Was wir füreinander waren - Johannes Albendorf - E-Book

Was wir füreinander waren E-Book

Johannes Albendorf

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Beschreibung

Clemens ist erfolgreicher Schlagzeuger und reist in den 2010er Jahren auf die Nordseeinsel Ameland, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Der junge Leo übernimmt im Köln der 1930er Jahre die Kunsthandlung seines Vaters und will in turbulenten Zeiten seine Liebe leben. Simone ist Fischer im Neapel des Jahres 1826 und träumt davon, sein Leben dem Theater zu widmen. Ihre Suche nach Liebe und Vollendung wird durch ein geheimnisvolles Gemälde berührt, das alle Zeiten überdauert, ihre Leben miteinander verbindet und sie ihre eigenen Wege gehen lässt. Mit behutsamer Sensibilität und unverwechselbarer Stimme erzählt Johannes Albendorf in raffiniert ineinander verwobenen Geschichten von den Reisen, die wir im Inneren beginnen. Ein Buch voll sinnlichem Zauber und Lebensdrang, über die Kraft der Kunst und über die Liebe, die nur einen Moment dauern kann.

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alle Charaktere, Schauplätze und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2025

Erste Auflage März 2025

Lektorat: Marc Lippuner

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Illustration. Coverbild erstellt mit MidJourney AI. © Sergio Vitale, 2025

ISBN 978-3-89656-709-3

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de | [email protected]

Dir!

Spürst Du es,

wenn ich Deinen Schatten berühr?

Ich lauf durch Eure Schatten

Sie tanzen an der Wand

Ich renn durch Eure Schatten

Sie verschwinden in der Stadt

Fühlst Du es,

wenn ich Dich hier spür?

Clemens Boe

Teil 1 – clemens

2015

»Die Knospe sprach: Du siehst, ich bin im Keim erst!

Was spät die Welt entzückt, es ist geheim erst.«

August von Platen

I.

Immer mehr Tag kriecht übers flache Land und vertreibt den Herbstnebel. Einem grünen Tsunami gleich erhebt sich der Deich am Horizont; er versperrt die Sicht auf die Insel und die Unendlichkeit des Meeres. Nur rast er nicht auf uns zu, sondern fahren wir ihm entgegen.

Nach einer langen Tournee mit meiner Band und dem finalen Konzert, gestern im niederländischen Groningen, sehne ich mich nach dem Meer. Eine Art Ausklang, vielleicht nur für einen Tag. Vielleicht aber auch für zwei Tage oder gar drei: Wind, Horizont und Wellenrauschen anstatt der ewig gleichen Aftershowpartys, den Soundchecks und Autogrammen auf allen erdenklichen Merchandise-Artikeln und Körperteilen von verrückten Fans.

Ich bin nicht mit den anderen nach Hamburg gefahren, wo wir leben, sondern habe den Bus in die entgegengesetzte Richtung genommen. Vergangenheitsweh spielt bei diesem Abstecher keine große Rolle, obwohl ich früher öfter im Ferienlager auf Ameland gewesen bin. Aber ich habe nicht das Gefühl, einen persönlichen Erinnerungsfriedhof zu betreten. Nein, es geht mir um Stille und Weite.

Wenn eine Tour zu Ende geht, stirbt immer etwas. Aber der Bandtrott geht weiter: Aufnahmesessions, ein Album rausbringen, eine Tour spielen. Alles wieder von vorn, on and on and on. Insofern ist die Todesstille nach dieser Tournee trügerisch. An manchen Abenden fühlte ich mich wie ausgekotzt.

Nur das Meer, der Himmel und ich.

Am Anleger verlasse ich den Bus, kaufe ein Ticket für die Fähre und vermeide es, auf niederländisch auch nur »Goededag« oder »Dankjewel« zu sagen. Ich habe kein Gespür für diese Sprache; meine gutgemeinten Versuche klingen immer so, als würde ich die Leute auf den Arm nehmen. Ich blicke zum Horizont: Das Meer hat heute die Farbe von pürierter Linsensuppe. Wie mutierte Froschpenisse schaukeln grüne Bojen entlang der Fahrrinne auf und ab. Ja, ich weiß: Frösche haben keine Penisse, aber sie sehen trotzdem so aus.

Im Bauch der Fähre essen die Menschen warmen Eintopf aus Messingschälchen, trinken Kaffee aus Pappbechern und schauen selten durch die salzverkrusteten Fenster. Ich gehe an Deck. Noch fern erhebt sich die Insel aus der Linsensuppe, und auf einmal spüre ich in mir einen Anflug von Widerwillen. Ameland liegt da wie ein peinlicher One-Night-Stand, den man am nächsten Morgen beim Erwachen noch unter seiner Bettdecke weiß, an den man sich aber nicht mehr erinnern kann oder erinnern will, geschweige denn, dass man ihn noch einmal betrachten oder gar berühren möchte.

Steil führen die metallenen Stufen nach oben. Mit seinem Fauchen übertönt der Wind jeden Klang. Mein Cap reißt er mir vom Kopf; leuchtend rot fängt es auf den braunen Wellen zu tanzen an, wird aber sogleich in die Tiefe gezogen. Wild wehen meine Haare nun umher, und die Wolken türmen sich am viel zu gewaltigen Himmel auf. Das Meer schäumt, als habe es einen Minderwertigkeitskomplex: Trotzig hebt es die Fähre, senkt es die Fähre – gleiches geschieht mit der Allee aus Froschpimmeln. Doch beharrlich pflügt sich das Schiff voran. Ich habe die ganze Zeit auf das rot gestrichene Gelände getrommelt und es nicht bemerkt.

Immer muss ich trommeln.

Immer trommelt es in mir.

Der Rhythmus ist immer derselbe. Getrieben. Monoton. Alles durchdringend. Manchmal nehme ich ihn nicht wahr, doch sobald ich realisiere, dass ich ihn nicht wahrnehme, überfällt er mich erneut, hinterrücks. Ich weiß nicht, was er von mir will. Woher er kommt, warum er in meinem ganzen Körper hämmert, unter der Schädeldecke, in den Rückseiten meiner Oberschenkel, im Nacken, hinter meinen Schulterblättern, überall. Wie Schusssalven, notorisch und unbarmherzig. Immer derselbe Rhythmus, bei dem ich mit muss, militärisch, preußisch, ohne Schwung: ein Tanz ohne Kunst, ein Gebet ohne Herz, ein Fick ohne Feeling.

Ich sehne mich nach Stille, aber würde ich sie aushalten können?

Nach knapp einer Stunde schiebt sich die Fähre an den Ameländer Anleger, so schmeichlerisch wie krasse Fankommentare auf Facebook unter unsere Band-Postings. Ich schaue in Richtung Buren, dorthin, wo sich damals das Ferienlager befand, und erinnere mich, dass die Dächer des Lagers und ein schmutzigweißer Silo immer schon von der Fähre aus zu erkennen waren. Heute ziehen Gänse in walzenden Formationen gewaltige Kreise über die Wiesen hinter dem Dorf; unendlich viele von ihnen steigen in den Himmel, wabern durch die Lüfte, und ihre grauweißgezeichneten Flügel verdecken Vergangenes.

Als ich meine Füße auf die Insel setze, könnten Erinnerungen mich anwehen – aber zu meiner Überraschung erkenne ich nichts wieder. »Welkom op Ameland« heißt es auf einem Schild. Der Halbmond im Wappen der Insel wirkt bedrohlich. Einen Moment lang meine ich, ich sollte aufgewühlt sein, doch seltsamerweise verfliegt dieser Gedanke so schnell wie der Flügelschlag einer der Gänse.

Ich bin auf Ameland.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal auf die Insel gekommen war, atmete ich auf. Die Weite der See entsprach dem Sehnen meines jungen Herzens. Manchmal denke ich in Tageszeiten, und damals war mir, als sei den ganzen Tag über Sonnenaufgang.

Und heute? Gelbe Backsteinhäuser ducken sich vor der dunklen Wolkeninfanterie am Himmel. Auf groteske Weise säumen Bäumchen den Wegesrand; gern würden sie Bäume sein, sind jedoch dazu verdammt, vom nimmermüden Wind zu bizarr wuchernden Kunstwerken geformt zu werden; an der See haben sie keine Chance auf schönen Wuchs.

