Was ist Zivilisation? - David Wengrow - E-Book

Was ist Zivilisation? E-Book

David Wengrow

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Beschreibung

Wie der Alte Orient dem Westen die Zukunft weist. Unsere heutige Welt hat ihren Ursprung im Alten Orient und in Ägypten. David Wengrow zeigt anschaulich, wie die Zukunft des Westens untrennbar mit der ungeheuren Dynamik der alten Zivilisationen verbunden ist, deren Erbe wir angetreten haben. Die Lehren aus diesem Zivilisationsprozess werden über das künftige Schicksal des Westens entscheiden. Der Drang nach Austausch, Vernetzung und Expansion kennzeichnet unsere Zivilisation. Der Bestseller-Autor David Wengrow beschreibt das Potenzial hemmungsloser Expansion und zeigt, wie viele Opfer Menschen bis heute im Namen einer fehlgeleiteten Vorstellung von Zivilisation in Kauf nehmen. In seinem ebenso originellen wie anregenden Vergleich der Hochkulturen entfaltet er die spannende Geschichte ihrer Entstehung und schildert ihr dynamisches Milieu: Vom »Kessel der Zivilisation« in Mesopotamien und im Alten Ägypten ausgehend, eröffnet er uns faszinierende Einblicke, was eine leistungsfähige Zivilisation ausmacht – und formuliert zugleich eine hochaktuelle Mahnung an uns heute, aus der unersättlichen Dynamik des Zivilisationsprozesses die richtigen Lehren für die Gestaltung unser Zukunft zu ziehen.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2023

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David Wengrow

Was ist Zivilisation?

Die Zukunft des Westens und der alte Orient

Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Held

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »What Makes Civilization? The Ancient Near East and the Future of the West« im Verlag Oxford University Press, Oxford 2010/2018

© 2010 by David Wengrow

Für die deutsche Ausgabe

© 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von © Shutterstock

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98661-7

E-Book ISBN 978-3-608-12159-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort und Dank

Einleitung: Ein Kampf der Kulturen?

Ein wenig Hintergrund

Teil I

Der Kessel der Zivilisation

1

 Getarnte Anleihen

Falsche Horizonte

Zur Interaktion gezwungen

2

 Auf den Spuren der blauhaarigen Götter

3

 Neolithische Welten

Der »Fruchtbare Halbmond«: Kreuzung von Afrika und Eurasien

Zwischen den Kontinenten: Ägypten an der prähistorischen Peripherie

Körperkulturen: Der Nil und Nordostafrika

4

 Das (erste) globale Dorf

Die Anfänge der Metallverarbeitung

Dörfer geraten in den Schmelztiegel

Die wandelbare Oberfläche von Ton

Das dunkle Jahrtausend

5

 Der Ursprung von Städten

Uruk, Handwerk der Götter

Die Räder des Handels

Schreiben: Der »Spiritualismus des Staates«

Heilige Waren: Die mesopotamischen Ursprünge der Markenkennzeichnung

6

 Vom Ganges zur Donau: Die Bronzezeit

Die Umgestaltung des westlichen Eurasien, ca. 3000–​2000 v. Chr.

Glieder in einer Kette: Die Bedeutung von Bronze

Sumerische Vorratshäuser der Götter

An den Rändern des Systems: Die »barbarische Peripherie« auf dem Prüfstand

»Potlatch«-Gesellschaften in der Geschichte Eurasiens

7

 Kosmologie und Kommerz

Götterfleisch

Ursprungsfragen

Opfermechaniken

Die beiden Gesichter des bronzezeitlichen »Handels«

8

 Die Bürden des Königtums

Das dynastische Reich

Mesopotamien: Zusammenleben von Göttern und Sterblichen

Das Alte Reich in Ägypten: Mesopotamiens Nachbar in Afrika

Die Politisierung des Körpers

Teil II

Das Vergessen des Ancien Régime

9

 Aufklärung aus einer dunklen Quelle

Die europäische Antike und das Problem des Königtums

Der Makel von Babel: Isaac Newton und der Alte Orient

Eine wundersame Idee? »Zivilisation« zwischen Ost und West

Zurück in die Zukunft

10

 Zertrümmerte Herrschaftsformen: Ägypten zur Zeit der Französischen Revolution

Die »Befreiung« Ägyptens und das Vergessen des

Ancien Régime

Das makabre Museum und das lachende Volk

Fazit: Was ist Zivilisation?

Tafelteil

Anhang

Chronologischer Überblick

Weiterführende Literatur

Vorwort

Einleitung: Ein Kampf der Kulturen?

Kapitel 1. Verdeckte Anleihen

Kapitel 2. Auf der Spur der blauhaarigen Götter

Kapitel 3. Neolithische Welten

Kapitel 4. Das (erste) Globale Dorf

Kapitel 5. Der Ursprung von Städten

Kapitel 6. Vom Ganges zur Donau: Die Bronzezeit

Kapitel 7. Kosmologie und Kommerz

Kapitel 8. Die Bürden des Königtums

Kapitel 9. Aufklärung aus einer dunklen Quelle

Kapitel 10. Zertrümmerte Herrschaftsformen: Ägypten zur Zeit der Revolution

Bild- und Kartennachweis

Register

alles ist möglich …für Abigail

Vorwort und Dank

Zu Beginn des neuen Jahrtausends stehen die Völker des Nahen Ostens – Heimat der Erfindung des Ackerbaus, der ersten Städte und der frühesten Literatur der Welt – vor einer ungewissen Zukunft. Verwüstung und Vertreibung haben ein Ausmaß angenommen, wie man es in Eurasien seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kannte. Ein komplexes Geflecht ethnischer und religiöser Gemeinschaften wurde aufgebrochen, alte Bindungen auseinandergerissen. Blühende Landschaften von außerordentlichem Alter und großer Pracht wurden in Schutt und Asche gelegt, Bibliotheken und Archive verbrannt, Museen und historische Orte geplündert und ihre Inhalte meistbietend verkauft. In vielen Teilen der Region wurden die florierenden kosmopolitischen Mittelschichten dezimiert und die hart erkämpften Zivilgesellschaften ausgehöhlt. All dies spielt sich vor der Haustür einer Europäischen Union ab, die von Selbstzweifeln geplagt wird und ihre Grenzen gegen den Zustrom der Opfer abriegelt.

