Was für mich zählt - Erica Binder - E-Book

Was für mich zählt E-Book

Erica Binder

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Beschreibung

Werte sind Leuchttürme im Strudel der Zeit Das Bewusstsein für die eigenen Werte ist eine nicht zu unterschätzende Hilfe, um authentisch zu leben und Entscheidungen selbstbewusst zu treffen. Der Begriff "Werte" wird in der Gesellschaft jedoch immer häufiger bemüht, obwohl die wenigsten Menschen diesen Begriff weder definieren noch spontan ihre fünf wichtigsten Werte nennen können. In diesem Selbstcoachingbuch begeben sich die Leser*innen auf die Suche nach diesen Wegmarken, die ihnen die Richtung zu einem erfüllten und sinnhaften Leben weisen. Impulse und Anleitungen zur Reflexion helfen dabei, konkret zu bestimmen, was wirklich zählt, und zugleich Wege für die Umsetzung der eigenen Werte zu finden. Das Buch eignet sich als Orientierungs- und Umsetzungshilfe für die persönlichen Werte in verschiedenen Lebensphasen – seien dies Umbruch- oder Krisenzeiten oder die kleinen Momente im Alltag, in denen man sich fragt: "Ist es mir das (noch) wert?"

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Erica BinderWas für mich zähltLebensorientierung durch Werte

Über dieses Buch

Werte sind Leuchttürme im Strudel der Zeit

Werte helfen uns, authentisch zu sein und selbstbewusst zu entscheiden. Sie sind Teil unserer Identität, verleihen unserem Leben Sinn und verschaffen uns mehr Bewusstheit für das Wesentliche. 

 Dieses Selbstcoachingbuch nimmt Sie mit auf die Entdeckungsreise zu Ihren persönlichen Werten. Impulse und Anleitungen zur Reflexion helfen, konkret zu bestimmen, was für Sie wirklich zählt und wie Sie die gefundenen Werte leben können. Eventuelle Umsetzungsschwierigkeiten werden dabei ebenso thematisiert wie die Möglichkeit, einen inneren Coach für sich zu etablieren – für mehr Orientierung und Stabilität. 

Das Buch eignet sich als Klärungs- und Umsetzungshilfe für Ihre persönlichen Werte in verschiedenen Lebenssituationen und Lebensphasen – seien dies Umbruch- oder Krisenzeiten oder die kleinen Momente im Alltag, in denen Sie sich fragen: „Ist es mir das (noch) wert?“

Erica Binder studierte als Primarlehrerin auf dem zweiten Bildungsweg Pädagogik und Psychologie. Sie war zehn Jahre lang als Dozentin in der Ausbildung von Lehrer*innen und Sozialpädagog*innen tätig sowie als Supervisorin. Seit 2005 arbeitet sie in eigener Coaching-Praxis für das Berufs- und Privatleben in Bern.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2020

Coverfoto: © daliu – stock.adobe.com

Illustrationen und Icons: Esther Killias, www.estherkillias.ch

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2020

ISBN der Printausgabe: ISBN 978-3-95571-952-4

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0078-9 (EPUB), 978-3-7495-0080-2 (PDF), 978-3-7495-0079-6 (MOBI).

Vorwort

Warum dieses Buch?

O tempora, o mores (lat. „Welche Zeiten, welche Sitten“)! – Dieser Seufzer Ciceros drängt sich mir in letzter Zeit vermehrt auf: hier Wutbürger, da Terror, überall mehr Fakes statt Facts, narzisstische und korrupte Staatsmänner … und dann noch die Wahl des US-Präsidenten Trump im Jahr 2016. Und im ganzen Chaos ertönt immer wieder der Ruf nach Werten. Werte sind in aller Munde, doch die wenigsten Menschen sind sich ihrer eigenen Werte bewusst – und leben diese auch. Werte ja – aber welche? In unserer Multioptionsgesellschaft ist (fast) alles möglich. Was aber ist wirklich wertvoll?

Dieses Selbstcoaching-Buch richtet sich an Menschen, die ihr Leben bewusst gestalten wollen, an Menschen, denen Selbstwert und Selbstverwirklichung wichtig sind. Werte sind unser persönlicher innerer Schatz, die Quelle unseres Glücks und Leuchttürme im Strudel der Zeit. Da sie Teil der Identität sind, bringt eine Beschäftigung mit ihnen Intensität, Sinn und Bewusstsein ins Leben. Das vorliegende Buch möchte Ihnen Impulse geben zum Auffinden Ihres persönlichen inneren Werteschatzes, für das Bestimmen Ihrer (neuen) Werte und deren Umsetzung im Alltag. Es eignet sich als Orientierungshilfe in verschiedenen Lebensphasen und Lebenslagen – seien dies Neuorientierungs- oder Krisenphasen oder die kleinen Momente im Alltag, in denen Sie sich fragen: „Ist das noch in meinem Sinn? Was will ich eigentlich, was ist für mich persönlich wertvoll?“

Ein wertebewusstes Handeln schafft neue Perspektiven für sich und das Leben, das man führt, und bietet dadurch vielfältige Gestaltungsoptionen.

