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Helene ist im Alter von einundvierzig Jahren durch einen Unfall gestorben. Sie realisiert ihren eigenen Tod nicht und befindet sich noch im Diesseits. Sie entfernt sich vom Unfallort und spaziert auf ihrem bekannten Weg, der zum örtlichen See führt. Währenddessen erinnert sie sich an ihre Vergangenheit. Gedanken an Erlebnisse aus ihrer Kindheit tauchen auf. Am See angekommen trifft sie einen Fremden und beginnt ihre mystische Reise ins Unbekannte.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dieses Buch ist jenen Menschen gewidmet, die wissen, dass mehr existiert, als man mit den Augen sieht.
Vergangenheit
Gefühle
Lennie
Die Grille und das Denken
Sophia und der Archont
Die Wurzel
Körperlos
Die Welt des Klanges
Die Rückkehr
Jason Brancatelli
Leiden
Das Übernatürliche wird natürlich
Das Potential der Absicht
Ein Wiedersehen
Aufbruch
Dank
Über den Autor
Wir sind nur gekommen,
ein Traumbild zu sehen, wir sind
nur gekommen zu träumen, nicht wirklich,
nicht wirklich sind wir gekommen,
auf der Erde zu leben.
Tochihuitzin Coyolchiuhqui
(aztekischer Dichter, um 1419)
Es gibt Momente, in denen alles ruhiger ist. In denen die Zeit stillzustehen scheint und die Gedanken klar und sorgenlos sind. In solchen Momenten ist das Herz etwas wärmer, die Luft etwas lieblicher und alles, was man sieht, etwas schöner. Gerade ist ein solcher Moment. Ich heiße Helene, bin 41 Jahre alt, habe einen Sohn, keinen Mann und bin studierte Juristin. Es ist Sonntag und ich spaziere zum See. Ich laufe diesen Weg oft und kenne jeden Busch und jedes Haus, an dem ich vorbeilaufe. Ich wohne im dritten Stock und mein kleiner Balkon reicht nicht aus, um dieses sonnige Frühlingswetter zu genießen. Es ist der erste schöne Tag in diesem Jahr. Ein Tag so warm, als wäre es bereits Sommer. Ich laufe die Straße entlang, an der die Kirschbäume alleenartig stehen und in einem wunderschönen Rosa blühen. An der Zahnarztpraxis biege ich in einen Fußweg rechts ab. Am asiatischen Restaurant vorbei, eine Straße weiter an der Wäscherei biege ich links ab, vorbei an der Kindertagesstätte in Richtung Grundschule. Hinter der Grundschule passiere ich die römisch-katholische Kirche und laufe einen schmalen Pfad am Bach entlang, der mich zu meinem Ziel des Spazierganges führen wird. Vor drei Jahren bin ich beruflich an diesen Ort gezogen. Mein Arbeitsplatz befindet sich in der naheliegenden Stadt. Ich hatte mich damals entschieden nicht in der Stadt zu leben. Ich wollte mehr Natur in meiner Umgebung, und da ich davor viele Jahre inmitten einer Großstadt gelebt hatte und die vielen Angebote, die mir in dieser Großstadt geboten wurden, nicht genutzt hatte, habe ich mich entschieden in einen Vorort zu ziehen. Ich bin in einem Vorort aufgewachsen und habe mich an die Nähe zur Natur gewöhnt. Als Kind bin ich zu Fuß zu meinen Freundinnen gelaufen. In dem Vorort, in dem ich aufgewachsen bin, waren nicht viele Autos unterwegs und meine Eltern hatten keine Sorgen, dass etwas passieren konnte. In meiner Straße kannte ich die meisten Nachbarn, und die natürlich auch mich. Man wurde nicht nur gegrüßt, man musste auch grüßen. Meine beste Freundin