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Um sich der Zukunft zu stellen, muss man die Vergangenheit loslassen.
Die Rückkehr in das Haus ihrer Kindheit in Nordkalifornien bedeutet für Karla Esterbrook Wut und Schmerz. Dennoch kann sie nicht ablehnen, als ihre kranke Großmutter Anna sie bittet, ihr bei der Regelung ihrer Angelegenheiten zu helfen. Immerhin hat Anna Karla und ihre jüngeren Schwestern nach dem Tod ihrer Eltern vor zwanzig Jahren großgezogen. Doch von Anfang an trennte ein heftiger Konflikt Karla und ihre Großmutter, der beide verbittert und wütend zurückließ. Karla ahnt nicht, dass eine sehr entschlossene Anna alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken.
Aber können die Wunden der Vergangenheit wirklich geheilt werden?
Eine herzzerreißende Geschichte über Familie und die heilende Kraft der Liebe. Das Buch ist vormals unter dem Titel "Das Haus meiner Großmutter" erschienen
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Um sich der Zukunft zu stellen, muss man die Vergangenheit loslassen.
Die Rückkehr in das Haus ihrer Kindheit in Nordkalifornien bedeutet für Karla Esterbrook Wut und Schmerz. Dennoch kann sie nicht ablehnen, als ihre kranke Großmutter Anna sie bittet, ihr bei der Regelung ihrer Angelegenheiten zu helfen. Immerhin hat Anna Karla und ihre jüngeren Schwestern nach dem Tod ihrer Eltern vor zwanzig Jahren großgezogen. Doch von Anfang an trennte ein heftiger Konflikt Karla und ihre Großmutter, der beide verbittert und wütend zurückließ. Karla ahnt nicht, dass eine sehr entschlossene Anna alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken.
Aber können die Wunden der Vergangenheit wirklich geheilt werden?
Eine herzzerreißende Geschichte über Familie und die heilende Kraft der Liebe. Das Buch ist vormals unter dem Titel "Das Haus meiner Großmutter" erschienen
Georgia Bockoven war erfolgreich als Fotografin und freie Journalistin tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kalifornien.
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Georgia Bockoven
Was uns im Herzen bleibt
Übersetzt von Angela Schumitz
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Titel
Inhaltsverzeichnis
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Titelinformationen
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Informationen zum Buch
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Lust auf more?
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Dieses Buch ist ein Liebesbrief
an meine Mutter, Mary Ann Stephens,
und an Susan Grads Mutter, Jean Hulm.
Dieses Buch wäre nie entstanden, wenn nicht zahlreiche Menschen dazu beigetragen hätten. Ein dickes Dankeschön an Dr. Marcia Smith, eine Tierärztin, die ihre Patienten äußerst sachkundig und deren Besitzer mit großem Verständnis behandelt. Dr. Elizabeth McClure danke ich für ihre Ideen, ihren Frohsinn, ihre Begeisterung und ihr persönliches wie berufliches Wissen und Dr. Dave Brauner dafür, dass er mir die richtige Richtung gewiesen und viel Zeit geschenkt hat. Längst fällig ist auch ein Dank an Dr. John Morelli, der mir nicht nur bei diesem Buch, sondern auch bei vielen früheren bereitwillig zuhörte, weise Kommentare lieferte und kluge Ratschläge erteilte.
Ein herzliches Dankeschön auch an Connie Cullivan, die mich begeistert über die Geschichte einer Gemeinde unterrichtete, die sie leidenschaftlich und innig liebt – Rocklin in Kalifornien.
Die alte Frau fuhr mit der Hand über den Chenille-Überwurf auf ihrem Bett und glättete die Spuren ihres spätnachmittäglichen Nickerchens. Schließlich tätschelte sie den Überwurf ein letztes Mal und erfreute sich an dem Gefühl, etwas geschafft zu haben. Vielleicht hatte sie keine Kontrolle mehr über die großen Dinge in ihrem Leben, aber den Alltag bewältigte sie noch recht gut. Wäre doch der Abdruck, den der Bettüberwurf auf Wange und Hand hinterlassen hatte, ebenso leicht zu glätten!
Sie blickte aus dem Schlafzimmerfenster auf die weinrot leuchtenden Blätter, die sich mit letzter Kraft am Amberbaum festzuhalten suchten.
Kurz wunderte sie sich, dass die Schatten auf der Wiese schon so lang waren, dann fiel ihr ein, dass die Umstellung auf die Winterzeit und nicht ihr kränkelnder Körper ihre innere Uhr durcheinandergebracht hatte, und das leichte Gefühl von Panik, das sie dabei überkommen hatte, legte sich wieder.
Sie ließ den Bettpfosten los und tastete nach der Frisierkommode und dann nach dem Türrahmen, während sie sich auf den Weg aus dem Schlafzimmer in den Gang machte. Schon seit Monaten nahm sie Möbel und Wände zu Hilfe statt des Stocks, den der Arzt ihr dringend empfohlen hatte. Aber sie wollte sich nicht als Invalidin abstempeln lassen – noch nicht; denn dann würde sie das Gefühl haben, ihr Leben sei vorüber und sie würde nicht mehr auf das Ende zusteuern, sondern bereits mit einem Fuß im Grabe stehen.
Nein, so weit war es noch nicht.
Orangefarbene und goldene Lichtstrahlen fielen durch das Küchenfenster in den Gang. Der Sonnenuntergang würde heute bestimmt spektakulär werden. Die Reisfarmer verbrannten wieder die Reste ihrer Ernte; der Rauch gehörte zum Herbst im Sacramento Valley wie die dürren Felder. Allerdings waren die Tage gezählt, an denen die Farmer Feuer machen durften; die Umweltschützer hatten die Schlacht dagegen so gut wie gewonnen.
Aber Herbsttage ohne rauchgeschwängerte Luft würde die alte Frau wohl nicht mehr erleben. Das machte ihr allerdings nicht viel aus. Ihr waren ohnehin weit mehr Jahre gegönnt worden, als sie sich mit zwanzig vorgestellt hatte – damals, als sie geglaubt hatte, mit fünfzig sei man alt. Natürlich hatte sie ihre Meinung geändert, als sie sich dem halben Jahrhundert genähert und festgestellt hatte, dass Alter nur eine Frage der inneren Einstellung war. Die Anzahl der Jahre und die Menge der Falten spielten nur eine Rolle, wenn man es zuließ. Jetzt, mit fünfundachtzig, sagte sie sich, morgen werde das Alter wohl anfangen.
In der Küche hing noch ein schwacher Duft des Mittagessens. Der würzige Hackbraten hätte die schwach gewordenen Geschmacksnerven reizen sollen. Doch irgendwie – sie hatte es selbst gar nicht recht bemerkt – hatte sie den Appetit verloren. Sie wusste nicht, ob ihre Medikamente daran schuld waren oder die Entdeckung, dass sie inzwischen alles essen konnte, ohne zuzunehmen – und das, nachdem sie ihr Leben lang auf Kalorien geachtet hatte.
Nicht einmal Crème brûlée stellte noch eine Versuchung dar. Offenbar musste diese Köstlichkeit verboten sein, um sie richtig genießen zu können. Die Üppigkeit musste eine Sünde sein, eine Übertretung, bei der man von Schuldgefühlen geplagt wurde. Jetzt fiel sie einfach nicht mehr ins Gewicht, wie Sellerie bei einer Diät.
Sie brühte eine Tasse Zimtapfeltee auf, eine der wenigen Freuden, die ihr noch geblieben waren. Die Hände um die Tasse gelegt, saß sie oft lange in ihrem Schaukelstuhl, atmete das Aroma ein, das viele Erinnerungen weckte, und wartete. Seit einem halben Jahr wartete sie nun schon; jeden Morgen wachte sie mit der Hoffnung auf, dass der Tag gekommen sei, und wenn ein weiterer Tag zu Ende ging, ohne dass ihre Hoffnungen erfüllt worden waren, wehrte sie sich gegen das Gefühl der Entmutigung.
Als junge Frau war sie nicht so geduldig gewesen, doch jetzt wusste sie vieles – nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen, und dieses Wissen gab ihr eine Zuversicht, die ihr früher gefehlt hatte.
Sie würde kommen, wenn auch nicht aus Liebe, sondern aus Pflichtgefühl. Die Liebe hatte sie schon viel zu lange viel zu tief vergraben. Doch gemeinsam würden sie sie wiederfinden. Aus diesem Grund klammerte sich die alte Frau an ihr Leben; diese eine Aufgabe galt es noch zu erledigen, diesen einen Fehler wiedergutzumachen, den sie sich nicht verzeihen konnte.
Mit der Tasse in der Hand saß die alte Frau auf ihrem Schaukelstuhl und blickte nach Westen. Und wartete.