Die moderne Geschichte zeigt, dass das Schicksal Europas untrennbar mit dem des Nahen Ostens verbunden ist. Wie werden künftige Generationen diese Beziehung einschätzen? Manche Publizisten, Historiker und Sozialwissenschaftler – häufig die einflussreicheren – wollen uns glauben machen, dass die Fragmentierung und der Zerfall des Nahen Ostens seit dem Fall des Osmanischen Reichs eine notwendige Voraussetzung für den Aufstieg Europas von einem Flickenteppich aus Fürstentümern zu einer globalen Supermacht waren. Dieselben Autoren argumentieren, dass die anhaltende Isolierung des Nahen Ostens und seiner Völker ein Preis ist, den wir für die Sicherheit des Westens zahlen müssen. Die interne Gewalttätigkeit in den Staaten des Nahen Ostens wird weiterhin toleriert, ja sogar stillschweigend unterstützt, solange sie einen stabilen transkontinentalen Fluss von Erdgas und Rohöl fördert und solange die militanteren Unzufriedenen der Region auf sichere Distanz gehalten werden können (der historische Hintergrund dieser Einstellungen wird in Kapitel 1 behandelt).

Dieser »Kampf der Kulturen«(1) – sicherlich das schlechteste aus beiden Welten – wird sich jedoch nur dann zu einer dauerhaften geopolitischen Realität auswachsen, wenn wir im »Westen« zulassen, dass der Nahe Osten zur terra incognita wird: einer abgelegenen, mediatisierten Landschaft mit antiken Relikten, modernen Fanatikern und schwelenden Ölfeldern. Dieses Buch richtet sich an diejenigen, die tiefer in seine Geschichte eindringen wollen, über den Aufstieg und Fall von Staaten hinaus und zurück zu den Grundlagen der Zivilisation. Was ich in den folgenden Kapiteln mit »Zivilisation« meine, wird sich von den meisten gängigen Begriffen unterscheiden, die das alte Ägypten und Mesopotamien (in den heutigen Ländern Irak und Syrien) als »frühe Zivilisationen« bezeichnen, indem sie sie mit anderen antiken Gemeinwesen vergleichen, z. B. mit denen im China der Shang-Dynastie oder der klassischen Maya. Letztlich beziehen sich diese Vergleiche nicht auf Zivilisation im wörtlichen Sinne, sondern auf das Aufkommen einer zentralisierten Regierung, einer Monarchie, einer gebildeten Bürokratie, einer Besteuerung, eines stehenden Heeres und sogar der Sklaverei: kurz gesagt, auf die Entstehung sozialer und kultureller Welten, die durch eine Verwaltung von oben und durch Gewalt zusammengehalten werden.

Es gibt jedoch noch eine andere Art der Definition von Zivilisation(2), die näher an der lateinischen Wurzel des Wortes (civilis) liegt und sich auf die Art und Weise bezieht, wie sich Gesellschaften durch Prozesse der freiwilligen Koalition organisieren: Zivilisation von unten nach oben und nicht von oben nach unten. Was Zivilisation in diesem Fall definiert, ist weder eine politische Einheit (ob Königreich, Kalifat oder Imperium) noch eine Liste technischer Errungenschaften (Schriftsysteme, Mathematik oder Astronomie, monumentale Kunst und Architektur, hochentwickelte Metallverarbeitung, der Pflug, das Segel usw.). Vielmehr bezieht sich der Begriff auf die Fähigkeit von Gesellschaften, eine moralische Gemeinschaft zu bilden – ein ausgedehntes Feld des Austauschs und der Interaktion – trotz Unterschieden in der ethnischen Zuordnung, der Sprache, der Glaubenssysteme oder der territorialen Zugehörigkeit. »Zivilisationen«(3) in diesem Sinne haben im Nahen Osten eine sehr viel länger zurückreichende Geschichte als die frühesten Monarchien und Reiche; aber wie ich im Weiteren noch erläutern werde, bildeten sie auch das kulturelle Milieu, aus dem diese alten Supermächte hervorgingen.

In Teil I des Buches vertrete ich die These, dass die frühen Gesellschaften Ägyptens und Mesopotamiens – die in der Regel isoliert voneinander untersucht und dargestellt werden – in Wahrheit aus einem gemeinsamen »Kessel der Zivilisation« entstanden sind. Die Wahl dieses Begriffs spiegelt zum Teil die Bedeutung von Kochpraktiken (immer ein guter Gradmesser für das soziale Leben) in meiner Darstellung wider. Er verweist auch auf die enge Verflechtung zwischen den Königreichen in den großen Flusstälern und den weniger zahlreichen Völkern in den umliegenden Wüsten und Hochländern. Diese Bewohner der Berge, der Vorgebirge und der Hochebenen – die uns größtenteils durch die misstrauischen Augen ihrer schriftkundigen Nachbarn bekannt sind – fügten dem kulturellen Mix neue und entscheidende Zutaten hinzu, indem sie die bevölkerungsreichen Städte des Tieflandes mit wertvollen Materialien versorgten – mit Metallen, Mineralien, bunten Steinen, Edelhölzern und Weihrauch –, damit deren Götter ernährt und besänftigt werden konnten. Die Spur dieser Interaktionen führt uns vom entlegenen Hochland Afghanistans zu den Mauern Trojas, von den Städten des Industals zu den Häfen des Persischen Golfs und in die inneren Heiligtümer der königlichen Macht in den Schwemmebenen von Nil und Euphrat.

