49,99 €
In Zeiten stetigen und schnellen Wandels verändert sich auch Führung permanent und der Druck auf Führungskräfte nimmt zu. Dieses Herausgeberwerk vereint verschiedene Blickwinkel auf das Thema Führung und Selbstführung und umfasst Ideen, Erfahrungen und praktische Anwendungsbeispiele. Die Autor:innen sind Firmeninhaber:innen, Geschäftsführer:innen, Führungskräfte und Mitarbeiter:innen aus Konzernen und KMU. Zudem kommen Wissenschaftler:innen/Zukunftsforscher:innen, Journalist:innen und Expert:innen aus dem Bereich Coaching, Beratung und Training zu Wort. Sie bringen ihre Führungserfahrung mit ein und zeigen, worauf es bei guter Führung und Selbstführung wirklich ankommt. Das Buch bietet unterschiedlichste Wahlmöglichkeiten, damit Sie genau auf das zugreifen können, was Sie gerade für sich benötigen. Inhalte: - Authentische Führung durch Selbst-Erkennen - Systemisches Denken und Handeln – Kompetenzen stärken durch Beobachtung der Beobachtung - Führen durch Demut: Warum eine alte Tugend für moderne Führung wichtig ist - Denkfehler erkennen, wirksamer führen - Selbstorganisation: psychologische Sicherheit als Grundlage der neuen Arbeitswelt - Empathie im Topmanagement – kennen, können, müssen - Vertrauen als Schlüsselfaktor zur Führung von leistungsstarken Teams in schnelllebigen Unternehmen - Stärken stärker stärken stärkt - Mit Positive Leadership zu mehr Lust und Leistung im Job - Gesunde Führung durch Yoga: Konzepte aus dem Yoga zur achtsamen Selbstführung - Führung mit Klarheit und Kreativität: mit Visualisierung und Moderation zu mehr Unternehmenserfolg - Rolle, Haltung, Wirkung: Führung im Kontext von Team- und Kommunikationskultur - Digital Leadership Mit Beiträgen von Ruth Maria Mattes, Marcel Hübenthal, Dr. Franziska Frank, Dr. Markus Ramming, Dominique Stroh, Gudrun Happich, Uta Weiss, Christian Thiele, Katja Schnabel, Danny Herzog-Braune, Sabine Milowan,Miriam Landes, Dr. Eberhard Steiner, Alex Gerritsen, Philipp Thölkes und Tobias Krüger
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2023
Alle Inhalte dieses eBooks sind urheberrechtlich geschützt.
Bitte respektieren Sie die Rechte der Autorinnen und Autoren, indem Sie keine ungenehmigten Kopien in Umlauf bringen.
Dafür vielen Dank!
Haufe Lexware GmbH & Co KG
[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de/ abrufbar.
Print:
ISBN 978-3-648-16837-0
Bestell-Nr. 10874-0001
ePub:
ISBN 978-3-648-16838-7
Bestell-Nr. 10874-0100
ePDF:
ISBN 978-3-648-16839-4
Bestell-Nr. 10874-0150
Ruth Maria Mattes/Danny Herzog-Braune (Hrsg.)
Was Führung heute wirklich braucht
1. Auflage, März 2023
© 2023 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg
haufe.de
Bildnachweis (Cover): Danny Herzog-Braune
Produktmanagement: Kerstin Erlich
Lektorat: Maria Ronniger, Text+Design Jutta Cram, Augsburg
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/ Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
Sofern diese Publikation ein ergänzendes Online-Angebot beinhaltet, stehen die Inhalte für 12 Monate nach Einstellen bzw. Abverkauf des Buches, mindestens aber für zwei Jahre nach Erscheinen des Buches, online zur Verfügung. Ein Anspruch auf Nutzung darüber hinaus besteht nicht.
Sollte dieses Buch bzw. das Online-Angebot Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte und die Verfügbarkeit keine Haftung. Wir machen uns diese Inhalte nicht zu eigen und verweisen lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.
[5]Für Johanna, Julia, Maria, Katharina, Nora, Nele, Lina, Sophie und Malia.
Wir widmen dieses Buch unseren sechs Töchtern und drei Enkeltöchtern. Es liegt uns am Herzen, diese Fülle an Impulsen auch an sie weiterzugeben. Denn Führung beginnt bei uns selbst, ist ein lebenslanger Prozess und wir sind alle daran beteiligt.
»Wenn wir nur unseren Blickwinkel, unser Wissen und unsere Erfahrungen sowie Meinungen über das Leben und das, was wir in dieser Unternehmenswelt für wichtig erachten, in unserer Arbeit nutzen würden, so wäre es leicht, den Reichtum dessen zu verpassen, was das Leben uns sonst noch (an-)bietet.«
(Ruth Maria Mattes)
Die Möglichkeiten, die wir mit einer solchen Haltung übersehen würden, wären nach meinem Empfinden so zahlreich, dass sich unser Wirken wie »ein Tropfen auf den heißen Stein« anfühlen würde. Es ist für mich daher vermessen zu denken, dass das, was wir (ich) in der Welt – und auch wie wir (ich) die Welt – sehen, das einzig Richtige und die optimale Lösung wäre.
So ergab es sich, dass ich im Februar 2020 stolz, glücklich und selbstzufrieden auf meiner Couch saß, weil mein erstes Buch »Gesunde Führung in der VUCA-Welt« gerade veröffentlicht worden war und ich mich dennoch, in dem Moment fragte: Ist das jetzt wirklich alles? Oder ist es vielmehr ein Anfang? Nun hast du deinen Blickwinkel, dein Wissen und deine Erfahrung dessen, wovon du glaubst, dass es in Bezug auf »Gesunde Führung« wirklich wichtig ist, in die Welt gebracht. Doch was ist mit all den anderen Blickwinkeln? Wie kompliziert mag es für (angehende) Führungskräfte sein, sich das für sie Wichtige, Hilfreiche zu erarbeiten bzw. zusammenzusuchen? Es gibt so viel Literatur zum Thema Führung und zu den Themen, die damit zusammenhängen.
