Weberknechte webern und Schwebefliegen können lesen - Andreas Tatowsky - E-Book

Weberknechte webern und Schwebefliegen können lesen E-Book

Andreas Tatowsky

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Beschreibung

Wo ein Pudl und ein Frosch einander knurrend guten Tag sagen, eine Raupe ihr E-Book ignoriert und lesende Schwebefliegen gesichtet werden, können Andreas Tatowksy und seine Göttinnen-Gattin nicht weit sein. Andreas Tatowsky erzählt auf humorvolle Weise von den Abenteuern, die Camper auf ihren Reisen erwarten. Als Vorlage dient sein eigener Aufenthalt in Osttirol und Kärnten, den er in Begleitung seiner Göttin und der lieben Frau Wanderlust, die auch ihren Freund Muskelkater einladen durfte, genossen hat. Die perfekte Lektüre für eingefleischte Camper und alle, die es noch werden wollen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Einleitung 3

Damals war alles anders 5

Wo ist überhaupt Norden? 11

Weberknechte webern 15

Kühlbox – teilentmündigt 17

Geschäftchen 20

Von Vogerln und Raupen 23

Schwebefliege am Salzsteuer 25

Ein Streik zieht weite Kreise 31

Die Campingwelt ist Bühne 35

Aguntum 43

Spinatknödel und Kaiserschmarrn 50

Rinderschinken 57

Frauenschuh 65

Regentin im Wiener Königreich 76

Kikeriki 89

Faulenzertag mit Blasmusik 104

Muffensausen und Murphys Gesetz 117

Eiskaffee auf Wiener Art 132

Möbiusschleife 151

Von Raupen und Maden 163

Murmeltier und Medusa 181

Aichmophobie und Zitroneneis 191

Wegen Reichtum geschlossen 205

Medusa lächelt 215

Origami mal Pi zum Quadrat 221

Abschied von der freundlichen Chefin 225

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-212-6

ISBN e-book: 978-3-99107-213-3

Lektorat: Bianca Brenner

Umschlagabbildung: Andreas Tatowsky

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Einleitung

Warum sollte unsere Reise nach Osttirol auch gut verlaufen? – Wenn es der Zufall anders will, dann beschert er uns Geschichten, die es wert sind, weitererzählt zu werden, wenn auch ihr Wahrheitsgehalt mehr der Aussage entspricht, dass Schnecken oder Kängurus rückwärtslaufen können.

So liegt auch eine Nebelwolke aus Fiktion und Wahrheit wie ein Schleier über meiner Welt aus Tagträumen und tatsächlich erlebten Geschichten. Manchmal glaube ich daran, schon ein wenig dem Wahnsinn verfallen zu sein, wenn ich mir vorstelle, einer sprichwörtlichen Personifizierung einiger meiner Alltagsgegenstände Glauben schenken zu sollen. Fantasie ist für mich dabei ein ganz brauchbares Werkzeug, wenn ich mir die Zeit nehme, ein wenig dabei zuzusehen, was die Welt um mich bereit ist, von ihren Geheimnissen preiszugeben.

Eine schwarzgelbe, lederne Werkzeugtasche bleibt, was sie ist, wenn sie dich aber grimmig ansieht und dabei knurrend Anstalten macht, dir den Arm abzuknabbern, wenn du versuchst, auch nur einen Schraubenzieher aus ihr herauszunehmen, dich dann mit ihrer riesigen bogenförmigen Öffnung Stück für Stück ins Innere zieht, bis du am Boden angelangt bist und nur noch deine Füße sichtbar sind, deren Geruch sie mit ihrer nasenförmigen Verschlussklappe wahrnimmt, dessen sie dann aber überdrüssig wird, woraufhin sie dich dann hochwürgt und auf den Schreibtisch spuckt, um dir den Schraubenzieher auch noch hinterherzuwerfen, dann kommt sie aus meiner Welt, in der man es ohne Weiteres zulassen darf, dahin entführt zu werden.

Andreas Tatowsky

Wien, 25. 02. 2020

Damals war alles anders

Müde von den vielen erstiegenen Almen und Gipfeln, mit der Erkenntnis, das nächste Jahr wieder hierherzufahren, um für uns neue Pfade zu erkunden und uns vor allem der Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit der Osttiroler und der Kärntner Bevölkerung hinzugeben, besteigen wir mit Wehmut unser Gefährt, winken unseren Nachbarn noch einmal zu und fahren durch jenen rot-weiß-roten Schranken, der die Campingplatzanlage von dem Rest der Welt abgrenzt, die von all den grau asphaltierten, breiten, hell beleuchteten und lärmenden Straßen, welche zwischen festgemauerten, vielstöckigen Häusern verlaufen, geprägt ist, unserer eigentlichen Heimat entgegen. Aber …

… begonnen hat alles damit, dass ein geeigneter Campingplatz gefunden werden musste.

Die Vorgeschichte dazu ist, dass wir, das sind meine Frau und meine Wenigkeit, seit vielen Jahren das Zigeunerleben ohne jeglichen großen Komfort wie Fernsehen, Radio, eigene Toilette, eigenes Bad und jegliche feste Bausubstanz, die einen umgebenden Wände, Dach und Keller sowie das Nicht-vorhanden-Sein jeglicher praktischer Küchenutensilien wie Mixer, Geschirrspüler, Kühlgefrierschrank und auch das Wegfallen der Waschmaschine sehr schätzen. Man ist in diesem stoffumhüllten Refugium zwar vor Regen und anderen Umwelteinflüssen geschützt, aber gleichzeitig direkter Teilhaber an der Natur. Mit Aussteiger würde die richtige Bezeichnung getroffen werden, würde da nicht noch das Hindernis sein, noch einer geregelten Arbeit nachkommen zu müssen. Meine mich liebende Frau ist noch immer eine schulpflichtige Lehrerin, die nur zu Ferienzeiten diese Freiheiten genießen kann, und ich bin noch auf der Suche nach einer geeigneten Tätigkeit, die es Wert ist, sie auch im etwas fortgeschrittenen Alter noch ausführen zu dürfen. Als Zeltarchivar hätte ich da eine ganz gute Berechtigung, denn die Anzahl der über die Jahre wahrscheinlich aus Sentimentalität im Keller aufbewahrten Zelte unterschiedlichster Bauarten lässt sich nicht mehr so genau ermitteln. Die Summe der zusammengesetzten Grundflächen würde mit Sicherheit die Grundfläche eines größeren Bierzeltes bei weitem überschreiten. Die Funktionalität und Gemütlichkeit der einzelnen Zelte waren immer den Gegebenheiten angepasst, denen sie auch entsprechen sollten. Das betrifft im weitesten Sinne die Größe meiner Familie und den Stand der Mobilität seiner Benutzer.