Bei der Untersuchung dieser Zusammenhänge habe ich die Einzelheiten der dynastischen Erbfolge, den Aufstieg und Fall von Königen und Herrscherhäusern beiseite gelassen. Diese bilden zwar die Substanz und die Struktur vieler anderer geschichtlicher Darstellungen des alten Nahen Ostens, sind aber für die hier angestrebte Art von Geschichte nur von untergeordneter Bedeutung. Darüber hinaus betone ich die Kontinuitäten in der Entwicklung der Zivilisation, die über unsere konventionellen Unterscheidungen zwischen »Vorgeschichte« und »Geschichte« (oder schriftlosen und schriftkundigen Gesellschaften) hinausgehen. Wenn wir von Zivilisationen sprechen, geht es jedoch nicht nur darum, die Vergangenheit zu beschreiben. Vielmehr muss auch darüber nachgedacht werden, was an den Gesellschaften anders ist, in denen wir leben, und wie sie aus vergangenen Traditionen und früheren Zivilisationsmustern gespeist werden.

In Teil II befasse ich mich mit dem Erbe des Alten Orients in der modernen Welt und insbesondere mit seiner paradoxen Stellung in der westlichen Vorstellungswelt – sowohl als ultimativer Quelle unserer eigenen Zivilisation(4) als auch als deren abgelehntes Alter Ego.

Die erste Ausgabe dieses Buches erschien 2010. Die tiefgreifenden Veränderungen im gesamten Nahen Osten haben dazu geführt, dass die abschließenden Kapitel nun einen anderen Kontext haben. Insbesondere die Themen, die in Kapitel 10 (»Vernichtete Herrschaftsformen: Ägypten zur Zeit der Französischen Revolution«) behandelt werden – sie befassten sich hauptsächlich mit den prägenden Ereignissen der napoleonischen Ära –, finden mit der Welle demokratischer Aufstände, die als »Arabischer Frühling« gefeiert wurden, und mit der Unterdrückung von Freiheiten, die in den meisten Ländern des Nahen Ostens folgten, in denen Forderungen nach Verfassungsreformen laut wurden, ein neues Echo. Die andere wichtige politische Entwicklung seit dieser Zeit war der rasante Aufstieg eines hoch organisierten Fundamentalismus, der als Daesch oder ISIS(1) (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) bekannt ist. Im Sommer 2014, als die Aufständischen die Stadt Mosul unter ihre Kontrolle brachten, befand ich mich im irakischen Teil Kurdistans, wo ich eine Saison lang Ausgrabungen in der Nähe der geschäftigen Grenzstadt Halabscha(1) durchführte. Unsere Projektgruppe untersuchte die Anfänge dessen, was in diesem Buch (Kapitel 4) als die Ära des »Ersten Globalen Dorfes« bezeichnet wird – jene außergewöhnliche Periode zwischen einer beginnenden Landwirtschaft und der Entstehung der ersten Städte, in der dörfliche Gesellschaften im gesamten Nahen Osten viele der Innovationen hervorbrachten, die wir heute mit dem Wort »Urbanismus« in Verbindung bringen.

Nach 2014 folgte ein stetiger Strom von Anfragen nach öffentlichen Kommentaren zur Zerstörung des kulturellen Erbes – einem Kernbereich der Politik der ISIS-Kämpfer(2) – und insbesondere zu den groß angelegten Angriffen auf das Weltkulturerbe Palmyra(1), die antike Karawanenstadt und literarische Kulisse für die Meditationen des Comte de Volney(1) über die »Ruinen des Reiches« (Kapitel 10). Ebenso wie viele andere Forscher empfand auch ich meine Antworten als zwiespältig. Diese Zurückhaltung trat mit den unwahrscheinlichen Ereignissen des Frühjahrs 2016 deutlich zutage, als Palmyra unmittelbar nach einer von den Russen unterstützten und, wie sich herausstellen sollte, vorübergehenden Befreiung plötzlich Gastgeber für das Mariinski-Sinfonieorchester war. Unter der ISIS-Besatzung(3) war das römische Theater zum Schauplatz entsetzlicher Gräueltaten geworden, darunter die Ermordung seines führenden Archäologen. Nun saß ein Publikum, das sich hauptsächlich aus Soldaten zusammensetzte, vor einem klassischen Konzert, das sorgfältig in Szene gesetzt wurde, um eine bestimmte Vorstellung von »Zivilisation« zu inszenieren (»kulturelles Erbe für die gesamte Menschheit«, so Präsident Putin(1) in seiner Live-Schaltung aus Moskau).

Im Laufe der Jahrhunderte hat Palmyra(2) seine Tore für alle möglichen fremden Götter geöffnet – den babylonischen Bel, Schamasch und Ischtar, den damaszenischen Hadad und seine göttliche Gefährtin Atargatis, Baalschamin, Astarte und Melkart aus den Stadtstaaten der phönizischen Küste. Der große Historiker Michael Rostovtzeff(1) schrieb: »Alles ist besonders in der besonderen Stadt Palmyra.« Aber vielleicht war nichts so besonders oder unvorhersehbar wie die Ereignisse von 2015/2016. Mir und vielen anderen kam es überhaupt nicht »zivilisiert« vor, in den schönen Trümmern einer antiken syrischen Stadt Prokofjew zu spielen, während gleichzeitig im Norden die lebende Bevölkerung von Aleppo(1) angegriffen wurde. Heute dienen die umkämpften Überreste des Alten Orients vielleicht mehr denn je als Warnung vor den Opfern, die Menschen in Kauf nehmen, um die von ihnen gewählte Lebensform zu bewahren; vor dem Potenzial hemmungsloser Expansion, das in jeder kulturellen Tradition steckt; und vor dem Blut, das noch immer auf dem Altar einer fehlgeleiteten Vorstellung von Zivilisation(5) vergossen werden mag.