Mit dem Gedanken »Ist das jetzt wirklich alles?« war in mir – in dieser Sekunde – eine neue Idee entstanden. Ich wollte ein Buch mit einem »weiteren Blickwinkel«, mit einem »größeren Erfahrungsschatz« und mehr »konzentriertem Wissen« in die Welt bringen. Auch der Titel war sofort in meinem Kopf:
»Was Führung heute wirklich braucht«
Damit war der Grundstein gelegt – und eifrig, beflügelt von dieser meiner Idee, schrieb ich sofort eine Liste der möglichen Autor:innen für dieses Buch. Es sollten nicht nur erfahrene Autoren oder »berühmte«, gestandene, langjährig erfahrene Coaches, Trainer, Führungskräfte oder Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Management sein. Mir war sofort klar und wichtig, dass verschiedene Altersgruppen, Geschlechter, Sparten – erfahrene, aber auch »frische« Menschen aus den verschiedensten Bereichen und mit ganz verschiedenen Hintergründen zu Wort kommen sollten. Das Buch sollte im wahrsten Sinne des Wortes reichhaltig, wertvoll und total hilfreich werden. Es sollte unterschiedlichste Wahlmöglichkeiten bieten, damit die jeweiligen Leser:innen genau auf das zugreifen können, was sie gerade für sich brauchen – Angebote aus [16]vielen verschiedenen Themenbereichen und Gedanken sowie Erfahrungsschätze unterschiedlichster Menschen.
Bei der Liste mit möglichen Autor:innen blieb es dann aber erst einmal. Doch der Gedanke an das zukünftige Buch und seinen Titel verschwand niemals aus meinem Kopf, er »ploppte« immer wieder auf – »kochte« jeweils für einen Moment hoch und erfüllte mich mit freudiger Aufregung. Es war offenbar einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Buch. Rückblickend betrachtet gab es dafür zahlreiche Gründe. Der erste Lockdown war gerade angeordnet worden und die Unternehmen, Führungskräfte, Mitarbeiter:innen und all die Menschen aus den Fachbereichen, die ich für einen Beitrag auf meiner Liste vorgesehen hatte, waren mit anderen Dingen beschäftigt – so wie jeder von uns und wie auch ich.
Doch der richtige Zeitpunkt kam – und zwar in Gestalt eines Mitstreiters. Ohne den Menschen, dem ich im Herbst 2021 virtuell begegnete, wäre dieses Buch nicht das geworden, was es jetzt ist. Ich begegnete Danny Herzog-Braune, der aufgrund meines ersten Buches auf mich aufmerksam geworden war und mich um ein Podcast-Interview bat. Danny ist eine inspirierende Persönlichkeit mit zahlreichen wertvollen Talenten und Fähigkeiten und einer wundervollen freundlich fröhlichen Art, die mich sofort mitriss. Kaum dass ich mit ihm gesprochen hatte, fragte ich ihn: »Möchtest du mit mir gemeinsam dieses Buch realisieren?«
So verschieden wir auch sind, so unterschiedlich wir auch ticken, so sehr sind wir in den Vorstellungen von diesem Buch vereint. Wir hatten von Beginn an eine tiefe, gemeinsame Verbindung als Menschen – und vor allem zu diesem Thema. Unsere Freude daran, dieses Buch zu entwickeln und damit die Welt zu bereichern, war unser Antrieb. Es ist ein Herzensprojekt für uns.
Mit Danny gemeinsam fühlte sich dieses »Projekt« plötzlich leicht an, auch wenn wir es sicher nicht auf die leichte Schulter genommen haben. Wir haben unser Bestes gegeben.
Das Gleiche gilt für die Autor:innen. Wir sind so dankbar, dass sie mit uns gemeinsam, dieses Buch realisiert haben. Durch sie und mit ihnen ist es das geworden, was wir uns gewünscht haben. Es ist wertvolles gesammeltes Wissen, gespickt mit lebendigen Erfahrungen.
Jede und jeder einzelne Beteiligte hat ebenso mit Leidenschaft an diesem Buch gearbeitet wie wir selbst. Wir schätzen dies sehr und wollen bereits hier an dieser Stelle allen Autor:innen von Herzen danken. Die Beiträge sind so unterschiedlich wie auch die Autor:innen und die Bereiche, in denen sie arbeiten und positiv wirken, es sind.
Mithilfe des Inhaltsverzeichnisses können Sie sich einen Überblick über die Titel der Beiträge und die dazugehörigen Autor:innen verschaffen und schon hier erkennen, was sich durch dieses Buch wie ein roter Faden zieht: Es ist die Vielfalt – und Vielfalt ist nach Dannys und meinem Dafürhalten ein sehr wichtiges und bereicherndes Gut für uns alle.
[17]Wir wünschen Ihnen, dass Sie – so wie alle an diesem Buchprojekt Beteiligten – Ihren Blickwinkel erweitern und gleichzeitig Ihren Fokus schärfen können. Vor allem in Bezug auf die Frage, was für Sie Führung heute wirklich braucht.
Eins ist auf jeden Fall sicher: Es braucht uns alle und nicht nur einzelne Menschen, damit Führung heute gelingen kann.
Nun möchte ich Sie mit den Worten eines von mir sehr geschätzten Lehrers, Gunther Schmidt – Hypnosystemiker und Menschenfreund –, in die Lektüre starten lassen:
»Wir alle sind Realitäten-Kellner: Wir kommen daher mit einem großen Tablett gefüllt mit Realitäten und die Menschen, denen wir diese anbieten, können davon nehmen, was für sie in diesem Moment hilfreich und wichtig erscheint.«
Viel Freude beim Lesen, verbunden mit inspirierenden neuen Erfahrungen, wünschen Ihnen
Ruth Maria Mattes und Danny Herzog-Braune
sowie alle mitwirkenden Autor:innen
Ruth Maria Mattes
»Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Solange ich aber nur für mich selber bin, was bin ich? Und: Wenn nicht jetzt, wann sonst?«
(Rabbi Hillel)
Auf einen Blick: Worum es in diesem Beitrag geht
Ohne den Blick auf mich selbst zu richten, mich selbst zu kennen bzw. immer wieder aufs Neue kennenzulernen, mich zu schätzen und mit mir zufrieden oder auch glücklich zu sein, ist es nicht möglich, in einer guten, bereichernden, vertrauensvollen und erfolgreiche Verbindung mit anderen Menschen zu stehen.
Dieser praxisnahe Beitrag vermittelt Ihnen wertvolles, grundlegendes Wissen. Sie erfahren, wie Sie durch Selbst-Verbindung zu einer gesunden, gelingenden Selbstführung gelangen und wie dadurch auch Ihre Selbstwirksamkeit bzw. Wirkkraft als Führungskraft in Ihrem individuellen Umfeld wächst. In meinen Ausführungen zeige ich Ihnen, wie Sie eine gute Verbindung zu sich selbst herstellen, fortlaufend gestalten, erhalten und sich zudem damit und dabei permanent stärken können. Dabei werden immer die Individualität, die jeweiligen Bedürfnisse und das Potenzial jedes Einzelnen berücksichtigt. Es wird außerdem beleuchtet, warum Raum und Zeit für eine »verbindende Führung« eklatant wichtig sind.
