Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Immanuel Kant hatte vor über 200 Jahren Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" bestimmt. Wie kann das heute angesichts einer fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche gelingen? "Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Jörg Nollers hochaktuelles Buch sucht mit Kant mediale Mündigkeit in Zeiten der Digitalisierung zu denken. Im Zentrum steht dabei die digitale Lebenswelt, unser alltäglicher Umgang mit digitalen Medien, die längst unverzichtbar geworden sind. Er benennt die Gründe digitaler Unmündigkeit. Und zeigt an vielen Beispielen, wie ein mündiger Mediengebrauch aussehen kann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
JÖRG NOLLER
WAS IST DIGITALE AUFKLÄRUNG
Mit Kant zur medialen Mündigkeit
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2024Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.de
Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenUmschlagmotive: Immanuel Kant, anonymes Gemälde, um 1790,© akg-image; © FinePic®, München
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster
ISBN Print: 978-3-451-03484-8ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-83521-6ISBN E-Book (PDF): 978-3-451-83523-0
Die rasante Entwicklung digitaler Medien, insbesondere die erstaunlichen Erfolge Künstlicher Intelligenz, begeistern und verunsichern uns zugleich. Sie begeistern uns, da wir jetzt digitale Technik nicht mehr nur als Werkzeug erfahren, das nur einigen wenigen Technokraten vorbehalten ist, sondern als eine Technik, die prinzipiell allen Menschen offensteht. Digitale Technik ist Teil unseres Alltags geworden, und unsere Mediennutzung zu einer neuen Kultur- und Lebensform. Dies zeigt die Bedeutung sozialer Plattformen, auf denen wir uns täglich tummeln, interagieren und vernetzen, dies zeigen auch digitale Endgeräte, die immer kleiner und geschmeidiger werden, so dass sie immer weniger als Objekt, denn vielmehr als Teil von uns erscheinen. Die neuen Medien werden immer weniger als Gegenstände und klar umrissene Objekte sichtbar, die von uns getrennt existieren, sondern sie werden selbst Teil einer neuen Form von Kommunikation, ja sie gehen mit uns selbst Kommunikationsverhältnisse ein. Nicht mehr nur kommunizieren wir intersubjektiv mit anderen Menschen, sondern auch interobjektiv mit Maschinen. Unsere Lebenswelt ist mittlerweile unhintergehbar medial verfasst.
Der Internet-Ethiker Luciano Floridi hat deswegen von einer vierten Revolution gesprochen, die die Kopernikanische, die Darwin’sche und die Freud’sche ablöst. Er bezeichnet sie als die informationelle Revolution, die nach dem Verhältnis von Mensch und Kosmos, von Mensch und Natur, von Ich und Es nun das Verhältnis von Mensch und Technik auf den Kopf stellt. Nach Floridi sind aus den neuen Medien »umweltgestaltende, anthropologische, soziale und interpretative Kräfte geworden. Sie schaffen und prägen unsere geistige und materielle Wirklichkeit, verändern unser Selbstverständnis, modifizieren, wie wir miteinander in Beziehung treten und uns auf uns selbst beziehen, und sie bringen unsere Weltdeutung auf einen neuen, besseren Stand, und all das tun sie ebenso tiefgreifend wie umfassend und unablässig.«1
Allerdings eröffnen uns die neuen Medien nicht nur neue Wege der Interaktion und Kommunikation ‒ Freiheiten, die wir nicht mehr missen wollen. Sie verursachen auch neue Formen von Unfreiheit und Abhängigkeit. Bei aller Euphorie über die neuen technischen Möglichkeiten, die wir der Digitalisierung verdanken, bleiben diese problematischen Seiten oft unbeachtet. Der Ruf nach einer »digitalen Aufklärung« wird laut.2In diesem Buch wird die These vertreten, dass wir Gefahr laufen, einer ‒ mit Kant gesprochen ‒ digitalen Unmündigkeit zu erliegen. Erst wenn wir verstanden haben, was digitale Unmündigkeit ist, können wir verstehen, was digitale Aufklärung ist.
