen auch
Steckbrief:Das Frauen- und das Männerherz
Typisch Mann, typisch Frau?
Hormone am Werk
Und was ist mit Testosteron?
Sein Frühwarnsystem
Gleiche Krankheit, unterschiedliche Symptome
Gefährliche Gerinnsel
Fataler Fingerhut
Zwischenfrage:Frauen haben ständig kalte Füße – ist das auch eine Herzensangelegenheit?
Kapitel 4 – Ist Kaffee gefährlich fürs Herz?
Das Schokoladenwunder
Das Geheimnis gesunder Raucher
Eine Tasse am Morgen …
… ein Glas am Abend
Steckbrief:Das vegetarische Herz
Fett und Cholesterin: Alles in Butter?
Steckbrief:Das übergewichtige Herz
Obst und Gemüse: Bunt ist gesund
Zu viel des Guten
Streitthema Salz
Zwischenfrage:Was stellt Kiffen mit dem Herzen an?
Kapitel 5 – Psyche
Zwei Nervensysteme im Wettstreit
Zwei Arten von Stress
Steckbrief:Das Managerherz
Einfach mal ausspannen
Das Gebrochenes-Herz-Syndrom
Zwischenfrage:Was ist überhaupt ein Schock?
Kapitel 6 – Sportprogramm für einen einzigartigen Muskel
Steckbrief:Das Sportlerherz
Warum ist erhöhter Blutdruck beim Sport gesund?
Vom Arzt verordnet: Fahrstuhlverbot
Weshalb das Herz gerne abtaucht
Nebenwirkung dünner Luft: Die Höhenkrankheit
Wenn unsere Muskeln die Luft anhalten
Geheimtipp für Sportmuffel
Kalte Gefahr
Kapitel 7 – Hochdruckgebiet
Stiller Saboteur
Steckbrief:Das Herz unter Druck
Zeitbombe im Gehirn
Vom Weißkittel-Effekt zum maskierten Hochdruck
Blutdruck zu Hause messen
Und wieso jetzt ich?
Nach der Bluthochdruckdiagnose
Überzeugen Sie sich – nicht Ihren Arzt!
Ein Problem, viele Medikamente
Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft
Kapitel 8 – Herzschmerz
Herzrhythmusstörungen: Chaos im Orchester
Herzstolpern: Manchmal heftig, aber harmlos
AV-Knoten-Reentry-Tachykardie: Falsch verdrahtet
AV-Block und andere Verzögerungen: Jemand zuhause?
Vorhofflimmern: Gefahrenzone Herzohr
Kammerflimmern: Achtung, Lebensgefahr!
Was TV-Ärzte ständig falsch machen
Der schlimmste Fehler bei der Wiederbelebung: Nichtstun
Herzdruckmassage: »Stayin’ Alive«
Noch ein Filmklischee: Ist eine Adrenalinspritze ins Herz lebensrettend?
Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt: Der Konzertsaal brennt!
Herzschwäche: Mein müdes Herz
Schlaganfall
Film-Check: Drohen mit der Luftspritze
Kapitel 9 – Die Klempner
Bypass: Bitte hier entlang
Herzklappenersatz: Neue Ventile
Transplantationen: Gespendete Herzen
Schlusswort
Quellen
Unser Herz. Es ist nicht nur der Motor unseres Körpers und sorgt dafür, dass alle Organe zu jeder Zeit optimal versorgt sind, es ist auch untrennbar mit unseren Gefühlen verknüpft. Dass es zum Beispiel vor Freude hüpft, sagen wir nicht nur, wir fühlen es auch. Wenn uns etwas bedrückt, haben wir etwas auf dem Herzen. Wer geizig ist und gemein, der hat wohl ein Herz aus Stein, oder gleich gar kein Herz. Geliebte Menschen haben immer einen Platz in unserem Herzen oder sind uns sogar ans Herz gewachsen. Was uns sehr wichtig ist, liegt uns am Herzen. Wenn wir etwas (zu) nah an uns heranlassen, nehmen wir es uns sehr zu Herzen. Und werden wir verlassen, bricht uns das Herz.
Bevor ich anfange, Ihnen mehr über diese Wundermaschine zu erzählen, die in unserer Brust arbeitet und niemals Pause macht, wollen Sie sicher wissen, weshalb mir das Herz so sehr am Herzen liegt, dass ich es studierte und zum Mittelpunkt meines Berufs machte. Das geschah zwar nicht unter so dramatischen Umständen wie bei einem Kollegen, der als Achtjähriger hilflos mit ansehen musste, wie sein Vater während eines gemeinsamen Waldausflugs den Herztod starb und für den diese Erfahrung der Machtlosigkeit das Motiv war, Rettungssanitäter und Arzt zu werden, aber ich will Sie trotzdem nicht rätseln lassen, wer Ihnen hier etwas zum Besten gibt.
In der Schule gehörte ich zu diesen oft bestaunten und manchmal auch gehassten Exemplaren, denen Mathematik und Naturwissenschaften leicht fielen. Sie machten mir einfach Spaß, auch wenn das vielen Menschen ein Rätsel ist. Zuerst wollte ich Physik oder Ingenieurwesen studieren – nicht obwohl, sondern gerade weil gefühlte 70 Prozent meiner näheren Verwandten Ärzte waren. Aber irgendwann siegte dann doch die Vertrautheit mit medizinischen Themen und die Faszination der Medizin über das trotzige »Ich will aber was anderes machen als die anderen«.