Am Anfang begann alles mit einem Drei-bis Viermannzelt aus Leinen, wie das damals so üblich war, ohne jeglichen Komfort, eine einzige Stütze, ein einziges Hauptseil, aber eine rundum aufgestellte Gummisohle, die allerdings für damalige Verhältnisse schon sehr sorgfältig ausgeführt wurde und damit auch wasserdicht war. Mit neun Heringen fixiert stand das Zelt, ein sehr praktisches System, an dem sich bis heute nicht viel geändert hat. Das Zeltchen konnte, wie das von mir auch getan wurde, bequem mit dem Fahrrad transportiert werden. Vererbt hat mir das mein Vater, der seinerseits mit seiner damaligen Freundin, meiner Mutter, auch diese Reisevariante gewählt hat. Die beiden haben dann geheiratet und sollen, wenn ich mich recht entsinne, 1955 verehelicht ihre anschließende Hochzeitsreise damit in Rauris verbracht haben. Uns leistete es jedenfalls die ersten Jahre unserer langen Campingkarriere sehr gute Dienste, und es fristet sein nunmehr ruhiges Dasein immer noch aufstellbereit im Keller. Das neueste Zelt ist allerdings um einiges größer, in seiner Handhabung aber wieder recht einfach gehalten, sodass die Zeit seiner Errichtung mit einer halben Stunde eingegrenzt werden kann. Alle Handgriffe werden von uns fast wie einstudiert ausgeführt.

Damals war das allerdings anders, als Zelte noch fantasievolle Konstruktionen waren, aus zahlreichen sperrigen Stahlrohren mit Eckverbindern, die teilweise an Federn miteinander verbunden waren, was das Zusammenfinden der Teile hätte erleichtern sollen, mit kuriosen, selbst nachgerüsteten Anbauten der Vor-Zelte, für eine kleine Küchennische vorgesehene exotische Erkerkonstruktionen mit Lüftungsfenster. Da war ich über jede helfende Hand froh, die anpackte, Hauptsache man verlor dabei nicht den Überblick. Ich habe schon oftmals sehr amüsiert bei Zeltnachbarn zugesehen, wenn sie ihre Zelte errichteten, wobei ein gigantisches Heer von Personen nur versuchte, Kommandos zu erteilen, wie man ein Zelt richtig aufstellt, ein etwas kleineres Heer, das Gestänge zu ordnen, um es dann wieder umzuordnen, um es wieder umzuordnen. Ein noch kleineres Heer versuchte, die im Vorjahr äußerst schlampig zusammengelegten Spannleinen zu entwirren, und es war nur ein Einziger (!), der die wichtige Arbeit verrichtete, die Heringe mit einem Hämmerchen in den Boden zu hämmern, weil eben gerade nur ein Hämmerchen zur Verfügung stand, das benützt werden konnte. Nach einigen Stunden war auch dieses Zelt bewohnbar gemacht und bezogen worden.

Damals war das allerdings anders, da waren auch wir mit einem Zelt unterwegs, welches von einer Größe war, die es unseren Kindern erlaubte, auch bei Schlechtwetter im Zelt zu bleiben, und Schlechtwetter gab es in Sankt Wolfgang, unserem damals ausgewählten Reiseziel, recht reichlich. In diesem Steilwandzelt wurde bei Schlechtwetter sogar Federball und Fußball gespielt, und bei umgebauter Vorzeltwand hätte auch mein Auto bei Starkregen noch Platz gefunden. Die Sorge bei dieser Zeltgröße bestand darin, einen passenden Stellplatz zu finden, der eben, frei von Bäumen und vor allem groß genug war, die 4,80 mal 6,20 Meter große Bleibe aufzunehmen. Die Gefahr hingegen bestand darin, dass sich, wenn man am Morgen aufwachte, im Vorzelt ein Motorradlfahrer samt Gattin in einem kleinen Schlafwurmzelt eingenistet und sein Motorradl untergestellt hat, damit es nicht nass wird, wenn es in der Nacht regnet. Ungarische Bauern hingegen hätten das Vorzelt für ihre Paprikakulturen als Glashaus nützen können. Damals war halt alles anders …

… begonnen hat heuer alles damit, einen geeigneten Campingplatz zu finden.

Der in Lienz sehr zentralgelegene Comfort Campingplatz Falken schien uns dabei der geeignetste zu sein. Auf 675 Metern Seehöhe gelegen ist er nach unseren bisherigen Erfahrungen zwar etwas höher gelegen, aber noch im Rahmen. Wenn ich da an den in Montenegro denke, der mit 1560 Metern der bislang höchstgelegene und mit seinen abendlichen Temperaturen, die mit fünf Grad Celsius Gott sei Dank noch im Plus-Bereich lagen, auch der kühlste war, den wir jemals besucht haben, dann ist dieser hier „noch im Rahmen“. Damals war es uns gelungen, wenn wir am Abend vor dem Zelt gemütlich zusammensaßen und noch ein Buch lesen wollten, ein Kleidungsstück nach dem anderen auszupacken und anzuziehen, bis alle unsere Vorräte an T-Shirts, Hemden, Trainingsjacken, Pullovern, Regenzeugs einschließlich aller Wolldecken, die wir finden konnten, aufgebraucht waren und wir feststellen mussten, es ist immer noch kalt. Damals haben wir es vorgezogen, uns in unsere Schlafsäcke zu kuscheln und vorzeitig schlafen zu gehen. Damals war alles anders …

Beim Anmeldeschalter saß ein mir etwa gleichaltriger Herr mit leichtem Kärntner Dialekt (nicht verwunderlich ob der Nähe zu Kärnten) und bot uns einige Stellplätze an, die laut Platzplan frei waren, aber alle irgendwie gleich aussahen. Ich bemerkte: „Die werden ja eh alle gleichwertig sein.“ „Na-Na“, kam zurück, „a jeder hot sei Eigenheit.“ Dabei kam ich zur Einsicht, dort einen schönen, ebenen und für die Größe unseres Zeltes angepassten Stellplatz zu finden ist ebenso schwierig wie die Suche nach dem passenden Christbaum. Jeder Baum ist der geeignetste, jeder hat eigene Vorzüge, jeder kann der geradeste, regelmäßigste oder ausgefallenste sein. Unser Plätzchen, das wir endlich gefunden hatten, ist das Schönste! Vielleicht am Abend ein bisschen zu kühl, am Morgen ein wenig zu windig, in der Nacht zu kalt und untertags nicht vorhanden, weil man da ja auf Achse ist. Na gut, nach längerem Suchen hatten wir mit dem Zeltplatz dann auch wirklich den richtigen gefunden. Er hat einen Baum gut für die Wäscheleine und gut gegen die Mittagssonne. Einen weiteren gut gegen die zu helle Morgensonne. Der Platz ist ideal und eben, um das Zelt fast faltenfrei aufzustellen. Der Zeitpunkt der Suche war günstig gewählt, in der näheren Umgebung vorne, hinten, rechts und links sind noch keine Nachbarn angesiedelt, damit war es bisweilen direkt gespenstisch ruhig … Auch die bereits angereisten entfernteren Nachbarn, Italiener, Holländer, Schweizer und auch Deutsche, sind erträglich und ruhig bisweilen … „Ihre Hunde sind erwünscht“ stand im Prospekt zu lesen, einer war auch schon da. Ich will ihn kurz „Waldi“ nennen, seines Zeichens ein Dackel von edlem Geblüt – ein Deutscher, niederbayrischer Herkunft, mit entsprechend treuem Blick ausgestattet, war er auch sehr ruhig und erträglich bisweilen …

