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Wenn Rudolf Steiner recht hat, müssen wir auf jeden Fall unser Verständnis des Christentums und der Menschheitsgeschichte ändern. Von Gott als zehnte Hierarchie geschaffen, hat der Mensch die Aufgabe, die Materie so zu bearbeiten, dass er am Ende dieser Entwicklung sich selbst einen unsterblichen Leib geben kann. Das Erdenziel ist die Ausbildung von Freiheit und Liebe. Je mehr Freiheit er erlangt, umso mehr ist er selbst verantwortlich für seine Entwicklung, die sich durch den ständigen Wechsel von leben, sterben und wieder geboren werden vollzieht. Er kann sich entscheiden, ob er mit Christus seinem Ziel zustreben, mit Luzifer vorzeitig dauerhaft in die geistige Welt zurückkehren oder mit Ahriman der Materie verhaftet bleiben will. Das Buch soll dem Leser den Einstieg in diese geisteswissenschaftlichen Zusammenhänge ermöglichen, über die er erst urteilen kann, wenn er sich intensiv mit ihnen beschäftigt hat. Auch die Dreigliederung des sozialen Organismus ist das Ergebnis von Steiners geisteswissenschaftlicher Forschung, kann aber auch unabhängig davon betrachtet werden. Sie will die Antwort auf die Krisen sein, die sowohl durch eine überforderte Demokratie als auch aus einem ungezügelten kapitalistischen Wirtschaftssystem entstehen. Demgegenüber gibt es in der Dreigliederung drei voneinander unabhängige Systeme: das politische System ist nur für die Fragen zuständig, die die gleichen Rechte aller Menschen betreffen, das Wirtschaftssystem ist auf Brüderlichkeit gegründet und die Ergebnisse des Geistesleben beruhen auf der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Nur so können Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zugleich verwirklicht werden.
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Seitenzahl: 1223
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Einleitung
1. Zur Einführung
2. Rudolf Steiners geistige Entwicklung
2a. Steiners Freiheitsphilosophie
2b. Steiners geistige Entwicklung bis 1903
3. Anthroposophie im Verhältnis zu Philosophie und Theologie
3a. Geschichte der Philosophie aus anthroposophischer Sicht
1. Von der griechischen Philosophie zur Moderne
2. Friedrich Hegel
3. Rätsel der Philosophie.
Exkurs: Mathematik
4. Philosophie im Westen., im Osten und in der Mitte Europas
3b. Theologie
1. Thomas v.Aquin
2. Erbsünde und Gnade
3. Die Apokalypse des Johannes
4. Das Schisma zwischen West- und Ostkirche
4. Die Rolle der Bewusstseinsseele in der Weltgeschichte
5. Anthroposophische Welt- und Menschheitsgeschichte
5a. Der Anfang der Welt, der „Sündenfall“ des Menschen und die Erlösung durch Christus
5b. Nachatlantische Zeit
6. Anthroposophie und moderne Geschichte
6a. Das Geschichtsverständnis der Moderne
1. Kamlah zu Augustinus
2. Donoso Cortes´ katholische Geschichtsphilosophie
3. Karl Löwith: Geschichte und Heilsgeschichte
4. Hegels Geschichtsphilosophie
5. Auguste Comte
6b. Steiners Geschichtsauffassung und das Geschichtsverständnis der Moderne
6c. Die Geschichte aus anthroposophischer Sicht
Exkurs: Die Erneuerung des physischen Leibes
6d. Geschichtliche Symptomatologie
Exkurs: Der Liberalismus in Deutschland im 19. Jahrhundert
Exkurs: Vom Astralleib zum Geistselbst
6e. Die drei Formen des Imperialismen
6f. Die Dreiheit Europas und der Welt
1. Der Westen, die USA
2. Der Osten
3. Die Rolle Mitteleuropas in der Gegenwart und für eine bessere Zukunft
7. Die Dreigliederung des sozialen Organismus
7a. Die dritte Phase der Anthroposophie
7b. Steiners Memoranden: Die Antwort Mitteleuropas auf das Entente/Wilson-Programm
7c. Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus
7d. Zur praktischen Durchführung der Dreigliederung
Exkurs: Max Weber, Karl Polanyi, Friedrich Hayek
1. Das Freie Geistesleben
2. Wirtschaft
Kapital/Lohn
Steuern
Geld/Warenkreislauf
Preisbildung
Grund und Boden als Produktionsmittel
Die Arbeit
Betriebsräte
3. Politik
Parteien
Recht und Demokratie
8. Die Gegenwart im Lichte der Gesellschaftswissenschaften
8a. Aktuelle Gesellschaftstheorien
1. Kritische Theorie (Habermas)
Andreas Reckwitz
Hartmut Rosa
Wolfgang Streeck
2. Systemtheorie
Niklas Luhmann
Armin Nassehi
8b. Wirtschaftskritik
1. Dani Rodrik
2. Rajan Raghuram
3. Uwe Schneidwind
8c. Demokratiediskussion
1. Gefährdete Demokratie
2. Helmuth Willke
3. Postdemokratie
9. Wie sollte unsere Zukunft aussehen?
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Seit dem Mittelalter leben die Menschen in der vom Christentum bestimmten Welt mit der Zweiteilung von Wissen und Glauben. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem die Naturwissenschaften immer stärker wurden und zunehmend an Einfluss gewannen, sind die Inhalte vor allem des christlichen Glaubens immer mehr in Zweifel gezogen worden, nur die Annahme von einem irgendwie in der jenseitigen Welt anwesenden Gott halten viele noch mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen für vereinbar. Wenn wir dem Glauben nicht schon völlig abgeschworen haben, haben wir gelernt, damit zu leben und uns damit abgefunden, dass wir über den Inhalt des Glaubens nicht mehr wissen können als in den Heiligen Schriften steht, die uns von Gott gegeben worden sind. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass Gottes Wort immer durch einen Menschen vermittelt werden muss. Und warum sollte es heute keine Menschen mehr geben, die dazu in der Lage sind?
Als Steiner 1861 geboren wurde, begannen die Naturwissenschaften das Denken zu dominieren. Er wuchs an einer Eisenbahnstation auf, an der sein Vater Telegraphist und später Stationsvorsteher war. Den größten Teil seiner Schulbildung bekam Steiner an Realschulen, deren „`besseren Lehrer´... sich am modernen naturwissenschaftlichen Denken (orientierten)“ (Chr. Lindenberg: Rudolf Steiner.
Eine Chronik, 38). Von 1879 bis 1883 studierte er „an der Technischen Hochschule Wien... Mathematik, Physik, Botanik, Zoologie und Chemie“ (49). Aber er hatte seit seiner Kindheit nach eigener Aussage auch unmittelbare Erfahrung von der geistigen Welt.
Einer seiner Lehrer an der Universität war der Germanist und Goehtespezialist Karl Julius Schröer. Dieser war von Steiners Goetheverständnis so begeistert, dass er ihn Joseph Kürschner empfahl, als dieser jemanden für die Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften suchte, ab 1889 übernahm er dieselbe Aufgabe in Weimar für die Sophienausgabe. Die Einleitungen zur ersten Ausgabe sind in Band 1 der Gesamtausgabe von Steiners Werk veröffentlicht worden. 1886 erschien Steiners erstes Buch, die „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller“. Dass diese Schrift schon der Anfang einer neuen, zur Erforschung der geistigen Welt tauglichen Erkenntnistheorie war, darauf hat Steiner später selbst hingewiesen: „Indem ich sie heute wieder vor mich hinstelle, erscheint sie mir auch als die erkenntnistheoretische Grundlegung und Rechtfertigung von alle dem, was ich später gesagt und veröffentlicht habe“ (Katalog des Gesamtwerks, 2002, 3/4). Das Goethesche Verständnis der Naturwissenschaft bildet für Steiner den Ausgangspunkt für eine umfassende Wissenschaft, die nicht nur die materielle Welt wissenschaftlich erforschen will und kann, sondern auch die mit ihr verbundene und ihr zu Grunde liegende geistige Welt.
Wenn das stimmt, schließt Steiners Geisteswissenschaft die Kluft zwischen Wissen und Glauben, wobei sie die Wissenschaft erweitert und den Glauben stärkt. Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass das aus dieser Wissenschaft hervorgehende Weltbild mit den schon bekannten Tatsachen in Einklang gebracht werden kann, wenn man nicht jeden scheinbaren Widerspruch vorschnell als unauflösbar betrachtet. Es gibt einige Beispiele dafür, dass das, was damals als unwissenschaftlich galt, inzwischen von der Wissenschaft bestätigt wird.
Mich überzeugt zudem die umfassende Erklärung und Einordnung aller Religionen in die Geschichte der Menschheit und die Darstellung des Menschen und der Welt in ihrem Zusammenhang mit den göttlichen Hierarchien und Christus. Aber Steiner erklärt nicht nur was war und ist, sondern zeigt der Menschheit quasi grundrissartig auch ihre Zukunft auf der Erde und über sein Dasein auf dieser hinaus – ob, bzw. in welchem Zustand, die Menschheit die nächsten Stufen erreicht, hat sie allerdings selbst zu verantworten.
Damit haben wir mindestens zwei wesentliche Punkte erwähnt, die für die anthroposophische Geisteswissenschaft sprechen, was natürlich nichts über ihre Wahrheit aussagt. Erstens befreit sie die Menschen von der Notwendigkeit dauerhaft in dem Widerspruch ihres Glaubens zu der Wissenschaft zu leben, zweitens eröffnet sie dem Menschen eine sehr viel bessere Perspektive für seine Zukunft, weil er weiß, das mit dem Tod sein Leben und Wirken noch lange nicht vorbei ist und die Erde nur einer der Planeten ist, auf denen er seine Entwicklung durchmacht.
