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Waismanns Auseinandersetzung mit der Philosophie Wittgensteins findet ihren Niederschlag in diesen Aufsätzen zu mathematisch-logischen und allgemeineren philosophischen Problemstellungen aus den Jahren 1928 bis 1956. Waismann stellt die in kurzen Bemerkungen und tagebuchartigen Notizen festgehaltenen Gedanken Wittgensteins kohärent dar und macht auf Kontinuitäten von der frühen Philosophie des »Tractatus« bis zur sprachpragmatischen Spätphilosophie aufmerksam.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Friedrich Waismann, 1896 in Wien geboren, zählt zu den wichtigsten Mitgliedern des Wiener Kreises. Studium der Mathematik, Physik und ab 1922 der Philosophie bei Moritz Schlick. Auf dessen Wunsch wird er zum wichtigsten Vermittler zwischen dem Wiener Kreis und Ludwig Wittgenstein. 1937 emigriert Waismann nach England, wo er bis 1939 in Cambridge und anschließend als Dozent für Philosophie der Mathematik in Oxford lehrt. 1959 stirbt er in Oxford.
Werke u. a.: Einführung in das mathematische Denken (1936), Logik, Sprache, Philosophie (1976), Wille und Motiv (1983).
Kai Buchholz, 1966 in Berlin geboren, studierte Philosophie, französische Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin, Saarbrücken, Utrecht, Rennes und Aix-en-Provence. Heute Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt sowie freier Autor und Ausstellungskurator; außerdem Gründungs- und Vorstandsmitglied des »Instituts für Praxis der Philosophie«.
Buchveröffentlichungen u. a.: Sprachspiel und Semantik (1998), Ludwig Wittgenstein (2006).
Friedrich Waismann
Gesammelte Aufsätzemit einer Einleitung herausgegebenvon Kai Buchholz
E-Book:
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
Print-Ausgabe: © EVA | Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2008
Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign
eISBN 978-3-86393-611-2
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Einleitung
Die Natur des Reduzibilitätsaxioms
Logische Analyse des Wahrscheinlichkeitsbegriffs
Über den Begriff der Identität
Ist die Logik eine deduktive Theorie?
Was ist logische Analyse?
Die Relevanz der Psychologie für die Logik
Von der Natur eines philosophischen Problems
Logische und psychologische Aspekte in der Sprachbetrachtung
Wie ich die Philosophie sehe
Verzeichnis logischer und mathematischer Symbole
Bibliographie der Schriften Waismanns
Quellennachweise
Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen Friedrich Waismanns erschien erstmals 1973 und war lange Zeit vergriffen. Indem die Einleitung der Neuauflage nun insbesondere die komplexe Verwobenheit von Waismanns philosophischem Schaffen mit dem Denken Ludwig Wittgensteins beleuchtet, gibt sie einen innovativen Blick auf diese Textsammlung frei.
Es steht zwar seit jeher außer Frage, daß die Schriften Waismanns eng mit der Philosophie Wittgensteins verzahnt sind. Wichtige Dimensionen dieser Verbindung sind allerdings erst in den letzten Jahren zutage getreten: Durch die Publikation des Wittgenstein-Nachlasses und wichtiger Arbeiten zu Wittgensteins „mittlerer Periode“1 sowie durch die fortschreitende Bearbeitung von Waismanns Nachlaß und neue Forschungen zur Geschichte des Wiener Kreises und der sprachanalytischen Philosophie2 rückt die Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Waismann und Wittgenstein mehr und mehr ins Zentrum der philosophischen Aufmerksamkeit. Auch die aktuellen Versuche, Wittgensteins Philosophie, insbesondere sein Sprachspielverfahren, für systematische Zwecke nutzbar zu machen3, lassen die Bedeutung Waismanns in neuem Licht erscheinen, da bereits Waismann einen großen Teil seines Lebenswerkes darauf verwendet hat, die Gedanken Wittgensteins leichtverständlich darzustellen und dadurch dem systematischen Philosophieren zu erschließen.
Möchte man Wittgensteins und Waismanns Arbeiten miteinander in Verbindung setzen, liegen insbesondere zwei Fragen nahe:
1.An welchen Stellen wird eine Kenntnis der Philosophie Wittgensteins vorausgesetzt, wenn es darum geht, Waismanns Texte angemessen zu würdigen?
2.Welchen Beitrag leisten Waismanns Arbeiten für das Verständnis von Wittgensteins Denken und inwiefern führen sie Wittgensteins Ansätze weiter?
Unter der Perspektive dieser beiden Fragestellungen werden die hier versammelten Aufsätze Waismanns neu dargeboten. Zuvor sei jedoch ein kurzer Blick auf die historischen Umstände geworfen, unter denen es zu einer Zusammenarbeit von Waismann und Wittgenstein kam.