Was für mich zählt: Lebensorientierung durch Werte

Sie finden im vorliegenden Buch weder ein fix und fertiges Sorglos-Einsteiger-Kit für Werte noch Ratschläge nach dem Motto „Machen Sie X, dann erreichen Sie garantiert Y!“. Es handelt sich um ein Selbstcoachingbuch: Es fordert durch Reflexionsfragen zum Selberdenken, Selberentscheiden und Selberwerten auf. Dieses Buch ist ein Impulsgeber für Menschen, die ihr Leben autonom steuern, sich (rücksichtsvoll) entfalten und mehr Zufriedenheit und Erfüllung erleben möchten.

Während der Arbeit an diesem Buch und meiner eigenen Auseinandersetzung mit Werten erlebte ich eine erfreuliche „Nebenwirkung“: Meine pessimistische Sicht auf die Welt, bedingt durch die schwelenden sozialen und politischen Konflikte sowie die aktuelle Wertekrise, hellte sich durch die Fokussierung auf Werte zusehends auf.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, ebenfalls eine solch positive Erfahrung – nebst vielen wertvollen Erkenntnissen und der Lust zu einem ebensolchen Leben.

Was Sie im Buch erwartet

„Wozu braucht es Werte?“ (Kapitel 1) klärt die Frage, was Werte eigentlich sind, was sie ausmacht und wozu man sie braucht. Persönliche Werte und Werte in sozialen Gruppen werden kurz beleuchtet. Sie müssen Werte nicht krampfhaft suchen, Sie sind quasi umgeben von ihnen – wie in einem Werte-Dschungel.

„Mein Werte-Navi“ (Kapitel 2) entführt Sie auf eine virtuelle Reise zurück zu den Tagen Ihrer Kindheit, als Sie noch durch das „Kinder-Werte-Navi“ Orientierung fanden. Auf dieser Reise begegnen Ihnen viele Werteperlen sowie Werte, die Sie bereits überarbeitet oder überwunden haben. Auch werfen Sie einen Blick auf die Folgen dieses Kinder-Werte-Navis.

„Selbstbestimmt statt fremdbestimmt“ (Kapitel 3) macht deutlich: Als Erwachsener brauchen Sie kein Kinder-Navi mehr, sondern bestimmen Ihre Werte selbst. Und die Folgen des Kinder-Navis? – Vielleicht braucht Ihr Selbstwertgefühl etwas Pflege.

Gilt freier Wille – freie Wertewahl? Immer mal wieder wird es nötig, Inventur zu machen und zu erkennen, welche Werte für Sie heute wichtig sind. Als Klärungshilfe dienen Ihnen das WERTE-Interaktionsmodell und der WERTE-Schieberegler.

„Meine Werte wählen – und leben“ (Kapitel 4): Nun gilt es, Farbe zu bekennen. Im Werte-Check 1 bestimmen Sie Ihre aktuellen Werte. Unterstützung erhalten Sie durch verschiedene Wertelisten. Aber es reicht nicht, nur schöne Werte zu haben, diese sollen auch gelebt werden. Im Werte-Check 2 erkennen Sie Ihre gelebten und nicht gelebten Werte. Für bewusst gewählte Werte, die schwierig umzusetzen sind, finden Sie in diesem Kapitel einige Tipps. Ein Beispiel zeigt, wie Werte im ganz gewöhnlichen Alltag „automatisch“ gelebt werden können.

„Blockierte Werte und die Konsequenzen“ (Kapitel 5): Blockierte Werte haben weitreichende negative Konsequenzen. Die schmerzhaftesten sind wohl diejenigen, die den Selbstwert ramponieren. Es handelt sich einerseits um Blockaden, die selbst verursacht sind, andererseits um Blockaden, die durch soziale Interaktion entstehen, sei dies im Kontakt mit einzelnen Menschen oder Gruppen.

Aber nicht nur wir selbst und „die anderen“ können Werte blockieren, sondern auch Wertewandel, Werteumbrüche und Wertekrisen. Tipps zum persönlichen Management dazu finden Sie ebenfalls in diesem Kapitel.

„Mein innerer Coach“ (Kapitel 6) zeigt, dass ein patenter Helfer entweder bereits in Ihnen lebt und auf seine Entdeckung wartet – oder wie Sie ihn selbst erschaffen können. Der innere Coach unterstützt Sie beim Definieren, Modifizieren und Leben von Werten. In stürmischen Zeiten von Werteumbrüchen und -krisen dient er Ihnen als zuverlässige Orientierung. Als bester Freund (den Sie immer dabeihaben) unterstützt er Sie, kritisiert freundlich und macht Sie auch aufmerksam, wenn Sie Ihre eigenen Werte missachten (und dadurch Ihr Selbstwertgefühl schädigen).