Während ich dieses Vorwort zur deutschen Ausgabe von What Makes Civilization? schreibe, hat sich die gerade beschriebene zivilisatorische Krise in Europa selbst ausgebreitet. Mit seinem grausamen Krieg gegen die Ukraine hat der russische Staat auch Öl, Gas und Kohle zu Waffen gemacht. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Aufrechterhaltung unserer gewohnten Lebensweise ist sowohl zu einem Weg in die ökologische Krise als auch zu einem politischen Würgegriff für die internationale Gemeinschaft geworden. In den folgenden Kapiteln wird der Leser einen Überblick über die tiefen Wurzeln dieses gegenwärtigen Lähmungszustands finden: wie wir in eine globale Weltordnung verstrickt wurden und wie Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse darin normalisiert wurden (oder einfacher formuliert: »Wie wir uns festgefahren haben«, wie David Graeber und ich es in unserem gemeinsamen Werk The Dawn of Everything [2021] – auf Deutsch 2022 als Anfänge erschienen – formuliert haben).

In Eurasien und Nordafrika wurde der katastrophale Raubbau an der Umwelt – durch Abholzung der Wälder und massiven Abbau von Mineralien – erstmals von den Gesellschaften des alten Ägypten und Mesopotamien in Gang gesetzt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts neigten Wissenschaftler wie Henri Frankfort(1) und Thorkild Jacobsen(1) dazu, die religiösen und philosophischen Systeme des Nahen Ostens der Antike durch eine romantische Brille zu betrachten; angeblich hätten diese in Harmonie mit der Natur gelebt. Die moderne Archäologie zeigt, dass das ganz und gar nicht zutrifft. Trotz ihrer »vitalistischen« Kosmologien, in denen elementaren Kräften, Tieren und Pflanzen Denk- und Handlungsfähigkeiten zugeschrieben wurden, untermauerten die Glaubenssysteme des bronzezeitlichen Ägypten und Mesopotamien die expansionistische und ausbeuterische Politik der dynastischen Eliten ihrer jeweiligen Gesellschaften.

Im Alten Reich Ägyptens und im frühdynastischen Mesopotamien, so die These dieses Buches, war das Streben nach den von diesen Kosmologien hervorgebrachten Wertformen nicht mehr verbesserungsfähig; es schuf ein endloses Verlangen nach geographischer Ausdehnung, welche die gesamte »bekannte« Welt umfasste, und verwandelte diese Gesellschaften in riesige Akkumulationsmaschinen, in denen exotische Materialien gehortet wurden, die man benötigte, um eben diese Wertformen im Zentrum zu realisieren. Die Prozesse der Materialgewinnung und die sozialen Hierarchien, die sie unterstützten, wurden intern als zivilisatorisches Erfordernis dargestellt, für die Götter und später für die königlichen Vorfahren zu sorgen: die Notwendigkeit, diese höherstehenden Wesen zu beherbergen, zu kleiden und zu ernähren. Aber die Forderungen der Götter wurden nie befriedigt, und ihre Arbeit war nie abgeschlossen. Hier können wir die Anfänge eines Prozesses erkennen, der letztendlich zu den massiven Versorgungsketten und schwerfälligen Infrastrukturen der modernen Zivilisation führt, zusammen mit ihren krassen Ungleichheiten. Derselbe Prozess verfestigte das Wachstum von ausgeklügelten Klassensystemen, Bürokratien und sich wiederholenden Zyklen von Kriegen und Imperien, denen wir offenbar nicht entkommen können.

Bei der Vorbereitung der vorliegenden Ausgabe von What Makes Civilization? möchte ich mich noch einmal bei den vielen Freunden, ehemaligen Lehrern und Kollegen bedanken, welche die ursprüngliche Fassung des Buchs gelesen und kommentiert haben und die im ursprünglichen Vorwort (2010) aufgeführt sind. Für ihre Hilfe und Ermutigung bin ich insbesondere dem verstorbenen David Graeber sowie Eleanor Robson, Melissa Flashman, Louise Martin und Brenna Hassett dankbar; vor allem aber Ewa Domaradzka für ihren unerschütterlichen Glauben an das Buch und an mich. Schließlich möchte ich Tom Kraushaar, Christoph Selzer, Johannes Czaja und ihrem Team bei Klett-Cotta meinen tiefsten Dank dafür aussprechen, dass sie diese deutsche Übersetzung meines Werks veranlasst haben.

London, 28. Juni 2022

Einleitung: Ein Kampf der Kulturen?

Unser Thema ist die Entstehung der Zivilisation(6) im Nahen Osten. Wir werden uns daher nicht mit der Frage beschäftigen, wie Zivilisation überhaupt möglich wurde. Ich glaube nicht, dass es auf diese Frage eine Antwort gibt; auf jeden Fall ist es eher eine philosophische als eine historische Frage. Aber man kann sagen, dass das Material, das wir erörtern werden, dennoch einen einzigartigen Bezug zu dieser Frage hat.