Ausschlaggebend war für mich aber letztlich der Zivildienst in der Unfallchirurgie einer Uniklinik. Hier habe ich zwar nicht in der Kardiologie gearbeitet, aber im direkten Kontakt mit Menschen. Außerdem fiel mir sehr schnell auf, dass man als Arzt wenig über die Sinnhaftigkeit seiner Tätigkeit nachdenken muss. Hinzu kommt, dass man zwar ein hohes Arbeitspensum hat, aber dafür mehrmals täglich ein aufrichtiges und ehrliches »Dankeschön« hört. Das gefiel mir. Gleichzeitig musste ich bei näherer Betrachtung feststellen, dass Ingenieure häufig in der Prozessoptimierung arbeiten und somit oft dazu beitragen, Arbeitsplätze abzubauen – etwa, wenn sie die automatisierte Fließbandproduktion in einer Autofabrik optimieren und so dazu beitragen, dass einige Leute vom Fließband in die Arbeitslosigkeit geschickt werden. Das gefiel mir nicht.
Im Medizinstudium musste ich allerdings überrascht feststellen: Die Herzheilkunde ist nicht besonders gefühlsbetont. In den Vorlesungen geht es um Druckverhältnisse, Auswurfvolumina und Sauerstoffsättigungen. In der Klinik reparieren Ärzte dann kaputte Klappen und fegen verstopfte Leitungen frei. Kardiologie hat in dieser Hinsicht dann doch erstaunlich viel mit dem Ingenieursberuf gemein. Letztlich ausschlaggebend dafür, dass ich mich für die Kardiologie entschied, waren jedoch die wirklich beeindruckenden Möglichkeiten, die vielen verschiedenen Herzerkrankungen mittels moderner Technik zu behandeln. Ein kleiner Stich in eine Arterie reicht aus, um Instrumente über einen kleinen Schlauch, Katheter genannt, zum Herzen vorzuschieben und so lebensbedrohliche Herzinfarkte oder Klappenerkrankungen zu behandeln. Für mich ist das nicht der schlechteste Kompromiss zwischen meiner Neigung zu Naturwissenschaft und Technik und meinen Erfahrungen aus dem Zivildienst. Denn als Arzt merke ich immer wieder ganz unmittelbar, wie stark unsere Gefühle auch das Herz beeinflussen. Ein Beispiel: Ein 40-jähriger Mann wird mit einem starken Druckgefühl und Schmerzen in der Brust in die Notaufnahme eingeliefert. Verdacht auf Herzinfarkt. Schnell eilen alle herbei, erste Befragung, Abtasten, Abhorchen, Blutentnahme, Schnellanalyse der Herzwerte, Elektrokardiogramm: alles unauffällig. Auch spätere Laborergebnisse entsprechen ganz der Norm. Lediglich der Blutdruck ist erhöht, bei 160 zu 90. Auch das ist keine Besonderheit, schließlich ist der unfreiwillige Besuch in der Notaufnahme eine stressige Situation für den Mann. Risikofaktoren für Herzerkrankungen weist er nicht auf, im Gegenteil, er ist schlank und sportlich aktiv. Wo also liegt das Problem? In einer ruhigen Minute schüttet der Mann mir schließlich sein Herz aus: Am vorigen Tag hat ihn seine Frau verlassen. Die beiden gemeinsamen Kinder hat sie mit zu den Schwiegereltern genommen. Die Scheidung droht. Der Mann ist ratlos, einsam, wütend, verzweifelt. Und diese Gefühlslage macht sich bei ihm am Körper, genauer am Herzen bemerkbar. Der Fachbegriff dafür ist Somatisierung, also die Verkörperlichung seelischer Beschwerden. Diese Reaktion des Körpers auf einschneidende Erlebnisse wird wahrscheinlich dazu beigetragen haben, dass Homer meinte, die Seele habe ihren Sitz im Brustkorb.
Solche Erlebnisse gehen auch mir zu Herzen, das spüre ich dann selbst sehr intensiv und nehme natürlich nicht selten auch derartige Erfahrungen mit nach Hause. Dann frage ich mich, ob die emotionale Rolle, die das Herz für uns spielt, nicht stärker Teil der Medizinerausbildung sein sollte. Ich wäre jedenfalls gerne besser darauf vorbereitet worden, wie oft Menschen sich etwas so sehr zu Herzen nehmen, dass sie davon krank werden – und dass ich bei der Diagnose auch darauf achten sollte und nicht nur auf das, was die Geräte und Laborwerte anzeigen. Zumal man ja längst weiß, dass die Psyche eine entscheidende Rolle im Heilungsprozess spielt.
Aber ob wir nun die technische oder die emotionale Seite betrachten: In unserem Alltag kommen die Bedürfnisse des Herzens oft zu kurz. Stress, Lärm, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel: Zusammen ergeben sie einen schädlichen Cocktail, der das Herz krank werden lässt. Dabei ist das Herz eigentlich ein anspruchsloses Organ. Es schlägt unser Leben lang ohne Pause und freut sich sogar, wenn es immer wieder besonders hart arbeiten darf. Sport sorgt nicht nur dafür, dass das Herz kräftig bleibt. Er regt auch den Körper an, neue Blutgefäße wachsen zu lassen. Von diesen Nebenstraßen, auch natürliche Bypässe genannt, kann unsere Pumpe ganz besonders profitieren, falls einmal Teile der das Herz versorgenden Herzkranzgefäße verstopft sein sollten. Auch die Ernährung und die Psyche beeinflussen, wie gut es dem Herzen und unseren Gefäßen geht.