»Ich verstehe nicht, warum du ausgerechnet Jim gebeten hast, deinen Kaffeeladen zu führen, solange du weg bist«, rief Heather aus der Küche. »Das war ein Fehler, das weißt du genauso gut wie ich. Und so, wie Jim klang, weiß er es auch.«
Bislang war es den ganzen Nachmittag lang um Schwangerschaft, Wehen, Säuglingsnahrung, die ersten Schritte, die ersten Worte und die Sauberkeitserziehung gegangen; nun hatte Karla Esterbrooks Schwester zum ersten Mal etwas gesagt, was Karlas Aufmerksamkeit erregte. Sie hörte auf, das Besteck auf dem Esszimmertisch zu verteilen, und ging in die Küche.
»Du hast mit Jim gesprochen?«, fragte sie. »Wann denn?«
»Er hat hier angerufen, eine Viertelstunde, bevor du kamst.« Heather verscheuchte Karla und öffnete die Backofentür.
»Das war vor fünf Stunden. Und das erzählst du mir erst jetzt?«
»Er meinte, es sei nicht so wichtig, er würde dich später noch mal anrufen.«
»Habt ihr über den Laden gesprochen?«
Heather ignorierte die Frage. Sie atmete den Duft der Lasagne ein, und ihre Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen kleinen Lächeln. »Ich weiß schon, ich sollte das nicht sagen, aber ich bin mit meinen Kochkünsten sehr zufrieden, auch wenn es Grandmas Rezept ist.«
Heather hatte das Thema gewechselt. Karla konnte sich nun fügen oder wegen des Anrufs einen Aufstand machen, doch das würde dem Eingeständnis gleichkommen, dass ihr Interesse über das rein Geschäftliche hinausging. »Moms Lasagne war besser.«
»Ausgeschlossen, dass du dich noch daran erinnern kannst, wie Moms Lasagne geschmeckt hat. Das bildest du dir nur ein. In deiner Vorstellung ist alles, was sie gemacht hat, besser als alles, was du seitdem gekostet hast. Vor deiner Erinnerung könnte nicht einmal eine Superhausfrau wie Martha Stewart bestehen.«
Sie standen wieder einmal kurz davor, ihren alten Streit auszufechten, den keine gewinnen konnte. Heather war acht Jahre alt gewesen, als ihre Eltern starben – zu jung, um mehr als eine Handvoll prägender Eindrücke in ihr Erwachsenenleben mitzunehmen. Karla war damals zwölf gewesen, und sie war felsenfest davon überzeugt, sich an alles erinnern zu können – von den weichen Haaren ihrer Mutter bis zum Rasierwasserduft ihres Vaters.
»Dem herrlichen Geruch nach zu urteilen, hast du Annas Rezept noch einiges hinzugefügt«, meinte Karla versöhnlich. Sie wollte, dass dieser Besuch harmonischer als ihr letzter verlief. Kurz zuvor hatte sie die Nachricht von Annas tödlicher Krankheit erreicht gehabt; bei dem Versuch, ihre Gefühle zu ordnen und zu entscheiden, was nun zu tun wäre, hatten sie sich unablässig gestritten.
Karla bewunderte ihre Schwester und hätte gern in ihrer Nähe gelebt. Doch obwohl sie sich nur gelegentlich sehen konnten, brachten sie während eines Besuchs die halbe Zeit damit zu, sich durch emotionale Missverständnisse zu arbeiten, bevor sie endlich an den Punkt kamen, ihr Zusammensein zu genießen. »Ich kann es kaum erwarten, bis es etwas zu essen gibt. Ich bin am Verhungern.«
»Fein. Ich habe die doppelte Menge gemacht, und Bill kann es nicht leiden, wenn Essen übrig bleibt.«
»Um noch mal auf Jims Anruf zurückzukommen« – Karla hatte das Ausweichmanöver nun lange genug mitgespielt – »ist denn im Laden etwas passiert?«
»Was soll diese Frage? Du bist gerade mal drei Tage weg. Welche größere Katastrophe, mit der Jim nicht fertig würde, sollte in der Zeit wohl passiert sein?«
Karla warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Wenn tatsächlich ein Problem aufgetaucht war, könnte sie es in gut vier Stunden zurück nach Solvang schaffen. »Ich rufe ihn jetzt gleich an.«
»Das Essen ist fertig.«
Heather schob das Essen vor, um ihr auszuweichen, das war Karla klar, und sie ging ihr damit langsam auf die Nerven. Irgendetwas stimmte hier nicht. Offenbar hatte Heather vorhin nicht die Zurückhaltende gespielt, sondern das Thema überhaupt vermeiden wollen. »Bill und die Kinder sind ja noch nicht mal vom Einkaufen zurück. Willst du etwa ohne sie essen?«
»Sie kommen bestimmt gleich.«
»Und ich brauche am Telefon nicht lange.« Karla wollte sehen, wie weit Heather gehen würde.
Heather stützte sich auf die rotbraun geflieste Arbeitsplatte und streckte den Bauch heraus, sodass es aussah, als wäre sie schon im neunten und nicht erst im sechsten Monat. Mit dem unkomplizierten Koboldhaarschnitt, den sie sich in der Schwangerschaft zugelegt hatte, sah sie wie Anfang und nicht wie Ende zwanzig aus.
»Ich hätte nichts sagen oder zumindest erst nach dem Essen damit anfangen sollen. Jetzt ist alles verdorben – und dabei habe ich tagelang daran gearbeitet, dass wir heute einen ganz besonderen Abend zusammen verbringen.«
Schuldgefühle – Heathers Spezialgebiet. »Nichts ist verdorben, es sei denn, du beharrst darauf, die Sache über das Essen hinauszuziehen. Wenn du willst, dass ich Jim erst später anrufe, dann sag mir wenigstens, was er wollte.«
»Es geht nicht um deinen Kaffeeladen – zumindest nicht im eigentlichen Sinne.« Sie ließ eine beschützende und zugleich ihren Besitz verteidigende Hand über ihren sanft gerundeten Bauch gleiten. »Aber es gibt etwas, was du wissen solltest, bevor du mit Jim redest. Himmel noch mal, ich wollte wirklich nicht diejenige sein, von der du es erfährst.«
Trotz Heathers dramatischer Einleitung schaffte es Karla, sich auf die Formulierung ›zumindest nicht im eigentlichen Sinne‹ zu konzentrieren. In den letzten zweieinhalb Jahren hatte sie mit Leib und Seele für ihren Laden gearbeitet. Sie hatte die Arbeit als Therapie genutzt, um über das Gefühl des Scheiterns hinwegzukommen. Früher hatte der Laden ihr und Jim gehört; nun war sie die alleinige Eigentümerin. Er war das Allerwichtigste in ihrem Leben, ihre einzige feste Beziehung; ja, er war fast wie ein Kind für sie.
»Jetzt reicht es«, meinte sie. »Du hast meine ungeteilte Aufmerksamkeit – falls du das wolltest.«
»Es tut mir leid, ich tue mich nur so wahnsinnig schwer. Du hast versucht, es nicht zu zeigen, aber ich weiß genau, worauf du gehofft hast, als du Jim gefragt hast, ob er sich um den Laden kümmern kann, solange du weg bist.«
»Zum Kuckuck, Heather, würdest du bitte endlich aufhören, um den heißen Brei herumzureden, und mir sagen, was los ist? Was immer es ist, es ist sicher nicht so schlimm wie das, was ich mir jetzt vorstelle.«
Doch Heather zögerte weiter. Ihre Lippen bewegten sich zwar, als würde sie üben, was sie sagen wollte, aber sie brachte kein Wort zustande. Endlich rückte sie doch mit der Sprache heraus. »Jim führt den Laden nicht allein«, sagte sie hastig und mit belegter Stimme.
Das war so weit von dem entfernt, womit Karla gerechnet hatte, dass sie anfangs nicht recht wusste, was sie erwidern sollte. »Du meinst, er hat sich eine Hilfe organisiert?«, fragte sie schließlich.
Aber eigentlich konnte es das nicht sein – sie war erst drei Tage weg, und in Solvang war im Moment wenig los. Oktober war der Monat, in dem sie sich gewöhnlich den Papierkram vornahm, den sie im Sommer beiseiteschob, wenn die Touristen den Laden stürmten. Im Oktober gab es kaum genug für die zwei Frauen zu tun, die ihr während der Woche ein paar Stunden aushalfen.
