WattenBrand - Andreas Schmidt - E-Book
Beschreibung

Eine mysteriöse Brandserie hält die Kripo Husum in Atem: In unregelmäßigen Abständen stehen im Land zwischen den Meeren Scheunen und Bauernhöfe in Flammen. Gemeinsam mit den Kollegen der Flensburger Kriminalpolizei ermitteln Kommissarin Wiebke Ulbricht und ihr kauziger Kollege Jan Petersen. Doch die Spur führt ins Nichts. Als beim Brand eines leer stehenden Friesenhofes in Keitum auf Sylt ein Mensch stirbt, nimmt der Fall eine dramatische Wendung: Bei dem Toten handelt es sich um den Immobilienkaufmann Frerk Lürsen aus Schobüll – dem Investor von „Viva Mare“, einer auf Sylt geplanten Ferienhaussiedlung im Meer. Macht, Geldgier und Eifersüchteleien scheinen über das umstrittene Projekt zu entscheiden.

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Seitenzahl:413

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreissig

Einunddreissig

Zweiunddreissig

Dreiunddreissig

Vierunddreissig

Fünfunddreissig

Sechsunddreissig

Siebenunddreissig

Achtunddreissig

Neununddreissig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Danksagung

Andreas Schmidt

WattenBrand

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autoren erschienen:

Tödlicher Schnappschuss

WeserTod

TodesDuft

BlutGrab

WattenMord

HahnBlus

Schmutziges Geheimnis

Blutiges Vergessen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2017 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Carsten Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

eISBN 978-3-8271-8324-8

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing

www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Stätten, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über den Autor:

Geboren im Jahr der ersten Mondlandung, 1969 in Wuppertal, gab Andreas Schmidt 1999 mit „In Satans Namen“ sein Krimidebüt. Drei Jahre später gelang dem Autor und Journalisten mit „Das Schwebebahn-Komplott“ (KBV) der

Durchbruch. Inzwischen sind zahlreiche Wuppertal-Krimis, sieben Anthologien sowie der Thriller „Gehasst“ (Digital Publishers) erschienen. Die Hauptfigur seiner Krimis, der stets schlecht gelaunte Kommissar Ulbricht, ermittelt seit Anfang 2011 auch erfolgreich im Weserbergland sowie an der Nordsee-Küste. In „WattenMord“ (April 2012, Verlag CW Niemeyer) ermittelte Kommissar Ulbricht zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Tochter Wiebke an der Küste … Ulbricht hat sich längst in die Herzen von Andreas Schmidts Lesern ermittelt und ist überregional sehr beliebt.

Derzeit sind neue Kriminalfälle in Arbeit, es geht also weiter.

Mehr Infos und Kontakt auf der neuen Autorenwebsite

www.mordundtotschlag.com

post@mordundtotschlag.com

Für meine Mutter.

Zeit, mal Danke zu sagen.

EINS

Niebüll, 19.35 Uhr

Sylt kotzt mich an, dachte Frerk Lürsen missmutig, als sich der Autozug ruckelnd in Bewegung setzte. Über eine Stunde lang hatte er am Port Sylt in Niebüll auf die Abfahrt gewartet. Verschwendete Lebenszeit. In entgegengesetzte Richtung erreichte ein anderer Autozug den Bahnhof.

Seufzend kippte er den Rest Kaffee herunter und schüttelte sich. Er hasste diese kalte Brühe aus dem Automaten. Fluchend knüllte er den Pappbecher zusammen und presste ihn in den großen Aschenbecher im Armaturenbrett. Müdigkeit befiel ihn, als er die Lehne des Fahrersitzes zurückklappte und die Hände hinter dem Kopf verschränkte. Im Schneckentempo tuckerte der Autozug durch die Ebene. Vor ihm stand ein dunkler Kleinbus, besetzt mit sechs jungen Männern, die sich im Niebüller Port Sylt wie die Neandertaler benommen hatten. Grölend und lachend hatten sie sich mit zwei Sixpacks Bier versorgt. Der Beginn eines wunderbaren Männerausfluges, dachte er naserümpfend, während er das Treiben im VW-Bus vor ihm beobachtete. Wahrscheinlich fuhren sie auf die Insel, um mal richtig die Sau rauszulassen, um Frauen abzuschleppen und völlig verkatert nach durchzechten Nächten in irgendwelchen Hotelbetten aufzuwachen.

Die Insel verkommt zusehends, dachte er frustriert, als in dem Kleinbus vor ihm das kalte Licht eines Handy-Displays aufleuchtete. Geisterhaft huschte der blaue Schein durch den Fahrzeuginnenraum.

Ein Handy wurde herumgereicht.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah Lürsen das Bild einer barbusigen Blondine auf dem Display des Smartphones, das im Bus vor ihm die Runde machte. Der Fahrer des Bullis trat auf die Bremse. Der grelle Schein der Rücklichter tauchte das Fahrzeugdeck in einen unwirklichen Schein. Lürsen schreckte im Sitz hoch, umklammerte das Lenkrad des Porsche Cayenne und hieb mit dem Fuß instinktiv auf das Bremspedal. Dann erst registrierte er, dass der Fahrer vor ihm nicht wirklich bremste. Wahrscheinlich hatte sich dieser Schnösel einen Scherz daraus gemacht, während der Zugfahrt auf die Bremse zu latschen.

„Arschloch“, zischte Lürsen und sank mit pochendem Herzen wieder zurück in das Polster. Als der Autozug den Hindenburgdamm erreicht hatte, nahm der stählerne Lindwurm Fahrt auf. Es herrschte Ebbe. Im Schlick spiegelte sich bereits das Mondlicht, weit hinten am Horizont versank das letzte rote Licht der Sonne hinter der Insel.

Gähnend lockerte er den Krawattenknoten und öffnete den obersten Knopf seines blütenweißen Hemdes. Der Dresscode als Immobilienmakler ging ihm manchmal gehörig gegen den Strich. Frerk Lürsen richtete sich auf und betrachtete sein Gesicht im Innenspiegel. Alt war er geworden. Unter den Augen dunkle Ringe, auch die Rasur hielt nicht mehr. Stöhnend rieb er sich mit dem Handrücken das Kinn, spürte die kleinen Bartstoppeln und vernahm das leise Rascheln.

Doch je weiter sich der Zug Westerland näherte, desto mehr entspannte sich Lürsen. Seine Gesichtszüge entspannten sich, als er an die bevorstehende Nacht mit Silke dachte. Viel zu lange schon hatten sie sich nicht mehr gesehen, und jetzt freute er sich auf ein Wiedersehen. Silke war so anders als Maren. Seine Frau umgarnte ihn schon lange nicht mehr, und oft kam es ihm so vor, als hielte sie ihm nur seines Geldes wegen die Stange. Liebe war bei ihnen schon lange nicht mehr im Spiel. Kurz beschäftigte Lürsen der Gedanke, ob Maren wohl von seinem Verhältnis zu Silke wusste.

Und wenn schon. Sie würde es ertragen. Ertragen müssen, denn wenn er sie vor die Tür setzte, dann würde ihr nichts von seinem Vermögen bleiben.

Lürsen atmete tief durch und ließ die Seitenscheibe herunter, als sich rechts und links des Autozuges das Wattenmeer ausbreitete. Er arbeitete viel und er gönnte sich diesen Luxus. Warum auch nicht?

Schließlich wusste Maren, dass er die Nacht auf Sylt verbrachte. Wichtige Termine erwarteten ihn auf der Insel. Ein altes Bauernhaus in Keitum stand schon viel zu lange zum Verkauf. Endlich hatte sich ein potenzieller Interessent gemeldet, der aus dem alten reetgedeckten Kasten ein Teehus machen wollte. Sollte er, Lürsen machte drei Kreuze, wenn das alte Ding endlich verkauft war und er eine satte Provision einbehalten konnte.

Doch es gab noch ein anderes Projekt auf der Insel, mit dem er viel Geld verdienen konnte. Vor der Insel sollte im Wasser ein Ferienressort entstehen. Urlaub nicht am, sondern im Wattenmeer, so lautete die Devise.

Niemand hier zweifelte mehr daran, dass sich das Meer die Insel früher oder später zurückholen würde. Also war es eine logische Konsequenz, dass sich die Menschen neuen Wohnraum suchten. Warum also nicht auf dem Wasser?