Mit unserem Gefährt steuern wir den ausgesuchten Platz an …

Zum besseren Verständnis, Gefährt ist unser fahrbarer Untersatz, ein VW Multivan, sieben Sitzplätze, also jede Menge Stauraum für nur zwei Personen, der meistens bis auf den letzten Millimeter ausgenützt wird, sodass die Zuladung dermaßen hart an der Grenze ist und die Benützung mit einem B-Führerschein gerade noch zulässt. Entschieden haben wir uns bereits ein zweites Mal, ein so großes Fahrzeug zu kaufen, da die Reisen, die wir im Urlaub unternehmen, sowieso jedes Mal gleich ausfallen: mit dem Zelt wie Zigeuner von Stadt zu Stadt fahren. Gefährt wäre allerdings nicht Gefährt, wenn es nach meiner Gattin ginge, die das Auto finanziert hatte und sich das Recht nicht nehmen lässt, ihm auch noch einen Namen zu geben, was Musikbezogenes muss es natürlich schon sein, da wir beide Musiker sind, meine Frau studierte Gitarristin und ich sagen wir mal Hobby-Saxophonist. Wir beide sind auch leidenschaftliche Chorsänger, darum heißt das Fahrzeug meiner Frau auch „Allegro“. Ich werde es trotzdem Gefährt nennen, da mir die Ableitung von „Gefährten“ – Freund – besser gefällt, es bringt uns schließlich auch treu und ergeben überall hin, ohne viel zu murren. Wir lassen ihm immerhin auch einige entsprechende Freiheiten wie Ruhetage, Schattenpausen, Regenduschen zukommen. Eine auf der Dachgalerie montierte Markise und eine Sonnenblende in der Windschutzscheibe bringen ihm zusätzlichen schützenden Schatten. Bei unserer guten Fütterung mit etwas fetterer, reichhaltiger Dieselnahrung und reichlich Frischwasser in sein Bäuchlein brummt es zufrieden vor sich hin und bringt uns überall dorthin, wohin wir uns wünschten gebracht zu werden. Im Winter bekommt es das passende Schuhwerk und etwas Alkohol gegen die Kälte und es darf im Schnee herumtollen. Darum heißt das Gefährt bei mir nur Gefährt.

Mit unserem Gefährt steuern wir den ausgesuchten Platz an …

Wo ist überhaupt Norden?

Wie jedes Jahr ist die Ausrichtung des Zeltes eine der wichtigsten und ersten Fragen. Wo fällt der Nachmittagsschatten hin und wie steht es in der Morgensonne, wo ist überhaupt Süden oder Norden?

Meine mir angetraute Gattin soll nicht umsonst einen naturverbundenen Partner gefunden haben, der mit einem feinen Gespür für Orientierung ausgestattet ist und die Nord-Süd-Achse bis auf ein paar Grade plus und minus mit den Fingerspitzen erfühlen kann. Somit sollten der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ganz leicht festzustellen sein, sie verrät uns das aber auch gerne selbst. Wir beschlossen dann allerdings doch, uns nach der vorgegebenen Markierung eines quadratisch anmutenden Rechtecks zu richten, die mit zwei Bäumen an der Vorderseite den Eingang und einem Begrenzungszaun die Rückseite unseres zeitlich limitierten Pachtgrundstückes bildet. Die Zeltplane ist schnell ausgerollt und mit Heringen fixiert, die in den Boden eingeschlagen werden müssen. Komisch nur, dass unter meinen Heringen stets ein Stein lauert, der das Einschlagen der Heringe derart erschwert, dass der Hering dann leider meist zum Bückling wird. Wenigstens erweckt mein selbst gebauter Eichenechtholzhammer die Aufmerksamkeit unserer netten nordischen Zeltnachbarn und der Nachbarn anderer unterschiedlicher Nationalitäten, die mich dabei nachdenklich beäugen. Thor lässt grüßen, denk ich bei mir, den nächsten Hering schlage ich mit Sicherheit und Blitzeskraft durch einen Stein in den Boden. Ich schlage zu und … ich will nicht darüber reden, auch nicht darüber, dass ein Exorzist wird kommen müssen, der meine Flüche wieder aus der Erde extrahiert. Einige klärende Blicke meiner Göttin1später beende ich meinen Freudentanz und es werden die Gestänge eingefädelt, die dem Zelt zu einer aufrechten Haltung verhelfen. Dafür vorgesehen sind Durzugslaschen, durch die man erst vorne beim Eingang, dann in der Mitte, dann hinten einzufädeln hat und die man zu einem halbmondförmigen Bogen aufspannen muss. Jetzt sieht das Ganze aus wie eine riesige Raupe mit rechteckigem Kopf. Danach ist die Sturmverspannung dran. Elf Heringe weiter offenbart sich das Ergebnis einer jahrzehntelangen Erfahrung mit schiefen Ebenen und buckligen Wiesen. Diese Wiese ist allerdings äußerst gerade und das Zelt sieht aus wie aus einem Katalog gerissen, kaum zu glauben, bügelfaltenfrei mit glattem Boden. So sollte das Zelt einem Survival-Bunker gleichen, der laut dem Versprechen der Hersteller eine Wassersäule von Dach-/Wandflächen 6000 mm und Boden 10.000 mm nebst Windstärke 10 laut Beaufortskala, das bedeutet schwerer Sturm, auszuhalten vermag.