hieß Stephanie. Sie ging mit meinem Bruder in eine Schulklasse und ich lernte sie über ihn kennen. Mein Bruder feierte seinen Geburtstag und seit dieser Feier war ich mit Stephanie verbunden. Später in meinem Leben bemerkte ich, dass Stephanie ein sehr merkwürdiger Mensch war. In jungen Jahren war es nicht so wichtig, ob jemand merkwürdig war. Man war noch nicht ausgereift und von den gesellschaftlichen Strukturen konditioniert, und es war daher nicht wichtig, ob jemand normal war. Als Kind hatte ich die Zeit mit Stephanie genossen. Wir hatten viel Spaß und Gemeinsamkeiten und ihr merkwürdiges Verhalten empfand ich eher als Bereicherung. Auf Außenstehende wirkte sie schüchtern und zurückhaltend, so als ob sie eine gewisse Scheu vor anderen Menschen hätte. In Wahrheit war es eine Maskerade von ihr. Sie beobachtete die Welt und nahm die Welt auf eine Weise wahr, die sie normal denkenden Menschen nicht mitteilen konnte, ohne dass sie sich als merkwürdig offenbart hätte. Sie nahm die Dinge wahr, wie als wäre sie nicht von dieser Welt und würde in einer Parallelwelt leben. Ihr Vater war Schauspieler an einem staatlichen Stadttheater. Eine Zeit lang besuchte sie eine Schauspielergruppe für Kinder. Ich glaubte, dass dies ihre Phantasie und Selbstidentität beeinflusst haben könnte. Sich in andere Rollen zu begeben, speziell wenn man jung ist, entführte sie in andere Identitäten. Als sie mich einmal besuchte, meinte sie ernsthaft, ob meine Holzmöbel aus Stein wären. Später im Leben erzählte sie mir mal, dass sie glaubte an Asperger erkrankt zu sein. In unseren jungen Jahren spielten wir nicht mit den üblichen Mädchenspielsachen, sondern zur Verwunderung ihrer Eltern spielten wir Computerspiele auf einem Atari-Computer. Noch zwanzig Jahre später schickte sie mir Textnachrichten auf mein Mobiltelefon, ob ich mich noch an die Zeit erinnern würde, in der wir Computerspiele gespielt haben. Mir gefiel es, eine Freundin zu haben, die in einer anderen Welt zu leben schien. Mit ihrem Verhalten schaffte sie es, dass ich mich in ihrer Welt wiederfand. Eine surreale Welt. An einem öffentlichen Spielplatz versteckten wir uns einmal in einem Gebüsch, als eine Familie den Spielplatz betrat. Plötzlich lief sie aus dem Gebüsch und spuckte aus heiterem Himmel der Mutter ins Gesicht. Die Frau war sichtlich geschockt und lief Stephanie hinterher. Stephanie war zu schnell für sie und plötzlich erwischte die Mutter mich. Ich war stehen geblieben, da ich über diese Handlung von Stephanie selbst verwundert war. Bei einer anderen Gelegenheit warf sie vor den Augen der Bauarbeiter Steine in die Mitte eines frisch gelegten Fundaments aus Beton. Wir flüchteten, so schnell wir konnten. Am anderen Ende der Straße, in der sie lebte, befand sich das städtische Krankenhaus. Es war ein großes Krankenhaus mit vielen unterschiedlichen Gebäuden. Es fiel nicht auf, wenn man das Gelände des Krankenhauses betrat, da die vielen wechselnden Patienten sich ebenfalls auf dem Gelände befanden. Wir stiegen immer an einer bekannten Stelle über die Mauer. Es war schön, dort zu spielen, denn das Gelände bot eine parkähnliche Atmosphäre. Es gab Springbrunnen, hohe Bäume befanden