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Die Gesellschaft erlebt sich in einem Krisenmodus, ausgelöst durch eine Vielzahl ökologischer, sozialer und politischer Fehlentwicklungen. Was treibt diese an und wie können sie abgewendet werden? Bei der Beantwortung dieser Fragen wendet sich der Sozialwissenschaftler und Ethiker Thilo Hagendorff einem zentralen und dennoch kaum beachteten Aspekt zu: dem menschlichen Verhältnis zu Tieren. Denn gerade die industrielle Nutzung und Tötung von Tieren hat versteckte, aber weitreichende Implikationen für alle der genannten Fehlentwicklungen. Hagendorff zeigt die ideologischen wie psychologischen Mechanismen auf, die nicht nur zur Akzeptanz und Unterstützung von Gewalt gegenüber Tieren, sondern auch gegenüber Menschen führen. Mit Rückgriff auf zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse macht er deutlich, dass die Abwendung aktueller Krisen untrennbar mit einem veränderten Umgang mit Tieren verknüpft ist. Eine von Frieden und gegenseitigem Respekt geprägte Gesellschaft ist ohne die Beendigung der globalen Tierindustrie nicht denkbar.
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Thilo Hagendorff
Was sich am Fleisch entscheidet
Über die politische Bedeutung von Tieren
ISBN (Print) 978-3-96317-237-3
ISBN (ePDF) 978-3-96317-774-3
ISBN (ePUB) 978-3-96317-775-0
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Menschen und Elefanten haben viele Gemeinsamkeiten. Genau wie Menschen sind Elefanten überaus soziale Wesen. Sie empfinden Empathie, verfügen über ein komplexes Gefühlsleben und Selbstbewusstsein und handeln nach moralischen Regeln. Die Tiere leben in unterschiedlich großen Familienverbünden zusammen, die von einem alten, erfahrenen Muttertier angeführt werden. Alle Tiere sorgen liebevoll füreinander, indem sie beispielsweise kranken oder verletzten Artgenossen Hilfe leisten. Wenn ein Elefant oder auch ein artfremdes Tier wie etwa ein befreundetes Nashorn stirbt, trauern die anderen Mitglieder der Gemeinschaft um es. Sie berühren den Körper des toten Tieres vorsichtig mit ihren Rüsseln, stehen einfach nur für eine Zeitlang in der Nähe des Körpers oder stoßen Laute der Trauer aus. Insgesamt sind Elefanten äußerst friedliche, ruhige und rücksichtsvolle Tiere. Dies kann sich jedoch ändern.
Die größte Gefahr für das Leben und Wohlbefinden von Elefanten stellt der Mensch dar. Er jagt sie wegen ihrer Stoßzähne, nutzt sie zur Beförderung von Lasten oder führt sie in Zirkussen vor. Außerdem drängt er sie in immer kleinere Lebensbereiche zurück. Durch Menschenhand werden jährlich viele Tausend Elefanten getötet.1 Wenn junge Elefanten sehen, wie Mitglieder ihrer Herde oder gar ihre Mutter erschossen oder auf andere Weise getötet werden, brennt sich dieses Erlebnis tief in das Gedächtnis der Tiere ein. Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Elefanten, die derart traumatisiert worden sind, ihrerseits möglicherweise beginnen, andere Lebewesen zu töten. Unter den Opfern befinden sich dabei nicht selten auch Menschen.2 Elefanten, die verstörende Ereignisse wie etwa den Tod von nahestehenden Artgenossen miterleben müssen, entwickeln Symptome, die einer posttraumatischen Belastungsstörung gleichen.3 Sie sind depressiv, übermäßig schreckhaft oder zeigen ein unberechenbares, hyperaggressives Verhalten. Bei Elefantenkindern, die ein Massaker durch Wilderer überlebt, dabei aber den Verlust der Muttertiere erlebt haben, hinterlassen derartige Ereignisse einen lebenslangen Einfluss auf ihre psychosoziale Konstitution. Insbesondere die Störung oder gewaltsame Aufhebung einer natürlichen Mutter-Kind-Beziehung oder die Ermordung der wichtigen Leitkuh bedeutet für Elefanten nahezu unweigerlich, dass sie psychische Pathologien entwickeln.
Mitunter ziehen Elefantenherden durch die Savanne, die lediglich aus jungen Tieren bestehen. Diese sind sich selbst überlassen, ohne die wichtige Begleitung der älteren Tiere. Eine Folge dessen sind willkürliche Fehden der Elefanten untereinander. Viele Elefantenbullen sterben, weil sie mit anderen Bullen in Kämpfe verwickelt werden. Ferner kommt es vor, dass Elefantenmütter ihre Kinder vernachlässigen oder abstoßen. Manche Mütter töten die Kinder anderer Elefanten. Zudem gibt es chronisch gestresste oder anderweitig verhaltensauffällige Tiere. Dazu gehören auch »Killerelefanten«, die Menschen angreifen, tottrampeln oder in menschlichen Siedlungen randalieren. Als resozialisierbar gelten psychisch kranke beziehungsweise verhaltensgestörte Elefanten nicht.4 Alles in allem kann festgestellt werden, dass die Störung des natürlichen Sozialgefüges bei Elefanten dazu führt, dass diese nicht mehr in der Lage sind, ein friedliches Zusammenleben zu führen. Die eigentlich sensiblen, empathischen Tiere verrohen Stück um Stück.
Etwas Ähnliches lässt sich auch bei Tieren beobachten, die in Zoos gefangen gehalten werden. Primaten beispielsweise müssen in Zoos in Gehegen leben, die im Vergleich zu den natürlichen Lebensräumen der Tiere klein und beengend sind. Beobachtet man die Tiere über einen längeren Zeitraum, kann man feststellen, dass sie starke Spannungen und Aggressionen zeigen. Starke Tiere unterdrücken ihre schwächeren Artgenossen. Mütter vernachlässigen ihre Kinder. Kämpfe und Beißereien unter den Tieren führen zu Toten und Verletzten. Bereits vor vielen Jahrzehnten konnte bei Vergleichen zwischen in Freiheit sowie in Zoos lebenden Tieren gezeigt werden, dass aggressive Handlungen in Gefangenschaft signifikant häufiger auftreten als in freier Wildbahn.5 Heute stellt man die Tiere, die durch die widrigen Lebensumstände im Zoo Verhaltensstörungen entwickeln – und dies sind je nach Tierart durchweg alle Tiere6 –, schlicht mit Psychopharmaka ruhig.7
Es besteht kein Zweifel mehr darüber, dass bei Tieren – nicht anders als bei Menschen – Umwelteinflüsse einen signifikanten Einfluss darauf haben, inwieweit aggressive beziehungsweise destruktive Verhaltensweisen auftreten.8 Der berühmte Sozialpsychologe Erich Fromm, der sich in seiner Forschung ebenfalls mit aggressivem Verhalten im Tierreich auseinandergesetzt hat, schreibt im Hinblick auf in der Gefangenschaft von Zoos lebende Tiere: »Die Gemeinschaft [der Tiere] wird zu einem haßerfüllten Mob. Alle entspannen sich nur selten, man hat nie den Eindruck, daß sie sich wohl fühlen, und es kommt zu einem ständigen Zischen, Knurren und sogar zu Kämpfen.«9 Anhand der Untersuchungen in Zoos lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass die Häufigkeit aggressiver und gewalttätiger Handlungen in einem Abhängigkeitsverhältnis steht mit der »Populationsdichte« der Tiere. Der Begriff der »Populationsdichte« greift hierbei jedoch letztlich zu kurz, da er die Tatsache verbirgt, dass mit einer Veränderung räumlicher Strukturen gleichsam eine Veränderung oder eben Zerstörung natürlicher Sozialstrukturen einhergeht.10 Letzteres verursacht schließlich gewalttätiges, destruktives oder aggressives Verhalten, im Zuge dessen sich die Tiere untereinander unnötig Schmerzen und Leiden zufügen.
Was für die Gemeinschaft der Elefanten oder der Affen gilt, hat viel mit der Gesellschaft der Menschen zu tun. Auch sie leben vielerorts unter den Bedingungen beschädigter Sozialstrukturen. Auch sie sind verroht. Auch sie diskriminieren oder bekämpfen sich gegenseitig. Mitunter bringen sie sich aus Hass gegenseitig um. Sie handeln rücksichtslos, respektlos, achtlos. Sie sind vielfach unfähig, sich angemessen um ihre eigenen Kinder zu kümmern. Sie leiden an körperlichen und psychischen Erkrankungen und vielem mehr. Die Gründe dafür sind die gleichen wie bei den Elefanten oder den gefangenen Affen. Menschen haben verlernt, ein friedliches Leben zu führen. Sie haben ihre natürlichen Lebensgrundlagen und ihre natürliche Art des Zusammenlebens, die geprägt ist durch Empathie, Kooperation und Fairness, vielerorts vernichtet – genau wie sie dies mit den Elefanten getan haben oder mit den Tieren, die sie gefangen halten. Die Dinge sind aus dem Ruder gelaufen.
Die Idee, Parallelen zu ziehen zwischen tierlichen und menschlichen Gesellschaften, ist dabei weniger abwegig, als es vorerst scheinen mag. Bereits die beiden Wissenschaftler Marc Bekoff und Jessica Pierce haben in ihrer Forschung, in der sie moralisches Handeln bei Tieren untersuchen, diesen Gedanken festgehalten. Sie schreiben: »Wenn menschliche Gesellschaften zerfallen und das soziale Gefüge beschädigt wird, verlieren Menschen oft ihre moralische Orientierung. Dies kann auch für Tiergesellschaften gelten, die durch normative Standards und Verhaltensweisen zusammengehalten werden.«11 Ähnlich wie Elefanten werden Menschen, diese aufgrund ihrer besonderen sozialen Fähigkeiten eigentlich so großartigen Tiere, vielfach ihren Potenzialen nicht mehr gerecht. Die Gesellschaft hat sich in einen Zustand manövriert, in dem Menschen sich gegenseitig daran hindern, ein friedliches, ausgeglichenes, nachhaltiges Leben führen zu können. Ein in großen Teilen rücksichtslos agierendes Wirtschaftssystem, die hohen Bevölkerungsdichten, der kollektive Stress, ein naturzerstörerischer Lebensstil und fehlende soziale Kohäsion haben dazu geführt, dass Gesellschaften sich in einem Strudel aus mehr oder minder subtiler Diskriminierung, Hass oder gar Gewalt befinden. Dabei wird das »falsche Leben«12, wie der Philosoph Theodor W. Adorno es nennt, von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben. Und in vielen Kindern und Jugendlichen, die über nichts weniger als die Zukunft des Planeten entscheiden, prägt sich das »falsche Leben« ein, noch bevor sie in der Lage sind, die Falschheit desselben zu reflektieren und sich von ihm loszusagen. Teil des falschen Lebens ist, nicht den Mut und das Selbstbewusstsein zu erlangen, von bestehenden Verhältnissen abzuweichen, gegen etablierte Normen zu handeln oder das Normale zu hinterfragen. Dies härtet das falsche Leben in der Gesellschaft aus, und es zu verändern scheint nahezu unmöglich geworden zu sein.