1 stimmungsbedingt spreche ich von meiner Gattin, Göttin, meine mich noch liebende Frau oder auch nur Frau

Wie wir unser letztes Zelt bei einem Hagelsturm mit kirschengroßen Hagelkörnern verloren haben, sollte dabei nicht unerwähnt bleiben. Das war allerdings in St. Johann in Tirol. Nach einem superheißen Sommertag (ca. 36 °C) kam am Nachmittag eine Gewitterfront heran, die zwar nur kurz, aber halt sehr intensiv war. Begonnen hat sie mit einem lauen Lüfterl, das sich vom Wind zum heftigen Sturm hin entwickelte, dann trat auch eine Finsternis ein, die uns glauben ließ, die Welt gehe unter. Zuerst Regen, in gefälliger Litermenge, dann mehr Liter – und dann noch mehr Liter. Dann sahen wir durch die mittlerweile trüb gewordenen Nylonfenster unseres im Halbbogenstil gebauten Stoffhauses eine weiße Wand auf uns zukommen, die recht grauslich anzusehen war. Wer klopft an? fällt mir dabei ein, wie bei der Herbergssuche von Maria und Josef im Winter, nur waren das keine flauschigen Flöckchen, sondern ziemlich massive Eiskörner, so ungefähr Korngröße, fünf Stück pro Handteller. Dass das jetzt unser Hügelgrab werden sollte, will ich nicht so recht glauben. Rasch rief ich meiner Göttin zu, dass wir uns ins Innenzelt flüchten sollten, weil ich schon einen Riss in der Außenhülle erkannte, der sich anschickte, den Hagelkörnern mehr Platz zu lassen und sich entsprechend zu erweitern. Die innere Schutzbehausung hielt auch nicht das aus, was sie versprach, und löste sich plötzlich vom Hauptrestzelt. Ein neuerliches Kommando hieß: „Alles unter die Schlafsäcke und Isomatten“, damit wenigstens nicht allzu viel von unserem Blut fließen musste, wenn das Körndlwerk sich anschickte, noch größer zu werden. Beim ersten Nachlassen des Getöses, und mit bildlich gesprochen voller Hose, flüchteten wir dann in unser treues Gefährt, was bei nachträglichem Überlegen die erste Wahl hätte sein müssen.

Da wurde uns klar, der klaffende Riss über der Mitte unserer jetzigen Nass-Schlafstätte war der Todesstoß für das uns einst so beschützende, winderprobte und regenfeste, aber auch weitgereiste und liebgewonnene Heim für die das Zigeunerleben liebenden Hinterbliebenen. Bemerkt sei auch, dass es einiger Kreativität bedurfte, mit einer Plane und einigen Gummiseilen nebst zusätzlichen Heringen ein einstweiliges Weiterwohnen zu ermöglichen. Getrocknet war alles recht schnell, auch alle Innereien wie Schlafsäcke, Decken und Matten, weil auch die Sonne jetzt wieder zu lachen begonnen hatte, etwas kühler zwar, aber sie lachte wieder, als ob nie etwas gewesen wäre. Einige Tage später wurde der Leichnam von uns nach Salzburg überführt und dort im Campingplatz Aigen bei Salzburg in einer würdigen Zeremonie in der Restmüllverwertung zur letzten Ruhe gebettet, was uns schließlich zum Erwerb dieses neuen, aber sehr viel stabileren, regenfesteren Nachfolgemodelles veranlasste.

Bei den unterschiedlichen Tätigkeiten zur Errichtung der notwendigen Grundfestung gibt es bei uns die absolute Gleichberechtigung, das betrifft auch die echt wichtige Männerarbeit, wie das Einfädeln der Zeltstangen und das In-den-Boden-Klopfen der Heringe, sie wird von uns beiden erledigt. Nur das Einhängen der Schlafzelteinheit besorgt meine mich noch liebende Frau ganz allein. Ich glaube, das lässt sie sich nicht nehmen. Dabei will ich sie auch nicht recht stören und hole mir einstweilen einen Campingsessel aus dem Auto, für eine ausgiebige Getränke-Pause, nehme Platz und betrachte stolz unsere bisherige Arbeit an dieser Festung.

Die Behausung steht, die faltbaren Möbel nebst zerlegbarer Küche ebenso. Die Gasflasche, das meines Wissens einzige Teil beim Campen, das nicht faltbar ist, muss noch angeschlossen und entlüftet werden. Meine Schlafgelegenheit, ein nagelneu gekauftes Faltbett, steht dank der Hilfe meiner kompromissbereiten Gattin dann auch. Es ist halt nicht einfach, sein Schlafgemach mit einem sensiblen, morgensteifen Fast-Sechziger, der die Knieprobleme eines gut Achtzigjährigen hat, zu teilen, so bleibt nur die Version der stufigen Anordnung der Schlafplätze, Faltbett und Isomatte. Einige Versuche und zig Stellproben später fiel die Wahl auf die Variante, das Innenzelt einseitig offen zu lassen und das neue, nach langem Suchen und Überlegen nun letztendlich doch falsch gekaufte faltbare Bett aus der Gott sei Dank an der richtigen Stelle vorhandenen aufzippbaren Öffnung des Schlafzeltes ragen zu lassen. Das heißt, schlafen im Schlafzelt mit dem Kopf im Vorzimmer – oder wenn man will der Küche. Wir haben zwar ein sehr geräumiges Zelt, jedoch gleicht es eher einem Wohnkleiderschrank mit Kochnische mitten im Schlafzimmer. Alles in allem ist das eine Sache der Eingewöhnung. Na, jedenfalls könnte man sich auch ganz gut nur in seinen warmen Schlafsack einrollen und die Nacht ebenso gut unter freiem Himmel verbringen. Das habe ich alles schon ausprobiert, der Schnee damals ist von mir im Wetterbericht wahrscheinlich übersehen worden und somit nicht ganz eingeplant gewesen. Er ist mir aber gewissermaßen in einer guten Erinnerung an die Nächte unter freiem Himmel geblieben. Das sollte mir heuer im Sommer Gott sei Dank erspart bleiben. Immerhin befindet sich mein Bett ja noch im Zelt und nicht davor.

