Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Für mich war sein Schreiben vorbildlich, weil es grundiert war von einer sehr hohen Moral, nämlich der des Anstands, die unserer Zeit so sehr fehlt ..." - so der Literat Franz Littmann über die Arbeiten seines Kollegen Peter Kohl. Dreißig Jahre lang schrieb der Journalist und Kulturkritiker Peter Kohl monatlich in seiner von ihm selbst erschaffenen Kolumne "Dr. Mabuse" für das Kulturmagazin "Klappe auf" über Dinge, die die Welt bewegen oder auch nicht. Er kritisierte und kommentierte, was für ihn im Argen lag, fast immer mit viel Ironie und ohne Verbissenheit oder Eitelkeit. Das Buch präsentiert eine Auswahl aus weit über 300 Dr. Mabuse-Kolumnen illustriert mit Cartoons von Herbie Erb.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alfred Godulla „
Nein, nein, nein ... “
Die Verfertigung der Gedanken beim Schreiben
Eine Zensur findet gelegentlich statt
Die Tausend Augen des Dr. Mabuse
Westfernsehen
Über das Leben nach dem Tode
English Spoken
Schindlers Liste
Sind Soldaten Mörder?
Lindenstraße forever
Über Einkaufserlebnisse
Knabberspaß und Mordgelüste
Ein kurzer Blick zurück auf die Kohl-Ära
Dr. Mabuse verteidigt den Massentourismus
Über die Beschleunigung des Lebens
Action!?
68 – und kein Ende
Die gnadenlosen Moralisten
Kinder, Kinder
Kevin, Dennis, Marvin, Mike …
Mord und Totschlag
Preiswertes Angebot zur Rettung der Telekom
Kriegsschäden
Wo der Barthel den Most holt
Beten hilft nichts
Dr. Mabuse drischt Phrasen
Mensch Hitler
Woran erkennt man Kunst? – Am Preis!
Kunstbetrachtungen
Ein Klecks ist ein Klecks ist ein Klacks
Osterlamm hin, Osterlamm her
Schwarz-rot-geil
Unterschicht – was sonst?
Gibt es ein Recht auf Volksmusik?
Ungehaltene Büttenrede zur Abschaffung des Faschings …
Hauptsache gesund
Tatort Karlsruhe
Kein Herz für Hartz IV
Die schlechte neue Zeit
Von Tröten und Kröten
Beim Barte des Propheten
Der Mörder ist immer der Drehbuchschreiber
Warum ich nicht bei Facebook bin
Dummheit und Gemeinschaftsschule
Ziemlich beste Freunde
Was mal gesagt werden muss. Oder auch nicht.
Die Überfürsorglichen
Reich wie eine Kirchenmaus
Der politisch korrekte Populist
Gesenkten Hauptes oder No Texting While Walking
Das Getue um das Essen
Ich bin nicht Charlie
Don´t bogart that joint, my friend
Das dunkle und das helle Deutschland
Schock den Raucher!
To Go or Not To Go
Warum ich trotzdem Sport gucke
Meine Freunde, die Türken
Unser Mord zum Sonntag
Biografie
… man muss nicht die Meinung des Kolumnisten teilen, um von seinen Texten begeistert zu sein! Wenn sie sprachlich eine besondere Qualität haben, unterhaltsam und mit Witz geschrieben sind, dann garantieren sie in jedem Fall ein lesenswertes Vergnügen. Peter Kohl schaffte es, seine Kolumnen im Kulturmagazin „Klappe auf“ unter dem Pseudonym „Dr. Mabuse“ mit diesen Eigenschaften auszustatten – und das sein halbes Leben lang.
„Für mich war sein Schreiben vorbildlich, weil es grundiert war von einer sehr hohen Moral, nämlich der des Anstands, die unserer Zeit so sehr fehlt“, so beschrieb Dr. Franz Littmann die Arbeiten seines Kollegen Peter Kohl.