Wie genau, das erfahren Sie in den folgenden Kapiteln. Keine Angst, ich möchte mit diesem Buch nicht missionieren. Drei- oder fünfmal die Woche Sport treiben, Gemüse statt Grillwurst essen – das sind natürlich Vorschläge, die gut fürs Herz sind. Aber Sie müssen selbst entscheiden, in welchem Maß sie auch gut für Sie sind. Was ich allerdings unbedingt möchte: Ihnen Ihr Herz ans Herz legen. Denken Sie manchmal an seine Bedürfnisse. Es wird es Ihnen danken!
Das Herz ist ein wahres Arbeitstier. Jeder Chef würde es sich wohl als Mitarbeiter wünschen. Unser gesamtes Leben hindurch schlägt es, um das Blut im Körper in Bewegung zu halten. Schlaf, Mittagspause, 35-Stunden-Woche, Sommerferien – das alles kümmert das Herz nicht, es ist in jeder Minute unseres Lebens aktiv. Und trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Dauerleistung bekommt das Herz, das ja ein Muskel ist, niemals Muskelkater!
Die Aufgabe des Blutes – und damit des Herzens – ist es, alle Körperzellen mit Sauerstoff zu versorgen. Denn nicht nur unsere Lunge, sondern jede einzelne unserer Zellen benötigt Sauerstoff zum Leben – und »atmet« deshalb. Manche Bereiche unseres Körpers können allerdings länger die Luft anhalten als andere. Die Nieren beispielsweise kommen zur Not etwa 40 Minuten lang ohne Sauerstoff aus, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen. Und unsere Knochen sind die reinsten Apnoetaucher: Ein paar Stunden Luftanhalten stecken sie locker weg. Andere Organe sind nicht so robust. Am empfindlichsten ist das Gehirn. Schon nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff erleidet es irreparable Schäden. Weil all unsere Zellen atmen müssen, legt das Herz also niemals eine längere Pause ein. Auch nicht, wenn wir bloß sitzen und lesen. Oder schlafen. Selbst in diesen entspannten Situationen schlägt das Herz etwa 60 bis 80 Mal in der Minute, das ist der normale Ruhepuls. Gut trainierten Sportlern reichen auch 40 Schläge: Ihr Herz befördert mehr Blut pro Schlag. Wer seinen achtzigsten Geburtstag feiert, kann gleichzeitig ein zweites Jubiläum begehen: Das Herz hat zu diesem Zeitpunkt rund drei Milliarden Mal geschlagen, also 3 000 000 000 Mal. Dabei hat es schätzungsweise 210 Millionen Liter Blut durch jede seiner Kammern geschleust. Damit könnte man gut 80 Olympiaschwimmbecken füllen – und das alles durch einen nur faustgroßen Muskel. Und um diesen beeindruckenden Muskel verstehen zu können, müssen wir einmal alles grundlegend verstehen – das wird in diesem Kapitel passieren.
Um die Arbeit unseres Herzens und Blutes besser verstehen zu lernen, begleiten wir einmal einen Blutstropfen auf seiner Reise durch unseren Körper. In durchschnittlich einer Minute dreht er eine Runde von der Lunge über das Herz zu seinem Ziel im Körper und wieder zurück zur Lunge.
Betrachten wir zunächst den Tropfen selbst – ein faszinierender Mikrokosmos, der mich immer wieder zum Staunen bringt. Nur gut die Hälfte davon ist Flüssigkeit, das Blutplasma. Darin treiben die verschiedenen Arten von Blutzellen: die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen, die sogenannten Thrombozyten. Und so sehen sie aus:
Die roten Blutkörperchen transportieren Sauerstoff; ihnen widmen wir uns ebenso wie den weißen Blutkörperchen gleich ausführlicher. Die Blutplättchen sorgen dafür, dass wir nicht verbluten, wenn wir uns verletzen. Sie sind sozusagen die Rettungssanitäter des Körpers: Sie rasen zum Unfallort, also der Wunde, und heften sich dort an. Sie vernetzen sich mit weiteren Blutplättchen, bis sie einen festen Klumpen bilden, der die Verletzung verschließt. Unterstützung erhalten sie dabei von sogenannten Gerinnungsfaktoren im Blut, das sind hilfreiche Eiweiße, die das Blut fest werden lassen. Leider können solche Klumpen auch ohne äußere Verletzung entstehen und Gefäße zum Teil oder ganz verstopfen – das heißt dann Thrombose oder Infarkt und ist lebensgefährlich. Aber auch dazu komme ich später ausführlicher.
1. Quizfrage:
Würde man alle roten Blutkörperchen, die ein Mensch im Körper hat, in einer Linie aneinanderreihen, wie weit würden sie reichen?
a)Von Hamburg bis Rom.
b)Einmal um die Erde.
c)Mehr als die halbe Strecke zum Mond.