Umweltschützer und Behörden gingen wegen des Großprojektes auf die Barrikaden, doch Lürsen zweifelte nicht daran, dass er sein Geld gut anlegte.

Er grinste, als er daran dachte, dass er mit der Frau des Meeresbiologen, mit dem er das Projekt plante, ein Verhältnis hatte. Selber schuld, dachte Lürsen, wenn sich Jens nicht um seine Frau kümmert, dann übernehme ich das eben.

Der Zug rollte in gemächlichem Tempo durch den Bahnhof von Keitum. Einige Gestalten hockten auf dem Bahngleis und warteten auf den nächsten Personenzug, dann schien das stählerne Ungetüm wieder in die Nacht einzutauchen. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis Westerland erreicht war.

Frerk Lürsen schloss für ein paar Minuten die Augen und dachte an die bevorstehende Nacht mit Silke. Er konnte es kaum erwarten, seine Geliebte wiederzusehen, freute sich auf ihr Lachen, den Duft ihres blonden Haars und auf ihre samtweiche und warme Haut.

Wenig später rollte der Autozug in den Bahnhof von Westerland ein. In der Ferne plärrte eine Lautsprecherstimme. Die Ansage war nicht zu verstehen.

Lürsen stellte die Sitzlehne aufrecht und atmete tief durch. Die Nacht mit Silke konnte beginnen. Jetzt freute er sich auf Sylt.

ZWEI

Ostenfeld, 5.20 Uhr

„Geh nicht dran.“ Eike Godemann räkelte sich schlaftrunken in Wiebkes Bett. Er streckte seinen Arm aus und legte ihn schwer wie Blei um ihre Taille.

Wiebke Ulbricht hatte das Klingeln ihres Diensthandys aus der Tiefschlafphase gerissen. Mit pochendem Herzen starrte sie an die schräge Zimmerdecke ihres kleinen Schlafzimmers, wandte den Kopf nach rechts.

Regentropfen pladderten auf das einen Spaltbreit offen stehende Dachfenster. Auch das Krähen von Gustav, dem Hahn des Nachbarn, konnte die Idylle des frühen Morgens nicht länger aufrechterhalten.

Wiebke seufzte. Die durchliebte Nacht zollte ihren Tribut. Die junge Kommissarin war müde. Sie wandte sich zu Eike um und schenkte ihm ein Lächeln. Sanft fuhren ihre Fingerkuppen über seine Brust. Er erschauderte und schloss genießerisch die Augen.

Es schien, als würde das Klingeln des Telefons lauter und fordernder. Wiebke zog ihre Hand zurück. Eike schlug die Augen auf. „Bitte“, flehte er. „Geh nicht dran.“

„Ich muss drangehen.“

„Sag einfach später, du hast das Telefon nicht gehört“, brummte Eike und blinzelte ihr zu. Wiebke betrachtete ihn nachdenklich. Am liebsten hätte sie bei seinem Anblick die Pflicht vernachlässigt. Er sah hinreißend aus, so männlich und doch verschlafen wie ein Baby. Die blonden Haare standen ihm strubbelig vom Kopf ab, die blauen Augen noch lange nicht wach, auf dem kantigen Kinn bildeten Bartstoppeln einen Dreitagebart, der sein markantes Äußeres unterstrich. Seine Haut schimmerte im spärlichen Licht des frühen Morgens geheimnisvoll. Wiebke strich über seine muskulösen Schultern und schob seinen Arm fort. „Ich muss drangehen“, flüsterte sie und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich im Bett aufrichtete. Wie er, so hatte auch sie nackt geschlafen.

Erst gestern war Eike von einer Tournee zurückgekommen. Er war der Frontmann von „Sleepless“, einer Rockband, die seit einiger Zeit quer durch die Republik tourte. Hinter Wiebke und ihm lag eine zunächst romantische, später eine leidenschaftliche und schlaflose Nacht. Ausgerechnet nach dieser kurzen Nacht verlangte der Job nach ihr.

Wiebke schob Eikes muskelbepackten Oberkörper beiseite und richtete sich auf. Das Handy lag auf dem Stuhl neben dem Bett.

Gähnend angelte sie danach. Mit einem Blick auf das Display stellte sie fest, dass es sich bei dem Anrufer um Hauptkommissar Jan Petersen, ihren Partner, handelte.

„Ist jetzt nicht dein Ernst“, beschwerte sie sich ohne eine Begrüßung bei ihm. Petersen wusste, dass sie gestern das Wiedersehen mit ihrem Freund hatte feiern wollen.

„Ich stör nicht gern, wobei auch immer“, antwortete er. „Aber mach hinne, wenn du schon die Feuerwehr nicht hörst, bei dem, was du gerade tust.“ Spott lag in seiner sonoren Stimme, und Wiebke schloss sekundenlang ihre Augen und konnte ihn grinsen sehen.

„Wir haben geschlafen, wie sich das gehört“, konterte sie und gähnte ungeniert in den Hörer. „Also, was liegt an?“

„Wir?“ Petersen stutzte. „Ist auch egal. Es gab einen Scheunenbrand bei dir um die Ecke. Hast du etwa keine Sirene, kein Martinshorn gehört?“

„Ich habe geschlafen wie ein Baby.“

„Völlig fertig von der körperlichen Anstrengung der letzten Stunden, nehme ich an.“ Jan Petersen kicherte.

„Das geht dich nichts an“, stellte Wiebke klar. „Du bist nur neidisch. Also – Fakten!“

„Vollbrand der Scheune bei Bauer Jacobsen, Ostenfelder Landstraße.“

„Scheiße.“ Wiebke war auf der Stelle hellwach. Die Jacobsens kannte sie. Ein liebenswürdiges und fleißiges Ehepaar in den Fünfzigern, das Tag und Nacht arbeitete, um über die Runden zu kommen.

„Das sehe ich auch so. Vielleicht sogar Brandstiftung, wär schön, wenn wir uns da gleich treffen.“

„Bin schon unterwegs.“ Wiebkes Daumen huschte über die rote Fläche des kleinen Touchscreens und warf das Handy auf den Ankleidestuhl.

„Du musst los?“ Eike blinzelte schlaftrunken zu ihr auf. Mit einer Hand kraulte er ihren Rücken. Wiebke rieselte ein angenehmer Schauer den Rücken herunter. Doch sie durfte jetzt nicht schwach werden.

„Leider“, seufzte sie und stieß die dünne Bettdecke fort. Heute Abend würde sie mit ihm nach Schleswig ins Rockabilly, einer kleinen Musikkneipe, fahren. Doch davon wusste er noch nichts. Wiebke würde ihn damit überraschen. „So wie es aussieht, hat der Brandstifter wieder zugeschlagen.“

DREI

Westerland/Sylt, 5.35 Uhr

Alleine sie zu betrachten, weckte seine Sehnsucht erneut. Frerk Lürsen drehte sich im wohlduftenden Hotelbett des Corint auf die Seite und schaute Silke an. Sie schlief in embryonaler Haltung und bekam nicht mit, dass er sie am liebsten auf der Stelle wach geliebt hätte. Er war versucht, mit den Fingerkuppen über ihre Seitenlinie zu streichen, hielt sich aber zurück. Wie gerne hätte er sich mit Silke in der Öffentlichkeit gezeigt, wie gerne wäre er Händchen haltend auf Partys erschienen, hätte sie voller Stolz als die neue Frau an seiner Seite präsentiert. Doch neben den Träumen und innigen Stunden, die ihnen die geheime Affäre bescherte, gab es auch noch ein reales Leben, ein Leben, in das sie immer wieder zurückkehrten. Und daran würde sich wohl auch nichts ändern.

Immerhin – so hatte Lürsen immer einen guten Grund, auf die Insel zu reisen. Silke war, wie er, verheiratet. Sie lebte an der Seite des Meeresbiologen Jens Knudsen.

Ein teuflisches Grinsen huschte um Lürsens Mundwinkel, als er daran dachte, dass er eben mit der Frau seines Geschäftspartners geschlafen hatte. Jens ahnte nichts von der Affäre seiner Frau mit dem Immobilienkaufmann.