Weberknechte webern

„Günstige Gelegenheit zum Eingewöhnen“, denke ich bei mir und lege mich gleich einmal probeweise auf mein Faltbett, um mich ein wenig damit anzufreunden. Wie ich so am Rücken liege, sehe ich einen Weberknecht, der mit schwingenden Schreitbewegungen im Zwischenraum von Vorzelt und Schlafzelt die Seitenwand emporwebert, um sich im Dachbereich häuslich einzurichten. Um an dieser Beobachtung auch meine Göttin teilhaben zu lassen, frage ich sie vorsichtig, ob wir vielleicht beim Zeltaufstellen zu langsam arbeiten, weil schon die Spinnen ihre Netze auswerfen, wo wir doch noch nicht einmal das Schlafzeugs im Trockenen haben. Mein zweiter Gedanke war dann eher mitleidiger Natur, die armen Weberknechtesind so dünnbeinig, weil sie ihre Netze, wenn man das Gewirr aus Fäden so nennen kann, nur an Stellen platzieren, an denen kaum Fliegen und kleinere Insekten hinkommen. Durch das ständige Wippen ist seine Muskulatur, ähnlich wie bei einem Langstreckenläufer nach einem Marathonlauf, so extrem dünnfaserig geworden. Ich glaube, Weberknechte sind die Models unter den Spinnen, sie haben keinen Bauchkörper, also ein Abdomen wie andere Spinnen, sondern sehen eher so aus, als bestünden sie nur aus einem Kopf, aus dem die Beine ragen. Wenn sie eine Fruchtfliege fangen und sie verschlingen, bekommen sie sofort Migräne und nehmen derart an Gewicht zu, dass sie sich so rasch wie möglich wieder häuten müssen, um in ihrem Chitinpanzer ausreichend Platz zu finden. „Jaja!“, sagt meine Frau, „wenn du weiter so faul herumliegst, passt du auch nicht mehr in deinen Schlafsack!“, sagt sie weiter und schmeißt mir ein Bündel Decken auf den Bauch. Der Windhauch beeindruckt den Weberknecht sichtlich gar nicht, mich aber umso mehr. Mit einem dem Weberknecht gleichen Wippen, das glaube ich eher ausgesehen hat, als ob ein am Buckel liegender Maikäfer den Versuch startet, wieder auf die Beine zu kommen, schwinge ich mich aus meiner Faltbettmulde auf. „Danke! Ich gehe jetzt die Kühlbox anschließen!“, rufe ich ihr zu. Im Vertrauen gesagt, technisches Zeugs mag ich schließlich lieber als Textiles, und zum Eingewöhnen habe ich noch die ganze Nacht Zeit.

Der Richtigkeit halber muss man sagen, dass ein Weberknecht gar kein Netz spinnen kann. Er wird lediglich mit der Zitterspinne verwechselt, die sich aber in gleicher Art und Weise bewegt, weil sie auch so langbeinig ist, und ihr Netz in Schwingungen versetzt, wenn sie sich in Gefahr glaubt. Weberknechte haben anstatt der Spinndrüsen einige Stinkdrüsen, aus denen sie ein übelriechendes Sekret absondern, um ihre Feinde zu lähmen oder sogar auch zu töten, und mit dieser Vorstellung würde meine Fantasie nicht wirklich ein reales Bild malen wollen. Stinkspinnnetz oder so, lassen wir das, der Volksmund sagt halt Weberknecht zum Weberknecht, weil alles, was so aussieht und sich so bewegt wie er, nur ein Weberknecht sein kann, und meiner webert deshalb eben, mir würde für diesen Bewegungsablauf auch keine andere Bezeichnung einfallen.

Kühlbox – teilentmündigt

Früher hatten wir keine vernünftige Möglichkeit, unsere Lebensmittel zu kühlen. Das war auch nicht notwendig, da alles, was wir kauften, auch gleich wieder verspeist wurde. Die Lagerhaltung kam erst mit den Kindern, die Milch und Milchprodukte zu sich nehmen wollten. Wir haben dabei die abenteuerlichsten Ideen ausprobiert, wie einen selbst gegrabenen Erdbunker, der mitten im Zelt war, oder ein Wasserschaffel, bei dem alle paar Stunden warm gewordenes Wasser gegen kaltes getauscht wurde. Es war so mühselig, die Butter halbwegs unflüssig zu halten oder gar Milch oder Wurstaufschnitte so zu kühlen, dass sie auch haltbar blieben. Irgendwann hat dann die erste Kühlbox bei uns Einzug gefunden. Damit war auch ein Elektroanschluss mittels eines Verlängerungskabels notwendig geworden. Diesen Luxus wollen wir heute nicht mehr missen.

Als das Stromkabel, mit all seinen unterschiedlichen bunten Anschlussvarianten, dann vom E-Kasten endlich geschluckt und für gut befunden worden ist, kann es bis ins Zelt gelegt werden und wir können endlich unseren Kronleuchter, also die Werkstatthandlampe mit Drahtkorb, und den luxuriösen Kühlschrank, also die Kühlbox, die auch mit Zwölf-Volt-Autoadapter betrieben werden kann, in die Küche integrieren. Im Vertrauen gesagt, diese ominöse Kühlbox leistet zwar tagsüber gut ihre Dienste. Des nachts aber entwickelt sie, seitdem wir sie damals aus dem Regal beim Bauhaus nahmen und bei uns sozusagen als Notlösung in Betrieb gehen ließen – die Alte war kaputt gegangen –, ein äußerst seltsames Eigenleben. In der Zeit, in der wir zu schlafen versuchen, schleicht sie sich auf leisen Sohlen aus dem Zelt, holt sich einen Würfel der kalten Nachtluft nach dem anderen herein, zerhackt ihn mit ihren kleinen Schaufelchen des Kühlmotors in dem kleinen runden Schaufelradgehäuse und verschluckt diese Kaltluftteilchen mit heftigen Würgegeräuschen in ihrem Kühlraum, wobei es ihr vollkommen wurscht ist, ob auch kleinere Insekten wie Ameisen oder Käfer mit dabei sind. Die Unnotwendigkeit dieser Aktion gipfelt darin, dass es keinen wie immer gearteten Grund gibt, in einer sowieso schon kühlen Nacht auch noch Lebensmittel für seine Herrschaften derart lautstark einzufrieren, dass Milch zur streichfähigen Paste wird und Butter kristallin ausfällt. Von all den zu steinharten Scheiben gefrorenen Wursträdern und billardkugelähnlichen Paradeisern gar nicht zu sprechen. Nach einer kurzen Sitzung, mit einem Vieraugengespräch zwischen meiner Gattin und mir nebst einstimmigem Beschluss in Anwesenheit der Kühlbox, die sich der Abstimmung freilich enthalten hat, nehmen wir ihr das Recht auf nächtlichen Anschluss im gemeinschaftlichen Stromnetz. Das bedeutet für uns eine gesicherte Nachtruhe und am Morgen ein im normalen Maß gekühltes und somit genießbares Lebensmittelangebot zum Frühstück. Es wurde ohnedies schon höchste Zeit, unserer Kühlbox diese schlechte Angewohnheit ein für alle Mal abzugewöhnen.