Sie werden zudem erfahren, warum diese Art der »Selbstfürsorge durch Inneneinsichten« in der heutigen Unternehmenswelt unerlässlich ist und warum erst dadurch eine von Intuition geprägte, wirksame, authentische und emphatische Führung gelingen kann, die zu einer wirklichen »verbindenden Führung« wird. Die Arbeitshilfen in Form von Selbstreflexionsfragen sowie Praxistipps und weitere hilfreiche Ver- bzw. Hinweise ermöglichen Ihnen eine einfache Umsetzung der theoretischen Inhalte in die Praxis.
Weise Worte von Virginia Satir:
»Ich bin ich
Auf der ganzen Welt gibt es niemanden wie mich.
Es gibt Menschen, die mir in vielem gleichen, aber niemand gleicht mir aufs Haar. Deshalb ist alles, was von mir kommt, mein Eigenes, weil ich mich dazu entschlossen habe.
[20]Alles, was mit mir zu tun hat, gehört zu mir.
Mein Körper mit allem, was er tut, mein Kopf mit allen Gedanken und Ideen, meine Augen, mit allen Bildern, die sie erblicken, meine Gefühle, gleich welcher Art – Ärger, Freude, Frustration, Liebe, Enttäuschung, Begeisterung. Mein Mund und alle Worte, die aus ihm kommen, höflich, lieb oder schroff, richtig oder falsch. Meine Stimme, laut oder leise, und alles, was ich mir selbst oder anderen tue.
Mir gehören meine Phantasien, meine Träume, meine Hoffnungen, meine Befürchtungen, mir gehören alle meine Siege und Erfolge und all meine Niederlagen und Fehler.
Weil ich mir ganz gehöre, kann ich mich näher mit mir vertraut machen.
Dadurch kann ich mich lieben und alles, was zu mir gehört, freundlich betrachten. Damit ist es mir möglich, mich voll zu entfalten.
Ich weiß, dass es einiges an mir gibt, das mich verwirrt, und manches, das ich noch gar nicht kenne. Aber solange ich freundlich und liebevoll mit mir umgehe, kann ich mutig und hoffnungsvoll nach Lösungen und Unklarheiten schauen und Wege suchen, mehr über mich selbst zu erfahren.
Wie auch immer ich aussehe und mich anhöre, was ich sage und tue, was ich denke und fühle, immer bin ich es. Es hat seine Berechtigung, weil es ein Ausdruck dessen ist, wie es mir im Moment gerade geht.
Wenn ich später zurückschaue, wie ich ausgesehen und mich angehört habe, was ich gesagt und getan habe, wie ich gedacht und gefühlt habe, kann es sein, dass sich einiges davon als unpassend herausstellt. Ich kann das, was unpassend ist, ablegen und das, was sich als passend erwiesen hat, beibehalten und etwas Neues erfinden für das, was ich abgelegt habe.
Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, sprechen und handeln. Ich besitze die Werkzeuge, die ich zum Überleben brauche, mit denen ich Nähe zu anderen herstellen kann und die mir helfen, einen Sinn und eine Ordnung in der Welt der Menschen und Dinge um mich herum zu finden.
Ich gehöre mir und deshalb kann ich aus mir etwas machen. Ich bin ich und so, wie ich bin, bin ich ganz in Ordnung.«
(Satir, 2012, S. 22–24)
Letzte Woche hatte ich ein für mich sehr lehrreiches und beeindruckendes Coaching. Allerdings war dabei nicht ich die zu Coachende: Ich hatte eine wundervolle Klientin, durch die ich sehr viel lernen durfte. Nun könnten Sie sich fragen: Was ist hier los? Läuft hier etwas verkehrt? Ist der oder die Coach:in nicht dafür da, Klient:innen dabei zu unterstützen, ihr Thema zu bearbeiten und Lösungen zu kreieren? Ja, dem ist so und es war auch so: Meine Klientin hat für sich selbst Lösungen gefunden!
Gleichzeitig sind wir nach meiner Erfahrung immer auch Erlebende und dadurch allzeit Lernende – Persönlichkeiten, die sich diesbezüglich auf einer lebenslangen Reise befinden. Wir nehmen von jedem Menschen, von jeder noch so kleinen Begegnung, von unserer Umgebung an sich und auch durch unsere Gedanken, gekoppelt mit unseren Emotionen etc., etwas und manchmal sogar richtig viel mit. Wir sind durch unser Erleben, das sich unaufhörlich abspielt, niemals – nicht einmal eine Sekunde lang – dieselben.
Warum schreibe ich dies gleich zu Beginn? Weil ich schon jetzt die Idee säen möchte, dass wir immer – auch wenn wir es nicht bemerken – mit uns und unserer Umwelt verbunden sind. Wir sind nicht allein – niemals! Wir kommunizieren permanent mit uns selbst und unserer Umwelt, auch wenn wir physisch gerade ohne Menschen sind oder uns beispielsweise in einem dunklen Raum ohne wahrnehmbare Geräusche, spürbare Luftbewegung oder auch Gerüche befinden.
Die in dem Moment nicht physisch (be-)greifbare Umwelt sind u. a. Gedanken, die wir uns fortlaufend und vor allem über uns und andere machen – z. B. Gedanken darüber, wie wir verbunden sind, was die eine oder der andere über uns denken könnte, was wir dazu meinen etc.
Übrigens: Wussten Sie, dass wir zudem in stillen Momenten, in Phasen, in denen wir glauben, uns in der Entspannung zu befinden, ebenfalls die meiste Zeit über uns und über unsere Beziehungen nachdenken? Dieser als Entspannung gedachte Moment, dieser Leerlauf im Gehirn lässt unser sogenanntes Default Network anspringen. Sebastian Purps-Pardigol bezieht sich in seinem Buch »Leben mit Hirn« auf der Basis der Forschungsergebnisse von Matthew Liebermann, Professor für soziale kognitive Neurowissenschaften, auf dieses Phänomen:
»Das ›Default Network‹, das ›Leerlauf‹-System unseres Gehirns, ist ein Teil, der sich mit sozialen Beziehungen beschäftigt. Wann immer wir gerade nichts Konkretes tun, kreisen unsere Gedanken automatisch um uns und andere.« (Purps-Pardigol, 2021, S. 65)
Gleichzeitig ist es so, dass jeder Lufthauch, den wir spüren, jedes Geräusch, das wir hören, auch wenn wir allein sind – einfach alles, was wir wahrnehmen – bedeutet, dass wir in Verbindung sind: Es gibt in diesem Sinne kein Alleinsein.
[22]Verbundenheit
Verbindung und Verbundenheit existieren immer und gehören gleichzeitig zu den stärksten menschlichen Grundbedürfnissen – sie sind so bedeutend wie kaum ein anderes. Wie wir diese Verbundenheit gestalten, liegt an uns.