„Werte als Chancen“ (Kapitel 7): Ein bewusster Umgang mit Werten erleichtert Ihnen nicht nur den Lebensalltag, sondern führt im persönlichen Bereich zu vermehrter Integrität und (Lebens-)Sinn; im sozialen Bereich zu Empathie und Engagement. Generell betrachtet, beinhaltet ein wertorientiertes Leben Wachstumschancen für Sinn und Bewusstsein. Ist das ein wertvolles Ziel für Sie?

Der Stil dieses Buches

Knappe Infos, oft in Aufzählungsform, sorgen dafür, dass Sie rasch Übersicht gewinnen und Zeit fürs Nachdenken haben.Coaching-Tipps sind nicht als Rezepte zu verstehen, die – richtig angewendet – immer gelingen, sondern als Anregung zum Ausprobieren und Anpassen an Ihre eigenen Bedürfnisse.Fragen zur Selbstreflexion regen Sie zu eigenen Stellungnahmen an.Zeichnungen und Grafiken veranschaulichen und vertiefen die Themen.Zitate und Gedichte bringen Themen auf den Punkt.Das Glossar (im Anhang) hilft Ihnen, Begriffe und Konzepte differenziert zu betrachten.Die folgenden Icons als Mini-Wegweiser erleichtern Ihnen das Auffinden bestimmter Textstellen:

Theorie

Wichtig!

Ideen, Tipps

Beschreibung erstmalig erwähnter Begriffe im Glossar

„Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken [resp. unserer Werte; E. B.].“

(Marc Aurel)

1. Wozu braucht es Werte?

„Willst du dich deines Wertes freuen, so musst der Welt du Wert verleihen.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Nach Goethe ist es für unseren → Selbstwert wichtig, der Welt um uns herum Bedeutung beizumessen. Die Art und Weise, wie wir unserer Umwelt begegnen, verleiht rückwirkend auch uns selbst einen → Wert. Woher kommen diese Werte und wie gehen wir konkret mit ihnen um? Und: Wozu brauchen wir sie überhaupt? In Abschnitt 1.1 gehen wir diesen Fragen nach und überlegen, ob Werte an sich wertvoll oder wertlos sind.

Was steuert mich eigentlich? Wir betrachten die individuellen Werte und ihre Einbettung in das persönliche Menschen- und Weltbild in Abschnitt 1.2.

Nach dem „wertvollen“ Individuum betrachten wir die Werte sozialer Gruppen (Abschnitt 1.3): Hier zeigen sich in konzentrischen Kreisen die Werte in den verschiedenen Lebensbereichen: von den überschaubaren in Familie und (Wahl-)Verwandtschaften zu komplexeren in den Bereichen Arbeit und Freizeit bis hin zu den großen nationalen, internationalen und globalen Bezügen.

Dieser kurze Blick zeigt den Werte-Dschungel auf, in dem wir uns täglich bewegen. Dabei wird offensichtlich, dass aus Werten in der Gesellschaft auch Normen und Gesetze werden, damit das Zusammenleben gewährleistet ist.

1.1 Der Wert der Werte

Die Begriffe „Wert“ und „wertvoll“ werden gegenwärtig geradezu inflationär verwendet. Schaut man genauer hin, stellt man aber fest, dass es gar nicht so einfach ist, zu definieren, was Werte ausmacht. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen betrachten sie aus unterschiedlichen Perspektiven:

Soziologie – Welche Werte sind in einer bestimmten Gesellschaft für ein gutes Funktionieren wichtig und werden daher von den einzelnen Individuen verlangt? Ein Mensch trifft auf ein vorhandenes Wertsystem der Gesellschaft, in der er lebt, und muss sich diesem mehr oder weniger anpassen.Psychologie – Was empfindet das einzelne Individuum als wertvoll, indem es einer Person, Sache oder Situation einen Wert zuschreibt? Ein Wert entsteht also durch Auswahl und Bewertung durch ein Individuum und zeigt sich auch in seinem Verhalten.Sozialpsychologie – Verschiedene Individuen haben Werte, die ihnen unterschiedlich wichtig sind. Werte müssen daher „ausgehandelt“ werden, ja, sie entstehen (oder differenzieren sich) erst durch Kommunikation.

Der Minimal-Konsens des Begriffs lautet demnach: Werte bezeichnen erstrebenswerte Eigenschaften und Qualitäten von Menschen, Objekten und Sachverhalten. Dieses Buch beruht auf diesem Minimal-Konsens unter ausgewogenem Einbezug der erwähnten Perspektiven. Darauf basiert auch das WERTE-Interaktionsmodell (Abschnitt 3.4.2).