Nach einer Darstellung von Steiners geistiger Entwicklung von der „Philosophie der Freiheit“ bis zum Beginn seiner geisteswissenschaftliche Forschung, habe ich zunächst Steiners Verständnis der Philosophie in ihrem Verhältnis zur offiziellen Philosophie vor allem am Beispiel von Jürgen Habermas behandelt und dann einige theologische Fragen aus Steiners Sicht dargestellt. Den Übergang zur Geschichte bildet das Kapitel über die die Bedeutung der Bewusstseinsseele in der Entwicklung der Menschheit.
Im fünften Kapitel gebe ich im ersten Teil Steiners geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Welt- und Menschheitsgeschichte mit dem Mysterium von Golgatha als ihrem Mittelpunkt wider. Darin gibt Steiner Details an, durch die dieses als eine Realität begriffen werden kann, die der Menschheit einen wirklichen Neuanfang ermöglicht. Christi Tod und Auferstehung sollen uns nicht nur zeigen, dass Gott auch nach dem Tod noch bei uns ist – dazu hätte er keinen Menschen ans Kreuz schlagen lassen müssen? -, vielmehr wurde dadurch der Keim für den unverweslichen Leib des Menschen in der Zukunft gelegt.
Im zweiten Teil geht es um die nachatlantische Zeit im Zusammenhang mit der Menschheitsentwicklung - alles mit absolutem Schwerpunkt auf Steiners eigenen Ausführungen.
Dann gehe ich auf unterschiedliche Geschichtsauffassungen der Moderne ein, bevor ich Steiners Ausführungen zur Geschichte der letzten fünftausend Jahre mit dem Schwerpunkt auf den Unterschied zwischen den verschiedenen Völkern und vor allem zwischen Osten, Mitte und Westen der Welt und Europas wiedergebe.
Steiners konkreten Äußerungen zur aktuellen Geschichte stehen größtenteils im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg. Dabei konzentriere ich mich auf seine Ausführungen zu dem Gegensatz zwischen dem vor allem englischsprachigen, sich auf der Höhe der Zeit befindlichen Westen und dem noch rückständigen, sich für die Zukunft bewahrenden Osten - und den Versuch des Westens, die Mission Mitteleuropas zu verhindern. Denn etwa seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hat sich in England und dann auch in den USA die Überzeugung durchgesetzt, die englischsprachige Bevölkerung habe die Aufgabe, die slawischen Völker ebenso zu erziehen wie zuvor die römisch-katholische Kirche die germanischen. Nach Steiner haben dagegen die Völker Mitteleuropas auf Grund ihrer besonderen Ich-Begabung die besondere Fähigkeit, bis an die Grenze des abstrakten Denkens und darüber hinaus zu gehen, wie Hegel, Goethe und Schelling und sich so dem realen Geist anzunähern, an den die slawischen Völker dann anknüpfen können; ihre besondere Aufgabe besteht darin, auf der Erde die ersten Schritte zur Ausbildung des Geistselbstes zu machen. Nach Steiner liegen die Begabungen der Völker des Wesens vor allem in der Erforschung und Nutzung der Materie, in der Mitte lebt die Seele stark in der Kunst und im Osten wartet der Geist auf seine Auferstehung; wird die Mitte übersprungen oder ausgeschaltet, kann die Menschheit ihre nächste Entwicklungsstufe, die Ausbildung des Geistselbstes, nicht erreichen.
Im siebten Kapitel schildere ich die Dreigliederung des sozialen Organismus. Denn auch in den gesellschaftlichen Einrichtungen geht es um eine Dreiheit. In der Französischen Revolution kam dies in dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Ausdruck. Die Dreigliederung des sozialen Organismus ordnet Politik, Wirtschaft und das Geistesleben jeweils einem dieser Ideale zu. Nach Steiner haben wir ab Anfang des 20. Jahrhunderts etwa dreihundert Jahre Zeit, unsere Gesellschaft im Sinne der Dreigliederung einzurichten, was nach Steiner ein wichtiger Schritt in Richtung der Vorbereitung der nächsten Epoche wäre, aber vor allem auch der einzige Weg, eine zufriedenstellende Lösung für die Probleme der Gegenwart und der nächsten Zukunft zu finden.
Ich denke, dass die Darstellung der grundlegenden Ideen und einiger konkreter Vorschläge zur Einrichtung der Dreigliederung zeigt, dass die Dreigliederung des sozialen Organismus damals wie heute mindestens eine vernünftige Alternative war und ist, aber manches spricht heute auch dafür, dass die rechtzeitige Einrichtung der Dreigliederung des sozialen Organismus notwendig gewesen wäre, damit tragische Konflikte der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart gar nicht erst entstanden wären.
Steiner hat die Dreigliederung des sozialen Organismus als eine Gabe aus der geistigen Welt bezeichnet und sie mit der göttlichen Trinität verbunden dargestellt.
Um sich für ihre Realisierung einzusetzen, reicht aber die Einsicht, dass sie die richtige Antwort auf unsere aktuellen gesellschaftlichen Probleme ist. Im letzten Teil habe ich sie deshalb in Bezug zu einschlägigen Gesellschaftstheorien gebracht, wie die Kritische Theorie und die Systemtheorie. In den Fokus tritt aber immer mehr das Problem, wie die Demokratie als Entscheidungsmedium eines souveränen Staatsvolkes bewahrt werden kann. Nach UNO und Währungsfond haben sich immer mehr inter- und supranationale Organisationen ausgebreitet, vor allem auch sogenannte NGOs. Die letzteren sind im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus Institutionen des Geisteslebens und werden zunächst aus Spenden und Mitgliederbeiträgen finanziert, aber auch die Staaten unterstützen ihnen genehme NGOs und vor allem Stiftungen und milliardenschwere Wirtschaftsmagnaten nehmen durch ihr Geld Einfluss auf deren Tun. Auf diese Weise treffen oder beeinflussen die supranationalen Organisationen maßgeblich Entscheidungen, ohne dass die Bürger eines Staates darüber demokratisch abstimmen können. Also auch auf dieser Ebene muss es dringend eine Entflechtung geben, so dass NGOs sich darauf konzentrieren können, die in freier Erkenntnis gewonnene Wahrheit auf ihrem Gebiet zu verbreiten; ebenso können die supranationalen wirtschaftlichen Organisationen nach ihrer Umwandlung in Assoziationen dazu benutzt werden, den weltweiten Austausch von Waren auf brüderliche Weise zu regeln. Die einzelnen Staaten entschieden dann souverän in demokratischen Wahlen über die Gesetze, die für alle Bürger gleich gelten und schließen auf dieser Basis internationale Verträge.
Auch wer den im engeren Sinne geisteswissenschaftlichen Äußerungen Steiners ablehnend gegenübersteht, kann in der Dreigliederung des sozialen Organismus eine sinnvolle Alternative zum klassischen Kapitalismus und staatlichen Dirigismus sehen.
Wie die Durchführung der Dreigliederung genau aussehen würde, hängt davon ab, wie nach dem Urteil der Fachleute heute eine Umsetzung der Dreigliederung aussehen müsste. Eine ganz detaillierte Angabe aller Einzelheiten ist mir schon deshalb nicht möglich, weil die konkrete Ausgestaltung sowieso nur von vielen sachverständigen, miteinander eng zusammenarbeitenden Menschen möglich ist.
Die derzeitigen Machthaber und Lenker des Weltgeschehens werden sie kaum umsetzen wollen, solange das System, das die Grundlage ihrer Macht und ihres Einflusses ist, noch halbwegs funktioniert. Es ist also wichtig, solange die Demokratie noch ein wirksames Mittel der Entscheidung ist, so viele Menschen wie möglich von den Vorteilen und der Durchführbarkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus zu überzeugen. Dabei kann man sich zwar nicht auf ein ausgearbeitetes Programm, ja nicht einmal auf eine systematische Darstellung in den Texten Rudolf Steiners beziehen, erhält aber über die grundlegenden Angaben hinaus eine Fülle von Anregungen.
Das Buch ist für Kenner der Anthroposophie Rudolf Steiners hoffentlich eine brauchbare Zusammenstellung zur Vertiefung bestimmter Inhalte. Ich will aber hauptsächlich Menschen erreichen, die sie bisher nicht kannten oder sie gar abgelehnt haben, ohne sie richtig zu kennen, nicht zuletzt Vertreter der öffentlichen Meinung und Geistes- und Sozialwissenschaftler.
Auf eine ausführlichere Darstellung des anthroposophischen Welt- und Menschenbildes habe ich allerdings verzichtet, weil ich denke, dass es reicht, sie im Kontext kennenzulernen, zumal sie leicht in den Taschenbüchern des Rudolf-Steiner-Verlages nachzulesen sind.
Eine ganz systematische Form hat das Buch schon deshalb nicht, weil dies bei dem Werk Steiners mit seinen vielen Vorträgen und Wiederholungen kaum möglich ist, aber auch, weil Steiner selbst möglichst ausführlich zu Wort kommen soll. Die Tatsachen werden bei Steiner nicht definiert, sondern charakterisiert und möglichst in ihrer konkreten Entwicklung gezeigt. Die Wiederholungen waren unvermeidlich, sollten aber weniger stören, als dazu beitragen, tiefer in den Text einzudringen.
Es geht aber nicht nur darum, einen neuen Inhalt kennenzulernen. Sich wirklich auf die Anthroposophie Steiners einzulassen, bedeutet nicht nur eine neue Perspektive einzunehmen, sondern auch umzudenken. Vielleicht lässt sich ja der eine oder andere der Leser dazu anregen, tiefer in Steiners Werk einzudringen.