Die Umstände, die das Leben in der Moderne kennzeichnen, sind von vielen – auch moralischen – Fortschritten geprägt.13 Dennoch gibt es offensichtlich diverse Entwicklungen, die mit Sorge zu betrachten sind. So verbreiten terroristische Vereinigungen überall auf der Welt Gewalt und Schrecken. Militäroffensiven durch verschiedene Nationen kosten Tausende Tote und traumatisieren Menschen über Generationen hinweg. Konflikte, Armut und Ressourcenknappheit treiben Millionen von Menschen in die Flucht. Polizeigewalt gegen missliebige Menschen, Demonstrierende oder die Ausübung zivilen Ungehorsams führt zu Verletzten und manchmal sogar Toten. Die Wut der Menschen resultiert in immer heftigeren Ausschreitungen. In diversen Ländern wählen Menschen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein, Diktatoren und Despoten ins Amt. Durch deren Agieren erodieren die Grundlagen eigentlich demokratisch organisierter Länder. Gruppierungen mit dem Charakter von Parallelgesellschaften mit rassistischen, nationalistischen oder anderweitig fanatischen Doktrinen erleben einen anhaltenden Zulauf. Insgesamt gewinnt die politische Rechte vielerorts an Stärke. Getragen wird sie von einem Milieu zumeist bildungsferner Menschen,14 dessen Entstehung durch bildungspolitische Verfehlungen nicht verhindert wurde. So ist eine Situation entstanden, in der Ideologien, die vom Hass auf »Andere« beziehungsweise soziale Fremdgruppen durchsetzt sind, das Denken und Handeln von vielen Menschen bestimmen. Rationale Diskussionen sind durch den verbreiteten Dogmatismus kaum noch möglich und enden oftmals in bloßen Beleidigungsexzessen. Verzerrt wird die Meinungs- und Überzeugungsbildung durch digitale Medien und Plattformen inklusive deren algorithmischer Selektion von Nachrichten und Anzeigen.15 Dabei verringert sich nicht zuletzt die gesellschaftliche Kohäsion, wobei es zu einer zunehmenden Polarisierung und Radikalisierung politischer Ansichten kommt.16
Doch selbst angesichts all dessen muss festgestellt werden, dass allzu pessimistische Gesellschaftsanalysen, wie sie derzeit immer häufiger gezeichnet werden, mitunter schlicht falsch sind oder eindeutig positive Entwicklungen verkennen.17 Und dennoch ist nicht zu verleugnen, dass trotz der lang anhaltenden Friedenszeiten auf vielen Teilen der Erde die Menschheit sich durch eine ganze Reihe kollektiver Fehlentscheidungen in eine nie zuvor dagewesene Nähe zu existenziellen, lebensbedrohlichen Risiken gebracht hat.18 Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Risiken auftreten können sowie der Intensität der Auswirkungen derselben. Zu den Risiken mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit gehören laut einer Studie des World Economic Forum extreme Wetterereignisse, Naturkatastrophen, ein Fortschreiten des Klimawandels, Cyberattacken, große Fluchtbewegungen, Terroranschläge oder ökonomische Schadensszenarien. Zu den Risiken mit den stärksten Auswirkungen gehören der Einsatz von Massenvernichtungswaffen, extreme Wetterereignisse, Naturkatastrophen, der Klimawandel, das Artensterben, Wasser- und Lebensmittelknappheit, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten sowie abermals Cyberangriffe und Massenmigration.19 Auffällig bei dieser Auflistung ist, dass die überwiegende Mehrzahl der existenziellen Risiken ökologisch bedingt ist und als Folge eines gestörten Naturverhältnisses der Menschen auftritt. Nur wenige Risiken werden ausgelöst durch technologische, wirtschaftliche oder geopolitische Entwicklungen. Dies deutet darauf hin, dass das Fortbestehen der friedlichen und sicheren Lebensumstände, die in menschlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten errungen worden sind, am massivsten beeinflusst wird von der kollektiven Entscheidung für oder gegen ein umwelt- und klimaverantwortliches Handeln. Hierbei nimmt wiederum das Verhältnis zu den Tieren eine entscheidende und zentrale Rolle ein, schließlich gehen, wie ich noch ausführlicher zeigen möchte, wesentliche Anteile der aktuellen Naturzerstörung auf ein global ausgeweitetes System der Haltung von Milliarden an »Nutztieren« zurück. Darauf wird bislang nur allzu selten der Blick gerichtet.
Die Krisen moderner Gesellschaften ließen sich zu einer nicht enden wollenden Auflistung zusammenstellen. Dabei hat die Vielzahl aktueller sozialer und ökologischer Problemlagen ebenso viele Forderungen nach der Auflösung derselben hervorgebracht. In diesem Kontext bestimmen insbesondere einschlägige Massenmedien das »Agenda-Setting«.20 Agenda-Setting bedeutet, dass etablierte Medien festlegen, worüber Menschen nachdenken und worüber sie sich unterhalten, wenn sie sich über das gesellschaftliche Geschehen austauschen und dabei eben Lösungen für soziale Probleme diskutieren. Weil sich aber die Medien in der Art, wie sie Berichterstattung betreiben, selektiv auf solche Ereignisse fokussieren, die mit einem bestimmten Nachrichtenwert versehen sind, gruppieren sich auch viele politische Aushandlungen und Forderungen ausschließlich um diese Ereignisse. Medien, Politik und Öffentlichkeit grenzen dabei unter gegenseitiger Beeinflussung ein, was an Themen überhaupt diskutiert wird. Diese Engführung dessen, was an Problemen und Problemlösungen medial, politisch oder öffentlich behandelt wird, hat den Effekt, dass bestimmte Vorschläge für soziale Veränderungen gar nicht erst in den Blick geraten, obwohl sie sich als äußerst positiv für das Gemeinwohl beziehungsweise das Wohlergehen der Gesellschaft herausstellen könnten. Die etablierten Problemhierarchien werden angeführt von Maßnahmen, welche die oben aufgezählten Themenkomplexe betreffen – terroristische Anschläge, kriegerische Konflikte, Flüchtlingsbewegungen, rassistische und nationalistische Diskriminierung, politische Umwälzungen, Wirtschaftswachstum und einiges mehr. Die Frage ist jedoch, ob die politische sowie mediale Priorisierung der genannten Themen angemessen ist – oder ob nicht möglicherweise wichtige Themenkomplexe ausgespart werden.
Tatsächlich wird insbesondere ein spezieller, dafür aber umso wichtigerer Themenkomplex nahezu gänzlich ausgelassen – nämlich der des Umgangs der Menschen mit den Tieren. Tiere spielen in den Nachrichten, in den öffentlichen Debatten und politischen Aushandlungen nur äußerst selten eine Rolle. Sie sind weitgehend vergessen. Ab und an entstehen Diskurse über Massentierhaltung, über antibiotikaresistente Keime, über das Schreddern männlicher Küken oder auch mal über den einen oder anderen Schweinestall, in dem von Tierschützern heimlich gefilmt wurde. Aber eine wirklich einschneidende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Art des Umgangs mit Tieren findet nicht statt. Dabei stecken genau darin, nämlich in der Art, wie Menschen Tieren gegenüber handeln, in fundamentaler Weise sowohl die Bedingungen, unter denen sich eine friedliche, nachhaltige Gesellschaft realisieren lässt, sowie der Ansatz dessen, was den Charakter eines Menschen ausmacht. Bereits der Philosoph Arthur Schopenhauer deutete dies an mit dem berühmten Ausspruch: »Mitleid mit Thieren [sic] hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten kann, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.«21 Dieser Satz konnte zu Schopenhauers Zeiten nur spekulativ darauf anspielen, was heute durch Forschung bewiesen ist, dass nämlich eine Korrelation besteht zwischen dem Blick eines Menschen auf Tiere sowie seinem Charakter beziehungsweise seiner Persönlichkeit. So bestätigen umfangreiche empirische Arbeiten beispielsweise, dass Gewalt gegen Tiere in Gewalt gegen Menschen mündet22 und umgekehrt der friedliche Umgang mit Tieren einhergeht mit einem friedlichen Umgang mit Menschen23.
Wenn man nun auf die beschriebenen Themenkomplexe, welche die massenmedialen Nachrichtenformate bestimmen, zurückkommt, dann scheint es sich hier in den meisten Fällen um Makrophänomene zu handeln, deren Größenordnung individuelles Handeln überschreitet. Kriege und Terror, soziale Spannungen, Umweltzerstörung, Armut und dergleichen scheinen in Niemandes individueller Verantwortung zu liegen, sondern jeweils von mehr oder minder abstrakten Kollektiven getragen zu sein. Faktisch jedoch sind sämtliche beschriebene Phänomene das Produkt des Agierens einzelner Menschen. Alle tragen Verantwortung. Es ist das individuelle Handeln, das zählt. Mag die, wie der Soziologe Ulrich Beck sie nennt, »organisierte Unverantwortlichkeit«24 ein Charakteristikum der Moderne sein, so muss doch bei aller Komplexität der Probleme stets der Rekurs auf den Einzelnen stattfinden. Und die Frage muss sein, wo der Einzelne die Problemlagen der Welt verschärft – und was der Einzelne umgekehrt zu ihrer Lösung beitragen kann. Und genau hier muss man wieder auf die Tiere zu sprechen kommen. Wenn der Umgang mit Tieren jeweils im Kern abbilden kann, was den Charakter eines Menschen und sein Agieren in Dingen der Moral insgesamt ausmacht, dann muss das Verhältnis zu den Tieren in den Fokus genommen werden. Denn, und diese These soll im Laufe des Buches ihre detaillierte Untermauerung finden, wenn Menschen es schaffen, mit Tieren achtsam und friedlich umzugehen, geht damit auch die Lösung vieler anderer aktueller Krisen einher.