Ihm, Frerk Lürsen, konnte es recht sein. Sie hatten große Pläne. Vor der Küste von Hörnum sollte ein Ferienpark im Wasser entstehen. Ein visionäres Projekt, das schon jetzt erhebliche Beachtung fand. Leider gab es immer wieder auch kritische Stimmen, die laut wurden. Knudsens Aufgabe war es, diese Nörgler mit wissenschaftlich belegbaren Fakten zum Schweigen zu bringen. Lürsen hatte nicht vor, sich von diesen selbst ernannten Naturschützern das lukrative Projekt kaputt reden zu lassen.

Auch deshalb war er auf der Insel. Doch heute galt es erst einmal, den alten Friesenhof von Keitum, eine Karteileiche seiner Objekte, zu verkaufen. Lürsen grinste, als sein Blick Silkes wunderschönen nackten Rücken streifte. Nach einer Nacht mit dieser leidenschaftlichen Frau würde er alles verkaufen können.

VIER

Ostenfeld, 6.35 Uhr

„Auch schon da?“ Jan Petersen blickte Wiebke erwartungsvoll entgegen, zückte sein Handy, um die Uhrzeit zu prüfen. Seit kurzer Zeit hatte er eines dieser neuen iPhones. Sein Lieblingsspielzeug. Dass er es von einem zwielichten Bekannten gekauft hatte, weil es „vom Lkw gefallen“ war, verschwieg er gern. Der Stolz auf das Smartphone überwog dem schlechten Gewissen.

Als Wiebke den Einsatzort erreichte, empfing sie die übliche Hektik. Rettungsfahrzeuge standen kreuz und quer, die Kollegen vom Streifendienst hatten Absperrband gespannt, um allzu neugierige Gaffer auf Distanz zu halten. Ein beißender Brandgeruch hing in der Luft. Wiebkes Blick glitt zu der abgebrannten Scheune des Gehöfts.

Hauptkommissar Jan Petersen drückte das Absperrband herunter, damit sie leichter darüberklettern konnte. Er grinste und schlug die Kapuze seines Bundeswehrparkas zurück.

„Im Gegensatz zu dir habe ich ein Liebesleben“, konterte Wiebke und deutete mit dem Kinn auf das Smartphone in Petersens Hand. „Du hast ja jetzt Siri. Ist sie gut im Bett?“

„Manchmal bereue ich es, mit dir im Team zu sein“, stöhnte Petersen. Eilig ließ er das Handy in der Tasche seines alten Parkas verschwinden. „Hat dein Typ nach der Tournee überhaupt noch Tinte auf dem Füller?“

„Wie bitte?“

„Ob er noch Lust hat – ich meine, dein Dithmarscher Barde wirft doch garantiert unterwegs keine Groupies aus dem Bett, oder?“

„Er ist kein Barde“, maulte Wiebke. Es nervte sie, dass Petersen den wunden Punkt ihrer Beziehung ansprach. Natürlich machte sie sich Sorgen, wenn Eike auf Tour war. Sie wusste, wie schwer es ihm fiel, nach einem großen Auftritt, bei dem mehrere tausend Leute der Band zugejubelt hatten, im einsamen Hotelzimmer runterzukommen. Und sie wagte sich nicht auszumalen, was er in schwachen Momenten tat, wenn ihm die Groupies zujubelten und ihm eindeutige Angebote machten. Wiebke vertraute ihm, dennoch war auch Eike nur ein Mann.

„Er betrügt mich nicht“, sagte sie mit dem Unterton der Überzeugung.

„Ist klar.“

Wiebke hatte keine Lust, über ihre privaten Ängste und Sorgen mit einem Sozialversager wie Petersen zu diskutieren. Er selber litt unter der Trennung von seiner Frau. Ihr Anwalt verstand es hervorragend, ihm auch das letzte Hemd auszuziehen. Viel blieb von seinem Beamtensold nicht übrig. So besaß er kein Auto und wohnte in einem winzigen Traufenhaus in Husum.

„Was haben wir denn hier“, lenkte Wiebke das Thema auf dienstliche Belange. „Weiß man schon mehr?“

„Jo. Abgebrannt.“ Petersen zuckte mit den Schultern und versenkte die Hände in den Taschen seiner Jeans. Sein starrer Blick lag auf den Resten der abgebrannten Scheune. Rauch stieg in den wolkenverhangenen Himmel. „Und nu?“ Er wandte sich zu seiner Kollegin um und betrachtete sie mit fragender Miene.

Das ist seine friesische Gelassenheit, dachte Wiebke Ulbricht. Die Kommissarin schüttelte den Kopf. Obwohl die Feuerwehr schnell vor Ort gewesen war, gab es nicht mehr viel zu retten. Das Feuer war inzwischen gelöscht, aber die Einsatzkräfte suchten noch nach letzten Glutnestern. Die grellen Arbeitsscheinwerfer der Feuerwehr vertrieben von ihren hohen Stativen aus die restliche Dunkelheit des trüben Morgens. Weiter hinten zuckte das Blaulicht der Feuerwehrfahrzeuge durch den noch dämmrigen Morgen und hüllte die Szenerie in ein bizarres Licht.

Irgendwo dröhnte ein Stromaggregat.

Wiebke fror erbärmlich. Wenn sie daran dachte, dass Eike jetzt noch im warmen Bett lag und schlief, wäre sie am liebsten schnell zu ihm gefahren.

Diese feuchtkalten Nächte machten sie fertig, sie fühlte sich, als würde sie eine Erkältung ausbaden. Unauffällig betrachtete sie Petersen. Er war nicht viel größer als sie selber, hatte dichtes, dunkles Haar und braune Augen. Wie ein geborener Nordfriese sah er nun wirklich nicht aus. Zum Pulli trug Petersen eine verwaschene und bügelfreie Jeans mit altmodischem Schnitt und seinen heiß geliebten olivfarbenen Bundeswehrparka. Seine Füße steckten in riesigen Gummistiefeln.

Die hätte Wiebke besser auch angezogen. Ihre Füße waren pitschnass geworden, als sie die letzten Meter vom Wagen bis zum Einsatzort zu Fuß zurückgelegt hatten. Der Weg zur Scheune glich einem Schlammfeld, deshalb hatte sie sich dafür entschieden, das Auto oben an der Ostenfelder Straße stehen zu lassen. Die Gefahr, dass sie sich mit dem Wagen im Matsch festfuhr, war ihr zu groß gewesen. Jetzt bedauerte sie die Entscheidung, denn nun fror sie und fürchtete, trotz ihres funktionierenden Immunsystems krank zu werden.

Zu dumm, dass sie den Vorsatz, sich endlich ein Paar Gummistiefel ins Auto zu legen, immer wieder vor sich hergeschoben hatte.

Als die Kommissarin tief einatmete, drang beißender Brandgeruch in ihre Nase. Sie wandte den Kopf hinüber zu den Resten der alten Scheune und ließ die bizarre Situation auf sich einwirken. Ein Brand in den frühen Morgenstunden. In der Scheune lagerten Landmaschinen und Heuballen. Noch stand nicht fest, ob ein technischer Defekt die Ursache war, oder ob vielleicht Kinder in der Scheune gezündelt hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Dummejungenstreich handelte, war allerdings verschwindend gering. Um fünf Uhr morgens lagen Kinder in der Regel noch in ihren Betten. Oder handelte es sich hier um einen neuen Fall von Brandstiftung? Seit ein paar Wochen musste die Feuerwehr immer zu Bränden ausrücken. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass man mit Brandbeschleunigern für eine Ausweitung des Feuers gesorgt hatte.

Zwei Streifenwagen der Polizei standen am Rand des unbefestigten Weges, blauweiß schraffiertes Absperrband hielt allzu neugierige Zeitgenossen davon ab, sich dem Einsatzort zu nähern. Die uniformierten Kollegen standen mit einem ungleichen Paar zusammen und machten sich Notizen. Benno Jacobsen, der Besitzer des Gutes, trug zu Gummistiefeln und Jeansjacke eine Latzhose. In der mächtigen Pranke hielt er einen Regenschirm, mit dem er seine Frau Suntje, eine stämmige Mittfünfzigerin in Stiefeln und Schürze, vor dem Regen schützte.