Nun aber zurück zu meiner Klientin, die ich eingangs erwähnte. Diese junge Frau erkannte und benannte im Verlauf der Anliegenklärung (Herausarbeiten ihres Themas/Problems für den Moment), was ihr wirklich wichtig ist und woran sie gern mit mir arbeiten wollte. Ihre Worte waren folgende:
»Ich möchte mich wieder mit meiner Seele, meiner Essenz verbinden –
ich möchte wieder ich selbst sein.«
Meine Coachee hatte sich durch die vielen »Stimmen in ihrem Kopf«, die allesamt wichtige Anteile von ihr waren, von ihrem wahrhaftigen Weg, von ihrer Essenz entfernen lassen. Diese »wohlwollenden Stimmen« wurden zudem von ihren alten Mustern, ihren erlernten Werten und Glaubenssätzen, den überschießenden »inneren Antreibern«, vom Umfeld und weiteren anderen Einflüssen »gefüttert«. All diese Stimmen waren für sie grundsätzlich wertvoll, mit einer positiven Absicht verbunden und unbedingt wahrzunehmende Ressourcen, jedoch konnte sie die Verbindung zu sich selbst nicht mehr herstellen, die Stimme ihrer »inneren Weisheit«, wie sie sie selbst benannte, nicht mehr hören. [23]Diese innere Weisheit nannte sie u. a. auch Intuition, Essenz und Seele. Durch diese verlorene Verbindung konnten die anderen Stimmen lauter werden und unorganisiert in ihrem Kopf herumtönen – so laut, dass sie sich selbst, ihren Wesenskern nicht mehr wahrnehmen konnte.
Wichtige Faktoren, die diesen Zustand begünstigten, waren für sie Raum und Zeit – »Raum und Zeit für mich selbst«, wie sie sagte: ohne Ablenkung, ohne andere Menschen – einfach nur ich! Sie hatte einen längeren, z. T. sehr leidvollen Weg hinter sich gebracht, bis sie das bemerkte, die Notbremse zog und alle Hebel in Bewegung setzte, um wieder »sie selbst zu sein«.
Um wieder in Verbindung mit sich selbst zu kommen, musste sie sich zurückziehen. Dieser komplette Rückzug ist nicht immer zwangsläufig nötig – oft reichen auch ein dosierter Rückzug oder Einkehr bzw. Einsicht aus. Wenn Sie sich total verloren haben, kann es aber wichtig sein, sich für eine Weile komplett aus allem herauszunehmen.
Ein Ziel meiner Klientin ist nun, die Verbindung zu sich selbst nicht mehr zu verlieren. Wie sie das gestaltet, liegt bei ihr und ist absolut individuell und einzigartig – so wie es bei jedem einzelnen Menschen individuell ist. Als Coachin konnte und kann ich sie lediglich dabei begleiten, doch die Lösungen dafür liegen in ihr. Sie trägt ihre innere Weisheit und alle Ressourcen dafür in sich.
Wir sind alle »einzigartig«. Das ist einerseits wunderbar und andererseits herausfordernd für uns und die Systeme, in die wir eingebunden sind. Natürlich gilt das auch für jede Führungskraft bei ihrer Arbeit mit Menschen im Unternehmen. Dieses Erkennen der Einzigartigkeit ist hilfreich im Umgang mit sich selbst – in der Verbindung.
Ich bitte Sie, in diesem Zusammenhang noch einmal an die »weisen Worte« von Virginia Satir zu denken, die ich ganz an den Anfang gestellt habe, und weise darauf hin, dass wir alle so sind, wie wir sind, und es gleichzeitig selbst in der Hand haben, wie wir unsere Verbindung(en) gestalten.
»Ich bin ich. Auf der ganzen Welt gibt es niemanden wie mich.«
(Virginia Satir)
Gerade weil wir alle so individuell sind und keine:r wie die oder der andere tickt, ist es hilfreich zu wissen, dass es eine Reihe von Ideen bzw. Wahlmöglichkeiten gibt, die dabei unterstützen können, eine gute Verbindung zu sich selbst und zu anderen herzustellen und auch beizubehalten .
Im Laufe vieler Jahre, während meiner »Arbeit« mit mir selbst und mit anderen Menschen, bin ich immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass der Ursprung von allem, was ist, in unserem Sein, in unserer Essenz liegt und wir genau damit in Wechselwirkung mit unserer Umwelt stehen.
Das bedeutet, dass wir die Gestalter unseres Lebens sind. Wir kreieren, was wir erleben und was im Außen erlebt wird. Wir sind selbstwirksam und gleichzeitig hat unser Sein Auswirkungen. [24]Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Verbindung zu uns selbst nicht verlieren, sondern sie aufnehmen und zudem ein Leben lang behalten und stärken. Wir müssen erforschen, wer wir sind und wer wir sein möchten und inwieweit wir damit hilfreiche, gute, wertschätzende und konstruktive Verbindungen zu unseren Mitmenschen, Teams, Kolleg:innen etc. herstellen können.
Selbst-Erkennen
Die Verbindung zu uns selbst herzustellen, zu erhalten und dabei permanent zu stärken – das (Er-) Kennen unserer Selbst – das ist es, was wir erfahren und erleben dürfen und was schlussendlich dafür sorgt, wie wir im Außen wirken. Dabei ist all dies ein permanenter, lebenslanger Prozess.
Hierbei in einen Flow zu kommen und dieses fortlaufende Verbinden nicht zu vergessen – das ist es, was in meinen Augen ein erfülltes Dasein ausmacht und was dazu führt, dass wir unsere Umwelt als einen wertvollen Teil von uns betrachten und annehmen können. Dieses Bewusstsein erweitert den Blickwinkel jeder Führungskraft und bereichert das Arbeiten im Unternehmen.
Dieser Beitrag soll Ihnen helfen zu erkennen, was es braucht, damit Sie diesen Prozess für sich in Gang halten können. Gleichzeitig werden Sie von mir Impulse erhalten, die Sie als Führungskraft in Ihre Unternehmenswelt integrieren können. Dazu werde ich Ihnen u. a. praxisnahe Interventionen und Selbstreflexionsfragen an die Hand geben, die für Sie und auch in der Übertragung auf Ihr(e) Team(s) hilfreich sein können.
Authentische Führung
Ich bin davon überzeugt, dass es das ist, was Führung heute wirklich braucht. Führung braucht Verbindung eines jeden mit sich selbst, um gelingende Verbindungen mit anderen leben zu können. Und es ist egal, mit wem Sie sich im Außen verbinden – mit Ihren Mitarbeitenden, anderen Führungskräften, Ihren Vorgesetzten, Kunden oder anderen Mitwirkenden. Es kommt im höchsten Maße auf Sie selbst an. Und zwar darauf, inwieweit Sie mit sich selbst in gutem Kontakt sind und bleiben. Wenn dies gelingt, dann erzeugen Sie authentische, höchst zufriedenstellende, konstruktive, bereichernde und erfolgreiche Verbindungen. Auf diese Art und Weise, wird zudem authentische Führung erst möglich.