Worüber mehr gesprochen werden muss, ist die inmitten der Gesellschaft stattfindende, industriell organisierte Ausnutzung und Tötung von unzähligen empfindsamen, intelligenten und sozialen Lebewesen. Getragen und verantwortet wird sie von einer erdrückenden Mehrheit der Menschen. Und die Unfähigkeit, sich davon loszusagen, ja überhaupt nur die Schlechtigkeit des dahinter liegenden Systems zu erkennen, leitet oftmals über in die Unfähigkeit, gegen Diskriminierung aufzukommen, gegen Hetze, Hass und Gewalt sowie gegen die Vernichtung dessen, was die eigenen Lebensgrundlagen der Menschen ausmacht. Was die etablierte Art des Umgangs mit Tieren in der Gesellschaft ermöglicht und fördert, ist die selektive Ausschaltung von Empathie. Genau dieser Umstand ist es auch, der so viele weitere Probleme entstehen lässt. Doch wenn Menschen es schaffen, Tieren gegenüber Empathie zu empfinden, sie also in den Kreis jener Entitäten einzuschließen, die moralisch berücksichtigt und respektiert werden, wenn Menschen also aufhören, Tiere als minderwertige Wesen anzusehen und zu diskriminieren, und sie den Mut haben, Nein zu sagen zur Gewalt gegenüber Tieren, auch wenn diese Normalität ist, wie leicht muss es ihnen dann fallen, selbiges gegenüber ihresgleichen zu tun?
Wer sich gegen die Diskriminierung von Menschen einer anderen Hautfarbe, einer anderen Nation, einer anderen Religion, eines anderen Geschlechts oder einer anderen sexuellen Orientierung ausspricht, tut dies noch lange nicht gegen die Diskriminierung von Tieren. Viele Menschen essen Fleisch, sind aber gleichzeitig gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Homophobie.25 Dagegen dürfte es schwierig sein, Menschen zu finden, die sich um der Tiere willen aktiv gegen deren Ausbeutung aussprechen und einen dementsprechenden Lebensstil pflegen, dabei aber gleichzeitig fremdenfeindliches, rassistisches oder homophobes Gedankengut vertreten. Schließlich verbirgt sich, wie beschrieben, in der Weise, wie Menschen Tieren gegenübertreten, die Wurzel dessen, was ihre moralische Verfassung insgesamt ausmacht. Deshalb muss das Agenda-Setting auf den Kopf gestellt werden. Man muss das, was am meisten zu verhindern versucht wird, nämlich die Thematisierung des problematischen, gewaltdurchsetzten Verhältnisses zu Tieren, zur dringlichsten Aufgabe machen. Und man muss das, was in den Nachrichten, politischen und öffentlichen Debatten am intensivsten zum Thema gemacht wird, auf seine wahren Ursachen zurückführen – nämlich selektive oder ausbleibende Empathie, Selbsttäuschung sowie die Unfähigkeit zur Lossagung von Normen, die Ungerechtigkeit fördern und bedingen. Menschen lernen am Fall der industriellen Tiervernichtung diverse irrationale Mechanismen der Verdrängung, Verzerrung und des Selbstbetrugs, die sie dann in weiteren Feldern der Gesellschaft ebenfalls in Anschlag zu bringen vermögen. Die konstitutive Rolle der Tierindustrie und des Konsums von tierlichen Körpern ist in diesem Prozess bislang nicht richtig erkannt worden. Dabei ist es von größter Dringlichkeit, zu sehen, dass das Problem der Tiervernichtung nicht eines unter vielen ist, sondern den Kern dessen darstellt, was an Übeln die Gesellschaft plagt.
Was aber, und hier schließt sich der Kreis, ganz wesentlich die Fähigkeit schult, Empathie zu empfinden und den Mut zu besitzen, aus bestehenden Verhältnissen auszubrechen, ist die Übung und Pflege eines friedlichen, respektvollen und achtsamen Verhältnisses zu Tieren. Wenn Menschen es schaffen, gegenüber Tieren – also Wesen, deren Sprache sie nicht sprechen, deren Gedanken sie nur schwerlich verstehen können und deren Aussehen sich von dem ihren stark unterscheidet – aufrichtig Achtung zu empfinden, dann schaffen sie selbiges auch untereinander. Es verlangt Menschen mehr ab, Tieren gegenüber, die in vielerlei Hinsicht gänzlich anders sind als sie selbst, Verständnis, Mitgefühl und Achtung aufzubringen, als selbiges bei Menschen untereinander der Fall ist. Sobald jedoch der Kreis der moralischen Rücksichtnahme einmal bis auf die Tiere ausgedehnt wurde, ist es ein Selbstverständliches, jene Inklusion nicht zu durchkreuzen mit der Exklusion bestimmter Menschengruppen. Umgekehrt schließt die Inklusion von Menschen mit verschiedenen Ethnien, Geschlechtern oder Nationalitäten in den Kreis der moralisch zu Berücksichtigenden nicht die gleichzeitige Exklusion von Tieren aus. Es ist also in der Tat die Beziehung der Menschen zu den nicht-menschlichen Tieren, die eine entscheidende Bedeutung für die sozialen Problemlagen dieser Welt besitzt. Und weil dies so ist, bedarf es der Thematisierung und Reflexion dieser Beziehung.
Dieses Buch soll dazu einen Beitrag leisten. Es ist ein Appell, das etablierte, vielfach von Gewalt geprägte Verhältnis zu Tieren als das wichtigste und dringlichste Problem der Moderne aufzufassen. Von nichts hängt die Zukunft der Menschheit so ab wie von der Frage, ob sie es schafft, in ein neues Verhältnis zu Tieren zu treten und ihnen gegenüber Achtung aufzubringen. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund einer Tatsache, die aus heutiger Perspektive vielleicht noch wenig greifbar erscheinen mag. Doch so wie Menschen heute mit vielen Tieren umgehen, werden sie in absehbarer Zukunft mit ihresgleichen verfahren – sobald das, was derzeit noch als menschlich gilt, als Kategorie aufgehoben sein wird. Schließlich wird durch Bio- und Computertechnologie die Vorstellung, was einen Menschen ausmacht, zunehmend disponibel. Gentechnik und künstliche Intelligenz werden, wenngleich dies derzeit noch eigenartig klingen mag, die Kreation von Mischwesen aus Biomasse und Technologie – also »Cyborgs« – ermöglichen,26 die »normalen« Menschen in derselben Weise gegenüber gestellt sein werden wie Menschen es heute den Tieren sind. Die Frage, die sich alsdann stellt, ist, wie jene superintelligenten Wesen mit den bloß minder intelligenten Individuen verfahren werden. Schafft die Menschheit es nicht, ein ethisches Leitbild universeller Achtsamkeit in ihr Handeln zu integrieren, so werden soziale Ungleichheiten – sobald ausreichend große Klüfte zwischen »enhancten« und »nicht-enhancten« Individuen gebildet sind – möglicherweise Auslöser einer neuen Unterdrückungs- oder gar Vernichtungsbewegung werden.
Aus der Überzeugung, dass die Gesellschaft in ein neues Verhältnis zu Tieren treten muss, ist dieses Buch entstanden. Es ist ein Werk zur Ethik. Derer gibt es bereits Tausende und Abertausende. Doch viele derselben machen einen entscheidenden Fehler. Wer über Ethik schreibt, der macht sich zumeist Gedanken darüber, wie grundlegende Werte, Normen oder Prinzipien des Handelns begründet werden können. Kurz gesagt: Es geht um die Entwicklung einer bestimmten Moral, also eines Sets an Handlungsanweisungen und Regeln. Ihnen scheint die Annahme zugrunde zu liegen, Menschen hätten bislang eine andere Moral, als die, die im Rahmen ethischer Fachdiskurse entwickelt worden sind und als müssten die Menschen davon überzeugt werden, dass die jeweils entworfene die bessere ist. Was sind, egal welche ethische Theorie in der westlichen Welt man sich ansieht, deren Erkenntnisse? Dass Menschen friedlich miteinander umgehen, Schmerzen und Leiden verhindern, sich gegenseitig respektvoll behandeln, Entscheidungen auf demokratischer Basis treffen, gerecht zueinander sein sollen und derlei mehr. Egal, welche Protagonisten und Spielarten ethischer Theorie man konsultiert, stets kommt man auf unterschiedlichen Begründungswegen zu den gleichen Ergebnissen. Die genannten Komplexe sind die großen Themen der Ethik – und sie werden unzählige Male in abstrakt geschriebenen Büchern und philosophischen Abhandlungen wiederbeschrieben. Der verbreitete Glaube ist, es bräuchte derartige Bücher über Ethik, um die Menschen, die sie lesen, zu einer angemessenen Moral anzuleiten. Wer ein Buch über ethische Themen schreibt, der hat einen privilegierten Zugang zu Erkenntnissen über die »korrekten« moralischen Regeln, welche die anderen, fachlich weniger gebildeten Menschen nicht befolgen, aber befolgen sollen. So ist zumindest die verbreitete Vorstellung.
Was also ist Ethik diesem Verständnis nach? Ethische Abhandlungen umfassen, wie erwähnt, typischerweise Konzepte rund um Gerechtigkeit, Diskriminierungsfreiheit, Glück und dergleichen mehr. Man tut dabei so, als hätte nur ein kleiner Teil der Menschen jene Werte und Normen internalisiert, als müsse die Gesellschaft jedoch so sein, dass alle sie sich aneignen. Bücher zur Ethik setzen voraus, dass es nur bestimmte, eher wenige Menschen sind, die moralisch korrekt handeln. Stillschweigend wird angenommen, dass durch das Lesen jener Bücher die Zahl derer steigt, die im Anschluss an die Lektüre »besser« handeln. Unabhängig davon, dass von Büchern eine derartige Wirkmacht nur in absoluten Ausnahmefällen ausgeht, ist es ein Fehler, zu glauben, die Ethik würde mit Themen und Konzepten operieren, die den Menschen, die sich nicht mit ethischen Theorien beschäftigen, fremd wären. Die Werte und Normen, für welche jene Theorien sich aussprechen, sind auch dort in der Gesellschaft, wo Ethik überhaupt nicht thematisiert wird, genauso vorhanden. Der Glaube, die Erkenntnisse der Ethik seien etwas, was in der Gesellschaft vermeintlich bis in die bildungsfernen, fremdenfeindlichen, homophoben, sexistischen, rechtskonservativen Milieus hinein verbreitet werden müsse, ist ein Irrtum. In jenen Milieus werden die Werte und Normen, die ihnen qua Ethik wie auch immer übermittelt werden sollen, längst befürwortet.