Die Würde des Menschen gilt uns als höchster Wert. Aber mit welchem Recht sprechen wir von der Würde des Menschen? Worin besteht diese Würde? Alles, was die Naturwissenschaften, einschließlich Biologie und Medizin, über den Menschen zu sagen haben, macht ihn bestenfalls zu dem am höchsten entwickelten Tier und alles, was die an den Universitäten gelehrten Geisteswissenschaften über die seelischen und kulturellen Leistungen des Menschen sagen, über Denken, Fühlen, Träumen, Wollen und so weiter, steht unter dem Verdacht, nur das Ergebnis physisch-materieller Prozesse zu sein. Wo finden wir da die Würde des Menschen? Allenfalls in der Religion. Aber was spricht dafür, dass die Überlieferungen und Lehren der Religionen wahr sind? Eine Antwort auf diese Fragen lässt sich im Rahmen unseres gegenwärtig anerkannten Wissenskanons schwerlich finden. In den Naturwissenschaften unterscheidet man zwischen reduktivem und nicht-reduktivem Materialismus. Der erstere glaubt nur an die Materie - auch die Gedanken und Gefühle des Menschen sind demnach nichts anderes als materielle Prozesse -, der letztere hält diese zumindest für eine seelische oder geistige Manifestation der Materie.
In der Anthroposophie Rudolf Steiners ist der Geist das Erste, er formt und bildet die Materie - so ist das Gehirn ein Werkzeug, durch das der Mensch die in der geistigen, genauer astralen Welt lebenden Gedanken durch die Vermittlung des Ätherleibes spiegeln kann. Zwar gibt es für die Priorität des Geistes keinen äußeren Beweis, aber jedenfalls kann man einem geistigen Wesen berechtigter Weise Würde zuerkennen.
Dass Steiners Geisteswissenschaft die Akzeptanz fehlt, liegt sicher vor allem daran, dass er bisher keinen Nachfolger hatte. Eine unmittelbare Bestätigung der anthroposophischen Geisteswissenschaft wird es erst geben, wenn wir eine eigene Erkenntnis geistiger Vorgänge und Wesenheiten haben. Aber wir können prüfen, ob die vorliegenden Aussagen Steiners über die geistige Welt zumindest grundsätzlich mit dem in Einklang stehen, was wir sicher aus den Naturwissenschaften schon über die materiellen Zusammenhänge wissen. Steiner hat jedenfalls darauf vertraut, dass der naturwissenschaftliche Fortschritt dazu führen wird, dass sich scheinbare Widersprüche auflösen.
Wenn Steiner Recht hat, ist das, was die Griechen als den Kosmos gekannt haben, nur für den Menschen geschaffen worden. Deswegen galt dort das ptolemäische Weltbild.
Die Erde mit dem Menschen steht im Mittelpunkt, weil das ganze Sonnensystem zum Menschen gehört. Christus ist der Herr dieses Kosmos und als er sich auf der Erde in Jesus von Nazareth verkörpert hat, geschah dies, um die Menschheit wieder mit dem geistigen Kosmos zu verbinden, in dem auch die Hierarchien anwesend sind.
Das Christentum ist dann u. a. eine Antwort auf den Verlust der alten Geistigkeit, die noch im Kosmos der alten Griechen in Resten anwesend war. In ihm, durch das Mysterium von Golgatha, bekommen die Menschen einen neuen Ich-Impuls (was der deutsche Sprachgenius wiedergibt – I=Jesus, Ch=Christus), der dann im fünften nachatlantischen Zeitalter, in dem wir leben, immer stärker auftritt - Rudolf Steiner spricht von der Entwicklung der Bewusstseinsseele. Zunächst entfaltet sie sich, indem sich der Mensch der physisch-sinnlichen Natur gegenüberstellt und der Mensch ein Selbstbewusstsein ausbildet. Um 1800 treten in der deutschen Philosophie Philosophen wie Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Schelling auf, die das Ich in den Mittelpunkt ihrer Philosophie stellen, Hegel und Goethe wollen es in eine Ganzheit integrieren. Dilthey hat versucht eine Geisteswissenschaft aus dem Selbstbewusstsein zu entwickeln und Dieter Henrich hat im Vorwort zu seinen Vorlesungen von 2003 geschrieben: „Menschen leben nicht nur, sie haben ihr Leben aus dem Wissen von sich selbst heraus zu führen. Darum ist ihr Selbstbewusstsein gegenüber allem, was sie als Menschen ausmacht, elementar und unmittelbar“ (D. Henrich: Denken und Selbstsein, 9). Dass Hegel der letzte war, der ein ganzes System der Philosophie ausgearbeitet hat, ist weitgehend Konsens. Nach Steiner markiert er das Ende der Philosophie, die im eigentlichen Sinn mit Aristoteles begonnen hat. Aus Hegels Philosophie ging einerseits als Fortsetzung seiner Gesellschaftstheorie der Marxismus hervor, andererseits eine extreme Ichphilosophie, wie bei Max Stirner und Bruno Bauer bis hin zu Friedrich Nietzsche.
Steiner hat dem Letzteren zwar einige Aufmerksamkeit gewidmet, mit seiner eigenen Freiheitsphilosophie aber an die Erscheinungsformen des deutschen Geistes um 1800 angeknüpft, insbesondere bei Goethe. Aber der erste Impuls, über das sterbliche Ich hinauszukommen, geht auf Steiners Beschäftigung mit Schelling zurück. In seiner „Philosophie der Freiheit“ hat er 1894 einen Weg beschrieben und wie er selbst sagt, wissenschaftlich begründet, in moralischen Fragen mit dem Ich intuitiv Ideen aus der geistigen Welt zu holen. Konsequent mit dem Erlösungsgedanken des Christentums verbunden, ist dies der Weg, unabhängig von der Kirche, vom Ich aus an der Überwindung des Egoismus zu arbeiten, der dem Menschen durch Luzifer im sogenannten Sündenfall eingeflößt wurde.
In der Gegenwart laufen wir Gefahr, den Materialismus für absolut wahr zu halten.
Steiner will uns mit seiner Anthroposophie davor bewahren, diesem Irrtum zu erliegen.
„Das aber ist es, worauf es ankommt, daß man beachte den Geist des Fortschritts für unsere Zeit, daß man wieder ein Bewußtsein erlange von dem Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt und auch von dem Zusammenhange all desjenigen, was der Mensch hier auf Erden tut, mit Geschehnissen, mit Wesenhaftem in der geistigen Welt. Suchen sollte man nach denjenigen Wesenheiten in der geistigen Welt, welche an der Konstitution, an der Führung unserer Welt beteiligt sind, damit man wissen könne, in welche Gefolgschaft man sich mit dem einen oder dem andern, was man tut, wirklich begibt...
Vor allen Dingen aber ist das in Betracht zu ziehen...: Was als Geisteswissenschaft getrieben wird, muß eine ganz andere Art der Erkenntnis sein als das, was man heute gewöhnt ist, Erkenntnis oder Wissen zu nennen. Es muß eine Erkenntnis als Tat sein.
Man muß sich bewußt sein, daß, indem man Erkenntnisse anstrebt, man von Realitäten zu reden hat, nicht von bloßen logischen Schemen...
(Man) ist heute gewohnt zu sagen: Der bekennt sich zum Materialismus, der Materialismus ist falsch, also widerlegt man ihn, und man glaubt, mit dieser Widerlegung habe man etwas getan. Ich habe... Beispiele dafür angeführt, wie solche Begriffe wie `richtig´ und `unrichtig´ weichen müssen viel realeren Begriffen auf dem Gebiet anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. `Gesund´ und `ungesund´, das ist etwas, was auf Realeres im Menschenleben hindeutet. Wir erkennen nicht bloß richtige und falsche Erkenntnisse an... Wir tauchen ein, indem wir die bloße Abstraktheit abstreifen, in das Gebiet der konkreten Wirklichkeit.
Das müssen wir noch in einem viel höheren Sinne betrachten. Wir wissen ja aus der jetzt schon so zahlreich veröffentlichten anthroposophischen Literatur, daß der Mensch aus einem geistigen Teil besteht... Wir wissen nun, daß gewisse theoretische Materialisten des 19. Jahrhunderts gesagt haben: Ach was, geistig-seelisch, das ist etwas, wovon man nicht zu sprechen hat, das ist etwas, was gegenüber der menschlichen Erkenntnis nirgends auftritt. Was in der sogenannten Menschenseele lebt als Denken, Fühlen und Wollen, das ist ja nur das Ergebnis des physischen Nervensystems, des physischen Gehirns. Sie wissen, diesen theoretischen Materialismus müssen wir unterscheiden von dem praktischen Materialismus, der noch etwas ganz anderes ist und der insbesondere heute ganz krass immer noch waltet. Der theoretische Materialismus hat seine Hochflut gehabt im 19. Jahrhundert... Man muß ihn widerlegen... Aber bei solcher (abstrakt-logischen – J.B.) Widerlegung kann die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht stehen bleiben, denn sie ist nicht bloß etwas, was in Logizität abläuft, sondern sie ist etwas, was im Tatsächlichen abläuft. Alles, was hier in der physischen Welt lebt, ist ein Abbild der geistigen, der seelischen Welt...,... ein Abbild auch mit allen seinen Tätigkeiten, mit allen seien Lebensäußerungen... Der Mensch steigt herab aus der geistigen Welt durch die Konzeption oder durch die Geburt...; was er sich mitbringt aus der geistigseelischen Welt, dieser Zusammenhang von Kräften, der arbeitet an jenem physischen Leib, der aus der Vererbungsströmung übernommen wird. Dieser Leib mit seiner ganzen Konfiguration wird ausgebildet durch das Geistig-Seelische, das herabsteigt...
Es wir aber nicht nur ausgebildet in bezug auf seine äußere Form, sondern auch mit bezug auf seine inneren Tätigkeiten.