Was aber ist (digitale) Unmündigkeit? Immanuel Kant hatte vor über 200 Jahren Aufklärung als »Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit«3bestimmt. Unter »Unmündigkeit« versteht Kant »das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«. Unter »selbstverschuldet« versteht Kant die Tatsache, dass die Ursache dieser Unmündigkeit »nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen«. Unmündigkeit ist nicht nur ein Zustand, in dem wir uns wie Gefangene befinden. Unmündigkeit ist kein Schicksal. Es ist vielmehr ein Prozess, an dem wir selbst beteiligt sind und bei dem Medien eine entscheidende Rolle spielen. Inwiefern ist jedoch Kants Begriff der Aufklärung auch für die gegenwärtigen Entwicklungen und Probleme der Digitalisierung noch relevant? Inwiefern unterliegen wir einer digitalen Unmündigkeit und bedürfen deswegen einer digitalen Aufklärung?
Interessant ist, dass Kant unsere Unmündigkeit gerade auch durch Verweis auf unseren Mediengebrauch diagnostiziert und kritisiert hatte. Formen der Unmündigkeit erkennt Kant in der Medialität, also der Vermittlung unserer vernünftigen Vermögen: Ein Buch ersetzt meinen Verstand, ein Seelsorger ersetzt mein Gewissen, und ein Arzt meine Urteilskraft. Wir glauben, durch diese Medien nicht mehr selbst denken zu müssen. Als zwischen diesen Medien vermittelndes Medium macht Kant das Geld aus: »Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.«4
Indem wir andere dafür bezahlen, dass sie für uns denken, denken wir nur scheinbar selbst. Wir glauben, dass unser Denken dadurch leichter, bequemer und effektiver wird. Hier liegt nun der Schluss nahe, dass wir durch Geld besser denken könnten. Allerdings ist gerade das Gegenteil der Fall: Wir sind dann nicht mehr die Autoren unseres Denkens, sondern nur noch Denkvermittler. Wir denken im Grunde gar nicht mehr, sondern delegieren nur unser Denken. Denken besteht aber nach Kant gerade darin, Selbstdenken zu sein. Dies bedeutet, dass wir die Mühe des Abwägens von Gründen und Gegengründen sowie die Orientierung an Wahrheit auf uns nehmen müssen, was immer die Gefahr birgt, zu scheitern oder Neues, Ungewohntes und Fremdes denken zu müssen. Selbstdenken ist deswegen immer auch öffentliches Denken. Wir werden im Folgenden sehen, dass Geld und Medien in unserer digitalen Lebenswelt eng miteinander zusammenhängen und unsere mediale Unmündigkeit bedingen.
Nach Kant ist diese Medialität unserer Vernunft so tief in unseren Alltag und unsere Lebenswelt eingedrungen, dass uns die selbstverschuldete Unmündigkeit »beinahe zur Natur« geworden ist. Unmündigkeit hängt also nach Kant untrennbar mit unserem Mediengebrauch oder genauer gesagt Medienmissbrauch zusammen. Wir erliegen nach Kant dieser medial bedingten Unmündigkeit jedoch nicht einfach so, sondern sind selbst die Ursache dafür, dass wir in eine mediale Unmündigkeit geraten sind.
Was aber sind die Gründe für diese selbstverschuldete Unmündigkeit? Kant macht vor allem »Satzungen und Formeln«, also Vorschriften und Anleitungen des Menschen als »mechanische Werkzeuge eines vernünftigen […] Mißbrauchs seiner Naturgaben« aus und beschreibt sie als »Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit«. Wir folgen diesen »Satzungen und Formeln« blindlings, ohne sie kritisch zu reflektieren und ihnen auf den Grund zu gehen. Diese von Kant kritisierte Tendenz, uns selbst durch unseren unkritischen Mediengebrauch unmündig zu machen, können wir auf die aktuelle Entwicklung der Digitalisierung übertragen. Denn insbesondere das Internet und Künstliche Intelligenz werden immer mehr als Ersatz für unser eigenes Denken gebraucht, wenn wir nur Suchanfragen eingeben müssen und uns die scheinbar objektiven Antworten darauf automatisch ausgegeben werden. Diese Unmittelbarkeit, mit der wir Antworten auf unsere Suchanfragen erhalten, verdeckt die Tatsache, dass uns immer nur fremde Informationen vermittelt werden. Digitale Medien erzeugen die Illusion authentischer Unmittelbarkeit, die jener Spontaneität unseres Selbstdenkens zum Verwechseln ähnelt. Künstliche Intelligenz automatisiert und ersetzt immer mehr unsere Urteilskraft, und Algorithmen ähneln jenen von Kant kritisierten »Satzungen und Formeln«, die im digitalen Alltag im schlimmsten Fall zu »Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit« werden.