»Er hat eine Frau mitgebracht.«
Wie bitte? Karla dachte, sie hätte sich verhört. »Mitgebracht? Was soll das heißen?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde sagen, solange du noch da warst, hat er sie in einem Motel versteckt und sie dann zu sich geholt, sobald du weg warst.«
»Zu sich geholt?«, wiederholte Karla verständnislos. »Willst du damit sagen, dass jemand – eine Frau – bei Jim wohnt? In meinem Haus?«
Heather nickte. »Er hat mir erzählt, sie habe gemerkt, dass sie es keinen ganzen Monat ohne ihn aushalten könne, und deshalb hat sie ihren Job in Los Angeles gekündigt. Und heute Morgen sei sie dann vor seiner oder vielmehr deiner Haustüre gestanden. Eigentlich wollte er es dir gern persönlich sagen, aber weil du nicht da warst, hat er es eben mir gesagt. Wenn er es dir wirklich gern selbst erzählt hätte, hätte er natürlich auch erst am Abend anrufen können.«
Wie verblendet sie nur gewesen war! Zweieinhalb Jahre hatte sie sich nun an die Vorstellung geklammert, Jim würde eines Morgens aufwachen und merken, dass er ohne sie nicht leben könne. Ihn zu fragen, ob er sich während ihrer Abwesenheit um den Laden kümmere, war ein blöder, verzweifelter Schachzug gewesen, ihn in ihr Leben zurückzuholen. Gottlob hatte sie niemandem etwas über ihre Gefühle verraten, nicht einmal Heather, sonst wäre sie jetzt vor Scham in den Boden versunken.
»Ob er jemanden dabeihat oder nicht, macht doch überhaupt keinen Unterschied.« Karla erstickte fast an den Worten. »Ich habe ihn eingestellt, damit er das Geschäft weiterführt. Mehr kann ich nicht von ihm erwarten.«
»Sie wohnt mit ihm in deinem Haus, Karla. Sie schlafen in deinem Bett!«
»Danke, dass du mich noch einmal darauf hinweist. Alleine wäre ich wahrscheinlich nie darauf gekommen.«
»Sie ist nicht einfach nur so aufgetaucht. Das haben die beiden bestimmt schon die ganze Zeit geplant.«
»Auch das sagst du jetzt schon zum zweiten Mal. Worauf willst du eigentlich hinaus?« Ihr Leben lang hatte Karla ihren Schmerz hinter Zorn versteckt. Für sie war das selbstverständlich, doch kein anderer hatte jemals gemerkt, was sich hinter ihrer Wut verbarg. Alle, einschließlich ihrer Schwester, glaubten, sie sei eben hitzköpfig und humorlos. »Wenn du recht hast, und ich gehe davon aus, dass es so ist – was soll ich dann deiner Meinung nach tun?«
»Wirf ihn raus! Sag ihm, er soll sich um eine andere Bleibe kümmern!«
»Und was ist, wenn er meint, das wäre ihm zu lästig? Dann packt er womöglich seine Sachen und fährt wieder nach Los Angeles zurück! Was soll ich dann tun, Heather?«
»Es gibt bestimmt noch jemand anderen, der den Laden so lange übernehmen kann. Schließlich ist es doch nur für einen Monat.«
Es war zwecklos, Heather die Sache erklären zu wollen. In ihren neunundzwanzig Jahren hatte ihre Schwester kein einziges Mal eine Krise allein bewältigen müssen. Immer wenn sie auf ein Hindernis gestoßen war, hatte ihr jemand weitergeholfen. Von dem Moment an, als sie zur Welt gekommen war, hatte Heather Menschen angezogen, die Probleme wie selbstverständlich für sie lösten. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie schwierig es sein würde, eine zuverlässige Person zu finden, die den Laden ›nur für einen Monat‹ übernehmen würde.
»Ich habe nicht die Zeit, jemand anderen zu finden. Anna wird ja wohl kaum herumsitzen und warten, bis ich mein Leben in Ordnung gebracht habe. Wenn ich es tue, dann muss ich es jetzt tun.« Endlich ein Argument, dem Heather nichts entgegensetzen konnte.
»Warum machst du den Laden nicht einfach zu? Du könntest ein Schild ins Schaufenster hängen, dass du dir deinen wohlverdienten Urlaub nimmst und vor Thanksgiving wieder da bist – so lange werden es deine Stammkunden doch wohl aushalten, ohne ihre Gourmet-Kaffee-Bedürfnisse zu stillen. Vier Wochen sind wahrhaftig keine Ewigkeit! Ich wette, den meisten Leuten würde überhaupt nicht auffallen, dass du weg bist. Und ich behaupte mal, solange du rechtzeitig vor den Feiertagen wieder da bist, würdest du den Umsatzverlust kaum merken.«
»Und ich behaupte mal, du täuschst dich, und zwar mit beiden Behauptungen. Und was passiert dann? Kommst du zu mir und zerrst meine Stammkunden aus den anderen Kaffeegeschäften, in die sie inzwischen gewechselt sind? Menschen sind Gewohnheitstiere, Heather. Vier Wochen sind für die meisten von uns eine ziemlich lange Zeit.«
»Werd doch nicht gleich wieder patzig. Ich versuche nur, dir zu helfen.«
Heathers Welt bestand aus Bill und ihren beiden Kindern. Sie hatte gleich nach dem College geheiratet, ihre Erfahrungen mit Arbeit außerhalb des Hauses beschränkten sich auf Gelegenheitsjobs, die sie angenommen hatte, um sich ein bisschen Extrageld zu verdienen. Karla bemühte sich um einen etwas freundlicheren Ton und versuchte zu erklären: »Ich habe hart gearbeitet, um mir einen festen Kundenstamm aufzubauen. Das Risiko, ihn zu verlieren und noch mal von vorne anzufangen, kann ich einfach nicht eingehen.«
»Niemand wechselt so schnell die Fronten. Wenn deine Kunden sehen, dass du wieder da bist, kommen sie bestimmt wieder zurück.«
Heather hatte keine Ahnung, womit sich Karla herumschlagen musste, und offenbar war es aussichtslos, ihr das verständlich zu machen. Karla gab auf. »Vielleicht hast du recht, aber es spielt keine Rolle. Solange mir Jim nicht ihre Zeit in Rechnung stellt, ist es mir schnurzegal, wen er für sich arbeiten lässt.«
»Na klar. Und es ist dir auch schnurzegal, dass er sie in deinem Bett vor Lust um den Verstand bringt – wenn sie einen hat, was ich bezweifle, denn dann hätte sie sich gar nicht erst mit Jim eingelassen.«
»So wie ich es getan habe.«
»Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe.«
»Aber das ist Schnee von gestern. Er kann in meinem Bett tun, was er will. Ich bin –«
»Vor drei Jahren hast du aber anders darüber gedacht.«
»Na gut, gib’s mir«, fauchte Karla. »Lass mich ruhig wissen, was du wirklich denkst.« Wenn Heather nicht ausgerechnet an dem Tag aufgetaucht wäre, an dem Karla und Jim sich endgültig getrennt hatten und er auszog, hätte Karla ihr nie von seinen Seitensprüngen erzählt. Sie hätte irgendetwas über unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten gefaselt und es dabei belassen. Aber damals war es ihr wirklich schlecht gegangen; sie hatte dringend jemanden gebraucht, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Und so hatte sie Heather alles erzählt, obwohl sie schon im selben Augenblick gewusst hatte, dass dies ein Fehler war.
Nach der Scheidung hatte Karla nicht versucht, ihre Freunde und Verwandten auf ihre Seite zu ziehen; sie hatte gar nicht das Bedürfnis danach gehabt. Nie war sie der Ansicht gewesen, dass Erfolg oder Scheitern einer Ehe nur von einem der beiden Partner abhängen sollte, und sie weigerte sich, das hinzunehmen, was in Anbetracht von Jims Untreue wie eine offenkundige und einfache Antwort aussah. Jim war klug, er war fürsorglich, und er hatte sie immer liebevoll und aufmerksam behandelt. Er hatte genauso hart für den Erfolg des Kaffeeladens gearbeitet wie sie. Aber wenn er sich nachmittags abgemeldet hatte, angeblich um sich um Gemeindeaffären zu kümmern, war es nicht um die Gemeinde gegangen, sondern, wie sie nach drei Jahren Ehe herausfand, nur um Affären.
Sie hatte Heather nie von ihren Selbstzweifeln erzählt. Vielleicht hätte sie sich mehr anstrengen müssen, um Jim zu gefallen, vielleicht hätte sie im Schlafzimmer abenteuerlustiger sein sollen? Dann hätte er seine Bedürfnisse vielleicht nicht woanders befriedigt. Als sie ihn jedoch eines Tages in ihrem Ehebett mit einer anderen ertappte, hatte es kein Zurück mehr gegeben.