So daß, wenn Sie dasjenige nur denken, was in Ihrer äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist, Sie das ganz gut mit dem bloßen Gehirn denken können. Denn dieses Gehirn ist auch mit seinen Fähigkeiten ein Abbild des Geistig-Seelischen. Und wer sich einfach darauf beschränkt, nur das zu verarbeiten, was die äußere Sinneswelt gibt, oder was die gegenwärtigen Wissenschaften geben, der denkt eben bloß mit dem Gehirn, der ist bloß denkende Materie... Heute ist die Zeit, wo man darüber hinauskommt, bloß denkende Materie zu sein, dadurch, daß man solche Gedanken denkt, die nicht aus der Sinneswelt gewonnen sind, wie zum Beispiel die anthroposophisch orientierten Gedanken. Diejenigen Menschen, die heute durchaus sich nur an die Sinneswelt halten wollen, finden diese anthroposophischen Gedanken verrückt, irreal, phantastisch, weil sie in dem Moment, wo sie diese Gedanken denken sollen, eine starke Kraft anwenden müssen; sie müssen loskommen. Sie wollen diese Gedanken mit ihrem Gehirn denken...; aber was in einem solchen Buche wie die `'Geheimwissenschaft im Umriß `steht, das denkt sich nicht durch dieses Gehirn. Also ist es für sie eine Phantasie. Man muß sich einen Ruck geben, um loszubekommen das Geistig-Seelische. Dann kann man diese Gedanken schon denken..., dann findet man sie in vollem Einklange mit dem Leben.
Aber im Laufe der letzten Jahrhunderte, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist die Menschheit immer mehr dazu gekommen..., das Geistig-Seelische einschlafen zu lassen und sich hineinsinken zu lassen in die Materialität des Körperlichen und nur zu denken mit dem physischen Gehirn, was der Professor, wenn er da oben sitzt auf seinem Katheder, in seinem Gehirn ebenso automatisch ablaufen läßt... Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts war gerade derjenige Teil der Menschheit, den man innerhalb dieses zivilisierten Teiles von Europa und Amerika den Intellektuellen nennt, physischer Denker geworden... Es war also der Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde genommen richtig, denn er bezieht sich auf ein gewisses Stadium in der Entwicklung der Menschheit, das dadurch charakterisiert ist..., daß ihr Denken, Empfinden und Wollen aus der Materie heraus aufsteigt.
Geisteswissenschaft würde Unrecht tun, wenn sie sich nun auf einen bloß logischen Standpunkt stellen würde. Sie darf nicht sagen: Der Materialismus ist falsch, man widerlege ihn...
Also erstens: die Widerlegung des Materialismus für die materiell gewordenen Menschen ist nicht wahr, zweitens ist nichts getan, wenn man den Materialismus bloß widerlegt, sondern es handelt sich darum, daß man heute unter die Menschen dasjenige bringt, was sie dazu veranlaßt, sich einen Ruck zu geben und wiederum herauszukommen aus der Materialität, Gedanken zu hegen und zu pflegen, die nachgedacht sind übersinnlichen Ergebnissen. Die Menschen... müssen wiederum auferwecken ihr Geistig-Seelisches... Daß der Materialismus für die neuere Kulturentwickelung richtig geworden ist, das eben ist die üble Tatsache, nicht daß er eine falsche Weltanschauung ist... (Man muß – J.B.) den Menschen in bezug auf ihre seelischen Taten das an die Hand geben, daß sie das Materiellwerden des Menschen verhindern, sich herausholen aus dem Materiellen... Denn diese anthroposophische orientierte Geisteswissenschaft muß durchaus begriffen werden als etwas, was mit den Auf- und Niedergangskräften im sozialen Leben zusammenhängt“ (33-39).
Nach dem anthroposophischen Menschenbild ist der Mensch ein Wesen aus Leib, Seele und Geist. Diese drei sind wiederum dreigliedrig. Außer dem physischen Leib haben wir einen Ätherleib und einen Astralleib, die Seele besteht aus Empfindungsseele, Verstandes- und Gemütsseele und Bewusstseinsseele, der Geist gliedert sich in Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Die Glieder wurden bei der Schöpfung veranlagt, von den Hierarchien weiterentwickelt und dann nach und nach auch vom Menschen bearbeitet. Heute sind wir bei der Bearbeitung der Bewusstseinsseele, in deren Mittelpunkt gewissermaßen das „Ich“ steht, eine Spiegelung unserer geistigen Wesenheit.
Wenn wir schlafen, haben sich physischer Leib und Ätherleib einerseits und Astralleib und Ich andererseits größtenteils voneinander getrennt. Der Astralleib wirkt im Wachen zerstörerisch auf die erstgenannten und im Schlaf erneuern Wesenheiten der Hierarchien, was durch den Astralleib zerstört wurde. Wir können bis heute diese Vorgängen nicht verfolgen, aber sie passen zu dem, was wir heute aus der Wissenschaft über die Rolle des Schlafes wissen. In einer kurzen Notiz in „Natur und Wissenschaft“ der FAZ vom 26. Februar 2025 heißt es über neue Forschungsergebnisse: „Im Schlaf vollziehen sich, mitangeregt durch Melatonin, wichtige Reparaturen von Erbgutschäden, die durch oxidativen Stress verursacht sind“ (die Atmung wird nach Steiner durch den Astralleib ermöglicht - J.B. ). Das Experiment hat die Gabe von Melatonin als Ursache ausgemacht, das im Schlaf ausgeschüttet wird. Man müsste nun herausfinden, wie gegebenenfalls ein Zusammenspiel zwischen den Hierarchien und dem Astralleib aussieht. Andere Forschungen, die vor allem an Mäusen vorgenommen, aber teilweise schon am Menschen bestätigt wurden, zeigen, wie wichtig der Tiefschlaf nach einem Herzinfarkt oder Hirnschlag ist (FAZ, 4. Dezember 2024).
Nach dem Tod trennen sich Astral- und Ätherleib vom physischen Leib ab und lösen sich nacheinander auf, der Ätherleib innerhalb von etwa drei Tagen, der Astralleib braucht so lange wie unsere Schlafenszeit im Leben war und wir erleben dabei rückwärts unser Leben noch einmal - aber aus Sicht der Menschen, denen wir begegnet sind. (Ausführlich hat Steiner das alles in seiner „Theosophie“ beschrieben).
Alle Seelenglieder sind mit dem Astralleib verbunden, den Luzifer so verändert hat, dass der Mensch seine Freiheit gegenüber Gott bekam. In dieser Form neigt er zum Egoismus. Durch die Bewusstseinsseele wird dieser Egoismus noch verstärkt, wenn der Mensch nicht vom Ich aus an seinem Astralleib arbeitet. Vorbild ist die Taufe Jesu durch Johannes, bei der das Ich Jesu von der Christuswesenheit ersetzt wurde, die dann zuerst den Astralleib verwandelt, also vom Einfluss Luzifers befreit hat, ohne die Freiheit des Menschen einzuschränken, der, wenn er sich mit Christus verbindet, sein höheres Ich findet.
Das ist die eine Botschaft Steiners, um die es mir in diesem Buch geht: Wir können uns vom Ich ausgehend, indem wir uns mit Christus verbinden, wieder in die geistige Welt erheben und zu einem durchgeistigten Menschen werden.
Als ein geistiges Wesen gehört der Mensch natürlich einem geistigen Kosmos an, er ist ein Teil der himmlischen Hierarchien. Er lebt in einem extra für ihn geschaffenen physischen Kosmos, um eine Entwicklung durchzumachen, an deren Ende er in der Lage ist, die Materie so zu beherrschen, dass er sich selbst einen unsterblichen Leib schaffen kann. Damit eröffnet Steiner uns eine völlig neue Sicht auf die Geschichte der Menschheit. Anders als im christlichen Glauben endet das irdische Leben des Menschen nicht endgültig mit dem Tod, nach dem ihm ein gutes oder schlechtes Leben im Jenseits erwartet. Wie in manchen älteren Religionen durchlebt er immer neue Inkarnationen und hat die Aufgabe, sein Karma auszugleichen. Anders als im Buddhismus ist das Ziel aber nicht, die Bindung an die Erde aufzulösen, sondern durch die Verbindung mit Christus das Zusammenleben der Menschen auf der Erde zu verbessern und langfristig die Erde zu vergeistigen.
Wir haben heute etwas mehr als die Hälfte dieses Weges zurückgelegt. Während früher die Entwicklung fast ausschließlich von den höheren Hierarchien am Menschen vollzogen wurde, ist er heute selbst mit für den weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte verantwortlich. Zwar wird auch die nächste Stufe von den Hierarchien vorbereitet, indem sie in der sechsten Kulturstufe das Geistselbst unter den Slawen verbreiten, deren Volksseele dafür aufnahmefähig ist, aber die Menschen müssen schon heute, zumindest in einer gewissen Zahl, individuell so weit kommen, dass sie die Impulse des Geistselbst aufnehmen und umsetzen können.
Nach Steiner beginnt die Geschichte der Menschheit nicht mit der Schöpfung, wie sie im Alten Testament geschildert wird, sondern schon viel früher. Vor der Erde gab es schon drei andere Planeten, auf denen die irdische Verkörperung vorbereitet wurde:
auf dem „Alten Saturn“ wurden die Keime zu seinem physischen Leib gelegt, auf der „Alten Sonne“ wurde dieser weiter entwickelt und der Ätherleib kam hinzu, auf dem „Alten Mond“ wurden diese weiterentwickelt und der Astralleib kam hinzu. Auf der Erde kommt das Ich hinzu. Auf jedem Planeten wiederholen sich zunächst die alten Zustände: auf dem Saturn gab es nur Wärme (in der Astronomie spricht man heute von Plasma), auf der Sonne kam Gas/Luft hinzu, auf dem Mond Wasser und erst auf der Erde auch feste Materie. Richtig verfestigt hat sich die Materie erst gegen Ende der Zeit, die Steiner Atlantis nennt. Heute leben wir im fünften nachatlantischen Zeitraum. Die Entwicklung, die die Menschheit seit Beginn dieses Zeitraums gemacht hat, kann man an den Völkern des eurasischen Kontinents ablesen. In China und Ostasien leben die Menschen, die Nachkommen der Atlanter sind und die alte Kultur in gewisser Weise bewahrt haben; in jener Zeit wurde auch der physische Leib des Menschen, wie wir ihn kennen, gebildet, im alten Indien wurde der Ätherleib weiter bearbeitet, im alten Persien der Astralleib, in der ägyptisch-babylonischen Zeit die Empfindungsseele, dann von den Griechen, über die Römer bis zum Mittelalter die Verstandes- und Gemütsseele (all dies und mehr findet man ausführlicher dargestellt u. a. in „Die Geheimwissenschaft im Umriß“).