Die Vorgeschichte dieses Arbeitsbündnisses beginnt 1922.4 In diesem Jahr veranstaltet der Mathematiker Hans Hahn in Wien ein Seminar über Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Waismanns philosophischer Lehrer Moritz Schlick, der an der Veranstaltung teilnimmt, kommt so mit Wittgensteins Werk in Berührung und ist tief beeindruckt, später charakterisiert er den Tractatus sogar als das „bedeutendste Werk der Philosophie unserer Zeit“5. Nach mehreren mißglückten Versuchen, den Autor des Tractatus’ persönlich kennenzulernen, gelingt es Schlick schließlich Anfang 1927, ein Treffen mit Wittgenstein zu arrangieren. Dieser hat im vorangegangenen Jahr seinen Dienst als Volksschullehrer niedergelegt und widmet sich nun der Aufgabe, gemeinsam mit dem befreundeten Architekten Paul Engelmann ein Haus für seine Schwester Margaret Stonborough zu entwerfen. Diese Schwester ist es auch, die die Zusammenkunft von Schlick und Wittgenstein vermittelt. Wittgenstein ist zunächst nicht sicher, ob er nach seiner langen philosophischen Abstinenz überhaupt für Schlick als Gesprächspartner von Nutzen sein kann. Im Anschluß an die erste Begegnung kommt es dann aber zu weiteren Treffen, an denen auch ausgewählte Mitglieder des Schlick-Zirkels – dem späteren Wiener Kreis – wie Waismann, Herbert Feigl und Rudolf Carnap teilnehmen dürfen. Eine Zusammenkunft mit dem gesamten Kreis lehnt Wittgenstein jedoch rigoros ab. Carnap berichtet über die Begegnungen mit Wittgenstein später: „Vor dem ersten Treffen ermahnte uns Schlick nachdrücklich, keine Diskussion von der Art zu beginnen, wie wir sie in unserem Kreis gewohnt waren, da Wittgenstein so etwas unter keinen Umständen wünsche. Wir sollten auch mit Fragen vorsichtig sein, da Wittgenstein äußerst sensibel und durch direkte Fragen leicht zu verschrecken sei. Es sei das beste, so Schlick, Wittgenstein reden zu lassen und dann nur sehr behutsam nach den nötigen Erläuterungen zu fragen.“6 Wittgensteins Weigerung, mit dem gesamten Kreis zusammenzukommen, muß für die von den Treffen ausgeschlossenen Kreis-Mitglieder sehr unbefriedigend gewesen sein, da sie genauso wie die anderen mit Wittgensteins Tractatus gerungen hatten7 und auch darauf hofften, die noch unverstanden gebliebenen Passagen des Werkes erklärt zu bekommen. Vermutlich beauftragt Schlick in dieser Situation seinen damals engsten Vertrauten Waismann damit, die Erläuterungen Wittgensteins in verständlicher Form aufzubereiten und den anderen Mitgliedern des Kreises zu erörtern.
Ende 1928 sind Wittgensteins Arbeiten an dem Haus seiner Schwester abgeschlossen. Im Januar 1929 reist er nach Cambridge, wo er auf Drängen seiner alten Freunde die philosophische Arbeit bald wiederaufnimmt. Durch diese Rückkehr zur Philosophie tritt auch das Verhältnis zu Schlick und Waismann in eine neue Phase: Aus Dankbarkeit dafür, daß Schlick einen Ruf an die Universität Bonn ablehnt und in Wien bleibt, gibt der Schlick-Zirkel die Schrift Der Wiener Kreis, Wissenschaftliche Weltauffassung heraus. Der Inhalt des Bandes selbst findet zwar nicht die Zustimmung Wittgensteins, Wittgenstein ist aber damit einverstanden, an dem dort angekündigten Buch Logik, Sprache, Philosophie von Waismann mitzuarbeiten, das als eine Einführung in die Ideen des Tractatus’ geplant ist. Während der Weihnachtsferien 1929 trifft man sich deshalb mehrmals bei Schlick zu Gesprächen, und Waismann zeichnet den Inhalt dieser Unterredungen, die bis 1932 andauern, auf. Unter dem Titel Wittgenstein und der Wiener Kreis sind Waismanns Mitschriften mittlerweile als dritter Band der Werkausgabe Wittgensteins publiziert worden. Durch die gleichzeitig einsetzende philosophische Neuorientierung Wittgensteins, die auch eine radikale Selbstkritik des Tractatus’ einschließt, entfernt sich das gemeinsame Buchprojekt von Waismann und Wittgenstein jedoch von seinem ursprünglichen Ziel, und Waismann ist ständig gezwungen, neue Revisionen einzuarbeiten. Als das Buch dann 1939 fertiggestellt ist und endlich erscheinen soll (in den letzten Jahren hat Waismann allein an dem Manuskript weitergearbeitet), kommt es nicht zur Publikation.8 Erst nach Waismanns Tod wird das Buch veröffentlicht, zunächst in englischer Übersetzung unter dem Titel The Principles of Linguistic Philosophy (1965) und Jahre später in der deutschen Originalfassung9Logik, Sprache, Philosophie (1976). Die meisten der hier abgedruckten Aufsätze Waismanns sind während der Arbeit an diesem Werk entstanden.
Durch das langwierige Buchprojekt, das besonders Schlick am Herzen liegt, wird Waismann immer stärker auf die Rolle eines Vermittlers von Wittgensteins Ideen festgelegt. Ende 1931 kommt es dann auch noch zu einer ersten Krise. In einem Brief an Schlick vom 20. November äußert Wittgenstein die Befürchtung, daß Waismann vieles nicht in seinem Sinne darstellen würde. Diese Befürchtung gründet sich insbesondere darauf, daß Waismann Wittgensteins Selbstkritik in bezug auf sein Frühwerk unterschätzt. Um Schlick nicht vor den Kopf zu stoßen, willigt Wittgenstein dennoch ein, das Projekt fortzusetzen – allerdings unter veränderten Vorzeichen: Das Buch soll jetzt nicht mehr eine Erläuterung des Tractaus’ sein, sondern eine erste Darstellung von Wittgensteins neuen philosophischen Ideen. Im weiteren Verlauf beklagt sich Waismann darüber, daß Wittgenstein den Fortgang dadurch behindere, daß er bisherige Ergebnisse immer wieder von neuem in Frage stelle. Ende 1935 bricht Wittgenstein den Kontakt zu Waismann plötzlich ab.10 Dieser Umstand deutet darauf hin, daß das Ende der Zusammenarbeit von Wittgenstein und Waismann nicht allein, wie oft angenommen wurde, auf Wittgensteins Plagiatvorwürfe zurückzuführen ist. Waismanns Artikel Über den Begriff der Identität, der die Plagiatvorwürfe auslöst, erscheint nämlich erst 1936. In einer Fußnote zu Beginn dieses Artikels heißt es: „Wertvolle Anregungen für die hier entwickelte Ansicht verdankt der Verfasser vielfachen Gesprächen mit Herrn Ludwig Wittgenstein.“ In einem Brief an Waismann vom 19. Mai 1936 beschwert Wittgenstein sich darüber, daß sein inhaltlicher Anteil an dem Text damit nicht ausreichend gewürdigt sei. Um Wittgensteins Reaktion angemessen verstehen zu können, muß hinzugefügt werden, daß Wittgenstein in dieser Zeit allgemein große Angst vor Plagiat und Entstellung seiner neu entwickelten Gedanken hat, da er selbst nichts publiziert. Das belegt unter anderem ein Leserbrief Wittgensteins an die Zeitschrift Mind aus dem Jahr 1933, in dem sich Wittgenstein von einer Darstellung seiner Ansichten durch Richard Braithwaite distanziert.11 Das Problem mit Waismanns Identitäts-Artikel muß für Wittgenstein von erheblicher Bedeutung gewesen sein, da es auch in Norman Malcolms Wittgenstein gewidmeter Erinnerungsschrift erwähnt wird.12 Durch dieses Problem ist das Verhältnis zwischen Wittgenstein und Waismann endgültig auf dem Nullpunkt angekommen.