»Und im Übrigen«, fuhr Karla fort, »dachte ich schon länger daran, mein riesiges Bett gegen ein kleineres zu tauschen. Ich hätte dann mehr Platz, und die Bettwäsche dafür ist auch viel billiger. Die Tatsache, dass Jim seine Freundin mitgebracht hat, ist genau der Anstoß, der mir gefehlt hat.«
»Aus der Not eine Tugend machen?«, fragte Heather.
»So kann man es auch sehen.«
»Tu mir einen Gefallen.«
»Was denn?«
»Zieh den Preis für das neue Bett von seinem Gehalt ab.« Heathers Augen funkelten boshaft.
Karla hätte gern gelacht, aber sie hatte Angst, dass ein Gefühlsausbruch dem anderen folgen würde, wenn sie diesem Wunsch nachgäbe. Ihre Vernunft hätte zwar die Enttäuschung dämpfen oder zumindest den Schmerz lindern sollen, aber sie hatte die Hoffnung, dass sie und Jim ihre Probleme würden lösen können, viel zu lang genährt, um sie nun sang- und klanglos aufzugeben. »Das ließe sich wahrscheinlich machen. Danke für die Anregung.«
Heather holte den Salat aus dem Kühlschrank. »Es tut mir leid, Karla. Ich weiß, dass du jetzt nichts mehr davon hören willst – aber ich kann es nicht glauben, dass du ihm das so einfach durchgehen lassen willst.«
»Warum sollte es mir etwas ausmachen, mit wem er zusammenlebt? Darüber bin ich hinweg. Schon längst.« Das klang ziemlich überzeugend, sogar für ihre eigenen Ohren. Vielleicht ließ Heather sie in Ruhe, wenn sie noch etwas hinzusetzte. »Ich gebe zu, es wäre nett gewesen, wenn er gleich damit herausgerückt wäre, aber das ist einfach nicht sein Stil. Das war es leider nie.«
Offenbar waren das genau die Worte, die Heather hatte hören wollen. »Weißt du, Jims Verhalten könnte sich im Nachhinein sogar als Segen erweisen. Vielleicht hast du ja so etwas gebraucht – dass er ein weiteres Mal etwas richtig Fieses macht –, um einzusehen, dass er sich nie ändern wird. Jetzt kannst du dein Leben wirklich weiterleben und nicht bloß überall herumerzählen, dass du es tust, während du nur mechanisch Handgriffe verrichtest.«
»Und jetzt sag ich dir was: Ich lebe mein Leben weiter, wenn du das Thema wechselst.« Karla nahm die Salatschüssel und machte sich auf den Weg ins Esszimmer.
»Mit meiner letzten Bemerkung wollte ich dir nicht wehtun. Aber du weißt doch genauso gut wie ich, dass –«
Die Haustür ging auf. »Wir sind wieder da!«, rief Bill.
»Wir haben Eis besorgt«, rief Jamie, während er durchs Wohnzimmer raste. »Und Kekse.«
»Hoffentlich habt ihr auch die Salatsoße nicht vergessen«, erwiderte Heather und nahm Jamie die braune Einkaufstüte ab, mit der er in der Luft herumwedelte.
Bill kam mit dem dreijährigen Jason unterm Arm herein. »Hm! Riecht ja toll hier!« Er drückte Heather einen raschen Kuss auf die Wange, lächelte Karla zu und setzte Jason ab, der sich sofort an Heathers Beine klammerte. »Daddy hat uns auf dem Pferdchen reiten lassen. Zweimal! Ich bin ganz allein hochgeklettert, weil Jamie gemein war.«
Dankbar für die Ablenkung, machte sich Karla daran, Milch und Wasser einzugießen und den Untersetzer für die Lasagne auf den Tisch zu stellen.
Das Essen verlief recht lebhaft. Jamie und Jason kämpften um die Aufmerksamkeit der versammelten Erwachsenen. Als endlich eine Pause eintrat, nutzte Bill die Chance, um Karla zu fragen: »Wie ging es denn beim Autokauf?«
In der allerletzten Minute hatte Karla nämlich noch einen zeitaufwendigen Umweg über L. A. machen müssen, weil ihre jüngste Schwester Grace wieder einmal um Hilfe gefleht hatte. Offenbar war es für sie absolut unumgänglich und wahnsinnig wichtig, sich gerade jetzt ein neues Auto zuzulegen.
Es hatte jedenfalls nicht so lange warten können, bis Karla wieder daheim war, und der Kauf hatte auch auf gar keinen Fall ohne die Erfahrung der großen Schwester stattfinden können.
»Gut«, erwiderte Karla einsilbig. Sie fühlte sich von Grace immer ausgenutzt, hatte aber jetzt nicht die Lust, darüber Klagen anzustimmen.
Bill griff nach einem Nudelstück, das Jason auf den Fußboden gefallen war, und legte es an den Rand seines Tellers, führte das Gespräch jedoch nebenbei weiter. »Was für ein Auto hat sie denn gekauft?«
»Einen Saturn.« Diesen Sportwagen hätte Karla selbst gern besessen; er hätte ihr Budget jedoch weit überschritten.
Heather legte die Gabel beiseite, die sie gerade zum Mund geführt hatte. »Moment mal – ich dachte, sie bräuchte deine Hilfe bei den Preisverhandlungen. Aber solche Autos werden doch zu einem Festpreis verkauft, oder?«
Karla nickte. Sie wusste, was jetzt kommen würde, und wünschte sich inständig, sie könnte es abwenden. Sie kam sich töricht vor – wie immer, wenn Grace es wieder einmal geschafft hatte, sie über den Tisch zu ziehen.
»Sag bloß nicht, dass sie dich beschwatzt hat, es für sie zu kaufen!« Der Zorn zauberte zwei rote Kreise auf Heathers Wangen, als hätte sie zu viel Rouge erwischt.
»Das hätte ich nie getan.«
»Was dann?«
Zögernd gab Karla zu: »Ich habe den Kreditvertrag mitunterschrieben.«
Bill legte die Serviette auf den Tisch und lehnte sich zurück, sagte jedoch nichts. Das brauchte er auch nicht, seine Haltung sagte alles.
Heather trank einen Schluck Wasser, dann saß sie eine Weile stumm da, die Zähne zusammengebissen. Fast sah es aus, als würde auch sie diese Nachricht nicht kommentieren. Doch dann schien sie nicht mehr zu wissen, wohin mit ihrer Enttäuschung. »Verdammt noch mal, Karla –« Sie blickte auf Bill, dann auf die Kinder. »Es tut mir leid«, sagte sie zu Jamie. »Ich sollte nicht fluchen. Niemand sollte es tun. Niemals.«
Doch das Fluchen hatte sie nicht aus dem Konzept gebracht. Sie funkelte Karla böse an. »Grace wird niemals erwachsen, wenn du nicht aufhörst, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Entweder du hältst dich zurück und lässt sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, oder sie wird zu einem emotionalen Krüppel.«
»Ich habe doch nur mitunterschrieben. Die Anzahlung hat sie übernommen.« Karla verschwieg, dass dies abzüglich der tausend Dollar, die nach Inzahlungnahme ihres alten Wagens noch ausstanden, geschehen war. Allerdings hatte sie darauf bestanden, dass dieses Geld nur geliehen und kein verfrühtes Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk war, wie Grace vorgeschlagen hatte.
»Das heißt, wenn sie die Zahlungen einstellt, musst du sie übernehmen oder du verlierst deine Kreditwürdigkeit«, meinte Heather.
»Das wird schon nicht passieren.«
»Hat sie dir überhaupt erklärt, warum sie ein neues Auto braucht, wo wir anderen mit unseren alten Karren auskommen?«
Karla wusste, dass ihre Antwort Heather nicht zufriedenstellen würde. Trotzdem erwiderte sie: »Sie braucht einen Wagen, mit dem sie zuverlässig zu ihren Vorsprechterminen kommt.«
»Und das hast du ihr abgenommen?«
»Diese Termine finden über die ganze Stadt verstreut statt. An manchen Tagen steht ein halbes Dutzend an. Wenn sie zu spät kommt, kann sie’s gleich bleiben lassen.«
»Dieses ganze Vorsprechen, ohne dass etwas dabei herauskommt! Zumindest ein Werbespot hätte inzwischen ja wohl mal herausspringen können!«
»Sie bemüht sich nicht um Werbespots.«
»Ach so? Und warum nicht? Ist sie sich zu fein dafür?«
»Sie hat Angst, dass sie dann auf eine bestimmte Rolle festgelegt wird.«
»Aha. So wie Rosie O’Donnell und Candice Bergen oder andere Stars. Und was ist mit all den berühmten Leuten, die mit Werbung angefangen haben?«
Bill beugte sich vor und wischte einen Soßenklecks von Jasons Kinn. »Ich glaube, wir lassen euch die Sache alleine klären.« Er stand auf, nahm Jason bei der Hand und meinte zu Jamie: »Komm, wir schauen mal, was wir im Fernsehen finden.«
»Tut mir leid, Bill«, meinte Karla zerknirscht. »Ihr müsst jetzt nicht gehen. Wir benehmen uns auch anständig, versprochen.«
»Schon in Ordnung. Ich hätte das Thema Auto nicht anschneiden sollen, aber ich glaube, ihr habt auch noch ein paar andere Sachen zu besprechen.« Er lächelte, beugte sich zu seiner Frau hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wenn ihr danach noch miteinander redet, nehme ich euch mit nach Monterey, um die Seelöwen zu besuchen.«
Als er gegangen war, stand Karla auf und begann, den Tisch abzuräumen.