(Antwort hier)
Die weißen Blutkörperchen, von denen es einige verschiedene Arten gibt, gehören zum Immunsystem. Wie unsere Bundespolizei oder der Grenzschutz patrouillieren sie ständig durchs Blut und halten nach Eindringlingen Ausschau. Sobald sie welche entdecken, schlagen sie Alarm und greifen an. Einige von ihnen verteilen anschließend sogar eine Art Steckbrief, damit man sich von diesem Eindringling nicht noch einmal überrumpeln lässt.
Allein in unserem einen Tropfen, der bloß einen Milliliter umfasst, finden sich unfassbar viele Zellen: rund fünf Milliarden rote Blutzellen, 200 Millionen Blutplättchen und fünf bis zehn Millionen weiße Blutkörperchen.
Wenn wir das auf das gesamte Blut hochrechnen, kommen wir auf 25 Billionen rote Blutkörperchen. Mit ihrer typischen Form – oval, abgeflacht, mit höherem Rand – erinnern sie ein bisschen an Schlauchboote. Und das ist gar nicht so unpassend. Denn diese Zellen sind die Fähren in unserem Blutsystem. 25 000 000 000 000 kleine Sauerstoff-Fähren.
Damit sind 80 Prozent all unserer Körperzellen rote Blutkörperchen. Wie kann das überhaupt sein? Eine 65 Kilogramm wiegende Frau zum Beispiel hat nur um die fünf Liter Blut im Körper, das sind knapp acht Prozent ihres Körpergewichts. Das kann doch unmöglich vier Fünftel ihrer Zellen enthalten! Doch, es kann. Die Erklärung: Selbst im Vergleich zu anderen Körperzellen – alles keine Riesen – sind die roten Blutkörperchen Zwerge. Nur etwa sechs bis acht Mikrometer Durchmesser haben sie, in der Mitte sind die roten Blutzellen etwa einen Mikrometer dick, am aufgestülpten Schlauchbootrand sind es zwei Mikrometer. (Ein Mikrometer, das sind 0,001 Millimeter, also ein Tausendstel eines Millimeters.) Um sich das besser vorzustellen: Ungefähr zehn bis fünfzehn rote Blutkörperchen nebeneinander wären nicht dicker als eines Ihrer Haare. Dagegen ähnelt eine Leberzelle einer Art Karton mit einer Seitenlänge von 20 bis 30 Mikrometern, in dem locker 250 rote Blutzellen Platz hätten. Und Fettzellen bringen es zum Teil auf einen Durchmesser von über 100 Mikrometern – der Name ist Verpflichtung. In eine einzige Fettzelle passen also ungefähr 10 000 rote Blutkörperchen.
Die Sauerstoff-Fähren sind dagegen so weit abgespeckt, dass sie nicht einmal einen Zellkern mit Erbgut enthalten. Außerdem leben sie nur etwa 120 Tage. Das bedeutet wiederum, dass in jeder einzelnen Minute etwa 140 Millionen rote Blutzellen frisch aus dem Knochenmark kommen, um jene zu ersetzen, die in dieser Minute absterben. Doch nun auf zu unserer Rundreise!
Die Fahrgäste unserer roten Fähren sind Sauerstoffmoleküle. Sie steigen in der Lunge ein, wenn der Tropfen durch ein feines Blutgefäß schießt, das auch Kapillare genannt wird. Immer wenn wir einatmen, strömt – neben anderen Gasen – Sauerstoff durch die sich immer feiner verästelnden Atemwege hinein in winzige Bläschen, die Alveolen. Im Inneren sehen die Lungen wegen dieser Bläschen aus wie ein Schwamm.
Man schätzt, dass sich in der menschlichen Lunge mindestens 300 Millionen Alveolen befinden. (Genau nachgezählt hat aber noch keiner.) Bläht sich eine Alveole nach dem Einatmen auf, kann sie einen Durchmesser von einem Viertelmillimeter erreichen. Beim Ausatmen schrumpft sie auf ein Fünftel davon zusammen. Die Schwammstruktur mit den unzähligen kleinen Bläschen dient dem Zweck, dass wir mit jedem Atemzug möglichst viel Sauerstoff aufnehmen. Dafür muss die Fläche, an der sich Atemluft und Blut begegnen, möglichst groß sein. Grob geschätzt umfasst die Oberfläche aller Alveolen in einer Lunge um die hundert Quadratmeter – auf diese Grundfläche kommt manche Dreizimmerwohnung nicht!
Nur eine extrem dünne Wand trennt das vorbeifließende Blut in den Kapillaren von der Luft in den Alveolen. Für die Fahrgäste stellt diese Wand kein Hindernis dar: Die Sauerstoffmoleküle wandern einfach hindurch – wie Harry Potter und seine Freunde, wenn sie den Zug nach Hogwarts auf Gleis 9 ¾ erreichen wollen. Aber warum will der Sauerstoff mit dem Kopf durch die Wand? Er folgt einem Naturgesetz, das die Ausgeglichenheit als höchstes Ziel hat. Während in der eingeatmeten Luft viel Sauerstoff zu finden ist, ist er im gerade heranströmenden Blut Mangelware. Also geht es ab durch die Wand für unsere auf Ausgleich bedachten Passagiere.
