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Viele Zukunftsszenarien jagen uns Angst ein: Was wäre, wenn ein Atomkrieg ausbräche, die Fische ausstürben oder es kein Öl mehr in Saudi-Arabien gäbe? Und auch positive Gedankenspiele können uns verunsichern: Was wäre, wenn jeder Mensch unsterblich wäre oder es keine Schlachthöfe mehr gäbe? Mike Pearl liefert das beste Rezept gegen unsere Angst: detailliertes Wissen. Er nimmt zahlreiche mögliche Ereignisse unter die Lupe und zeigt mit Hilfe von Experten, was in solchen Fällen passieren würde. Dabei wird klar: Die meisten Szenarien sind bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so beängstigend. Und: Die Zukunft ist besser als ihr Ruf!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover & Impressum
Einleitung
Kapitel 1 Was wirklich passiert, wenn Großbritannien die Monarchie abschafft
Kapitel 2 Was wirklich passiert, wenn ein Technologiemilliardär die Weltherrschaft übernimmt
Kapitel 3 Was wirklich passiert, wenn bei Olympia Doping erlaubt wird
Kapitel 4 Was wirklich passiert, wenn die Menschen unsterblich werden
Kapitel 5 Was wirklich passiert, wenn jeder einen anderen Menschen perfekt imitieren kann
Kapitel 6 Was wirklich passiert, wenn das letzte vom Menschen zu steuernde Auto vom Band läuft
Kapitel 7 Was wirklich passiert, wenn Saudi-Arabien das letzte Fass Erdöl aus dem Boden pumpt
Kapitel 8 Was wirklich passiert, wenn der erste echte Jurassic Park eröffnet wird
Kapitel 9 Was wirklich passiert, wenn Antibiotika nicht mehr wirken
Kapitel 10 Was wirklich passiert, wenn der letzte Fisch im Meer stirbt
Kapitel 11 Was wirklich passiert, wenn in den USA privater Waffen-besitzvollständig verboten wird
Kapitel 12 Was wirklich passiert, wenn Atombomben uns alle töten
Kapitel 13 Was wirklich passiert, wenn ein Baby auf dem Mond geboren wird
Kapitel 14 Was wirklich passiert, wenn das Internet zusammenbricht
Kapitel 15 Was wirklich passiert, wenn das letzte Schlachthaus geschlossen wird
Kapitel 16 Was wirklich passiert, wenn die Menschen ein bestätigtes Signal von intelligenten Außerirdischen erhalten
Kapitel 17 Was wirklich passiert, wenn der nächste Supervulkan ausbricht
Kapitel 18 Was wirklich passiert, wenn der letzte Sklave freigelassen wird
Kapitel 19 Was wirklich passiert, wenn der letzte Friedhof voll belegt ist
Epilog
Danksagung
Anmerkungen
Wenn Sie sich zu jenen informierten Zeitgenossen zählen, die sich über die Zukunft unserer angeblich von Falschmeldungen und Halbwahrheiten heimgesuchten Welt Gedanken machen, wird Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt sein, dass Experten, die sich als Prognostiker betätigen, oftmals einen sehr schlechten Ruf genießen. Diese Experten haben anscheinend von nichts eine Ahnung.
Diese kritische Sicht lässt sich auch durchaus mit Daten stützen. Für sein Buch Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose, das der Psychologe Philip E. Tetlock zusammen mit dem Journalisten Dan Gardner schrieb, wertete Tetlock eine große Menge von Daten über Prognosen aus und gelangte zu der Feststellung, dass statistisch gesehen »der durchschnittliche Experte ungefähr ebenso treffsicher ist wie ein Schimpanse, der Dart-Pfeile wirft«. Aber dennoch sind Menschen, die bestimmte Ereignisse vorhersagen, nicht allesamt Dummköpfe und Idioten. Tetlock und Gardner haben auch herausgefunden, dass es Leute gibt, die ein Gespür haben für künftige Entwicklungen, und diese Menschen haben sie in ihrem Buch vorgestellt. Folgende Erkenntnisse haben die beiden Autoren dabei gewonnen: Wenn man zukünftige Ereignisse betreffende Vorhersagen machen will, muss man sie auf harte Daten gründen, und diese Daten sollten vollständig frei sein von Vermutungen oder Vorannahmen. Man sollte mit Wahrscheinlichkeiten operieren – niemals mit Gewissheiten – und einen klaren Zeitrahmen anbieten.
Wenn man zum Beispiel in ähnlicher Weise wie der legendäre Physiker Enrico Fermi vorgehen will, kann man scheinbar übernatürlich wirkende Ableitungen aus Informationen vornehmen, über die man gar nicht verfügt, indem man feststellt, welche Daten am einfachsten zugänglich sind, und diese dann extrapoliert. In seinem berühmten Experiment, in dem es um die Zahl der Klavierstimmer in Chicago ging, bat Fermi seine Studenten, die Zahl der Klavierstimmer (der Menschen, nicht der Gabeln) durch schlichte Zahlenrechnungen möglichst genau abzuschätzen. Wir kennen die Bevölkerungszahl von Chicago, und wir wissen, wie ein Klavierstimmer arbeitet und wie lange er für ein Klavier braucht. Dann berechnen wir annäherungsweise, wie viele Klaviere es in Chicago gibt. Wenn wir alle diese Zahlen und Daten in unsere Kalkulationen einbeziehen, haben wir eine wesentlich größere Chance, ein einigermaßen genaues Ergebnis zu erhalten, als durch reines Raten. Das ist ein cooler Trick, er funktioniert aber nur, wenn der Gegenstand, den wir untersuchen, schon hinreichend untersucht worden ist.
Ich bin weder Statistiker noch Physiker. Tatsächlich bin ich sogar ziemlich schlecht in Mathematik, aber dennoch erstelle ich Zukunftsprognosen und habe daraus sogar einen Beruf gemacht. Ich gehe nur ein bisschen anders an die Sache heran, denn meine Hauptqualifikation für diese Tätigkeit ist eine lähmende Angst vor Dingen, die möglicherweise geschehen werden.
Meine Befürchtungen entstehen aus einer Angststörung – einer weitverbreiteten psychischen Krankheit. Das ist ein zweifelhafter Segen für jemanden, der als erklärender Journalist tätig ist: Sie füllt meinen Kopf mit Ideen, aber ich hasse diese Ideen. Dies mag etwas komisch erscheinen, gewissermaßen wie eine Marotte, die auch Woody Allen pflegen könnte, aber wer schon einmal eine wochenlange Phase von Panikattacken erlebt hat oder Angst hatte, die Augen zu schließen, weil der Schlaf schreckliche, grauenhafte Albträume bringt, der weiß, dass Angst etwas wesentlich Schlimmeres sein kann als beispielsweise die Neurosen oder das Lampenfieber von Stand-up-Comedians. Ich bin hyperwachsam. Ich bin leicht zu erschrecken (der Gag mit der Katze im Fenster taucht nahezu in jedem Horrorfilm auf, aber jedes Mal gehe ich ihm wieder auf den Leim). Ich bin nervös. Ich suche meine Umgebung ständig nach Fluchtmöglichkeiten ab.
Im Zuge einer »Bewältigungsstrategie«, wie Sie es vielleicht nennen mögen, habe ich begonnen, für die Zeitschrift Vice die Kolumne »How Scared Should I Be?« zu schreiben, in der ich den rationalen Gründen für meine Ängste nachzuspüren versuche. Über Dinge zu schreiben, die mir Angst machen – Terrorismus, Pitbulls, Erstickungsanfälle und die Gefahr, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen –, war eine riesige Erleichterung für mich. Diese Erfahrung inspirierte mich zu meiner Serie über Vorhersagen der Veränderungen durch den Klimawandel, die unter dem Titel »Year 2050« erschien, und zu meiner hypothetischen Kriegsserie »Hours and Minutes«. Bei diesen Artikeln handelte es sich nicht lediglich um Therapieversuche, durch sie erfuhr ich auch, dass Millionen Menschen meine Ängste teilen. Zeitweilig empfand ich deswegen ein gewisses Schuldgefühl: Ist es in Ordnung, die Ängste der Menschen auszunutzen, um Klicks zu erzielen?, überlegte ich. Aber dann wies mich meine Freundin (meine treueste Leserin) darauf hin, dass es ungemein befreiend sein kann, vielleicht sogar tröstlich, über ein Angst machendes Thema nähere Informationen zu besitzen und Einzelheiten zu kennen.
Natürlich musste ich nach einer gründlichen Überprüfung der Fakten mir selbst und den Lesern von Vice die Botschaft nahebringen, dass wir nicht genügend Angst haben. Ein Beispiel: Das Thema »Niemals in Ruhestand gehen können« habe ich ganz oben auf meiner Angstskala angesiedelt, weil ich nach eingehender Beschäftigung mit diesem Thema zu der Einschätzung gelangte, dass meine Alterskollegen davor wesentlich mehr Angst haben sollten, als es tatsächlich der Fall ist. Also, es stimmt: Laut Definition bin ich ein Angsthase und Angstmacher.
Aber ich betrachte dies unter dem Strich als positiv. Schließlich haben wir im Zuge der Evolution gelernt, Angst zu entwickeln, weil sie uns vor Gefahren und Bedrohungen schützt. Vielleicht hat die Evolution uns, den Bewohnern der modernen Welt, nicht beigebracht, unsere Ängste gerecht zu verteilen, aber mit ein wenig Recherche können wir die notwendigen Anpassungen vornehmen. Ich finde es beruhigend, zu wissen, dass manche Dinge, die beängstigend erscheinen, auch tatsächlich beängstigend sind. Das gibt mir das Gefühl, dass mit mir alles in Ordnung ist.