Auch die Menschen in jenen angesprochenen Milieus, von denen man sich stets gerne abgrenzt, haben eine Moral. Und diese Moral umfasst im Wesentlichen dieselben Werte und dieselben Normen, wie sie propagiert werden in den wissenschaftlichen Ethiktheorien der Philosophie. Es ist ja nicht so, als wollte nicht auch der Neonazi, der Schwulenfeind oder der Frauenhasser gerecht sein sowie friedlich und diskriminierungsfrei agieren. Bloß erstreckt sich die Gerechtigkeit, der friedliche und respektvolle Umgang miteinander lediglich selektiv auf die jeweilige Eigengruppe. Es ist mitnichten so, als bedürfte es der Ethik, um Neonazi, Schwulenfeind oder Frauenhasser, um bei diesen Beispielen zu bleiben, von einer »besseren« Moral zu überzeugen. Sie haben sich bereits genau die moralischen Grundsätze angeeignet, die so auch durch die Ethik vertreten werden. Sie unterscheiden sich demnach nicht von dem Mehrheitskollektiv der Mitte, also denjenigen, die sich abgrenzen von neonazistischen, homophoben oder sexistischen Haltungen und Praktiken. Jenes Mehrheitskollektiv der Mitte gleicht in wesentlichen Hinsichten den Menschengruppen, von denen es sich eigentlich abgrenzen will. Wenngleich Berichte über Aufmärsche von rassistischen, nationalistischen, homophoben Gruppierungen gerne betrachtet werden, um sich abzugrenzen, um sich besser zu fühlen und um die eigene überlegene Moral zu zelebrieren, so ist diese Distanzierung von den gezeigten Mobs doch in einer Weise scheinheilig. Das Kollektiv der Mehrheit hat im Wesentlichen dieselbe Moral, dieselben Normen und Werte. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass die, auf die herabgeblickt wird, jene Normen und Werte lediglich auf eine kleinere Gruppe beschränken. Man blickt auf den Neonazi herab, auf den Schwulenfeind oder den Frauenhasser und sagt: »Der diskriminiert!« Es sind die anderen, die diskriminieren und anstößig handeln, nur man selbst macht es vermeintlich nicht. Und was es nun scheinbar bedarf, ist Ethik, um den rechtsradikal, homophob oder sexistisch denkenden Personen beizubringen, ihre Moral abzulegen und sich eine durch philosophische Ethik verifizierte Moral anzueignen. Dabei besteht, wie gesagt, zwischen den beiden Moralvorstellungen typischerweise kein essenzieller Unterschied.
Wesentliche ethische Grundwerte hinsichtlich gerechtem, respektvollem, friedlichem Handeln haben sich so gut wie alle Menschen angeeignet. Das Problem besteht – anders als kritische Abhandlungen besorgter Feuilletonisten vielleicht suggerieren mögen – nicht darin, dass zu viele Menschen jene Grundwerte abgelegt hätten. Das Problem besteht nicht in einer fehlenden Einsicht oder fehlenden Verbreitung jener Grundwerte. Das eigentliche Problem liegt darin, dass jenen Werten und Normen praktisch zuwidergehandelt wird. Der Neonazi respektiert seinen »Kameraden«, nicht jedoch seine dunkelhäutigen Nachbarn zwei Häuser weiter, die eigentlich genau so sind wie er selbst. Der Schwulenfeind ist grundsätzlich für Gerechtigkeit, auch wenn er für die willkürliche Benachteiligung homosexueller Menschen ist. Der Antifeminist verharmlost sexualisierte Gewalt, während er gleichzeitig Gewalt als generelles Konfliktlösungsmittel ablehnt. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Entscheidend an dieser Stelle ist, dass die allermeisten Menschen genauso inkonsequent sind. Auch sie sprechen sich für Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Gleichbehandlung aus. Doch sie tragen die Kleidung aus den Ausbeutungsbetrieben ferner Länder, bewegen sich in umwelt- und klimazerstörenden Fahrzeugen, forcieren die Armut anderer Menschen durch ihren eigenen Beruf, essen täglich die Körper industriell getöteter Tiere und vieles mehr. Das Mehrheitskollektiv der Mitte gleicht in seinem Tun den gesellschaftlichen Randgruppierungen, auf die verächtlich herabgeblickt wird. Das Problem ist nicht das Fehlen von Ethik. Das Problem ist das Zuwiderhandeln gegen die Werte und Normen, von denen die allermeisten »normalen« Menschen, genauso wie der Neonazi, der Schwulenfeind oder Frauenhasser, eigentlich so überzeugt sind.
Der Fehler, der in den Büchern zur Ethik gemacht wird, liegt darin, dass stillschweigend angenommen wird, Ethik müsse den Menschen die Grundlagen einer an Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit und Respekt orientierten Moral vermitteln. Dies ist nicht erforderlich. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Menschen von der Richtigkeit einer derartigen Moral überzeugt. Und dennoch wird ihr systematisch zuwidergehandelt. Worauf Ethik also tatsächlich zielen sollte, ist, dass Menschen sehen, wofür sie bislang blind waren. Viele erkennen die Blindheit, die Irrationalität, die Widersprüche und Unzulänglichkeiten bei anderen, bei den Rassisten, den Rechtspopulisten, den Homophoben. Dabei muss der Blick, der derart auf andere gerichtet wird, gleichsam auf einen selbst gerichtet werden. Menschen müssen ihre eigene Blindheit aufdecken. Hierbei kann ihnen die Ethik im Sinne einer Reflexion des eigenen Handelns helfen. Durch sie soll erkannt werden, was bislang im unhinterfragten Dunkel blieb. Dies betrifft nicht allein die geistige Beschäftigung mit bislang verdrängten Themen. Ebenso geht es um praktische Entscheidungen, die bislang überhaupt nicht als Entscheidungen wahrgenommen wurden. Sobald als normal, routiniert, alltäglich, selbstverständlich, automatisiert, tradiert geltende Handlungszusammenhänge als individuell beeinflussbare Entscheidungszusammenhänge wahrgenommen werden, weitet man den Blick für Abweichung, Enthaltung, Widerstand sowie für Potenziale, Nein zu sagen und Veränderung herbeizuführen. Von diesen Potenzialen soll das vorliegende Buch handeln.
Die Biomasse aller existierenden Landwirbeltiere verteilt sich auf drei Prozent Wildtiere, zweiunddreißig Prozent Menschen und fünfundsechzig Prozent »Nutztiere«.27 Neunzig Prozent aller auf der Erde existierenden Tiere, die mindestens einige Kilo schwer sind, sind domestizierte Tiere.28 Sechzig Prozent aller Säugetiere sind »Nutztiere«, sechsunddreißig Prozent sind Menschen und nur vier Prozent sind Wildtiere29. Ebenfalls leben nur dreißig Prozent aller Vögel in freier Wildbahn. Die restlichen siebzig Prozent werden als »Nutztiere« gefangen gehalten.30 Weltweit werden derzeit jedes Jahr mehr als sechzig Milliarden Landtiere geschlachtet. Hinzu kommen geschätzt eine bis knapp drei Billionen Fische, die getötet werden.31 Diese Zahlen, die nur noch geschätzt werden können, könnten jedoch auch deutlich höher liegen.32 Statistiken über die Fischindustrie sprechen üblicherweise immer von Tonnen gefangener Fische, als ginge es lediglich noch um einen zu gewinnenden Rohstoff. Allein in Deutschland werden mehr als siebenhundert Millionen Tiere jährlich geschlachtet.33 Auf die einzelnen Arten verteilt sind dies weit über sechshundert Millionen Hühner, knapp vierzig Millionen Puten, knapp vier Millionen Rinder, sechzig Millionen Schweine und Millionen anderer Tiere wie Schafe, Ziegen, Pferde, Enten oder Gänse. Doch was sagen diese Zahlen? Letztlich sind sie unbegreiflich. Was sich hinter den Zahlen verbirgt, ist nicht fassbar. Sie sagen wenig über das Schicksal der Tiere. Um dieses zu begreifen, muss man sich dem, was in den tierindustriellen Fabrikanlagen passiert, unmittelbar zuwenden.
Die Gesellschaft befindet sich nicht im Frieden. Es herrscht, metaphorisch gesprochen, ein Krieg der Menschen gegen die Tiere. Es ist ein ebenso sauberer wie systematisch versteckter Krieg, ein verstecktes Einsperren, Züchten, Verstümmeln, Mästen und Schlachten. Genau weil dies so ist, erweckt die Gesellschaft den Anschein, als ginge es in ihr überwiegend friedlich zu.34 In einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel »War Has Almost Ceased to Exist«35 beschreibt der Politikwissenschaftler John Mueller, dass die Zahl der Kriege derzeit einen historischen Tiefstand erreicht hat. Da wirkt es befremdlich, überhaupt von einem Gemetzel von kriegerischem Ausmaß zu sprechen. Doch dass es befremdlich wirkt, erklärt sich eben daraus, dass man das Gemetzel nicht sieht, nicht wahrnimmt beziehungsweise nicht wahrnehmen soll. »Industrial farming is one of the worst crimes in history«, so lautet der Titel eines Artikels, geschrieben von dem weltbekannten Historiker Yuval Noah Harari.36 In dem Artikel bezeichnet Harari das Schicksal, das die Tiere in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie ereilt, als eines der drängendsten ethischen Probleme dieser Zeit. Schließlich hat die Tierindustrie gegenüber allen anderen Industriezweigen eine entscheidende Besonderheit. In ihr werden keine Dinge, sondern empfindungsfähige Lebewesen »produziert«. Es ist das Schicksal aller der Domestizierung unterworfenen Tiere beziehungsweise Tierarten, durch die Agrarrevolution und die Entstehung der Tierindustrie in ein System integriert worden zu sein, das sich durch eine maximale Widernatürlichkeit für die Tiere charakterisiert und diese unvorstellbaren Leiden aussetzt. Harari geht in seinem Artikel auf das die Domestizierung rechtfertigende Argument ein, dass das Leben der »Nutztiere« mit dem von wild lebenden Tieren verglichen werden kann, wobei letztere ständig der Gefahr ausgesetzt sind, von Raubtieren gefressen, von Parasiten befallen oder von Entbehrungen aller Art heimgesucht zu werden. Domestizierte Tiere sind hingegen in der vermeintlich glücklicheren Position, vor Raubtieren sicher, von Menschen umsorgt, vor Wind, Regen und Kälte geschützt sowie stets mit Wasser und Futter versorgt zu sein. Wie Harari aber betont, ist diese Argumentation zu kurz gedacht. Zwar sorgt der Mensch dafür, dass domestizierte Tiere sowohl als Art als auch als Einzeltier vorerst erhalten bleiben, um von ihnen Fleisch, Milch, Eier, Federn, Häute und vieles mehr zu gewinnen. Im Rahmen dieses Prozesses jedoch werden Tiere einer Nutzungslogik unterworfen, die aus ökonomischer Perspektive zu kurzfristigen Gewinnen führt und die große Erträge an Tierprodukten erbringt, die dabei allerdings die evolutionär ausgehärteten, natürlichen Bedürfnisse der verwendeten Lebewesen völlig übergeht. Ein Tierhalter, der die physischen, emotionalen sowie sozialen Bedürfnisse seiner Tiere ignoriert, hat dadurch sogar ökonomische Vorteile. Er spart Kosten, indem Tiere möglichst wenig durch Menschen umsorgt werden, indem möglichst viele Tiere auf möglichst engem Raum gefangen gehalten werden, indem Mastbuchten möglichst wenig gereinigt werden oder indem die Tiere so früh wie möglich getötet werden. Die Produktivität der Betriebe wird ferner gesteigert durch den Gebrauch von Antibiotika oder Hormonen, durch Gentechnik oder auch Methoden der Lichtmanipulation oder des Futterentzugs.37 Damit ist die Geschichte der Tierindustrie eine Geschichte der Intensivierung. Eine Intensivierung der Züchtung, Haltung und Vernichtung von Tieren.