sich auf dem Gelände, und eine sehr große Wiese. Der Krankenhauskiosk bot eine große Auswahl an Süßigkeiten und Eis an. Das Krankenhaus war für uns ein interessanter Spielplatz. Einmal blieben an Silvester einige Kracher übrig und Stephanie hatte diese gemeinsam mit einem Feuerzeug von zuhause mitgenommen. Wir nahmen die Kracher und schlichen uns zu einem Gebäude innerhalb des Krankenhauses. Dieses Gebäude hatte eine abschüssige Einfahrt zu einem Tor. Die Einfahrt führte in das Untergeschoss des Krankenhauses. Wir nahmen die Kracher als Bewaffnung und schlichen uns durch das nicht abgeschlossene Tor. Der Gang dahinter war sehr breit. Die Wände waren cremefarben gestrichen und der Boden spiegelglatt. An den Ecken der Decken war die Beleuchtung des Ganges angebracht. Wir liefen den Gang entlang und bogen dann nach links ab. An der rechten Seite waren diese Klappen in der Wand angebracht und wir wussten vom Fernsehen her, was das für Klappen waren. Es waren die aus Metall bestehenden Klappen, die ausfahrbar waren und in denen die Toten lagen. Wir liefen den sehr langen Gang weiter und kamen zu einem großen Raum, in dem viele Rohre zusammenliefen und in dem große Geräte laute Geräusche von sich gaben. Die verschiedenen Gebäude des Krankenhauses mussten augenscheinlich unterirdisch miteinander verbunden sein. Plötzlich sahen wir, dass von dem Gang, aus dem wir gekommen waren, uns ein kleines Fahrzeug entgegenkam. Es war ein kleines Fahrzeug, das anscheinend Betten oder andere Dinge zwischen den einzelnen Gebäuden transportierte. Wir liefen den Gang entlang und versteckten uns unter einem Bett, welches an der Seite eines Ganges stand. Das Fahrzeug fuhr an uns vorbei und der Fahrer schien uns nicht bemerkt zu haben. Ohne dass wir unseren Plan, mit unseren Krachern etwas in die Luft zu sprengen, umsetzen konnten, rannten wir, so schnell wir konnten, zum Ausgang und verließen unbemerkt das Krankenhaus. Die Eltern von Stephanie hatten kein Auto. Passenderweise vertrug sie es nicht, in einem Auto zu fahren. Ihr wurde vom Autofahren schlecht. An einer Geburtstagsfeier fuhren uns die Eltern des Geburtstagskindes mit dem großen Auto zu einem Spielplatz, als ihr plötzlich schlecht wurde und sie sich übergeben musste. Später in ihrem Leben hatte sie einmal ein Auto gekauft. Sie brachte es fertig, innerhalb weniger Monate in mehrere Unfälle verwickelt zu sein, ehe sie das Auto verschrotten ließ und von da an auf das Auto verzichtete. Als wir zwanzig Jahre alt waren, unternahmen wir eine Weltreise und flogen nach Indonesien. Wir kauften uns expeditionsähnliche Outdoorbekleidung und merkten bereits am Flughafen, dass wir von anderen Reisenden beobachtet wurden. Die Personenkontrolle war bei uns dann etwas ausführlicher als üblich. Wir landeten in der indonesischen Hauptstadt Jakarta und reisten von dort per Zug östlich durch die Insel Java. Wir besichtigten die Stadt Yogyakarta, bestiegen den Vulkan Bromo, setzten per Fähre nach Bali über und erkundeten die Insel Bali und die im Osten benachbarte Insel Lombok. Nördlich der Insel Lombok befanden sich drei sehr kleine Inseln, die Gili-Inseln. Es gab hier keine Straßen und Hotels. Übernachtet wurde