Eines möchte ich jedoch klarstellen: Dies ist kein Selbsthilfebuch, und ich werde Ihnen auch keine Ratschläge geben, wie Sie sich vor der Angst schützen können, indem Sie einem von mir entwickelten Schritt-für-Schritt-Plan folgen. Gleichwohl glaube ich, dass es hilfreich ist, sich auf eine vernünftige, faktenbasierte Weise mögliche zukünftige Entwicklungen vorzustellen, weil dies zu einer Schärfung des Denkens führt. Seit die Beschäftigung mit spekulativen Szenarien zu meinem Beruf geworden ist, habe ich daran gearbeitet, wann immer ich auf irgendetwas unwillkürlich mit Angst reagiere, mich am Riemen zu reißen und nach möglichen Ergebnissen und tatsächlichen Auswirkungen auf die Welt zu forschen, anstatt gleich die Apokalypse heraufzubeschwören. Oder wenn ich tatsächlich mit der Möglichkeit der Apokalypse rechnen muss, dann frage ich mich, ob das wirklich so schlimm wäre.
Der am stärksten therapeutisch ausgerichtete Artikel, den ich bisher geschrieben habe, handelte gar nicht von der Zukunft. Er trug den Titel »How Scared Should I Be of Pit Bulls?«. Ich habe Angst vor Hunden, seit mich 2006 ein Hund, der so groß war wie ein Löwe, ich schwöre es, auf einem Gehsteig in Budapest anfiel. Es war kein lebensbedrohliches Ereignis (der Besitzer zog den Hund sogleich wieder von mir weg, und die Bisswunde musste nicht einmal mit einem Pflaster versorgt werden), aber der Schock wirkte lange nach. In dem einen Augenblick war dieser Hund noch das gut erzogene Haustier eines Menschen, und im nächsten Augenblick wollte er mich töten. Dennoch bin ich mit Aufgeschlossenheit an meine Untersuchung herangegangen, und es stellte sich tatsächlich heraus, dass Hunde, die als Pitbulls bezeichnet werden, wesentlich häufiger in lebensgefährliche Angriffe verwickelt sind als alle anderen Hunderassen. Die Wissenschaft kann allerdings lediglich bestimmen, was ein Pitbull ist, was die Frage erheblich kompliziert, woher die angeborene Gefährlichkeit dieser Rasse rührt. Ich habe aber auch herausgefunden, dass Hunde – Pitbulls oder andere – generell nicht so gefährlich sind, dass sie für die Menschen im Allgemeinen eine Bedrohung darstellen.[1] In den USA gibt es jährlich nur 26 Todesfälle, die mit Hunden in Zusammenhang stehen, das sind wesentlich weniger Menschen, als durch herabfallende Baumäste zu Tode kommen.[2] Und die große Mehrheit dieser Opfer sind entweder Kinder oder sehr alte Menschen. Zudem sind diese 26 Fälle vor dem Hintergrund von ungefähr 4,5 Millionen Hundebissen zu sehen[3] – einschließlich kleiner Knuffe in die Hand.
Die Aufdeckung dieser Fakten war eine hilfreiche Therapie für mich, und heute streichle ich Pitbulls sogar gelegentlich – aber nur, wenn sie friedlich und umgänglich erscheinen.
Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf können wir uns nun also den kommenden Jahrzehnten zuwenden, wollen wir?
Berichte und Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit strotzen nicht gerade vor Optimismus. So veröffentlichte eine multidisziplinäre Arbeitsgruppe australischer Wissenschaftler an der Universität Adelaide 1999 einen Bericht unter dem Titel The Bankruptcy of Economics: Economics and the Sustainability of the Earth (Der Bankrott der ökonomischen Theorie: Ökonomie und Nachhaltigkeit), in dem eine gewisse Weltuntergangsstimmung anklingt. Die Experten aus Adelaide schreiben, dass die Erfordernisse unserer expansionistischen Wirtschaftsmodelle übermäßigen Druck auf die natürlichen Ressourcen ausüben, und rechnen mit »massiven Umweltschäden, sozialen Unruhen und einer Vielzahl von Toten«.
Schlimmer noch, der gesellschaftliche Zusammenbruch werde irreversibel sein, zumindest nach Ansicht von Fred Hoyle, dem britischen Mathematiker und Astronomen, der den Begriff »Big Bang Theory« prägte. In seinem Standardwerk Of Men and Galaxies schreibt Hoyle: »Wenn das Erdöl erschöpft ist und ebenso die hochgradigen Metallerze, wird keine Spezies mehr, so befähigt sie auch sein mag, den langwierigen Aufstieg aus primitiven Lebensverhältnissen zu hoch entwickelter Technologie bewerkstelligen können. Dies war eine einmalige Angelegenheit. Wenn wir scheitern, wird auch dieses planetare System scheitern, soweit es die Intelligenz betrifft.«
Dann gibt es aber auch Wissenschaftler wie den Kognitionspsychologen und Linguisten Steven Pinker von der Harvard University, die uns davon überzeugen wollen, dass die Weiterentwicklung des Wissens durch die Menschheit uns in die Lage versetzen werde, uns zusammenzureißen, die Apokalypse abzuwenden und das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Pinker schrieb in seinem 2018 erschienenen Bestseller Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung: »Trotz einer seit einem halben Jahrhundert herrschenden Panikstimmung befindet sich die Menschheit nicht auf einem unumkehrbaren Weg in den ökologischen Selbstmord. Die Angst vor einer Erschöpfung der Ressourcen ist fehlgeleitet. Ebenso das misanthropische Umweltbewusstsein, in dem die modernen Menschen als böswillige Plünderer eines jungfräulichen Planeten erscheinen.«
Schon 2011, als Pinkers Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit herauskam, begann ich Gefallen zu finden am »Pinkerismus«, denn es erschien mir sehr tröstlich, Ausführungen darüber zu lesen, dass die Menschen keine »Plünderer« seien – nicht nur, weil mir dadurch versichert wird, dass sich die Menschheit nicht auf dem Weg in den Untergang befindet, sondern weil mir dadurch auch das Gefühl vermittelt wird, keine Schuld dafür empfinden zu müssen, dass ich ein Mensch bin. Aber wenn ich die Nachrichten lese, beschleicht mich dennoch hin und wieder das Gefühl, dass wir »Plünderer« sein könnten, zumindest unabsichtlich.
In Gewalt brachte Pinker einen sehr wichtigen Aspekt zur Sprache: Die Gewalt von Menschen gegen Menschen hat nicht zugenommen; sie ist vielmehr in den vergangenen Jahrtausenden deutlich zurückgegangen. Doch im Hinblick auf die Zukunft enthalten seine Bücher ein bisschen zu viele Absicherungen und Einschränkungen, um meine Ängste zu beschwichtigen. Sie sind durchzogen mit Aussagen wie »Keine Art von Fortschritt ist unvermeidlich« oder »Fortschritt kann durch schlechte Ideen wieder rückgängig gemacht werden«.
Der Journalist Gregg Easterbrook ist ebenfalls ein Optimist Pinker’scher Spielart. In seinem Buch Warum die Welt einfach nicht untergeht berichtet er davon, wie er einen der einstmals vom Aussterben bedrohten Weißkopfseeadler beobachtete, als dieser durch die Luft flog, die völlig frei war von Smog, ein Moment, der Easterbrook »nicht selbstzufrieden [machte] in Bezug auf die natürliche Umwelt; vielmehr lässt er mich hoffen, dass auch die Treibhausgasemissionen unter Kontrolle gebracht werden können, ganz so, wie es schon bei vielen anderen Umweltproblemen gelungen ist«. Aber auch Easterbrook sichert sich ab und räumt ein: »Dass die früheren Vorhersagen eines großen, durch den Menschen verursachten Artensterbens nicht eingetroffen sind, bedeutet keineswegs, dass die Gefahren für unsere Mitgeschöpfe gebannt sind.«
Was Prognosen über die Zukunft betrifft, ist es wirklich schwierig, alles in helles Sonnenlicht zu tauchen, wenn so viele unerfreuliche Fakten ihre Schatten werfen.
Eines der bekanntesten prognostischen Dokumente, auf die ich im Laufe meines Lebens gestoßen bin, die »World Scientists’ Warning to Humanity«, die 1992 von der Union of Concerned Scientists herausgegeben wurde, war solide begründet. Das Dokument enthielt ernste Warnungen vor Gefährdungen der Atmosphäre, der Wasserressourcen, des Bodens, der Wälder und der Artenvielfalt. Als die 15000 Unterzeichner 2017 anlässlich des 25-jährigen Bestehens dieser Organisation die Prognosen einer kritischen Überprüfung unterzogen, stellten sie fest, dass diese in Bezug auf die Atmosphäre teilweise falsch gewesen waren – die Ozonschicht hat sich glücklicherweise wieder stabilisiert dank eines verstärkten internationalen Bewusstseins für die Problematik –, doch im Hinblick auf die übrigen Bereiche sei es »der Menschheit nicht gelungen, wesentliche Fortschritte zu erzielen bei der Lösung dieser vorhergesehenen Umweltbelastungen, von denen sich die meisten beunruhigenderweise sogar verschärfen«.