»Lass doch!«, meinte Heather. »Ich kümmere mich später darum.«
Gehorsam setzte sich Karla wieder, diesmal auf Bills Stuhl, der näher bei Heather stand. »Du weißt ja, dass Grace denkt, du hast etwas gegen sie.«
»Damit könnte sie recht haben.«
»Das ist doch nicht dein Ernst!«
Heather faltete die Hände vor dem Bauch. »Ich habe etwas gegen die Person, zu der Grace wird. Sie wird zu einem richtigen Schmarotzer. Und du ermöglichst diese Veränderung nicht nur, du förderst sie auch noch. Du musst endlich loslassen. Wie soll Grace jemals lernen, dass sie alleine aufstehen kann, wenn sie mal hinfällt, solange du sie ständig wieder aufhebst? Du verwehrst ihr das Gefühl, etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben!«
»Puh, das ist ja ein richtig ausgefeilter Vortrag. Wie lange hast du denn daran gearbeitet?«
»Komm mir jetzt bloß nicht so herablassend und überlegen. Das ist kein Vortrag, sondern eine Tatsache!«
Karla unterdrückte den Wunsch, sich zu verteidigen. »Also gut. Was, glaubst du, hätte ich bei dieser Autogeschichte tun sollen?«
Bevor Heather antworten konnte, hielt Karla die Hand hoch. »Einen Moment noch. Bevor du etwas sagst, solltest du wissen, dass Grace selbstverständlich zuerst überprüfen ließ, was es kosten würde, ihr altes Auto zu reparieren. Es wäre teurer gekommen als das, was es noch wert war. Und wenn sie nicht rechtzeitig zu ihren Vorsprechterminen erscheint, dann bekommt sie auch keine Aufträge. Und ohne Aufträge kann sie die Miete nicht bezahlen, ganz zu schweigen von den Raten für das Auto.«
»Was hättest du in einer solchen Situation getan?«
Auf diese Frage war Karla nicht vorbereitet. »Das spielt doch jetzt keine Rolle«, erwiderte sie ausweichend.
»Warum nicht?«
»Grace ist Grace, ich bin ich.«
»Und warum ist das so?«
Karla hasste es, den Kürzeren zu ziehen – vor allem, wenn sie mit Heather stritt. »Willst du etwa die Geburtenfolge erörtern?«
»Jetzt kneifst du, das weißt du ganz genau. Dass Grace die Jüngste ist, hat nichts damit zu tun. Sie kann sich nicht um sich selbst kümmern, weil du sie nicht lässt.«
Karla stand wieder auf. »Es tut mir leid, dass ich dir jemals von der Sache mit dem Auto erzählt habe.«
»Dir ist doch gar nichts anderes übrig geblieben. Du hättest dir sonst einen anderen Grund einfallen lassen müssen, warum du nur so kurz bei uns bleibst.« Jetzt stand auch Heather auf. »Und auch das ärgert mich: Grace bekommt dich zu sehen, wann immer sie will. Sie schnipst mit den Fingern und heult dir was von einem armen kleinen Ding vor, und schon bist du zur Stelle, noch bevor ihre Krokodilstränen getrocknet sind. Mir gibst du einmal im Jahr die Ehre, oder auch zweimal, wenn ich Glück habe. Du warst vor zehn Monaten das letzte Mal bei uns zu Besuch. Trotzdem findet es meine kleine Schwester völlig in Ordnung, dich nach L. A. zu zitieren, obwohl sie genau weiß, dass du dann deinen Besuch bei mir um etliche Tage reduzieren musst.«
Dies war der falsche Zeitpunkt, um darauf hinzuweisen, dass Heather umgekehrt auch einmal Karla einen Besuch hätte abstatten können. »Wäre es recht, wenn ich dir versprechen würde, Weihnachten zu kommen?« Sie hatten seit sechs Jahren nicht mehr zusammen Weihnachten gefeiert.
»Und wie willst du das schaffen?«
»Keine Ahnung, aber mir wird schon was einfallen.« Erst einmal mussten Halloween und Thanksgiving über die Bühne gehen; Weihnachten schien noch ganz weit weg zu sein.
»Das wäre wundervoll. Aber weißt du, worüber ich mich noch mehr freuen würde? Wenn du hier wärst, wenn das Baby zur Welt kommt.«
»Darüber würde ich mich auch freuen, aber ich glaube nicht, dass du gern so lange in den Wehen lägst, bis ich hier bin.«
»Du könntest doch …« Aber Heather schüttelte den Kopf. »Egal. Jetzt bringst du erst mal den Monat mit Anna hinter dich, und dann sehen wir weiter.«
»Wenn wir schon bei Anna sind – ich weiß, dass du entschlossen bist, sie zu euch zu holen, aber ich finde, du solltest noch mal darüber nachdenken.« Karla hatte gehofft, die Verantwortung von Heathers Schultern zu nehmen, indem sie sich jetzt um Anna kümmerte. Aber Heather war überzeugt, dass sich die Person um Anna kümmern sollte, die sie am meisten liebte – und weder Karla noch Grace konnten das von sich behaupten.
»Ich weiß, wie du darüber denkst. Aber mein Entschluss steht fest. Ich kann sie jetzt nicht im Stich lassen. Nicht nach allem, was sie für uns getan hat.«
»Sie müsste ihr Zuhause verlassen. All ihre Freunde –«
»Das weiß ich auch. Aber am wichtigsten ist doch die Familie. Das hast du mir selbst beigebracht, Karla.«
»Das ist unfair!«
Heather lachte. »Na komm schon – ich habe beschlossen, dass du mir beim Geschirr helfen darfst. Und dann lassen wir uns von Bill zu seinen Seelöwen entführen. Danach fahren wir heim und essen Jamies Eis und die Kekse.« Sie reichte Karla einen Teller. »Irgendwann muss ich Bill klarmachen, dass nicht jeder von Seelöwen so begeistert ist wie er.«
»Lass ihn doch. Ich finde es schön, dass er die Freude an ihnen mit mir teilen will.«
Heather lachte. »Und ich finde es schön, dass du ihn dazu bringst zu glauben, dass er dir damit einen Gefallen tut.«
Karla hatte die Teller mittlerweile gestapelt und trug sie in die Küche. Sie dachte darüber nach, dass sie in Gedanken oft bei Heather war, aber erst wenn sie zusammen waren, merkte sie, wie sehr sie ihre Schwester vermisste. Und mehr noch – wie sehr sie es vermisste, Teil einer Familie zu sein, die gemeinsam etwas unternahm, die Zeit füreinander hatte. Sie sehnte sich nach der Familie ihrer Kindheit, der einzigen Familie, an die sie sich erinnerte.
Die Sonne ging hinter den sanften Küstenhügeln unter, der Himmel über dem Sacramentotal war in Lila, Orange und Lachsrot getaucht.
Unterwegs auf dem I-5 von Stockton nach Sacramento konnte sie dieses wundervolle Spektakel nur mit kurzen Blicken aus dem Seitenfenster würdigen. Sie hatte gedacht, dass sie den Berufsverkehr in Sacramento vermeiden könnte, wenn sie in Salinas rechtzeitig aufbrach. Stattdessen war sie hier in einen Stau geraten.
Allein, auf ihren Wagen beschränkt und ohne Ablenkung nutzte Karla die Zeit, um darüber nachzudenken, wie sie mit der niederschmetternden Enttäuschung fertig werden konnte, dass Jim eine andere gefunden hatte. Als sie ihm den Laden und all die Dinge zeigte, die sie verändert hatte, war er sichtlich aufgeregt gewesen. Zum ersten Mal hatte er zugegeben, dass er nach ihrer Trennung ziemlich ins Schleudern geraten war und dass nichts, was er seitdem gemacht hatte, an die Freude über ihr gemeinsames Unternehmen heranreichte. Sie hatte sich vorgemacht, dass sie ein Teil dessen war, was er vermisst hatte.