Bewerten hat eine lange Tradition: Bereits in der Antike war „das gute Leben“ ein erklärtes Lebensziel. So weit herrschte Einigkeit. Doch was ein gutes Leben genau sei und wie es auszusehen habe, darüber gingen auch damals schon die Meinungen weit auseinander. Während die einen für mehr oder weniger ausgelebten Genuss plädierten (Hedonismus), sahen die anderen ihren Weg zum guten Leben im Streben nach → Tugenden: „das gute Leben“ durch „das Gute leben“. Der Begriff Tugend (abgeleitet von taugen, Tauglichkeit) wird für eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung verwendet, die es zu leben (oder anzustreben) gilt; z. B. Ehrlichkeit, Weisheit etc.

Die Philosophen der Antike definierten folgende vier Tugenden, die zu einem guten und glücklichen Leben führen sollten: Klugheit / Weisheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit.

Später kamen die drei göttlichen Tugenden Liebe, Glaube, Hoffnung dazu. Die Rittertugenden (um 1350) umfassten neben diesen sieben noch weitere fünf: Höflichkeit, Freundlichkeit, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit, Großzügigkeit, Stärke und Treue.

Immer stärker wurde der Begriff Tugend vom Christentum vereinnahmt und zur Moral- und Dogmenlehre verdichtet, die v. a. Keuschheit, Demut, Gehorsam, Geduld, Opferbereitschaft, Hingabe u. a. m. durchsetzen wollte gegen Laster und Sünde. Nun ging es nicht mehr darum, im Hier und Jetzt ein gutes Leben zu führen, sondern sich durch gute Taten ein besseres Jenseits zu verdienen. Seit über 2000 Jahren hat das Christentum das Monopol auf das moralische Verhalten in der westlichen Welt: Es geht um „gut“ und „böse“ – einzig definiert von der Kirche.

→ Moral wird als System von sittlichen Grundsätzen, Werten und Normen verstanden – ein Sammelsurium von „dürfen“, „sollen“, „müssen“. Innerhalb dieses Systems entwickelten sich die Tugenden ebenfalls zu Gesamtpaketen, d. h., jede Tugend beinhaltete eine Anhäufung wünschenswerter Eigenschaften. Wer etwas Schlechtes tat, war daher nicht tugendhaft, sondern hatte einen schlechten Charakter, war also als ganzer Mensch „böse“. Da die Tugendkataloge immer länger wurden, ist es nicht erstaunlich, dass der Begriff mit der Zeit seine Wirkung verlor und z. T. auch ironisch verwendet wurde („Tugendbold“).

Immanuel Kant setzte mit seinem → kategorischen Imperativ bei der Vernunft an statt bei Moral und Tugend: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Dieser Satz ist die Grundlage seiner Ethik. Kant meinte damit die absolute moralische Handlung aufgrund der vernünftigen Entscheidung für das „allgemeine Gesetz“ – auch wenn sie negative Folgen haben kann. Er hätte nie gelogen, auch wenn er durch das Aussprechen der Wahrheit einen Menschen gefährdet hätte. Denn niemand könne eine Legitimierung von Lügen wollen.

Mit dieser Maxime wird oft die bekannte → „Goldene Regel“ verwechselt: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu!“ Sie bezieht sich auf soziales Verhalten und nicht auf ein philosophisches „Gesetz“. Es ist eine egoistisch-utilitaristische Haltung: Ich lüge nicht, weil auch ich nicht belogen werden will, und nicht, weil das Lügen gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstößt. Und trotzdem: Die Goldene Regel macht das soziale Miteinander in mehr oder weniger großen sozialen Gruppen oft erst möglich.

Der Begriff „Wert“ stammt aus der Ökonomie und meint das Gut, d. h. materielle Güter wie Geld, Immobilien etc. Im 19. Jahrhundert wurde die Wertephilosophie begründet: Auch das Gute wurde nun zu einem Wert (immaterielle Güter wie Friede, Freude). Der Begriff Wert beinhaltete nun also sowohl materielle als auch immaterielle Güter. Die Werte wurden als vom Menschen unabhängig betrachtet (Wertabsolutismus). Ebenso wurden sie als real, als objektiv betrachtet (Werterealismus). Erst ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie vermehrt als subjektiv bezeichnet, d. h. als vom Menschen abhängig. Dies hatte zur Folge, dass sie nun als verhandelbar, als relativ galten. Für die meisten Menschen sind sie das bis heute, einige wenige betrachten Werte noch als absolut und real. Einigkeit herrscht in dem Punkt, dass Werte sowohl für einzelne Individuen als auch für die ganze Gesellschaft wichtig sind.