Ich gehe weiter.

»Fietspad« lese ich auf einem Schild. Ein Wort in Niederländisch, das damals jeder von uns kannte – neben »Gulden« und »Softijs«. Auf dem Weg nach Nes, dem Hauptort der Insel, sind Benni und ich einmal mit unseren Hollandrädern zusammengestoßen, keine Ahnung, wie wir das hingekriegt haben. Meine Lippe blutete und schwoll an; im Lager nannte mich Hedda Heumüller »Häuptling Dicke Lippe« und »Roberto Blanco«. Political Correctness kannte damals niemand. Der Fietspad weiß nichts mehr von meinem Blut, das auf ihn tropfte.

Auch ich habe seit Langem nicht mehr daran gedacht und gehe weiter.

Wie von einer Art Raureif überzogen liegen blasse Erinnerungen über der ganzen Insel, schablonengleich auf dem Grün der Weiden, der Wiesen und des Deichs, setzen sich an den grauen Straßen und Fahrradwegen im Dorf Buren fest, dem, im Vergleich zu damals, eine kommerziellere, mehr touristischere Mode übergeworfen wurde, so dass ich den damals noch ursprünglicheren Fischerort kaum wiedererkenne.

Mich friert. Auf Ameland war ich immer nur im Sommer. Der Zeitsprung von so vielen Jahren verwirrt mich genauso, wie mich die Herbstluft erschöpft: Gab es in diesem Haus (oder in dem daneben?) nicht früher Softijs, köstlich, cremig, rosa und weiß? Es machte Spaß, die letzten Eisreste mit der Zungenspitze aus dem geriffelten Waffelboden herauszuschlecken. Oh, und natürlich diese speziellen niederländischen Fritjes, dünn und knusprig und braun – eines Tages entdeckte ich, wie vorzüglich es schmeckte, die salzigen Pommes ins Softijs zu tunken und auf der Zunge zergehen zu lassen; ein Wechselspiel von kalt und süß und heiß und salzig.

Jetzt ist der Laden geschlossen. Mein heutiges Ich spiegelt sich im Schaufenster. Auf einmal blicke ich mir so entgegen, wie ich damals ausgesehen habe: teenagig, schlaksig, dunkelblond gelockt, mit blauweißkarierten Hosen und gelber Jacke. Irgendwie anders. Verkorkst. Aufgetaucht aus dem Irgendwo.

Ich schüttele meinen Kopf und sehe wieder mein gegenwärtiges Ich: Meine Haare sind lang, wie es sich für einen Musiker gehört, noch blond, aktuell zu einem Knoten auf dem oberen Hinterkopf zusammengebunden. Mein Bart ist akkurat gestutzt, ein kleiner Fetisch von mir. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir Tattoos stechen zu lassen, doch mein heutiges Ich schirmt seine Augen mit bunt tätowiertem Handrücken ab. Flower-Power-Kunstwerke verzieren einen Großteil meines trainierten Körpers. Damals war Bodybuilding ein No-Go. Obwohl ich gar nicht mehr an dem interessiert bin, was sich in der ehemaligen Softijs-Bar befindet, bleibe ich weiter vor dem Schaufenster stehen und schaue nun durch die Scheibe in die außersaisonale Dämmerung: Karierte Plastikdecken im Speiseraum, Marmelade in ausgebleichten, von Wärme verzogenen Tupperdosen, braune Fliesen im Waschraum, Feten mit Stroboskop, Lagerolympiaden, Engtanz und Strandgänge zum Sonnenaufgang. All das blitzt in Bruchteilen von Sekunden in meinem Gedächtnis auf. Und auf einmal bin ich wieder der Teenager, der ich damals war und der mir erneut entgegensieht. Ich spüre den Wind, der durch meine kurzgeschnittenen Locken weht, den leichten Hosenstoff an meinen Knien und Schenkeln, die Espadrilles an meinen Füßen, meinen ganzen Körper, so wie er sich damals anfühlte.

Verunsichert trete ich einen Schritt zurück. Was mache ich hier eigentlich? Obwohl ich zu wissen glaube, dass ich am Ende einer aufreibenden Tournee einfach etwas Ruhe und Weite suche, das Meer genießen will – alle Künstler brauchen Rückzugsorte dann und wann –, scheint mir diese Antwort nicht mehr schlüssig. Befremdet blicke ich immer noch auf das Schaufenster. Alles hat sich verändert, aber der Teenager von damals ist in mir erwacht, in mich geschlüpft, und unsere Vertrautheit erschreckt mich.

In den Niederlanden haben alle Häuser große Fenster, es gibt keine Vorhänge, nichts scheint verborgen.

Wer’s glaubt!

II.

Verunsichert gehe ich weiter. Schwere steigt aus dem Pflaster der Straßen auf. Das Dorf wirkt eigentümlich verlassen, trotzdem es viel stärker als damals auf Tourismus gebürstet ist; viel professioneller, sicherlich ertragreicher, aber auch biederer. Es ist Nebensaison.

Wo ist der Weg, den wir damals zum Strand zu gehen pflegten? Vorbei am Hotel de Klok, wo ich mein erstes Bier überhaupt getrunken habe, folge ich den Hinweisschildern und durchquere den Ortskern, staune über das Selektive meiner Erinnerungen.

An den Strand zumindest kann ich mich genauestens erinnern, vielleicht, weil ich mich erinnern will. Sobald ich zum ersten Mal, geleitet von wogendem Strandhafer zu beiden Seiten, durch die sich öffnenden Dünen getreten war und mein Blick aufs Meer fiel, spürte ich, dass sein Rauschen in mir einen Widerhall fand und diese Seelenlandschaft sofort ein Sehnsuchtsort für mich wurde. Woran sich über die Jahre nichts geändert hat. Er ist immer noch in mir, nur habe ich lange nicht mehr an ihn gedacht. Klar, Wellen und Sand und Dünen und Möwen gibt es überall auf der Welt, aber das Licht überzieht auf Ameland alles mit einem besonderen Glitzern.

Heute jedoch nicht. Endlos zieht sich der Weg zum Strand. Der Wind will mich am Weitergehen hindern, jeder Schritt wird mühsamer. Sand peitscht mir ins Gesicht, auch Regen dann und wann, das Wetter schlägt schließlich komplett um, wie es das an der See so gern zu tun pflegt. Schnell bin ich durchnässt.

Ich glitsche über meine Erinnerungen wie über an den Strand gespülte Quallen: Gab es hier nicht ein Pannekoeken-Restaurant? Jedes Jahr fand dort das Betreuer-Essen statt, und einmal waren Polli und Paula im Auftrag der anderen Betreuer aufgebrochen und hatten Pannekoeken für zwanzig Leute bestellt, Punkt acht Uhr. Polli und Paula legten großen Wert auf Pünktlichkeit und erwarteten ebendiese präzise von den anderen. Als der Kellner aber all die Pannekoeken servierte, saßen Polli und Paula immer noch allein inmitten weißer Plastikmöbel. Das war den beiden peinlich und ihre Empörung wuchs mit jedem aufgetragenen Pannekoeken. Als wir nach und nach eintrudelten, waren die meisten Pannekoeken bereits kalt, wohingegen Polli und Paula kochten.

Das Restaurant gibt es nicht mehr. Der Wintergarten, in dem vor so vielen Jahren Polli und Paula auf ihren Pannekoeken sitzenblieben und wo es mitten im Sommer so weihnachtlich nach Zimt und Äpfeln duftete, ist leer. Zeitungen verkleben seine Scheiben.

Eine entsetzliche Müdigkeit überkommt mich. Keine gute Idee, an diesen Ort zurückzukehren. Meine Erinnerungen sind Erinnerungen an ein Leben, für das ich nicht bestimmt zu sein schien, an eine Welt, in die ich nicht gehörte. Wohl deswegen sind sie so getrübt.

Wer bin ich hier? Der Clemens von damals, der Clemens von heute, ein Mischmasch aus beiden? Meine Schritte werden langsamer und ich beschließe, umzukehren und im Ort endlich etwas zu essen. Unsanft schiebt der Wind mich zurück, so stark, dass ich torkele, als hätte ich Unmengen von Genever gepichelt.