Dreißig Jahre lang schrieb Peter Kohl monatlich seine von ihm selbst erschaffene Kolumne „Dr. Mabuse“ für die „Klappe auf“. Er suchte sich seine Themen vollkommen unabhängig und kritisierte und kommentierte, was für ihn im Argen lag, fast immer mit viel Ironie und ohne Verbissenheit oder Eitelkeit. Er mochte keine Rechthaber, keine rechts- oder linksextremen Schreihälse, keine hohlen Sprücheklopfer, auch keine, die andere erziehen wollen. Bei aller Ernsthaftigkeit war es ihm wichtig, dass seine Texte auch zum Schmunzeln animierten.
Weit über 300 Dr. Mabuse-Kolumnen entstanden im Laufe dieser Jahre, von denen wir uns für dieses Buch auf eine Auswahl beschränken mussten.
Zur Freude von Peter Kohl illustrierte der Künstler und Cartoonist Herbie Erb die letzten zwölf Jahre den Dr. Mabuse mit seinen speziell für diese Texte geschaffenen genialen Zeichnungen. Selbstverständlich durften sie in diesem Buch nicht fehlen.
Peter Kohl selbst hatte die Idee zu einer Sammlung von Dr. Mabuse-Kolumnen. Er hätte diese auch gerne kommentiert, was ihm sicherlich teuflischen Spaß gemacht hätte. Leider hat seine Zeit dazu nicht mehr gereicht. Daher haben wir – seine Freunde und Weggefährten – uns nun dieser Aufgabe gewidmet. Wir hoffen, dass dabei eine in seinem Sinne unterhaltsame und zugleich anregende Lektüre entstanden ist.
Im August 1994 schrieb Peter Kohl alias Dr. Mabuse folgendes Postscriptum: „In einem Buch über Aldous Huxley habe ich gerade den Satz gelesen ‚in der Verteidigung der Vielgestalt des Lebens gegen die großen weltanschaulichen Vereinfacher und die kleinen sturen Dogmatiker blieb er sich treu‘. Das ließe ich mir auch gerne nachsagen.“ Genau das, lieber Peter, werden wir machen – versprochen!
Alfred Godulla
Herausgeber des Kulturmagazins „Klappe auf“
März 2013
Kinder, wie die Zeit vergeht. Kaum hat man sich ein bisschen auf der Welt getummelt, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, ein Apfelbäumchen gepflanzt, schon sind 25 Jahre (in Worten: ein Vierteljahrhundert) vergangen. So lange ist es her, dass in der „Klappe auf“ die erste Mabuse-Glosse erschienen ist.
Unter dem Titel „Eine Zensur findet gelegentlich statt“ geißelte ich in der Ausgabe vom März 1988 kleine zensorische Eingriffe, die sich damals das öffentlich-rechtliche Fernsehen herausnahm. Angesichts der Art und Weise, wie nur wenig später mit der Ware Film umgesprungen wurde, war das ein Klacks. Aber: Wehret den Anfängen! Das könnte ein Motto sein, das quasi als Wasserzeichen vielen meiner Kolumnen unterlegt ist.
Die Anfänge von Dr. Mabuse waren immerhin vielversprechend – so findet sich z. B. im Mabuse-Urtext die unverwüstliche Formulierung über die unverwüstliche Alice Schwarzer, „die noch besser als Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“. Die Herausgeber (damals waren es noch zwei) wehrten sich nicht direkt gegen eine Weiterführung der Kolumne. Auf den hinteren Seiten der Zeitschrift, die nach wie vor unbezahlbar (weil kostenlos) ist, wurde mir ein Plätzchen eingeräumt, das ich allmonatlich zu füllen versuchte.