hier in einfachen von Einheimischen vermieteten Holzhütten. Es gefiel uns hier, denn hier fühlten wir uns fernab jeglicher Zivilisation. Abends setzten wir uns an den Strand und rätselten, was wir wohl beruflich einmal werden würden. Wir trafen einen Holländer, der Marketing-Manager eines Streichkäseherstellers war und uns erzählte, dass vor kurzem sein neuer Streichkäse in die Supermarktregale eingeführt wurde. Wir fanden den Holländer sehr attraktiv, wollten allerdings seinem Gerede über Käse und Supermärkte nicht weiter zuhören. Wir reisten weiter nach Osten und durchquerten die Insel Sumbawa und setzten östlich von Sumbawa auf die Insel Flores über. Wir übernachteten in Westflores, in einer Hütte in der Nähe des Meeres. Stephanie aß gerne Fisch, ekelte sich aber vor den Augen der Fische. Im Restaurant bedeckte sie immer die Fischaugen mit einem Salatblatt. Sie meinte, dass die Augen sie daran erinnern würden, dass sie ein Tier aß. Mit einem Holzboot ließen wir uns einmal zu einem wunderschönen Strand fahren. Hier trafen wir auf einen Touristen, der vor kurzem eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt hatte. Wir waren verwundert, wie offen manche Menschen waren. Das Wasser war sehr klar und die Strände traumhaft. Diese Reise mit Stephanie war wunderschön. Stephanie hatte immer das Gefühl, viel Geld verdienen zu müssen. Sie hat ihren Eltern Vorwürfe über deren niedrigeres Einkommen gemacht. Sie studierte Jura und obwohl sie ein gutes Studium absolvierte, war ihr das Ergebnis nicht gut genug. Sie wiederholte die Abschlussprüfung, weil sie der Meinung war, ohne sehr gutes Prädikatsexamen später nicht so viel Geld verdienen zu können. Sie war ein Spätzünder und hatte bis Anfang dreißig keine Erfahrungen mit Männern. Irgendwann fing sie an auszugehen und Alkohol zu trinken. Obwohl sie schlank und nicht sehr groß war, konnte sie sehr viel Alkohol vertragen und erstaunlicherweise noch normal wirken. Sie fing irgendwann an öfters auszugehen und hatte viele Männer. Stephanie ist ein Jahr älter als ich und sie mag ihren Job als Juristin nur, weil sie viel Geld verdient und dafür nicht sehr viel arbeiten muss. Ihre Firma wurde vor kurzem verkauft und der neue Eigentümer bemerkte, dass viele Mitarbeiter nicht das nötige Arbeitspensum erreichten. Sie teilte mir ausdrücklich mit, dass es ihr missfiel, unter dem neuen Eigentümer mehr arbeiten zu müssen. Im Grunde war ihr die Arbeit egal. Die Arbeit musste bequem sein, ihr Ansehen verschaffen und genug Geld einbringen. Sie hatte eine längere Beziehung mit einem Mann, der noch studierte und dem sie alles bezahlte. Sie bezahlte die gemeinsame Wohnung, seine Kleidung, die Urlaube und das Essen. Er wollte eine Familie mit ihr gründen, doch sie ging nach wie vor jedes Wochenende feiern und trank bis spät in die Nacht viel Alkohol. Die Beziehung zerbrach und sie trauerte ihm nach und bezahlte ihm noch für ein ganzes Jahr die Miete seiner Wohnung. Wenig später lernte sie im Urlaub einen Mann kennen, der ebenfalls kein Geld verdiente und dem sie finanziell unter die Arme greifen konnte. Manche Menschen verhalten sich nach gewissen Mustern, von denen sie anscheinend niemals abweichen.