Kühe und Alpakas blicken skeptisch über die Zäune der Weiden.

An der Ecke zum Dorfplatz fällt mir eine fast lebensgroße, farbig gefasste Figur aus Holz ins Auge. Sie steht vor einem Haus, dessen bemoostes Dach sich bis zum Erdboden über seine Mauern aus gelbem Backstein ausbreitet. Oudheidkamer steht in blauen Lettern auf einem westfriesischem Schild über den Fenstern, offenkundig ein Antik-Laden. Bei der Figur handelt es sich, mutmaße ich, um einen Sklaven. Deutlich treten die Adern auf seinen Unterarmen hervor und auf der rechten Schulter trägt er eine große, muschelartige Schale. Milde, erduldend und erloschen blickt er auf den leeren Dorfplatz. Sein schwarzes Gewand, gerafft wie ein Kleid, wird von einer roten Schärpe zusammengehalten, so dass sich etwas Feminines in sein Aussehen schleicht. Ich schaue in seine Augen.

Sie sind so verhangen wie der Himmel und verschleiert wie das Sonnenlicht. Nichts ist gegenwärtig klar auf Ameland.

Kurz entschlossen betrete ich den Laden. Meine Augen können im Halbdunkel zunächst nichts erkennen. Allmählich schälen sich edle Möbel im Louis-seize-Stil aus der Dämmerung heraus, auch alte Schusterleisten, Amphoren aus Stein und ein antiker Leierkasten werden präsentiert. Gemälde an den Wänden öffnen den Blick in andere Zeiten und bestürmen mich mit ihren Motiven: ein trauriges Biedermeier-Kind, eingesperrt hinter glänzendem Firnis, eine Kopie der Kreuzigung Petri von Rubens, der schmerzverzerrte Apostel von brutalen Römern eingekreist, und schließlich ein Stillleben: Frisches Obst vor schwarzem Hintergrund, Pfirsiche, Weintrauben, Kirschen, durch die Malerei für immer konserviert. Nichts in diesem Laden wirkt verstaubt, nicht einmal der Totenschädel auf einem barocken Beistelltischchen.

»Hoi«, höre ich eine tiefe Stimme von irgendwoher, als ob eines der Bilder zu sprechen begonnen hat! Erschrocken fahre ich zusammen, verdutzt blicke ich umher. Die Stufen der weißlackierten Holztreppe knarzen. Zuerst sehe ich nackte Füße, irgendwie vertrauenerweckend, dann schön geformte, muskulöse Unterschenkel, die sich, ebenso wie die ihnen auf harmonischste Weise folgenden Oberschenkel, in den verwaschenen Jeans eingesperrt fühlen müssen. Gleiches gilt augenscheinlich für die Beule zwischen den Beinen. Ich schlucke. Ein schon fadenscheiniger, grüner Baumwollpullover, unter dem der Mann nichts trägt, ist als nächstes zu sehen, dann der oberste Teil einer gleichmäßig behaarten Brust. Schließlich kommt ein an der linken und der rechten Seite schon ein wenig geweißter Bart zum Vorschein, mondweiß, und er umhüllt einen schön geformten Mund mit sich-in-Küssen-verlieren-könnenden Lippen. Endlich steht ein zwei Meter großer Mann im Zimmer und blickt mich freundlich an. Seine bloße Präsenz lässt mich innerlich zurückweichen. Treibt mich gleichzeitig zu ihm hin.

In seinen braunen Augen schimmern Klares, Tiefes und Lausbübisches zugleich. Auch seine Haare sind braun und wollen sich zu lichten beginnen. Eine schöne Symmetrie beherrscht seinen Schädel, obgleich seine Ohren vielleicht etwas zu gewölbt erscheinen und seine Stirn von einer Sorgen- oder Denkfalte durchzogen ist. Nacken und Schläfen sind ausrasiert und wirken zu modern für das kleine Dorf auf Ameland. Ich schätze, er ist vier oder fünf Jahre älter als ich. Oder jünger? Wen juckt’s.

»Hi«, antworte ich endlich und betone es englisch. Nein, niederländisch ist nicht meine Sprache. Ich versuche, mit dem rechten Ärmel das Wasser von meiner Stirn zu wischen.

»The weather should be good at the weekend«, sagt der Mann. Ich nicke, bemerke erst dann, dass er einen Scherz machen wollte, aber es ist bereits zu spät, um noch höflich oder wissend zu lachen.

Er steckt die Hände in die Hosentaschen.

»They say autumn is a beautiful season«, macht er einen neuen Versuch. Sein holländischer Akzent schwächt die Wucht der erotischen Lawine, die mich mit seinem Erscheinen überrollt hat.

»Yeah, but winter is coming soon«, entgegne ich, räuspere mich und streiche meine nassen Haare erneut zusammen. Heute ist wirklich alles konfus. Einzelne Wassertropfen laufen zwischen meinen Schulterblättern herab und kitzeln meine Wirbelsäule. Um meine Füße herum bildet sich eine kleine Pfütze.

Stille breitet sich zwischen dem Mann und mir aus, aber wir empfinden sie wohl beide nicht als unangenehm. Ich erkenne eine freudige Verlegenheit in seinen Bewegungen, die mir wohlbekannt ist. Und er spürt mein Erkennen.

»Do you need a towel?« / »Do you have a towel?«, fragen wir gleichzeitig. Und grinsen.

»Sure«, murmelt er, und wendet sich wieder der Treppe zu, verschwindet nach oben. Zuerst sein Hinterkopf mit dem ausrasierten Nacken, die breiten Schultern, sein starker Rücken, der wohlgeformte Arsch (ob er wohl einen Badehosenstreifen hat?), Ober- und Unterschenkel, alles diesmal von der anderen Seite, so auch seine sicherheiteinflößenden Füße.

Schnell ist er wieder da und reicht mir ein orangefarbenes Handtuch.

»I’m Juk«, sagt er.

»Dankjewel«, radebreche ich auf niederländisch. Juk lacht.

»I’m Clemens.«

»Willst du einen Kaffee?«, fragt er mich.

Überrascht lasse ich das Handtuch sinken. »Du sprichst deutsch?«

»Natürlich«, grinst er, »aber nur mit niederländischem Akzent.«

»Na so was«, entgegne ich.

»Du kannst dich gern oben im Bad abtrocknen«, sagt Juk.

»Upstairs?«, frage ich, und wir beide lachen.

Ich folge ihm nach oben. Ich weiß, dass er weiß, dass ich ihn will – so wie er weiß, dass ich weiß, dass er mich will. Aber wir befinden uns nicht in den Cruising-Dünen der Insel. Was alles unnötig komplizierter macht – für mich zumindest.

Wobei, Kaffee ist auch nicht schlecht – zunächst zumindest.

Juk erhitzt Wasser in einem Kocher und brüht den Kaffee per Hand auf. »Das hat für mich etwas Rituelles«, erklärt er, und ich verfolge jede seiner Bewegungen. Die Räume hier oben sind gemütlich eingerichtet – bodenständig und hell, etwas maritim. Wider Erwarten ist nicht alles mit Antiquitäten vollgestopft.

»Das Badezimmer ist dort hinten«, sagt Juk lächelnd, »es ist, als ob du schmilzt!«

Ja, ich schmelze, I’m melting away on this holy day, und schnell schließe ich die Tür hinter mir, entledige mich meiner Kleider und trockne mich ab, rubbele meine Haare trocken.

»Du kannst gern duschen«, ruft Juk, aber ich beginne, meine Klamotten trocken zu föhnen. Mehr oder weniger vergeblich. Als ich sie wieder überstreife, pappen sie immer noch klamm an meiner Haut. Ich öffne das Badezimmerfenster, kann das Meer aber nicht sehen.

Als ich wieder zu Juk gehe, ist der Kaffee längst durch den Filter getröpfelt. Es riecht heimelig. »Kann ich dir etwas von mir zum Anziehen geben?«, fragt Juk.

»Es geht schon«, antworte ich. Die Klamotten eines anderen Menschen auf meiner Haut könnte ich nicht ertragen.