Wiebke musterte das Ehepaar. Benno war ein untersetzter, aber stämmiger Typ von Mitte fünfzig mit dickem Bauch und einem kugelrunden Kopf. Seine blonden Haare waren kurz geschoren.

Auch seine Frau war rundlich mit einem üppigen Vorbau, der sich unter der Regenjacke wölbte. Suntje Jacobsen war etwas jünger als ihr Mann. Die Beine waren ein wenig kurz geraten, dafür wirkten die Arme umso länger. Die dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, es sah aus, als wäre ein Friseurbesuch fällig.

Die Streifenpolizisten waren damit beschäftigt, mögliche Zeugen des Brandes aufzutreiben. Obwohl der Feuerschein in der bewölkten Nacht zwischen Westerwittbekfeld und Oldersbek sicher kilometerweit zu sehen gewesen war, schien es niemanden zu geben, der etwas Auffälliges in der Nähe des Hofes beobachtet hatte.

Wie Wiebke direkt nach ihrer Ankunft von den uniformierten Kollegen erfahren hatte, war es Howie, der alte Hofhund, gewesen, der mit seinem Gebell die Besitzer des Hofes geweckt hatte. Eine aufgeregte Suntje Jacobsen hatte schließlich um kurz vor fünf Uhr morgens den Notruf von ihrem Handy aus abgesetzt.

Obwohl bis zum Eintreffen der Feuerwehr nur wenige Minuten vergangen waren, schien das Ende der Scheune schon besiegelt zu sein, als die Rettungskräfte mit den Löscharbeiten begonnen hatten.

Wiebke Ulbricht wandte sich zu Petersen um, der gerade telefoniert hatte. Das Smartphone verschwand in seiner Jackentasche. „Ich hab mal Verstärkung aus Flensburg angefordert.“ Er blickte die junge Kollegin erwartungsvoll an.

„Vielleicht haben wir es mit den Serientätern zu tun“, überlegte Wiebke, während sie die noch rauchenden Reste der Scheune betrachtete. „Seit Wochen brennen zwischen Flensburg und Husum Traktoren, Scheunen und Heuballen.“

„Ein Bauernhasser?“ Petersen zog eine Augenbraue hoch.

„Was weiß ich.“

„Ich bin ja für meine eigene Theorie“, entgegnete Petersen und grinste schief.

„Und die wäre?“ Es begann zu regnen. Wiebke schlug die Kapuze ihrer Jacke hoch und blickte zum Himmel. Wind war aufgekommen und trieb dicke Wolken ins Landesinnere. Die junge Kommissarin fröstelte und versenkte die Hände in den Taschen ihrer gesteppten Jacke. Die Kälte schien nach ihr zu greifen und bereitete ihr Unbehagen.

Die Rettungskräfte der Feuerwehr waren damit beschäftigt, das Equipment in den roten Fahrzeugen zu verstauen, die sich, einer Wagenburg im Wilden Westen nicht unähnlich, um die Ruine herum aufgebaut hatten.

„Vielleicht bescheißt der Bauer ja die Versicherung“, riss Petersens sonore Stimme Wiebke aus den Gedanken. Er spuckte den Kaugummi, den er seit Stunden beackerte, in den vom Regen und Löschwasser aufgeweichten Boden.

Wiebke blickte hinüber zu den Jacobsens, die mit den uniformierten Kollegen beisammen standen. Das Gesicht des Landwirtes wirkte versteinert. Seine Frau hatte sich bei ihm untergehakt und weinte bitterlich. Das Ehepaar sah nicht danach aus, als würde es sich über die baldige Auszahlung der Versicherungssumme freuen.

„Nee“, meinte Wiebke und schüttelte den Kopf. „Ich kenne die Jacobsens. Sie haben nicht viel Geld, aber Versicherungsbetrug können wir wohl ausschließen.“

„Du kennst sie, also bist du befangen!“ Petersen wiegte den Kopf. „Also doch die Serienbrandstifter?“

„Ich denke schon.“ Wiebke nickte und blickte sich suchend um. Auf den Einwand, sie sei befangen, ging sie nicht ein. Sie kannte Petersen lange und gut genug, um zu wissen, dass er ihr vertraute. „Wo bleiben die anderen KTU-Leute?“

Bisher war nur Piet Johannsen aus Husum mit der Sicherung der ersten Spuren beschäftigt. Der Kriminaltechniker hoffte auf die Unterstützung aus Flensburg.

„Stehen wohl im Stau“, brummte Petersen ironisch und grinste schief. „Hab sie ja gerade erst angefordert.“

„Wohin?“

„In die Direktion. Ich brauch einen Kaffee.“

„Eigentlich wollte ich noch mit den Hofbesitzern sprechen“, murmelte Wiebke.

„Ist gut.“ Petersen hatte keine Einwände. Er folgte Wiebke, die mit weit ausholenden Schritten den matschigen Hof überquerte. Doch es nutzte nichts – ihre Schuhe waren längst durchnässt.

„Moin“, sagte sie, als sie bei den Landwirten angekommen war. Die uniformierten Kollegen nickten und hielten sich zurück.

„Moin Wiebke.“ Benno Jacobsen schüttelte den Kopf. „So ein Schiet, das waren doch bestimmt wieder diese Brandstifter.“

„Das kann ich dir noch nicht sagen, Benno“, erwiderte Wiebke. „Tut mir leid für euch. Was habt ihr denn in der Scheune gelagert?“

„Kühe im hinteren Teil, da war ein Stall. Und Werkzeuge, Stroh, und natürlich den Traktor. Das Ding war noch nicht abbezahlt.“ Jacobsen senkte den Blick. „Das ist mein Untergang, Wiebke, ich bin pleite.“

„Aber Sie waren doch versichert, nehme ich an?“, mischte sich Petersen ein.

Suntje Jacobsen schaute ihn mit regungsloser Miene an und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht“, sagte sie leise.

„Was sagst du?“, bellte Jacobsen seine Frau an.

„Ich weiß nicht, ob wir noch versichert sind“, erwiderte Suntje und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Auge. „Die Prämie war teuer, und es stand schlecht um unsere Finanzen in letzter Zeit.“

Wiebke warf Petersen einen Blick zu. Versicherungsbetrug war damit wohl kein Thema mehr. Umso dramatischer jetzt die Folgen für die Landwirte. Sie standen vor dem Scherbenberg ihrer Existenz.

„Du hast die Versicherung nicht bezahlt?“ Benno Jacobsen, dessen Gesicht bis eben eine tiefrote Färbung gehabt hatte, wurde kreidebleich.

Wiebke ahnte, wie es in ihm aussah. Er war ein Kerl wie ein Baum, und doch wirkte er plötzlich verletzlich. Mit fassungslosem Blick betrachtete er seine Frau. Er zitterte am ganzen Leib, als er den Kopf zur Brandruine wandte.

„Das waren doch diese Brandstifter“, sagte er schließlich an Petersen und Wiebke gewandt. „Es ist ein Witz, dass diese Schweine immer noch frei herumlaufen!“ Jacobsen atmete schwer. Er hob seine rechte Hand und zeigte erst auf Petersen, dann auf Wiebke. „Hättet ihr eure Arbeit gut gemacht, säßen die Brandstifter längst im Knast. Weil ihr unfähig seid, ist das da ...“, er zeigte zu seiner abgebrannten Scheune, „überhaupt erst passiert.“

„Herr Jacobsen, ich muss doch sehr bitten“, brummte Petersen gefährlich langsam.

„Benno, lass gut sein“, schluchzte Suntje Jacobsen. Sie legte eine Hand auf den Arm ihres Mannes, fast so, als wolle sie ihn schützen. Er schüttelte sie ab wie ein lästiges Insekt.

„Nein“, grollte er. „Ich frage mich, wofür wir unsere Steuern bezahlen, wenn unsere Polizei nicht einmal in der Lage ist, solche Typen dingfest zu machen. Da wird erst gewartet, was als Nächstes in Schutt und Asche gelegt wird ...“

„Benno, es reicht“, zischte Wiebke. Sie kannte den Bauern zwar nur flüchtig, aber immer hatte sie ihn als einen gutmütigen, fast sanften Mann kennengelernt. „Wir machen unsere Arbeit vernünftig.“

„Und wie erklärst du dir dann diese verdammte Brandreihe, Wiebke?“, brummte Jacobsen.

„Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um dieselben Täter handelt, oder ob uns ein Trittbrettfahrer das Leben so schwer macht“, erklärte Wiebke und war um Fassung bemüht. „Unsere Ermittlungen laufen auf Hochtouren, wir haben sogar eine Sonderkommission eingerichtet. Fünfzehn Kolleginnen und Kollegen ermitteln gegen die Brandstifter.“

„Das reicht nicht“, behauptete Jacobsen und schüttelte den kantigen Schädel. Er betrachtete erst die Polizisten nachdenklich, dann schaute er seine Frau an.

„Was machen wir jetzt bloß?“ Seine strahlend blauen Augen schimmerten feucht. „Wir sind am Ende.“

„Wie war das mit dem Feuer?“, fragte Petersen, mehr, um der unangenehmen Situation zu entkommen. Er räusperte sich und tauschte einen schnellen Blick mit Wiebke.

Suntje Jacobsen schnäuzte geräuschvoll in ein Taschentuch und murmelte eine Entschuldigung.

„Können wir ins Haus gehen?“, fragte Benno Jacobsen. „Da ist es wärmer.“ Er ließ den Schirm sinken und faltete ihn zusammen.

Petersen vergewisserte sich mit einem Blick zu Wiebke, ob sie keine Einwände hatte, dann nickte er. „Gern.“

Sie betraten das Wohnhaus des Hofes. Niedrige Decken und kleine Fenster verhinderten auch an Sonnentagen, dass viel Licht hereindrang. Muffiger Geruch schlug ihnen entgegen. Wiebke erwischte sich dabei, wie sie versuchte, möglichst flach zu atmen. Im Innern des Backsteingebäudes herrschte friesische Gemütlichkeit, Blau und Weiß bestimmten die altmodische Einrichtung. Das einfache Mobiliar verdeutlichte, dass bei den Jacobsens der finanzielle Schuh drückte.

Benno Jacobsen führte die Polizisten in die fast quadratische Wohnküche. Eine dunkelbraune Einbauküche aus den Achtzigern schien den Raum mit der niedrigen Decke zu erdrücken. In der Ecke die obligatorische Bank unter zwei Fenstern, davor ein massiver Esstisch. Zwei gebrauchte Tassen standen darauf, es duftete nach kaltem Kaffee.

Nachdem sich Benno zu Wiebke und Petersen gesetzt hatte, machte sich Suntje am Herd zu schaffen, um Tee aufzuschütten.

Wiebke beobachtete Suntje Jacobsen. Die Frau tat ihr leid. Die Landwirtin war völlig durch den Wind, sie schien in den letzten Minuten um Jahre gealtert zu sein. Wiebke erhob sich, um ihr zur Hand zu gehen.

„So“, sagte Petersen gedehnt und blickte den Hofbesitzer an. „Dann erzählen Sie mal – wie war das denn?“

Jacobsen fuhr sich mit der behaarten Pranke durch das unrasierte Gesicht, fast so, als könne er damit die Erinnerung an den Brand auslöschen. „Ich hab noch geschlafen“, brummte er und stierte auf die karierte Tischdecke. „Normalerweise bin ich um vier Uhr wach. Aber ich habe gestern ein paar Flens zu viel gekippt, Sie verstehen?“ Er blickte auf und grinste Petersen beifallheischend an.

„Ich verstehe.“

„Der Frust, ständig Tag und Nacht zu arbeiten, bei Wind und Wetter draußen zu sein und doch nicht über die Runden zu kommen, sich mit Rechtsanwälten und Vollstreckern herumzuärgern, das geht mir gegen den Strich.“

Wiebke blickte sich zu ihrem Kollegen um. Sie wusste, dass auch Petersen finanzielle Probleme hatte. Der Anwalt seiner Exfrau war sich nicht zu schade, den Hauptkommissar an den Rand des Ruins zu klagen.

Petersen bemerkte Wiebkes Blick, presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, bevor er sich wieder Jacobsen zuwandte. „Sie haben also verschlafen“, nahm er den Faden auf. Wiebke sah ihm an, dass es ihm schwerfiel, den Hofbesitzer zum Reden zu bringen. Was die an der Polizeischule Eutin gelernten Verhörstrategien anging, so war die friesische Einsilbigkeit nicht förderlich für die Polizeiarbeit.

„Jo.“ Benno Jacobsen nickte.

Suntje und Wiebke traten mit Geschirr und einer Teekanne an den Tisch. Schweigend füllten sie die Tassen und schoben sie zurecht. Auch das Geschirr hatte mindestens schon zwei Generationen erlebt.

Benno Jacobsens Hand zitterte, als er zur Tasse griff und einen Schluck nahm. Dann blickte er zu seiner Frau hinüber, die sich auf einen der wackligen Stühle sinken ließ und dabei seufzte wie eine alte Frau.

„Suntje“, sagte der Landwirt schließlich gedehnt, was seine Frau aufschauen ließ. „Suntje war es, die mich geweckt hat.“

Die Bäuerin räusperte sich. „Der Hund hat angeschlagen, das bedeutet nichts Gutes“, sagte sie, während sie ein paar imaginäre Krümel von der Tischdecke zupfte. „Entweder sind Einbrecher auf dem Hof ... oder es brennt. Ich bin also schlaftrunken aus dem Bett, hab am Fenster in den Hof geguckt und schon den Feuerschein gesehen. Da hat die Scheune lichterloh gebrannt.“ Sie brach ab, senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Ich habe meinen Mann geweckt und die Feuerwehr gerufen.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen?“, hakte Wiebke nun nach.

Die Landwirtin sah die Kommissarin unverwandt an. „Was soll mir aufgefallen sein?“

„Ein fremdes Geräusch, eine oder mehrere Personen, die sich auf dem Grundstück aufgehalten haben, ein Fahrzeug, das sich schnell entfernte oder so etwas?“, half Wiebke.

„Nichts dergleichen“, bedauerte Suntje Jacobsen.

„Habt ihr eigentlich Kinder?“, wechselte Wiebke das Thema. Landwirtschaft war ein Geschäft, an dem sich mehrere Generationen beteiligten. Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass die Jacobsens das Feld anscheinend auf weiter Flur alleine bestellten.

„Jörn und Meike“, nickte Suntje und lächelte für einen kurzen Augenblick. „Jörn ist einundzwanzig, Meike vierundzwanzig. Sie lebt mit ihrem Freund in Schleswig, Jörn hat eine kleine Wohnung in der Husumer Altstadt.“ Nun blickte sie die Polizisten an. „Jörn ist derzeit mit Freunden auf Sylt. Er jobbt da als Surflehrer.“

„Das klingt, als hätten eure Kinder kein Interesse daran, den elterlichen Betrieb eines Tages zu übernehmen“, stellte Wiebke fest.

„Hättest du Lust, als neuer Kapitän auf der Titanic anzuheuern?“, fragte Suntje Jacobsen leise. Sie umklammerte die Teetasse mit beiden Händen, fast so, als müsse sie sich daran die Finger wärmen.

Wiebke bewunderte sie für den wohl passenden Vergleich. Sie lächelte. „Nein“, sagte sie und nippte von dem Tee. „Sicher nicht.“

„Es steht schlecht um die Landwirtschaft, wir haben schon darüber nachgedacht, den Hof zu verkaufen“, erzählte Suntje Jacobsen leise. Sie blickte auf den Tisch und vermied es, Benno in die Augen zu schauen.

„Aber?“, fragte Wiebke.

„Wer will so einen heruntergewirtschafteten Betrieb schon übernehmen?“, fragte die Landwirtin.

„Habt ihr ihn denn heruntergewirtschaftet?“

„Unfreiwillig.“ Jetzt blickte Suntje Jacobsen ihren Mann an. Seine Miene war versteinert. Ruhig lagen seine großen Hände auf dem Tisch.

„Die EU macht uns das Leben schon seit Jahren schwer, der Kampf ums Überleben ist wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen.“ Suntje lächelte feinsinnig. „Die Episode schildert den ausweglosen Kampf des gnädigen Herrn gegen die gnadenlose Maschinerie. So ähnlich ergeht es uns.“

Wiebke warf Petersen einen Blick zu. Sie bemerkte, dass Suntje eine belesene Frau zu sein schien.