Ich bin sicher, Sie sind über die großen Probleme der Menschheit im Bilde, sodass ich nicht allzu sehr in die Einzelheiten gehen muss. Aufgrund der Treibhausgase, deren Emission wir anscheinend nicht unterbinden können, haben wir den Planeten Erde seit Beginn der Industrialisierung um 0,8 Grad Celsius erwärmt[4] – und nach einer kurzen Unterbrechung begannen die Emissionen 2018 wieder zu steigen.[5] Ungeachtet der als Höchstmarke angesetzten 1,5 Grad könnte die Durchschnittstemperatur einigen Schätzungen zufolge bis 2084 oder früher sogar um 4 Grad zunehmen.[6] Dies würde längere und schwerere Dürreperioden und anschließende Hungersnöte zur Folge haben und könnte für große Küstenstädte wie Miami, Schanghai, Rio de Janeiro, Osaka, Alexandria und Dhaka eine Bedrohung durch steigende Meeresspiegel bedeuten.[7]
Zusätzlich zu den Turbulenzen, die durch die Klimaveränderungen ausgelöst werden, könnten wir zudem unsere Fähigkeit einbüßen, bakterielle Erkrankungen zu behandeln, weil die Erreger zunehmend resistenter gegen Antibiotika werden. Wenig beruhigend stimmt auch, dass auf das reichste eine Prozent der Menschheit im Zeitraum von 1980 bis 2016 27 Prozent des Welteinkommens entfielen, während die unteren 50 Prozent nur rund 12 Prozent des Einkommens auf sich vereinigen konnten.
Und schließlich gibt es auch noch die Herausforderungen und Unwägbarkeiten der Technologie. Ich wurde 1984 geboren und gehöre damit zu jener kleinen Alterskohorte, die eine »analoge Kindheit und eine digitale Heranwachsendenzeit« erlebt hat. Ich habe meine Identität im Internetzeitalter ausgebildet, aber ich kann mich auch an ein Leben vor dem Internet erinnern, und wie viele Menschen spüre ich, dass etwas sehr Seltsames vor sich geht. Mehr als 40 Prozent der Amerikaner beziehen ihre Nachrichten über Facebook, und nur noch 5 Prozent bringen Nachrichten in Funk und Fernsehen »großes Vertrauen« entgegen.[8] Alles wird automatisiert – und ich meine, wirklich alles –, und während 33 Prozent meiner Landsleute diese Entwicklung begrüßen, zeigen sich 67 Prozent darüber besorgt. Diese Zahlen stammen vom Institut Pew Research, das auch herausgefunden hat, dass die Menschen zu zahlreichen Aspekten der Technologie eine ambivalente Einstellung haben. So sehen es beispielsweise 70 Prozent als positiv, dass Roboter die Pflege älterer Menschen übernehmen und uns dadurch entlasten könnten, 64 Prozent aber befürchten, dass mechanisierte Pflegekräfte Großmutter und Großvater möglicherweise ein Gefühl der Einsamkeit vermitteln könnten.[9] Man reibt sich die Augen und fragt sich: Warum begrüßen sie dann eine solche mögliche Entwicklung?
Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass es eine typische menschliche Eigenart ist, zugleich begeistert, aber auch besorgt über die Zukunft zu sein.
Eines fehlt bei diesen Überlegungen aber noch: die Spezifizität. Ein globales Massenaussterben von Arten erscheint als eine ernste, besorgniserregende Sache, wer aber vor einem solchen globalen Massenaussterben warnt, wird als Nörgler oder als Wanderprediger abgetan. Wenn ich Ihnen jedoch andererseits sage, dass uns der Arabica-Kaffee genommen werden wird oder der Golftümmler, ein bezauberndes Meeressäugetier (googeln Sie es), verschwinden wird, bekommen Sie wahrscheinlich ein unmittelbareres Gefühl für die Realität einer heraufziehenden ökologischen Katastrophe. Auch der Begriff »politische Instabilität« klingt lediglich auf eine vage Art gefährlich, die Leute interessieren sich dann aber eher dafür, wenn sie erfahren, wo die Bürgerkriege tatsächlich stattfinden und wer dabei sterben wird. Wenn Roboter tatsächlich sämtliche Arbeiten übernehmen, bedeutet das dann nicht, dass einige berühmte Roboter wichtigere und aufregendere Arbeiten verrichten werden als andere? Das klingt doch ziemlich cool. Welche Tätigkeiten werden das sein?
Vielleicht werden sich einige dieser Entwicklungen nicht in der Weise vollziehen, wie wir es erwarten. Warum aber sollte man Zeit darauf verschwenden, Dinge vorherzusagen, wenn wir sie uns auch vorstellen können? Dan Gardner, der Co-Autor von Superforecasting, meinte im Gespräch mit mir: »Die Bandbreite der möglichen Zukunftsentwicklungen ist riesig, und diese Tatsache wird von den Leuten nicht angemessen gewürdigt.« Diese Aussage kam auch meinen eigenen Vermutungen entgegen und gab mir das Gefühl, dass es vielleicht doch gar nicht so schlecht ist, dass ich weder ein Mathematiker noch ein Physiker bin.
Also, liebe Wall-Street-Spekulanten oder Buchmacher, ich fürchte, dies ist kein Buch über die Zukunft, das man nutzen kann, um einen schnellen einträglichen Aktiendeal oder ein schnelles Wettgeschäft zu machen. Entwicklungen zu prognostizieren ist in manchen Fällen eine exakte Wissenschaft – meist aber eine Sache für langweilige Erbsenzähler oder Ingenieure. »Wenn man ein Flugzeug baut, baut man immer ein neues Flugzeug, aber dabei haben die Leute eine Checkliste, die ungeheuer lang ist«, erklärte mir der Mathematiker und Physiker James A. Yorke, der den Begriff »Chaostheorie« geprägt hat. Wenn die Checkliste gut sei, werde das Flugzeug auch fliegen. Anderenfalls, setzte er hinzu, »hat man eine Checkliste über Dinge, die vollkommen neu sind«.
Obgleich es in diesem Buch über reale Auswirkungen einiger durchaus absonderlicher Dinge geht, möchte ich Sie warnen: Sie werden hier nichts erfahren über Zeitreisen, Drachen oder über Menschen, die gleichzeitig nach oben und nach unten springen. Mythen, Fantasien und verrückte Was-wäre-wenn-Geschichten haben auch ihren Platz, aber ich möchte Ihnen Informationen bieten, die Sie auch tatsächlich nutzen können. Das heißt also, es gibt kein Kapitel über Zombies.
Der Wegbereiter für meine spezielle Art der Ausarbeitung von Zukunftsvisionen war, soweit ich es überblicke, ein Mann, von dem Sie vielleicht noch nie etwas gehört haben – Matthew Ridgway, der als Stabschef in der US-Armee diente. Ridgway begann seine militärische Laufbahn in der Zeit vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, als er mit einer verrückt anmutenden Hypothese bekannt wurde: Was wäre, wenn die gesamte US-Kriegsflotte im Pazifik ausgelöscht werden würde?[10] Nach Ridgways eigener Aussage stuften die hohen Militärs sein fiktives Szenario als »fantastisch und unwahrscheinlich« ein und erlaubten, um seine Implikationen zu überprüfen, nur eine einzige Simulationsübung – eine Was-wäre-wenn-Übung, die über die Kommunikationskanäle im Armeehauptquartier und nicht auf einem simulierten Schlachtfeld durchgeführt wurde.
Dann kam im Dezember 1941 der japanische Angriff auf Pearl Harbor, der in beängstigender Weise Ridgways Simulationsübung widerspiegelte. Seine fiktive Annahme einer Vernichtung der Pazifikflotte erwies sich zwar in gewisser Hinsicht als ungenau – so wurde in Pearl Harbor nicht die gesamte Flotte zerstört, und auch einige Flugzeugträger blieben funktionsfähig, was den Wiederaufbau der US-Marine erleichterte. Doch das Ereignis insgesamt war zumindest konzeptionell eine Bestätigung für Ridgway, sodass seine Vorgesetzten nun verstärkt auf ihn aufmerksam wurden. Er wurde befördert, kletterte rasch die Karriereleiter hinauf und übernahm nach der Abberufung von General Douglas MacArthur durch Präsident Truman das Kommando über die US-Armee in Korea.
Nach Ansicht von Gardner, dem Co-Autor von Superforecasting, lernen wir von Ridgway nicht, dass es sich bei Menschen, die über künftige Entwicklungen spekulieren, um Genies handelt, die dauerhaft brillante Ideen hervorbringen. Vielmehr bestehe die Erkenntnis darin, dass »es keine Rolle spielt, für wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich man eine bestimmte Entwicklung hält. Wichtig ist nur, dass man an diesem Punkt anfängt und sie durchzuspielen beginnt, denn allein schon dieses Durchspielen hat einen Wert.«
Springen wir zu diesem Zweck also in diesem Buch nach vorn zu einigen welterschütternden, schreckenerregenden, lächerlichen und wunderbaren Tagen, die uns in der Zukunft erwarten. Die Szenarien, die ich beschreibe, haben nicht alle das Angst einflößende Potenzial von Pearl Harbor. Doch alle sind von der Art, dass wir uns in der Regel nicht besonders ausführlich damit befassen wollen, weil sie uns in irgendeiner Weise beunruhigen. Wie Sie sehen werden, sind die meisten dieser Szenarien logische Fortschreibungen gesellschaftlicher, technologischer oder natürlicher Trends und Tendenzen.
Meine Hoffnung ist, dass wir es durch diese Vorgehensweise, die manche vielleicht als Blick in eine Kristallkugel abtun möchten, vermeiden können, von Ereignissen auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, die entweder in hohem Maße sonderbar und unheimlich oder auf gefährliche Weise bedeutsam sind. Zudem können wir durch den Blick nach vorn ein besseres Verständnis der Gegenwart entwickeln.
Schon dies ist etwas Tröstliches, glauben Sie mir.
Noch in diesem Jahrhundert? Vielleicht.
Plausibilität: 5/5
Muss man davor Angst haben? Nur wenn Sie in der britischen Tourismusbranche arbeiten.
Sollte man deshalb seine Lebensgewohnheiten ändern? Nein.
Wahlabend. In den Geschäftsvierteln überall im Vereinigten Königreich herrscht Ruhe. Die Wahlergebnisse sind welterschütternd, aber niemand feiert. Stattdessen verfolgen die Bürger still Liveberichte über die Konsequenzen der Abstimmung. Der Mexit, der Ausstieg aus der Monarchie, ist gerade beschlossen worden, es wird ernst. Der König muss also … eine Konzessionsrede halten, oder?