Aber auch unabhängig davon, ob Steiner in Bezug auf die geistige Welt richtig liegt, sind seine Ausführungen zur Geschichte Ernst zu nehmen.
Jeder Zeitraum dauert 2160 Jahre, das ist ein Monat im Platonischen Jahr, die Übergänge sind natürlich fließend. Für uns sind die letzten drei Zeiträume wichtig, also der dritte, vierte und fünfte. Der vierte liegt in der Mitte der sieben nachatlantischen Zeiträume und steht für sich allein, die anderen spiegeln sich um den Vierten als Achse. Man kann die drei Abschnitte aber auch in ihrer chronologischen Folge betrachten.
Steiner spricht von drei Stadien des Imperialismus, beginnend mit der Herrschaft der Priester über die Herrschaft der Könige zu der Herrschaft des Materialismus, die sich in der Dominanz des von Naturwissenschaft und Technik geförderten Wirtschaftslebens zeigt. Das letzte Stadium beginnt in der Zeit, die wir die Neuzeit nennen und ist nach Steiner das Zeitalter der Entwicklung der Bewusstseinsseele.
Durch das abstrakte Denken, das wir an den Naturwissenschaften ausbilden, erleben wir uns als frei und entwickeln unser Selbstbewusstsein. Wir folgen nicht mehr wie in den ersten Stadien einfach den Geboten und Gesetzen der Priester und Könige, die uns einen Platz in der Gesellschaft zugewiesen haben, sondern mehr und mehr unserer Vernunft.
Alle drei Stadien des Imperialismus spielen auch heute noch eine Rolle in der Geschichte, insbesondere in dem Unterschied zwischen den Gesellschaften des Ostens, der Mitte und des Westens Europas, aber auch der Welt. Die Grenze zwischen dem Westen und der Mitte ist der Rhein, zur Mitte gehören alle Völker der Westslawen, die Elbe markiert ungefähr die Grenze zum Osten; dabei ist England, später die USA, die Hauptmacht im Westen, Deutschland in der Mitte und Russland im Osten. Diese Dreiheit bestimmt die Geschichte der Gegenwart. Im Westen finden wir die typischste Ausprägung der Bewusstseinsseele, er dominiert deswegen die heutige Zeit; in Mitteleuropa soll der nächste Zeitraum vorbereitet werden und die slawischen Völker im Osten sind die Träger der nächsten Kulturepoche. Der Westen steht für die Freiheit, aber er versucht mit all seiner (wirtschaftlichen und militärischen) Macht, den anderen Staaten sein freiheitliches System aufzuzwingen.
Dabei versucht er die Mitte, die für Ausgleich sorgen soll, zu übergehen und unmittelbar auf den Osten zu wirken, in dem sich in der Zukunft eine brüderliche Gemeinschaft ausbilden soll.
Die empirische Geschichtsforschung hat im 19. Jahrhundert die fortschrittsoptimistische Geschichtsphilosophie abgelöst, der Mensch muss nun seine eigenen, an seinem Wissen über Vergangenheit und Gegenwart orientierten Zukunftstheorien entwerfen, die keiner inneren Gesetzmäßigkeit folgen, so dass die Folgen des Handelns für die Zukunft nicht vorhersehbar sind. Dabei sieht sich der Mensch heute eher Systemen gegenüber, die ihrer eigenen Rationalität folgen, woraus Probleme wie Finanz- und Wirtschaftskrisen etc. hervorgehen. Und auch die Demokratie wird immer fragwürdiger und ineffektiver.
Steiner hat die Ideen zur Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse der geistigen Welt entnommen. In der Zeit von 1840 bis 1879 haben in der geistigen Welt Veränderungen stattgefunden, die es dem Menschen ermöglichen, aus ihr neue Offenbarungen zu empfangen, wenn er sich darauf vorbereitet. Nach diesen muss die Dreigliederung des sozialen Organismus so schnell wie möglich eingeführt werden, wenn es nicht zu Katastrophen kommen soll. Diese Vorhersage hat sich nach dem 1.
Weltkrieg schon erfüllt und Kriege wie der Russlands gegen die Ukraine oder der Israels gegen die Palästinenser und manche andere beweisen, dass alle bisherigen Konzepte versagt haben.
Insbesondere konnte die soziale Frage nicht gelöst werden. Nach Steiner ist der Sozialismus ein weit verbreitetes Bedürfnis der heutigen Menschheit. Das hängt mit einem anderen Entwicklungsgang des Menschen zusammen. Er nennt ihn das Jüngerwerden der Menschheit. Danach entwickeln sich Leib und Seele heute nur noch bis in die Zeit der Ausbildung der Empfindungsseele gemeinsam, während das im vierten nachatlantischen Zeitalter, also zum Beispiel bei den Griechen, noch bis zur Ausbildung der Verstandesseele dauerte. Aus diesem Stehenbleiben auf der Stufe der Empfindungsseele kommt die Sehnsucht nach dem Sozialismus. In der Dreigliederung des sozialen Organismus wird es möglich sein, diesem Bedürfnis am besten zu entsprechen, indem in der Wirtschaft die Ansprüche aller Beteiligten angemessen berücksichtigt werden, ohne das staatliche Eingriffe nötig sind. Der Staat hat da keinen Einfluss auf die eigentlichen wirtschaftlichen Prozesse, sondern gibt nur die allgemeinen Gesetze vor wie Vertrags- und Arbeitsrecht.
Obwohl auch die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus nach Steiner aus der geistigen Welt geschöpft ist, kann man sie vertreten, ohne diese Voraussetzung zu machen. Die ausführliche Darstellung von Steiners Ausführungen zur Geschichte seit etwa 3000 vor Christus, der Vergleich mit verschiedenen Geschichtsauffassungen, Steiners Ausführungen zum 1. Weltkrieg und seinen Beteiligten und der Vergleich der sozialen Dreigliederung mit aktuellen Wirtschafts- und Politiktheorien machen deutlich, dass Steiners Geisteswissenschaft auch die irdischen Verhältnisse umfasst und alles andere als abgehobene Esoterik ist.
Außerdem wird an Hand der ausführlichen Wiedergabe von Steiners Texten die immer wieder geäußerte Behauptung widerlegt, in Steiners Anthroposophie seien Rassen und Völker das grundlegende Prinzip menschlichen Zusammenlebens. Steiner betont vielmehr, dass diese hergebrachten Unterschiede sich in der Zukunft immer mehr auflösen werden und jede Maßnahme, die dazu dient, sie zu erhalten, der Menschheit schadet. So hat er von Anfang an nachdrücklich Woodrow Wilsons Forderung nach der „Freiheit der Völker“ kritisiert, sofern es dabei um ihre politische Selbstbestimmung ging.
Die Dreigliederung will das Recht der Völker dadurch sichern, dass sie grenzübergreifend ihre Sprache und Kultur frei entfalten können. Aber im Mittelpunkt steht das Individuum. Jeder Mensch steht mit seiner Persönlichkeit in allen drei Gliedern, das jedes auf seine Weise darauf eingerichtet ist, sein Zusammenleben mit den anderen Menschen möglichst gut zu regeln.
Vor allem hat Steiner immer wieder auf jede mögliche Weise dargestellt, dass und wie wir an unserem Verhältnis zu unseren Mitmenschen arbeiten müssen.
In Steiners Person lagen naturwissenschaftliches Denken und Erfahrungen von der geistigen Welt zunächst unverbunden nebeneinander. Der Ausgangspunkt für die Verbindung beider war seine Beschäftigung mit der Frage nach dem Ich des Menschen. Das Ergebnis der daran anknüpfenden Bemühungen hat Steiner in seinem Buch „Die Philosophie der Freiheit“ dargelegt, das nicht nur verstandesmäßig durchdrungen werden will; die Arbeit an diesem Buch ist zugleich Arbeit am eigenen Ich. Parallel dazu hat Rudolf Steiner an seiner Fähigkeit zur Erkenntnis der geistigen Welt gearbeitet und die Fähigkeit zu imaginativer, inspirativer und intuitiver Erkenntnis ausgebildet. Wie er das gemacht hat, kann man in seinem „Lebensgang“ und in seinen Schriften zum Thema „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ nachlesen. Diese Entwicklung führte um die Jahrhundertwende in seelische Prüfungen, die in Steiners geistiger Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha gipfelten. Dies war die Voraussetzung zur Ausarbeitung seiner Anthroposophie mit dem Mysteriums von Golgatha als Mittelpunkt der Menschheitsgeschichte. Ab 1903 gingen ihm – wie es in einem Notizbucheintrag heißt – die christlichen Mysterien auf. Das Christentum ist für Rudolf Steiner nicht bloß Religion. Für ihn ist Christi Tat auf Golgatha ebenso Realität wie die „Verführung“ des Menschen durch Luzifer. Da der Mensch in Folge dieses Eingreifens Luzifers bis in seine physische Konstitution hinein verändert wurde, musste zu seiner Erlösung eine Gegenkraft geschaffen werden. Dies geschah durch Christi Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Dadurch wurde eine neue Wirklichkeit geschaffen und wenn der Mensch sich heute mit der Wesenheit Christi verbindet, hilft ihm dieser, an einer neuen, bis in die Materie hinein durchchristeten Wirklichkeit zu arbeiten. Dabei tritt ihm als eine dritte Kraft Ahriman entgegen, durch den uns die Welt als bloße Materie erscheint. Hinter, in und durch die Materie wirken also drei Arten geistiger Wesenheiten. Wie diese Welt beschaffen ist und wie sie zu der von den Naturwissenschaften beschriebenen Welt steht, hat Steiner in Büchern und Vortragen in über drei Jahrzehnten dargelegt.