Anfang der 90er-Jahre rückte Dr. Mabuse auf die letzte Seite. Seit einigen Jahren ist die Seite geschmückt und veredelt mit einer Illustration von Herbie Erb. Auf den letzten Drücker geschrieben wurde der Text fast immer. „Mach mal was zu ...“,prallt in der Regel von mir ab. Es muss mich schon etwas selber berühren, am besten negativ, damit ich in Fahrt komme. Wenn dann noch der leichte Stupser aus der Chefetage „Wo bleibt der Mabuse?“ dazu kommt, beginnt mit Ach und Krach die Verfertigung der Gedanken beim Schreiben. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich damit eingelassen habe, hätte ich es wohl bleiben lassen oder mich von Anfang an auf Themen von einer gewissen Haltbarkeit, am besten mit Ewigkeitswert verlegt, die man alle Jahre wieder verbraten kann.
Aber Pustekuchen! Jeder Dr. Mabuse-Text ist ein Unikat, den gibt’s nur einmal, der kommt nicht wieder, das trifft eben auch auf einige Aufreger und Schreibanlässe zu, bei weitem aber nicht auf alle. Einige kommen immer wieder in modifizierter Form und mit veränderter Etikettierung, ich nenne nur mal die Beschleunigung unseres Lebens. Ich habe sie aufzuhalten versucht mit der Macht des Wortes. Der Erfolg ist offensichtlich – nicht eingetreten.
Da verdamme ich im Januar 1993 kurz und knackig das Autotelefon, während sich schon das Handy in unserer Gesellschaft breitmacht, das es ermöglicht, in jeder Lebenslage, auch im Auto, zu telefonieren, voll gequatscht zu werden und andere voll zu quatschen und die Verbindung zum Job bis in die Freizeit und den Urlaub hinein zu verlängern. Aber wer nicht auf den Rat von Dr. Mabuse hören will, das Ding, wenn man es denn schon mal hat, einfach mal auszuschalten, wird mit Burn-Out bestraft. Selber schuld. Wer jeder Mode hinterherläuft, hat es verdient, sich eine Modekrankheit einzufangen.
Immer wieder habe ich die Denglisierung der deutschen Sprache gegeißelt – dabei ist sie, um mit Til Schweiger zu reden, mindestens so outdated wie der „Tatort“-Titelvorspann. Na ja, noch klappt es einigermaßen mit der innerdeutschen Verständigung.
Beim Wettern gegen Zeitgeisterscheinungen, die nicht selten verbunden sind mit technischen Neuerungen, muss man schon aufpassen, dass man nicht zum ewig gestrigen Grantler wird. Dem Zug der Zeit kann sich auch der nicht entziehen, der nicht darin Platz nehmen will.
Die ersten Dr. Mabuse-Kolumnen habe ich noch auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben, dann legte ich mir notgedrungen, um beruflich nicht abgehängt zu werden, den ersten Computer zu, weitere Computer und Textverarbeitungssysteme folgten, irgendwann kam auch noch der Internetanschluss dazu. Ja, ja, das ist schnell und bequem, aber ein leiser Verdacht beschleicht mich schon, dass die ständige Verfügbarkeit des Weltwissens im virtuellen Raum zu gähnender Leere in vielen Hirnstübchen führt. Die Anzeichen dafür liefert ein Blick ins Internet zuhauf. Was soll man von Zeitgenossen halten, die in Kochforen Aussagen absetzen wie „Mhmm, das hört sich aber lecker an, das werde ich mal probieren“ oder, wenn sie das Rezept dann tatsächlich nachgekocht haben, hinzufügen, wie toll es geschmeckt hat, wobei man allerdings den Spinat durch Karotten, die Crème fraîche durch Milch, die Kartoffeln durch Nudeln usw. ersetzt habe. Wer nicht begreift, was daran komisch ist, wird mit Dr. Mabuse wenig anfangen können.
Immer wieder frappierend finde ich den Kontrast zwischen der Vielfalt des Lebens und der Einfalt vieler Lebender, zwischen überbordender Mitteilungsfreude und kaum fassbarer Inhaltsleere. Die Kevinisierung der Republik, die Dr. Mabuse einst als Menetekel an die Wand gemalt hat, ist eben doch zumindest teilweise eingetreten. Aber was wäre auch ein Kolumnist in einer perfekten Welt? Arbeitslos!