Aber genau das ist die Mutter aller Konzessionen – ein Eingeständnis, dass er die Abstimmung verloren hat und dass die jahrhundertelange Regentschaft seiner weitverzweigten Familie an ihr Ende gelangt ist. Als das letzte Mal so viele britische Staatsbürger eine Liveansprache ihres Monarchen verfolgten, versuchte Königin Elizabeth II., abweichend von ihren strengen Gepflogenheiten, die britische Öffentlichkeit, die den Tod von Prinzessin Diana betrauerte, wieder aufzurichten. Der jetzige König ist zu jung, um dieses erschütternde Ereignis persönlich miterlebt zu haben, aber er war oft daran erinnert worden, insbesondere als der heutige Tag allmählich immer näher rückte.
Der König spricht vom Balkon des Buckingham-Palasts. Hinter seiner rechten Schulter, mit der Stadt London im Hintergrund, ist die illuminierte Siegesgöttin zu sehen, die sich über dem Denkmal für Königin Victoria an der Prachtstraße The Mall erhebt. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug und hat vollständig auf seine juwelenbesetzten königlichen Insignien und Medaillen verzichtet. Er wirkt etwas müde und verdrossen und sieht blass aus, doch wie es seine Erziehung und seine königlichen Gene erwarten lassen, bewahrt er bis zum Ende Haltung. Wie in allen seinen Reden kommt er auch in dieser unvermittelt zur Sache.
»Wenngleich es mich persönlich schmerzt, möchte ich der ›Ja‹-Kampagne meine aufrichtigen Glückwünsche aussprechen für ihren Erfolg in der heutigen Abstimmung«, hebt er an.
»Mein Vater hat mich gelehrt, dass England eine ganz besondere Geschichte hat«, erklärt der König und bedient sich wieder seiner üblichen Redetaktik, indem er mit einer persönlichen Anekdote einsteigt. »Andernorts mag die Vergangenheit als träge erscheinen oder als eingeschlossen in Bernstein, wie man sagt. Doch die Geschichte Großbritanniens ist bei uns jeden Tag in all ihrer Größe lebendig. Wenn wir uns umsehen, spüren wir, dass wir in unserer Geschichte leben, und wir empfinden uns auch selbst als Teil der Geschichte dieses Landes und unserer Vorfahren. Bedeutsame Momente sind gekommen und gegangen, und ich habe diese stets auch unter dem geschichtlichen Blickwinkel betrachtet – sie sind klein im großen Plan der Ereignisse, wie auch meine Rolle darin, und unausweichlich wird der Lauf der Zeit über sie hinweggehen. Ich selbst habe mich daher niemals als eine herausgehobene Gestalt im großen Spielplan der Geschichte verstanden.«
Er klingt nun ein wenig angestrengt, kommt jetzt doch der schwierige Teil der Ansprache:
»Doch der Ausdruck ›Momente‹ ist ein zu schwaches Wort für heute, für diesen Tag, an dem eine Epoche zu Ende geht. Und so scheint es, als hätte der Scheinwerfer der Geschichte nunmehr mich erfasst. Ich möchte nicht versäumen, aufrichtig zu bekunden, welches Gefühl mich in diesem Augenblick am stärksten bewegt: Es ist Schmerz. Zudem empfinde ich tiefes Bedauern, wenn ich daran denke, dass das heutige Ergebnis möglicherweise aus einer Verfehlung oder einer Charakterschwäche resultiert. Doch mein Vater hielt auch sehr viel von einer anderen Lebensweisheit: ›Wenn du etwas nicht ändern kannst, dann versuche, das Beste daraus zu machen.‹ Wenn ich mir seine Worte zu Herzen nehme, muss ich nun, nachdem wir die Meinung der Mehrheit kennen, zu der Erkenntnis gelangen, dass dieses Ergebnis ein wichtiger Schritt nach vorne ist – für Großbritannien, für die Demokratie und für unsere Zivilisation. Ich bin weiterhin zuversichtlich, dass Großbritannien eine strahlende Zukunft beschieden sein wird, und, was noch wichtiger ist, ich weiß, dass ich den heutigen Tag stets als einen historischen Meilenstein in Erinnerung behalten werde – wie auch Sie, vermute ich. Ich hoffe, Sie beten mit mir darum, dass unsere großartige Nation auf ihrem neuen Weg gut geleitet werden möge.«
Dann schwenkt die Kamera auf den Buckingham-Palast. Es gibt nun kein »Vereinigtes Königreich« mehr, sondern einen neuen Staat, der sich »Union von Großbritannien und Nordirland« nennt – wenngleich man gewohnheitsmäßig noch jahrzehntelang vom »UK« sprechen wird.
Dann ist auf den Bildschirmen etwas zu sehen, das man sich bisher noch schwerer vorstellen konnte als die Rede des ehemaligen Königs: die Rede des amtierenden Präsidenten – eines britischen Staatspräsidenten. Was für eine eigenartige Wortverbindung.
Dieser Präsident, der übergangsweise das Amt ausübt, bis ein neues Staatsoberhaupt gewählt ist, trug bisher den Titel »First Secretary of State«. Dieser Mann ist ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter, der den Wahlbezirk Sedgefield repräsentiert, sich in der Kampagne im Vorfeld des Referendums für bezahlbaren Wohnraum einsetzte und im Unterhaus eine denkwürdige, unvergessene Rede hielt, und dieser Mann soll den König von England ablösen? Ja, darum hat er in der Kampagne geworben, und ja, er hat gewonnen. Aber muss er trotzdem hier noch eine weitere Rede halten?
Mit einem Mal überkommt Großbritannien ein Gefühl der Reue – ein Gefühl, das nicht stark genug ist, um den Ruf nach einer Revidierung dieses Ergebnisses aufkommen zu lassen, aber ausreichend, um in der Nation ein gewisses kollektives Unwohlsein hervorzurufen. Großbritannien schaltet die Rede des neuen Präsidenten ab. Es wird nicht das letzte Mal sein.
Wenn sich ein neues Land als »Republik« bezeichnet, sendet es damit in gewisser Weise ein Signal aus. Es kann bedeuten, dass dieses Land der Welt mitteilen möchte, dass es keine Autokratie ist – dass seine Einwohner selbst über ihr Schicksal entscheiden. Man betrachte zum Beispiel die »Demokratische Volksrepublik Korea« und die »Demokratische Republik Kongo«. Beide Länder tragen bizarre, an die Orwell’sche Sprache angelehnte Namen, die den Eindruck erwecken sollen, es handle sich um Republiken – um die Tatsache zu verschleiern, dass es in Wirklichkeit Diktaturen sind. Unabhängig davon, was der Republikanismus zum Wohlergehen und zur Entwicklung einer Gesellschaft beiträgt, auf dem Papier eine Republik zu errichten ist immer eine gute PR-Maßnahme.
Angesichts dessen mutet es ein wenig eigenartig an, dass die Briten heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, noch immer nicht in einer Republik leben und ihnen das auch gar nichts auszumachen scheint. Sie führen regelmäßig Wahlen durch, die allgemein als fair und demokratisch gelten, aber sie haben nicht die Möglichkeit, ihr Staatsoberhaupt selbst zu bestimmen. Vielmehr wird der Herrscher ihres Landes in sein Amt hineingeboren, und es gibt nur einige alte, überlieferte Traditionen und Regeln, die diesen Vorgang als ordnungsgemäß und legitim erscheinen lassen. Der König oder die Königin von England ist eine Person, die als »Königliche Hoheit« oder als »Majestät« angesprochen wird, in Schlössern wohnt, eine Krone trägt, ein Zepter in der Hand hält und Menschen ein Schwert auf die Schulter legt, wenn sie ihnen Ehrentitel verleiht. Der König oder die Königin pflegt überkommene Rituale, wenngleich er oder sie in einer modernen Stadt lebt, die als globales Zentrum von Kultur und Kommerz gilt.
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Buches hat es nicht den Anschein, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern. Die Königin heißt Elizabeth II. – eine liebenswürdige Großmutter, die Hunde und Pastellhüte mag und große Popularität genießt. Doch wenn irgendwann das Unausweichliche geschieht und Elizabeth als Monarchin ersetzt wird durch ihren weit weniger populären, früher von Skandalen gebeutelten Sohn Charles, dessen gerötetes Gesicht meist grimassenartig erstarrt ist, wird sich dann in Großbritannien der Republikanismus durchsetzen? Was wird geschehen, wenn König Charles versuchen sollte, seine noch wesentlich unbeliebtere zweite Ehefrau – die ganz anders ist als die äußerst populäre Mutter seiner Kinder – trotz öffentlicher Missbilligung zur »Queen Consort«, zur »Königsgemahlin«, zu erheben, wie er bereits signalisiert hat? Wird die britische Öffentlichkeit dann der kitschigen Boulevardschlagzeilen allmählich so weit überdrüssig sein, dass sie bereit ist, die gesamte Monarchie auf dem sprichwörtlichen Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen?
Wahrscheinlich nicht, meint Adrian Bingham, ein Geschichtsprofessor an der Universität Sheffield, der sich mit Medien und Populärkultur befasst, es sei aber denkbar, wenn es einen großen Skandal gäbe und die Medien diesen auszuschlachten beginnen sollten. »Wenn dieser Skandal wirklich ein gravierendes Ausmaß erreicht, kann ich mir vorstellen, dass Zeitungen wie die Daily Mail mit Parolen operieren wie »Es muss etwas geschehen! Jemand muss gehen!«. Und wenn eines zum anderen kommt, kann eine Entwicklung in Gang gesetzt werden, die zur Diskreditierung dieser Institution führt«, erklärte mir Bingham.