Alle Tiere, menschliche wie nicht-menschliche, entwickelten im Laufe ihrer Evolution Instinkte, Triebe, angeborene Reaktionen, Vorlieben und Verhaltensrepertoires, mit denen sie sich ihrer jeweiligen natürlichen Umwelt anpassten und die das Überleben sowie die Reproduktion der eigenen Art durch die reibungslose Eingliederung in eine ökologische wie soziale Umwelt sicherstellen. Alle Tiere entwickelten ein Motivationssystem, das Verhaltensweisen fördert, die dem Selbsterhalt sowie der Fortpflanzung dienen. Dabei verschwinden die aus dem Motivationssystem heraus erwachsenden Instinkte, Triebe et cetera nicht einfach, sobald sich Umweltbedingungen verändern und die Instinkte oder Triebe nicht mehr überlebenswichtig sind. Dementsprechend korrelieren die vielfältigen Bedürfnisse, die domestizierte Tiere und im Übrigen auch Menschen haben, nicht mit den aktuellen Bedingungen, unter denen sie leben, sondern mit den Bedingungen, wie sie vor Tausenden von Jahren typischerweise herrschten. Anders gesagt: Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem evolutionär ausgehärteten Anpassungsrepertoire einer Tierart und den Anforderungen eines künstlichen Haltungssystems.38 Diese künstlichen Haltungssysteme der Tierindustrie zwingen den Tieren verschiedene »Stressoren« auf, die in der Natur nicht oder nur in eingeschränkter Form existieren. Dazu zählen etwa massive Bewegungseinschränkungen, fehlende Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten, der aversive, also unerwünschte Kontakt zu Menschen, eine eingeschränkte und unnatürliche Nahrungsaufnahme, die Zerschlagung natürlicher Sozialverbünde, künstliches Licht, Lärm, Gestank oder anhaltende unangenehme Temperaturen.39 Ferner können die Tiere die allermeisten ihrer natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben. Dazu zählen beispielsweise die Nahrungssuche und die damit verbundenen kognitiven Herausforderungen, zudem die Balz, die Partnerwahl, der Nestbau, die Kinderpflege, die Ausbildung stabiler Gruppenstrukturen und vieles mehr.
Während menschliche Tiere, die ebenfalls unter unnatürlichen, artwidrigen Umweltbedingungen leben, mit aufwendigen Kulturtechniken versuchen, auf den »Mismatch« zwischen ihrer inneren Natur sowie der äußeren Umwelt zu reagieren, bloß um sich dabei häufig noch tiefer in gesellschaftliche Miseren zu steuern,40 verfügen domestizierte Tiere nicht über die Möglichkeit, qua einer beschleunigten kulturellen Evolution ihre »Fehlangepasstheit« an die Haltungssysteme auszugleichen, in denen sie ihr Leben fristen müssen. Alle domestizierten Tiere haben, nicht anders wie ihre nicht-domestizierten Verwandten, hochkomplexe, evolutionär gebildete und ausgehärtete Vorlieben, Instinkte oder Triebe, die jedoch in der Tierindustrie nicht im mindesten befriedigt werden können. Sie werden stattdessen missachtet oder ignoriert. Es werden Qualzuchten entwickelt, Familienverbünde werden systematisch zerrissen, Tiere werden in kleine Käfige oder Buchten eingesperrt, sie werden verstümmelt, erhalten unnatürliches Futter, leiden an unbehandelten physischen wie psychischen Krankheiten, werden unter widrigsten Bedingungen transportiert und schließlich unter Einsatz verschiedener Maschinen getötet, oft begleitet von unnötigen Qualen, welche die Mitarbeiter in Schlachthöfen ihnen zufügen.
Harari führt in seinem Text das Beispiel von Rindern an.41 Vor Tausenden von Jahren mussten Rinder, um zu überleben, miteinander kommunizieren und kooperieren. Genau wie andere Säugetiere sind Rinder demnach sehr soziale Tiere. Und wie alle sozialen Säugetiere lernen Kälber die zum Überleben notwendigen sozialen Fähigkeiten durch das Spiel mit anderen Tieren. Durch die Evolution hat sich dieser Trieb, genau wie das Bedürfnis, seiner eigenen Mutter nah zu sein, tief in die Natur der Tiere eingeprägt. Wenn nun jedoch in der Milchindustrie die Kälber von ihren Müttern getrennt werden, damit sie die zum menschlichen Konsum bestimmte Muttermilch nicht trinken, und sie isoliert in winzige »Kälberiglus« eingesperrt werden, dann führt dies zu massiven Leiden.
Dies ist nur ein Beispiel von unzähligen anderen, wie die Tierindustrie unweigerlich vorhandene natürliche Bedürfnisse der Tiere missachtet. Moderne Techniken wie Impfungen, Hormongaben oder Medikamente, Klimaanlagen, Futterautomaten, Spaltenböden, Zuchttechniken, Computersteuerungen, Melkmaschinen, Brutschränke und vieles mehr machen es möglich, die Tiere in ein System einzupassen, das auf der einen Seite ökonomisch effizienter kaum sein könnte, das aber auf der anderen Seite eine maximale Widernatürlichkeit hinsichtlich der arteigenen Bedürfnisse der Tiere besitzt. Dabei macht auch die vielfach als Ausnahme gehandelte Bio-Tierhaltung keinen wirklichen Unterschied. In ihr leiden die Tiere nachgewiesenermaßen in ähnlichem Ausmaß wie in konventionellen Tierfabriken.42 Die Tierindustrie ist damit, genau wie der Historiker Harari es schreibt, sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht eines der größten Verbrechen der Geschichte, das Menschen an den Tieren, an der Umwelt und an sich selbst je begangen haben. Um verstehen zu können, warum ein solches Urteil angemessen ist, bedarf es ausführlicher Erklärungen. Dazu soll an dieser Stelle vorerst das Schicksal der tierlichen Opfer beschrieben werden. Zu diesem Zweck soll ein genauerer Blick auf die unmittelbaren Funktionsweisen und Folgen jener Industrie geworfen werden. Obgleich der abgedroschene Spruch, man wisse, wo das Fleisch, die Milch oder die Eier »herkommen«, zum aktiven Sprachschatz nahezu jedes Mischköstlers gehört, gibt es faktisch eine weit verbreitete Unwissenheit und falsche Vorstellungen über die Mechanismen der Tierindustrie. Wäre dies anders, gäbe es sie schlicht nicht – weil sie boykottiert würde. Um hier Aufklärung zu schaffen, sollen im Folgenden deren verschiedene Zweige genauer beleuchtet werden.
Begonnen hat alles mit der Domestizierung. Damit bestimmte Tierarten domestiziert werden konnten, brauchten sie eine Reihe an Eigenschaften.43 Zu diesen Eigenschaften gehören beispielsweise eine rasche Geschlechtsreife, die Fähigkeit, sich in Gefangenschaft zu vermehren, eine angemessene Körpergröße, Geselligkeit oder ein hierarchisches Sozialleben. Ungeeignet sind hingegen Tiere, die beispielsweise sehr wild sind, weit oben in der »Nahrungskette« stehen, besonders wählerisch bei der Nahrungsaufnahme sind, langsam wachsen, zurückgezogen leben oder leicht in Panik geraten. Die Domestizierung bestimmter Tierarten erfolgte im Sinne der Nutzung derselben. Es ging um die Gewinnung tierlicher Rohstoffe wie Milch, Wolle, Haut oder Fleisch, aber auch um den Einsatz von Tieren zum Zweck der Arbeitserleichterung. Eine weithin kaum bedachte Folge der Domestizierung bestand allerdings darin, dass diverse Infektionskrankheiten von Tieren auf Menschen übergesprungen sind und, da lange keine sinnvollen Behandlungsmethoden bekannt waren, zu massivem Leiden und unzähligen Todesfällen geführt haben. Dies hält bis heute an. Früher waren es Masern, Mumps oder Pest, heute sind es Vogelgrippe, BSE, AIDS oder Covid. Eine zunehmend größere Gefahr bilden zudem antibiotikaresistente Keime, die sich im Zuge der massenhaften und systematischen Verabreichung von Medikamenten in den Tierställen bilden.