Henri Frankfort(2),The Birth of Civilization in the Near East (1951)

Wir befinden uns mitten in einem regelrechten Dschihad, das heißt, wir haben die heftigsten Vorurteile eines Volkes gegen uns, das sich in einem zivilisatorischen Urzustand befindet … Wir sind hier praktisch am Zusammenbruch der Gesellschaft angelangt, und es gibt wenig, worauf man sich für ihren Wiederaufbau verlassen kann.

Aus den Tagebüchern von Gertrude Bell(1),Großbritanniens Orientsekretärin in Bagdad (1920)

Der Historiker Lucien Febvre(1) warnte einmal, dass die Suche nach den Ursprüngen der »Zivilisation«(7) mit einer Reihe gefährlicher Ausgrabungen (»sondages hasardeux«) verbunden ist. Er bezog sich dabei auf die undurchsichtige Etymologie eines Wortes, das erst im späten 18. Jahrhundert, im Zeitalter von Kaiserreich und Revolution, in die europäischen Sprachen einging. Seine Entstehung in den philosophischen Schriften der Aufklärung(1) ist schwer zu fassen. Eines der frühesten Zeugnisse ist der dritte Band von Nicolas-Antoine Boulangers(1)L’Antiquité dévoilée par ses usages (»Das durch seine Gebräuche aufgedeckte Altertum«), einer »kritischen Untersuchung der vornehmsten Meinungen, Zeremonien und religiösen und politischen Einrichtungen der verschiedenen Völker der Erde«. Dieses Werk, das 1766 posthum veröffentlicht wurde, gehört zu einer Reihe von hochtheoretischen Arbeiten, mit denen Boulanger versuchte, Ordnung in die komplexe Geschichte der politischen Beziehungen der Menschen zu bringen. Ein früheres Werk, Recherches sur l’origine du despotisme oriental (1761), hatte den Grundstein dafür gelegt, indem es vertrat, dass in den asiatischen Gesellschaften – sowohl in der Antike als auch in der Moderne – ein Typus von politischem Subjekt existierte, der Europa fremd war: ein Subjekt, das sich mit Leidenschaft seiner eigenen Unterdrückung hingab, das »die Ketten küsste«, die es fesselten, und das heroisch sein Leben für die Launen eines Tyrannen opferte. In L’Antiquité rät Boulanger den zeitgenössischen Verwaltungsbeamten: »Wenn ein wildes Volk zivilisiert worden ist, darf man den Akt der Zivilisation(8) nicht dadurch beenden, dass man ihm starre und unwiderrufliche Gesetze gibt; man muss es dazu bringen, die ihm gegebene Gesetzgebung als eine Form der kontinuierlichen Zivilisation(9)zu betrachten.«

Karte 1. Der Alte Orient

Die von Febvre(2) gewählte archäologische Metapher ist treffend. Die Idee der Zivilisation war schon immer mit dem Wunsch nach Universalgeschichte verbunden; einer Geschichte, die über die schriftlichen Aufzeichnungen hinausgeht, die in der Zeit bis zu den Ursprüngen unserer Spezies zurückreicht, die sich räumlich ausdehnt, um die gesamte Bandbreite der gegenwärtigen menschlichen Vielfalt zu erfassen, und die – zumindest in ihren frühen Fassungen – in eine bessere Zukunft führt. Heute neigen wir wohl eher wieder zu den anti-utopischen Interpretationen der Zivilisation, die sich um die Mitte des 20. Jahrhunderts verbreiteten – Sigmund Freuds Gegenüberstellung von Kultur und sexueller Erfüllung oder Franz Steiners düstere Vision des Westens als einer Gesellschaft, die durch die Technologie zwar endlich die urtümlichen Geister des Ackers und der Wildnis gezähmt hat, aber nur um deren Dämonen tief ins Herz der Gesellschaft selbst zu treiben. Ursprünglich war Zivilisation(10) jedoch ein zutiefst optimistisches Konzept, dessen Anhänger inbrünstig an die natürliche Tendenz der Geschichte des Menschen zu einer Synthese aus wissenschaftlicher Vernunft und moralischem Fortschritt glaubten. Bis 1798, als Napoleon Bonaparte(1) zur Eroberung Ägyptens aufbrach, war dieses Konzept auch zu einer mächtigen Quelle politischer Rhetorik und zu einer Sache geworden, für die es sich zu sterben lohnte.

John Headley (2000) hat überzeugend dargelegt, dass die europäische Vorstellung von der menschlichen Geschichte als einem »zivilisatorischen Prozess« von universellen Dimensionen dem Gebrauch des Wortes Zivilisation selbst lange vorausging. Er findet sie zum Beispiel in den Interpretationen der griechisch-römischen »Kosmopolis« in der Spätrenaissance – eine bürgerliche Gemeinschaft, die durch die Umwandlung einer barbarischen Peripherie immer wieder neu entsteht und sich ausbreitet. Indem sie die antiken Vorstellungen von polis und civitas adaptierten, fanden jesuitische Gelehrte und Verwaltungsbeamte des 16. Jahrhunderts wie Giovanni Botero(1) und José de Acosta(1) einen kulturellen Kompass, an dem sie sich bei den neu »entdeckten« Völkern der nichtchristlichen Welt orientieren konnten. Auf der Grundlage technologischer Merkmale – wie etwa dem Besitz von Schrift, geplanten und dauerhaften Siedlungen, Monumentalbauten und hochentwickelten Gerätschaften für Ernährung, Kleidung und Abfallbeseitigung – galten bestimmte Heiden als weiter fortgeschritten auf dem Weg zur vollen Menschlichkeit und damit als besser für die Evangelisierung vorbereitet als andere:

In De procuranda Indorum salute hatte José de Acosta(2) die beiden Merkmale der Alphabetisierung und der Sesshaftigkeit, vor allem aber die Alphabetisierung, zu den Hauptfaktoren für die Unterscheidung verschiedener Zivilisationsgrade(11) innerhalb der allgemeinen Kategorie der Barbarei gemacht. So empfahlen sich die Chinesen als offensichtlich gebildete und sesshafte Menschen für die erste Kategorie, während die Mexikaner und Peruaner als sesshafte, aber nur ansatzweise schriftkundige Menschen einer mittleren Kategorie angehörten, und nomadische, schriftunkundige Völker wie die Brasilianer und Chichimeca einen prä-sozialen Zustand völliger Wildheit aufwiesen. Indem er anhand der Faktoren Alphabetisierung und Sesshaftigkeit ein religiös neutrales Maß für Zivilisation definierte, hatte Acosta in der Tat einen zerbrechlichen Rahmen geschaffen, in den sich die allgemein anerkannten und sogar bewunderten architektonischen und sozialen Merkmale der mexikanischen und der Inka-Völker einfügen ließen.

Auf dem Höhepunkt des Imperialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlangte die Vorstellung von Zivilisation als einer Größe, die in allen menschlichen Gesellschaften mehr oder weniger stark ausgeprägt ist, den Status einer wissenschaftlich verifizierbaren Tatsache. Der »Rassentypus«(1) – gemessen und klassifiziert anhand phänotypischer Merkmale wie Hautfarbe und Schädelform – wurde als exakter Indikator für den Platz einer Bevölkerung oder eines Individuums innerhalb des Spektrums der »zivilisierten«(12) und »nicht zivilisierten« Völker angesehen. Der Status des Alten Orients als »Wiege« oder »Geburtsort« der Zivilisation war in dieser Hinsicht paradox. Er wies dieser Region eine herausragende Rolle bei der Entstehung der modernen Welt zu. Aber er implizierte auch, dass die Zivilisation seither weitergezogen war, vom Alten Orient in den modernen Westen. In den letzten Jahren des Osmanischen Reichs(1) schrieben viele europäische Besucher des Nahen Ostens über dessen Verwahrlosung, über den Verlust der Zivilisation und den Rückfall in eine Art Urzustand. Die Vorstellung von einer »Wiege der Zivilisation« legte außerdem nahe, dass ein bedrohtes Erbe von außen beaufsichtigt werden musste, notfalls mit Gewalt (immerhin befinden sich ja in Wiegen hilflose Kleinkinder und keine mündigen Erwachsenen). Das war zum Teil eine Erklärung dafür, warum riesige Mengen von Altertümern nach Europa und Amerika gebracht werden mussten, um sie zu studieren und zu verwahren, aber es stand auch im Zusammenhang mit zeitgenössischen politischen Ereignissen (dem Zusammenbruch der osmanischen(2) Autorität und dem Anwachsen der europäischen Militärmacht in der Region) und mit den umfassenderen intellektuellen Anliegen der viktorianischen Wissenschaft, insbesondere in Bezug auf Rasse(2) und imperiale Eroberung.

»Die Zivilisation«(13), so James Henry Breasted(1) (1865–​1935), Gründer des berühmten Oriental Institute(1) in Chicago, »ist im Orient entstanden, und dort hat das frühe Europa sie sich angeeignet.« Die Geschichte des Nahen Ostens könne als eine Reihe titanischer Kämpfe zwischen den indoeuropäischen(1) und semitischen Völkern verstanden werden, die von ihren jeweiligen Heimatgebieten in den Steppen Zentralasiens und den Wüsten Arabiens immer wieder in den »Fruchtbaren Halbmond« des westlichen Asien eindrangen. Der Kampf, so schrieb Breasted 1916, »ist immer noch im Gange«. Der Historiker Thomas Scheffler (2003) bemerkt dazu(14):

Breasteds(2) geostrategische Sichtweise der antiken Geschichte verriet einige auffällige Parallelen zum imperialistischen Zeitgeist seiner eigenen Gegenwart. Im Großen und Ganzen war das von ihm als »Fruchtbarer Halbmond(1)« bezeichnete Gebiet geografisch deckungsgleich mit jenen Teilen des Osmanischen Reichs(3), die das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 Großbritannien und Frankreich vorbehalten hatte [d. h. die Küste der Levante, Ostanatolien und Mesopotamien]. Als Ancient Times 1916 veröffentlicht wurde, waren die USA noch nicht in den Ersten Weltkrieg eingetreten, und die King-Crane-Kommission hatte ihren berühmten Bericht vom 28. August 1919 noch nicht vorgelegt, in dem sie ein amerikanisches Mandat für Kleinasien und Syrien empfahl. Dennoch zeigt die Sprache, die Breasted bei der Beschreibung des Fruchtbaren Halbmonds(2) verwendete, wie sehr er sich der zentralen geostrategischen Bedeutung der Region bewusst war, insbesondere für die Kontrolle des Persischen Golfs(1) und des Roten Meeres(1).(15)