Um den Fall Waismann – Wittgenstein in seiner ganzen zwischenmenschlichen Brisanz zu erfassen, ist zusätzlich auf folgendes hinzuweisen:13 Der finanziell kaum abgesicherte Waismann erhält Anfang der 30er Jahre als Ergebnis von Schlicks Berufungsverhandlungen eine Stelle als Bibliothekar am philosophischen Institut. Im Januar 1936 wird dem Juden Waismann die Stelle jedoch wieder entzogen. Nach Schlicks Ermordung im Juni 1936 ist Waismanns Position an der Wiener Universität dann vollends hoffnungslos geworden;14 er bestreitet seinen Lebensunterhalt in dieser Zeit ausschließlich mit privaten Lehrveranstaltungen. Im März 1937 schreibt er an Carnap: „Ich weiß, daß es nur ein besonderer Glücksfall ist, daß [meine Frau und ich] uns noch dieses Jahr durch die Kurse halten können. Sind diese im Juni zu Ende, so stehen wir buchstäblich vor dem Nichts.“15 Waismann wendet sich in dieser Situation an etablierte Bekannte, unter anderem auch an Wittgenstein, und bittet um akademische Empfehlungsschreiben. 1937 gelingt es ihm – offenbar ohne Hilfe Wittgensteins –, nach Cambridge zu emigrieren, aber selbst dort vermeidet Wittgenstein jeden Kontakt mit Waismann.16 Bei Rudolf Haller heißt es dazu: „Aber Wittgenstein kam dem Flüchtling, und um einen solchen handelte es sich in bitterster Weise, nicht entgegen. Der Verkehr zwischen den beiden, die noch vor wenigen Jahren ein gemeinsames Buchprojekt beschäftigt hatte und der so fruchtbar für den ‘Wiener Kreis’, ja für die Philosophie überhaupt war, wurde nicht mehr aufgenommen.“17 Eine abschließende Beurteilung dieses Zerwürfnisses fällt schwer, da der bisherige Kenntnisstand dazu sehr lückenhaft ist. Auf jeden Fall ist anzumerken, daß Wittgenstein gerade in den Jahren 1936/37 mit seinem unaufrichtigen Umgang hinsichtlich seiner jüdischen Herkunft ringt18 und vielleicht auch an dieser Stelle Motive dafür zu suchen sind, daß er in Cambridge den Umgang mit Waismann meidet. Insgesamt machen die geschilderten Begebenheiten darauf aufmerksam, daß die Produktion philosophischer Texte und Gedanken – was eigentlich selbstverständlich ist, aber oft vernachlässigt wird – von menschlichen und zwischenmenschlichen Faktoren mitgeprägt wird.
Nachdem dies deutlich geworden ist, liegt der Schwerpunkt der folgenden Einführung in die hier abgedruckten Aufsätze Waismanns auf den inhaltlichen Aspekten der Zusammenarbeit von Waismann und Wittgenstein.
Der erste Aufsatz trägt den Titel Die Natur des Reduzibilitätsaxioms und erschien 1928 in den Monatsheften für Mathematik und Physik. Ziel dieses Aufsatzes ist es, zu zeigen, daß die Einführung des Reduzibilitätsaxioms19 in die Logik nicht zu rechtfertigen ist. Das Axiom wurde von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead in den Principia Mathematica vorgeschlagen. Im Zuge seiner kritischen Lektüre der Principia hat sich Wittgenstein schon sehr früh mit ihm auseinandergesetzt, was sich im Tractatus logico-philosophicus in der Bemerkung niedergeschlagen hat: „Es läßt sich eine Welt denken, in der das Axiom of Reducibility nicht gilt. Es ist aber klar, daß die Logik nichts mit der Frage zu schaffen hat, ob unsere Welt wirklich so ist oder nicht“ (T 6.1233). Der in Waismanns Text vorgelegte Beweis basiert auf derselben Einsicht. Das, was Wittgenstein mit seiner Bemerkung wohl konkret im Auge hatte, geht aus einem Brief an Russell hervor, den Wittgenstein bereits Ende 1913 in seinem norwegischen Rückzugsort Skjolden schrieb: „Stell’ Dir vor, wir lebten in einer Welt, worin es nichts als ℵ0Dinge gäbe und außerdem NUR noch eine Relation, welche zwischen unendlich vielen dieser Dinge bestehe und zwar so, daß sie nicht zwischen jedem Ding und jedem anderen besteht, und daß sie ferners auch nie zwischen einer endlichen Anzahl von Dingen besteht. Es ist klar, daß das ax[iom] of Red[ucibility] in einer solchen Welt sicher nicht bestünde“ (R. 23). Die Nähe der Gedankengänge von Wittgenstein und Waismann zum Reduzibilitätsaxiom wird durch diese Passage noch evidenter.20 Darüber hinaus ist darauf aufmerksam zu machen, daß Waismanns erste Publikation ein Thema aufgreift, das auch in Wittgensteins philosophischer Entwicklung am Anfang stand und das belegt, daß Wittgensteins Tractatus in erster Linie als eine Kritik an Russells logischen, ontologischen und erkenntnistheoretischen Grundauffassungen zu lesen ist.21