Die Domestizierung und Nutzung bestimmter Tierarten hatte auch soziale Folgen, die insbesondere dergestalt waren, dass sich die Beziehung zwischen Menschen und Tieren veränderte, und zwar von einer Begegnung auf Augenhöhe hin zu einer einfachen Hierarchie mit dem Menschen an der Spitze. Die Vorstellung, dass der Mensch gewissermaßen der »Bestimmer« ist und domestizierte Tiere sein Eigentum sind, hält bis auf den heutigen Tag an, wenngleich sich hier und da Widerstand dagegen regt. Als »Meister« über die Tiere haben Menschen demnach keine Skrupel gehabt, durch gezielte Züchtung gleichsam die Natur und das Wesen von Tieren so zu verändern, dass sie immer passgenauer in bestimmte Nutzungsstrukturen eingefügt werden können. Dieser Durchgriff auf die Natur der Tiere findet seinen bisher traurigsten Höhepunkt in den heutigen Qualzuchten. Leiden und Schmerzen werden dabei zum essenziellen Bestandteil eines jeden Tierlebens, sei dies bei Kühen, Schweinen, Hühnern, Puten oder anderen Tieren. Die züchterische Veränderung domestizierter Tiere hat nicht zuletzt eine unnatürliche Abhängigkeit derselben gegenüber Menschen geschaffen. Dies geht so weit, dass beispielsweise viele Puten nur noch künstlich besamt werden können, da eine natürliche Fortpflanzung aufgrund des enormen Gewichts der qualgezüchteten Tiere gar nicht mehr möglich ist.
Qualzuchten sind nicht nur ein Bestandteil der Züchtung von Hunde- oder Katzenrassen, etwa bei Perserkatzen, Möpsen oder Bulldoggen. Qualzuchten sind gleichsam ein Symptom des Systems der modernen Fleischproduktion. Diese nahm ihren Anfang in den ersten Massentierhaltungssystemen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit einer intensivierten Tierhaltung sollte ein stetig wachsender Markt für Fleischprodukte, Eier und Milch bedient werden. Kleinbäuerliche Strukturen reichten nicht mehr aus, um den geschaffenen Bedarf an Tierprodukten zu bedienen. Also entwickelten sich fabrikartige Haltungssysteme, in denen Tiere in immer größerer Anzahl gezüchtet, gemästet und getötet werden konnten. Mit Methoden, wie sie im Zuge der Industrialisierung entwickelt wurden, konnten Tiere wie Kühe, Schweine oder Hühner auf engstem Raum, mit regulierter Wasser- und Futterzufuhr sowie automatisierten Abläufen auf eine Weise gehalten werden, die sämtliche für den Zweck der Fleisch-, Milch- oder Eierproduktion »überflüssigen« Lebensregungen der Tiere unterband. Die Art der Tötung der Tiere in den berühmten Union Stock Yards in Chicago, die in Form von Fließbandarbeit durchgeführt wurde, diente Henry Ford als Vorbild für seine Autofabriken. Heute treibt man die industrielle Optimierung der Tierproduktion weit über die bloße Fließbandarbeit in Schlachtfabriken hinaus. Nahezu jeglicher Aspekt des tierlichen Lebens wird durch Menschen kontrolliert. Moderne Haltungseinrichtungen arbeiten mit künstlichem Licht und damit gleichsam mit künstlichen Tag- und Nachtzyklen, mit künstlichen Lüftungssystemen, künstlichen Reproduktionsmethoden, künstlich zusammengesetzten Tiergruppen, künstlichem Futter und so weiter.
»Nutztiere« werden als durchnummerierte Produktionseinheiten betrachtet. Sie setzen, wie es in einem Lehrbuch der »Tierproduktion« lapidar heißt, »Pflanzen […] in schmackhaftes Fleisch um.«44 Tiere als »Fleischlieferanten« zu bezeichnen, degradiert sie zu schlichten Biomaschinen. Und in dem Glauben, sie seien tatsächlich Maschinen, werden sie in künstliche Haltungssysteme eingefügt und diesen angepasst. Die systematischen Verstümmelungen, die Schweinen, Kühen, Hühnern, Puten und vielen weiteren »Nutztieren« zugefügt werden, legen ein beredtes Zeugnis ab über das Bild des Tieres als Produktionsmaschine. Erst durch das Abtrennen der Schwänze, das Herausschneiden der Hoden, das Herausbrennen der Hornansätze oder das Abschneiden der hochsensiblen Schnäbel wird es möglich, die Tiere auf engstem Raum in widernatürlichen Haltungssystemen gefangen zu halten, sie dort zu mästen und ihr Leben qua industrieller Prozeduren zu verwalten. Ziel tierindustrieller Organisation ist die Erwirtschaftung eines maximalen Ertrags an Fleisch, Milch, Eiern, Wolle, Leder und weiteren Tierprodukten. Dabei werden jegliche erdenkbaren technischen Methoden eingesetzt, die geeignet sind, ertragssteigernd zu wirken – unabhängig von deren Auswirkungen auf das Wohl der betroffenen Tiere. Vom Embryotransfer bis hin zur Fließbandschlachtung sind den technischen Ausgestaltungen der effizienten Tierverwertung keine Grenzen gesetzt. Die Nebenfolgen dieser Industrie,45 die von einem gigantischen Landverbrauch, der gewaltigen Wasserverschmutzung, dem massenhaften Ausstoß klimaschädlicher Gase, der Entstehung von zahlreichen Tierseuchen, Zivilisationskrankheiten sowie multiresistenten Keimen bis hin zum Artensterben oder der Forcierung sozialer Ungleichheiten reicht, werden meistens ignoriert oder gar abgetan.46
Unabhängig von den vielfältigen ökologischen und sozialen Nebenfolgen der Tierindustrie soll im Folgenden das Schicksal der Tiere beschrieben werden, die zum Zweck der Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Der Fokus liegt dabei auf Schweinen, Rindern, Hühnern, Puten und Fischen. Dies sind jedoch nur einige der Tiere, die industrieller Ausbeutung ausgesetzt sind und deren Fleisch und andere Körpersubstanzen in einer gigantischen Maschinerie industriell »erzeugt« werden. Wenngleich den genannten Tieren hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt und deren Schicksal genauer beschrieben werden soll, darf nicht vergessen werden, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der Organisation der Verwertung von Lebewesen innerhalb der Tierindustrie ist. Nicht explizit beschrieben wird das Leben von Schafen, Ziegen, Hasen, Kaninchen, Kamelen, Büffeln, Eseln, Pferden, Enten, Gänsen und vielen weiteren, die alle in mehr oder minder großem Umfang und in Abhängigkeit zu verschiedenen Kulturen als »Nutztiere« betrachtet und als solche dem Menschen unterworfen werden. Für alle diese Tiere gilt, dass im Kontext ihrer tierindustriellen Ausbeutung essenzielle Grundbedürfnisse zurückgedrängt, dass sie künstlich gezüchtet, verstümmelt, eingesperrt und nicht selten brutal behandelt und getötet werden.
An dieser Stelle soll mit den Schweinen begonnen werden. Schweine, die zur Fleischproduktion genutzt werden, verbringen ihr Leben in Zucht- oder Mastbetrieben. Während Zuchtbetriebe den Zweck verfolgen, möglichst viele Ferkel zu »produzieren«, dienen Mastbetriebe ausschließlich der Mästung der etwas älteren Tiere, damit diese möglichst rasch ihre »Schlachtreife« erhalten. »Reif« sind die Tiere, sobald sie ein Gewicht von etwas über einhundert Kilogramm erreicht haben, was nach nicht einmal einem Lebensjahr der Fall ist. Während dieses kurzen Lebens müssen Schweine, die äußerst intelligente, soziale und verspielte Tiere sind, extreme Qualen durchstehen. Seinen Anfang nimmt das Leben eines typischen »Mastschweins« wie erwähnt in einem Zuchtbetrieb. In diesem werden »Zuchtsauen« gehalten, die auf eine möglichst hohe »Wurfleistung« gezüchtet sind. Das bedeutet, dass die Schweinemütter in ihrem Leben möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen sollen. Hierbei sind die »züchterischen Erfolge« mitunter so weit getrieben, dass einzelne Muttersauen mehr Ferkel gebären als sie Zitzen besitzen. Die Schwangerschaft der Tiere wird künstlich eingeleitet. Dabei werden, unabhängig vom natürlichen Zyklus der Tiere, Spermien von speziellen »Hochleistungsebern« in die Vaginen der Sauen eingeführt. Zum Zweck der Brunftauslösung beziehungsweise Brunftsynchronisierung werden Hormone eingesetzt47 oder Eber in winzigen, mit Rollen versehenen Metallkäfigen vor den Köpfen der Sauen vorbei durch die Laufgänge der Stallanlagen gefahren. Die Sauen sind dabei in einer Reihe in »Kastenständen«, also körperengen Metallkäfigen, fixiert. In diesen Käfigen können sich die eigentlich bewegungsfreudigen Tiere nicht einmal um die eigene Achse drehen. Wollen sich die Tiere hinlegen, müssen sie ihre Beine in den Kastenstand des Nachbartieres strecken. Dabei brechen sich immer wieder Tiere ihre Beine, wenn ihre Artgenossen sich zum Hinlegen und wegen ihres hohen Gewichts auf diese herabfallen lassen. Bei alle dem werden die Tiere gezwungen, auf hartem Betonspaltenboden zu liegen, durch den sie ihren eigenen Kot in die Güllegrube hindurchdrücken. Als wäre dies nicht genug, werden sie zudem restriktiv gefüttert, was für die Tiere ein anhaltendes Hungerleiden bedeutet.48 Derartig gefangen gehalten verbringen Muttersauen einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens. Währenddessen entwickeln die Tiere diverse Verhaltensstörungen und werden aufgrund ihrer ausweglosen Lage regelrecht verrückt. Phänomene wie das Leerkauen bis zur Bildung von Schaum vor dem Mund sowie das Stangenbeißen oder krankhafte »Weben« mit dem Kopf gehören zum Alltag in Schweinezuchtbetrieben.49 Als weitere Folgen der Verhaltensstörungen verletzen die Tiere sich, es entstehen schmerzhafte Entzündungen und ihre Gelenke oder Zähne nutzen sich übermäßig ab. Eigentlich ist es zumindest in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, dass Muttersauen nicht die gesamte knapp viermonatige Schwangerschaft über in Kastenständen gehalten werden dürfen. Vorgesehen ist, dass die Tiere in einen ebenfalls mit Spaltenboden versehenen Gruppenbereich gehen können, in dem sie sich wenigstens ein paar Meter weit bewegen können. Faktisch jedoch halten sich viele Zuchtbetriebe nicht an diese Vorschrift und sperren Sauen ohne Unterbrechung in Kastenständen ein.