Doch jetzt, nachdem eine andere in sein Leben getreten war, konnte sie nicht länger von einer Versöhnung träumen. Sie durfte sich nicht länger vormachen, seine nächtlichen Anrufe und spontanen Besuche seien ein Zeichen dafür, dass er sie nicht vergessen konnte, und nicht nur Teil einer langsamen Entwöhnung.
Und dennoch überlegte sie, wie er wohl reagiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass sie bereit war, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Wenn er gewusst hätte, dass sie in den knapp drei Jahren keinen Mann mehrmals getroffen und ihre Freunde davon abgebracht hatte, sie mit jemandem aus ihrem Bekanntenkreis zu verkuppeln. Jeden Abend war sie mit der Hoffnung eingeschlafen und am Morgen wieder damit aufgewacht, dass Jim endlich merken würde, dass er ohne sie nicht leben konnte. Hätte er sich anders verhalten, wenn er all dies gewusst hätte?
Sie würde es nie erfahren. Es war besser weiterzugehen – so wie er es getan hatte. Sie hatte bereits zweieinhalb Jahre vergeudet.
Aber ihr Herz war noch nicht bereit dazu, und sie war sich nicht sicher, ob es das je wieder sein würde.
Ein Meer roter Rücklichter flammte auf, und der Verkehr kam völlig zum Erliegen. Karla klemmte das Lenkrad zwischen die Knie und streckte sich, ließ Schultern und Kopf kreisen. Hoffentlich war in der Hölle ein Eckchen für die Leute reserviert, die sich Schlafsofas ausgedacht hatten – ein Eckchen, in dem sie die Ewigkeit damit zubringen mussten, Nacht für Nacht auf ihren Produkten zu schlafen. Sie nahm sich fest vor, beim nächsten Besuch im Haus von Heather auf dem Boden zu schlafen – egal, wie lautstark ihre Schwester protestieren würde.
Während der Wagen langsam vorwärtsrollte, blickte sie vom Freeway hinab auf den einst geschäftigen Güterumschlagplatz der Bahn. Jetzt war er eine umwelttechnisch zwar riskante, jedoch äußerst wertvolle Immobilie im Herzen der Stadt, die darauf wartete, genutzt zu werden.
Seit sie vor sechs Jahren weggezogen war, hatte sich die Stadt unglaublich verändert. Es war, als hätte ein zweiter Goldrausch stattgefunden, nur war der Ansturm der Immigranten diesmal nicht in die Breite, sondern in die Höhe gegangen. Die neue Silhouette ließ das alte Bild von der Hauptstadt Kaliforniens als schläfriger, etwas überdimensionierter ländlicher Kleinstadt völlig vergessen. Sacramento war zwar noch weit davon entfernt, sich mit San Francisco oder Los Angeles vergleichen zu können, doch es war zweifellos aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und stellte sich nun trotzig den damit verbundenen Herausforderungen.
Karla war sich nicht sicher, ob ihr diese neue Stadt gefiel, aber der mit dieser Veränderung einhergehende Verkehr gefiel ihr entschieden nicht. Geduld war nicht ihre Stärke, und dafür, dass sie nur von einer Seite der City zur anderen gelangen wollte, wurde ihr Langmut reichlich strapaziert.
Endlich hatte sie die Stadt hinter sich, doch für die zwanzig Meilen nach Rocklin brauchte sie eine weitere halbe Stunde. Als sie endlich in die Auffahrt zum Haus ihrer Großmutter einbog, wölbte sich über ihr ein prächtiger Sternenhimmel.
Im Wohnzimmer des Hauses, das Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden war, brannte ein einzelnes Licht. Früher war es eine richtige Villa in einem Ort voller finnischer Einwanderer gewesen. Hundert Jahre später wirkte es so wenig im Einklang mit der modernen Welt wie die Frau, die darin lebte.
In den Fenstern hingen noch dieselben Spitzenvorhänge wie vor neunzehn Jahren, als Karla hierhergezogen war. Sie suchte vergeblich nach einer Bewegung hinter den Spitzen. Das Anwesen wirkte drinnen ebenso still wie draußen.
Obwohl sie wusste, dass ihre Großmutter im Haus war und sich wahrscheinlich Gedanken über die Scheinwerfer machte, die in die Fenster geleuchtet hatten, fiel es Karla schwer, aus dem Auto zu steigen. Die Zeit schien um neunzehn Jahre zurückgedreht, als wäre sie wieder vierzehn und man hätte sie an eine Frau abgeschoben, die sie kaum kannte. Nachdem sie zwei Jahre lang unter den Verwandten ihres Vaters umhergereicht worden waren, wusste sie damals, dass das nun der letzte gemeinsame Aufenthaltsort für sie und ihre beiden Schwestern sein würde. Entweder sie schafften es, zusammen hier zu leben, oder man würde sie zwischen ihren verschiedenen Verwandten aufteilen, die zum Teil in ganz anderen Staaten lebten.
Ihr Blick wanderte zum Eckzimmer im ersten Stock und zu dem mit einer Kuppel versehenen Erker, in dem sie in den vier Jahren, die sie in diesem Haus gelebt hatte, mehr gelernt als gespielt hatte. Sie war fest entschlossen gewesen, einen guten Schulabschluss zu machen, um ein Stipendium für ein College zu bekommen, das möglichst weit von Rocklin, ihrer Großmutter und allem, wofür sie standen, entfernt war.
Schließlich stieg sie zögernd aus. Sie war schon fast an der Haustür, als sie ihre Großmutter in dem Schaukelstuhl entdeckte, der eine ebenso feste Größe auf der Veranda war wie die falschen Farne in ihren Redwoodbehältern.
»Was machst du denn hier draußen im Dunkeln?« Diese Frage klang eher wie ein Vorwurf.
»Ich warte auf dich«, entgegnete Anna, als wären seit Karlas letztem Besuch nur ein paar Stunden und nicht Jahre vergangen.
»Woher wusstest du, dass ich komme? Hat Heather angerufen?« Karla hatte ihre Schwester ausdrücklich gebeten, vorher nichts verlauten zu lassen. Sie hatte gedacht, dass es sowohl für sie als auch für Anna leichter wäre, den Grund ihres Besuchs erst zu erklären, wenn sie sich persönlich sahen.
»Nein, Heather hat nicht angerufen«, erwiderte Anna. »Wie lange willst du denn bleiben?«
»Einen Monat.« Karla wusste eigentlich noch immer nicht, was sie eigentlich veranlasst hatte, so lange bei ihrer Großmutter bleiben zu wollen. Annas Angelegenheiten konnten noch so kompliziert sein, was sie zu erledigen hatten, würde bestimmt nicht so lange dauern. »Natürlich nur, wenn es dir recht ist.«
»Das hier ist auch dein Zuhause. Ich habe dir und deinen Schwestern immer gesagt, dass ihr hierherkommen und bleiben könnt, so lange ihr wollt.«
Karla verschränkte die Arme, lehnte sich an einen Verandapfosten und musterte unverhohlen ihre Großmutter. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass ihr Blick nicht mehr so lebhaft wie früher sein würde, dass die Angst vor dem Kommenden das Feuer gedämpft hätte. Aber sie hätte wissen müssen, dass der Tod Anna nicht so ängstigen würde wie andere Leute. »Wann hast du denn aufgehört, deine Haare zu färben?«
Anna berührte die Kappe weicher weißer Locken, die ihr Gesicht umrahmte. »Vor ein paar Jahren. Oben hat es sich so gelichtet, dass ich dachte, das Grau würde besser zu den kahlen Stellen passen.«
Typisch Anna – schmerzhaft ehrlich, auch wenn es um sie selbst ging. »Na, du siehst jedenfalls gut aus. Besser, als ich erwartet habe«, meinte Karla.
»Höre ich da etwa eine gewisse Enttäuschung?«
»Wie kannst du nur so etwas Schreckliches sagen!« Ein Zorn, alt und vertraut wie der Schmerz, falsch verstanden worden zu sein, beseitigte jede Hoffnung, dass dieser Besuch anders werden würde. Manche Aufgaben erledigten Heather und Grace, doch diese hatte Karla auf sich genommen: Jemand musste Anna am Ende ihres Lebens begleiten, ihr helfen, vor allem ihre finanziellen Angelegenheiten zu ordnen. Aber schon in dem Augenblick, als Karla beschlossen hatte, dies zu übernehmen, hatte sie befürchtet, dass es ein Fehler war. Sie hatte sich nur nicht vorgestellt, dass sich dieser Gedanke so schnell als richtig erweisen würde.