Waismanns Aufsatz Logische Analyse des Wahrscheinlichkeitsbegriffs erschien 1930/31 im ersten Band der Zeitschrift Erkenntnis. Ziel des Textes ist es, wie der Titel besagt, eine logische Klärung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs zu geben. Das Problem der Wahrscheinlichkeit gehört ebenfalls zu den Themen, die von Wittgenstein bereits im Tractatus angesprochen werden.22 Es steht dort im Zusammenhang mit Überlegungen zur Wahrheit von Sätzen, so heißt es etwa: „Sätze, welche keine Wahrheitsargumente mit einander gemein haben, nennen wir von einander unabhängig. Zwei Elementarsätze geben einander die Wahrscheinlichkeit ½“ (T 5.152). In den Gesprächen mit Schlick und Waismann spielt diese Auffassung eine besondere Rolle, da Wittgenstein in dieser Zeit seine im Tractatus vertretene These von der logischen Unabhängigkeit der Elementarsätze aufgibt.23 Folgerichtig äußert Wittgenstein während des Treffens am 5. Januar 1930: „Meine Auffassung über die Wahrscheinlichkeit muß jetzt eine andere sein, weil sich meine Auffassung der Elementarsätze von Grund auf geändert hat. Die Wahrscheinlichkeit ist eine interne Beziehung zwischen Sätzen“ (WWK, S. 93). An dieser Stelle knüpft Waismann mit seinen Überlegung zum Wahrscheinlichkeitsproblem an. Er interessiert sich vor allem für die Frage nach der Abgrenzung der logischen von den empirischen Aspekten des Wahrscheinlichkeitsbegriffs. Sein Lösungsvorschlag besteht darin, daß er „eine bestimmte logische Beziehung zwischen Aussagen“ einführt. Diese Beziehung hängt von den jeweiligen Spielräumen ab, die Aussagen der Wirklichkeit lassen, um noch als „wahr“ bezeichnet werden zu dürfen.
Mit Waismanns Aufsatz Über den Begriff der Identität, der 1936 im sechsten Band der Zeitschrift Erkenntnis publiziert wurde und der Wittgensteins Plagiatvorwürfe auslöste, treten wir aus dem Themenfeld der logisch-mathematischen Spezialprobleme heraus und berühren allgemeinere philosophische Fragestellungen. Den Ausgangspunkt bildet auch hier wieder eine Einsicht, die Wittgenstein bereits im Tractatus formuliert hat: „Daß die Identität keine Relation zwischen Gegenständen ist, leuchtet ein“ (T 5.5301). Identität sei vielmehr eine Relation zwischen Nominatoren, nämlich zwischen solchen, die denselben Gegenstand bezeichnen.24 Die falsche Ansicht, Identität sei eine Relation zwischen Gegenständen (beziehungsweise eine Relation, in der Gegenstände mit sich selbst stehen), der sowohl Russell als auch Carnap erlegen seien, führe, so Wittgenstein und Waismann, zu absurden Konsequenzen: Die sinnvolle Verwendung des Wortes ‘identisch’ setze voraus, daß sich die Entitäten, zwischen denen Identität bestehen soll, miteinander vergleichen lassen. Setzt man jedoch fest, daß Identität gerade bei Übereinstimmung aller Eigenschaften vorliege, also nur als „Selbstidentität“ vorkomme, wäre das insofern problematisch, als in keiner Weise klar ist, wie man es anstellen soll, in einem solchen Fall einen Vergleich vorzunehmen. Nur voneinander unterschiedene Gegenstände ließen sich nämlich miteinander vergleichen. Neben diesem treffenden Einwand, der auch in aktuellen Debatten um die Verwendung von Nominatoren nichts an Sprengkraft eingebüßt hat und der bereits in Wittgensteins frühem Denken ausgearbeitet war, schlägt Waismann in seinem Aufsatz auch einen Weg ein, der in den Zusammenhang von Wittgensteins sprachpragmatischer Spätphilosophie gehört. Es handelt sich um Waismanns Vorschlag, die unterschiedlichen Verwendungsweisen des Wortes ‘derselbe’ in der alltäglichen Sprache ins Blickfeld zu rücken. Dieses Verfahren, das Wittgenstein später mit den Worten beschreibt: „Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück“ (PU § 116), ist ebenso einfach wie aufschlußreich. Die von Waismann angeführten Sätze ‘Das ist derselbe Weg, den wir damals gegangen sind’ oder ‘Die Kirche ist in demselben Stil erbaut wie das Schloß’ werfen ein Licht auf die tatsächliche lebenspraktische Verwurzelung des Identitätsproblems und entlarven seine seit Leibniz andauernde logisch-philosophische Aufblähung und Verdrehung. Im Zusammenhang mit den verschiedenen Verwendungsweisen des Wortes ‘derselbe’ redet Waismann auch von den Wahrheitskriterien, die wir in den jeweiligen Fällen anlegen, um zu entscheiden, ob Identität vorliegt oder nicht. Hier steht Wittgensteins Weiterführung seiner Theorie des Sinnes von Sätzen im Hintergrund. Im Tractatus heißt es noch: „Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist“ (T 4.024). Jetzt erklärt Wittgenstein, das Verstehen eines Satzes bestehe darin, die Methode seiner Verifikation zu kennen. Diese Idee hat auf den Wiener Kreis großen Einfluß ausgeübt25 und ist in Wittgensteins eigenem Denken später in seine Auffassung von der Rolle der Kriterien und der Symptome bei der Verwendung sprachlicher Ausdrücke eingegangen.26