Veröffentlicht unter dem Titel: „25 Jahre Dr. Mabuse“.
März 1988
Nach soviel Fernsehtipps lohnt sich auch einmal ein Rückblick, denn jenseits der publik gewordenen Skandale und Affären gibt es Bemerkenswertes, das nicht gleich Schlagzeilen macht, z.B. die nicht selten geübte Gepflogenheit, Filme für den Fernsehbedarf zurecht zu schneiden, ohne dies dem Zuschauer anzukündigen. Man kann das auch Zensur nennen.
Wer „Vorname: Carmen“ von Godard im Kino gesehen hat, konnte erstaunt feststellen, dass eine kurze Onanierszene herausgenommen wurde. Wozu eigentlich? Damit kleine Jungs, die sich um Mitternacht ihren geliebten Godard reinziehen, nicht auf dumme Gedanken kommen und Hand an sich legen? Das deutsche Fernsehen lässt seine Schäfchen nicht verkommen. Auf den Godard-Film „Maria und Joseph“ wurde gleich ganz verzichtet. So mussten nicht etwa streng gläubige Katholiken Mahnwachen in deutschen Wohnstuben halten oder der Bayerische Rundfunk ein Sonderprogramm einlegen.
Die Arbeiten von Herbert Achternbusch fallen gleich ganz unter den Tisch. Wohlgemerkt: Ich mag weder den neuen Godard noch die filmischen Versuche von Achternbusch, den man nicht gleich toll finden muss, nur weil er ein Dorn im Auge von Innenminister Zimmermann ist. Aber ein Urteil sollte ein jeder sich gefälligst selbst bilden. Das Fernsehen ist die letzte Institution, die da präjudizieren darf. Warum zeigt man denn eigentlich einen Italo-Western wie „Zwei glorreiche Halunken“, wenn man dann mit der Schere daran herumschnippelt. Ansonsten geniert man sich doch auch nicht so. Schließlich stehen die besten Sendezeiten für den Ramsch der deutschen Nachkriegsproduktion zur Verfügung. Ein gutes, weil schlimmes Beispiel sind die kürzlich ausgestrahlten „Lausbubengeschichten“ nach Ludwig Thoma, der in seinem Grab ob dieser „Werkbearbeitung“ einen dreifachen Salto mit Schraube ausgeführt haben dürfte.
Das bundesdeutsche Fernsehprogramm insgesamt ist in den letzten Jahren prüder und langweiliger geworden. Herrschaften wie Edmund Stoiber auf der einen und Alice Schwarzer – die noch besser als Bauknecht weiß, was Frauen wünschen – auf der anderen Seite werden dafür sorgen, dass der Bildschirm sauber bleibt. Bevor Druck von außen kommt, hat die Schere im Kopf der Fernsehverantwortlichen schon dafür gesorgt, dass es keinen Ärger gibt. Natürlich ist der Jugendschutz notwendig, aber zu nachtschlafender Zeit liegt es in der Verantwortlichkeit des erwachsenen Zuschauers und Gebührenzahlers, was er sich ansieht und was nicht. Schließlich darf er mit seinem Stimmzettel über das Wohl und Wehe dieser Republik entscheiden. Eines aber hat das Fernsehprogramm der Politik voraus.
Man kann es jederzeit ausschalten.
Mai 1988
Dr. Mabuse hat nicht nur 1000 Augen, sondern auch mindestens zwei Ohren. Doch im Gegensatz zu den Augen kann man die Ohren nicht einfach zumachen. Ein bedauerlicher Umstand, der mich schon früh an der Vollkommenheit der Schöpfung zweifeln ließ. Die Ohren zu verschließen wäre auch nicht die richtige Lösung für ein Problem unserer Zeit, das wesentlich zum Untergang der abendländischen Kultur beiträgt. Ich nenne es das „Gummibärchen-Problem“, wobei Gummibärchen für alles stehen, was im Kino oral eingenommen wird. Welcher passionierte Kinogänger hat nicht schon den besten Teil seiner Nerven im aussichtslosen Kampf gegen die Gummibärchen-Plage geopfert. Auch ich schreibe diese Zeilen mit zitternden Händen.