Wir treten auf vielen verschiedenen Ebenen in Verbindung mit uns selbst, die sich wiederum in Wechselwirkung zueinander befinden. Damit Sie besser folgen können, nehme ich Sie mit auf einen kleinen Ausflug in die Systemik, die Biochemie und die Neurowissenschaften.
Systemisch gesehen (siehe auch den Beitrag von Marcel Hübenthal) verhalten sich alle biologischen bzw. lebendigen Systeme folgendermaßen: Alle Systeme stehen in Wechselwirkung zueinander – so auch unser eigenes System, Körper, Geist und Seele. Bewusste Abläufe in unserem Gehirn sind ebenso beteiligt und wirksam wie der größere Anteil des Unbewussten. Gleichzei[25]tig reagiert unser Körper auf alles, was unbewusst und bewusst in unserem Gehirn abläuft bzw. wahrgenommen wird, und umgekehrt.
Unsere Körperzellen werden durch unser Blut immer von unserem Erlebten »umspült« und verändern sich dementsprechend permanent. So betont auch Bruce Lipton (2016), Entwicklungsbiologe, Stammzellenforscher und einer der Pioniere der jungen Wissenschaft der Epigenetik, in seinem Buch »Intelligente Zellen« immer wieder, dass es maßgeblich auf die Umgebung ankommt, was mit uns, unseren Zellen und damit in Wechselwirkung mit anderen bzw. unserer Umwelt geschieht. Die Umgebung, bis in die kleinste Zelle, bestimmt, was wir wahrnehmen, wie wir uns fühlen oder auch verhalten. Als Reaktion auf alles Erlebte und Wahrgenommene laufen permanent biochemische Vorgänge in unserem Körper ab. Diese Reaktionen entstehen blitzschnell und werden – in Wechselwirkung – wieder in einer Veränderung der Umwelt wahrnehmbar.
Wenn Sie beispielsweise jemanden umarmen, aber auch, wenn Sie nur an eine Ihnen nahestehende geliebte Person – oder auch an sich selbst – liebevoll denken, werden u. a. Hormone wie Oxytocin und Prolaktin ausgeschüttet. Diese körpereigenen Opiate beruhigen Sie einerseits und können anderseits eine stress- und angsthemmende Wirkung erzeugen. Zudem können negative Emotionen durch Selbst-Verbindung und Verbundenheit mit anderen schneller und besser verarbeitet oder auch abgewehrt werden.
»Bei positiven Bindungsinteraktionen haben die Hormone Oxytocin und Prolaktin zusätzlich eine hemmende und damit positive Auswirkung auf Aggressionen. Das Aggressionspotenzial sinkt, je besser oder stärker die Bindung ist.« (Mattes, 2022, S. 52)
Welche positiven Auswirkungen es hat, wenn Sie sich »liebevoll« mit sich selbst verbinden oder auch mit anderen, können Sie sich sicher aufgrund dieses Beispiels ausmalen.
Alles, was Sie wahrnehmen – wie Sie beispielsweise denken, wie und was Sie mit sich (be-)sprechen, was Sie sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken (VAKOG – visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch) –, erzeugt immer ein Erleben und dieses wird u. a. biochemisch auf all Ihre Zellen übertragen. Somit finden einerseits permanent messbare Reaktionen in Ihrem Körper statt, die dann andererseits Ihre Gemütsverfassung, Ihr Denken, Ihr Handeln, Ihre Empfindungen etc. beeinflussen – bewusst und unbewusst. Und ich möchte noch einmal betonen, dass es dabei keine Rolle spielt, ob Sie etwas physisch erleben oder sich lediglich vorstellen.
In unserem Gehirn werden zudem alle Reize, alles, was wir wahrnehmen, mit dem, was wir bereits erlebt haben, abgeglichen. Alle Gedächtnisinhalte werden dazu genutzt. In der Fachsprache wird diese Reaktion unseres Gehirns »Priming« (Zündung) genannt. Jede noch so kleine Wahrnehmung ruft also durch das Abgleichen mit bereits Erlebtem eine Reaktion auf allen Ebenen des Seins aus.
[26]Wenn Sie sich morgens nach dem Aufstehen zum Beispiel sagen: »Das wird ein harter und schwieriger Tag«, dann werden die Begriffe »hart« und »schwierig« blitzschnell in Ihrem Gehirn abgeglichen und mit bereits erlebten »harten« und »schwierigen« Situation aus der Vergangenheit in Verbindung gebracht. Dementsprechend fühlen Sie sich körperlich und emotional auch, weil Ihr Körper sofort die passenden Hormone ausschüttet.
Bruce Lipton formuliert in seinem Buch »Der Honeymoon-Effekt« sehr treffend das Resultat solcher in unserem Körper stattfindenden Abläufe:
»Wir können durch die Gedanken in unserem hochentwickelten Gehirn auch gute und schlechte Schwingungen erzeugen.«
(Lipton, 2018, S. 45)
Ich bin mir sicher, dass es zwischen »gut« und »schlecht« noch unzählige weitere Schwingungen gibt, die wir selbst produzieren bzw. spüren und mit denen wir andere beeinflussen.
Selbstreflexionsfragen zur Selbst-Verbindung
In welchen Situationen fühlen Sie sich wohl bzw. unwohl?Inwieweit haben Sie Ihr eigenes Denken schon einmal genauer beobachtet – Ihre Selbstgespräche in Gedanken? Wie wäre es, wenn Sie Ihren Fokus gezielt darauf lenken, um sich dieses Vorgangs bewusst zu werden?Wann haben Sie schon einmal erkannt, wie Sie denken bzw. was Ihr Denken und Handeln maßgeblich beeinflusst hat? Was waren das für Situationen?Welche Situationen oder welche Umgebungen lassen Sie »wachsen«?Welche Situationen oder welche Umgebungen beeinflussen Sie in der Art und Weise, dass Sie sie zu Ihrem Wohlbefinden verändern möchten?Verbindung aufnehmen
In Verbindung mit sich selbst zu kommen bedeutet, sich selbst zu beobachten. Fühlen Sie »in sich hinein«. Hören Sie, was Ihre »innere Stimme« Ihnen sagen möchte. Was sagt Ihnen Ihr »Bauchgefühl«? Welche Ihrer Körperteile bzw. inneren Organe reagieren in welchen Situationen und auf welche Art und Weise? Was sagt Ihre Intuition? Wie und wann nehmen Sie was intuitiv wahr? Was ist überhaupt Ihre Intuition?