Anna rutschte ein wenig in ihrem Stuhl vor, hielt inne, lehnte sich wieder zurück. »Ja, du hast recht, das war nicht nett von mir«, sagte sie nach einer Weile. »Aber ich habe so lange auf dich gewartet, dass ich schon gefürchtet habe, du kämst nicht. Das ist zwar keine Entschuldigung für diese unverzeihliche Frage, aber ich fürchte, mehr kann ich dazu nicht äußern.«
»Ich habe ziemlich lange nach Gründen gesucht, um nicht zu kommen«, gab Karla zu.
Anna warf einen müden Blick auf ihre Enkelin. »Ich weiß. Aber ich bin sehr froh, dass du gekommen bist. Zwischen uns beiden gibt es noch eine Menge zu klären, bevor ich gehe.«
Karla drückte die verschränkten Arme fester an den Oberkörper, um die plötzliche Kälte zu vertreiben. Sie war nicht hergekommen, um mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Das musste sie Anna beibringen, bevor es zu Problemen führte. »Das haben wir doch schon bei meinem letzten Besuch versucht, Anna. Und wo sind wir gelandet? Wir haben in den letzten sechs Jahren kaum noch miteinander gesprochen. Ich will das nicht noch einmal, ich kann nicht. Und vor allem will ich nicht den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen verbringen, weil wir uns bis zuletzt gestritten haben.«
»Warum bist du dann überhaupt hier?«
»Um dir bei der Regelung deines Nachlasses zu helfen.« Jedenfalls war ihr kein anderer plausibler Grund eingefallen. Alles andere – den Drang, das nagende Bedürfnis, die Stimme, die darauf bestanden hatte, dass sie es tat – hatte sie sich nicht erklären können. »Es wird langsam Zeit, dass du etwas bekommst für all das Geld, das du ausgegeben hast, um mich aufs College zu schicken. Ich war eine ziemlich gute Buchhalterin, bevor Jim und ich den Kaffeeladen aufgemacht haben.
Wenn du nicht willst, dass ich dir helfe, musst du es mir nur sagen«, fuhr sie fort. »Ich will mich nicht aufdrängen. Wenn du meine Anwesenheit hier nicht möchtest, kann ich sofort wieder heimfahren.«
Anna streckte die Hand aus. »Im Moment bräuchte ich deine Hilfe beim Aufstehen.«
Karla zögerte. »Gib mir erst eine Antwort.«
»Was willst du denn hören?«
Wieder zögerte Karla. Regungen, die sie nicht verstand, steckten in ihrer Kehle fest wie eine Pille, die man ohne Wasser geschluckt hatte. »Es liegt an dir, ob ich fahre oder bleibe. Wie auch immer – ich möchte, dass du mir eines versprichst: dass wir unsere gemeinsame Zeit nicht damit zubringen, uns zu streiten.«
Annas ausgestreckte Hand begann zu zittern. »Wie kann ich dir das versprechen, Karla? Wir haben uns doch ständig gestritten, von dem Tag an, als du aus dem Flugzeug aus Tennessee gestiegen bist.«
Resigniert trat Karla vor ihre Großmutter und half ihr aus dem Stuhl. »Deine Hand ist ja eiskalt.« Die Haut war weich wie bei einem Neugeborenen. »Du solltest nicht ohne Mantel hier draußen herumsitzen.«
Anna ging nicht auf die Ermahnung ein. »Wir hatten einen wundervollen Sonnenuntergang.«
»Ich weiß, ich habe ihn gesehen.« Karla legte den Arm um Annas Taille und erschrak, als sie spürte, wie schmal sich ihr Körper unter dem weiten Kleid anfühlte. »Wann hast du denn zum letzten Mal etwas gegessen?«
»Zum Mittagessen gab’s ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade, und Susan –« Anna beendete den Satz nicht, denn in dem Moment bog ein Auto in die Auffahrt ein. »Da kommt sie gerade.« Sie richtete sich auf und glättete die Vorderseite ihres Kleides. »Susan bringt mir zwei- bis dreimal in der Woche ein Abendessen. Ich glaube, Heather hat sie darum gebeten, als sie mich das letzte Mal besuchte.« Sie hielt inne, um zu verschnaufen, dann fuhr sie fort: »Sie ist wirklich ein Schatz. Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie tun würde.«
»Susan?«
»Susan Stephens. Du erinnerst dich sicher noch an sie. Sie ist mit Heather in die Schule gegangen. Damals hieß sie Grand, Susan Grand. Die beiden waren zusammen in der Schwimmmannschaft.«
Als Heather in die Highschool kam, hatte Karla schon das College besucht. Von den Freunden wie von den Aktivitäten ihrer Schwester hatte sie damals nicht viel mitbekommen. »War das die, die ein Stipendium für Stanford bekommen hat?«
»Ja, aber sie ist nie hingegangen. Ihr Bruder hatte was mit dem Perkins-Mädchen. Ihre Eltern behaupteten, er habe sie vergewaltigt, weil sie, als sie damals schwanger wurde, erst fünfzehn war und er zweiundzwanzig. Susan blieb zu Hause bei ihrer Mutter, um ihr während des Gerichtsverfahrens beizustehen.«
»Wie ich sehe, hast du Besuch«, rief Susan und kam, eine Einkaufstüte in der Hand, den Kiesweg entlang zur Veranda.
»Karla ist da«, meinte Anna.
»Ach ja?« Der Blick, den Susan auf Karla warf, war unmissverständlich: Das wurde aber langsam Zeit!
Karla nickte. »Susan … lange her!«
»Zu lange.« Susan trat vor Anna und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, dann blickte sie die alte Frau liebevoll an. »Wie geht es dir heute?«
»Wunderbar, und jetzt, wo Karla hier ist, sogar noch besser.«
»Aber trotzdem ist es ein bisschen kühl für dich hier draußen ohne Pullover, findest du nicht?« Susan nahm Anna am Arm und führte sie ins Haus. »Ich bin noch bei der Apotheke vorbeigefahren. Sie behaupteten, dein Arzt muss dir die Herztabletten neu verschreiben; die kann ich dir also erst morgen bringen, aber alles andere habe ich dabei.«
»Du bist ein Engel.« Anna ging voraus in die kleine Küche, wobei sie sich an den Wänden abstützte.
»Vielen Dank für alles, was du für Anna tust«, meinte Karla kleinlaut. Sie schämte sich, dass sie nicht selbst darauf gekommen war, was Anna benötigte, und sich nicht darum gekümmert hatte, dass es jemand für sie erledigte.
»Na, jetzt, wo du da bist, kannst du mich ja ablösen.« Sie stellte die Einkaufstüte auf den Küchentisch.
Anna nahm den Teekessel vom Herd und ließ Wasser einlaufen. »Hoffentlich heißt das nicht, dass du mich jetzt nicht mehr besuchst.«
»Auf gar keinen Fall!« In Susans Stimme lag aufrichtige Herzlichkeit.
»Was schulden wir dir für die Medikamente?«, fragte Karla. Dabei fiel ihr ein, dass ihr Geldbeutel noch im Auto lag.
»Anna und ich haben das alles geregelt.« Mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie in ihrer eigenen Küche, begann Susan, Lebensmittel zu verstauen. »Allen und Bobby sind heute Abend bei einem Treffen des Fußballvereins«, erklärte sie Anna. »Ich hatte gehofft, dass du mit mir zum Essen gehst. Ein Schlückchen Wein, eine kleine Portion Pasta …«
Anna blickte fragend auf Karla. »Was meinst du? Hast du nach deiner langen Fahrt noch Lust auszugehen?«
Wie kam es nur, dass Anna in allen Menschen Freundschaft und Loyalität weckte, nur bei ihrer ältesten Enkelin nicht? »Zieht doch einfach ohne mich los. Ich bleibe hier und packe meine Sachen aus.«
Sobald Anna ihnen den Rücken zukehrte, um den Teekessel auf den Herd zu stellen, bedachte Susan Karla mit einem zornigen Blick. »Du musst doch auch etwas essen. Warum nicht mit uns zusammen?«
Obwohl sie noch keine Viertelstunde da war, hatte sie es schon geschafft, eine Person zu verärgern und eine andere zu verletzen. Wenn Jim und seine Begleiterin sich bei ihr nicht schon häuslich eingerichtet hätten, wäre sie ins Auto gestiegen und nach Hause zurückgefahren. Sie war hier unerwünscht, sie wurde nicht gebraucht, und sie wollte nicht bleiben. »Du hast recht, ich sollte auch etwas essen. Und beim Italiener war ich schon ziemlich lange nicht mehr.«
»Es muss ja nicht unbedingt ein Italiener sein«, meinte Anna. »Susan hat bestimmt nichts dagegen, wenn wir woanders hingehen. Du wirst staunen, wie viele neue Restaurants aufgemacht haben, seit du das letzte Mal hier warst.«
»Wann warst du denn das letzte Mal hier?«, wollte Susan wissen.