„Man könnte, wenn die Landwirtschaft nicht mehr läuft, Teile des Gutes in Ferienwohnungen umwandeln“, überlegte Wiebke.

„Du bist gut“, polterte Benno Jacobsen nun los. „Wir müssten alles sanieren und umbauen, bevor hier die Touris Urlaub machen können. Weißt du, was das kostet?“

„Nein“, sagte Wiebke wahrheitsgemäß.

„Zigtausende, was rede ich – Hunderttausende Euro kostet das. Und uns gibt niemand mehr einen Kredit, das kannst du mir glauben.“ Er funkelte seine Frau böse an. „Und jetzt, wo die nicht versicherte Scheune abgebrannt ist, erst recht nicht mehr.“

Petersen räusperte sich. „Und damit sind wir wieder beim Thema.“

„Wenn Sie uns Versicherungsbeschiss anheften wollen, sind wir raus“, brummte Jacobsen und warf seiner Frau einen vernichtenden Blick zu „Ja, wir sind pleite, aber weil meine Frau die Versicherung nicht bezahlt hat, können wir uns auch nicht auf die Auszahlung der Prämie freuen.“ Er schüttelte verbittert das massige Haupt. „Eine heiße Sanierung können Sie uns also nicht vorwerfen.“

Petersen nahm seinen Notizblock und einen Stift. „Welche Versicherung ist das?“

„Das ist doch nicht wichtig“, wisperte Suntje Jacobsen mit tränenerstickter Stimme.

„Eine reine Formsache“, vermittelte Wiebke. „Wir möchten nichts außer Acht lassen.“

„Gloria“, sagte Suntje Jacobsen leise. „Wir sind bei der Gloria versichert.“ Sie blickte Wiebke an. „Sicher wollt ihr den Versicherungsbrief sehen, oder?“

„Wenn du ihn bei der Hand hast, gern“, nickte Wiebke.

„Ich muss sehen.“ Sie erhob sich und erinnerte Wiebke wieder an eine alte Frau. In gebeugter Haltung verließ sie die Küche.

„Macht ihr auch Morde?“, fragte Jacobsen leise, als sie alleine waren.

„Wie bitte?“ Wiebke glaubte, sich verhört zu haben.

„Ob ihr auch in Mordfällen ermittelt“, präzisierte der Hofbesitzer seine Frage und grinste die Polizisten an.

„Natürlich“, erwiderte Wiebke konsterniert. „Wie kommst du darauf?“

„Ich stehe kurz davor, meine Frau umzubringen“, brummte Jacobsen. Er vollführte eine eindeutige Bewegung seiner rechten Handkante, die er, einer Messerklinge gleich, über die Kehle führte.

Petersen hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. Die filigranen Teetassen vollführten einen Hüpfer. „Jacobsen, was soll der Scheiß?“ Er schüttelte den Kopf. „Sie reden sich hier um Kopf und Kragen, Mann!“

„War doch nur ein Scherz“, murmelte Benno Jacobsen ein wenig kleinlaut. „Sie hat unsere Existenz auf dem Gewissen, wir sind am Arsch, Herr Wachtmeister.“

„Hauptkommissar“, verbesserte Petersen ihn. „So viel Zeit muss sein.“

„Du bist sauer auf deine Frau“, stellte Wiebke fest und versuchte sich in Deeskalation.

Jacobsen stierte sie an. „Sauer?“ Er lachte humorlos auf. „Du bist lustig. Ich kann mir einen Strick nehmen und mich erschießen.“

„Kein Grund, Ihre Frau zu töten“, mahnte Petersen.

„Mann, das war ein Witz“, bollerte der Landwirt und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Nichts, wofür man mich verhaften könnte. Und wenn schon – im Knast kriege ich wenigstens was zu fressen. Hier bleibt der Kühlschrank wohl bald leer.“

„Ich habe es gefunden.“

Alle Köpfe ruckten zur Küchentür. Jacobsens Frau war nahezu lautlos zurückgekehrt. Unter dem Arm klemmte ein vergilbter Aktenordner. Das Rückenschild war fast unleserlich. „Hier ist alles drin.“ Sie schob Wiebke den Ordner hin und setzte sich wieder. Dann starrte sie ihren Mann an. „Ich kann mich auch selbst umbringen, dann bin ich raus aus der Nummer.“ Offensichtlich hatte sie die Worte ihres Mannes gehört.

„Hallo – geht es noch?“ Petersen schüttelte wütend den Kopf. Er war selber ein Mann der klaren Worte, doch der Umgangston des Ehepaars war auch ihm eine Nummer zu hart. „Es geht hier um einen abgefackelten Bauernhof, nicht um ein Menschenleben. Wir sollten alle froh sein, dass keine Menschen in Mitleidenschaft gezogen sind.“ Er schnaubte. „Und Tiere, kann man in diesem Fall auch von Glück sagen.“

„Das Milchvieh steht auf der Weide“, nickte Suntje Jacobsen. „Ich habe keine Idee, wo wir die Kühe unterstellen können.“

„Es wird sich alles klären“, wagte Wiebke einen Versuch, die Landwirtin zu beruhigen. „Mein Kollege hat recht – wir sollten froh sein, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“

Petersen nahm den Aktenordner und ließ sich den Versicherungsbrief zeigen. Schnell notierte er die Versicherungsnummer und die Kontaktdaten des Vertreters, mit dem sie die Versicherung vor vielen Jahren abgeschlossen hatten.

„Haben Sie Angestellte?“, fragte Petersen.

„Nein.“ Benno Jacobsen rieb bezeichnend Daumen und Zeigefinger aneinander. „Wovon denn?“

„Feinde?“

„Wie bitte?“ Die Miene des Hofbesitzers verfinsterte sich. Er warf seiner Frau einen seltsamen Blick zu, den weder Wiebke noch Petersen deuten konnten.

„Ob es jemanden gibt, der euch nicht wohlgesonnen ist“, vermittelte Wiebke. „Gab es Streit in letzter Zeit mit irgendjemandem?“

Wiebke glaubte ein Zucken im Augenwinkel des Landwirtes zu erkennen, konnte sich aber genauso gut täuschen. Was sie sich nicht einbildete, war das Zittern seiner großen, behaarten Hände, als er das Tischtuch glatt strich.

„Nicht dass ich wüsste“, kam es tonlos über seine Lippen.

Er lügt, dachte sich Wiebke, als ihr Gegenüber den Blick senkte und tief durchatmete. Sie nahm sich vor, noch einmal mit den Jacobsens zu sprechen, wenn sich die erste Aufregung gelegt hatte.

Benno Jacobsen blickte auf. Seine Miene war versteinert.

„War es das dann?“ Für ihn schien das Gespräch beendet zu sein. Jacobsen blickte aus dem Fenster, durch das die Reste der abgebrannten Scheune zu sehen waren.

„Nicht ganz.“ Petersen schüttelte den Kopf. „Wir brauchen noch die Adressen Ihrer Kinder.“ Er tickerte mit dem Kugelschreiber.

„Wozu das?“

„Wir ermitteln in alle Richtungen“, wiederholte Wiebke geduldig. „Und wir sind gut in unserem Job, darauf kannst du dich verlassen.“ Sie lächelte Jacobsen entwaffnend an, doch er schüttelte den Kopf.

„Wenn ihr das wärt, dann wäre das da“, er deutete aus dem Fenster, „nicht passiert.“

FÜNF

„Und?“, fragte Wiebke, als sie durch den Matsch zu den Autos stapften. Der Tee hatte sie ein wenig aufgewärmt, dennoch glaubte sie, von innen heraus zu frösteln. Kein gutes Zeichen.