Auf diese Weise erleben Sie Ihr authentisches Selbst. Sie können sich diese Fragen immer und überall stellen bzw. gleich beantworten – und gleichzeitig bedarf es eines Plans, eines Rahmens, wobei das Mit-sich-allein-Sein, das Mit-sich-selbst-in-Kontakt-Treten einen bedeutenden Raum einnehmen sollte.
Nach meiner Erfahrung legen zahlreiche Menschen ihren Fokus vornehmlich auf das, was im Außen geschieht. Führungskräfte und auch Mitarbeitende orientieren sich beispielsweise an [27]Vorgaben, Zielen und vorhandenen Ressourcen – anhand dessen, was im Außen stattfindet. Vor allem orientieren sie sich auch an den Wünschen, Erwartungen und Reaktionen anderer, den Impulsen von außen und vielfach auch an den Störungen etc. Zudem vergleichen sich Menschen permanent mit anderen Menschen, was sie ganz oft einfach unglücklich macht.
Dabei vergessen sie, dass das Zentrum allen Erlebens und Entstehens in ihrem Inneren liegt. Der Ursprung von allem ist das, was in unserem Inneren abläuft – natürlich immer mit den entsprechenden Wechselwirkungen im Außen. Wir müssen nicht zum Spielball äußerer Umstände werden, sondern können durch eine Verbindung mit uns selbst und das Wissen, was mit uns ist und wie oder was wir sein wollen, adäquat reagieren. Wir konstruieren uns unsere Lebenswirklichkeit. Es ist ganz allein unsere Konstruktion – egal was im Außen geschieht.
Leben selbst gestalten
Indem wir uns mit uns selbst verbinden, uns kennenlernen und mit uns selbst ins Gespräch bzw. in den Austausch gehen, werden wir wahrhaftig zum Gestalter unseres Lebens.
Bezug nehmend auf die Aussage, dass alles, was ist, aus uns heraus entsteht, möchte ich den Begriff »Autopoiese« mit ist ins Spiel bringen (siehe auch den Beitrag von Marcel Hübenthal). Alles wächst von innen nach außen – und das immer. Schauen Sie in die Natur, sie macht es uns überall vor. Es gibt beispielsweise keine Pflanze, die von außen nach innen wächst – immer ist es umgekehrt und so auch bei uns Menschen.
»Das Wort ›Autopoiese‹ stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus zwei Wörtern autos (selbst) und poiein (schaffen, bauen) zusammen. Der Begriff wurde von Humberto Maturana, einem chilenischen Neurobiologen, geprägt. Er beschreibt den Prozess der Selbsterschaffung/-erhaltung bzw. von Wachstum und Heilung eines biologischen Systems.«
(Mattes, 2022, S. 70)
Dieser Begriff wurde auch von Niklas Luhmann für die Systemtheorie übernommen, um die Organisationsmerkmale von lebenden Systemen zu beschreiben (siehe auch den Beitrag von Marcel Hübenthal).
Das bedeutet, wir dürfen uns selbst organisieren, uns von innen heraus selbst erschaffen und damit in die Selbstverantwortung gehen – auf uns selbst kommt es an! Wir müssen deshalb die Wichtigkeit und damit die Tragweite dessen erkennen, was es bedeutet, in Verbindung mit uns selbst zu kommen.
Dafür braucht es zu allererst Raum und Zeit – anders geht es nicht!
[28]Beide Wörter, »Raum« und »Zeit«, ergänzt mit »kein(e)« höre ich immer wieder in meinen Coachings, in den Unternehmen, die ich begleite, oder auch in anderen, privaten Kontexten. Meistens sind sie verbunden mit leisem oder auch (sehr) lautem Klagen. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich auch mich selbst immer mal wieder bei solchen Äußerungen ertappe.
Es scheint die erste Hürde zu sein, die es zu überwinden gilt, oder noch viel besser: die Sie erkennen dürfen, um diese dann auf Ihre persönliche Art zu nehmen.
Hier einige übliche »Hürden – Klagen«:
Ich habe keine Zeit für mich, alles andere frisst mich auf!Es ist mir alles zu viel!Woher soll ich noch die Zeit für mich nehmen? Einer kommt doch immer zu kurz!Wie soll ich das denn noch schaffen? Ich bin schon am Limit! Dafür gibt es keinen Raum mehr.Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen, doch dafür ist keine Zeit mehr übrig.Muss nur noch kurz die Welt retten, nur noch meine Mails checken!Geht es Ihnen so, wie es Tim Bendzko in seinem bekannten Song »Muss nur noch kurz die Welt retten« beschreibt? Darin bedauert er, dass die Arbeit immer wichtiger ist und Vorrang vor al[29]lem anderen hat, betont aber gleichzeitig, dass er es nicht ändern kann. Und dabei geht es in dem Song erst einmal nicht vorrangig um die Zeit und den Raum des Singenden selbst, sondern um die Zeit für eine andere, vielleicht nahestehende Person. Schauen Sie, dass Sie sich selbst Raum und Zeit geben. Erteilen Sie sich selbst die Erlaubnis, denn das ist es, was oft übersehen wird und nicht stattfindet.
»Gestatten, ich bin ich und ich bin wichtig! Ich bin es mir wert,
Zeit und Raum für mich in Anspruch zu nehmen!«
Ihr eigener Raum und Ihre Zeit sind die Voraussetzungen dafür, dass Sie sich mit sich selbst verbinden können bzw. wahrnehmen können, was jetzt ist, was Sie wirklich brauchen oder auch nicht brauchen. Erst dann können Sie in Verbindung mit anderen Menschen gehen.
Nehmen Sie sich und Ihre Bedürfnisse wichtig! Planen Sie Zeit und Raum für sich selbst ein. Wie Sie dies gestalten, wissen Sie selbst am besten. Sie sind die Expertin oder der Experte für Ihren Raum und Ihre Zeit – für sich selbst. Ob Sie sich Zeit am Abend, morgens, in der Mittagspause oder an einem Samstag bzw. Sonntag nehmen oder ob Sie sich, wie eine Kundin von mir, täglich eine halbe Stunde in Ihrem Büro einschließen, Yoga machen und meditieren, das ist ganz egal. Möglicherweise machen Sie einen Spaziergang im Wald oder gehen joggen. Vielleicht sitzen Sie auch morgens vor der Arbeit in einem Sessel und horchen in sich hinein, machen eine beruhigende Atemübung oder tanzen beim abendlichen Kochen zu Ihrer Lieblingsmusik und erleben etwas an sich, was Sie zu Kreativität und »Aus-Gelassenheit« bringt.
Wichtig ist nur, dass Sie sich regelmäßig die Zeit und den Raum nehmen. Kleine Spots während des Alltags und größere Zeiträume verteilt aufs Jahr sind wichtig, damit Sie in Verbindung mit sich selbst bleiben.