Spannend die Frage, wer den ersten Schritt tut. Als jeder von uns einen Pott mit dampfendem Kaffee in den Händen hält, wird es damit etwas komplizierter, obwohl wir schon so nah beieinander stehen. Verlegen puste ich auf meinen Kaffee, und sein Dampf weht zu Juk und verfliegt um seinen Mund. Er stellt seinen Pott auf einen kleinen Tisch aus Glas und setzt sich auf die Couch mit blau-weiß-gestreiftem Bezug.

»Setz dich«, sagt er und klopft neben sich.

Ich trinke vom Kaffee, verbrenne mir die Lippen und lasse mich ebenfalls auf der Couch nieder. So geborgen fühle ich mich in seiner Nähe, als habe er seinen Arm um mich gelegt.

III.

»Du machst hier aber nicht Urlaub«, stellt er fest. Seine Blicke streicheln meine Haut.

»Nein, ich bin spontan übergesetzt«, sage ich. »Ich habe eine echt lange Tour mit meiner Band hinter mir und musste einfach mal raus, ganz woandershin.«

»Und da kommst du nach Ameland.«

»Ich war früher schon mal hier.«

Juk nickt. Diese Antwort kennen die Einheimischen offenbar zu Genüge. Tausende von Kindern haben in den Lagern ihre Sommerferien verbracht und sind den Insulanern bestimmt gehörig auf den Wecker gegangen.

»Was spielst du in der Band?«, fragt er.

»Drums«, antworte ich, und merke erneut, wie unzufrieden ich mit dieser Antwort bin. Nicht zum ersten Mal, aber während der letzten Tour hat sich dieses Gefühl mit jedem Gig verstärkt. Die krasse Euphorie der früheren Jahre der Band ist längst verflogen. »Background Vocals«, ergänze ich.

Juk fragt nicht nach unserem Namen, und so erzähle ich nichts von der Tour, von unseren Hits, den Alben und dem ganzen anderen Scheiß.

»Wie ist es so, Schlagzeug zu spielen?«, will er stattdessen wissen.

»Wenn wir eine geile Show spielen, dann ist es pures Adrenalin. Es rauscht durch meine Adern, durch die Schlagstöcke ins Drumset und breitet sich mithilfe der Mikros im ganzen Publikum aus. Du spürst ihre Herzen mit deinem Rhythmus im Takt schlagen. Selbst die Mauern vibrieren. Für einen Moment kannst du fliegen, alles einfach raushauen. Bis das Lied zu Ende ist. Oder das Konzert, je nachdem. Es gibt immer einen Absturz.«

»Und wenn es nicht gut läuft?«

»Dann fühle ich mich auf der Bühne wie eine offene Wunde. Manchmal ist es beunruhigend, wie sie abgehen, durchdrehen, ihre Individualität komplett aufgeben. Na ja, ist vielleicht der Sinn eines Rockkonzerts. Ihre Reaktionen sind ja nur als Massenhysterie gefragt; anders kann es nicht zu einem Geben und Nehmen zwischen ihnen und uns kommen, klar. Trotzdem fühle ich mich manchmal, als säße ich vor einem alles verschlingenden Monster. Und dann schützt mein Schlagzeug mich vor dieser hirnlosen Masse.«

Der Sturm heult auf. Die Wolkenfront hat sich über Buren festgesetzt und greift an. Regenwasser spült die Fensterscheiben, als ob wir uns in einer Autowaschanlage befinden.

»Ein Konzert ohne Zuschauer ist ein Monolog, der nicht gehört wird«, rede ich weiter, denn Juk scheint wirklich interessiert. »Jeder würde es empört ablehnen, wenn man ihn als ferngesteuert oder uniform bezeichnen würde, vielleicht ist es auch unfair, dies zu tun, aber ich hinter meinem Schlagzeug, ich spüre, wie lenkbar sie sind und wie gern sie es sind. Abend für Abend. All der Schweiß und der Wahn, die verzerrten Gesichter, es ist so roh und kann echt bedrohlich werden. Wir auf der Bühne haben sie in unserer Hand. Jeder von ihnen will seine Individualität beweisen, aber alle sehen gleich aus. Uniform, wie gesagt.«

Juk nickt und legt seine Beine auf den Couchtisch. Ich schlucke, ohne vom Kaffee getrunken zu haben.

»Und du bist der Herzschlag nicht nur des Konzerts, sondern auch der Band«, sagt er.

Auf den Gedanken bin ich noch nie gekommen. Ein schönes Bild. Doch die Richtung, die das Gespräch nimmt, behagt mir nicht sonderlich. Nie mag ich etwas von mir preisgeben; im Gegenzug möchte ich auch nicht viel über Juk erfahren. Ich bin nur Online-Dates und One-Night-Stands gewöhnt. Offiziell geoutet bin ich nicht, unser Business ist da nicht sehr tolerant, gelinde gesagt, und nie habe ich das Bedürfnis gefühlt, darüber zu sprechen, schon gar nicht öffentlich. Nie hat jemand gefragt, weder von der Band, noch von den Reportern oder Fans. Als Schlagzeuger bin ich weniger interessant als die Frontleute, obendrein gelte ich auch innerhalb der Band und der Tour- und Studiocrews als Nerd. Wie dem auch sei, an Nähe bin ich nicht gewöhnt und würde auch jetzt am liebsten das Weite suchen.

Grell zerreißt ein Blitz den Himmel, als ob er gerade das nicht zulassen will. Er erinnert mich an dieses Drahtspiel, das es bei der sogenannten Lagerolympiade auf Ameland immer gegeben hat: Mit einer Metallschlaufe mussten wir an einem geladenen Draht entlang balancieren; berührten sich Draht und Schlaufe, blitzte es auf – und hatte man verloren, wurde man mit Wasserbomben beworfen, musste als Frau verkleidet einen Can-Can tanzen oder ein Gemisch aus Salz, Pfeffer und ordentlich Essig schlucken.

»Dein Magen knurrt«, sagt Juk und steht auf.

Sofort vermisse ich seine Nähe, dabei geht er nur zur offenen Küche am anderen Ende des Raums. Meine Augen fallen zu.

Keine Ahnung, wie lange ich insgesamt geschlafen habe. Einlass begehrend rütteln und heulen Windböen an Fensterläden und Türen. Immer wieder wache ich kurz auf, höre ungewohnte Geräusche, inhaliere unbekannte Düfte, vertraue der ruhigen Art von Juk, der, umhüllt vom Dampf aus Kochtöpfen und Pfanne, genau zu wissen scheint, was er tut. Bevor ich wieder einschlafe, sehe ich, wie er sich zu mir beugt und mich betrachtet. Schließlich lächelt. »Wir haben Zeit«, scheint dieses Lächeln zu sagen, »alle Zeit der Welt«. Als er mich mit einer sanften Berührung an der Schulter zum Essen weckt, bin ich mir unsicher, ob ich geträumt habe oder nicht.

Wir essen an seinem Naturholztisch. Es gibt Spaghetti Verdura und Salat. Juk hat Bier aufgetischt, Heineken, und mit dem ersten Schluck verspüre ich wieder jenes Gefühl der Freiheit, das ich bei meinem ersten Schluck Bier überhaupt zu spüren gemeint habe – hier auf Ameland, damals, nur wenige Meter von Juks Haus entfernt, auf der Terrasse des Hotel de Klok, ganz feierlich. Wir hatten uns alle dafür schick gemacht, das muss man sich mal vorstellen!

»Der erste Schluck Heineken löst bei mir immer einen Flashback aus«, sage ich und lache.

»Was siehst du?«, fragt Juk.

»Nicht viel. Nur Erinnerungskonfetti. Immer blitzt irgendwas Unbedeutendes auf, den ganzen Tag über. Skurril, ich bin wirklich einige Male hier gewesen.«

Juk wurde auf Ameland geboren, hat die Insel fürs Studium verlassen, einige Jahre auf dem Festland gearbeitet, ist dann aber der Liebe wegen wieder zurückgekommen, gemeinsam haben er und sein damaliger Partner Tjeerd den Antiquitäten-Laden eröffnet, inspiriert von einem Aufenthalt in L’Isle-sur-la-Sourge in der Provence, auch noch das Haus restauriert, aber dann, wie es so geschieht …

Eigentlich will ich all das gar nicht wissen.