„Das Beste am Kino sind die Gummibärchen“, sagte einmal eine gewisse Sabine Sauer, die im ZDF aus irgendeinem dunklen Grunde in Sachen Film tätig ist. „Das Dümmste am Fernsehen sind die Moderatoren“, kann ich da nur sagen. Das Kino verkommt zu einem Knusperhäuschen und der Film zum Appetitanreger. Niemanden scheint es zu stören, außer einer schwindenden Minderheit, die ins Kino geht, um einen Film zu hören und zu sehen. Da ich diesem Häuflein angehöre, schleudere ich diesen Fluch auf meine knabbernden und lutschenden Zeitgenossen. Sie sollen verflucht sein! Das Kino ist ein heiliger Ort, ein Reich der Illusionen. Jedes Rascheln, jedes Geschwätz und Geschmatz zerstört das magische Band zwischen Zuschauer und Film und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den geräuscherzeugenden Nachbarn. Wenn ein Hitchcock, ein James Bond oder sonstwas angekündigt ist, will ich jedenfalls nicht Hinz und Kunz und Lieschen Müller in Aktion erleben.
Das klingt hart, aber es musste mal gesagt werden. Außerdem richtet sich eh kein Schwein danach. Die diversen Süßigkeits- und Knabbberzeug-Fabrikanten würden jedenfalls der Kinokultur in diesem unserem Lande mit knister- und raschelfreien Tüten einen großen Dienst erweisen, bevor mir und noch einigen anderen im Kino Hören und Sehen vergeht.
Dezember 1989
Dieser Kommentar des Dr. Mabuse war eigentlich für die November-Ausgabe der „Klappe auf“ vorgesehen, musste aber aus Platzgründen weichen. Jetzt erscheint er eben im Dezember. Seitdem hat sich jenseits der Mauer, die auch nicht mehr ist, was sie mal war, viel geändert. Aber die Stoßrichtung dieser Anmerkungen stimmt noch immer.
Die Medien und ihre Macht – darüber lässt sich trefflich streiten, denn nichts Genaues weiß man nicht. Was passiert, wenn eine journalistisch aufbereitete Information auf den Kopf eines sogenannten Rezipienten trifft, das hängt doch wohl auch von dem betreffenden Kopf ab. Am einfachsten ist es natürlich, wenn man annimmt, es mit Schafsköpfen zu tun zu haben.
So wie vor wenigen Wochen noch die gleichgeschalteten Medien in der DDR, die den „Republikflüchtlingen“ unisono unterstellten, den Trugbildern des Westfernsehens aufgesessen zu sein. Indem sie die Allmacht der Westmedien behaupteten, bescheinigten die Ostmedien sich ganz nebenbei ihre eigene Ohnmacht. Dabei dürften sie so wirkunglos gar nicht gewesen sein, aber ihre Schüsse gingen eben nach hinten los. Die abschreckende Wirkung einer gleichgeschalteten Medienpolitik ist nicht zu unterschätzen. Wem ständig eingebläut wird, wie gut es ihm geht, selbst wenn es ihm schlecht geht, dem geht es bald noch schlechter. Und es war ja nicht zuletzt diese ewige Phraseologie einer heilen sozialistischen Welt, die die Leute auf die Straße und in Harnisch brachte. Nicht ohne Erfolg, wie man weiß. Mit Erich Honecker wurde zugleich auch der Verantwortliche für diese Medienpolitik geschasst.