2a. Steiners Freiheitsphilosophie
Mit seiner „Philosophie der Freiheit“ hat Steiner einen wesentlichen Schritt zur Ausbildung der Bewusstseinsseele getan, indem er durch die Anwendung reinen, also von der Sinneswahrnehmung unabhängigen Denkens philosophiert hat .
Einen besonderen Impuls zur Ausarbeitung seiner Freiheitsphilosophie bekam Rudolf Steiner am Ende seines 21. Lebensjahres. Er berichtet darüber seinem Freund Josef Köck in einem Brief am 13. Januar:
„Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich keinen Augenblick schlief... mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: `Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.´ Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben...; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir“ (GA 38, 13). In einem Brief aus dem Sommer 1881 schrieb er später: „Der August wird mir hoffentlich die nötige Ruhe gewähren, einen großen Teil meiner lieben Freiheitsphilosophie zu Papier zu bringen“ (19). Dazu kam es nicht, weil Steiner 1882 mit seiner Arbeit an der Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften begann, die er an Stelle des ursprünglich dafür vorgesehenen österreichischen Goethe-Experten Julius Schröer auf dessen Empfehlung hin übernahm.
Die Beschäftigung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften förderte aber tatsächlich Steiners Ausbildung der Freiheitsphilosophie. „Im Grunde genommen hatte sich mir die Idee zur `Philosophie der Freiheit´ gebildet beim Durchgehen, das ich seit langen Jahren zu pflegen hatte, durch die Goethesche Weltanschauung“ (GA 185, 126). Diese Auseinandersetzung hatte zwei „Pole“: „Der Materiepol erforderte eine Ausgestaltung der Goetheschen Naturanschauung. Der Bewußtseinspol war nicht so leicht einfach aus dem Goetheanismus heraus zu erreichen..., weil er mitbrachte all diejenige Ehrfurcht, welche notwendig ist, wenn man sich den wirklichen Quellen der Erkenntnis nähern will. Und so hat denn Goethe... gerade vor dem ein gewisses Zurückschrecken gefühlt, was hinunterleiten soll in die Tiefen des Bewußtseins selber, von seinem bis zu seiner höchsten, reinsten Ausgestaltung getriebenen Denken“ (GA 122, 50). Wenn man sein Denken weit genug ausbildet „kommt man einfach durch eine naturgemäße innere Wegleitung in jene Region hinein, die ich versuchte in meiner `Philosophie der Freiheit´ zu betrachten. Da... kommt man zu einem Anschauen des Denkens... Man muß die innere Arbeit des Denkens so weit getrieben haben, das man dann ankommt bei einem Bewußtseinszustande, wo man einfach durch das Ergreifen der sinnlichkeitsfreien Gedanken, durch das Anschauen der sinnlichkeitsfreien Gedanken weiß, man habe es jetzt mit sinnlichkeitsfreien Gedanken zu tun. Das ist der Weg, den ich versucht habe... in meiner `Philosophie der Freiheit´... (Es) wurde da versucht,..., das Denken so hinzulegen vor das Bewußtsein... wie vor dem Bewußtsein liegt das Mathematisieren“ (50/51).
Die sich daraus ergebende Erkenntnistheorie hat Steiner zunächst in seiner Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft“ in der Auseinandersetzung mit Kant entwickelt, der er für die Veröffentlichung ein Kapitel angefügt hat, in dem man „das ganze Programm der `Philosophie der Freiheit´ … finden (kann)“ (GA 185, 126)
Goethe bot Steiner also einen Anknüpfungspunkt für seine Freiheitsphilosophie, mit der er über das Weltbild der materialistischen Naturwissenschaft hinauskommen konnte. Zu derselben Zeit als er an der Herausgabe von Goethes Schriften arbeitete, schrieb er einen Brief an die befreundete Dichterin M. E. Delle Grazie, aus dem er später in seinem „Lebensgang“ zitiert, in dem er von der „Urzelle“ seiner Philosophie der Freiheit spricht.
„Unsere Ideale sind nicht mehr flach genug, um von dieser oft so schalen, so leeren Wirklichkeit befriedigt zu werden. Dennoch kann ich nicht glauben, daß es keine Erhebung aus dem tiefsten Pessimismus gibt, der aus dieser Erkenntnis hervorgeht.
Diese Erhebung wird mir, wenn ich auf die Welt unseres Innern schaue, wenn ich an die Wesenheit unserer idealen Welt näher herantrete... Sind unsere Ideale, wenn sie wirklich lebendige Individualitäten sind, nicht Wesenheiten für sich, unabhängig von der Gunst oder Ungunst der Natur?... Nicht das Zeitensein, nein das innere Wesen der Dinge macht sie vollkommen. Die Ideale unseres Geistes sind eine Welt für sich, die sich auch für sich ausleben muß und die nichts gewinnen kann durch die Mitwirkung einer guten Natur“ (237/38). Zur Freiheit kommt der Mensch erst, wenn er sich von der Natur innerlich gelöst hat. Wo bliebe die göttliche Freiheit, wenn die Natur uns, gleich unmündigen Kindern, am Gängelbande führend, hegte und pflegte... Wir wollen nichts der Natur, uns selbst alles verdanken“. Gegen den selbstgemachten Einwand, dies sei nur ein Traum, in Wirklichkeit „(gehorchten) wir der ehernen Notwendigkeit der Natur“, entgegnet Steiner: „Oh, wir sollten doch endlich zugeben, daß ein Wesen, das sich selbst erkennt, nicht unfrei sein kann!... Wir besitzen in unserem Erkennen die Macht, die Gesetzlichkeit der Naturdinge aus ihnen loszulösen und sollten dennoch die willenlosen Sklaven dieser Gesetze sein?“ (GA 28, 130/31).
In dem Aufsatz stellt er im Anschluss daran dar, wie er sich das Verhältnis des Menschen zu Gott vorstellt. Der gerade erst 25 Jahre alt gewordene Steiner beschreibt darin - quasi nebenbei – eine Antwort auf das Problem, das Hegel seinen Schülern zurückgelassen hatte: wie ist es möglich, dass der Mensch frei ist, wenn Gott alle Geschicke lenkt und seine Zwecke durch den Willen des Menschen hindurch verwirklicht?
Steiner schreibt: „Wir sollten endlich zugeben, daß der Gott, den eine abgelebte Menschheit in den Wolken wähnte, in unserem Herzen, in unserem Geiste wohnt. Er hat sich in voller Selbstentäußerung ganz in die Menschheit ausgegossen. Er hat für sich nichts zu wollen übrig behalten, denn er wollte ein Geschlecht, das frei über sich selbst waltet. Er ist in der Welt aufgegangen. Der Menschen Wille ist sein Wille, der Menschen Ziele, seine Ziele. Indem er dem Menschen seine ganze Wesenheit eingepflanzt hat, hat er seine eigene Existenz aufgegeben. Es gibt einen `Gott in der Geschichte´ nicht; er hat aufgehört zu sein um der Freiheit der Menschen willen. Wir haben die höchste Potenz des Daseins in uns aufgenommen. Deswegen kann uns keine äußere Macht, können uns nur unsere eigenen Schöpfungen Befriedigung geben. Alles Wehklagen über ein Dasein, das uns nicht befriedigt, über diese harte Welt, muß schwinden gegenüber dem Gedanken, daß uns keine Macht der Welt befriedigen könnte, wenn wir ihr nicht zuerst selbst jene Zauberkraft verleihen, durch die sie uns erhebt und erfreut. Brächte ein außerweltlicher Gott uns alle Himmelsfreuden, und wir sollten sie so hinnehmen, wie er sie ohne unser Zutun bereitete, wir müßten sie zurückweisen, denn sie wären die Freuden der Unfreiheit.
Wir haben keinen Anspruch darauf, daß uns von Mächten Befriedigung werde, die außer uns sind. Der Glaube versprach uns eine Aussöhnung mit den Übeln dieser Welt, wie eine solche ein außerweltlicher Gott herbeiführen sollte. Dieser Glaube ist im Verschwinden begriffen, er wird einst gar nicht mehr sein. Es wird aber die Zeit kommen, wo die Menschheit nicht mehr auf Erlösung von außen hoffen wird, weil sie erkennen wird, daß sie sich selbst ihre Seligkeit bereiten muß, wie sie sich selbst so tiefe Wunden geschlagen hat. Die Menschheit ist die Lenkerin ihres eigenen Geschicks“ (GA 30, 239/40).
In seiner Goetheschrift schreibt er zur selben Zeit:
„In dem Menschen selbst ist der Ausgangspunkt seines Handelns zu suchen. Deshalb darf auch in der Geschichte, deren Gegenstand ja der Mensch ist, nicht von äußeren Einflüssen seines Handelns, von Ideen, die in der Zeit liegen usw. gesprochen werden; am wenigsten von einem Plane, der ihr zugrunde liegt. Die Geschichte ist nichts anderes als die Entwicklung menschlicher Handlungen, Ansichten usw... Alles apriorische Konstruieren von Plänen, die der Geschichte zugrunde liegen sollen, ist gegen die historische Methode, wie sie sich aus dem Wesen der Geschichte ergibt.
Diese zielt darauf ab, gewahr zu werden, was die Menschen zum Fortschritt ihres Geschlechts beitragen; zu erfahren, welche Ziele sich dieser oder jener setzt, welche Richtung sie ihrer Zeit geben. Die Geschichte ist durchaus auf die Menschennatur gegründet... Unsere Erkenntniswissenschaft schließt völlig aus, daß man der Geschichte einen Zweck unterschiebe...