Das Zelt steht, der Schlafplatz ist gesichert, die Küche ist aufgebaut, mit Campinggas versorgt, alle Möbel sind entfaltet, das Geschirr ist eingeräumt, die Kühlbox ist noch halb voll, aber bereits teilentmündigt, das Licht ist für abends installiert, auf seine Funktionalität geprüft worden – und wo bitte ist meine Frau?? Ach ja, es wird endlich Zeit, die Umgebung zu erkunden, wo die längst notwendig gewordenen Bedürfnis- und Sanitäranlagen und die Geschirrwaschtische sind, sich der Müllraum und so weiter befinden. Alles, was einen guten Campingplatz ausmacht, ist vorhanden, auch in aller Sorgfalt von uns geprüft, für gut befunden und leicht aufzufinden. Gut so! Wir haben in unserer siebenunddreißigjährigen Erfahrung schon Campingplätze gesehen, die banal gesagt unter aller Sau waren. An denen man aus hygienischen Gründen gleich einmal weitergefahren ist, oder die man nutzen musste, weil kein anderer Campingplatz in der Nähe war, wo man ohnedies nur eine Nacht verweilte und mit Ganzkörperkondom duschen gehen musste, ehe man dann fluchtartig das Weite suchte. Dieser ist nicht so. Man braucht keinen Proviant mitzunehmen, um eine Expedition zu den Bedürfnistempeln oder Duschen zu starten, die sind nahe genug. Man kommt nach mehrwöchigem Aufenthalt am Campingplatz nun wieder zu Hause zurückgekehrt auch nicht auf den Gedanken, ins Nachbarhaus auf das Klo zu gehen, weil man das jetzt so gewohnt ist. Auch wächst der Bart nicht nach, wenn man auf dem Retourweg von den Duschen zum Zelt ist. Nein, hier nicht! Wie eingangs schon erwähnt, alles noch im Rahmen.

Jetzt, wo wir wissen, wo wir unsere gebrauchten Lebensmittel und Getränke loswerden können, sollten wir uns um die Erlangung neuer zwecks Einverleibung und Zuführung in den Stoffwechsel kümmern. Wir gehen einkaufen, auch eine wichtige Tätigkeit bei Neuankunft, es ist immer gut zu wissen, wo man die wichtigsten „Überlebensmittel“ bekommen kann. Wir haben auch schon einmal die Erfahrung gemacht 60 Kilometer mit dem Gefährt zurücklegen zu müssen, um nur an irgendetwas Essbares zu gelangen, das ist entlang des Jakobsweges in Spanien so geschehen. Die Freude an der Überlegung, dort zu Fuß und eventuell nur für ein Wurstsemmerl ins Nirgendwo wandern zu müssen, hält sich dabei auch bei gestandenen Pilgern wahrlich in Grenzen. Gott sei Dank sind wir hier in Osttirol, da dürfen wir den Versuch schon wagen, zu Fuß zu einem annehmlichen Vorrat zu kommen.

Geschäftchen

Jeder Campingplatz hat ein Geschäftchen, das mehr oder weniger umfangreich bestückt und mehr oder weniger teuer ist, aber meistens sind zumindest für das Frühstück frisches Brot, Weckerl oder Semmeln nebst Butter, Marmeladen, Nutella, einigen Wurst- und Käsesorten darin zu bekommen. Auch für Toilettenartikel wie Einwegrasierer, Rasierschaum, Duschgel, Haarshampoo, Seifen wird gesorgt, somit alles, was der Mensch halt im Stande ist, auf Reisen zu Hause zu vergessen. Was mir aber in unserm wirklich kleinen Geschäftchen beim Blick durch die Türglasscheibe aufgefallen ist, war das große Angebot an Waschpulver, Weichspüler und Bodenreinigungsmittel, in einer Auswahl und Gebinde-Größe, die mich allerdings zum Nachdenken anregte. Wird denn all die schmutzige Wäsche körbeweise durch halb Europa gefahren, um sie am einzig möglichen Campingplatz, nämlich dem Comfort Campingplatz Falken in Lienz, einer gründlichen Reinigung zuzuführen, mit einer Waschpulver-Packungsgröße, die sicherlich für mindestens 120 Waschgänge reicht, und Weichspülung aus Drei-Liter-Flaschen nebst anschließender Trocknung in der hauseigenen Waschanlage? Aber auch eine gründliche Bodenreinigung, die gerade bei Zelten äußerst notwendig ist, sollte dabei nicht zu kurz kommen und mit Zweiliterflaschen Frosch Reinigungskonzentrat in gefälligem Grün zum erwünschten Erfolg führen. Von der Auswahl der Staubsaugerbeutel will ich auch nicht reden, aber ich habe auf anderen Campingplätzen schon Geräusche wahrgenommen, die an Sauggeräte erinnerten.

Vielleicht habe ich da aber eine ganz falsche Vorstellung von Reinlichkeitsbedürfnissen und Freizeitgestaltung während meiner Urlaubszeit. Uns reicht eigentlich eine Grundreinigung mittels mitgeführten Kehrgerätes und einer Schaufel, mit denen am Ende eines Aufenthaltes vor dem abreisebedingten Zelteinpacken sauber gemacht wird.

Paradoxerweisenicht erlaubt ist allerdings das Spannen einer Wäscheleine von Baum zu Baum, für mich aber wieder logisch, weil bei dieser ungeheuren Wäschemenge auch der angrenzende Wald bei weitem nicht ausreichen würde, um allen Wäschestücken Platz zu bieten. Dieses Verbot habe ich allerdings umgangen, indem ich die Wäscheleine von Baum zu Zaun gespannt habe und demonstrativ meine Zweihundert-Milliliter-Rei-in-der-Tube-Tube mit einer Kluppe an die Wäscheleine gehängt habe.

Mein Augenmerk sollte aber mehr auf Mineralwasser, Wurst, Käse und Brot fallen, fällt es auch, jedoch nur durch eine leider für uns verschlossene Glastür, auf der an einem formlos angebrachten Zettel „Heute ab 16 Uhr geschlossen!“ zu lesen ist, was unseren Speiseplan für ein auch noch so kleines Abendessen gründlich zunichtemacht. Auch ein noch so intensives Durchs-Glas-Starren und ein wenig längere Öffnungszeiten ändert daran nichts, da von meiner unaufhaltsam im Kreis laufenden Armbanduhr auch schon 19:15 Uhr abzulesen ist, was freilich viel zu spät ist, um noch Einlass zu bekommen. Gott sei Dank können wir aber im kantigen Bauch unserer kaltlufthungrigen Kühlbox für ihr mittlerweile untersagtes nächtliches Vergnügen noch etwas mehr Raum schaffen und einige von Wien mitgeführte, nicht tiefgefrorene Findlinge zur Dämpfung unserer jetzt hörbar lauter gewordenen Magengeräusche entnehmen. Gehen wir halt morgen erst zu dem ADEG-Supermarkt, den wir beim abendlichen Verdauungs-Spaziergang nur einige Gassen weiter entdeckt haben, mit einer Öffnungszeit, die einem Einkaufsvergnügen bis um 19 Uhr nichts mehr im Weg stellt. Dabei entdecken wir einen gelben Wegweiser mit der Aufschrift „Tristachersee 2 Std.“. „Das könnte für morgen eine erste Tour zum Eingewöhnen der Gehwerkzeuge sein“, meint meine Göttin, was ohne nennenswerte Gegenwehr von mir zur Kenntnis genommen wird. Zufrieden mit dieser Erkenntnis pilgern wir zwar nicht 60 Kilometer, aber doch zurück zu unserer Behausung, in Vorfreude auf das morgige Einkaufsvergnügen und die bevorstehende Wanderung.