Der Begriff Tugend ist heute kaum noch gebräuchlich. Nicht nur wirkt er etwas muffig mit seinen allgemeinen Belehrungen und Forderungen, sondern er beinhaltet auch unklare Werte-Pakete. Beispielsweise die christlichen Tugenden Liebe, Glaube, Hoffnung: Hier enthält jeder dieser Begriffe unzählige hierarchisch gestufte Unterbegriffe. Werte sind einzelne Präferenzen, die besser differenzierbar, flexibler und damit vergleichbarer sind als Tugenden – und damit „praktischer“ in der Verwendung. (Ob der Wertebegriff auch mal das Schicksal des Begriffs Tugend erleiden wird durch inflationären Gebrauch?) Ein paar grundlegende Gedanken zu Werten:

Gibt es Werte per se oder müssen wir sie selber „schaffen“? Wir setzen Werte als immer schon gegeben voraus, weil wir seit unserer Kindheit nichts anderes kennen, denn wir wurden in ein bestehendes Netz von Werten hineingeboren. Das heißt aber nicht, dass diese Werte per se absolut existieren. Jede Familie, jeder kulturelle Kreis vermittelt unterschiedliche Werte. In seinem Buch Werte: Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt sagt der Autor Andreas Urs Sommer: „Werte sind Fiktionen. Das heißt nicht, dass es sie überhaupt nicht gibt, wohl aber, dass es sie nicht gibt ohne Menschen, die sie erschaffen“ (2016, S. 164).

Wenn wir Werte selber schaffen, kann die Interpretation eines Wertes völlig unterschiedlich ausfallen. Den Wert „Freiheit“ betrachtet eine Angestellte anders als ein Häftling. Beim Wert „Freundschaft“ vermeinen wir alle zu wissen, was darunter zu verstehen ist. Wenn wir uns im Freundeskreis umhören, stellen wir jedoch fest, dass sich mehr oder weniger große Unterschiede ergeben.

So stellt sich bei jedem Wert die Frage, wie umfassend der „harte Kern“ ist und wie viel Verhandlungsspielraum bleibt (vgl. WERTE-Schieberegler in Abschnitt 3.4.3). Die Diskussion um Interpretation und Umsetzung von Werten muss also differenziert geführt werden. Dadurch werden Werte geklärt und es ergeben sich Entwicklungschancen für alle Beteiligten.

Werte sind relativ – sind sie daher beliebig? Trotz Wertediskussion: Werte sind nicht einfach austausch- oder uminterpretierbar. So ist z. B. der Wert „Toleranz“ nicht gleichzusetzen mit „Akzeptanz“, „Fleiß“ nicht mit „Bemühen“ etc. In verschiedenen Lebensbereichen setzen wir unsere Werte zudem unterschiedlich um. Zum Beispiel wird der Wert „Toleranz“ im Freundeskreis anders gelebt als am Arbeitsplatz. Und verschiedene Werte von uns können zueinander in Widerspruch stehen und innere Konflikte auslösen. All das zeigt: Unsere Werte können zwar im Lauf der Zeit flexibel gehandhabt werden und wandelbar sein. Beliebig sind sie jedoch nicht.

Die Welt um uns herum bleibt bekanntlich nicht stehen. Durch Technik, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kultur ergeben sich entsprechende soziale und politische Veränderungen, die mit einem Wertewandel einhergehen. Der Wandel ist das Natürliche – das bezieht sich auch auf die Werte. Wenn sich erdrutschartig vieles gleichzeitig verändert, kann von einem Werteumbruch gesprochen werden. In Wertekrisen sind nicht die Werte an sich in der Krise. Krisenhaft ist, wenn durch Manipulation verhindert wird, dass (bestimmte) Werte gebildet oder gelebt werden können (vgl. Abschnitt 5.4).

Braucht es Werte? Wenn Werte nicht klar definiert und zusätzlich noch einem Wandel unterworfen sind, soll man sie dann nicht gleich abschaffen? Verschiedentlich wurde dies tatsächlich proklamiert – allerdings sollte beachtet werden, dass über Veränderung oder Abschaffung der Werte erst diskutiert werden kann, seit diese frei bestimmbar sind, d. h. nach der historischen Aufklärung. Aber was würde an ihre Stelle treten?

Gerade ihre Differenzierbarkeit und Entwicklungsfähigkeit macht Werte wertvoller als die einstigen Tugenden und Prinzipien, die, wie oben beschrieben, ganze Wert-Pakete umfassen und von der Gesellschaft vorgegeben sind. Werte sind einzelne Präferenzen, die in der Kommunikation unter den Beteiligten differenziert werden. Somit sind sie ein patentes Mittel, um mit allen und allem in Beziehung zu treten und dadurch Perspektiven, Meinungen und Haltungen zu vergleichen und zu diskutieren – und dadurch gleichberechtigt neue Wege zu finden.

Fazit: der Wert der Werte

Werte sind Orientierungshilfen in einer immer komplexer werdenden Welt.Werte sind Entscheidungshilfen in der Multioptionsgesellschaft. Wer auf das Werten und Entscheiden verzichten will, weil jede Entscheidung eine Fehlentscheidung sein könnte, macht sich zum Spielball der Werte und Entscheidungen anderer.Werte sind diskutier-, verhandel- und wandelbar.Wer wertet, beurteilt eine Person oder Sache aufgrund seiner eigenen Interessen und Bedürfnisse; er / sie macht damit auch eine Aussage über sich und seine Identität.Werte schärfen das Bewusstsein: Was genau will ich und warum?Werte sind Teil unserer Identität.