Die Frage kann man aber auch anders stellen: Wird das Vereinigte Königreich jemals zum Republikanismus übergehen? Zweifellos, meint Nicholas Barber, Professor für Verfassungsrecht am Trinity College in Oxford. »Wir werden ganz bestimmt irgendwann eine Republik werden«, versicherte er mir. »Es wird früher oder später geschehen, wahrscheinlich aber eher sehr viel später.«
Im Frühjahr 2018 reiste ich durch England und befragte verschiedene Leute. »Was würde passieren, wenn Großbritannien eine Republik werden würde?« Nur sehr wenige hatten eine klare Meinung dazu. Fast alle sagten: »Das ist eine gute Frage«, und wollten die Sache damit auf sich beruhen lassen. Wenn ich nachhakte, meinten sie: »Der Tourismus wird leiden.« Fangen wir also mit diesem Bereich an.
Die Einnahmen aus dem Tourismus waren der Hauptgrund für die Beibehaltung der Monarchie, der von den meisten erklärten Royalisten angeführt wurde, wahrscheinlich aufgrund der ausführlichen journalistischen Berichterstattung, wenn wieder einmal Brand Finance, eine Firma, die den Wert von Marken ermittelt, eine Untersuchung darüber herausbrachte, wie außerordentlich gewinnbringend die Monarchie für das Land sei. In ihrem Bericht von 2017 hieß es, dass der mit der Monarchie verbundene Tourismus für das Land mit jährlichen Erträgen von 550 Millionen Pfund zu Buche schlage – Einnahmen durch die Touristen, die königliche Schlösser besuchen und auf die Monarchie bezogene Souvenirs kaufen.[11] Doch laut der australischen Faktencheck-Seite The Conversation gibt es keine umfassenden, transparenten wissenschaftlichen Untersuchungen, die diese Behauptung stützen.[12]
Es fällt daher schwer, entsprechenden Zahlenangaben Glauben zu schenken. Doch der Gedanke, dass das Königshaus Besucher anzieht, die ansonsten nicht nach England reisen würden, erscheint durchaus plausibel. Immerhin war auch ich nach England gereist, und zwar ausschließlich wegen der Monarchie.
Als ich am Ostermorgen 2018 Windsor Castle besuchte, um die Königin zu sehen, erhielt ich einen weiteren Eindruck von diesem Phänomen. Ich begegnete zwei Amerikanerinnen aus Florida, die nur deshalb eingeflogen waren, um zu geringen Kosten Prinz Harry und seine Verlobte Meghan Markle zu sehen, die vor ihrer großen Hochzeit im Mai – die dem Tourismus ebenfalls einen kräftigen Schub verleihen sollte – hier an einem Auftritt der Königsfamilie teilnehmen würden. Die beiden Frauen waren also aus demselben Grund gekommen wie ich, nur dass sie nicht beabsichtigten, darüber zu schreiben.(Bedauerlicherweise erfüllte sich ihr Traum nicht. Die Königin besuchte an diesem Ostersonntagmorgen den Gottesdienst, ebenso Kate und William, aber Harry und Meghan schafften es zeitlich nicht.)
Doch nach Ansicht von Graham Smith, dem Vorsitzenden der britischen Organisation Republic, die die Abschaffung der Monarchie und die Ersetzung des Königs bzw. der Königin durch ein gewähltes Staatsoberhaupt fordert, wird der potenzielle Schaden für den Tourismus überschätzt. Was geschähe denn, wenn das Land eine Republik werden würde? Würde der Buckingham-Palast eingeebnet oder in Sozialwohnungen umgewandelt werden? Natürlich nicht. »Diese Stätten haben eine historische Bedeutung«, erklärte mir Smith. Wenn es keinen König und keine Königin mehr gäbe, würden die Stätten, die mit Königen und Königinnen der Vergangenheit verbunden seien, weiterhin »Einnahmequellen« und Touristenziele bleiben, erklärte er. Er meinte sogar, dass sie in einer Republik besser aufgehoben wären, denn jetzt »kann man sie die meiste Zeit nicht betreten, und ich glaube daher, dass sie als Museen und Galerien wesentlich gefragter und erfolgreicher sein könnten«.
Das verweist uns zurück zu den Berichten der Firma Brand Finance. Wenn die Tourismuseinnahmen zur Verteidigung der Monarchie in Stellung gebracht werden sollen (was Brand Finance, wie ich glaube, nie beabsichtigt hat), sollte man unterscheiden zwischen Einnahmen, die aus einer weiter bestehenden Monarchie resultieren – man denke an die Menschenmengen bei einer königlichen Hochzeit –, und den Einnahmen daraus, dass Großbritannien zu einer gewissen Zeit eine Monarchie war – man denke an die Attraktionen, die all die Schlösser, Paläste und Museen darstellen, die voll sind mit glänzenden Artefakten und Gegenständen aus dem Königshaus. Die Menschen besuchen doch nach wie vor Versailles. Und auch China ist schon lange keine Monarchie mehr, aber wer schon einmal als Tourist in Peking war, hat wahrscheinlich auch die Verbotene Stadt und den Sommerpalast besichtigt, um zu sehen, wo sich der chinesische Kaiser aufgehalten hat.
Wenn die Firma Brand Finance ihre Datensammlung weiter verfeinern möchte, sollte sie meiner Anregung folgen und zu ihrer Au�listung der Einnahmen durch den Souvenirverkauf noch einige Kontrollgruppen hinzufügen. In ihrem Bericht von 2017 wird auf eine auch im Fernsehen behandelte Studie verwiesen, wonach 70 Prozent der chinesischen Besucher Souvenirs bevorzugen, auf denen das königliche Wappen angebracht ist – jenes Symbol mit dem Löwen und dem Einhorn, das »vom Monarchen anerkannt und zugelassen« bedeutet.[13] Dieses Wappen ist ein ähnlich machtvolles Symbol wie der Swoosh, das Markenzeichen des Schuh- und Sportartikelherstellers Nike, und steht offenkundig für Qualität, was aber nicht unbedingt bedeuten muss, dass der Gegenstand, auf dem es angebracht ist, in materieller Hinsicht besser ist als andere Artikel. Können wir daraus schließen, dass das Verlangen chinesischer Souvenirkäufer nach feiner Schokolade und Seifen mit dem königlichen Wappen schwinden würde, wenn es keine aktive Monarchie mehr gäbe? Und was ist eigentlich mit den nicht chinesischen Souvenirkäufern?
Obwohl es vielleicht Souvenirkäufer in England geben mag, die zum Beispiel ausschließlich einen Zappelphilipp mit dem Siegel der Monarchie kaufen würden und ein solches Spielzeug im roten Londoner Telefonhäuschen-Design oder mit dem Aufdruck »Keep Calm and Carry On« strikt ablehnen würden, ist es zweifelhaft, ob die Zahl solcher pingeligen Kunden so groß ist, dass sie der britischen Wirtschaft ernsthaften Schaden zufügen könnten.
Aber vielleicht ist die genannte Summe von 550 Millionen Pfund doch zutreffend, und die britische Volkswirtschaft liefe Gefahr, diesen Betrag einzubüßen. Zwar handelt es sich dabei gewiss nicht um Kleingeld, aber es erstaunte mich schon, als ich im Zuge meiner Recherchen herausfand, dass die Leute ein bestimmtes Regierungssystem wegen eines Geldbetrags verteidigen, der geringer ist als die Erlöse aus einem einzigen Marvel-Kinofilm (der aktuelle Hit zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Buches, Avengers: Endgame[14], hat bislang schon mehr eingespielt[15]). Außerdem ist es nicht unbedingt sehr emotionalisierend, auf gefährdete Tourismuseinnahmen hinzuweisen. Ich wollte aber einen emotionalen Appell hören. Also machte ich mich auf die Suche nach jemandem, der nicht zum Königshaus gehört, aber durch die Einführung der Republik besonders hart getroffen wäre.
Meine Suche führte mich zu Margaret Tyler, die 2015 vom Wall Street Journal zu »Großbritanniens loyalster Royalistin« gekürt wurde.[16] (Sie sagte mir, dass sie durchaus Gefallen finde an dieser Bezeichnung.) Mrs. Tylers Heim in Wembley, im Nordwesten von London, ist das Fort Knox königlicher Souvenirs. Ihre Sammlung erstreckt sich über sämtliche Regale im Haus und umfasst Tausende Krüge, Teller, Puppen, Bücher, Fahnen, Tücher und Pappfiguren. Es gibt auch einen Raum, der ausschließlich Prinzessin Diana gewidmet und mit Buntglasfenstern ausgestattet ist. Mrs. Tylers Sammlung taucht immer wieder in Fernsehsendungen und in der Daily Mail auf – wenn sich für die Boulevardzeitungen gerade keine anderen Themen anbieten.
Bei einer Tasse Tee in Mrs. Tylers Wohnzimmer fragte ich die 74-jährige eingefleischte Royalistin – die einen Blazer in den Farben des Union Jack trug, der mit einer riesigen Schleife zur Feier des 90. Geburtstags der Queen versehen war –, warum sie der königlichen Familie so hingebungsvoll zugetan sei.