»Das ist schon eine Weile her.«
»Heather kommt ziemlich oft vorbei, und an den Feiertagen habe ich auch Grace gelegentlich zu Gesicht bekommen«, sagte Susan. »Aber ich glaube – ach, ich weiß nicht genau, aber mir scheint, dass es gut fünf oder sechs Jahre her ist, seit du die lange Fahrt von Los Angeles hierher unternommen hast.«
»Solvang«, verbesserte Karla. »Ich dachte –«
»Susan, erzähl Karla doch ein bisschen was von deinem süßen kleinen Jungen!«, schlug Anna vor. »Und Karla kann dir sicher viel von dem wunderbaren Kaffeeladen erzählen, den sie in ihrem Wohnort aufgebaut hat.«
Nur zwei Sätze, und schon wieder kam sich Karla wie ein unartiges kleines Mädchen vor, das kurz davor stand, in die Ecke gestellt zu werden. »Heben wir uns diese Themen doch fürs Essen auf.«
Sie gingen ins Macaroni’s, einem italienischen Restaurant in Roseville. Gegenüber befanden sich eine neue Klinik und gleich um die Ecke ein Autohändler, der behauptete, der größte weltweit zu sein. Wo jetzt die Gebäude standen, war bei Karlas letztem Besuch noch freies Feld gewesen.
Nach dem Essen fuhr Susan nicht direkt zurück, sondern kutschierte sie noch ein wenig in der Gegend herum, wohl als Entschuldigung für ihre anfängliche Grobheit. Sie übernahm die Rolle der Fremdenführerin und zeigte Karla verschiedene Orte, die ihr eigentlich hätten vertraut sein sollen, die sie jedoch kaum wiedererkannte. In knapp zehn Jahren hatten die rasch wachsende Bevölkerung und die Industrie aus dem isolierten kleinen Ort in den Ausläufern der Berge eine Schlafstadt für Sacramento gemacht.
Zu Karlas Highschool-Zeiten war der neue Safeway-Einkaufsmarkt die größte Neuigkeit des Tages gewesen. Inzwischen gab es fast so viele Supermärkte wie Tankstellen, und natürlich hatte fast jede der großen Ketten eine Filiale eröffnet.
Als Karla und ihre Schwestern nach Rocklin gekommen waren, hatte es im ganzen Ort keine einzige Ampel gegeben. In der Zwischenzeit waren mehrere größere Kreuzungen entstanden, die mit hübschen Pflastersteinen ausgelegt waren; die Lampenpfosten hatten eine ganz besondere Farbe. Susan erzählte, ihre Freundin Connie, eine Stadträtin, habe ihr erklärt, es handle sich dabei um Weinrot und nicht um Lila.
Auf dem Gelände der riesigen Stanford Ranch gab es inzwischen wohl mehr Häuser als Tiere, und Susan meinte, sie höre nie mehr die Kojoten heulen. Auf den Straßen war der Preis der fehlenden offenen Felder zu sehen: zahllose heimatlos gewordene Stinktiere, Opossums und Kaninchen, die auf dem Asphalt herumlungerten.
Karla wusste nicht, was sie zu all dem sagen sollte. Sie hatte das Gefühl, einen Ort verloren zu haben, von dem sie erst an diesem Abend merkte, dass er einmal eine Art Heimat für sie gewesen war.
Anna schlug ein Ei an einer großen Keramikschüssel auf und blickte dabei auf zwei Dohlen, die begeistert in der Vogeltränke plantschten. In letzter Zeit hatte sie oft daran gedacht, die Gimpel, Amseln und Tauben von den Futterstellen zu entwöhnen, die sie an Bäumen und Pfosten im Hof aufgehängt hatte. Wenn sie langsam damit begann und die Futterstellen immer wieder einen oder zwei Tage leer ließ, würden die Vögel anfangen, woanders nach Nahrung zu suchen. Vielleicht wäre es dann leichter für die Tiere, wenn sie nicht mehr da wäre.
Es gab so viel zu tun, über so viel nachzudenken. Trotzdem schob sie es vor sich her. Es schien, als glaube sie, sie könnte oder würde erst sterben, wenn sie ihre letzte Aufgabe erledigt hatte. Zum Teil gab sie den Tagen, an denen es ihr gut ging, die Schuld daran – zum Beispiel Morgenstunden wie heute, wenn ihr Herz so stark und zuversichtlich schlug wie früher, als sie ein junges Mädchen war. Aber in letzter Zeit wurden solche Tage immer seltener, und wenn sie dann abends auf ihrer Veranda saß und den Sonnenuntergang beobachtete, dachte sie auch an ihre eigene Sterblichkeit.
Sie solle es an den guten Tagen nicht übertreiben, hatte ihr Arzt sie oft gemahnt. Nachdem sie sich diesen Ratschlag monatelang geduldig angehört hatte, fragte sie ihn eines Tages, ob es denn letztendlich einen Unterschied ausmache. Er gab zu, dass es das nicht tat, und danach hatten sie nie mehr darüber gesprochen.
Sie war todkrank, das wusste sie jetzt schon seit geraumer Zeit. Langsam, aber stetig näherte sich ihr Herz seinem letzten Schlag. Alles, was getan werden konnte, um ihr Leiden zu erleichtern, wurde getan. Im Schrank stapelten sich die Medikamente; sie besaß ein Buch über das Leben mit kongestiver Herzinsuffizienz und ein weiteres über das Licht, das sie bei ihrem Tod begrüßen würde. Aber am tröstlichsten fand sie, dass sie sicher sein konnte, ihre fünfundachtzig Jahre nicht vergeudet zu haben. Sie kam sich vor wie jemand, mit dem es das Leben gut gemeint hatte. Was nun in ihrem Körper vorging, gefiel ihr zwar nicht besonders, aber es war um einiges besser als das, was viele ihrer Freunde hatten durchmachen müssen. Vor allem ihr geliebter Frank … Er hatte eine lange Leidenszeit durchgemacht, bevor er endlich erlöst wurde.
Sie war gewarnt, dass das eigentliche Ende ziemlich schlimm werden und jeder Atemzug ein Kampf sein konnte, während sich ihre Lungen mit Flüssigkeit füllten. Aber nichts, was die Bücher oder ihr Arzt beschrieben hatten, klang so schlimm, dass sie das Gefühl hatte, es nicht aushalten zu können. Doch wie immer das Ende auch sein würde, sie wollte die ihr verbleibende Zeit, um einige Dinge mit Karla zu regeln, auf keinen Fall gegen einen schnellen Tod eintauschen.
Ihre älteste Enkelin war der einsamste Mensch, den Anna kannte. Sie schien eine Leere in sich zu haben, die nichts und niemand füllen konnte – nicht einmal ihre Schwestern, die ihr doch so sehr am Herzen lagen. Karla war mit dieser Leere zu Anna gekommen, eine trotzige Vierzehnjährige – entschlossen, es wenn nötig mit der ganzen Welt aufzunehmen, um ihre kleineren Schwestern zu verteidigen, die damals nichts so sehr wollten wie einen Schoß, auf dem sie sitzen konnten, und Arme, stets bereit, sie aufzunehmen.
Anna zog die Schublade neben dem Waschbecken heraus und entnahm ihr einen Schneebesen. Sie verquirlte die Eier, fügte einen Schuss Milch, etwas abgeriebene Orangenschale, den Saft einer halben Orange und eine Prise Zimt hinzu, schlug noch einmal alles kräftig auf und stellte die Schüssel dann in den Kühlschrank. Nach dem eintönigen Frühstück – Tee und ein Muffin –, das sie seit Monaten zu sich nahm, kamen ihr arme Ritter jetzt wie eine richtige Ausschweifung vor.
Im ersten Stock kämpfte Karla gegen die Eindringlinge, die sich in ihren Schlaf drängten. Die schrillen Schreie der Gimpel vor dem Fenster schloss sie in ihren Traum ein und glitt in eine Erinnerung an ihren ersten Morgen im Haus ihrer Großmutter Anna.
Sie war allein und isoliert in diesem Schlafzimmer im ersten Stock: ihre Schwestern und die Großmutter schliefen im Erdgeschoss. Karla erwachte durch ein schrilles Kreischen, das von draußen an ihr Ohr drang. Sie kroch aus dem Bett und trat ans Fenster. Dort suchte sie in den Bäumen und auf den Stromleitungen nach den Falken, von denen ihre Mutter gesprochen hatte. Sie hatte erzählt, die Falken lauerten den kleinen Vögeln auf, die sich immer um die Futterstellen versammelten. Schließlich stürzten sie sich auf ein Opfer; dann flogen sie mit dem armen Gimpel auf einen Baum, von dem bald darauf ein makabrer Federregen herabrieselte.