Als wäre die Qual für die Tiere im »Deckzentrum« in den Kastenständen nicht bereits genug, verlegt man die werdenden Schweinemütter kurz vor der Geburt in »Abferkelabteile«, in denen sie erneut in körperengen Metallkäfigen fixiert werden. In diesen bringen die Sauen, in der Regel bedingt durch die Gabe eines geburtsauslösenden Hormons, inmitten von Exkrementen und Harn verschmutzten Buchten und auf hartem Boden liegend, ihre Jungen zur Welt. Die Käfige, in denen die Tiere eingesperrt sind, werden euphemistisch als »Ferkelschutzkörbe« bezeichnet. Deren Zweck soll es sein, »Erdrückungsverluste« zu verringern. In der Enge der Abferkelbuchten kann es vorkommen, dass Sauen sich beim Hinlegen versehentlich auf eines ihrer Kinder legen und dieses dabei erstickt. Der Ferkelschutzkorb soll dies verhindern. Faktisch jedoch gelingt dies nur bedingt. Trotz der Vorkehrungen sterben in Schweinezuchtbetrieben unzählige Ferkel, weil sie unter ihrer eigenen Mutter eingeklemmt werden. Während in der freien Natur Schweine ein weiches Nest mit genügend Platzangebot für den Nachwuchs gebaut sowie Verhaltensweisen entwickelt haben, um ein Erdrücken der Kinder zu verhindern, so haben die Tiere in den widernatürlichen Bedingungen der Abferkelställe diese Möglichkeiten nicht. Und so dienen die Ferkelschutzkörbe tatsächlich weniger den Tieren als dem Arbeitsschutz der Landwirte. Indem nämlich die Muttertiere in jene Metallkäfige eingesperrt werden, sind sie gleichzeitig unfähig, ihren Nachwuchs zu verteidigen. Dies ist insbesondere dann von Bedeutung, wenn es um die betäubungslose Verstümmelung der Ferkel geht. Werden die Mütter auf die Schreie ihrer Kinder aufmerksam, wollen sie diese verteidigen – doch genau dies wird durch die Ferkelschutzkörbe verhindert. Schließlich können sich die Tiere in ihnen nicht einmal um die eigene Achse drehen.
Die betäubungslose Verstümmelung der Ferkel ist eine von vielen grausamen Praktiken, die sich in der Tierindustrie finden. So werden männliche Tiere in eine »Kastrierhalterung« gespannt, um ihnen mit einem Skalpell den Körper aufzuschneiden und die Hoden zu entnehmen. Dies hat den Grund, dass das Fleisch eines gewissen Anteils der männlichen Tiere andernfalls den als unangenehm empfundenen »Ebergeruch« entwickeln würde. Allen Ferkeln werden zudem die Zähne abgeschliffen. Dabei kommt ein »Zahnschleifgerät« oder eine einfache »Zahnfeile« zum Einsatz. Durch den Eingriff soll verhindert werden, dass die Tiere die Brust ihrer Mutter beim Trinken der Milch verletzen, denn selbst kleine Wunden können aufgrund der miserablen hygienischen Verhältnisse in den Tierfabriken rasch schwerwiegende Infektionskrankheiten zur Folge haben. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass durch die Züchtung bestimmter Schweinerassen diese derart große »Würfe« haben, dass es vorkommen kann, dass nicht alle Tierkinder eine Zitze der Mutter für sich beanspruchen können und dementsprechend Kämpfe um den Platz an der Mutterbrust ausbrechen. Ferner werden mit »Schwanzkupiertrafos« oder »Schwanzkupierzangen« Ferkeln große Teile ihrer Ringelschwänze abgetrennt, sodass nur ein kleiner Schwanzstumpf übrigbleibt. Dies erfolgt, um das gegenseitige Anbeißen derselben in der Schweinemast zu verringern. Hier leiden die intelligenten Tiere an derartiger Langeweile und Reizarmut, dass sie die Ringelschwänze oder auch die Ohren ihrer Buchtgenossen anbeißen. Bewusst wird beim Kupieren ein kleiner Schwanzstumpf erhalten, da dieser empfindlicher ist als die Schwanzspitze und dadurch von Schwanzbeißen betroffene Tiere dazu bewegt werden, rascher den sie beißenden Tieren auszuweichen.50
In den Abferkelbuchten leben die Schweinemütter mit ihren Ferkeln ebenfalls auf Spaltenböden. Durch den Spaltenboden kann es vorkommen, dass die Zitzen der Sauen beim Liegen in die Schlitze gedrückt werden und beim Aufstehen abreißen.51 Ihrem Bedürfnis, ein Nest zu bauen, können die Sauen in den Abferkelbuchten nicht nachgehen. In freier Natur würden sie aus Ästen, Laub, Gras und weiterem Material ein weiches Nest herrichten, um ihrem Nachwuchs eine geschützte Umgebung zu bieten. Das Nestbauen ist für die Tiere ein derart wichtiges und essenzielles Bedürfnis, dass sie ihm auch in Gefangenschaft nachkommen wollen. Da Sauen hier jedoch in Metallkäfigen fixiert sind und auf Spaltenböden leben, ist dies unmöglich, sodass Verhaltensstörungen entstehen.52 Beim verzweifelten Versuch, ein Nest zu bilden, reiben die Muttersauen mitunter so fest mit ihrer Nase über den Boden oder gegen die Buchteneinrichtung, dass sie sich blutige Verletzungen zuziehen. Generell können die Tiere die allermeisten natürlichen Verhaltensweisen bei der Geburtsvorbereitung sowie der Betreuung des Nachwuchses in der Schweinezucht nicht ausleben. Schließlich ist allein schon die Kontaktaufnahme mit den Ferkeln durch die Fixierung im Ferkelschutzkorb massiv behindert.
Typischerweise gebärt eine Sau in Gefangenschaft bei einem »Wurf« circa zehn bis vierzehn Ferkel. Viele der kleinen und empfindlichen Tiere sterben jedoch rasch, da sie erkranken, sich verletzen oder ersticken. Tiere, die im Wachstum zurückbleiben oder abgemagert sind, werden als »Kümmerer« bezeichnet. Ferner gibt es Tiere, die keinen Saugreflex, angeborene Anomalien oder gespreizte Hinterbeine haben. Da diese Tiere eigentlich einer besonderen tierärztlichen Behandlung bedürften, diese jedoch mit Kosten verbunden wäre, tötet man die Tiere. Dieses Schicksal, nämlich getötet zu werden einzig aufgrund des Umstands, nicht rasch genug zu wachsen oder krank zu sein, ereilt unzählige Tiere. In größeren Betrieben gehen Arbeiter jeden Morgen durch die Abferkelabteile, greifen nach den sogenannten »Kümmerern« und schlagen sie tot. Dabei werden die Tiere an den Hinterbeinen genommen und mit dem Kopf gegen den Boden oder die Stallwand geschlagen. Dieses Vorgehen endet für viele Tiere nicht tödlich, sondern lediglich in einer Schädelfraktur. Die noch lebenden, schwerverletzten, zappelnden oder zitternden Ferkel werden anschließend lebend weggeworfen. Das derartige Totschlagen junger Ferkel ist ein Industriestandard und wird in jedem konventionellen Schweinezuchtbetrieb praktiziert. Erst in jüngerer Zeit wurde in verschiedenen deutschen Bundesländern beschlossen, dass das Erschlagen von Ferkeln nicht mehr zulässig ist. Nun sollen Ferkel mit einem stumpfen Schlag auf den Kopf betäubt und anschließend »entblutet« werden.53 Dass dieses Verfahren, das ebenfalls häufig nicht »sachgerecht« durchgeführt wird, nicht minder grausam ist als das bloße Totschlagen, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Fakt ist, dass Schweinezuchtbetriebe je nach Größe regelrechte Berge totgeschlagener Ferkel produzieren. Die Tiere werden erst in Eimern, Schubkarren oder noch größeren Behältnissen gesammelt, bevor sie dann in beißend stinkende Kadavercontainer weggekippt werden.
Nachdem die Ferkel geboren wurden, dürfen sie nur wenige Wochen bei ihren Müttern leben. Bereits nach kurzer Zeit trennt man beide voneinander, wobei die Ferkel in sogenannte »Flatdecks« verbracht werden. Für die Sauen beginnt anschließend eine wenige Wochen währende »Wartephase«, bevor sie erneut in Kastenstände eingesperrt und künstlich besamt werden. Die Tiere durchleiden diesen Kreislauf üblicherweise für etwa drei Jahre, bevor die »Wurfleistung« nachlässt und sie geschlachtet sowie durch »Jungsauen« ersetzt werden. Dieser Prozess wird »Remontierung« genannt. Führen andere Gründe wie etwa Erkrankungen oder Verletzungen zur Herausnahme von Sauen aus dem »Produktionszyklus«, kann es sein, dass diese inmitten ihrer Schwangerschaft getötet werden. Während der Schlachtung erfahren die ungeborenen Tiere dabei einen langsamen Erstickungstod im Mutterleib.
Bevor die Sauen geschlachtet werden, leiden die Tiere nicht nur an den bloßen Haltungsbedingungen ihrer Gefangenschaft in den Schweinezuchtbetrieben, sondern in der Regel auch an diversen schweren Erkrankungen. Die intensive »Ferkelproduktion« führt zu Eierstockzysten, Infektionen des Reproduktionstraktes, Zitzen-, Klauen- oder Hautverletzungen, Harnwegsinfektionen, Lungenschäden, Knochenschwächen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.54 Viele der erwähnten Krankheiten entwickeln sich aufgrund zuchtbedingter Eigenarten der Tiere, sodass auch bei Zuchtsauen von Qualzuchten gesprochen werden kann. Dazu kommen die bereits erwähnten und beschriebenen Verhaltensstörungen, also psychische Leiden.