Ulrike lernte ich in der Grundschule kennen. Sie war perfektionistisch veranlagt und sehr intelligent. Sie konnte sich einfach alles merken und behalten, ganz wie ein Computer. In der Schule schrieb sie nur gute Noten und war deutlich besser als ihre Schwester. Sie war ein kompletter Kontrast zur Stephanie. Im Gegensatz zur Stephanie hatte sie wenig Phantasie, dafür konnte sie alles, was sie einmal gehört hatte, behalten und wiedergeben. Sie vergaß einfach nichts. Man konnte sie alles fragen und wenn man sie etwas fragte, dann sprudelten gespeicherte Weisheiten aus ihr heraus. Allerdings hatte sie ein großes Problem. Ein Hindernis, das sie ihr ganzes Leben verfolgte. Sie konnte mit Dingen nicht abschließen, weil etwas abzuschließen bedeutete etwas loszulassen und zu verlieren. Etwas abzuschließen bedeutet, mit etwas Frieden zu schließen. Dieser Zustand, nicht abschließen zu können, basierte auf den Erlebnissen mit ihrer Mutter. Ihre Mutter war verstorben, als sie vierzehn Jahre alt war. Ihre Mutter hatte ihr das ganze Leben lang zu verstehen gegeben, dass sie kein Wunschkind war. Sie hatte eine Schwester, die von der Mutter bevorzugt wurde. Ihre Mutter brachte immer Süßigkeiten vom Einkaufen mit. Sie gab diese Süßigkeiten der Schwester von Ulrike. Ulrike bekam nichts. Die Mutter von Ulrike benachteiligte Ulrike, aus welchen Gründen auch immer. Als ihre Mutter starb, trug Ulrike ein Jahr lang schwarze Kleider. Sie hatte sich nicht von ihrer Mutter, welche sie nicht wollte, ordentlich verabschieden können. Sie trauerte um sich selber und nicht um die verhasste Mutter, die endlich tot war. Eine Zeitlang ging ich oft zu Ulrike. Wir gingen zusammen shoppen und unterhielten uns über die Schule und Jungs und über alles, was angesagt war. Sie war genauso wie Stephanie eine Spätzünderin und hatte erste Erfahrungen mit Männern erst mit Anfang dreißig. Sie lernte über eine Online-Kontaktbörse ihren zukünftigen Mann kennen und brach darauf den Kontakt vollständig zu mir ab. Ich habe seitdem nie wieder etwas von ihr gehört.
Mit achtzehn Jahren lernte ich Elisabeth kennen. Elisabeth war ein Einzelkind und hatte im Keller ihrer Eltern eine Art Wohnzimmer. Der Raum war schön eingerichtet. Im Keller befanden sich ein eigenes Bad und ein Kühlschrank. Wir trafen uns über viele Jahre hinweg jeden Freitag bei Elisabeth. Wir hörten Musik, unterhielten uns über Mode und tranken Alkohol. Die Diskotheken öffneten damals erst sehr spät und hier hatten wir die Möglichkeit, uns auf die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Ulrike war auch immer dabei. Meistens holte ich Ulrike, die in meiner Nähe wohnte, mit dem Auto ab und wir fuhren gemeinsam zur Elisabeth. Elisabeth war sehr hilfsbereit und man konnte sich immer auf sie verlassen. Sie trank sehr viel Alkohol und war sehr hübsch. Sie war schlank, hatte einen mittelgroßen Busen und große rehbraune Augen. Sie pflegte ihr langes braunes Haar, welches ihren ohnehin schönen Körper nur noch attraktiver machte. Ich habe nie mehr jemanden kennengelernt, der sich so sehr für Körperpflege interessierte wie Elisabeth. Sie verwendete unzählige kosmetische Produkte, duschte sich manchmal zweimal am Tag und ging niemals ungeschminkt aus dem Haus. Die Jungs fanden sie alle attraktiv und sie brauchte abends nicht lange zu warten, bis sie von Jungs umzingelt war. Natürlich profitierten wir