Nachdem nun einige Ochsen und Esel, die den Sozialismus in seinem Dauerlauf gebremst haben, abgetreten sind, wird drüben wohl intensivere und aufrichtigere Ursachenforschung getrieben und die Gründe für den Exodus weniger lauthals in den Umtrieben des Klassenfeindes gesucht, mit dem man nebenbei ganz gerne gute Geschäfte macht. Aber die Feststellung, dass das Westfernsehen die Flüchtlingswelle, wenn nicht verursacht, so doch angeheizt hat, ist so leicht nicht vom Tisch zu wischen. Kein Geringerer als ARD-Chefredakteur Fritz Pleitgen hat darüber ein paar offene Worte gesagt. Dass die DDR-Flüchtlinge in der Freiheit angekommen seien, ist tatsächlich dummes Gerede, „BILD“-Zeitungsstil im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Freiheit ist ein Ideal und kein bundesrepublikanischer Urzustand.
Wenn große Töne in der Berichterstattung Einzug halten, ist Vorsicht angebracht. Natürlich musste über die Flüchtlingsströme berichtet und die Freude der neuen Staatsbürger (West) ins Bild gerückt werden. Aber wäre es nicht die Pflicht eines guten Journalismus, die euphorischen Töne zu relativieren, zu zeigen, was Sache ist? Wohin mit den vielen, wenn die Wohnungen hierzulande immer knapper und unbezahlbarer werden? Wie sollen die Gemeinden, die schon jetzt über leere Kassen klagen, diesen Zustrom bewältigen? Solche und andere kritische Fragen wurden erst viel zu spät gestellt.
Ärgerlich auch das trauliche Wir-Gefühl, das sich zwischen Politikern und Fernsehjournalisten eingestellt hat. Eine bessere Promotion konnte sich Genschman gar nicht wünschen. Seien wir ehrlich. In der Flut der immer neuen Bilder und Nachrichten haben doch einige Journalisten den kühlen Kopf verloren.
Jetzt wäre es an der Zeit, das Geschehen sauber aufzuarbeiten, die Neubürger nicht aus dem Kameraauge zu verlieren. Und wenn, was zu hoffen ist, die SED-Gewaltigen der Wahrheit einen Sendeplatz in ihrem Medienapparat einräumen, dann kann man vielleicht, ohne falsche Triumphgefühle auf beiden Seiten, über die berichten, die im Westen Fuß gefasst haben, über die, die hier vor die Hunde gehen und über die, die in eine gewandelte DDR zurückkehren. Und das werden wohl gar nicht so wenige sein – nicht wegen des schönen Lächelns von Egon Krenz, sondern weil die hiesige Realität, aus der Nähe betrachtet, doch anders aussieht als im Westfernsehen.
Warum dem so ist, das steht auf einem anderen Blatt, todsicher nicht im Neuen Deutschland, sondern im nächsten Dr. Mabuse.
Mai 1990
In den letzten Monaten sterben sie hin, die großen Stars der großen Kino-Ära, und keiner tut etwas dagegen: Laurence OIivier, Bette Davis, Ava Gardner, Barbara Stanwyck, die göttliche Greta Garbo. Und auch der scheinbar unverwüstliche Luis Trenker wurde vor kurzem in die Heimaterde versenkt. Aber trocknen wir unsere Tränen, sie sind unter uns. Auf der Leinwand und auf der Mattscheibe (Auferstehung zweiter Klasse) werden sie weiterhin gegenwärtig sein, in aller Frische, in bester Verfassung.
Und immer wieder werden sie die Dinge tun, die wir so lieben. Immer wieder wird Humphrey Bogart in die tränenfeuchten Augen von Ingrid Bergman blicken, immer wieder wird Marilyn Monroe mit kessem Hüftschwung hauchen: „I wanna be loved by you“, immer wieder wird Gary Cooper zur Mittagszeit die Schurken über den Haufen schießen, und die frisch angetraute Grace Kelly wird ihm dabei Schützenhilfe leisten.