Ein Faktum der Physik wird von einem anderen so bestimmt, daß das Gesetz über den Erscheinungen steht. Eine historische Tatsache wird als Ideelles von einem Ideellen bestimmt... Die Geschichte ist wirklich eine Idealwissenschaft. Ihre Wirklichkeit sind schon Ideen. Daher ist die Hingabe an das Objekt die einzig richtige Methode“ (GA 2, 127/28).
Die Philosophie der Freiheit und ein von außen lenkender Gott passen also nicht zusammen, an dessen Stelle ist Christus getreten. In seinem Lebensgang schildert Steiner ein Gespräch, dass er zu jener Zeit mit dem Zisterzienser Ordenspriester Wilhelm Neumann über die “Wesenheit Christi“ geführt hat: „Ich sprach meine Anschauung darüber aus, wie Jesus von Nazareth durch außerirdischen Einfluß den Christus in sich aufgenommen habe und wie Christus als eine geistige Wesenheit seit dem Mysterium von Golgatha mit der Menschheitsentwicklung lebt“ (GA 28, 126).
Als Konsequenz aus seiner Beschäftigung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften hat Steiner seinen erkenntnistheoretischen Ansatz zunächst in der Auseinandersetzung mit Kant ausgebaut, aber auch seine „Freiheitsphilosophie“ weiter entwickelt. Die Untersuchung der Naturerkenntnis fasst er folgendermaßen zusammen:
In den Naturwissenschaften „hatte der Geist eine universelle Rolle zu spielen. Es fiel ihm die Aufgabe zu, den Weltprozeß selbst zum Abschlusse zu bringen. Was ohne den Geist da war, war nur die Hälfte der Wirklichkeit, war unvollendet, in jedem Punkte Stückwerk. Der Geist hat da die innersten Triebfedern der Wirklichkeit, die zwar auch ohne seine Einmischung Geltung hätten, zum Erscheinungsdasein zu rufen. Wäre der Mensch ein bloßes Sinneswesen, ohne geistige Auffassung, so wäre die organische Natur wohl nicht minder von Naturgesetzen abhängig, aber sie träten nie als solche ins Dasein... Es ist wirklich die echte, und zwar die wahrste Gestalt der Natur, welche im Menschengeiste zur Erscheinung kommt... Die Wissenschaft hat hier eine weltbedeutsame Rolle. Sie ist der Abschluß des Schöpfungswerkes. Es ist die Auseinandersetzung der Natur mit sich selbst, die sich im Bewusstsein des Menschen abspielt. Das Denken ist das letzte Glied in der Reihenfolge der Prozesse, die die Natur bilden“ (GA 2,115) Die ethischen Fragen ordnet Steiner den Geisteswissenschaften zu.
„Der Mensch soll nicht wie das Wesen der unorganischen Natur auf ein anderes Wesen nach äußeren Normen, nach einer ihn beherrschenden Gesetzmäßigkeit wirken, er soll auch nicht bloß die Einzelform eines allgemeinen Typus sein, sondern er soll sich den Zweck, das Ziel seines Daseins, seiner Tätigkeit selbst vorsetzen.
Wenn seine Handlungen die Ergebnisse von Gesetzen sind, so müssen diese Gesetze solche sein, die er sich selbst gibt. Was er an sich selbst, was er unter seinesgleichen, in Staat und Geschichte ist, das darf er nicht durch äußerliche Bestimmung sein. Er muß es durch sich selbst sein. Wie er sich in das Gefüge der Welt einfügt, hängt von ihm ab. Er muß den Punkt finden, um an dem Getriebe der Welt teilzunehmen. Hier erhalten die Geisteswissenschaften ihre Aufgabe. Der Mensch muß die Geisteswelt kennen, um nach dieser Erkenntnis seinen Anteil an derselben zu bestimmen. Da entspringt die Sendung, die Psychologie, Volkskunde und Geschichtswissenschaft zu erfüllen haben.
Das ist das Wesen der Natur, daß Gesetz und Tätigkeit auseinanderfallen, diese von jenem beherrscht erscheint; das hingegen ist das Wesen der Freiheit, daß beide zusammenfallen, daß sich das Wirkende in der Wirkung unmittelbar darlebt und daß das Bewirkte sich selbst regelt. Die Geisteswissenschaften sind im eminenten Sinn daher Freiheitswissenschaften. Die Idee der Freiheit muß ihr Mittelpunkt, die beherrschende Idee sein. Deshalb stehen Schillers ästhetische Briefe so hoch, weil sie das Wesen der Schönheit in der Freiheit finden wollen, weil die Freiheit das Prinzip ist, das sie durchdringt“ (GA 2, 116/17).
Unter der Überschrift „Die menschliche Freiheit“ weist Steiner auf den grundlegenden Unterschied hin, den seine Erkenntnistheorie gegenüber der „praktischen Wahrheit der dogmatischen Wissenschaft“ bedeutet.
„Sind die Wahrheiten, zu denen der Mensch in der Wissenschaft gelangt, von einer sachlichen Notwendigkeit bedingt, die ihren Sitz außer dem Denken hat, so werden es auch die Ideale sein, die er seinem Handeln zugrunde legt. Der Mensch handelt dann nach Gesetzen, deren Begründung in sachlicher Hinsicht ihm fehlt: er denkt sich eine Norm, die von außen seinem Handeln vorgeschrieben ist. Dies aber ist der Charakter des Gebotes, das der Mensch zu beobachten hat. DasDogma als praktische Wahrheit ist Sittengebot.
Ganz anders ist es mit Zugrundelegung unserer Erkenntnistheorie. Diese erkennt keinen anderen Grund der Wahrheiten, als den in ihnen liegenden Gedankeninhalt.
Wenn daher ein sittliches Ideal zustande kommt, so ist es die innere Kraft, die im Inhalte desselben liegt, die unser Handeln lenkt. Nicht weil in uns ein Ideal als Gesetz gegeben ist, handeln wir nach demselben, sondern weil das Ideal vermöge seines Inhalts in uns tätig ist, uns leitet. Der Antrieb zum Handeln liegt nicht außer uns, sondern in uns. Dem Pflichtgebot fühlten wir uns untergeben, wir mußten in einer bestimmten Weise handeln, weil es so befiehlt. Da kommt zuerst das Sollen und dann das Wollen, das sich jenem zu fügen hat. Nach unserer Ansicht ist das nicht der Fall.
Das Wollen ist souverän. Es vollführt nur, was als Gedankeninhalt in der menschlichen Persönlichkeit liegt. Der Mensch läßt sich nicht von einer äußeren Macht Gesetze geben, er ist sein eigener Gesetzgeber“ (124/25).
Dennoch ist Gott nicht völlig abwesend. „Der Weltengrund hat sich in die Welt vollständig ausgegossen; er hat sich nicht von der Welt zurückgezogen, um sie von außen zu lenken, er treibt sie von innen; er hat sich ihr nicht vorenthalten. Die höchste Form, in der er innerhalb der Wirklichkeit des gewöhnlichen Lebens auftritt, ist das Denken und mit demselben die menschliche Persönlichkeit. Hat somit der Weltengrund Ziele, so sind sie identisch mit den Zielen, die sich der Mensch setzt, indem er sich darlebt. Nicht indem der Mensch irgendwelchen Geboten des Weltenlenkers nachforscht, handelt er nach dessen Absichten, sondern indem er nach seinen eigenen Einsichten handelt. Denn in ihnen lebt sich jener Weltenlenker dar. Er lebt nicht als Wille irgendwo außerhalb des Menschen; er hat sich jeden Eigenwillens begeben, um alles von des Menschen Willen abhängig zu machen“.
Einen Gleichgesinnten in Fragen der Moral sieht Steiner in J. Kreyenbühl, der in einer Abhandlung „... in richtiger Weise (ausführt), wie die Maximen unseres Handelns durchaus aus unmittelbaren Bestimmungen unseres Individuums erfolgen; wie alles ethisch Große nicht durch die Macht des Sittengesetzes eingegeben, sondern auf den unmittelbaren Drang einer individuellen Idee hin vollführt werde“ (GA 2, 126) und er fährt fort: „Nur bei dieser Ansicht ist eine wahre Freiheit des Menschen möglich. Wenn der Mensch nicht in sich die Gründe seines Handelns trägt, sondern sich nach Geboten richten muß, so handelt er unter einem Zwange, er steht unter einer Notwendigkeit, fast wie ein bloßes Naturwesen. Unsere Philosophie ist daher im eminenten Sinn Freiheitsphilosophie... Wenn der Mensch sittlich handelt, so ist das für uns nicht Pflichterfüllung, sondern die Äußerung seiner völlig freien Natur“.
Erkennen und Handeln des Menschen sind Teil einer „einheitlichen Seele“, die „uns ebenso erfahrungsgemäß gegeben (ist) wie ihre einzelnen Handlungen. Jedermann ist sich dessen bewußt, daß sein Denken, Fühlen und Wollen von seinem ´Ich´ ausgeht.
Jede Tätigkeit unserer Persönlichkeit ist mit diesem Zentrum unseres Wesens verbunden. Sieht man bei einer Handlung von dieser Verbindung mit der Persönlichkeit ab, dann hört sie überhaupt auf, eine Seelenerscheinung zu sein. Sie fällt dann entweder unter den Begriff der unorganischen oder organischen Natur“ (122).
Mit seiner Freiheitsphilosophie sieht sich Steiner von Anfang an im Widerspruch zu den Tendenzen seiner Zeit. Im Oktober 1892 erschienen zwei Artikel Steiners über die im selben Jahr gegründete „Gesellschaft für ethische Kultur“. In den USA war diese Bewegung, die von Felix Adler ausgegangen war, schon sehr verbreitet und in Deutschland hat sie schnell eine breite Zustimmung in den gebildeten Kreisen gefunden. Er hatte gerade begonnen, an seiner „Philosophie der Freiheit“ zu arbeiten.