Als die Sonne dann langsam schon ihr goldenes Haupt neigt und sich anschickt, am Westhimmel einen der letzten Bergkämme zu überspringen, um dann endlich auf der anderen Seite der Erdkugel mit einem Köpfler den neuen Tag anzukündigen, wird es auch für uns Zeit, die gerichteten Schlafgemächer zu besteigen. Besser zu beschlüpfen. Die schlank kokonförmigen Schlafsäcke lassen leider nur einen allzu bewegungsarmen Schlafkomfort zu, bei dem man sich am nächsten Morgen schmetterlingsgleich vollkommen zerwuzelt wie aus einer Puppenhülle würgen muss. Bis dann das Blut wieder zirkuliert und alle Falten geglättet sind, kann durchaus schon der Nachmittag hereingebrochen sein. Manche tiefen Furchen, befürchte ich, sieht man auch heute noch. Die Kühlbox ist entmündigt, Licht wird ausgeschaltet, gut eingepackt für die Nacht entschlummere ich dann und begebe mich auf eine Traumreise, in der ich mich als wunderschöner Schmetterling wiedersehe, der über einer bunten Blumenwiese aufgeregt von Blüte zu Blüte der Abendsonne entgegenflattert.

Von Vogerln und Raupen

Die Panik befällt mich, als ich am Morgen durch für hartgesottene Camper gewohntes, aber dennoch äußerst lautes Vogelgezwitscher geweckt werde. Als Schmetterling hätte das Zusammentreffen mit einem Vogerl sicherlich weitreichende Folgen für mich, aber wie ich feststelle, ist meine Metamorphose noch nicht so weit fortgeschritten, dass ich meine Flügel entfalten kann, sondern an mir hinabblickend erkenne ich gerade mal das erste Puppenstadium, allerdings ohne den schützenden Kokon. Der dürfte des nachts irgendwo abhandengekommen sein. Mit den für eine Raupe gewohnten wellenartigen Bewegungen robbe ich zu dem Zippverschluss, der die massive Eingangstüre unserer Festung verschlossen hält. Mit einem unangenehm lauten „Sssiiit“ öffne ich unsere Bleibe. Alle Vögel sind abrupt in Stille erstarrt, auch der vielsagende Blick meiner mittlerweile kurz wach gewordenen Göttin, die sich allerdings wieder von mir abwendet, um weiterzuschlafen, bestätigt mich in meiner Annahme, doch noch nicht flattern zu können. Ich trete vor das Zelt, gähne kräftig, strecke mich der aufgehenden Sonne entgegen und alle in Stille eingefrorenen Vögel begrüßen mit einem lauthals schrillen Gelächter ihr zu groß geratenes vermeintliches Frühstück.

Es ist gerade erst zehn nach sechs. Die Sonne macht auch für unsere Erdhälfte ihren gewohnten Köpfler und erscheint am Bergrücken des Iselsberges, als hätte sie nur kurz in Kärnten die Nacht so gut verbracht. Sie vertreibt die von mir so geschätzte morgendliche Frische und verwandelt sie in eine wohlige Wärme, die mir den Gang zu den Sehenswürdigkeiten der frühen Bedürfnisse sehr erleichtert. Ich betrete die Räumlichkeit durch eine automatische Schiebetüre, welche sich ebenso automatisch wieder verschließt, wie sie sich geöffnet hat. Eine abgrenzende, fast schulterhohe Wand bietet Schutz gegen eventuelle unliebsame Blicke. Das Geräusch der automatischen Schiebetüre kündigt einen weiteren Gast in dieser Bedürfnisanstalt an. Mit einem für eine Raupe fröhlichen „Guten Morgen“ will ich mein Gegenüber begrüßen, aber da ist niemand. Ich interpretiere meine Wahrnehmung als Fehlfunktion der Automatik an der Schiebetüre … dann kommt Waldi, seines Zeichens Dackel von edlem Geblüt – ein anscheinend mit deutscher Gründlichkeit die Hygiene betreffend erzogener Hund, hinterherhechelnd eine etwas stämmigere Raupe niederbayrischer Herkunft. Mit einem „Morrgn, jo wo gehst denn du hin, kim her do“ ist die Begrüßung erledigt und auch geklärt, dass trotz edlen Geblütes und auch noch so guter Erziehung die Hygiene betreffend die Bedürfnisanstalt den Zweibeinern vorbehalten bleibt. Ich bin dann auch beruhigt, dass die fröhlich zwitschernden Vögelchen mich dank dieser zwei prächtigen morgendlichen Appetithappen auf meinem Retourweg zum Zelt in Ruhe lassen werden.

Die Sonne hebt sich schon eine Handbreit über dem Bergrücken und rückt die nächtlichen 16 in Richtung morgendliche 21 Grad, was meine etwas ausgedehntere Runde um den Campingplatz erklärt. Die Dolomiten Richtung Sillian werden von ihr angeleuchtet und mit rotgoldener Farbe frisch bemalt. Das allnächtliche Studium der Sonne im Fachgebiet der Ausleuchtung von Ortschaften, Wäldern und Gebirgen auf der anderen Halbkugelseite dürfte sich somit für unsere Seite an diesem Tag gut bezahlt gemacht haben.

Schwebefliege am Salzsteuer

Schön langsam erwacht auch der restliche Campingplatz zu neuem Leben. Die zu ihrer Notdurft gezwungenen Leidensgenossen strömen aus ihren Behausungen, die teils stoffartige, teils blechartige, verschiedenste Öffnungsgeräusche von sich geben. „Sssiiit“ vom Zelt ist schon bekannt, „Crrkcrrk“, „Wfomp“, „Huuiiit“, um nur einige andere zu nennen, sind rundum zu hören, was eine weiterhin genießbare Ruhe am Morgen sehr erschwert. So bewegt sich der enorme, unaufhaltsame Besucherstrom der gemeinsamen Bedürfnisanlage entgegen. Kinder, an der Hand der Eltern, die sich ebenfalls an der Hand halten – man könnte sich ja verlaufen –, und auch Waldi in Begleitung seines stämmigen Raupenpaares niederbayrischer Herkunft, der allerdings diesmal trotz seines ausgeprägten Hygienebewusstseins nicht mehr den Versuch macht, durch die automatische Schiebetüre in unser Territorium zu gelangen. Zum Unterschied zu unseren römischen Vorfahren, die gemeinsame Latrinen benutzten, gibt es hierorts nur getrennte Einheiten, welche unweigerlich zu diesen enormen Warteschlangen führen müssen. Das bestätigt mich in meinem so frühen Aufstehen und anschließenden reichlich ausgedehnten Morgenspaziergang. Der frühe Fänger wurmt den Vogel – oder so.