Aber ich bade im Klang seiner Stimme.

Draußen ist es dunkel geworden und es dauert eine Weile, bis ich die Finsternis nicht nur dem Gewitter zuschreibe.

»Wann geht eigentlich die letzte Fähre?«, frage ich Juk.

Überrascht schaut er auf die Uhr. »Die ist schon weg«, erklärt er. »Du kannst hierbleiben. Natürlich nur, wenn du möchtest.«

Es ist das, was ich will, und dennoch fühle ich das Trommeln in mir immer stärker, getriebener, eingesperrter, und ich kann diesem Rhythmus nicht entfliehen.

Ich bin verrückt nach Juk, nach seinem riesigen Körper mit der schönen, gleichmäßigen Behaarung. Er ist nicht unstämmig, aber alles ist wohl proportioniert, liebens- und begehrenswert.

Schließlich gehen wir zu Bett, jeder auf eine Seite. Ich habe das Gefühl zu explodieren. Juk beginnt mich zu streicheln. Durch die Berührungen seiner Hände scheinen sich zwar beruhigende Kreise auf meinem ganzen Körper auszubreiten, aber es funzt nicht zwischen uns. Ich bin nur an flüchtige Dates gewöhnt, die danach nie stattgefunden zu haben scheinen. Juk meine ich bereits zu gut zu kennen. Was für ein absurdes Gefühl!

Keiner von uns ist übermäßig enttäuscht. Glaube ich.

Irgendwann löscht Juk das Licht.

Ich spüre seinen Atem und lausche dem Wind. Wie aufeinander losgehende Raubkatzen faucht er ums Haus und trägt meine Gedanken zum ehemaligen Ferienlager, nur wenige hundert Meter entfernt. Dort habe ich auf meinem Etagenbett mit dem roten Rahmen gelegen, den braun-weiß gemusterten Vorhang zur Seite geschoben, mich in die Nacht gesehnt. Ich fühlte mich geborgen auf dieser Insel, fern von meinem Leben, wünschte mir gar, eine Sturmflut möge den Rückweg ans Festland abschneiden. Ich wollte nicht zurück. Das Leben zu Hause verfügte über so wenig Poesie. Hier auf Ameland aber schien die Dunkelheit alles zu versprechen. Vor meinem Fenster rauschten die Bäume. Die Nächte atmeten freier.

Draußen heult der Wind immer verzweifelter, es stampft und rüttelt überall, ich meine, andere Menschen in Juks Haus zu hören, ja, zu spüren. Als seien die Gestalten aus ihren Bildern getreten, als habe das Kind die Firnisschicht durchbrochen, Petrus sich von seinem Kreuz befreit, immer noch von den Römern verfolgt, und der Totenkopf endlich die Früchte zu verspeisen begonnen. Juks Atemzüge hingegen werden immer ruhiger und ihr Vertrauen, das Heben und Senken unter seiner Decke, bewegt zu guter Letzt auch mich in tiefen Schlaf und wilde Träume.

Ich liege auf Juk und liebkose seinen Körper. Jede Zelle meines Körpers will jede Zelle seines Körpers spüren, wir sind erregt, vollkommen, und ich habe im Schlaf angefangen, Liebe zu machen – so ausgehungert bin ich in Wirklichkeit. Ich spüre seinen Blick in der Dunkelheit, werde verlegen und will das Ganze stoppen.

Doch Juk dirigiert mich sanft, aber bestimmt, und ich dringe in ihn ein.

Ich spüre seine großen Hände auf meinen Hüften, sie geben mir Sicherheit und feuern mich gleichzeitig an. Unmengen von Energien entladen sich, gewittrig über der Insel und zwischen uns, eng umschlungen liegen wir bei- und ineinander. Ich will mich wundern, weil ich doch sonst nur bei jüngeren Typen aktiv bin … aber dann fallen meine Augen zu und ich werde von Schlaf übermannt.

Juk hält mich, als sei ich seine ganze Welt.

IV.

Am Morgen peitscht der Regen immer noch gegen die Scheiben. Den Windböen ist es nicht gelungen, die Ziegel vom Dach zu lösen. Noch ist es dunkel, die Umrisse des Zimmers kann ich nur erahnen. Juks Atem streift meinen Hals entlang und sein Körper wärmt mich. Er ist bestimmt zwanzig Zentimeter größer als ich und birgt mich in sich, wie Löffelchen liegen wir da. Obwohl ich mich eingesperrt fühle, will ich mich andererseits nicht aus dieser Umklammerung lösen.

Irgendwann kribbelt es in meinem Fuß, und vorsichtig bewege ich meine Zehen. Sogleich spüre ich Juks Erregung, er ist wach und sein Atem geht schneller. Seine Küsse elektrisieren meinen Nacken, meine Schultern, und seine Hände streichen über die Innenseiten meiner Oberschenkel.

Ich stöhne auf und er murmelt: »Ich glaube, ich schulde dir noch was«, und will seinen Schwanz in mich schieben, eine Stellung, die ich nicht mag. Schnell drehe ich mich auf den Rücken. Er drückt mich in die Kissen, und ich vergesse alles.

Irgendwann ist es hell, und ich höre plätscherndes Wasser, halte es zunächst für Ameländer Regen, doch dann singt Juk unter der Dusche. Sein Bass tönt durchs ganze Haus, »Shine on you crazy diamond« singt er, immer nur diese Zeile.

Die Ereignisse der Nacht hallen in mir nach wie ein tief empfundener Traum. Aber ich habe mich auf meine Seite des Betts zurückgezogen, alles ist mir wieder zu innig, viel zu vertraut, zu eng, obwohl ich Juk ja kaum kenne, obwohl ich ihn mag und obwohl der Sex gigantisch gut war. Vielleicht ist es gerade das?

Ganz selten schlafe ich bei jemandem, versuche, bei meinen Dates immer auf neutrale Orte zu achten, von denen ich schnell verschwinden kann. Alles, was über den bloßen und flüchtigen Sex hinausgeht, kann ich nicht an mich ranlassen, ich ertrage es nicht, habe es noch nie gekonnt. Schon wenn ich gefragt werde: »Woher kommst du?«, verschließe ich mich wie eine Auster.

Juk verlässt das Badezimmer, nur ein blaues Handtuch um seine Hüften geschlungen. Er zögert, dann beugt er sich vor, wobei das Handtuch verrutscht, und gibt mir einen scheuen Kuss.

»Goedemorgen«, sagt er und schlingt das Tuch erneut um seine Hüften, »wilde Träume hast du gehabt!«

Er hat einen Badehosenstreifen. Und was für einen.

Als ich nach einer heißen Dusche aus dem Bad komme, duftet es nach Kaffee. Ich setze mich zu Juk an den Tisch.

»Heute musst du wohl noch hierbleiben«, sagt er und blickt mich mit seinen braunen Augen an.

»Wieso?«, frage ich.

»Sturm«, erklärt er und zuckt lakonisch mit den Schultern.

»Keine Fähre ans Festland«, ergänze ich mehr, als dass ich frage.

»Nope!«

Er blickt mich unverwandt an. Seine Freude rührt mich.

»Es tut mir leid, ich wollte dir keinen Schock versetzen«, grinst er.

»Ich möchte zum Strand«, sage ich.

Juk zieht seine Augenbrauen hoch.

»Ist das zu gefährlich?«, frage ich.

»Ich denke nicht. Aber ich werde dich begleiten. Den Laden brauche ich heute gar nicht erst zu öffnen.«

Als wir später durch den Verkaufsraum gehen, fällt mir eine große Holzkiste auf, die ich gestern nicht bemerkt habe.

»Die ist gestern kurz vor dir eingetroffen, ein Teilnachlass aus Amsterdam«, erklärt Juk. »Wenn ein prominenter Musiker zu Besuch ist, muss das Tagesgeschäft eben zurückstehen.«

Ich will auf seinen neckenden Ton eingehen, ihm einen Kuss geben und durch die Haare wuscheln, aber er hat sich eine Mütze aufgesetzt. Mit seinem Jeep fahren wir zum Strand. Der Wind rüttelt uns ordentlich durch.

»Wie kommst du an einen Nachlass aus Amsterdam?«, frage ich.