Tipps für den generellen Umgang mit Werten

Werte differenziert betrachten, nicht in fixen Polaritäten von gut / böse, positiv / negativ, richtig / falsch. Werte sind keine Dogmen.

Werte kritisch betrachten: Wer vertritt welche Werte und welche Interessen? Wessen Werte und Interessen werden übergangen?

Widersprüche aufdecken zwischen bloßer Wertebeschwörung und gelebten Werten: in Wirtschaft, Religion, Politik, Gesellschaft – und bei sich selbst.

Bei der eigenen Werteklärung beachten, welches der eigene unantastbare Kern des Wertes ist und wo die „Verhandlungszone“ beginnt.

Werte sind das Kostbarste, was wir haben! Daher lohnt es sich, sie achtsam und bewusst auszuwählen und zu pflegen. Eine wertvolle Hilfe dabei ist der innere Coach (vgl. Kapitel 6).

„Indem wir gemäß unseren Werten auf die Herausforderungen unseres Lebens antworten und uns verhalten, übernehmen wir Verantwortung für uns und andere. Dies ermöglicht, ein wertvolles und sinnerfülltes Leben zu führen“ (Borstnar & Köhrmann, 2004, S. 196).

Durch Wertebewusstsein und Werteumsetzung können wir unser Leben intensivieren. Werte tragen zur Selbstentfaltung bei und sind förderlich in sozialen Beziehungen.

1.2 Individuelle Werte

Wer kennt nicht die unzähligen Alltagssituationen, in denen wir mit uns selbst hadern: „Schon wieder bin ich auf Werbung reingefallen!“, „Wie soll ich mich bloß entscheiden? Eventuell kommt ja noch was Besseres …“, „Hätte ich doch bloß …“ Täglich werden wir mit mehr oder weniger drängenden Entscheidungssituationen konfrontiert. Aber: Wer entscheidet denn eigentlich in mir? Sind es bewusste Ziele, klare Motivationen oder bloß temporäre Launen, an denen ich mich orientiere? Könnte ich auch ein total anderes Leben leben? Wie entscheide ich mich, wenn alles möglich ist? Kurz: Was steuert mich eigentlich?

Wenn wir nachforschen, was hinter unseren Entscheidungen und unserem Verhalten liegt, stoßen wir auf unsere → Einstellungen, und hinter diesen sind unsere Werte zu finden. Werte (z. B. Hilfsbereitschaft) sind zunächst einmal abstrakt. In einer speziellen Situation wird der Wert dann konkretisiert: So sehen wir beispielsweise Touristen, die offenbar Orientierungsschwierigkeiten haben. Aufgrund des Werts Hilfsbereitschaft gelangen wir zu der Einstellung, diesen Touristen helfen zu müssen, indem wir sie nach ihrem Ziel fragen und ihnen den Weg dorthin erklären.

Ein anderes Beispiel: Es steht die Entscheidung an, die Ferien im fernen Ausland zu verbringen oder in der Nähe. Die Lust, in die Ferne zu schweifen, wird durch die „umweltfreundliche“ Haltung / Einstellung infrage gestellt sowie durch die Werte „Fürsorge (gegenüber den Kindern)“ (Reiseweg, Klima etc.) und „Selbstfürsorge“ (weniger Stress, geringere Kosten etc.).

Wertehierarchie. Wir bewerten Eigenschaften und Qualitäten von Menschen, Objekte und Sachverhalte. Was uns wertvoll erscheint, motiviert uns zum Handeln. Dadurch unterscheiden wir uns von anderen Menschen, d. h., unsere Werte sind auch Teil unserer Identität. Eine bestimmte Wohnung gefällt mir zum Beispiel besser als die andere, eine Partner*in gefällt mir besser als der / die andere. Zum Glück finden wir Menschen nicht alle dasselbe wertvoll ...

Aus einzelnen Werten formen wir unser persönliches Wertesystem, in dem es wichtigere und weniger wichtige Werte gibt, d. h., wir bilden eine Wertehierarchie. Ein Beispiel dazu: Im Alltag wollen wir möglichst nicht lügen (weil wir selbst ja auch nicht angelogen werden wollen) – aber wenn durch unsere Ehrlichkeit ein Freund verraten würde, steht der Wert der Freundschaft auf einer höheren Wertehierarchie-Stufe. Aufgrund solcher Dilemmata geraten wir immer wieder in Wertekonflikte und wissen nicht recht, nach welchen Werten wir handeln sollen.

Individuelle Werte können bewusst oder unbewusst sein, Verhalten steuern und damit zu Persönlichkeitsanteilen werden, Selbstbewusstsein und Sinn verleihen. Persönliche Werte wandeln / entwickeln sich in Abhängigkeit des individuellen Lebenslaufs und unterscheiden sich auch von den Werten anderer Menschen aus demselben Kulturkreis.