Auf diese Problematik einer digitalen Unmündigkeit hat in jüngster Zeit Jürgen Habermas in seiner Schrift Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik hingewiesen. Habermas spricht von einer »halböffentlichen, fragmentierten und in sich kreisenden Kommunikation […], die deren Wahrnehmung von politischer Öffentlichkeit als solcher deformiert.«5Eine solche digitale Blasenbildung, in der Illusion, Fiktion, Simulation und Realität verschwimmen, wird durch die Verbreitung von fake news weiter verschärft. Der amerikanische Medienjournalist Eli Pariser hat in seinem Buch The Filter Bubble darauf hingewiesen, dass insbesondere Algorithmen unser Vermögen der informationellen Selbstbestimmung gravierend einschränken. Er spricht von einem »eigene[n] Informationsuniversum«, das von algorithmisch verfassten »Prognosemaschinen« für uns individuell entworfen wird. Der Untertitel der deutschen Version seines Buches lautet insofern treffend: »Wie wir im Internet entmündigt werden.»
So sehr diese Diagnose auch zutreffend sein mag, sie übersieht doch, dass wir selbst es sind, die uns entmündigen. Wir sind in unserem Mediengebrauch und -missbrauch nicht hilflos der digitalen Technik ausgeliefert, sondern liefern uns ihr selbst aus. Sei es, dass wir uns von ihrer Technik gänzlich abhängig machen, sei es, dass wir uns selbst zum bloßen Datenobjekt kommerzieller Interessen degradieren, indem wir alle unsere privaten Informationen bereitwillig preisgeben. Diese Kritik mag auf den ersten Blick als übertrieben erscheinen, doch erlaubt sie es, uns immer noch als freie und verantwortliche Subjekte zu verstehen. Nur dann, wenn wir die eigentliche Ursache unserer Unmündigkeit sind, können wir ihr auch wieder entkommen. Dies ist Kants zentrale Einsicht, die aktueller denn je ist.
Gefahren der selbstverschuldeten Unmündigkeit drohen angesichts der Vielgestaltigkeit der neuen Medien und ihrem lebensweltlichen Einfluss von ganz verschiedenen Seiten. Nicht nur unterwerfen wir uns allzu bequem Algorithmen, die uns in eine digitale Blase einbeziehen, in der wir uns wohlfühlen, da wir keine unbequemen Informationen mehr wahrzunehmen brauchen. Vielmehr neigen wir auch dazu, die Grenzen von Realität, Simulation, Illusion und Fiktion dort zu verwischen, wo wir nur allzu gerne vor unserem langweiligen oder stressigen Alltag flüchten möchten. Nicht nur lassen wir uns also in digitale Filterblasen und Echokammern versetzen, sondern auch in Scheinwelten ‒ sei es durch Computerspiele oder sei es durch die Technologie virtueller Realität, die täuschend echte Kunstwelten vor unserem physischen und geistigen Auge erzeugt, in die wir eintauchen, und in denen wir die echte Realität für einige Zeit vergessen können.
Objektivität scheint in unserer digitalen Lebenswelt nicht mehr ohne Weiteres möglich zu sein ‒ sei es im Bereich der Wahrheit oder der Moral. Müssen wir uns damit abfinden, dass im Digitalen jene Orientierung, die wir noch im Physischen und Analogen zu besitzen glaubten, unwiederbringlich verloren gegangen ist? Im Folgenden wird dagegen die These vertreten, dass wir auch im Digitalen Orientierung erlangen können. Dazu ist es aber erforderlich, dass wir zuerst unserem Mediengebrauch auf den Grund gehen.