»Ich fahre öfter dorthin oder nach Den Haag, um für meinen Laden einzukaufen«, antwortet Juk. »Entweder besuche ich Versteigerungen oder mache Geschäfte mit anderen Händlern. Manchmal gehe ich auch zu einer Wohnungsauflösung, und bei dieser habe ich richtig Glück gehabt, zumindest auf den ersten Blick. Ich musste schnell zugreifen und habe gar nicht alles so genau angeschaut. Aber ich glaube, es hat sich gelohnt.«

»Sind das alles Neubauten?«, frage ich, und zeige auf die in die Dünen gepflanzten Ferienhäuser. Früher war ihr sandiges Grün unberührt.

»Ja, leider. Es gibt neue Hotels, Feriendörfer, Urlaubsparks, Campingplätze, alles, was das Herz im Grunde nicht begehrt. Jeden Sommer ist hier die Hölle los, aber sie nennen es Erholung. Dabei ist es Massenmenschhaltung pur«, grinst Juk und lenkt den Wagen auf einen kleinen Parkplatz. Das ihn überragende Strandhotel scheint verlassen, und an den vielen Fahrradständern aus Holz lehnt nur ein vergessenes, längst verrostetes Radgestell ohne Sattel, Reifen und Lenker.

Als ich aussteige, reißt mir der Wind die Autotür aus der Hand. Vornübergebeugt durchqueren wir die sich öffnenden Dünen, hinter denen uns fauchend und tobend und schäumend das Meer empfängt. Mit zusammengekniffenen Augen stampfen wir ihm entgegen. Wieder blitzt eine Erinnerung in mir auf: Weiß der Sand, blau das Meer, Ameländer Glitzern überall. Mein damaliger Impuls, bis zum Horizont zu laufen.

Heute hat die wütende Flut viel vom Strand der Insel verschluckt. Kein Blau ist zu sehen und kein Weiß, kein Wiedersehen mit einer irgendwie noch existenten Vergangenheit.

Das Meer freilich akzeptiert kein Verschleiern des Gewesenen. Aufbrüllend drückt es mit jeder Welle Erinnerungen an Land; die ganze Insel scheint von ihnen umspült. Um die Geschichten des Wassers nicht hören zu müssen, hat sich meine Seele vor vielen Jahren wie eine Krabbe im Sand eingegraben. Ich habe mich mit meinem Leben unter Sand arrangiert und existiere dort seit Jahrzehnten. Dabei könnte ausschließlich ich die Erzählungen der Wellen verstehen.

Wie komme ich auf solche Gedanken?

In mir beginnt es wieder zu trommeln, unerbittlich, unter der Schädeldecke, unter den Schulterblättern, in den Kniekehlen und überall. Juk hält sich nah bei mir.

»Das Strandhuys hat es damals noch nicht gegeben«, brülle ich, und zeige auf einen auf Pfählen errichteten Pavillon.

»In den Dünen sind wir etwas geschützter«, gestikuliert Juk.

Als wir den Kamm der ersten Dünen erkraxelt haben, reißen die Naturgewalten mich mit, ich fange an zu rennen, die Dünen rauf und runter, in Kurven entlang auf ihren Kämmen. Unter mir rieselt Sand, ganze Brocken brechen weg, auch der Wind bringt mich zu Fall. In mir trommelt es immer lauter. Unerbittlich der Rhythmus. Ich stehe wieder auf, stolpere durch noch mehr Sand, Sand, Sand. Der Sturm heult, das Meer braust, ich will jede Düne bezwingen, und das Meer soll an seinen verfluchten Geschichten ertrinken. Außer Atem stehe ich irgendwann auf der allerhöchsten Düne und fühle mich klein.

Trotzdem habe ich sie bezwungen.

Der Wind zerrt an mir.

Ich breite die Arme aus.

Das Trommeln in mir verstummt und es dauert einen Moment, bis ich es bemerke. Mein Herz aber pocht hart und schnell. Von der Gewalt der Natur fühle ich mich seltsam benommen, Ahnungen lähmen mich. Irgendwo hier ist irgendwas.

Juk kann ich nirgendwo sehen.

Doch, da ist er: Er hat die Dünen verlassen und läuft über den schmalen Strandstreifen auf den Saum des Meeres zu. Er bleibt stehen und schaut, die Hände in den Taschen vergraben. Fluchartig, als wolle er von ihm Besitz ergreifen, zieht der Sand in windigen Schlieren ohne Anfang und Ende um seine Beine herum. Wasser ist im Sand, Sand ist in der Luft und Luft ist im Wasser, alles uferlos. Jedwede Spuren werden getilgt.

Ich beginne, die riesige Düne herabzusteigen, stolpere, stürze, schlage erstaunlich sanft auf, kugele weiter, erhebe mich halb, springe, alles ist weich, tut nicht weh und ich lache die ganze Zeit über, kann nicht aufhören. Ein letzter Stolperer und erschöpft bleibe ich unten liegen.

Ich schütze mein Gesicht vor dem peitschenden Sand und fühle mich seltsam geborgen, obwohl ich es überhaupt nicht bin. Juk ist am Saum der See stehengeblieben und dreht sich zu mir um. Auf einmal ist er nahe bei mir. Er legt seine Hand auf meine Schulter, sagt »Komm« direkt in mein Ohr und hilft mir hoch. Zieht mich zum Meer.

»Wir gehen schwimmen«, ruft er.

Ich traue meinen Ohren nicht. Die Gischt spritzt hoch und die Wellen wüten in langen Reihen schaumgekrönt an Land. Schon beginnt Juk sich zu entkleiden. Und auf einmal fühle ich in mir eine Freude, die ich so nur in meiner Jugend gespürt habe: innerlich aufjuchzende Meereseuphorie.

Ich winde mich aus meinen Klamotten. Ungeschützt sind wir der Kälte ausgesetzt. Sie nimmt mir den Atem, doch Juk ergreift meine Hand, und wir rennen los, mit dem Wind, so schnell, dass es unmöglich ist, einen klaren Gedanken zu fassen. Mit Millionen eisiger Stiche greifen uns die Wellen an, Wasser spritzt hoch, wir rennen weiter, bis unser Lauf erbarmungslos gestoppt wird und wir nichts tun können, als uns fallen zu lassen. Schnell tauchen wir wieder auf, schauen uns an, als könnten wir nicht glauben, was wir getan haben oder dass wir so etwas überhaupt tun. Alles in mir ist noch starr. Das Wasser rinnt unsere Körper herab und Juk wischt sich die Augen. Dann lässt er sich mit spitzbübischem Grinsen zurückfallen, und ich tue es ihm gleich. Die Kälte knallt Leben in jede meiner Zellen. Auch ich tauche extra nochmal unter.

Dann rennen wir zurück an den Strand.

»Schnell in die Klamotten«, ruft Juk, und zieht sich T-Shirt und Pullover über den Kopf. Sein Schwanz ist merklich geschrumpft. Meiner auch. Wir bemerken es gleichzeitig und lachen darüber. Ich bücke mich, um in meine Unterhose zu schlüpfen. Juk hält in seinen Bewegungen inne.

»Wie schön du bist«, sagt er.

Meine Zähne klappern so stark, dass ich keine Antwort geben kann. Schnell kleiden wir uns an, laufen auf der Stelle, hüpfen Hampelmänner, rennen zurück zum Auto, so voll Leben und Spüren, voll Freude an alledem. Unsere Gesichter sind krebsrot. Juk startet den Wagen und stellt die Heizung auf die höchstmögliche Stufe. Dann wendet er sich zu mir und zeigt mir eine Muschel. »Ich habe sie am Strand gefunden.«

Er hält sie an mein Ohr. Unvermittelt lausche ich der Melodie meines inneren Meeres. Sie klingt komplett anders als die Geschichten der Nordsee hinter den Dünen. Wie schön müsste es sein, auch eine innere Insel zu haben, denke ich. Schweigend fahren wir nach Buren zurück, und ich halte die Muschel an mein Ohr wie ein Handy. Das Rauschen ist stärker als das Trommeln in mir.

Zumindest für den Moment.

V.