Sich mit seinen eigenen Werten auseinanderzusetzen hilft nicht nur, die eigenen Wünsche zu erkennen, Ziele und Entscheidungen klarer zu treffen, sondern es stärkt auch das Selbstwertgefühl und unterstützt eine bewusste und sinnvolle Lebensführung. Werte müssen im Verhalten eines Menschen erkennbar sein, wenn sie nicht leere Worthülsen bleiben sollen.

Der Mensch ist bei näherer Betrachtung ein multidimensionales Wesen aus körperlichen, psychischen, spirituellen und sozialen Dimensionen, die miteinander in Wechselwirkung stehen. All diese Dimensionen umfassen Werte – Werte, die wir selbst gewählt haben, oder Werte, die uns in der Kindheit aufgenötigt wurden. Fragen Sie sich, was Ihnen in den folgenden Dimensionen besonders wichtig ist.

Körperliche Dimension:

Gemeint sind hier genetische, biologische und physiologische Aspekte.

Mögliche Werte: Gesundheit, Beweglichkeit, Kraft, Vitalität, Ästhetik etc.

Psychische

Dimension:

Hier geht es um Wahrnehmung, Emotionen (Gefühle), Kognition (Denken, Wissen, Einsicht), Bewusstseinsformen (bewusste und unbewusste Anteile).

Mögliche Werte: Selbstwertgefühl, Motivation, Interessen, Kreativität, Humor etc.

Spirituelle Dimension:

Hier stehen die Sinnfragen im Vordergrund (Philosophie, Religion, Lebenssinn, transpersonale Erfahrungen).

Mögliche Werte: Verbundenheit mit höherer Instanz (Universum, Gott, Energie etc.), Inspiration, Liebe, Frieden, Verzeihen etc.

Soziale Dimension:

Hier geht es um Beziehungen im privaten und beruflichen Bereich, um das soziale Netz, soziale Rolle, Funktionen, Status, Kontakte.

Mögliche Werte: Freundschaft, Liebe, Empathie, Vertrauen, Toleranz, Fürsorge, Solidarität etc.

Die menschlichen Dimensionen sind miteinander verbunden und beeinflussen sich wechselseitig. Ebenso spielen hier Tagesverfassung und unser Gemütszustand eine Rolle: Beispielsweise ist unsere körperliche Befindlichkeit bei Kopfschmerzen stark eingeschränkt, was sich auf psychischer Ebene auf unsere Interessen und unsere Motivation auswirkt. Sozial ziehen wir uns eher zurück und in spiritueller Hinsicht sind wir in dieser Situation wohl kaum auf Erleuchtungskurs. Dies kann sich auch auf die Umsetzung unserer Wert-Vorstellungen auswirken.

Gleichzeitig beeinflussen uns die Faktoren Raum und Zeit. Der Faktor Zeit ist für uns Menschen sehr wichtig, und zwar nicht nur im Sinne von Zeitmanagement und der Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch bezogen auf die persönliche Entwicklung während der Lebensdauer. Der Faktor Ort verschafft uns Bewusstheit für die Qualität des Raumes – v. a. in der heutigen Zeit der (örtlichen) Flexibilität.

Welt- und Menschenbild. Die Werte(-Systeme) sind integriert in unser → Menschenbild, d. h. eine Art „Gesamtschau“ über die Menschen oder darüber, wie die Welt funktioniert und was sie zusammenhält. Verschiedene Faktoren beeinflussen das Menschen- und Weltbild: Beziehungen, Arbeit und Beruf, Umwelt, Kultur, Religion, Lebenserfahrung, Politik etc. In einem religiösen Menschenbild finden sich beispielsweise Werte wie Nächstenliebe, Vergebung etc.; in einem atheistisch-humanistischen Menschenbild die Werte Gleichberechtigung, Solidarität etc. Werte können in den verschiedenen Menschenbildern unterschiedliche Namen tragen, aber denselben Inhalt repräsentieren oder umgekehrt. Das → Weltbild eines Menschen sagt aus, wie er die Welt persönlich wahrnimmt (auch im Sinne von: für wahr halten), wie er sie beurteilt und bewertet. Menschen- und Weltbilder sind nicht nur privat, sondern auch kultur- und zeitabhängig, denn die uns umgebenden sozialen und kulturellen Bedingungen beeinflussen uns.

„Jeder Mensch meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist.“

(Hilde Domin)

Menschen- / Weltbilder verändern sich im Verlauf der Zeit, wie die folgenden Aussagen zeigen:

Die Erde ist eine Scheibe.

Gott erschuf die Welt in sieben Tagen.

Der Mensch ist gut, aber er verdirbt durch die Gesellschaft.

Der Mensch konstruiert seine Welt selbst.

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und soll sich diese untertan machen.

Es gibt Außerirdische.

Diese Welt ist eine von vielen Parallelwelten.

Der Mensch ist ein egoistisches, machtgeiles Wesen, dem nur Prestige, Status-Symbole und Likes wichtig sind.