Damit die Reisenden schnell einsteigen können, haben die Fähren speziell angefertigte Sitze. So wie man selbst auf Reisen gern gemütlich und sicher sitzt, so mag es auch der Sauerstoff. Die kleinen Fähren verwenden als Sitz das Modell Hämoglobin. Dieses Molekül enthält Eisen – und übt damit eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft auf den frisch eingeatmeten Sauerstoff aus. Das Hämoglobin gilt während der Fahrt in die Bereiche, wo der Sauerstoff gebraucht wird, sozusagen als Sitz samt Anschnallgurt – und es verleiht dem Blut auch die rote Farbe.
Abgesehen von ihrer Größe unterscheidet die Fähren unseres Blutsystems noch etwas anderes von den Passagierfähren auf dem Wasser: die Anzahl der möglichen Fahrgäste. Jede rote Blutzelle enthält – bei ausreichender Versorgung des Körpers mit Eisen – um die 280 Millionen Hämoglobinmoleküle, und jedes von diesen kann bis zu vier Sauerstoffmolekülen einen Platz anbieten. Bei voller Auslastung sind also mehr als eine Million Fahrgäste in einem einzigen roten Blutkörperchen unterwegs. Wenn man bedenkt, dass wir davon 25 Billionen Stück haben, wird einem schon etwas schwindelig …
Übrigens ist eine »Verkehrszählung« ein probates Mittel für uns Ärzte, um einen Eisenmangel festzustellen (der sich unter anderem in ständiger Müdigkeit äußert): Wenn zu wenig Passagiere (also Sauerstoff) auf einem roten Blutkörperchen mitreisen, enthält der Organismus zu wenig Eisen und kann deshalb zu wenig Hämoglobin bilden.
Auf ihrer Reise durch die feinen Gefäßverästelungen in der Lunge müssen die roten Blutkörperchen dann ihre Flexibilität unter Beweis stellen: Die Kapillaren haben im Durchschnitt einen Durchmesser von 7 Mikrometern (0,007 Millimeter); an den engsten Stellen sind es nur fünf Mikrometer. Wer einmal ein YouTube-Video mit einer Katze gesehen hat, die sich unter einer Zimmertür durchquetscht, der ahnt, was an diesen Engstellen los ist: Die Blutkörperchen müssen sich verbiegen, um hindurchzupassen.
In unseren Blutbahnen geht es auch im Übrigen zu wie im Straßenverkehr: Wenn es eng wird, werden alle langsamer. In den Kapillaren der Lunge kommt der Tropfen bloß mit einer Geschwindigkeit von einem Drittel Millimeter in der Sekunde voran. Im Gegensatz zum Stau wegen einer Baustelle ist das hier aber kein Ärgernis. Vielmehr haben die Sauerstoff-Fahrgäste dadurch Zeit zum Einsteigen.
Der Tropfen hat die Engstelle überwunden. Mehr als neun von zehn Sitzplätzen sind nun mit Sauerstoff besetzt. Man sieht das dem Blut sogar an, es ist viel heller geworden. Die Reise kann weitergehen. Nächste Station: linke Herzhälfte. Aus den vielen haarfeinen Gefäßen, den Kapillaren, fließt das Blut auf dem Weg zum Herzen in immer größer werdenden Bahnen zusammen. Am Ende sind es nur noch vier Venen, die in den linken Vorhof des Herzens münden. Er ist das Sammelbecken, in dem das Blut kurz verweilt, wenn der Weg durch die Herzklappe versperrt ist. Das gibt uns Zeit, uns kurz umzuschauen.
Denkt man sich die Arterien weg, sieht das Herz tatsächlich recht herzförmig aus: Oben wölben sich die Vorhöfe, nach unten läuft es spitz zu. Und rot gefüllt ist es ohnehin. Etwa 300 Gramm wiegt das Herz eines erwachsenen Mannes; Frauenherzen sind ein bisschen kleiner und leichter als Männerherzen. Das Organ ist immer in etwa so groß wie die geballte Faust seines Besitzers.
Und was ist das? Einige Tropfen haben es sich am oberen Rand des Vorhofs in einer Ausstülpung gemütlich gemacht. Das ist eines der zwei Herzohren, sie schmücken die beiden Vorhöfe. Kardiologen rätseln noch, welchem Zweck die Ohren dienen – zum Hören sind sie ja offensichtlich nicht da. Sind sie bloß Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, die bei unseren frühen Vorfahren eine Aufgabe erledigten, heute aber nutzlos sind? Es gibt zumindest Hinweise, dass sie Sensoren für den Druck im Herzen sind: Falls er zu hoch ist, nehmen die Herzohren wie ein Auffangbecken zusätzliches Blut auf. Und funken dann die Nieren an, sie mögen doch bitte mehr Flüssigkeit ausscheiden, um den Druck im System zu senken. Überbracht wird diese Botschaft unter anderem mittels des Hormons ANP, das in den Herzohren produziert wird. Möglicherweise schalten sich unsere Herzohren auch ein, wenn der Druck zu gering ist. Das setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende wir Durst verspüren und etwas trinken, sodass wieder mehr Flüssigkeit in die Blutbahnen kommt. Bei Tieren konnte man bereits beobachten, dass Herzohren und Durst zusammenhängen.