Selbstreflexionsfragen zur Aufmerksamkeitsfokussierung
Wann ist der beste Zeitpunkt für Sie, »kleine« Selbstverbindungsauszeiten in den Alltag einzubauen?Ermitteln Sie für sich, wann oder wie Sie zeitlich größere Selbstverbindungsräume für sich schaffen können. Wer oder was ist dafür zu berücksichtigen? Wer könnte Sie dabei unterstützen?Legen Sie Ihre Selbstverbindungsauszeiten schon wie einen beruflichen Termin oder anderweitigen privaten Termin verbindlich fest? Verabreden Sie sich bereits mit sich selbst?Angenommen, Sie haben diese Räume und Zeiten für sich in Ihr Leben eingebaut: Woran können Sie erkennen, dass sich etwas verändert hat? Inwieweit können es andere erkennen?Es ist mehr als wichtig, wirklich wahrzunehmen, dass wir alle – und damit meine ich jedes lebendige Wesen, jeden Menschen – einzigartig sind. Es gibt niemanden, so wie es auch Virginia Satir in ihrem Gedicht beschreibt, »der genauso ist wie ich«. Das bedeutet auch, dass uns keiner wirklich sagen kann, was passend oder gut und welches der beste Weg für uns ist, unser Leben sinnvoll und zu unserer Zufriedenheit zu gestalten. Unsere Einzigartigkeit, unsere Individualität macht uns aus und gleichzeitig bringt sie uns in die Verantwortung, diese auch zu erkennen und mit aller Kraft wahrzunehmen – sonst könnte unser Leben sehr fremdgesteuert und in einem gewissen Sinne unglücklich und ohne uns verlaufen. Dazu gehören u. a. unsere Bedürfnisse, Talente, Neigungen und Wünsche, d. h. unser ganzes Potenzial. All das und noch vieles mehr dürfen wir bei unserer Selbstfürsorge berücksichtigen.
Durch unser Aufwachsen und unsere Sozialisation nehmen wir vor allem in den ersten Lebensjahren zahlreiche Verhaltensweisen und auch Glaubenssätze von anderen – vor allem von uns nahestehenden Personen – an. Es entstehen Muster in unseren Gehirnen und wir glauben, dass das, was wir »er-leben«, wir selbst sind. Spätestens wenn wir uns in unserer Haut nicht (mehr) wohlfühlen oder wir immer wieder in unangenehme Situationen geraten, bemerken wir, dass etwas in Schieflage ist oder dass wir möglicherweise und im extremsten Fall nicht unser Leben, sondern das Leben anderer Menschen leben und etwas daran ändern müssen und wollen.
Diese »Stimmen im Kopf«, wie die Klientin, die ich eingangs erwähnte, es nannte, sind oftmals vermischt mit den Meinungen, Bedenken, Glaubenssätzen und Verhaltensregeln, die wir von anderen übernommen haben. Möglicherweise waren sie in der Vergangenheit, in anderen Kontexten und in einer anderen bzw. abgeschwächten Form für uns hilfreich. Ich möchte sie hier nicht schlechtreden. Es bedarf jedoch des nachhaltigen Erkennens der Bedeutsamkeit unserer selbst, um dies, was ich gerade beschrieben habe, wahrnehmen zu können und ggf. zu verändern. Ein Resultat dieses Erkennens ist zudem, dass wir uns selbst wirklich wichtig nehmen – uns mit unseren Bedürfnissen in die erste Reihe stellen und somit der Selbst-Verbindung nichts mehr im Wege steht.
Leider ist es oftmals ein schmerzhafter Weg, bis diese Erkenntnis gereift ist. Deshalb ist es mir u. a. so wichtig, Ihnen meine Gedanken dazu vorzustellen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass uns, je eher wir damit beginnen, uns mit uns selbst zu verbinden, umso mehr Leid erspart bleibt. Dadurch haben wir eine höhere Chance und viel mehr Zeit, das Leben zu führen, das wir uns wirklich wünschen und das tatsächlich zu uns passt. Wir werden unserer Selbst wahrhaftig bewusst und können uns dadurch authentisch zeigen bzw. verhalten.
Selbstreflexionsfragen zur Selbst-Verbindung
Was macht Sie einzigartig? Woran können Sie das erkennen?Nehmen Sie sich wirklich wichtig? Welche Priorität räumen Sie sich selbst ein?Inwieweit sind Sie sich Ihrer Bedürfnisse bewusst? Inwiefern gehen Sie diesen nach?[31] Die »Stimmen«, die Sie wahrnehmen, die Glaubenssätze etc.: Welche davon gehören überhaupt zu Ihnen? Was können Sie nicht mehr gebrauchen und was darf von Ihnen aussortiert werden?Welche Potenziale erkennen Sie bei sich? Welche dürfen oder müssen Sie sogar noch mehr in den Fokus rückten?Die Verbindung zu sich selbst macht es möglich, sich innerlich auszurichten, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und in Harmonie mit sich selbst das vorhandene Potenzial auszuschöpfen. In eine innere Ausrichtung als Führungskraft zu gehen bedeutet, für sich selbst zu sorgen und sich zu sortieren. Sich zu fragen: Was brauche ich, um mit mir im Einklang zu sein? Werden Sie die Dirigentin oder der Dirigent Ihres Gedankenorchesters!
Horchen Sie in sich hinein und spüren Sie, welche bisher unerfüllten Bedürfnisse sich bei Ihnen melden. Wie äußern sich diese Bedürfnisse und welches schreit am lautesten? Unterdrückte Bedürfnisse und Gefühle sind wie schlummernde Vulkane: Sie brodeln so lange, bis sie explodieren. Dieses »Brodeln« kann sich dann einerseits nach außen entladen – z. B. in Form von Aggressionen – oder aber als Schwermut oder gar Depression im Inneren spürbar werden.
Wie Sie in der Abbildung, die ich z. T. der Arbeit von Desirée Oliveira, dem Ouro Verde, entnommen habe, erkennen können, ist dies ein niemals endendes Pendeln zwischen diesen beiden Extremen. Doch insgesamt streben wir nach einem Mittelweg, einer Harmonie unserer Potenziale.
[32]Ich stimme den Worten von George Bill, einem Professor der Harvard University, den Dr. Michael Schwalbach in seinem Buch »Gute Führung durch Yoga und Meditation« zitiert, voll und ganz zu:
»True Leadership can only begin when the leaders look deep into themselves and see who they really are.«
(Schwalbach, 2016, S. 16)
Dieses tiefe In-sich-Gehen ist der Schlüssel zur Selbst-Verbindung. Sie schürfen damit Gold – das Gold Ihres Seins, Ihrer Bedürfnisse, Ihres Potenzials. Alles, was in Ihnen schlummert, darf gesehen und anerkannt werden. Das bedeutet nicht, dass alle Bedürfnisse immer sofort erfüllt werden müssen und auch können. Doch indem Sie sie wahrnehmen, erleichtern Sie sich selbst den Umgang damit und haben so die Möglichkeit, sich innerlich mehr und mehr auszurichten.