Sie verglich das Vereinigte Königreich mit einem Haus, das von einer wohlmeinenden väterlichen oder mütterlichen Figur geführt und verwaltet werde. Sie erwähnte das Feuer, das 1992 in Windsor Castle ausgebrochen war, und verglich den Umgang der Königin mit diesem Ereignis mit ihren Besuchen in Nordirland in den Jahren 1995 und 2011, als die politische Situation dort relativ angespannt war. »Wo immer sie etwas entdeckt, das nicht ganz in Ordnung ist, packt sie es an«, erklärte mir Mrs. Tyler. Für die Opfer von Tragödien, wie etwa des Terroranschlags in Manchester im Jahr 2017, bedeute ein Besuch der Queen, »dass sie sich kümmert. Sie weiß Bescheid. Sie hat Verständnis. Ich glaube, das bedeutet den Menschen sehr viel. Sie ist die Landesmutter. Sie hält alle zusammen.«
Es spielt für Margaret Tyler keine Rolle, dass das Staatsoberhaupt in politischen Fragen nur wenig Einfluss hat. Sie bediente sich wieder ihrer Mutter-Analogie: »Wenn man ein Kind hat, das über ein anderes klagt oder schimpft, dann mischt man sich nicht ein, aber man hört ihm zu, verstehen Sie, was ich meine? Und das tut sie wahrscheinlich auch.«
England als ein einziges zusammengehöriges »Haus«, über das eine mütterliche Gestalt wacht, das ist eine Vorstellung, »die auf der Idee der Familie beruht und auf der Idee der Kontinuität von Familie, Blut und Boden«, bemerkte Graeme Orr, Rechtsprofessor an der University of Queensland in Australien, dessen Staatsoberhaupt ebenfalls die britische Monarchin ist. »Ich glaube, die Monarchie konnte sich vor allem deshalb so lange halten, weil sie eine gewisse ästhetische Anziehungskraft entwickelt hat«, setzte er hinzu.
Das Ästhetische einmal beiseitegelassen, der »Blut und Boden«-Aspekt der königlichen Familie wurde mehr oder weniger im 9. Jahrhundert begründet durch einen entfernten Vorfahren (zumindest in geistiger, wenn wahrscheinlich auch nicht blutsmäßiger Hinsicht) der gegenwärtigen königlichen Familie, einen Feudalherren namens Alfred. Alfred war der Enkel von Egbert, des kriegerischen Königs von Wessex, der mehrere Feldzüge in England unternahm und Wessex zum mächtigsten Königreich im angelsächsischen England machte. Die vier Brüder Alfreds waren alle vor ihm Regionalkönige, doch sie starben nacheinander, sodass schließlich Alfred König von Wessex wurde, nachdem seine Familie die Verteidigungsinfrastruktur des Reiches weitgehend vervollständigt hatte. Als König gelang es Alfred, das Große Heidnische Heer – die »Wikingerhorde« – in mehreren blutigen Schlachten niederzuwerfen, und nach der Vertreibung der Nordmänner beherrschte er alle nicht von Wikingern bewohnten Gebiete in England, was ihn dazu veranlasste, sich zum König der Angelsachsen auszurufen. Egbert war ähnlich mächtig gewesen, doch er hatte auf diesen Schritt verzichtet, und daher trägt Alfred heute den Beinamen »der Große«.
Das Herrschaftsgebiet der Nachfolger Alfreds des Großen vergrößerte sich allmählich. Nach einigen Rückschlägen durch Vorstöße der Wikinger und anderer Völkerschaften erlangte die britische Königsfamilie (die, um es zu wiederholen, mit Alfred durch die Tradition, nicht aber genetisch verwandt ist) die Vorherrschaft über die britische Insel und schließlich dank der Verbesserungen der Schifffahrtstechnik über die halbe Welt. Später schrumpfte ihr Reich um einiges, als sie etwa 1947 ein so bedeutendes Gebiet wie Indien verlor. Und damit kommen wir, geografisch gesprochen, in die heutige Zeit.
Im Unterschied zu diesen früheren Jahrhunderten, als die königliche Familie noch durch ihre Machtansprüche und das Einfordern von Tributen bekannt war, gilt sie heute in erster Linie als eine Ansammlung lächelnder Berühmtheiten. »Von meinem Staatsoberhaupt verlange ich nur, dass es lächeln und Hände schütteln kann und freundlich im Umgang mit Menschen ist, nicht mehr. Und manche meinen, dass eine Wahl besser dazu taugt als die Geburt, eine solche Person zu bestimmen«, erklärte mir Nicholas Barber, der Trinity-Professor. (Er setzte rasch hinzu, dass das US-amerikanische System dafür bekannt sei, dass es Leute auswähle, die ganz fürchterlich beim Händeschütteln und auch ganz und gar nicht angenehm im Umgang seien.)
Britische Monarchen beherrschen das Händeschütteln und den höflichen Umgang mit Würdenträgern ziemlich gut, auch wenn ihre politische Funktion lediglich darin besteht, Gesetze abzusegnen und generell alles zu billigen, was das Parlament beschließt. Und um eben diese Müßigkeit geht es, meinte Graeme Orr, der Wissenschaftler aus Brisbane. »Die Anhänger der konstitutionellen Monarchie reden im Wesentlichen nur davon, dass es institutionell von Vorteil sei, kein politisiertes Staatsoberhaupt zu besitzen.«
Durch dieses freundliche Lächeln und Winken allerdings wird die königliche Familie nicht harmlos, wie Graham Smith von der Pressure-Group Republic erklärt. »Die Institution der Monarchie ist Bestandteil unserer Verfassung und steht der Umwandlung Großbritanniens in eine vollwertige parlamentarische Demokratie sicherlich im Wege.« Er vertritt die Ansicht, dass die Monarchen »ihre eigenen Interessen« und ihre eigene Agenda verfolgen. »Sie können alles Mögliche tun, ohne sich gegenüber dem Parlament verantworten zu müssen, und sie können aufgrund der Befugnisse der Krone auch das Parlament kontrollieren und haben daher eine sehr starke Motivation, sich allen demokratischen Reformen zu widersetzen.«
Wenn Smith seinen Willen bekommt und die Monarchie sich verabschiedet, werden sich die Briten zur großen Mehrheit der Weltbevölkerung gesellen. Wo immer Sie leben, es ist sehr wahrscheinlich, dass Ihr Heimatland, sei es Großbritannien oder ein anderes, früher von einem Monarchen regiert wurde, und eine Beschäftigung mit der Geschichte ergibt, dass die meisten dieser Monarchien ein eher unsanftes Ende fanden. Chinas letzter Kaiser wurde zur Abdankung gezwungen und schließlich eingesperrt. Die russische Zarenfamilie wurde ermordet, geschändet und in einen Sumpf geworfen. In den blutigen Jahren der Französischen Revolution landete der letzte Repräsentant des »Ancien Régime« und seine Gattin unter der Guillotine. Der Schah von Persien entzog sich dem Zorn der Revolutionäre durch Flucht. Der letzte König von Laos wurde von den Kommunisten ins Gefängnis geworfen. Kurz gesagt, die Aussicht, sich eines Tages Mistgabeln und Fackeln gegenüberzusehen, gehört schon seit Langem zum Dasein eines Monarchen.
Doch Smith erweckt nicht den Eindruck, als ginge es ihm um eine Erstürmung des Buckingham-Palasts durch die Revolutionäre, die anschließend die königliche Familie zur Massenhinrichtung durch die Straßen zerren. Er ist vielmehr der Ansicht, irgendwann werde der Gedanke Fuß fassen, dass man die politischen Angelegenheiten auch anders und besser organisieren könne, woraufhin sich schließlich die parlamentarische Demokratie durchsetzen werde. »Nehmen wir an, dass 55 oder 60 Prozent der Bevölkerung sagen, ja, wir sollten die Monarchie loswerden, und das Parlament zeigt sich dazu bereit. Dann kann das Parlament entweder ein Gesetz verabschieden, das die Monarchie abschafft, oder zuerst ein Referendum ansetzen und anschließend dieses Gesetz erlassen«, erklärte er.
Viele frühere Monarchien sind im Zuge von Volksabstimmungen abgeschafft worden, aber diese Vorgänge waren – aus welchen Gründen auch immer – fast immer von einem Hauch Korruption begleitet. Im Jahr 1946 wurde der minderjährige König von Bulgarien durch ein Referendum zur Abdankung zugunsten der nun tonangebenden Sowjets gezwungen, doch das bekannt gegebene Endergebnis (fast 100 Prozent Zustimmung für die Forderung nach Absetzung des Königs) nährte Zweifel, ob es bei der Abstimmung mit rechten Dingen zugegangen war.[17] In Griechenland veranstaltete eine rechtsgerichtete Militärjunta 1973 ein umstrittenes Referendum über die Abschaffung der Monarchie, das ein Jahr später durch eine gewählte Regierung für ungültig erklärt wurde, welche ihrerseits eine neue Abstimmung ansetzte, die mit mehr Legitimität ausgestattet sein würde, wie sie hoffte. Doch dies war Wunschdenken. Die neuen Herrscher verboten dem abgesetzten König, in Griechenland Wahlkampf zu betreiben, und er verlor abermals.
Aber dennoch ist es möglich, dass eine Monarchie auf friedlich-demokratischem Weg abgeschafft wird. Im Jahr 1968 beendeten die Malediven – ein Inselstaat mit einer halben Million Einwohner – ihre seit 853 Jahren bestehende Monarchie durch eine Volksabstimmung. Hierbei ist zu erwähnen, dass sich der König bis zu diesem Referendum (das nicht das erste seiner Art war) viele Jahre starrsinnig an seine Macht geklammert hatte, obwohl die Bevölkerung ihre Ablehnung schon deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, und so hat es bislang den Anschein, als würde der Thron der Malediven dauerhaft unbesetzt bleiben.
Viele Monarchien aber wurden nicht durch eine Volksabstimmung in eine Republik umgewandelt, sondern im Zuge ihrer Befreiung von der Herrschaft eines ausländischen Monarchen. Das isländische Verfassungsreferendum von 1944 zum Beispiel war eine gesittete, höchst demokratische Veranstaltung mitten im Krieg, die das Ergebnis erbrachte, dass der dänische König nicht länger das Staatsoberhaupt Islands sein solle. Doch diese Entscheidung hatte keine Auswirkung darauf, ob Dänemark weiter eine Monarchie bleiben solle (die es bis heute ist). In ähnlicher Weise haben im Laufe der Jahre auch die Regierungen von Ghana, Südafrika, Nigeria, Kenia, Malawi, Uganda, Guyana, Gambia, Malta, Sri Lanka, Trinidad und Tobago, der Fidschi-Inseln und von Mauritius ihrer Königin die Tür gewiesen. Und diese Königin hieß in allen Fällen Elizabeth II.