Zeitgenossen Breasteds(3) schrieben mit Überzeugung vom Fehlen einer Kriegerkaste in den einheimischen literarischen Traditionen des alten Nahen Ostens und kontrastierten sie mit den elitären Kriegergruppen der indoeuropäischen(2) Mythologie(1). Man argumentierte, dass technologische Fertigkeiten in der Kampfkunst (versinnbildlicht durch die Verwendung von pferdegezogenen Streitwagen) es diesen »proto-europäischen« Kriegergruppen ermöglichten, immer wieder entscheidend in die Geopolitik der alten nahöstlichen Staaten einzugreifen. Derartige Ideen, gespickt mit »Boy’s Own«-Überheblichkeit, wurden vorgebracht, um den Zusammenbruch der Palast-Zivilisation(1) im gesamten Vorderen Orient am Ende der Bronzezeit zu erklären. In seinem monumentalen Werk Les premières mêlées des peuples (Die ersten Kämpfe der Völker; engl. Titel Struggle of the Nations)(16) lenkte der Generaldirektor der Antiquités de l’Égypte, Gaston Maspéro(1) (1846–​1916), die Aufmerksamkeit auf eine in die Wände eines Tempels(1) des Neuen Reiches in Abydos(1) in Südägypten eingemeißelte Szene. Sie zeigt Ramses den Großen, flankiert von laufenden Leibwächtern, deren gehörnte Helme und Kurzschwerter sie als Schardana (Sarden) und nach den damaligen Rassenkriterien(3) als »Europäer« oder »Indo-Arier«(3) auswiesen. Die Unfähigkeit eines Monarchen, eine einheimische Armee aufzustellen, und seine Abhängigkeit von ausländischen Söldnern wurde von europäischen Intellektuellen seit der Aufklärung(2) als charakteristisches Merkmal und Schwäche »despotischer« politischer Systeme angesehen. (Das osmanische Sultanat, das damals einen Großteil des Nahen Ostens beherrschte(4), galt aufgrund seiner Abhängigkeit von Eliteeinheiten aus Mameluken und Janitscharen als Paradebeispiel.) Darüber hinaus fällt in der ägyptischen Ikonographie die Aufgabe, den Körper des Königs(1) zu beschützen, in der Regel den Göttern(1) und nicht den Menschen zu, was für diese eingewanderten Krieger einen fast übermenschlichen Status impliziert. Die Denkmäler schienen eine antike Grundlage für das zu bieten, was viele Europäer als ihre vorbestimmte Rolle im Nahen Osten empfanden: Beschützer und Bewahrer einer Zivilisationstradition(17) zu sein, die von modernen Völkern bedroht wurde, deren Verbindungen zu dieser Tradition schon lange abgerissen waren oder überhaupt nie existiert hatten.

Heute erfährt das Konzept der Zivilisation(18), das nach einem kurzen postkolonialen Schlaf wiederbelebt wurde, einen weiteren Wandel. »Zivilisationen sind dynamisch; sie steigen auf und fallen, sie teilen sich und verschmelzen. Und wie jeder Geschichtsstudent weiß, verschwinden Zivilisationen und werden im Sand der Zeit begraben.« Dieser Satz stammt von Samuel Huntington(1), dem verstorbenen Professor für Politikwissenschaft an der Harvard University. Im Jahr 1993 veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel »The Clash of Civilizations«(19) (deutsche Übers. »Der Kampf der Kulturen«), in dem er sich mit Argumenten seines ehemaligen Schülers Francis Fukuyama(1) auseinandersetzte. In einem Artikel aus dem Jahr 1989, der später (ebenso wie Huntingtons Antwort) zu einem ganzen Buch werden sollte, hatte Fukuyama die Hypothese formuliert, dass die Weltgeschichte in eine neue Phase eintrete, die gekennzeichnet sei durch:

das Ende der ideologischen Evolution der Menschheit und die Universalisierung der westlichen liberalen Demokratie(20) als der endgültigen Form der menschlichen Regierung. Das heißt nicht, dass es keine Ereignisse mehr geben wird, die die Seiten der jährlichen Zusammenfassungen der internationalen Beziehungen in Foreign Affairs füllen, denn der Sieg des Liberalismus hat sich in erster Linie im Bereich der Ideen oder des Bewusstseins vollzogen und ist in der realen oder materiellen Welt noch unvollständig. Aber es gibt gewichtige Gründe für die Annahme, dass er das Ideal ist, welches die materielle Welt auf lange Sicht beherrschen wird.

Huntington(21)(2) war anderer Meinung. In seiner Antwort, die passenderweise ebenfalls in der Zeitschrift Foreign Affairs erschien, vertrat er die Ansicht, dass die menschlichen Gesellschaften sich gerade nicht einer gemeinsamen Organisationsform annäherten, sondern in Wirklichkeit eine Rückkehr zum Stammesdenken erleben, und zwar in einem Ausmaß, das in der Geschichte beispiellos ist, einem »zivilisatorischen« Ausmaß. Was Huntington unter Zivilisation(22) verstand, wurde in den ersten Absätzen seines Aufsatzes in bewundernswerter Klarheit dargestellt:

Eine Zivilisation(23) ist eine kulturelle Einheit. Dörfer, Regionen, ethnische Gruppen, Nationalitäten, religiöse Gruppen, alle haben unterschiedliche Kulturen auf verschiedenen Ebenen der kulturellen Heterogenität. Die Kultur eines süditalienischen Dorfes unterscheidet sich möglicherweise von der eines norditalienischen Dorfes, aber beide haben eine gemeinsame italienische Kultur, die sie von deutschen Dörfern unterscheidet. Europäische Gemeinschaften wiederum werden kulturelle Merkmale teilen, die sie von arabischen oder chinesischen Gemeinschaften unterscheiden. Araber, Chinesen und Westler sind jedoch nicht Teil einer größeren kulturellen Einheit. Sie bilden Zivilisationen. Eine Zivilisation ist somit die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die breiteste Ebene kultureller Identität, die Menschen haben, abgesehen nur noch von der, welche Menschen von anderen Arten unterscheidet. Sie wird sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Bräuche und Institutionen als auch durch die subjektive Selbstidentifikation der Menschen definiert. Menschen haben verschiedene Identitätsebenen: Ein Einwohner Roms kann sich mit unterschiedlicher Intensität als Römer, Italiener, Katholik, Christ, Europäer, Abendländer definieren. Die Zivilisation, der er angehört, ist die breiteste Ebene der Identifikation, mit der er sich intensiv identifiziert. Menschen können ihre Identität neu definieren und tun das auch, und infolgedessen ändern sich Zusammensetzung und Grenzen der Zivilisationen(24).