Authentizität durch Selbst-Verbindung
Eine innere Ausrichtung – das Leben Ihrer Potenziale in Harmonie – hat auch eine Ausrichtung im Außen zur Folge. Es verändert Ihr Denken, Ihr Verhalten und insgesamt Ihre Haltung. Es macht Sie zufriedener und lässt Sie über sich selbst hinauswachsen. Ihre Energie verändert sich hin zu einer Authentizität, die andere Menschen als lebendig, energetisch und positiv wahrnehmen. Sie werden wahrhaftig Sie selbst – Sie werden im Außen als »echt« erlebt!
Eine weitere große Rolle beim »Schürfen nach Ihrem Gold« spielt Ihre Intuition, das sogenannte Bauchgefühl.
»Lassen Sie sich nicht durch Ihren Verstand davon abbringen, was Ihnen Ihre innere Stimme sagt.«
(Lipton, 2018, S. 44)
Diese Worte von Bruce Lipton sind für mich sehr gehaltvoll und haben mir in meinem eigenen Leben oftmals geholfen, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen oder vereinfacht ausgedrückt »meinen Weg« zu gehen.
Über Intuition wird viel gesprochen und auch diskutiert. Doch was ist überhaupt Intuition oder auch intuitives Handeln? Was bedeutet es im Zusammenhang mit Selbst-Verbindung?
Wikipedia gibt uns folgende Information zum Begriff Intuition:
»Intuition (von mittellateinisch intuitio ›unmittelbare Anschauung‹, zu lateinisch intueri ›genau hinsehen, anschauen‹) ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sicht[33]weisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes, also etwa ohne bewusste Schlussfolgerungen. Intuition ist ein Teil kreativer Entwicklungen. Der die Entwicklung begleitende Intellekt führt nur noch aus oder prüft bewusst die Ergebnisse, die aus dem Unbewussten kommen.«
(Wikipedia, Stichwort: Intuition)
Intuition ist also so etwas wie eine Eingebung, die aus dem Unbewussten kommt. Spannend ist, dass es im Mittellateinischen als »unmittelbare Anschauung« übersetzt wird, d. h. das Unbewusste schaut sich in dem Moment – unmittelbar – etwas an und reagiert. Wir wissen in dem Moment nicht, wo es herkommt, doch es ist da und hat erst einmal eine Wirkung. Beachten wir diese und reagieren darauf, dann handeln wir intuitiv.
Die lateinische Übersetzung geht nach meiner Ansicht noch einen Schritt weiter: »Intueri« wird als »genau hinsehen« übersetzt. Das finde ich noch viel spannender, weil ich aus meiner Erfahrung heraus weiß, dass wir, wenn unsere Intuition uns eine Information gibt, wirklich genau hinsehen und auch hinsehen sollten. Inwieweit haben Sie für sich schon einmal überprüft, welche Auswirkungen es hatte, wenn Sie intuitiv gehandelt oder andersherum Ihre Intuition nicht beachtet haben – wenn Sie also, anstatt auf Ihre Intuition zu hören, sehr viel »nachgedacht« haben? »Nachgedacht« bedeutet für mich, dass Sie, nachdem die Intuition Ihnen eine Information gegeben hat, noch darüber nachgegrübelt haben. Was ist dann geschehen? Wie haben Sie sich entschieden und was haben Sie getan? Sind Sie Ihrer Intuition oder dem Ergebnis Ihrer Überlegungen gefolgt?
Ich folge inzwischen fast immer meiner Intuition, weil ich ansonsten Gefahr laufe, falsche Entscheidungen zu treffen. Möglicherweise schlafe ich eine Nacht darüber, doch nach meiner Erfahrung ist die Intuition eine sehr weise Instanz. Unser Unterbewusstsein hat alle relevanten Informationen gespeichert und kann uns blitzschnell wichtige Impulse in Form von Gefühlen oder auch Worten oder Sätzen geben. Spannenderweise reagieren und handeln Kinder noch sehr intuitiv – ich möchte behaupten, dass sie einfach unverfälschter wahrnehmen. Sie sind nicht so »kopflastig«, geben ihrem Verstand also (noch) nicht die Bedeutung, die wir ihm als Erwachsene zuschreiben.
Die Macht des Unbewussten und die Wirksamkeit von intuitivem Handeln beschreiben auch Friederike Fabritius und Hans Werner Hagemann in ihrem Buch »Neuro-Hacks. Gehirngerecht und glücklicher arbeiten«:
[34]»Der einflussreichste und zugleich am meisten unterschätze Teil des menschlichen Gehirns ist jener, dessen wir uns definitionsgemäß nicht bewusst sind: das Unbewusstsein.«
(Fabritius/Hagemann, 2021, S. 148)
Sie schlussfolgern aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass wir oftmals klügere Entscheidungen treffen, wenn wir weniger denken. Dies hat u. a. etwas mit der Ermüdung unseres begrenzten Arbeitsspeichers für das bewusste Denken zu tun. Unser Unbewusstes kann aber jederzeit auf alles, was an Expertenwissen in unserem Gehirn abgespeichert ist, zurückgreifen.
»So wie wir ohne bewusste Aufmerksamkeit kompetent handeln, fällen wir auch oft unbewusst kompetente Entscheidungen.«
(Fabritius/Hagemann, 2021, S. 149)
Es ist unser gesammeltes Wissen über uns selbst, das uns zur Verfügung steht und unsere Intuition dadurch zu einem sehr starken Verbündeten macht. Das Nachdenken hemmt uns dann eher. Sind wir jedoch Anfänger in einem Lebensbereich, hilft uns je nach Situation auch das Nachdenken.
Als Sportlerin habe ich diese unbewussten Handlungen oder auch Reaktionen bzw. Entscheidungen oft erlebt – sei es als Basketballspielerin beim Freiwurf oder als Leichtathletin beim Hochsprung oder Speerwerfen. Wir sprechen hier über das sogenannte »Choking«: Fange ich vor oder beim Freiwurf an zu überlegen, was ich da genau mache, dann geht der Ball eher daneben als wenn ich ihn intuitiv aus dem Unbewussten (Erlernten, im Gehirn Abgespeicherten) heraus ausführe. Als ich noch Anfängerin war, war es jedoch wichtig, mir den Ablauf immer und immer wieder selbst zu erklären oder erklären zu lassen und ihn bewusst zu üben.