In dem 1938 im siebenten Band von Erkenntnis veröffentlichten Text Ist die Logik eine deduktive Theorie? geht es Waismann darum, zu zeigen, daß die Logik keine Theorie ist, in deren Rahmen, ausgehend von der Wahrheit axiomatischer Sätze, auf die Wahrheit weiterer Sätze geschlossen werde: „Bei größerer Klarheit muß sich herausstellen, daß die Logik gar kein Gebäude von Wahrheiten, sondern nur der Ausdruck einer Schlußregel ist und daß der ganze Aufbau des Formelsystems sich diesem Zweck unterordnet.“ Der Zusammenhang zu Wittgensteins Philosophie liegt auf der Hand; er geht auch hier wieder auf Positionen des Tractatus’ zurück, nämlich auf die Einsicht, daß die Sätze der Logik Tautologien sind. Aus dieser Einsicht folgt, daß die Geltung der logischen Sätze gerade unabhängig davon ist, ob bestimmte axiomatische Sätze wahr oder falsch sind. In diesem Sinne hat Wittgenstein die Sätze der Logik auch als Pseudosätze aufgefaßt.27
Waismanns Aufsatz Was ist logische Analyse?, erschienen in Band 8 von Erkenntnis, gilt als locus classicus der analytischen Philosophie. Mit großer Klarheit faßt er grundsätzliche Kritikpunkte Wittgensteins an der Bedeutungstheorie des Tractatus’zusammen. Waismann beginnt mit einer Darstellung der gängigen wahrheitsfunktionalen Auffassung von der Satzbedeutung, wie sie auch Wittgenstein in seinem Frühwerk gegeben hat (vgl. T 4.31; 5.101). Es schließen sich Überlegungen zu Wittgensteins früher Theorie der logischen Analyse und der Elementarsätze28 an. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, daß Waismanns Darstellung zum Teil an Wittgensteins Einsichten vorbeigeht, da Fragestellungen, die speziell im Wiener Kreis diskutiert wurden, wie zum Beispiel das Analysemodell in Carnaps Logischem Aufbau der Welt und überhaupt das vordringliche Interesse am Aufbau klarer Wissenschaftssprachen, zuweilen im Vordergrund von Waismanns Gedankengang stehen. Wittgensteins eigene Kritik an der Vorstellung von der logischen Unabhängigkeit der Elementarsätze29 wird aber in ihrem Kern getroffen, und es wird von Waismann implizit auch die These aufgestellt, daß Wittgensteins Überlegungen zum Regelfolgen unmittelbar aus der Schwierigkeit erwachsen seien, den Weg der richtigen Analyse in Elementarsätze zu finden. Anders ausgedrückt bedeutet das, daß Wittgensteins skeptische Position in bezug auf die Begründetheit beziehungsweise Fundiertheit von Prozessen des Regelfolgens nur eine andere Sichtweise des Problems sei, zu letzten semantischen Fundamenten von Elementarsätzen vorzudringen.
„Was [den Logiker] interessiert, ist die Geometrie der Sprache, nicht ihre Physik.“ Dieser Satz aus Waismanns Aufsatz Die Relevanz der Psychologie für die Logik, der 1938 in englischer Sprache in den Proceedings of the Aristotelian Society publiziert wurde, bezeichnet die prinzipielle Stoßrichtung von Waismanns Ausführungen zum Verhältnis von Logik und Psychologie. Waismann bedient sich bei seiner Argumentation der Beschreibung von Sprachspielen, der vorrangigen Methode in Wittgensteins Spätphilosophie. Allerdings verwendet er dieses Hilfsmittel, um eine Einsicht des Tractatus’ zu verdeutlichen, nämlich die Auffassung, wonach das Wesen der Aussage darin besteht, wahr oder falsch sein zu können. Damit hebt Waismann auch an dieser Stelle eine Kontinuität in Wittgensteins Denken hervor und wirft ein neues Licht auf die mögliche Entwicklung von dessen Philosophie. Die Kritik an Russells Erkenntnistheorie, die Waismann in seinem Aufsatz anbringt, hatte Wittgenstein bereits in ähnlicher Weise in seinem Frühwerk formuliert, insbesondere Russells Manuskript Theory of Knowledge, das erst postum veröffentlicht wurde, hatte ihn dazu herausgefordert.30 Der wichtigste Gedanke in Waismanns Ausführungen ist die Unterscheidung zwischen Ursachen und Regeln der Sprachverwendung. Waismann macht deutlich, daß der Logiker nicht an kausalen Zusammenhängen der Sprachverwendung interessiert ist, sondern die Sprache wie einen Kalkül betrachtet; den Logiker interessieren einzig die Regeln, die das Funktionieren der Sprache ermöglichen. Diese einfachen und grundlegenden Einsichten sind heute wieder von großer erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Bedeutung. Sie können dazu beitragen, Verwirrungen und Fehlurteile sprachtheoretischer Ansätze aufzudecken, die seit einiger Zeit insbesondere in der Philosophie des Geistes und in der Kognitionswissenschaft grassieren.