Damit komme ich zu einem sehr wichtigen und heiklen Problem, das im Prozess der Abschaffung der britischen Monarchie auftreten dürfte: Großbritannien kann sich per Volksabstimmung dafür entscheiden, dass die Königin oder der König nicht mehr das britische Staatsoberhaupt sein soll, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass 15 oder 16 andere Länder diese Monarchin oder diesen Monarchen als ihr Staatsoberhaupt betrachten. Falls Ihnen diese Länder nicht geläufig sind, möchte ich sie hier aufzählen. Es sind Kanada, Australien, Neuseeland, Jamaika, Barbados, die Bahamas, Grenada, Papua-Neuguinea, die Solomon-Inseln, Tuvalu, Saint Lucia, Saint Vincent, Belize, Antigua und Saint Kitts and Nevis.
Ein Mexit würde den Status des Monarchen in diesen Ländern nicht verändern, erklärt Bob Morris, ein Experte zum Thema Monarchie und Recht und Forschungsstipendiat am Fachbereich Staatsrecht am University College London. »Das Vereinigte Königreich kann nicht per Gesetz bestimmen, wie unabhängige Länder ihre Monarchie gestalten, und es kann auch nicht eigenmächtig festlegen, dass sie ihre Monarchie abschaffen müssen«, erklärte er mir.
Doch wenn sich Großbritannien von der Monarchie verabschieden würde, dann würde dies auch in einigen dieser Staaten automatisch das Ende der Monarchie bedeuten, weil in ihren Verfassungen eine entsprechende Bestimmung enthalten ist. Als das britische Parlament beispielsweise 2013 die Thronfolgeregelung änderte, führten sechs dieser Länder eine ähnliche Regelung ein, um die Kontinuität zu wahren, nämlich Kanada, Neuseeland, Australien, Saint Kitts and Nevis, Saint Vincent und Barbados.[18] Diese Länder müssten dann vermutlich keine eigene gesetzliche Regelung darüber treffen, ob sie die Monarchie beibehalten wollen oder nicht. In den übrigen neun Staaten wurde die neue britische Thronfolgeregelung wirksam, ohne dass die jeweilige Regierung etwas unternahm. Dies waren Antigua, die Bahamas, Belize, Grenada, Jamaika, Papua-Neuguinea, Saint Lucia, die Solomon-Inseln und Tuvalu. Im Falle eines Mexits würde in diesen Ländern also die Monarchie allem Anschein nach automatisch verschwinden, sofern die lokalen Regierungen nichts anderes beschließen.
Wenn Großbritannien offiziell eine Republik ist, besteht die nächste Aufgabe darin, darüber zu entscheiden, was mit dem Crown Estate, dem Krongut, geschehen soll, jenem gewaltigen Portfolio von Anlagen und Immobilien, dessen Gesamtwert auf mehr als zwölf Milliarden Pfund veranschlagt wird und das die Existenzgrundlage der königlichen Familie bildet.[19] Zu diesem Besitz gehören der Buckingham-Palast, Windsor Castle, Clarence House, Kensington Palace und der Saint James’s Palace sowie sich selbst vermehrendes Anlagekapital.
Wie bereits angedeutet, würden die Ex-Royals nicht diese gesamten zwölf Milliarden Pfund behalten dürfen – schließlich dürften auch Sie Ihren Arbeits-Laptop nicht behalten, nachdem Sie von Ihrer Firma gefeuert worden wären.
Aber der Crown Estate ist auch nicht per se öffentliches Eigentum. Er ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die den Lebensunterhalt der Mitglieder der Königsfamilie sicherstellt und die übrigen Erträge in den Staatshaushalt leitet. Wie der Geldfluss über den Crown Estate in die Tasche des Monarchen abläuft, möchte ich anhand eines hypothetischen Falles darstellen: Nehmen wir an, der Crown Estate besitzt 50 Prozent der Anteile an einem großen Einkaufszentrum namens Westgate in Oxford, was auch tatsächlich der Fall ist. Und nehmen wir ferner an, dass ich, während ich diese Sätze schreibe, eine Blue Jeans anhabe, die ich im Primark-Laden in diesem Einkaufszentrum erworben habe. Ein Teil des Geldes aus dieser Transaktion fließt als Gewinn an die Eigentümer – nehmen wir an, zwei Pfund (was allerdings etwas hoch gegriffen ist, weil Primark-Klamotten sehr billig sind, aber es ist ja nur eine hypothetische Annahme) – und eines dieser zwei Pfund geht an den Crown Estate, denn ihm gehört die Hälfte der Mall. Da der Monarch jedes Jahr einen Anteil von 15 Prozent an den Erlösen des Crown Estate (einen »Sovereign Grant«) erhält, bekommt die Königin also 15 Pence aus diesem einen Pfund, das dem Krongut durch meinen Einkauf zufließt; der Rest geht an den Staat. Dass die Regierung den Großteil dieser Erträge erhält, führen eingefleischte Royalisten als Beleg für ihre Behauptung an, dass »die Königin 85 Prozent Steuern« zahle. Das ist allerdings ein wenig irreführend, wenn man berücksichtigt, dass sich der Crown Estate nicht im Eigentum der Königin befindet.
Die gute Nachricht für einen britischen Monarchen lautet, dass eine Beendigung der Monarchie und eine Scheidung des Monarchen vom britischen Volk nicht sonderlich kompliziert wäre, wie Smith erklärt, der sich, wie Sie sich erinnern, für den Übergang Großbritanniens zu einer Republik einsetzt. »Es würde ein relativ einfacher Prozess sein«, sagte er mir. »Es gibt bestimmte Dinge, die zum persönlichen Besitz des Monarchen gehören, wie zum Beispiel Sandringham [ein Anwesen in Norfolk] und Balmoral [ein Schloss in Schottland]. Und es gibt andere Dinge, die dem Monarchen eindeutig nicht gehören, wie etwa der Buckingham-Palast, das Herzogtum Cornwall oder der Crown Estate. Wenn also die Royals verabschiedet werden, sagen wir einfach ›Was euch gehört, gehört euch, was uns gehört, gehört uns‹, und ab dann gehen wir getrennte Wege.« Es ist also recht einfach. Und abhängig davon, wie man zu einer Familie steht, deren Vermögen auf Hunderte Millionen Pfund geschätzt wird, ist es auch gerecht. Das britische Volk bekommt die zwölf Milliarden Pfund, und die königliche Familie (das sind im Wesentlichen 25 Personen nach dem Stand von 2018) behält ihr Vermögen von ungefähr 500 Millionen Pfund (wobei die Schätzungen weit auseinandergehen) sowie zwei große Residenzen mit mehr als genügend Räumlichkeiten, um die weitläufige Verwandtschaft unterzubringen.
Das einzige Problem besteht darin, dass der Plan »Jeder nimmt mit, was ihm gehört« einen Haken hat: die Einwilligung der königlichen Familie. Damit wir es nicht vergessen: Der Monarch muss jedem Referendum oder jedem Gesetz, die zur Abschaffung der Monarchie führen könnten, seine Zustimmung erteilen. Würde der Monarch mit einer vielhundertjährigen Tradition brechen und ein solches Gesetz zu Fall bringen? Professor Barber vom Trinity College glaubt dies nicht. »Das würde eine schwere Krise heraufbeschwören und ein großes Problem verursachen, ich glaube eher, wenn man einmal in dieses Stadium gelangt wäre, würde die Sache einvernehmlich geregelt werden«, erklärte er mir. Geht man also davon aus, dass es keinen Bürgerkrieg geben und auch keine Situation entstehen wird, in der eine Guillotine oder Ähnliches zum Einsatz gelangen würde, erhielte der König oder die Königin wahrscheinlich ein Mitspracherecht bei der Verteilung der royalen Reichtümer. Die Vorstellung, dass die königliche Familie mit null Prozent aus dem Crown Estate abgefertigt werden könnte, ist, nun ja, eher unwahrscheinlich. Doch es gibt auch eine völlig andere Sichtweise.
Nach Angaben von Brand Finance nimmt sich das Vermögen des Crown Estate bescheiden aus im Vergleich zum Wert des Anteils der royalen Marke an der britischen Volkswirtschaft – die Beratungsfirma taxierte den Markenwert für 2017 auf ungefähr 67,5 Milliarden Pfund[20] (etwa das Bruttoinlandsprodukt von Ägypten). Wie die Leute von Brand Finance auf diese enorme Zahl kommen, erscheint etwas schleierhaft, aber sie haben anscheinend Anhaltspunkte für diese Rechnung. Was geschähe also, wenn diese machtvolle Marke den Monarchen verlieren würde, ihre zentrale Gestalt? Worüber könnten die Boulevardzeitungen berichten, wenn die Royals technisch gesehen plötzlich keine Royals mehr wären? Was wäre mit den Schokoladen und den Seifen, die unter dieser Marke vertrieben werden? Würde überhaupt noch jemand Fernsehsendungen oder Filme anschauen, die mit den Royals in Zusammenhang stehen, oder Biografien über Mitglieder der königlichen Familie lesen? In gewisser Weise wäre dies etwa so, als würde ein vom Pech verfolgtes Hollywood-Filmstudio ohne seinen Star weiterzumachen versuchen – was durchaus funktionieren kann, wie etwa die Spider-Man-Filme gezeigt haben, als sie ohne Tobey Maguire fortgeführt wurden, was aber auch schlimm enden kann, wie deutlich wurde, als nach dem Tod von Bruce Lee das gesamte Genre der Kampfsportfilme über viele Jahre den Bach hinunterging.