»Was war das mit dir und den Dünen?«, fragt Juk, als wir wieder in seiner Oudheidkamer sind. Er hat Kaffee gekocht und Waffeln gebacken. Der Teig hat sich in lauter kleine Herzen ergossen, und golden gebacken ergeben sie eine wunderschöne Blüte.

Herzen sollte man nicht auseinanderzureißen, denke ich und tue es dennoch.

Immer noch sieht Juk mich fragend an und der Kaffeepot verschwindet in seinen großen Händen mit den schwarzen Haaren auf ihren Rücken.

Ich stocke. Ich habe keine Ahnung.

»Ich habe keine Ahnung«, antworte ich schließlich.

»Aber es ist etwas passiert?«

»Ich stand dort oben und witterte Freiheit. Oder zumindest ein Vorgefühl davon. Die Möglichkeit von Freiheit. Die Band geht mir so auf den Zeiger. All die Streitereien, die Egos, die Verpflichtungen. Jegliche Kreativität ist flöten gegangen, alles wird nur noch kommerziellen Gesichtspunkten untergeordnet, es ist alles so eng und langweilig.«

»Schreibst du selber?«, fragt Juk. Er erhebt sich und gießt wieder Teig ins aufgeklappte Waffeleisen.

»Nein, schon lange nicht mehr. Zu Beginn haben wir gleichberechtigt an den Songs gearbeitet. Jeder konnte eigene Ideen einbringen und die Vibes zwischen uns waren echt nur gut. Doch dann kam der Erfolg, unsere Platten liefen auf Heavy Rotation, und es wurde eine Frage des Geldes, wer wieviele Songs auf einem Album unterbringen darf. In jeder Band gibt es unterschiedliche Gewichtungen und Befindlichkeiten, das ist oft sehr fragil, und bei uns wurden sowohl der Schlagzeuger als auch der Bassist immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Die Frontleute bekommen natürlich auch von den Fans die meiste Aufmerksamkeit.«

Wir schweigen. Das Licht des Waffeleisens wechselt mit einem Pling von rot auf grün.

»Da müssen sich ja eine Menge Songs in dir angesammelt haben«, stellt Juk fest, aber ich zucke nur mit den Schultern.

»Willst du Poedersuiker?«, fragt er, holt eine Dose aus dem Vorratsschrank der offenen Küche, streut Puderzucker auf die frische Waffel, rollt sie zusammen und beißt hinein. Weiß rieselt es in seinen Bart, sogar auf seine Brust, und am liebsten würde ich die schneeartigen Flocken aus seiner Behaarung küssen. »Heerlijk op poffertjes en pannekoeken« steht auf der Dose – en op Juk, ergänze ich innerlich, stehe auf und tue es einfach. Juk schaut überrascht, als ich mich an seinem Bart und seiner Brust zu schaffen mache und murmele: »Ja, ich will Poedersuiker.« Ich küsse ihn, er küsst mich, und wäre es nicht kitschig, würde ich sagen, unsere Küsse schmecken ein wenig nach Puderzucker. Aber sie tun es. Auch was an Juk nicht nach Poedersuiker schmeckt, ist richtig »lekker«. Überall möchte ich ihn berühren. Er stöhnt leise. Seine Eichel sucht meinen Mund.

Als er fertig ist, schaue ich durchs Fenster in den Garten vor dem Haus. Mehrere Walknochen stehen dort in einer kaum zu erahnenden Reihe, die Überreste eines einst beeindruckenden Zauns. Um die Wiese herum sind monumentale Hortensien verblüht. In den Kronen der Bäume, die Juks Garten und den Dorfplatz begrenzen, sitzen Raben wie überfette Knospen und stemmen sich dem Wind in erstaunlich synchroner Formation entgegen. Auf dem kleinen Platz steht die Statue einer gebeugten, alten Frau. Sie hält eine Laterne in der Hand.

Juk verschließt die Knöpfe seiner Jeans, seufzt und meint, er müsse sich jetzt um die Lieferung kümmern, endlich auspacken.

»Ich hoffe, ich bin nicht allzu unromantisch. Brauchst du noch etwas?«, fragt er.

»Nein«, sage ich, lecke mir den linken Mundwinkel und zwinkere ihm zu. Wir beide lächeln, nehmen unsere Kaffeebecher und gehen nach unten. Mit einem Teppichmesser beginnt Juk, Schnüre der fast mannshohen Kiste aufzusäbeln. Das Kind hinter dem Firnis und der gekreuzigte Petrus scheinen uns interessiert zuzuschauen, nur der Totenschädel auf seinem Barocktischchen wirkt überaus gelangweilt.

»Was hat es mit dieser Hexe auf sich?«, frage ich, und mache eine etwas unbestimmte Handbewegung in Richtung Fenster.

»Hexe? Ach, auf dem Dorfplatz?«, fragt Juk.

»Genau.«

»Das ist nicht wirklich eine Hexe«, erklärt Juk, während er die die Kiste auf routinierte Weise von den zerschnittenen Schnüren befreit, »sondern die Ritskemooi.«

»Ach ja. Ich kann mich an so wenig erinnern, es ist in der Tat wie verhext«, sage ich und nehme ihm einige Schnüre ab.

»Mit falschem Licht soll sie am Strand den Seemännern einen sicheren Hafen vorgetäuscht haben. Ein Schiff kenterte, und noch in der Nacht sammelte sie ihre Beute ein. Einem Seemann zog sie den Ring vom Finger und erkannte erst da ihren eigenen Sohn. Seitdem soll sie in den Oerder Dünen spuken. Wenn man nachts ganz konzentriert hinhört, dann erkennt man ihr Rufen.«

Ich bin erstaunt darüber, wie viele Schnüre um das Paket gewunden sind, wie sicher alles verpackt worden ist.

Instinktiv trommele ich bongomäßig auf dem Holz herum.

»Gutes Rhythmusgefühl«, grinst Juk.

Ich grinse auch: »Nicht nur dabei.«

»Ich weiß«, sagt er.

Ich werde ein bisschen rot. Juk ebenso. Was uns irgendwie ehrt.

»Das Auspacken«, murmelt er, »ist immer eine Schatzsuche für sich.« Alle möglichen Werkzeuge muss er einsetzen, um Schrauben zu lockern, Klammern zu stemmen, weitere Schnüre zu lösen.

»Das Ding war so schwer, ich musste den Boten ein ordentliches Trinkgeld geben«, seufzt er und lässt den Akkuschrauber aufheulen.

»Unser Lagerleiter hat auf der Mauer neben der Ritskemooi einmal mit einem Mädchen geknutscht«, fällt mir ein. »Einige der Betreuer haben ihn dabei gefilmt. Das Mädchen selbst gehörte aber noch zu den zu Betreuenden.«

Juk blickt auf: »Ist nicht dein Ernst!«

»Doch, doch. Jetzt fällt mir alles wieder ein: Eigentlich hat er zu Hause eine Freundin gehabt, aber hier ging alles mit ihm durch. Sie war vierzehn oder fünfzehn, übersät mit Knutschflecken und hat in den zwei Wochen auf der Insel ziemlich vielen Typen den Kopf verdreht.«

»Und er war der Leiter des Lagers?«

»Es war sein erstes Jahr als Lagerleiter. Moritz hieß er. Ziemlich selbstverliebter Typ. Schon vorher hatte er darüber philosophiert, dieses Jahr würde auf Ameland alles anders werden als vorher. Ohne Druck in einer vertrauensvollen Atmosphäre neue Erfahrungen sammeln können und so weiter. Heute schrillen bei solchen Formulierungen natürlich die Alarmglocken, aber damals ist das niemandem aufgefallen.«

»Was passierte dann?«

»Dort auf der kleinen Mauer saßen sie und knutschten und fummelten und bemerkten nicht, dass sie von einer Videokamera gefilmt wurden. Eine Videokamera, stell dir vor, damals gab es noch keine Handys, nicht einmal Digitalkameras. Zurück im Lager wurde Moritz der Film gleich vorgespielt, im Betreuerzimmer. Da durfte das Mädel ja nicht mal rein. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.«

»Kann ich mir denken«, murmelt Juk undeutlich, denn er hat sich einige Nägel zwischen seine schönen, seine wunderschönen Lippen geklemmt.