Waismanns Aufsatz Von der Natur eines philosophischen Problems erschien 1939 in der Zeitschrift Synthese. Auch hier bilden Einsichten aus dem Tractatus den Ausgangspunkt der Überlegungen. Beispielhaft führt der Text vor, wie sich Wittgensteins Auffassung davon, was Philosophie ist, in die Geschichte des abendländischen Denkens (u. a. Platon, Augustinus, Kant, Schopenhauer) einfügt. Außerdem stellt Waismann, wie in den meisten anderen Aufsätzen auch, eine Kontinuität zwischen Wittgensteins Frühwerk und seinem Denken der 30er Jahre her.31 Die von Waismann angesprochene Schwierigkeit, „einem praktischen Menschen auch nur den Sinn einer philosophischen Frage auseinanderzusetzen“, korrespondiert beispielsweise mit einer anschaulichen Bemerkung Wittgensteins aus dem Jahre 1937: „Beinahe, wie Einer, der nicht gewohnt ist, im Wald nach Blumen, Beeren oder Kräutern zu suchen, keine findet, weil sein Auge für sie nicht geschärft ist, und er nicht weiß, wo insbesondere man nach ihnen ausschauen muß. So geht der in der Philosophie Ungeübte an allen Stellen vorbei, wo Schwierigkeiten unter dem Gras verborgen liegen, während der Geübte dort stehenbleibt und fühlt, hier sei eine Schwierigkeit, obgleich er sie noch nicht sieht“ (VB, S. 61). Aber nicht nur in der Präsentation der Problemlage, sondern auch in der Methode der Problemlösung entspricht Waismanns Darstellung der Vorgehensweise Wittgensteins in den 30er Jahren. An klassischen philosophischen Fragestellungen wie dem Erinnerungsvertrauen und der Gleichheit von Empfindungen in verschiedenen Bewußtseinen führt Waismann klar und deutlich vor, wie sich Wittgensteins Diktum „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (PU § 109) im Einzelfall einlösen läßt. Genauso wie Wittgenstein bringt auch Waismann die philosophischen Probleme zum Verschwinden32, indem er zeigt, daß das Schwindelerregende an diesen Problemen damit zusammenhängt, daß ihre Formulierung außerhalb des geregelten Sprachgebrauchs liegt. Wittgenstein hat dies prägnant formuliert in dem Satz „[…] die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert“ (PU § 38).
Im sechsten Band von Synthese erschien 1947 Waismanns Text Logische und psychologische Aspekte in der Sprachbetrachtung. Dieser Aufsatz knüpft an die Ergebnisse von Die Relevanz der Psychologie für die Logik an, ohne sehr weit über die früheren Ausführungen hinauszugehen. Hervorzuheben ist vielleicht, daß Waismann der Rolle der Abrichtung (drill) und des geregelten Übergangs, wie Wittgenstein sie ausführlich im Blue Book und im Brown Book formuliert hat, jetzt besondere Beachtung schenkt. S. Stephen Hilmy hat nachgewiesen, daß der antimentalistische Zug von Wittgensteins Denken, der in den beiden Arbeiten Waismanns zum Verhältnis von Psychologie und Logik explizit aufgegriffen wird, aus Wittgensteins kritischer Beschäftigung mit Russells Arbeiten der 20er und frühen 30er Jahre hervorgegangen ist.33 Demnach ist davon auszugehen, daß Waismanns Auseinandersetzung mit Russell auf Wittgensteins Russellkritik aufbaut. Bemerkenswert an Waismanns Darlegung ist, daß sie nicht nur den Unterschied zwischen Mechanismus und Kalkül beziehungsweise zwischen Ursache und Grund an zahlreichen Beispielen glasklar herausstellt, sondern auch deutlich sagt, warum nur die normativen Aspekte der Sprachverwendung für die logisch-philosophische Betrachtung der Sprache von Belang sind. Dabei wird von Waismann nicht bestritten, daß in die empirischen Prozesse der Sprachverwendung auch kausale Zusammenhänge eingewoben sind: „Nur interessiert uns diese Seite an der Sache nicht.“
Wie ich die Philosophie sehe, der letzte Aufsatz Waismanns in der vorliegenden Textsammlung, wurde 1956, also bereits nach Wittgensteins Tod, im dritten Band von Contemporary British Philosophy in der englischen Originalfassung veröffentlicht. Innerhalb der hier präsentierten Textauswahl besitzt dieser Aufsatz die größte Eigenständigkeit gegenüber Wittgensteins Denken.34 Obwohl nicht immer elegant im Ausdruck und zuweilen auch etwas langatmig, ist dieser Text ein Stück „große Philosophie“. Es gelingt Waismann nämlich einerseits, plausibel zu machen, daß Wittgensteins Philosophieverständnis allen großen Leistungen der Philosophiegeschichte implizit zugrunde liegt. Darüber hinaus, und das ist viel wichtiger, zeigt Waismann, wie sich Wittgensteins sprachkritische Methode der Philosophie35 in die Tat umsetzen läßt. Zum einen hebt Waismann hervor, daß eine wichtige Aufgabe der Philosophie darin besteht, ungelöste Fragen so umzuformulieren, daß sie leichter (oder auch überhaupt erst) beantwortet werden können. Zum anderen macht er deutlich, daß philosophische Argumentationen nicht logisch zwingend sein können. Die Philosophie sei kein deduktives System, sie folgere nicht aus Axiomen, sondern versuche, die tatsächliche Verwendung der natürlichen Sprache mit ihren Unbestimmtheiten, Mehrdeutigkeiten und Feinheiten nachzuzeichnen, um nicht den Boden der eigentlichen philosophischen Probleme preiszugeben (vgl. PU §§ 88–99). Eine streng wissenschaftliche Philosophie sei demgegenüber unmöglich: „Man könnte genausogut Kameeschnitzereien in einem Käse-Soufflé versuchen.“ In diesem Sinne äußert Waismann scharfe Kritik an der Entwicklung des logischen Positivismus, dessen Bemühen um Klarheit sich zu einer „fixen Idee“, einer „Klarheits-Neurose“ ausgewachsen habe und nunmehr dazu tendiere, die „Leidenschaft des Fragens“ und den „lebendigen Gedanken“ im Keim zu ersticken. Die nüchtern-kritischen Sätze Waismanns zum logischen Positivismus können sich auch die analytischen Philosophen von heute hinter die Ohren schreiben. Nicht nur ihr institutioneller Einfluß hat sich gegenüber damals vergrößert, sondern auch ihr neurotisches Verhältnis dazu, was Philosophie ist. Waismann gelingt es dagegen, eine Bestimmung von Philosophie zu geben, die sowohl dem Erkenntnisanspruch wie der Tiefsinnigkeit des Philosophierens gerecht wird: „Das Wesen der Philosophie liegt in ihrer Freiheit.“