Die erwähnten Flatdecks, in welche die wenige Wochen alten und von ihren Müttern getrennten Tiere verlegt werden, sind viereckige, nur wenige Quadratmeter große Buchten, die gewissermaßen die Vorstufe der eigentlichen Schweinemast bilden. Hier werden die Jungtiere unter anderem mit verschiedenen Impfungen behandelt. In größeren Betrieben werden die Tiere dazu von mehreren Arbeitern innerhalb ihrer Bucht mit Treibhilfen zu einem möglichst kompakten »Knäuel« zusammengepresst, um dann in hohem Arbeitstempo mit »Impfstäben« gestochen zu werden. Durch die Hektik und den Stress rennen die verstörten Tiere dabei wild übereinander her, wobei sie sich nicht selten an den in ihren Leibern steckenden Spritzenkanülen innerlich verletzen. Häufig verfehlen die Arbeiter auch die richtigen Körperstellen beziehungsweise »Applikationsorte« etwa an der Nackenmuskulatur, an der die Impfung erfolgen soll, und treffen die Tiere mit den spitzen Impfstäben ins Gesicht oder an anderen empfindlichen Körperpartien. Die durchgeführten Impfprogramme sind gewissermaßen die Vorbereitung auf die Mastphase, in der das Risiko von Infektionen durch Krankheitserreger wie etwa das »Porcine Circovirus« besonders hoch ist. Die eigentliche Ferkelaufzucht in Flatdecks dauert nur wenige Wochen. Anschließend werden die »Absatzferkel« von den Schweinezucht- in Schweinemastbetriebe verlegt. Sofern die Tiere nicht in einem Betrieb mit »geschlossenem System« leben und Zucht und Mast innerhalb ein und derselben Anlage stattfinden, können die Tiere, wenn sie aus den Luftschlitzen der Tiertransporter, die sie in die Mastställe verfrachten, hinausblicken, zum ersten Mal in ihrem Leben frische Luft riechen.
Schweinemastbetriebe sind im Grunde mehr oder minder große Hallen, die in einzelne Abteile aufgegliedert sind. Diese bestehen wiederum typischerweise aus mehreren Buchten. In diesen Buchten werden die Schweine dicht an dicht gefangen gehalten. Dabei steht ihnen kaum mehr Platz zu, als ihr eigener Körper einnimmt. Durch die erdrückende Enge können bei Rangkämpfen rangniedere Tiere den ranghöheren nicht ausweichen, was diese zusätzlich aggressiv macht. Nur bei einem Bruchteil der bestehenden Betriebe haben die Tiere die Möglichkeit, einen Auslauf zu nutzen und frische Luft zu atmen. Ebenfalls kommt nur in einem Bruchteil der Betriebe Einstreu zum Einsatz. Typischerweise leben die Tiere schlicht auf hartem Betonspaltenboden, was in vielen Fällen zu schmerzhaften Schleimbeutelentzündungen oder anderen Erkrankungen führt.55 Die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie etwa das Scharren oder Wühlen in weichem Untergrund ist für die erkundungsfreudigen Tiere unmöglich. Auch verletzen sich die Tiere häufig an den Spalten oder Betonkanten. Die unter den Spaltenböden befindlichen flüssigen Exkremente sondern Ammoniak und andere übel riechende beziehungsweise reizende Gase ab, welche die Schweine mit ihren äußerst empfindlichen Nasen permanent einatmen müssen und welche bei den Tiere häufig eitrige Augenreizungen verursachen. Wenn die Tiere Atemwegserkrankungen haben, was in der Schweinemast an der Tagesordnung ist, husten die Tiere mitunter derart stark beziehungsweise häufig, dass es durch den dadurch bedingten Druck auf die inneren Organe zu Mastdarmvorfällen kommen kann. Dabei tritt ein mehr oder minder großer Abschnitt des Rektums aus der Afteröffnung aus. Durch die Abschnürung durch den Schließmuskel des Afters kommt es anschließend zu einem langsamen Absterben des ausgetretenen Darmabschnitts. Dazu kommt, dass andere Schweine diesen aufgrund der Reizarmut in den Buchten anbeißen. Dabei erleiden die betroffenen Tiere über Tage, Wochen oder Monate hinweg extreme Schmerzen.
Die Intensivmast sorgt dafür, dass die Schweine in kürzester Zeit zunehmen. Aufgrund der Zucht, die auf eine möglichst rasche »Fleischzunahme« abzielt, leiden die Tiere an zahlreichen körperlichen Gebrechen. Das unnatürliche Kraftfutter leistet sein Übriges. Innerhalb von nur etwas mehr als einem halben Jahr haben die Tiere ihr »Schlachtgewicht« von über einhundert Kilogramm erreicht. Trotz dieser kurzen Lebensdauer ist jeder Tag, den die Schweine in den Mastbetrieben verbringen müssen, quälend lang. Die intelligenten Tiere leiden an extremer Langeweile. Gesetzlich vorgeschrieben ist »Beschäftigungsmaterial«, mit dem die Tiere die Langeweile und Reizarmut kompensieren sollen. Dabei kommen »Spielketten«, Plastik- oder Holzteile sowie Dosierungstechniken beim Futter, welche die Tiere kognitiv anregen sollen, zum Einsatz. Dies ist jedoch der ausgeprägten Intelligenz der neugierigen, über Selbstbewusstsein verfügenden Tiere56 nicht angemessen. Dass es trotz des vorgeschriebenen Beschäftigungsmaterials in so gut wie jedem Betrieb zu Verhaltensstörungen wie Schwanz-, Scheiden- oder Ohrenbeißen bei den Tieren kommt, bestätigt, dass Mastbuchten keinen geeigneten Lebensraum für sie darstellen.
Schweine sind, anders als mitunter vermutet, äußerst saubere Tiere. Dies zeigt sich etwa daran, dass sie es vermeiden, Kot oder Harn in der Nähe ihrer Liegeplätze auszuscheiden. Stattdessen haben Schweine, wenn sie denn in Freiheit leben dürfen, spezielle Kotplätze, die in größerem Abstand zu den Schlafnestern liegen.57 In den kleinen Buchten von Schweinemastbetrieben ist diese Trennung nicht möglich. Und so werden die empfindsamen, sauberen Tiere gezwungen, in einem Areal zu leben, das in der Regel bis an die Wände hoch mit Kot verschmiert ist. Bei älteren Schweinemastanlagen funktioniert mitunter das Absaugen des Kots aus dem Güllekeller, der sich unterhalb der Spaltenböden befindet, nicht richtig, sodass es den Kot von unten durch die Spalten drückt und die Tiere regelrecht durch ihre Ausscheidungen waten müssen. Auch passiert es immer wieder, dass kleinere Tiere durch Lücken, die zwischen den Platten der Spaltenböden entstehen können, in den Güllekeller stürzen, wo sie nach einem langen Todeskampf in den flüssigen Exkrementen ersticken. Doch auch ohne derartige Zwischenfälle bedeutet die Allgegenwart von kranken, toten oder verwesenden Tieren, von Sporen, Krankheitserregern, Spulwürmern, Maden, Fliegen, Kakerlaken und Ratten sowie Staub und unerträglichem Gestank für die sensiblen Tiere, die in diesen Bedingungen bis an ihr Lebensende gefangen gehalten werden, extremes Leid. Damit die Tiere diese Zustände überhaupt überleben und die »Sterberaten« eingedämmt werden können, werden Schweinen systematisch Antibiotika verabreicht. Dennoch sterben in Deutschland jährlich knapp zwei Millionen Tiere allein aufgrund der Haltungsbedingungen.
Die Tiere, welche die Mastphase überleben, werden, sobald ihr »Schlachtgewicht« erreicht ist, nicht selten unter Einsatz roher Gewalt auf Tiertransporter getrieben. Vorher werden die Tiere mit einer »Viehverkehrs-Verordnungs-Nummer« versehen, um eine Rückverfolgbarkeit der Tiere von der Schlachtung bis zur Aufzucht zu ermöglichen. Bei der »Anbringung« der Nummer auf den Tieren wird ein »Schlagstempel« verwendet. Dabei handelt es sich um eine metallene Platte, auf der Ziffern und Buchstaben angebracht werden, wobei diese abgebildet werden in Form von ziffern- oder buchstabenartig angeordneten, langen Metallspitzen. Diese Metallspitzen werden mit »Tätowiertusche« versehen und anschließend mithilfe des Schlaggeräts in das Fleisch der Tiere getrieben. Dabei ist es erforderlich, jede »Flanke« eines Tieres zu markieren, da es im Schlachthof in zwei Hälften getrennt wird und jede Tierhälfte bürokratisch erfassbar bleiben soll. Nachdem also jedes Tier eines »Mastdurchgangs« markiert und auf einen Tiertransporter getrieben ist, werden die Schweine dort, dicht aneinandergedrängt, in eine Schlachtfabrik verbracht.
Dort angekommen, werden die Tiere meistens nicht weniger grausam aus den Tiertransportern herausgetrieben, wobei Elektroschocker oder verschiedene Schlagwerkzeuge eingesetzt werden. Nach einer kurzen Wartezeit werden die Tiere mit Kohlenstoffdioxid betäubt, indem sie in eine Grube, die mit dem Gas gefüllt ist, hinabgelassen werden. In der Grube bekommen die Tiere Todesangst und quälende Erstickungsgefühle. Sie schreien, schlagen um sich und versuchen verzweifelt, der eisernen Gondel zu entkommen, in der sie zu mehreren eingesperrt sind. Die tatsächliche Betäubung setzt nur langsam ein und ist vom massiven Leiden der Tiere begleitet. Häufig kommt es vor, dass die Betäubung aufgrund der zu kurzen Verweildauer in der Kohlenstoffdioxidgrube fehlschlägt. Gleiches gilt für alternative Schlachtmethoden, bei denen den Tieren beispielsweise eine Elektrozange an den Kopf gehalten wird, wobei Strom das Gehirn der Tiere durchfließt und sie so betäuben soll. Dieses Verfahren wird sowohl von Hand durchgeführt als auch automatisiert. Fehlbetäubungen entstehen dabei, weil die Elektroden nicht »korrekt« angesetzt werden und die Tiere lediglich einen starken Stromschlag erleiden. Laut Aussage der Bundesregierung liegt die Fehlbetäubungsrate bei handgeführten elektrischen Betäubungsanlagen bei über zehn Prozent.58 Diese vermutlich noch deutlich zu niedrig angesetzte Angabe bedeutet dennoch bereits für unzählige Tiere, dass sie den Schlachtprozess bei vollem Bewusstsein und Empfindungsvermögen miterleben. Und obwohl es in Deutschland verboten ist, Schweine mit der Elektrozange zu treiben oder zu ziehen, wird auch dies regelmäßig praktiziert. Neben der Elektrobetäubung sowie der Verwendung von Kohlenstoffdioxid-Senkgruben werden Schweine ferner mit Bolzenschussgeräten betäubt. Dabei wird ein Metallstab durch den Schädel der Tiere in ihr Gehirn getrieben. Durch diese Maßnahme soll die Bewusstlosigkeit der Tiere eintreten. Doch Fehlbetäubungen sind auch hier an der Tagesordnung.