Petersen blieb stehen und blickte sie mit gerunzelter Stirn an. „Was – und?“

„Was hältst du von den beiden?“

„Ein komisches Paar“, brummte Petersen und klimperte mit dem Autoschlüssel. Er blickte zurück zum Jacobsen-Hof. „Die beiden sind am Ende, gar keine Frage. Entweder sie trennen sich, oder sie werden sich tatsächlich gegenseitig zerreißen.“

„Traust du Benno Jacobsen einen Mord zu?“

Petersen grinste. „Mädchen, manchmal bist du mir unheimlich. Besonders, wenn du den zweiten Schritt vor dem ersten machst. Noch lebt seine Frau.“

„Noch“, nickte Wiebke. „Er ist wütend und total verzweifelt.“

„Willst du ihn von den Kollegen beschatten lassen, weil er sich einen blöden Witz erlaubt hat?“

„Am liebsten würde ich es tun.“

„Hast du noch nie jemandem den Tod gewünscht?“

„Nein.“ Wiebke schüttelte den Kopf und strich sich die langen Haare zurück. „Und jetzt?“

„Ich werde anleiern, dass sich die Kollegen um die Feuerwehrleute kümmern. Ich will sämtliche Daten. Und ich werde auf die KTU warten, dann fahre ich in die Firma.“

Wiebke nickte. Es kribbelte in ihrer Nase. Sie musste niesen und murmelte eine Entschuldigung. Prompt erntete sie von Petersen einen väterlich-besorgten Blick.

„Und du fährst nach Hause und gehst heiß duschen, Mädchen. Ich will nicht, dass du krank wirst und ich mit einem der bescheuerten Kollegen ein Team bilden muss.“ Petersen warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Es ist kurz nach sieben. Wir treffen uns um neun zur Morgenrunde – also, hau rein.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er die Zentralverriegelung seines zivilen Dienstwagens aufschnappen und faltete seine massige Gestalt in den Fahrersitz.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss, startete aber den Motor nicht.

„Ist was?“, fragte Wiebke, die neben der offenen Fahrertür stehen blieb.

„Ich hab da so eine Idee“, erwiderte Petersen und stieg wieder aus. „Lass uns mal die Feuerwehr ins Visier nehmen.“

Wiebke runzelte die Stirn. „Was soll das?“

„Es brennt seit Wochen immer wieder. Immer Brandstiftung. Immer rund um Husum. Immer was mit Bauernhöfen. Scheunen, Heuballen, ein Traktor und jetzt das hier.“

Wiebke verstand nicht, was Petersen vorhatte. „Und?“

„Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Feuerwehrmann zündelt.“ Er ließ die Zentralverriegelung des grauen Ford wieder zuschnappen und ging voran.

Wiebke gefiel der Vorschlag mit der heißen Dusche zwar besser, aber sie fügte sich ihrem Schicksal und folgte ihm. Petersen fragte sich zum Einsatzleiter durch. Bei Peer Sammer handelte es sich um einen blonden Hünen mit kantigem Kinn und markanter Stirnpartie, der mit einem Funkgerät hantierte und Anweisungen gab.

In der schweren Feuerwehrmontur wirkte er imposant, fand Wiebke. So ähnlich mussten früher die Wikinger ausgesehen haben.

„Moin, Petersen, Kripo Husum“, er deutete auf Wiebke. „Kommissarin Wiebke Ulbricht, meine Kollegin.“ Er zeigte Peer Sammer seinen Dienstausweis. „Kannst du mir mal sagen, welche Feuerwehren hier im Einsatz sind?“

„Klar, warum?“

„Weil mich das interessiert.“

Wiebke schmunzelte. Wenn Petersen keine Lust auf Diskussionen hatte, dann kehrte er den sturen Nordfriesen heraus.

Der Löschzugführer stöhnte. „Also gut, wenn’s sein muss. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr in Ostenfeld, der Löschzug aus Husum und ein Fahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr aus Schobüll.“

„Schobüll?“, hakte Wiebke nach. „Ziemlich weit weg, oder?“

„Wir haben Florian Nordfriesland 70/46-04 – LF 20/16 angefordert“, erklärte Sammer und löste damit nur ein Stirnrunzeln bei Petersen aus.

„Florian ... was?“

„Ein Löschgruppenfahrzeug zur Unterstützung.“ Sammer grinste. Es war ein überhebliches Grinsen. „War’s das, Leute?“ Er machte keinen Hehl daraus, dass die Fragen der Polizisten ihn nervten.

„Ich will, dass sich keiner von eurem Verein von der Einsatzstelle entfernt“, brummte Petersen und zwinkerte Wiebke zu.

„Was soll denn der Scheiß?“ Sammer runzelte die Stirn.

Petersen stöhnte. Er hasste es, wenn man ihm widersprach. „Ich möchte, dass sich eure Leute nach Beendigung des Einsatzes bereithalten. Wir haben ein paar Fragen an die Kameraden.“

„Wieso?“

„Darum.“ Ohne ein weiteres Wort machte Petersen auf dem Absatz seiner Gummistiefel kehrt. Er gab Wiebke ein Zeichen. Sie folgte ihm schweigend. Als sie außerhalb der Hörweite waren, hielt sie ihn am Ärmel fest.

„Mich würde das jetzt auch interessieren.“

„Was die Aktion soll, meinst du?“ Petersen grinste.

Wiebke nickte.

„Ich will ihre Daten, Namen, Adressen, wer zu welcher Feuerwehr gehört. Und dazu brauche ich Bilder von jedem der Einsatzkräfte.“

„Es wird ihnen nicht gefallen, das sind freiwillige Retter, die die Einsatzzeit von Privat- und Berufsleben abknapsen müssen.“

„Damit kann ich leben“, erwiderte Petersen.

„Jan, was hast du vor?“ Wiebke sah zu dem friesischen Hünen auf. Manchmal nervte sie sein Pokerface.

„Mädchen, denk mal nach“, forderte er sie auf. „Es wäre nicht das erste Mal, dass irgendein profilierungssüchtiger Feuerwehrmann zündelt.“

„Der Brandstifter soll einer von denen“, Wiebke deutete zu den Feuerwehrleuten, „sein?“ Sie wiegte den Kopf. Petersen hatte recht. Die Brandserie hielt Nordfriesland in Atem, aber im Kreis Husum häuften sich die Anschläge.

„Ich will nichts außer Acht lassen“, erklärte Petersen. „Und dass es unter den Feuerwehrleuten auch Brandstifter gibt, ist erwiesen. Genauso wie es Fälle von Kindesmisshandlungen bei Geistlichen oder Todesengel unter Krankenschwestern gibt.“

„Oder Drogendealer bei der Polizei“, fügte Wiebke hinzu.

Petersen nickte zufrieden. „Jetzt bist du bei mir, Mädchen. „Und da kann ich auf das persönliche Befinden der Feuerwehrleute keine Rücksicht nehmen, auch nicht auf verletzte Eitelkeiten.“ Er zückte das Telefon und rief in der Direktion an. Während er dem Freizeichen lauschte, setzte er sich in Bewegung. „Und jetzt nichts wie nach Hause mit dir, die Dusche wartet.“

SECHS

Westerland/Sylt, 7.05 Uhr

Die Insel erwachte zum Leben. Fahrzeuge rollten langsam in beide Richtungen der Schützenstraße. Ein seichter Wind wehte durch das auf Kipp stehende Schlafzimmerfenster und blähte die blauweiß-gemusterten Vorhänge auf. Als er den Blick nach rechts wandte, sah er durch das bodentiefe Wohnzimmerfenster einen glutroten Himmel im Westen. Der Frühling zeigte sich auch heute Morgen von seiner schönsten Seite. Trotzdem konnte er weder dem Wetter noch der Insel etwas Positives abgewinnen. Er drehte sich nach links und sah, wie Silke friedlich schlafend in embryonaler Haltung eingerollt neben ihm lag. Die Bettdecke war ihr bis zu den Hüften heruntergerutscht. Er war versucht, über ihre samtweiche, makellose Haut zu streichen und ihre Schultern zu küssen, doch er hielt sich zurück. Durch das warme Licht der Frühlingssonne wirkte ihre Haut besonders weich.

Vorsichtig schlug er die Bettdecke weg und schlich sich so leise wie möglich aus dem breiten Bett.

„Wo willst du hin, so in aller Herrgottsfrühe?“, murmelte sie schlaftrunken und blinzelte ihm entgegen. Eine Strähne hing ihr ins Gesicht.

„Ich habe einen Termin“, entgegnete er und rang sich ein verliebtes Lächeln ab. Er hatte gehofft, sich unbemerkt aus dem Hotelzimmer des Corint schleichen zu können.