Am 15. November 1914 notiert Wittgenstein in sein Tagebuch: „Nur sich nicht um das kümmern, was man einmal geschrieben hat! Nur immer von frischem anfangen zu denken, als ob noch gar nichts geschehen wäre!“ (TGB, S. 30). Diese Notiz ist eine treffende Charakterisierung des Philosophieverständnisses und der Arbeitsweise, die Wittgenstein zeit seines Lebens gepflegt hat. Er hat tagebuchartige Eintragungen in Notizbücher vorgenommen, die er wieder und wieder überarbeitet und zu größeren Texten zusammengefügt hat. „Nur immer von frischem anfangen zu denken“ – das zeichnet Wittgenstein als echten Philosophen im Sinne Waismanns aus und unterstreicht gleichzeitig die Ernsthaftigkeit, die hinter Waismanns Bestimmung von Philosophie als Freiheit steht. Mit genau dieser Eigenart wittgensteinschen Philosophierens hat Waismann jedoch in Hinblick auf das Buchprojekt Logik, Sprache, Philosophie schwer zu kämpfen gehabt. Am 9. August 1934 schreibt er an Schlick: „[Wittgenstein] hat ja die wunderbare Gabe, die Dinge immer wieder wie zum erstenmal zu sehen. Aber es zeigt sich doch, meine ich, wie schwer eine gemeinsame Arbeit ist, da er eben immer wieder der Eingebung des Augenblicks folgt und das niederreißt, was er vorher entworfen hat.“36
Vergleicht man angesichts dieser Differenz und auf der Basis der hier versammelten Aufsätze Wittgensteins und Waismanns Denk- und Schreibweisen miteinander, zeigt sich einerseits, daß Wittgensteins „Gabe, die Dinge immer wieder wie zum erstenmal zu sehen“, einen Grad an philosophischer Tiefe und philosophischem Feingefühl hervorgebracht hat, wie er sich bei Waismann nicht findet. Insofern sind Waismanns Darlegungen von Wittgensteins Philosophie tatsächlich verkürzend und bedürfen der ergänzenden Lektüre von Wittgensteins Schriften. Trotz dieses offensichtlichen Mangels besitzt Waismanns schlichte und kohärente Darstellungsweise andererseits aber auch entscheidende Vorzüge. Zum einen schlagen Waismanns Texte Brücken zwischen Wittgensteins Schaffen und der philosophischen Tradition und lassen Kontinuitäten in der philosophischen Entwicklung Wittgensteins hervortreten. Darüber hinaus können gerade die Texte Waismanns dazu beitragen, die wahre Bedeutung von Wittgensteins philosophischem Werk überhaupt erst zu ermessen. Zwar zählt Wittgenstein bereits seit langem zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts; die mangelnde Systematik seiner Darstellungsweise hat aber verhindert, den direkten Beitrag wahrzunehmen, den Wittgensteins Einsichten für gegenwärtige Problemlagen in Wissenschaft und Gesellschaft leisten können. Genau an dieser Stelle liegt die Wichtigkeit und Stärke von Waismanns Texten. Dazu zwei knappe Hinweise.
Ein weitverbreitetes methodisches Paradigma in der allgemeinen Sprachwissenschaft, das auch in der sprachverarbeitenden Computerforschung häufig Verwendung findet, ist die Sprachtheorie Richard Montagues. Peter Schroeder-Heister hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, daß die sprachphilosophische Beurteilung dieses Ansatzes unter anderem die Klärung des folgenden Problems voraussetzt: „Es muß eine haltbare philosophische Interpretation des formalen Apparats der verwendeten Modelltheorie gefunden werden. (In der gegenwärtigen Sprachphilosophie geht man im Anschluß an den späten L. Wittgenstein meist davon aus, daß die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke durch Regeln zu deren Gebrauch und nicht durch Zuordnung von abstrakten Entitäten festgelegt ist.)“37 Von wenigen zaghaften Bemühungen38 abgesehen, ist dieses kritische Programm auf der Basis von Wittgensteins Sprachphilosophie bisher nicht ernsthaft in Angriff genommen worden.39 Das liegt wohl in erster Linie daran, daß Wittgensteins oft unzusammenhängende Darstellungsweise die fruchtbare und detailorientierte Auseinandersetzung enorm erschwert. Waismanns stringente Texte könnten hier unter Umständen Abhilfe schaffen.
In der gegenwärtig von bloßen Nutzenerwägungen dominierten Gesellschaft hat es die Philosophie zunehmend schwer, ihre Daseinsberechtigung zu verteidigen.40 Allerdings kann man mit den von heutigen Philosophen zugunsten der Philosophie vorgebrachten Argumenten meist auch keinen Blumentopf gewinnen. Sie erscheinen blaß, realitätsfern und von purer Überlebensangst motiviert. Die einfachen und allgemeinverständlichen Ausführungen Waismanns in Wie ich die Philosophie sehe bieten dagegen zahlreiche konkrete Hinweise auf mögliche gesellschaftsrelevante Beiträge gegenwärtigen Philosophierens. Sie basieren zwar im wesentlichen auf Einsichten Wittgensteins; ihre Klarheit und Nachvollziehbarkeit verdanken sie aber einzig und allein dem didaktischen Geschick Friedrich Waismanns.
Damit ergibt sich abschließend das folgende Bild: Sind Wittgensteins Darstellungsformen auch differenzierter, geistreicher und nachdenklicher als diejenigen Waismanns, so ermöglichen Waismanns Texte dagegen den unmittelbaren Brückenschlag zu aktuellen Fragestellungen in Wissenschaft, Gesellschaft und Philosophie.*
Kai Buchholz
1Vgl. z. B. WN; WA; Schulte, Joachim: Wittgensteins Wandlungen. Neuere Literatur zu Wittgenstein im Licht der „mittleren Periode“ (1929–ca. 1936). In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie. 24 (1999). S. 35–56.