Als Huntington(3) seine Interpretation des aktuellen Weltgeschehens entwickelte – des völkermörderischen Zusammenbruchs des ehemaligen Jugoslawien, der Ausbreitung hochentwickelter Waffen in nicht-westlichen Staaten und der Bildung neuer Wirtschaftsblöcke in Ostasien –, begann der Begriff der Zivilisation(25) zum x-ten Mal in seiner turbulenten Geschichte zu mutieren, sich in die neue politische Szenerie einzufügen und neue Schubkraft zu gewinnen. Für Huntington wurde die Zivilisation schnell sowohl zur Ursache und Erklärung für die hässlicheren Seiten der Weltpolitik als auch zum Mittel für deren Bewältigung. Der Westen, der in seiner altmodischen und monolithischen Vorstellung von Zivilisation als universellem Wert fehlgeleitet war, sollte sich nun mit der Existenz von »Zivilisationen« im Plural auseinandersetzen. In einer Vision, die zu einem guten Teil der archäologischen Vorstellungskraft geschuldet war, erklärte Huntington, wie der Kalte Krieg einen ideologischen Schleier über tiefe und dauerhafte Risse im Gefüge der Menschheit geworfen hat, die – mit dem Wegfall des Eisernen Vorhangs – nun wieder an der Oberfläche des Globus sichtbar werden. Die Menschheit, so prophezeite er, werde entlang der blutverschmierten Linien der alten Zivilisationen(26) auseinandergerissen werden. Jede einzelne dieser Zivilisationen sei länderübergreifend, universell in ihren Ansichten und Ambitionen, und speise sich aus fest verwurzelten – und wechselseitig unvereinbaren – Überzeugungen darüber, wie Menschen ihr Leben leben, ihre Toten begraben, Güter produzieren und konsumieren, Sexualität erleben und spirituelle Erfüllung suchen sollten.

Diese Argumente haben eine Fülle von Reaktionen hervorgerufen. Von einigen politischen Philosophen wurden sie als Offenbarungsweisheit begrüßt; von anderen Kommentatoren als monströse Abstraktionen verurteilt, die jenen Fundamentalismus(27), den sie angeblich bekämpfen wollten, noch anheizten. In einer vernichtenden Rezension für die Zeitschrift The Nation (Oktober 2001) griff Edward Said(1), der verstorbene Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University, das Buch frontal an:

In Wirklichkeit ist Huntington(4) ein Ideologe, der »Zivilisationen«(28) und »Identitäten« zu etwas machen will, was sie nicht sind: in sich geschlossene, abgeschottete Gebilde, gesäubert von den unzähligen Strömungen und Gegenströmungen, welche die menschliche Geschichte beleben und die es über Jahrhunderte hinweg möglich gemacht haben, dass diese Geschichte nicht nur Religionskriege und imperiale Eroberungen enthielt, sondern auch eine Geschichte des Austauschs, der gegenseitigen Befruchtung und des Teilens war. Diese weitaus weniger sichtbare Geschichte wird in dem übereilten Bemühen ignoriert, jene lächerlich verkürzte und beschränkte kriegerische Konfliktsituation herauszumeißeln, die der »Kampf der Kulturen« als Realität behauptet.

Bemerkenswerterweise ist Huntingtons(5) These von der Nachhut der Zivilisationsforschung(29) – den Archäologen und Anthropologen, deren Disziplinen ursprünglich ins Leben gerufen worden waren, um herauszufinden, was Zivilisationen sind, wie sie sich anfangs herausbildeten und wie sie sich weiterentwickeln – bisher kaum kommentiert worden. Huntington selbst lud zu solchen Kommentaren ein. In seinem erweiterten Werk über den Kampf der Kulturen (Untertitel: »Die Neugestaltung der Weltpolitik«) erkennt er ihre Beiträge zur Debatte an und versucht, sie einzubeziehen. Die frühe Geschichte der Zivilisationen, die er skizziert, ist eine Geschichte von Isolierten:

Nach dem ersten Auftreten von Kulturen(30) überhaupt fanden die Kontakte zwischen ihnen – mit einigen Ausnahmen – dreitausend Jahre lang entweder gar nicht oder selten oder kurz und heftig statt. Das Wesen dieser Kontakte kommt gut in der Bezeichnung zum Ausdruck, die die Historiker für sie verwenden: »Begegnungen«. … Hochkulturen waren auch geographisch getrennt. Bis zum Jahre 1500 hatten die Anden- und die mesoamerikanische Kultur weder zu anderen Kulturen noch zueinander Kontakt.

Zur Veranschaulichung der angeblichen Isolation der frühen Zivilisationen(31), die für Huntingtons(6) übergreifende Argumentation von nicht geringer Bedeutung ist, leiht sich Huntington ein Bild aus Carroll Quigleys (1961) The Evolution of Civilizations. Es ähnelt einem auf den Kopf gestellten Busch und stellt die antiken Zivilisationen als Verzweigungen dar, die aus einer gemeinsamen Gruppe von »neolithischen Gartenkulturen«(1) hervorgegangen sind und einander bei ihrer Entwicklung, Aufspaltung und Mutation sorgfältig aus dem Weg gingen.

Teil I dieses Buches ist die Antwort eines Archäologen auf Huntingtons(7) Aussagen über das Fehlen von Interaktionen zwischen den frühen Zivilisationen(32)