alle von ihr. Sie war die Queen unserer Gruppe. Sie lebte immer im Augenblick und machte sich keine Gedanken über die Zukunft oder Vergangenheit. Es ging ihr immer darum, was jetzt ist und jetzt gemacht werden kann. Während andere sich damit beschäftigten, was nächstes Wochenende unternommen werden kann, beschäftigte sie sich immer mit dem Heute. Dies schaffte eine schöne Atmosphäre an unseren Abenden, weil jeder Abend dadurch zu etwas Besonderem wurde. Besonders, weil wir uns alle keine Gedanken über die Zukunft machten. An einem Abend, wir waren in einer Diskothek, entstand ein Streit mit anderen Mädchen und sie versuchte zu schlichten, sie machte dabei die Situation allerdings nur noch schlimmer. Der Abend endete damit, dass Elisabeth und ich mit diversen blauen Flecken im Krankenhaus gelandet sind. Ihr Großvater hatte ihr zu ihrem achtzehnten Geburtstag ein rotes Cabriolet geschenkt. Damit weckte sie vor allem auch bei den Jungs Aufmerksamkeit. Sie fing eine Ausbildung als Kosmetikerin an und eröffnete ihr eigenes Kosmetikstudio. Im Laufe der Zeit nahm das Interesse am Ausgehen bei uns ab, nicht jedoch bei Elisabeth. Die gemeinsamen Abende ließen nach, als wir alle Mitte zwanzig waren. Elisabeth ging immer aus und trank immer Alkohol. Später hatte sie Probleme, ihrer Arbeit nachzugehen. Ich traf sie einmal später und sie erzählte mir von ihren Gefühlen und Problemen. Sie hatte im Laufe der Zeit sehr intensive Angstzustände bekommen. Sie sagte, sie könne diese Angst nur mildern, indem sie Alkohol trinken würde. Teilweise sei das Verlangen nach Alkohol bereits morgens vorhanden. Mit Ende dreißig schaffte sie es nicht mehr, ihr Geschäft aufrechtzuerhalten, und bekam wirtschaftliche Probleme. Am Ende hatte sie kaum noch Kunden. Man sah ihr den über viele Jahre hohen Alkoholkonsum und ihr exzessives Nachtleben an. Sie meinte irgendwann, dass die ganzen chemischen Substanzen aus den Kosmetikprodukten daran schuld seien, dass sie sich nicht mehr gut fühlte. Sie hatte über einen längeren Zeitraum die Miete nicht zahlen können und ihr Geschäft wurde geschlossen. Sie schaffte es nicht, selber diesen Schritt zu unternehmen, und ging zum Gemeindebüro, in dem sie einen Nervenzusammenbruch erlitt. Sie stammelte wilde Theorien von sich und meinte, dass irgendwelche Wesen sie verfolgen würden. Sie bat die Mitarbeiter des Gemeindeamtes, dass dringend etwas unternommen werden müsste und sie sofort Hilfe benötigte. Sie stimmte noch in dem Büro der Gemeinde der Einweisung in eine psychiatrische Klinik zu. Ich begegnete ihr später einmal, als sie wieder draußen war. Sie lebte bei ihren Eltern und sah körperlich und seelisch gezeichnet aus. Ihre Augen waren gelb, weite Teile ihres Kopfes waren spärlich mit Haar bedeckt. Sie war sehr schlank und sagte, dass sie kaum etwas essen kann. Ab und an würde sie sich eine Dose Eintopf zubereiten und schaffte es dann, ein Drittel davon zu essen. Sie trank weiterhin täglich viel Alkohol. Man kann sagen, dass Elisabeth in wenigen Jahren sehr viel und sehr intensiv gelebt hatte. Für mich ist sie ein Beispiel dafür, dass das Leben für alle endlich ist. Man kann es intensiv leben, und dann ist es oftmals schnell und kurz, oder lang und dann ist es oftmals langatmig. Ich mag Elisabeth, auch wenn sie sich nie richtig um ihre drei Kinder, die sie von zwei verschiedenen Männern hat, gekümmert hat.