2Vgl. z. B. Schulte, Joachim: Der Waismann-Nachlaß. Überblick – Katalog – Bibliographie. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. 33 (1979). S. 108–140; Hacker, Peter Michael Stephan: Wittgenstein’s Place in Twentieth Century Analytic Philosophy. Oxford 1996; Stadler, Friedrich: Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Frankfurt a.M. 1997; Waismann, Friedrich und Wittgenstein, Ludwig: The Voices of Wittgenstein. The Vienna Circle. Hg. G. Baker. London, New York 2003.
3Vgl. Buchholz, Kai: Sprachspiel und Semantik. München 1998; Ders.: Systematisierungsmöglichkeiten von Wittgensteins Sprachspielverfahren. In: Arbeiten zu Wittgenstein. Hg. W. Krüger, A. Pichler. Bergen 1998. S. 23–39; Ders.: La conception wittgensteinienne de la philosophie. In: Philosophia Scientiae. 3 (1998/99). S. 171–184; Ders.: Sémantique formelle et ressemblances de famille. In: Logique et Analyse. 43 (2000). S. 345–356; Ders.: Sprachphilosophie. In: Sprachtypologie und sprachliche Universalien. Hg. M. Haspelmath, E. König, W. Oesterreicher, W. Raible. Berlin, New York 2001. S. 62–75.
4Vgl. zum folgenden auch McGuinness, Brian F.: Vorwort des Herausgebers. In: F. Waismann: Wittgenstein und der Wiener Kreis. Oxford 1967. S. 11–31; Quinton, Anthony: Introduction. In: F. Waismann: Philosophical Papers. Dordrecht, Boston 1977. S. IX–XIX; Baker, Gordon Park: Verehrung und Verkehrung: Waismann and Wittgenstein. In: Wittgenstein. Sources and Perspectives. Hg. C. G. Luckhardt. Hassocks 1979. S. 243–285; Monk, Ray: Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius. London 1991. [1990]
5Schlick, Moritz: Vorrede. In: F. Waismann: Logik, Sprache, Philosophie. Stuttgart 1976. S. 20.
6Carnap, Rudolf: Intellectual autobiography. In: The Philosophy of Rudolf Carnap. Hg. P. A. Schilpp. La Salle/Ill., London 1963. S. 25.
7Vgl. F. Stadler, a.a.O., S. 232/233.
8Vgl. dazu Baker, Gordon Park und McGuinness Brian F.: Nachwort. In: F. Waismann: Logik, Sprache, Philosophie. Stuttgart 1976. S. 654–661.
9Der Ausdruck ‘Originalfassung’ ist an dieser Stelle mit Vorsicht zu genießen, da die deutsche Endfassung des Manuskripts verschollen ist, vgl. ebd. S. 659/660.
10Vgl. G. P. Baker, a.a.O., S. 257.
11Vgl. EM.
12Vgl. Malcolm, Norman: Ludwig Wittgenstein. A Memoir. Oxford 1966. S. 58/59. Malcolm hatte die Zusammenhänge wohl allerdings nicht mehr korrekt im Kopf, da er in seiner Darstellung offensichtlich Waismann und Schlick miteinander verwechselt.
13Vgl. zum folgenden Haller, Rudolf: Ludwig Wittgenstein und Friedrich Waismann. In: Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft. Hg. F. Stadler. Wien, München 1988. S. 181–187.
14In einem nach Schlicks Ermordung in der Zeitung Schönere Zukunft publizierten Verleumdungsartikel heißt es: „Es ist bekannt, daß Schlick, der einen Juden (Waismann) und zwei Jüdinnen als Assistenten hatte, der Abgott der jüdischen Kreise Wiens war. Jetzt werden die jüdischen Kreise Wiens nicht müde, ihn als den bedeutendsten Denker zu feiern. Wir verstehen das sehr wohl. Denn der Jude ist der geborene Ametaphysiker, er liebt in der Philosophie den Logizismus, den Mathematizismus, den Formalismus und Positivismus, also lauter Eigenschaften, die Schlick in höchstem Maße in sich vereinigte. Wir möchten aber doch daran erinnern, daß wir Christen in einem christlich-deutschen Staate leben, und daß wir zu bestimmen haben, welche Philosophie gut und passend ist“ (zitiert nach F. Stadler, a.a.O., S. 929).
15Zitiert nach R. Haller, a.a.O., S. 184.
16Karl Popper, der in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle spielte, hat eine Darstellung der Ereignisse aus eigener Sicht gegeben, vgl. F. Stadler, a. a. O., S. 535.
17R. Haller, a.a.O., S. 184.
18Vgl. z. B. DB, S. 69.
19Vgl. Schroeder-Heister, Peter: Reduzibilitätsaxiom. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 3. Hg. J. Mittelstraß. Stuttgart, Weimar 1995. S. 523/524.
20Vgl. auch Ramsey, Frank Plumpton: The Foundations of Mathematics. London 1965. S. 28–30; 57.
21Vgl. dazu auch Buchholz, Kai: Sprachspiel und Semantik. München 1998. Kap. 6.1.
22Zu Wittgensteins Standpunkt in bezug auf die Wahrscheinlichkeit und zu dessen Verhältnis zu Waismanns Darlegungen vgl. auch Wright, Georg Henrik von: Wittgenstein’s views on probability. In: Revue Internationale de Philosophie. 23 (1969). S. 259–279.
23Vgl. dazu im einzelnen Buchholz, Kai: Sprachspiel und Semantik. München 1998. S. 183/184.
24Vgl. auch WWK, S. 242/243.