Mögen ihre Knochen schon lange in der Erde modern (falls sie nicht eine Feuerbestattung vorgezogen haben), an ihrem farbigen bzw. schwarzweißen Abglanz haben wir ihr Leben. Ich weiß: Es ist eine Illusion – aber was für eine! Es gibt ein Leben nach dem Tod. Das ist tröstlicher als tausende Worte zum Sonntag.
Dezember 1993
Deutsche Sprache, schwere Sprache, stöhnt selbst der deutsche Volksmund. Darum machen es sich viele Landsleute in letzter Zeit leicht (light) und versetzen das schwierige Deutsch, weil es eben einfach zu heavy ist, mit englischen Ausdrücken. Alles easy oder was?
Die grassierende Zweisprachigkeit ist aber weder ein Erfolg der Bildungspolitik, noch ist sie ein Zeichen dafür, dass der Europa-Gedanke den deutschen Volkskörper durchdrungen hat, sonst müssten wir ja in mehreren Zungen reden, in spanisch, italienisch, dänisch und – was am nächsten liegt – in französisch, aber nein, es ist das Englische, das sich im deutschen Sprachraum breiter und breiter macht oder sagen wir genauer, das Amerikanische. Über den Einfluss der anglo-amerikanischen Kultur auf das Nachkriegsdeutschland ist ja nun weiß Gott schon genug geschrieben und debattiert worden. Die Fixierung der Deutschen auf den amerikanischen Freund hat den Vietnam-Krieg, die Reagan-Arä und den wirtschaftlichen Niedergang der USA überstanden. Da erzählst du uns keine News, Mann.
Neu ist aber eben doch, mit welcher Macht (Power) die Amerikanisierung unserer Gesellschaft und Kultur nun auch sprachlich zum Ausdruck kommt. Dafür scheint es mir (neben dem oben genannten) vor allem zwei Gründe zu geben: Das Englische als Fachsprache der Computerwelt hat mit dem PC und Laptop Einzug in viele deutsche Haushalte gehalten und den Sprachgebrauch der Computerfreaks beeinflusst, die als die exponierten Vertreter einer Informationsgesellschaft selbstverständlich auf die Mitwelt ausstrahlen.
Der zweite noch weitaus gewichtigere Grund ist die alle Lebensbereiche durchdringende Werbung und die von ihr finanzierten Privatsender. Oder haben sie vor dem Aufkommen der privaten Kanäle schon von News (anstelle von Nachrichten), Game Shows, Sitcoms und dergleichen gehört? Aber wie könnte die Werbung, die diese Programme durchzieht und trägt, nicht auch auf das Programm und ihre Macher abfärben? Wie anglophil die Werbung ist, stelle ich beim Überblättern der Werbeseiten der von mir wahllos herangezogenen „Spiegel“-Ausgabe vom 8. November 1993 fest: „Longlife, Silent Power, FineClothing, The Swatch Attraction, Digital Scan, Think Wide, Stars of Europe, Handy und so geht es in einem fort.“
Jetzt stellt sich nur die Frage: Warum nicht? (Why not?). Da ist zum einen eine ganz altmodische Treue zur Muttersprache, die mir allemal wichtiger ist als das Vaterland. Und in meinen altmodischen deutschen Kopf will es nicht hinein, dass Nachrichten News heißen sollen, dass uns Tatsachen oder Fakten auf einmal als Facts serviert werden und Schlagzeilen als Headlines. Was, bitte schön, ist denn durch die Umbenennung gewonnen, welchen Mehrwert erhält unsere Kommunikation denn dadurch, dass klare, verständliche Ausdrücke durch englische ersetzt werden, dass die Alten die Jungen nicht mehr verstehen?
Wohlgemerkt: Es geht mir nicht um ein grundsätzliches Abschotten der deutschen Sprache gegen den Einfluss anderer Sprachen. Wie viel von unserem Wortschatz anderen Kulturen entlehnt ist, machen allein schon die grotesken Eindeutschungsversuche der Nazis deutlich: Gesichtserker statt Nase, Knallgas-Treibling statt Motor und ähnlicher Unfug mehr.