Einer meiner treuesten Weggefährten war Jon. Ich lernte Jon in der Schule kennen. Er war nicht nur schüchtern bei den Mädchen, sondern er war gegenüber allen Menschen zurückhaltend. Er hatte soziale Ängste, die verhinderten, dass er sich auf normalem Wege ausleben konnte. Wenn er von jemandem etwas gefragt wurde, dann wurde er nervös und es dauerte lange, bis er antworten konnte. Im Laufe der Zeit verwendete er immer das Wort »äh«. Wenn er gefragt wurde, kam erstmal ein »äh«. Hierdurch schaffte er es, seine Nervosität zu verringern und Zeit für eine Antwort zu gewinnen. Er lebte permanent in einer eigenen Welt und als die Computer noch nicht sehr verbreitet waren und in jedem Haushalt vorzufinden waren, fing er an sich für Computer zu interessieren und sich damit zu beschäftigen. Der Computer war der ideale Rückzugsort für Jon. Ein Computer macht einen nicht nervös. Im besten Fall macht ein Computer einfach nur, was man möchte. Seine mangelnde Aufmerksamkeit allen Mitmenschen gegenüber führte dazu, dass er vieles vergaß. Er vergaß Geburtstage, er verlor seine Portemonnaies, er vergaß seinen Rucksack, er vergaß Kleidungsstücke und benötigte unnatürlich lang um sich für etwas zu entscheiden. Selbst beim Bäcker erhielt die Verkäuferin erstmal einen unsicheren Blick und ein mehrfaches »äh«. Er freundete sich nicht nur mit dem Computer an, sondern fing in jungen Jahren an Marihuana zu rauchen. Er lebte sehr lange bei seinen Eltern und seine Eltern hatten ein großes Haus mit einem nicht ausgebauten Dachgeschoss. Das Dachgeschoss war sein Reich. Hier konnte er sich zurückziehen und Marihuana rauchen. Er rauchte über viele Jahre mehrere Joints pro Tag. Der Computer und Marihuana waren sein Hobby und wurden sein täglicher Begleiter. Er fing konsequenterweise an Informatik zu studieren und schloss dieses Studium erwartungsgemäß sehr gut ab. Er interessierte sich eine Zeit lang für Chemie. Speziell die Funktionsweise von Sprengstoffen hatte sein Interesse geweckt. Er bestellte sich diverse Chemikalien im Internet und baute aus diesen Sprengstoffe. Er erzählte mir einmal lange von der explosiven Kraft diverser Sprengstoffe und lud mich ein, einen von ihm gebauten sehr kraftvollen Sprengstoff auf einem Acker zu zünden. Ich hatte davor zu viel Angst und sagte ihm immer wieder, er solle aufpassen, dass ihm nichts passiert. Er sprengte dann eines Nachts einen metertiefen Krater in einen Acker und erzählte mir stolz davon. Eines Tages fuhren mehrere schwere Fahrzeuge eines Sondereinsatzkommandos bei seinen Eltern vor und durchsuchten das Haus seiner Eltern mit einem Durchsuchungsbefehl. Sie beschlagnahmten die gefundenen Substanzen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt keine fertigen Sprengstoffe im Haus, sondern nur die Chemikalien, um diese herzustellen. Hierdurch kam er nochmal glimpflich davon. Er wünschte sich eine Freundin. Seine mangelnde Sozialkompetenz und sein verklemmtes Auftreten hinderten ihn viele Jahre daran, eine Partnerschaft einzugehen. Er hörte irgendwann auf Marihuana zu rauchen und zog in eine eigene Wohnung. Er veränderte seine Ernährungsgewohnheiten und fing an Sport zu treiben. Er lernte später auf einer Thailandreise eine ebenfalls zurückhaltende Frau kennen. Er wollte sie nicht heiraten, aber dennoch mit ihr zusammen sein. Er flog mehrmals im Jahr nach Thailand und sie mehrmals im Jahr zu ihm. Er wollte nicht, dass sie bei ihm einzieht. Seine mangelnde Entscheidungsfreudigkeit und seine latente Lethargie wurde er niemals los.