Doch ein Mexit würde nicht nur Zerstörung mit sich bringen. Er würde auch etwas Neues erschaffen. Vor allem müsste eine Position geschaffen werden für ein gewähltes Staatsoberhaupt, was bedeuten könnte, dass der Premierminister zum Staatschef befördert oder eine eigene Position geschaffen werden würde wie etwa ein Kanzler, der nach der Regierungsbildung vom Parlament gewählt werden würde. Es könnte aber auch bedeuten, dass das Parlament ein Organ wie etwa den schweizerischen Bundesrat einrichten würde, ein schwer zu beschreibendes Exekutivorgan, das, je nachdem, wen man fragt, sieben Präsidenten besitzt oder auch nur einen oder gar keinen. Schließlich könnte auch das Amt eines regulären Staatspräsidenten geschaffen werden, den man in einer Volkswahl bestimmen würde. Doch Präsidenten gibt es in unterschiedlichen Varianten. Sie können mit Befugnissen ausgestattet werden, wie sie gegenwärtig die britische Monarchin besitzt, also sehr begrenzten Kompetenzen. Es gibt aber auch Präsidenten, welche die politische Agenda ihres Landes bestimmen, den Oberbefehl über die Streitkräfte innehaben und starken Einfluss auf die Verwaltung ausüben können, wie etwa der amerikanische Präsident. Schließlich gibt es auch noch Präsidenten, die über einen nahezu gottähnlichen Status verfügen, der es ihnen nicht nur ermöglicht, die Regierung zu kontrollieren, sondern auch in drastischer und bisweilen auch geheimnisvoller Weise in das Alltagsleben der Menschen einzugreifen, wie zum Beispiel der russische Präsident.
Doch nach Ansicht von Graham Smith müsste sich auch das Parlament verändern, wenn der Monarch durch ein gewähltes Staatsoberhaupt abgelöst würde. In einer Republik, erklärt er, müsste auch »das Oberhaus verschwinden und durch ein anderes Gremium ersetzt werden«.
Das Oberhaus ist tatsächlich eine ziemlich eigenartige Einrichtung. Wenn die Monarchie abgeschafft ist, warum sollte es dann im Regierungssystem noch eine Instanz geben, in die nur Personen aufgenommen werden können, die einen Adelstitel besitzen? Durch den House of Lords Act von 1999 sollte das Oberhaus reformiert und die Zahl der erblichen Sitze reduziert werden, und diese Gelegenheit nutzte der britisch-amerikanische Schauspieler und Baron Christopher Guest (bekannt als Nigel Tufnel aus dem Film This Is Spinal Tap), um seinen Oberhaussitz aufzugeben, den er von seinem Vater geerbt hatte. Im Jahr 2004 sagte Guest über seine Zeit als Parlamentsmitglied: »Es ist keine Frage, dass das alte System ungerecht war. Warum soll jemand durch Geburt diesem Parlament angehören? Aber jetzt ist es eine reine Vetternwirtschaft. Der Premierminister kann jede beliebige Person zu einem stimmberechtigten Mitglied ernennen. Das Oberhaus sollte schlicht und einfach ein gewähltes Gremium sein.«[21]
Sollten sich also Guest und Smith durchsetzen, wird das Oberhaus vielleicht in eine Art »Senat« umgewandelt werden. Dann könnte man auch den Namen des Unterhauses ändern, denn das ist meiner Meinung nach ein etwas unpassender Name für ein gesetzgebendes Organ.
Schließlich müsste sich auch noch die anglikanische Kirche eine neue Führung suchen, denn gegenwärtig ist der britische Monarch ihr Oberhaupt. »Auch wenn die Königin nicht mehr Staatsoberhaupt wäre, bedeutete dies nicht, dass sie nicht weiter Oberhaupt der Kirche von England sein könnte«, erklärte mir Barber. Es ist unklar, wie die Kirche dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Denkbar wäre, dass es keine oberste Kirchenleitung mehr gäbe und die Führungsfunktion dem ranghöchsten Bischof, dem Erzbischof von Canterbury, übertragen werden könnte. Die anglikanische Kirche könnte aber auch den ehemaligen Monarchen bitten, weiterhin als ihr Oberhaupt zu fungieren, doch eine solche Entscheidung würde »einigermaßen albern wirken«, meinte Barber. Aber auch wenn es vielleicht »albern« wäre, könnte es nach dem Mexit für die Royals eine bequeme Hintertür sein, wenigstens ein Minimum ihres besonderen Status zu erhalten, und die frommen Anglikaner könnten sich mit der Vorstellung trösten, dass sie weiterhin einen König oder eine Königin hätten, auch wenn die Regierung den Monarchen davongejagt hätte.
Ehemalige königliche Familien, die heute keine formellen Bindungen mehr zu den Regierungen unterhalten, die ihre Vorfahren einst kontrolliert haben, klammern sich manchmal an Fasern ihrer einstigen Königlichkeit, durch die sie sich vom übrigen alten Geld in ihren Jachtklubs abheben können. Die frühere italienische Königsfamilie zum Beispiel ist seit 1946 nicht mehr im Amt, doch ihre Mitglieder verwenden nach wie vor ihre Titel und streiten bisweilen auch untereinander vor Gericht darüber, wer von ihnen König werden würde im hypothetischen Fall, dass Italien unversehens die Rückkehr zur Monarchie beschließen würde. In Indien ist die Königsfamilie von Jaipur eine von mehreren königlichen Dynastien, die 1949 unter dem Dominion von Indien ihre Krone verloren, doch als ich 2018 ihren früheren Palast besuchte, stellte ich fest, dass die jüngeren Ex-Royals die Wände noch immer mit aktuellen Familienfotos schmücken und den Palast zur Werbung für ihre Wohltätigkeitsaktivitäten nutzen.
Vielleicht könnten die britischen Royals auch versuchen, ein gewisses Maß an Macht zu behalten, indem sie sich der zur Verfügung stehenden demokratischen Mittel bedienten. »Wenn der Übergang zur Demokratie erfolgen würde, könnte ich mir vorstellen, dass zum Beispiel jemand wie Prinz Charles sagen würde, gut, ich trete zurück und kandidiere dann bei der Wahl zum Staatsoberhaupt. Ich glaube, Charles würde sich wesentlich wohler fühlen, wenn er ein gewähltes Staatsoberhaupt statt ein König wäre«, meinte Barber.
Bingham dagegen hält es für möglich, dass der sehr eigensinnige und von sich selbst überzeugte Charles einen ganz anderen Weg einschlagen könnte, nämlich sich als Experte zu profilieren. »Ich bin sicher, er würde Fernsehangebote aller Art erhalten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er ein solches Angebot annehmen würde oder vielleicht auch beißende Kolumnen verfassen oder verstimmte Leserbriefe an die Times schreiben würde oder dergleichen. Er würde sich nicht einfach abschieben lassen.«
Nach Prüfung all dieser Informationen versicherte ich Margaret Tyler beim Tee, dass die Royals nicht verschwänden. Sie würden einfach nicht mehr im Amt sein. Ich fragte Mrs. Tyler, was sie davon halten würde, und es ging mir schon ein bisschen ans Herz, sie dabei zu beobachten, wie sie diese Möglichkeit erwog.
»Wo immer die königliche Familie auftaucht, versammeln sich Menschenmengen, nicht wahr? Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Menschenmengen mehr. Stellen Sie sich vor, die Mitglieder der königlichen Familie erscheinen, eröffnen irgendeine Veranstaltung und gehen dann einfach wieder! Das wäre doch schrecklich, nicht wahr?«, sagte sie mit einem leichten Anflug von Verzweiflung. »Stellen Sie sich vor, sie [die Königin] tritt irgendwo auf und bekommt keine Blumen überreicht! Das wäre schrecklich. Das würde zeigen, dass wir ihr nicht die gebührende Wertschätzung entgegenbringen. Ich glaube, das Wort ›danke‹ ist nicht ausreichend für das, was sie tut. Ich glaube, man müsste sich ein anderes Wort überlegen, das so viel bedeutet wie ›Vielen Dank für alles, wir schätzen Sie sehr‹.«
Diese wenigen Minuten, die sie in der Vorstellung einer Welt ohne die Königin verbrachte, wühlten Mrs. Tyler tief auf und versetzten sie in einen Zustand der Mutlosigkeit. »Ich hoffe, dass ich dann nicht mehr leben werde.«
Noch in diesem Jahrhundert? Wahrscheinlich nicht, aber man sollte aufpassen.
Plausibilität: 2/5
Muss man davor Angst haben? Ja, sehr
Sollte man deshalb seine Lebensgewohnheiten ändern? Ja.
Die Brillen waren noch da an diesem Tag, am nächsten Tag aber schien es, als hätte es sie nie gegeben. Lee kann sich nicht irren. Lee ist großartig. Alle lieben Lee.
Seit sie die Smartphones verdrängt haben, wurde der Markt für erweiterte Realität von den koreanischen Firmen Nex und Fantasee beherrscht. Die Brillen von Nex Corporation, der Firma von Lee Cheong-Hoon, sind unansehnlich und klobig, aber praktisch jeder besitzt eine davon. Die Brillen von Fantasee sind elegant und funktionieren besser, haben sich aber nie so gut verkauft, und Lee bietet Kim Eun-Hye, der Präsidentin von Fantasee, schon seit geraumer Zeit an, ihr Unternehmen zu kaufen. Bisher sträubt sie sich jedoch.
Kim sagt immer, sie sei mit Lee befreundet. Sie seien »Konkurrenten«, aber nicht Feinde. Allgemein glaubte man, dass dies eine Lüge sei – dass sich die beiden gegenseitig bis aufs Blut hassten –, aber niemand wagte es, dies auszusprechen.