Leider kann das linke Herzohr, das wir gerade betrachten, auch Schaden anrichten. Weil das Blut hier eine Pause einlegen und sich so längere Zeit vor der Weiterreise drücken kann, bilden sich in der Ausstülpung in manchen Fällen Gerinnsel. Dies ist vor allem ein Problem bei Menschen, die unter Vorhofflimmern leiden. Eine Gefahr wird der Blutklumpen, sobald er sich in Bewegung setzt: Dann ist das Risiko groß, dass er mit dem Blutstrom in die Adern treibt, die das Gehirn versorgen. Erreicht er ein enger werdendes Gefäß, bleibt er stecken – wie ein Lkw, der in einen zu niedrigen Tunnel fährt. Und genauso wie der Lkw legt er den gesamten Verkehr hinter sich lahm. Ein gewaltiger Unterschied besteht jedoch: Während ein Stau vor einem Tunnel meist nur dafür sorgt, dass Autofahrer Zeit verlieren, ist ein Stau in einem Hirnblutgefäß lebensgefährlich. Die besonders empfindlichen Nervenzellen werden nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und sterben ab. Der Betroffene erleidet einen Schlaganfall.
Diesen Risiken werden wir uns später ausführlicher widmen. Nun aber zurück zu unserem Tropfen, der sich nicht ins Herzohr verirrt, sondern darauf wartet, dass sich die linke Herzklappe, von Ärzten Mitralklappe genannt, öffnet. Das passiert gerade. Kaum ist unser Tropfen in die linke Herzkammer gesaust, verschließt sich der Weg wieder hinter ihm. Die Herzklappe verhindert, dass das Blut in die falsche Richtung zurückfließt, wenn sich die Kammer anspannt und somit entleert.
Lauscht jemand mit einem Stethoskop an der Brust, hört er jetzt den ersten Herzton, ein kurzes, dumpfes Geräusch. Früher dachte man, das Schließen der Klappe würde diesen Ton hervorrufen. Klingt ja ganz logisch: Eine Tür, die in Schloss fällt, macht auch ein Geräusch. Inzwischen geht man aber davon aus, dass die plötzliche Anspannung der Herzmuskulatur das But verwirbelt und damit das Geräusch erzeugt.
Die linke Herzkammer ist jetzt prall gefüllt – rund 140 Milliliter Blut haben sich in ihr angesammelt. Ihre Nachbarin, die rechte Herzkammer, bietet derselben Menge Platz. Das mag einem wenig vorkommen. Ein mittelgroßes Glas könnte diese Flüssigkeit fassen. Aber das Herz ist ja auch kein Speicher, sondern eine Pumpe! Um das Blut aus der linken Kammer in die große Hauptschlagader und damit hinein in den Körper zu drücken, zieht sich die Herzkammer zusammen, sie kontrahiert. Zurück kann die Flüssigkeit nicht – wegen der geschlossenen Mitralklappe. Also geht es voran in die Hauptschlagader. Etwa die Hälfte des Blutes, also 70 Milliliter, schießt aus der Kammer hinaus, bevor die Kammer sich wieder zu entspannen beginnt und eine weitere Herzklappe, hier die Aortenklappe, einen Rückstrom aus der Hauptschlagader in die Herzkammer verhindert.
Auf der anderen Herzseite passiert derweil das gleiche: Die rechte Herzkammer befördert rund 70 Milliliter in die Lungenschlagader. Dem widmen wir uns ausführlicher, wenn der Tropfen dort ankommt.
Ein zweiter Herzton begleitet das Schließen der Aortenklappe. Er ist etwas kürzer und heller als der erste. Bei gesunden Erwachsenen sind nur diese beiden Herztöne zu hören. Dann entspannt und weitet sich die linke Herzkammer wieder, wobei sie sich erneut mit aus dem Vorhof kommendem Blut füllt.
Das Zusammenziehen der linken Herzkammer, durch das das Blut in die Hauptschlagader – die Aorta – gepumpt wird, fühlen wir als Puls, egal ob am Hals oder am Handgelenk. Als Student habe ich meinen Professor mal ganz oberschlau gefragt, warum denn der Blutfluss im Körper so wunderbar gleichmäßig ist, obwohl das Blut vom Herzen doch stoßweise gepumpt wird. Er hat mir das dann sehr anschaulich mit dem Dudelsack-Phänomen erklärt. Viele kennen das Gefühl, irgendwann Schnappatmung zu bekommen, wenn sie einem muszierenden Schotten zusehen und zuhören – ein Blasinstrument, das ununterbrochen Töne von sich gibt, widerspricht unserer Intuition, unserer Erfahrung, kurz: den Möglichkeiten unserer Lunge. Das Geheimnis des Dudelsacks liegt darin, dass der Spieler den gleichmäßigen, ununterbrochenen Luftstrom nicht mit der Lunge erzeugt, sondern mit dem Arm. Die Atmung füllt nur – stoßweise, wie es sich gehört – das Reservoir für die Luft, nämlich den dudelnden Sack. In unserem Körper bildet dieses Reservoir die Aorta: Der Teil direkt hinter dem Herzen federt den Stoßeffekt des pumpenden Herzens ab, indem er sich bei jedem Schwall aus dem Herzen weitet und anschließend langsam wieder zusammenzieht. Das sorgt für einen gleichmäßigeren Blutfluss im Rest des Körpers. Trotzdem gibt es aber die Pulswelle, die wir ertasten können.