»Ihm war es in keiner Weise peinlich, mit einer Schutzbefohlenen und Minderjährigen rumgefummelt zu haben, nein, das einzige, was er sagte, war: ›Leute, ihr wisst schon, dass ihr meine Beziehung zerstört habt‹.«

»Nein!«

»Doch! Die haben seine Beziehung zerstört, nicht er.«

Ameländer Erinnerungen überspülen mich im Rhythmus der nicht verstummenden Meereswellen; immer mehr Erzählungen schäumen auf, werden an mein inneres Land geschwemmt, überspülen mich und ballen sich in meinem Unterbewusstsein, so eindringlich, dass die Lücke zwischen den Jahren nicht mehr zu existieren scheint. Mich überkommt das eigenartige Gefühl, in all der Zeit dazwischen kaum gelebt zu haben. Mein Herz ist noch so hungrig wie damals, als ich nichts von diesem Hunger wusste, ihn aber spürte, tief in mir.

»Dass er eine Minderjährige befummelte, wurde überhaupt nie thematisiert«, erzähle ich. »Niemand hat dagegen protestiert, denn sonst hätte man im Verdacht der Spießigkeit gestanden. Aber wehe, es wurde auch nur vermutet, du könntest schwul sein! Da wurden ganz andere Geschütze aufgefahren.«

Juk hält eine Zange in der Hand, zieht die Nägel zwischen seinen Lippen hervor und drückt mir einen Kuss auf den Mund.

Mit einigem Kraftaufwand stemmt er die Kiste auf, zieht eine Liste heraus, wirft kurz einen Blick darauf und beginnt behutsam, allerlei Gegenstände ans Tageslicht zu befördern. Von Luftpolsterfolie umschlungene Gemälde, fünf oder sechs an der Zahl, alte Bücher in einem Archivkarton, außerdem Kerzenlüster und kleinere Skulpturen in Schutzverpackungen, alles nummeriert. Jeden noch verpackten Kunstgegenstand gleicht Juk mit den Nummerierungen auf der Liste ab.

»Stammt das alles aus diesem Amsterdamer Haushalt?«, frage ich.

Juk nickt.

»Nicht viel, was von einem Menschen bleibt?«

»Nichts bleibt außer der Kunst.«

»Ja«, sage ich. Seltsamerweise berühren mich die Kunstgegenstände, selbst in ihrem verpackten Zustand. Verteilt stehen und lehnen sie im Halbkreis um uns herum.

Das, was der Wind nicht geschafft hat, passiert nun: Ich verliere die Kraft, zu stehen. Muss mich setzen.

Sofort ist Juk bei mir.

»Alles okay?«

»Ja, bin total fit!«

Er holt mir ein Glas Wasser.

»Warum berührt dich das so?«

Ich trinke gierig.

»Einer meiner Freunde, mit dem ich damals viel Musik gemacht habe, ist echt so eine Art Zäpfchen von Moritz geworden, von wegen ausgezeichnete und persönliche Stütze des Lagerleiters und so weiter. Benni, so hieß oder vielmehr heißt er, hat sich instrumentalisieren lassen und immer gemeint, zwischen ihm und Moritz seien es Gespräche auf gleicher Augenhöhe.«

»Hattest du was mit ihm?«

»Mit Benni? Um Gottes willen, nein! Ich denke, er ist auch schwul, aber damals wussten wir wirklich überhaupt nicht, was das ist und wie das geht und so weiter. Es gab keine Vorbilder, nur Aids.«

»Eine schlimme Zeit!«

»Benni brauchte immer jemand anderen als vermeintliche Bestätigung. Lange hat er sich als verkanntes Musikgenie gefühlt, aber heute würde ich sagen, er hatte kaum Talent.«

»Warst du eifersüchtig, weil er sich an den Lagerleiter rangewanzt hat?«

»Nein, ich –«

Abrupt breche ich ab.

Juk wartet.

»Da ist irgendwas, aber ich kann nicht darüber sprechen, weil ich nicht mal klar darüber denken, nichts sehen kann, einfach keine Bilder im Kopf habe. Es war immer da, aber ich habe erst vorhin am Strand gemerkt, dass dem so ist. Diese Insel ist umhüllt von meiner Jugend.«

VI.

»Hilfst du mir beim Auspacken?«, fragt Juk.

Ich wickele eine kleine Figur aus, ein Herkules von Farnese kommt zum Vorschein.

»Dann und wann geben die Sammlungen durchaus etwas über ihre Vorbesitzer preis«, sagt Juk mit scheinbar undurchdringlicher Miene und hält mir die Statue eines ebenfalls unbekleideten Merkur entgegen. Einige Staubflocken rieseln auf verträumte Weise zu Boden. Dann befreien wir die Bilder aus ihren Schutzverpackungen. Ein großformatiges Aquarell kommt zum Vorschein: Vier Fischer, teilweise mit freiem Oberkörper, um ein Boot gruppiert. Ihre Gesichter erinnern an Primaten. Unleserlich signiert. Die Rötelzeichnung einer Ignudi-Kopie nach Michelangelo und blühende Frühlingsbäume von Hans Greilinger, wie Juk anhand der Signatur abliest. Abschätzend betrachtet er einen mit Ölfarben gemalten Ausbruch des Vesuv in einer nächtlichen Ansicht vom Hafen Neapels, leider unsigniert. »Das müsste in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden sein«, stellt Juk mit zusammengekniffenen Augen fest.

Als Letztes ziehe ich einen vergoldeten Rahmen hervor. Da uns das Gemälde zunächst nur seine Rückseite zuwendet, drehe ich es um. Sofort verändert sich die Atmosphäre in Juks Laden, als beende das Weiterrücken der Erde eine Sonnenfinsternis.

Ein schöner, wunderschöner junger Mann ist auf dem Gemälde abgebildet, in transzendentes Licht gehüllt. Etwas aufgewühlt seine dunklen Haare, doch ruht ihre Brandung sanft am Strand seiner bronzenen Schultern. Sein Oberkörper ist unbekleidet, jeder schlanke Muskel in seiner Bewegung meisterhaft eingefangen. Das Licht einer Kerze tanzt auf ihnen. Er hält diese kleine Kerze in seiner rechten Hand, schirmt deren Flamme gleichzeitig mit Fingern derselben Hand ab – wie ist das möglich?, und allein die Licht- und Schattenspiele sind so vollkommen ausgeführt, dass es mir den Atem verschlägt. Seine schmalen Hüften sind von einem weißen Tuch umschlungen, das mehr enthüllt, als es verbergen kann.

Vor allem bannt mich der Blick des Mannes: So lebendig scheinen seine Augen aufzuleuchten; es wirkt, als konzentrierten sich seine Pupillen darauf, meinen Anblick zu erfassen. Dieser Blick trifft mich ins Herz. In seinen Augen schimmert ewiges Geheimnis. Ich schaue zurück, und sogleich liegen Erkennen oder Wissen in seinen Zügen. Er erwidert meine Regungen und seine Regungen erreichen mich. Wie kann das sein?

Ich erblicke ihn auf eine Weise, die viel mehr als Augen zu sehen vermag. All das, was sein Anblick mit mir macht, strömt in mich, erfasst mein ganzes Wesen, all das, was ich einmal war und all das, was ich irgendwann sein werde. Und den, der ich jetzt gerade bin.

Der Mann entflieht den engen Beschränkungen des goldenen Rahmens, bevölkert meine inneren Räume, verbindet mich mit dem Zauber und lebendiger Kraft, und ich meine, als meine Blicke das ganze Gemälde erkunden, die Ahnungen meiner Wünsche in einem gemalten Bilderrahmen im Hintergrund des Gemäldes zu wissen, der zum Spiegel meines eigenen Ich wird, oder es immer schon war.

Erneut schaue ich in die Augen des Mannes, und ich sehe mich. Die Grenzen zwischen uns lösen sich auf. Alles ist durchtönt von seinem Klang.

Seine linke Hand streckt er mir, dem Betrachter, entgegen, und aus dieser Bewegung entwickelt sich für den Schauenden ein Sog: Man will ihm folgen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Nur eines ist klar: Sie geht in mein Inneres. Ich sehe ihn an und tief in mir höre ich sein Rufen. Nichts anderes existiert. Er weckt meine Sehnsucht, aber wonach?