Der Mensch ist ein Bewusstseins- und Energiewesen.

 REFLEXION

Wie würde sich mein Leben verändern, wenn ich …

… einen meiner Werte ändern würde? (Zum Beispiel Zuverlässigkeit: Plötzlich wäre ich pünktlich / unpünktlich, hielte mich (nicht) an Abmachungen …)… eines meiner Wertesysteme ändern würde? (Zum Beispiel mein Demokratieverständnis zugunsten populistischer Ideen – oder umgekehrt …)… mein Weltbild ändern würde? (Wenn ich z. B.anstelle von „Man lebt nur einmal!“ an Reinkarnation glauben würde oder umgekehrt …?anstelle von Urknall und Evolutionstheorie an göttliche Schöpfung und Vorsehung oder umgekehrt glauben würde …?)… meine Erwartung losließe, dass andere Menschen sich nach meinen Werten verhalten sollten ...?

1.3 Kollektive Werte

Als ob die unterschiedlichen Werte innerhalb eines Individuums nicht schon komplex genug wären, stoßen wir noch unweigerlich auf die Werte „der anderen“, sobald wir mit ihnen zusammenkommen. Und diese anderen Menschen haben ein ebenso multidimensionales Leben mit vielen Wert(-vorstellungen) wie wir. Mehrere Individuen bilden Gruppen mit ähnlichen Interessen und Zielen und mit entsprechend unterschiedlichem/n Zusammengehörigkeitsgefühl und Werten. Diese Kollektive oder sozialen Gruppen finden sich in verschiedenen Lebensbereichen (vgl. Abbildung 1.1).

„Kollektive Werte“ bedeutet nicht, dass alle Mitglieder gleich sind oder alle genau dieselben Werte haben, sondern dass es gemeinsame, ähnliche Werte gibt, die in einer speziellen Gruppe „gruppentauglich“ sind. Kollektive sind vor dem Individuum da, z. B. wird ein Baby in eine Familie hineingeboren, ohne die es nicht überleben könnte. Während unseres Lebens bewegen wir uns in unzähligen unterschiedlichen Gruppen. In diesen findet soziale Interaktion statt, d. h. absichtsvolles Verhalten von Menschen in Bezug auf andere. Dabei sind die Werte Grundlage und Orientierungsmaßstab, ohne die ein Zusammenleben nicht möglich wäre. Die Anpassungsfähigkeit an die Wert- und Normvorstellungen innerhalb einer Gruppe ist individuell unterschiedlich ausgeprägt.

Alltag, Spezialsituationen und Schicksal beeinflussen die sozialen Interaktionen. Nicht nur für das Selbstverständnis, sondern auch für das Verständnis im Zusammenleben in Gruppen empfiehlt es sich, die Werte zu klären, d. h. zu diskutieren und gegebenenfalls zu modifizieren. Wer sich seiner Werte und ihrer Verhandelbarkeit bewusst ist, hat dabei die besseren Karten.

Abbildung 1.1: Lebensbereiche

In allen Lebensbereichen gilt: Werte formen uns und wir formen unsere Werte. Die Einflussmöglichkeiten und Intensität der sozialen Interaktionen unterscheiden sich je nach Lebensbereich, d. h., sie verringern sich in der Regel vom ersten bis zum dritten Bereich. In welchen Lebensbereichen und Kollektiven bewege ich mich? Welche Werte erkenne ich dort? Sind das auch meine persönlichen Werte?

Lebensbereich 1: Familie, familienähnliche Strukturen, (Wahl-)Verwandtschaft

In dieser Wohn- und Lebensgemeinschaft sind v. a. Versorgung und Pflege, Unterstützung und Hilfe zur → Personalisation und → Sozialisation zentral. Hier beginnt die unendliche Geschichte von Nähe und Distanz, von Autonomie und Abhängigkeit. In diesem Bereich findet u. a. auch die erste Wertevermittlung statt und wir machen die ersten Erfahrungen mit Werten anderer.

Wir sind in das Wertgefüge unserer Familie hineingeboren worden und haben gelernt, was akzeptiert wird und was nicht. Diese ersten (Wert-)Erfahrungen sind entsprechend mit intensiven Gefühlen verbunden. Dieser Lebensbereich ist uns seit unserer Kindheit an vertraut, die gegenseitigen Beeinflussungsmöglichkeiten sind groß. So hat jedes Familienmitglied einen beträchtlichen Anteil am Familienklima. Auch nur eine geringe Verhaltensänderung eines Mitglieds bringt das gesamte Gefüge in Bewegung, wie ein Mobile im Wind. Beispiel dafür ist die Pubertät, in denen alle Beteiligten „schwierig“ werden: Die Jugendlichen, weil sie mit neuen Werten und Verhalten ihre Eltern samt deren Werte herausfordern, und umgekehrt.

Lebensbereich 2: Freund*innen, Kolleg*innen aus Schule, Arbeit, Freizeit