Die Aorta ist die größte Arterie im Körper. Ihr Durchmesser liegt normalerweise zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Zentimetern. Damit ist sie breiter als der Hals einer Weinflasche. Wenn wir älter werden, leiert die Aorta aus, ihr Durchmesser nimmt zu. Wird sie nur ein bisschen weiter, ist das unproblematisch. Weitet sie sich allzu stark, kann das als sogenanntes Aneurysma gefährlich werden. Das Ausleiern schwächt die Gefäßwände, sodass sie zu reißen drohen. Grundsätzlich kann man sich das wie bei einem Luftballon vorstellen, der irgendwann platzt, wenn er zu sehr aufgepustet wird. Bei solch einer Ruptur blutet der Betroffene innerlich. Das ist insbesondere im Fall der Aorta lebensgefährlich, da sie mit hohem Druck eine große Menge Blut transportiert. Reißt die Aorta, schießt sehr schnell sehr viel Blut in das umliegende Gewebe und der restliche Körper kann nicht mehr versorgt werden.
2. Quizfrage:
Die höchste Blutgeschwindigkeit im Körper wird an der Hauptschlagader nahe der Aortenklappe gemessen. Wie schnell ist das Blut hier?
a)Es würde mit einem Spaziergänger mithalten.
b)Es würde selbst einen schnellen 100-Meter-Sprinter überholen.
(Antwort hier)
Man kann sich die Form der Aorta vorstellen wie einen altmodischen Spazierstock. Das erste Stück vom Herzen weg fließt das Blut in der Aorta nach oben, Richtung Hals. Dann beschreibt das Gefäß einen Bogen und wendet sich nach unten in Richtung des Beckens.
Obwohl es seine Aufgabe ist, das Blut durch den Körper zu pumpen, und es ständig mit Blut gefüllt ist, muss das Herz selbst auch noch mit Blut versorgt werden. Das erledigen die Herzkranzgefäße, die kurz hinterm Herzen von der Aorta abzweigen und außen übers Herz laufen. Viele Herzprobleme entstehen, wenn diese Gefäße verstopft sind und die Herzmuskelzellen nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe erhalten.
Im Aortenbogen, dem Griff des Spazierstocks, trennt sich der Blutstrom weiter auf. Hier verabschiedet sich der Teil, der das Gehirn und die beiden Arme versorgen wird. In Brust- und Bauchraum werden erneut Teile des Blutes abgezwackt, sodass alle Organe beliefert werden. Im letzten Abschnitt spaltet sich die Hauptschlagader in zwei Gefäße auf, die sich im Beckenraum und den Beinen weiter verästeln und dort die Sauerstoff-Anlieferung übernehmen. Interessanterweise gibt es für diese Aufteilung der Hauptschlagader übrigens keinen einheitlichen Bauplan, sondern sehr viele Varianten, wo und wie die Gefäße sich verzweigen. Wir sind eben keine Geräte aus vereinheitlichter Massenproduktion – und trotzdem lebensfähig. Leider sind nicht alle Varianten des Gefäßbaums gleich gut – manche können gesundheitliche Probleme nach sich ziehen.
Aus unserem Blutstropfen sind inzwischen zwei kleinere geworden. Einer reist immer weiter nach unten bis in die Füße, der zweite wollte nur eine kleine Runde drehen und saust daher durch die Herzkranzgefäße. Durch diese strömen etwa fünf Prozent des zirkulierenden Blutes. Das ist ein recht großer Anteil, wenn man bedenkt, dass das Herz ja nur um die 300 Gramm wiegt, also selbst bei einer kleinen 60-Kilo-Frau nur etwa ein halbes Prozent des Körpergewichts ausmacht. Wenn man aber die enorme Leistung des Herzens betrachtet, versteht man, warum hier so viel Blut gebraucht wird.
Der erste Tropfen gelangt unterwegs in immer schmaler werdende Gefäße. Diese Kapillaren sind – wie auch die in der Lunge – viel dünner als ein Haar. Ihre Verteilung im Körper ist ganz unterschiedlich. Muskeln, die viel Sauerstoff benötigen, sind von besonders vielen Kapillaren durchzogen. Sehnen dagegen haben nur wenige. Die Augenlinsen verfügen über gar keine, sie werden nicht durchblutet, die wenigen benötigten Nährstoffe sickern durch das Gewebe zur Linse; ebenso funktioniert es beim Knorpel in den Gelenken.
Das Gefäßsystem mit seinen großen und kleinen Bahnen gleicht einer Landkarte: mit einem dichten Straßennetz in den Städten und weniger erschlossenen Gebieten auf dem Land. Und so wie in der Stadt mehr Waren gekauft werden als auf dem Land, so nehmen auch die verschiedenen Organe und Körperregionen unterschiedlich viel Sauerstoff ab. Je mehr ein Abnehmer für den Stoffwechsel arbeitet, desto mehr Blut braucht er für eine optimale Versorgung. Anders als der Lieferant, der stets mehrere Dörfer auf seiner Route abklappert, widmen sich die roten Blutkörperchen pro Tour immer nur einem Kunden. Das Blut fließt also nicht von der Leber weiter in die Milz oder in die Beine – es hat ja bereits in der Leber Sauerstoff gegen Kohlendioxid getauscht und muss damit jetzt zurück in die Lungen. Damit alle Körperregionen ihrem Bedarf entsprechend versorgt sind, braucht es eine ausgefeilte und zugleich sehr flexible Logistik. Solange alles ruhig ist, erhalten Muskeln und Darm etwa gleich viel Blut, je rund 19 Prozent. Das verschiebt sich deutlich, wenn Sport auf dem Programm steht – oder umgekehrt Verdauung. Das Gehirn ist (hoffentlich) ständig in Betrieb und ebenfalls immer hungrig: Rund 14 Prozent des Blutes durchströmen es, damit es ihm nie an Sauer- und Nährstoff mangelt.