Gern erinnere ich mich des schönen Akzents, den französische Beimengungen in den Dialekt meiner Kindheit brachten, da ging man noch auf dem Trottoir, legte sich abends auf die Chaiselongue und der Polizist war ein Gendarm. Und so weltfremd bin ich auch nicht, dass ich annehme, dass sich der Sprachgebrauch im Bereich der Popmusik und der von ihr ausgehenden Jugendkultur „eindeutschen“ ließe. Die Power, die eine Rockband über die Rampe bringt, ist mit den deutschen Worten Macht oder Kraft kaum zu fassen, und Feeling und Gefühl meinen auch nicht ganz dasselbe.
Wohl mag das Wörtchen „happy“ den Seelenzustand eines Fußballers nach einem gewonnenen Spiel besser zu umschreiben als das tieferlotende „glücklich“.
Aber im Großen und Ganzen hat die Anglisierung des Deutschen ein Geschmäckle, das nicht der Geschmack der großen weiten Welt, sondern der parfümierte Dunst der hauptberuflichen Hochstapler, Windmacher, Sprücheklopfer und Beutelschneider ist. Mit englischen Etiketten lassen sich nicht nur aufgemotzte Trainingsanzüge (Jogging), für Flachländer völlig überflüssige Räder (Mountain Bike) und anderer Schrott weit besser verkaufen. Auch (Schein)-Themen, mit denen man auf dem Buchmarkt und in Talkshows ankommt, segeln am besten unter anglo-amerikanischer Flagge. Wer hätte je daran gedacht, dass die Mitte des Lebens besonders krisenanfällig ist, bevor die „Midlife-Crisis“ auf den Markt kam, und wer hätte je bemerkt, dass es im Berufsalltag unter Kollegen hart und ungerecht zugehen kann, bevor ein Schlaumeier das Stichwort „Mobbing“ in die Runde warf? Fast alles was im Trend (trendy) sein will, kommt englisch daher.
Wie in früheren Zeiten die Hochstapler durch französisches Parlieren ihre Weltläufigkeit und Vornehmheit beglaubigten, so peppen die Hochstapler von heute, die Werbemacher, die Zeitgeist-Journalisten, die Marketing-Fuzzis, die leitenden Angestellten, die Manager (die Nieten in Nadelstreifen) ihr schlechtes Deutsch mit Englisch-Brocken auf, um dem dummen Volk zu imponieren und die ganz Dummen plapperns ihnen nach, in der Hoffnung, dass sich mit dem gehobenen Jet-Set-Sprachgebrauch auch der gehobene Lifestyle (nebst Bankkonto) einstellen möge.
Wenn man dieses Schicki-Micki-Englisch ins Deutsche übersetzt, die neuen Kaiser ihres chicen Sprachgewands entkleidet, stehen sie ziemlich nackicht da. „When was the Last Time You felt all the Elements“ fragt die Boss-Werbung, und kein Boss-Anzug und auch kein Outdoor-Jacket würde hinreichen, ihre Blöße zu bedecken.
April 1994
Als der Krieg zu Ende war, führten die Sieger die Besiegten durch die Konzentrationslager und zeigten ihnen, was sie getan hatten. Nachdem der Krieg schon etwas länger zurücklag, zeigten die Filme dem deutschen Publikum, was zwischen 1933 und 1945 geschehen war.
Dazwischen in den fünfziger Jahren war das große Schweigen der Adenauerzeit. Honorige Bürger, die zwischendurch mal ein wenig gemordet hatten, wurden wieder honorige Bürger, und aus Jungen, die schneller wie die Windhunde durch die Weltgeschichte geeilt und härter als Kruppstahl das menschliche Leid, das sie selbst verursacht hatten, an sich abprallen ließen, wurden brave Familienväter, die munter daran gingen, das Wirtschaftswunder zu bewerkstelligen.