Im „Merkur“ hat er geschrieben: „Der Grundirrtum, der hier zugrunde liegt, ist der Glaube an eine allgemein-menschliche Sittlichkeit. So wenig der `Mensch im allgemeinen` möglich, sondern nur eine begriffliche Fiktion ist, so wenig kann von einer Ethik im allgemeinen gesprochen werden. Jedes Volk, jedes Zeitalter, ja im Grunde jedes Individuum hat seine eigene Sittlichkeit. Der Denker kann dann das Gemeinsame aller dieser sittlichen Anschauungen aufsuchen, nach den treibenden Kräften forschen, die in allen gleich wirksam sind. Aber das dadurch erlange Ergebnis hat nur einen theoretischen Wert..., zum Träger der Lebensführung kann es nie und nimmer gemacht werden... An die Stelle des individuellen Auslebens der Volks- und Menschennaturen, der Zeitalter und Individuen träte sonst schablonenhaftes Handeln sittlicher Puppen, die an den Fäden der allgemein-menschlichen Sittenlehre immer aufgezogen würden“ (GA 31, 164).
In der „Zukunft“ kritisierte er den Kantischen Ansatz, der der Ethik dieser Gesellschaft zu Grunde lag. Dieser war für ihn, seit „sich Nietzsche wahnsinnig gedacht (hat) über die großen Fragen der menschlichen Moral“ (169), veraltet.
„Offizielle Philosophen, die heute noch immer den alten Kant... wiederkäuen, stehen fest auf dem Standpunkt zu glauben , daß es so etwas, wie eine `allen guten Menschen gemeinsame Moral´ gebe. `Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können´... Und in allen Tonarten klingt dieses Sprüchlein uns an die Ohren aus den Bekenntnissen derer, die sich Freisinnige, Liberale, Humanitätsapostel usw. nennen, Aber es gibt heute auch schon einen Kreis von Menschen, die wissen, daß dieser Satz der Tod allen individuellen Lebens ist, und daß auf dem Ausleben der Individualität aller Kulturfortschritt beruht. Was in jedem Menschen Besonderes steckt, das muß aus ihm heraustreten und ein Bestandteil des Entwicklungsprozesses werden“ (171).
Aus Kants Grundsatz können nur ein „paar Zweckmäßigkeitsregeln für den gegenseitigen Verkehr“ hervorgehen; die liegen aber weit unter dem Niveau des „ethischen Lebens des Menschen“ und „hier das Richtige zu treffen, ist die Aufgabe der sozialen Körperschaften; die Ethik hat damit nichts zu tun. Der Staat mag über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit menschlicher Handlungen wachen und für das Zweckmäßigste sorgen... Vorschriften der Zweckmäßigkeit des Handelns mag es geben, und deren Einhaltung mag auch mit Gewalt erzwungen werden; Vorschriften des sittlichen Handelns gibt es nicht. In dem Gebiet der eigentlichen Sittlichkeit kann allein der Grundsatz gelten: leben und leben lassen“ (171/72).1 Des weiteren kritisiert Steiner, dass die von Amerika übernommene und übersetzte Literatur zu dem Thema aus „einem eminent materiellen Kulturleben" stammt, in dem „alles über die Sorge für die gemeinen Lebensbedürfnisse hinausgehende Denken untergeht“. Aber am meiste stört ihn, „daß der Jugenderziehung diese öden Sittlichkeitsmaximen eingeimpft werden sollen“ (173/74).
Vertreter der Gesellschaft wie Herr von Gizycki „(haben) die schärfsten Worte über...
Konfessionen mit ihren Moralprinzipien“ gemacht, dasselbe will jetzt aber „die `ethische Gesellschaft´ mit den allgemein-menschlichen nachmachen“. Dort und hier wird aber nichts erreicht als die Ertötung des Individuums und die Unterjochung des Lebens durch unlebendige, starre Gesetze... (Dabei) sind die konfessionellen Sittenlehren... die Ergebnisse bestimmter Weltanschauungen, die doch einmal den berechtigten Kulturinhalt der Menschheit ausmachten; die allgemein-menschliche Sittenlehre ist eine Summe von Gemeinplätzen;... zusammengeholte Fetzen...
Wir stehen vor einer Neugestaltung unserer ganzen Weltanschauung. Alle Schmerzen, die ein mit den höchsten Fragen ringendes Geschlecht durchzumachen hat, lasten auf uns... So viel aber ist gewiß: was er uns auch verkünden wird, der neue Reformator: mit der neuen Erkenntnis wird auch die neue Moral kommen. Dann werden wir auch wissen, wie wir uns das neue Leben einzurichten haben. Den Gebildeten jetzt alte Kulturüberbleibsel als ewiges sittliches Gut hinzustellen, heißt sie abstumpfen für die Empfindung der Gärungserscheinungen der Zeit, und sie ungeeignet machen für die Aufgaben der nächsten Zukunft“ (174/75).
Steiner wendet sich damit gegen einen Humanismus, der glaubt, „die sittliche Bildung... allein aus den Existenzbedingungen und Grundgesetzen der menschlichen Natur...(entwickeln zu können – J.B.)“, er folgt Nietzsche in der Überzeugung, dass die Menschen ihre „ethischen Wahrheiten“ (176) aus dem inneren heraus auf immer höhere Stufen entwickeln müssen und können.
Die heftigen ablehnenden Reaktionen auf den Artikel hat er in einem Brief an Pauline Specht wiedergegeben (Briefe II, Brief 340). Am heftigsten wurde er von Ferdinand Tönnies, der Mitbegründer der „Gesellschaft für ethische Kultur“ war, in einer achtzehn-seitigen Broschüre attackiert.
Peter Selg hat in seinem Buch „Rudolf Steiners innere Situation zur Zeit der `Philosophie der Freiheit´ darauf hingewiesen, dass die „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ „... ein wegweisendes Dokument für Rudolf Steiners gezielt gerichteten und wirkenden Willen, in Richtung einer Freiheitsphilosophie (mit ihren immanenten Erkenntnis-Implikationen und Handlungskonsequenzen) zu arbeiten (waren und sind) – und das Freiheitselement als fundamentale Kategorie des geistigen Menschen in die philosophische Diskussion seiner Zeit zu stellen. Fast vier Jahrzehnte später schrieb Steiner...: `Ich habe es mir nicht leicht gemacht, über die Gedankengänge der damaligen Philosophien hinwegzukommen. Mein Leuchtstern war aber stets die ganz durch sich selbst bewirkte Anerkennung der (Selg schreibt hier „geistige“ statt „Anerkennung der“) Tatsache, daß der Mensch sich innerlich als vom Körper unabhängiger Geist, stehend in einer rein geistigen Welt, schauen kann´“ (Selg, 50; GA 2, 10).
Außerdem zitiert Selg aus der Einleitung zum 1887 erschienenen zweiten Band von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Hier stellt Steiner klar, dass nur die Liebe zum Objekt die Handlung zu einer freien macht:
„Wir wissen, dass die Ideenwelt die unendliche Vollkommenheit selbst ist; wir wissen, dass mit ihr die Antriebe unseres Handelns in uns liegen; und wir müssen demzufolge nur ein solches Handeln als ethisch gelten lassen, bei dem die Tat nur aus der in uns liegenden Idee derselben fließt. Der Mensch vollbringt von diesem Gesichtspunkte aus nur deshalb eine Handlung, weil deren Wirklichkeit für ihn Bedürfnis ist. Er handelt, weil ein innerer (eigener) Drang, nicht eine äußere Macht, ihn treibt. Das Objekt seines Handelns, sobald er sich einen Begriff davon macht, erfüllt ihn so, dass er es zu verwirklichen strebt. In dem Bedürfnis nach Verwirklichung einer Idee, in dem Drange nach der Ausgestaltung einer Absicht soll auch der einzige Antrieb unseres Handeln sein. In der Idee soll sich alles ausleben, was uns zum Tun drängt. Wir handeln dann nicht aus Pflicht, wir handeln nicht einem Triebe folgend, wir handeln aus Liebe zu dem Objekt, auf das unsere Handlung sich erstrecken soll. Das Objekt, indem wir es uns vorstellen, ruft in uns den Drang nach einer ihm angemessenen Handlung hervor. Ein solches Handeln ist allein ein freies.
Denn müsste zu dem Interesse, das wir an dem Objekt nehmen, noch ein zweiter anderweitiger Anlass kommen, dann wollten wir nicht das Objekt um seiner selbst willen, wir wollten ein anderes und vollbrächten dieses, was wir nicht wollen; wir vollführten eine Handlung gegen unseren Willen. Das wäre etwa beim Handeln aus
Egoismus der Fall. Da nehmen wir an der Handlung selbst kein Interesse; sie ist uns nicht Bedürfnis, wohl aber der Nutzen, den sie uns bringt. Dann aber empfinden wir es zugleich als Zwang, dass wir jene Handlung, nur dieses Zwecks willen, vollbringen müssen..., wir unterließen sie, wenn sie den Nutzen nicht im Gefolge hätte. Eine Handlung aber, die wir nicht um ihrer selbst willen vollbringen, ist eine unfreie. Der Egoismus handelt unfrei. Unfrei handelt überhaupt jeder Mensch, der eine Handlung aus einem Anlass vollbringt, der nicht aus dem objektiven Inhalt der Handlung selbst folgt. Eine Handlung um ihrer selbst willen ausführen, heißt aus Liebe handeln. Nur derjenige, den die Liebe zum Tun, die Hingabe an die Objektivität leitet, handelt wahrhaft frei“ (Selg, 54, GA 1, 202 f.).