Vergeblich. Sie war erwacht.

Nun würde er ihr Rede und Antwort stehen müssen.

„Einen Termin? So früh?“ Sie lächelte ihn kokett an und drehte ihren Körper zu ihm herum. „Du hast nur einen Termin mit mir.“

„Das wäre zu schön, um wahr zu sein“, behauptete Lürsen. Er war um einen möglichst unbekümmerten Tonfall bemüht.

„Was ist das für ein Termin?“, wollte sie wissen und räkelte sich verführerisch auf dem Bett.

„Ein altes Objekt in Keitum.“ Mit wenigen Sätzen berichtete er ihr von dem heruntergekommenen Kasten.

Sie hörte zu, dann zog sie eine Schnute. „Ich habe uns Frühstück aufs Zimmer bestellt“, säuselte sie.

„Wie lange wird Frühstück serviert?“

„Bis elf.“

Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Rolex und grinste gewinnend. „Das könnte ich schaffen. Und wenn ein Abschluss zustande kommt, habe ich anschließend sogar gute Laune, und wir baden in Champagner.“

Sie krabbelte aus dem Bett und schmiegte sich eng an ihn. Lürsen kämpfte gegen die Erektion an und drückte sie sanft, aber bestimmt fort. Jetzt schwach zu werden kam nicht infrage.

„Und wenn du keinen Abschluss schaffst, werde ich dafür sorgen, dass du wieder gute Laune bekommst“, versprach sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn leidenschaftlich. Ihre Hände glitten in seinen Schoß.

Er spürte die aufsteigende Erregung und drohte kurz, doch schwach zu werden. Dann knöpfte er sich eilig das weiße Hemd zu. Es kam selten vor, dass er Hemden länger als einen Tag trug. Doch hier heiligte der Zweck die Mittel.

„Ich freue mich“, behauptete er, dann verschwand er kurz im Bad.

SIEBEN

Husum, 9.05 Uhr

In der Polizeidirektion an der Poggenburgstraße herrschte eine seltsame Hektik. Wiebke konnte nicht beschreiben, woran es lag, doch die Stimmung war seltsam an diesem Morgen. Kollegen rannten wild durcheinander und nickten ihr nur knapp zu. Die Stimmung in einem Bienenkorb von Imker Harmsen ist entspannter, dachte Wiebke ironisch, als sie das Büro mit Blick in den Hinterhof der Direktion betrat. Die Hektik auf dem Korridor der Behörde sperrte sie aus.

„Frisch wie der junge Morgen“, begrüßte Petersen seine Kollegin. Wiebke streifte die gefütterte Jacke ab, die Luft im Büro war trocken und stickig.

„Ich fühl mich aber nicht frisch“, murmelte Wiebke und ließ sich auf den einfachen Bürostuhl sinken, um den Computer hochzufahren. „Irgendwas brüte ich aus.“

„Oha“, machte Petersen nur und zog die Mundwinkel nach unten. „Ich habe schon ein wenig vorgearbeitet für die Morgenrunde, kannst es locker angehen lassen.“

Wiebke lächelte erleichtert. „Du bist ein Schatz, Jan.“

„Ich werd gleich rot.“

„Du und rot werden? Im Leben nicht.“ Wiebke blickte auf die Armbanduhr. „Meinst du, ich kann mir noch schnell einen Tee machen?“

„Aber klar doch.“

„Danke.“ Sie erhob sich und verließ das Büro. Auf dem Gang herrschte jetzt gähnende Leere, auch in der Teeküche war sie alleine.

Der fensterlose Raum war fast quadratisch, auf einem Tablett stapelten sich einfache Kaffee- und Teepötte. Wiebke machte sich am Wasserkocher zu schaffen. Sie füllte den Behälter und schaltete das Gerät ein. Während das Wasser zu kochen begann, nahm sie eine der Tassen vom Tablett.

„Wie lange brauchst du?“

Wiebke erschrak so sehr, dass sie die Tasse fallen ließ. Scheppernd landete das Porzellan auf dem Boden und sprang in tausend Scherben.

Wütend, teils über sich selbst, teils auf ihren Vorgesetzten, wirbelte Wiebke herum und blickte in das entsetzte Gesicht von Hauptkommissar Kai Christensen. Er betrachtete die Scherben. „Sorry“, murmelte er schuldbewusst und war für einen Moment lang nicht der selbstsichere Abteilungsleiter, der er sonst war.

„Mann, Kai, was ist denn bloß los mit dir?“, fragte Wiebke. „So ein Mist.“

„Ich sagte doch – es tut mir leid“, brummte Christensen und grinste schief. „Ich war in Gedanken schon beim Meeting, und ...“ Mit sanftem Druck schob er Wiebke beiseite, um sich nach dem Kehrgeschirr zu bücken. Schweigend machte er sich daran, die Scherben zusammenzufegen.

Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck lehnte Wiebke an der Arbeitsplatte und betrachtete ihren Vorgesetzten. Kai Christensen war Anfang fünfzig, fast zwei Meter groß und kräftig. Das blonde Haar trug er militärisch kurz. Eine Duftwolke seines Aftershaves umgab ihn. Aus privaten Gründen hatte er sich letztes Jahr nach Husum versetzen lassen. Er wohnte in Mildstedt und war froh, die Fahrerei nach Flensburg, wo er viele Jahre seinen Dienst verrichtet hatte, künftig nicht mehr auf sich nehmen zu müssen.

Ächzend stemmte er sich mit dem Blech voller Scherben in die Höhe. „Es ist spät“, brummte er und kippte die Reste der Tasse in den Klappmülleimer.

Im Wasserkocher blubberte es, dann schaltete sich das Gerät mit einem vernehmlichen Knacken ab.

„Ich bin schon dreieinhalb Stunden im Dienst“, konterte Wiebke. Obwohl Christensen ein umgänglicher Typ war und für viele Kollegen der Polizeidirektion eine Vaterfigur verkörperte, ging er Wiebke heute auf die Nerven. Sein Gesicht war gerötet, als er sie anblickte.

„Was war mit dem Scheunenbrand?“, fragte er. „Wissen wir schon was zur Brandursache?“

Wiebke zuckte mit den Schultern. „Wir sind dran, aber es ist zu früh, um Brandstiftung auszuschließen.“ Sie nahm sich eine neue Tasse vom Tablett, füllte das kochende Wasser ein und tunkte einen Teebeutel hinein.

„Ich fress einen Besen – diese Brandreihe wird mich noch den Kopf kosten.“

„Was?“ Wiebke verstand nicht. „Warum das denn?“

„Der Druck wird größer“, erwiderte Christensen. „Die Presse will, dass wir den Fall lösen, Politik und Staatsanwaltschaft hängen mir im Nacken, und jetzt machen auch noch die Tourismusverbände Druck, weil die Urlaubssaison bald losgeht. Da machen sich Brandstiftungen nicht so gut.“

Langsam verstand Wiebke, warum in der Polizeidirektion heute diese seltsame Stimmung herrschte. Christensen fürchtete um seinen Posten. Er stand unter Druck und machte alle in der Dienststelle verrückt.

Jetzt tat er ihr fast schon leid. „Lass uns gleich im Meeting drüber sprechen“, schlug sie mit einem sanften Lächeln vor. Ohne seine Antwort abzuwarten, verließ sie die Teeküche. Sie musste Petersen warnen, dass ihr Chef schlecht gelaunt war. Zu oft waren die beiden friesischen Sturköpfe schon aneinandergeraten. Darauf hatte sie heute Morgen keine Lust.

ACHT

Keitum, 9.10 Uhr

Wo blieb dieser Typ nur? Unruhig marschierte Frerk Lürsen vor dem Anwesen am Tipkenhoog auf und ab. Weit und breit war nichts von seinem Kaufinteressenten zu sehen, nicht einmal ein fremdes Fahrzeug parkte am Straßenrand. Immer wieder schielte Lürsen auf seine Rolex. Wenn er eines hasste, dann Unpünktlichkeit. Um diese Uhrzeit erwachte der malerische Ferienort langsam zum Leben. Der weiße Lieferwagen einer Bäckerei aus Westerland rollte langsam an Lürsen vorüber und bog nach rechts in die Christian-Peter-Hansen-Allee ein.