Die Lungen laufen bei der Verteilung des Blutes außer Konkurrenz. Sie haben ja ihren eigenen Kreislauf, den jeder einzelne Blutstropfen bei jeder Runde durch den Körper passiert. Deshalb profitieren sie stets von 100 Prozent des vom Herzen gepumpten Blutes. Allerdings enthält dieses Blut ja leider wenig Sauerstoff, da es damit erst wieder auf dem Weg durch die Lungen angereichert wird. Somit gibt es zur Sicherheit auch einige kleine Äste aus der Hauptschlagader, die das von der Lunge selbst frisch mit Sauerstoff beladene Blut wieder an sie zurückgeben. Auch der Tanklaster selbst muss schließlich ab und zu tanken.
3. Quizfrage:
Das Organ, durch das am meisten Blut strömt, wenn wir entspannen, wurde noch nicht genannt. Darm, Gehirn und Herz sind es nicht. Auf welches tippen Sie?
a)Haut
b)Leber
c)Nieren
(Antwort hier)
Wie steigen die Sauerstoff-Passagiere eigentlich wieder aus ihrer Fähre aus, wie gelangt der Sauerstoff aus dem Blut in die Zellen, wo er gebraucht wird? Das Gewebe entlang der Kapillaren lechzt ständig nach ihm, weil die Zellen ihn fortwährend verbrauchen. Deshalb werden viele Sauerstoffmoleküle in ihren Hämoglobin-Sitzen unruhig, erheben sich und wandern durch die Gefäßwand ins Gewebe. Das Kohlendioxid, das entsteht, wenn unsere Zellen atmen, nimmt den entgegengesetzten Weg: Es wandert aus dem Gewebe hinaus und springt in den Blutstrom – nach derselben Gesetzmäßigkeit, die den Sauerstoff in Bewegung versetzt hat. Denn im vorbeifließenden Blut ist das Kohlendioxid rarer als im Gewebe.
Die roten Blutkörperchen, die einen Großteil ihrer Sauerstoff-Kundschaft verlieren, haben bei der Rückreise in die Lunge also keine Leerfahrt: Sie nehmen nun das Kohlendioxid als Fahrgast mit. Aber manche Passagiere werden auch Teil der Besatzung: Ein kleiner Teil der Blutgase, sowohl Sauerstoff als auch Kohlendioxid, taucht direkt ins Plasma ein. Ungefähr so, wie ja jedes Meer und auch sonstige Gewässer Sauerstoff enthalten, welchen die Fische mithilfe ihrer Kiemen aus der Flüssigkeit herausfiltern können. Dieser »physikalisch gelöste« Sauerstoff allein würde aber niemals reichen, um den Organismus zu versorgen – daher der Trick mit dem Hämoglobin, den ich zu Beginn unserer Rundreise beschrieben habe. Ich finde den ziemlich genial.
Unser Blutstropfen hat einen Großteil seines Sauerstoffs abgegeben, deshalb färbt er sich in den Kapillaren wieder dunkler. So richtig blau wird das Blut allerdings nicht: Weder Adlige noch sonst irgendwelche Menschen sind blaublütig.
Trotzdem schimmern Venen unter der Haut blau. Warum eigentlich? Hier spielen einige Faktoren zusammen: Sowohl die Haut als auch das Blut selbst verschlucken und reflektieren Licht auf verschiedene Weise. Und wir nehmen Farben unterschiedlich wahr – eigentlich haben die Adern nämlich einen Violett- oder Purpurton, aber wenn wir sie zusammen mit heller, leicht rosiger Haut sehen, erscheinen sie uns blau. Und da der Lebensstil von Adligen sich dadurch auszeichnete, dass sie keine Arbeit im Freien verrichten mussten, also nicht der bräunenden Sonne ausgesetzt waren, identifizierte man den nur bei Hellhäutigen sichtbaren »Blaublut«-Effekt irgendwann mit der Oberschicht. Dass die Dicke der darüber liegenden Haut die Farbe mitsteuert, lässt sich leicht überprüfen. Denn ganz dicht unter der Haut liegende Gefäße erscheinen tatsächlich rot. Auch das sieht man oft: Weiten sich die Kapillaren, die unsere Wangen durchziehen, erröten wir.
Viele Tiere haben dagegen wirklich blaues Blut – Spinnen, Skorpione und Tintenfische gehören dazu. In ihrem Blut übernimmt nicht Hämoglobin den Sauerstofftransport, sondern Hämocyanin. Statt eines Eisenkerns hat es einen aus Kupfer. Ist es mit Sauerstoff beladen, ist Hämocyanin blau.