Wie aber können wir der digitalen Unmündigkeit entgehen, d. h. kritisch zwischen bloßer Illusion, Simulation, Fiktion und Realität unterscheiden und digitale Filterblasen zum Platzen bringen? Wie können wir vermeiden, zu bloßen Datenobjekten kommerzieller Interessen reduziert zu werden? Kant hatte unsere Freiheit als Ausgang aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit bestimmt, und zwar im Sinn eines »öffentlichen Gebrauchs« unserer Vernunft. »Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« ‒ so lautet nach Kant der »Wahlspruch der Aufklärung«.6Er ist freilich nicht so zu verstehen, dass wir nur auf unseren eigenen Verstand konzentriert sind, und uns nicht um den Verstand anderer scheren. Wie können wir Kants Einsicht in die Gründe unserer Unmündigkeit und den Ausgang aus dieser Unmündigkeit auf die heutige Situation der Digitalisierung übertragen? Worin besteht die »digitale Unmündigkeit« und worin der (digitale) Ausgang aus ihr? Und schließlich: Worin können ein öffentlicher Gebrauch unserer digitalen Vernunft und eine digitale Öffentlichkeit bestehen?
Dieses Buch versteht sich als ein Versuch, Kants kritische Einsicht in unsere medial bedingte, selbstverschuldete Unmündigkeit auf die Gegenwart der neuen Medien zu übertragen. Es ist ein Versuch, mit Kant mediale Mündigkeit in Zeiten der Digitalisierung zu denken. Im Zentrum steht dabei die digitale Lebenswelt, also unser alltäglicher Umgang mit digitalen Medien, die mittlerweile fast unverzichtbar geworden sind. Es werden dazu Quellen möglicher digitaler Unmündigkeit in unserem Mediengebrauch diagnostiziert und zugleich mögliche Auswege daraus aufgezeigt ‒ Auswege, die nicht notwendigerweise ins Analoge, Nicht-Digitale führen müssen, sondern die selbst digital erfolgen können.
Unsere so erlangte digitale Mündigkeit lässt sich genauer im Sinne von digitalen Tugenden weiter bestimmen. Diese zeigen sich daran, dass wir, um mit Aristoteles zu sprechen, die richtige Mitte in unserem Mediengebrauch erlangen ‒ jenseits von Technokratie und Technophobie. Die Tugend der digitalen Klugheit und digitalen Urteilskraft erlaubt es uns etwa, zwischen Simulation, Illusion, Fiktion und (virtueller) Realität zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist deswegen so zentral, weil davon am Ende abhängt, ob und wie wir uns in der digitalen Lebenswelt zwischen wahr und falsch, gut und böse orientieren können.
Wenn, wie Kant schreibt, der Ausgang aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit im öffentlichen Gebrauch unserer Vernunft besteht, dann stellt sich die Frage, wie ein öffentlicher digitaler Gebrauch unserer Vernunft erfolgen kann. Diese Frage verweist auf eine politische Dimension der digitalen Lebenswelt und betrifft auch die Frage nach globaler digitaler Gerechtigkeit: Sollte es ein Grundrecht auf freien Internetzugang geben, und wie sollten wir das Internet verstehen und nutzen, um mündige und selbstbestimmte digitale Weltbürger zu werden? Diese Frage wiederum hängt mit der Frage nach digitaler Bildung eng zusammen. Denn Aufklärung ist kein spontanes Ereignis, sondern ein langwieriger und mühsamer Prozess, der nicht mit technokratischer Medienkompetenz verwechselt werden darf. Wenn sich durch die neuen Medien auch die Art und Weise verändert, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir uns zwischen Simulation, Illusion, Fiktion und (virtueller) Realität im Denken und Handeln orientieren, dann wirft dies auch die Frage auf, wie wir auf digitale Weise philosophieren