Heute ist Samstag. Das Micro-Geschäftchen unseres Campingplatzes hat Gott sei Dank geöffnet, und zwar schon ab halb acht Uhr, sodass einem zünftigen Frühstück in Form eines Kornweckerls und eines Semmerls nichts mehr im Weg steht. Meiner endlich aus dem Kokon gekrochenen, mit mir verehelichten Raupe, die die morgendliche Glättung anscheinend viel rascher vollziehen konnte als ihre anderen männlichen Mit-Lebewesen, ist das gesunde Kornweckerl zugedacht. Mir die Semmel. Die fünf tiefen Furchen der semmeligen Oberfläche gleichen nämlich eher meiner Gesichtsstruktur an diesem frühen Morgen.

Die faltbaren Möbel mit klappbarer Küche werden durch die aufrollbare Zelttür ins unbewegliche Freie gestellt. Da fällt es mir leicht, einer verschraubbaren Kaffeemaschine mit einsteckbarem Filter einen angenehmen Duft zu entlocken, der in Zuhilfenahme einer heißen Flamme aus nicht faltbarer Gasflasche nebst allen anderen Kochutensilien auf dem Campingplatz zur vollen Entfaltung für die Riechorgane alle unserer Nachbarn gebracht wurde. Butter und Milch werden der über Nacht sehr beleidigt gewordenen Kühlbox entnommen und der Anschluss an das örtliche Stromnetz für die nächsten Stunden wird ihr auch wieder gewährt, welcher ihr ein zart-freudiges Knattern ihrer Kühlrotorflügelchen entlockt.

Zurückgelehnt in meinen Campingfauteuil genieße ich das Frühstück und die Wärme der Strahlen der morgendlichen Sonne, die meine Haut- und Gesichtsstrukturen wieder zu einem für mich positiveren Ergebnis zurückführen.

Außer uns Raupen dürfte auch einigen echten Insekten die Wärme nach der Nacht guttun, und sie tummeln sich am Tisch und schwirren um die liegen gebliebenen Krümel, in einem für mich nicht so recht nachvollziehbaren System, dem man den Namen Chaos geben könnte. „Vielleicht ist die Chaostheorie doch nicht so verkehrt, wie manche Menschen annehmen“, denke ich mir dabei, vielleicht wären dann die enormen Warteschlangen vor den Bedürfnisörtlichkeiten gar nicht notwendig, wenn jeder, der gerade zufällig dort ist, auch gleich sein Geschäft verrichten könnte. Am Schalter eines Postamtes könnte jeder, der zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gerade zufällig vorbeikommt, sein Packerl abholen, ohne sich anstellen zu müssen. Und auch der Postbeamte wäre nur dann da, wenn gerade zufällig wer hereinkommt. Oder wenn wir ohnedies wissen, dass wir Geld ausgeben wollen, dann wäre es völlig wurscht wer an welcher Kassa auch immerwessen Waren bezahlt, großartige Idee.

„Die Chaostheorie hat was“, denke ich mir und sehe einer Schwebefliege bei ihrer Visitation unseres Salzstreuers zu, den sie in aller Ruhe, so scheint es, von oben nach unten und von links nach rechts langsam dahingleitend inspiziert. Die Morgensonne lässt ihr seidiges Kleidchen in einen grünlichgelben Glanz schillern. Da bemerke ich, dass eben diese Fliege nach einem gewissen Schema vorgeht, welches mir nur allzu bekannt vorkommen müsste. Von links nach rechts, von oben nach unten. Kristallsalz unjodiert, Spezialsalz aus Österreich, e 200 g Qualität aus Österreich – und dann schwebt sie von dannen. „Die kann ja lesen!“, denk ich mir, nur leider fehlt mir zur Bestätigung dieser Erkenntnis ein zweiter chaosbedingter, aber nicht durchgeführter Anflug. Ich wäre aber sehr daran interessiert, ob dieses von mir mittlerweile für intelligent gehaltene Lebewesen auch meine Wanderkarten so gut lesen könnte.In Gedanken an die Schwebefliege verloren werde ich wachgestupst, und ich schaffe es gerade noch, meinen von mir schon hergerichteten Rucksack umzuhängen, denn meine bereits vollständig geglättete, mir angetraute Raupe, mittlerweile mutiert zu einem wunderschönen Schmetterling, packt mich, im Beisein ihrer guten Freundin der lieben Frau Wanderlust, und schon tragen uns unsere Beine dem Tristachersee entgegen. Wie wir gestern am Abend schon beschlossen haben, soll das unsere erste Tour werden.

Nur kurz, zum besseren Verständnis, sei erwähnt, eigentlich packt einen die Wanderlust ja meistens nur sprichwörtlich, nachdem sie uns aber ständig und auf jeder Reise packt, habe ich mir gedacht, wir könnten sie gleich einladen und auf unsere Reisen mitnehmen. Somit hatte die liebe Frau Wanderlust zwar noch keinen Namen, wohl aber eine Persönlichkeit, eine Figur und ein Gesicht von mir bekommen. Das konkrete Aussehen preiszugeben liegt aber nicht in meinem Interesse, das sollte jedem selbst vorbehalten sein, lediglich Attribute beziehungsweise Charakter, die aber sehr breit gefächert, von fad bis sportlich quirlig und zynisch, liebevoll bis grantig sein können, will ich so weitergeben: weiblich – das hat sich aus „die Wanderlust“ so ergeben, „liebe Frau“ eingefügt ergab unsere neue treue Begleiterin „die liebe Frau Wanderlust“.

Zwei Stunden später finden wir uns beim Tristachersee wieder, der sich uns als sehr schön gelegener Bergsee präsentiert. Ein Campingplatz, der unmittelbar neben dem Seeufer gelegen ist, erweckt unser Interesse. Auch diesen haben wir anfangs in Betracht gezogen, er ist schön gelegen, sonnig, weitläufig, beim See, alles Punkte, die einen Aufenthalt hier gerechtfertigt haben. Jedoch nach neuer Erkenntnis zu viel Sonne, zu weitläufig, nicht eingeteilte Parzellen, weit entfernte Elektroanschlüsse, keine Bäume und kein Schatten, bestärkt uns in unserer ersten Wahl, der, des Camping-Falken in Lienz. Auch die zweite Erkenntnis, dass es nur zwei Gelegenheiten gibt, Nahrung aufzunehmen, ein sehr vornehmes Hotel und das Bistro im anliegenden Strandbad, erreichbar in fünfzehn beziehungsweise zehn Minuten, vertreibt die Idee, nächstes Jahr hier unser Lager aufzuschlagen. Einkaufen ohne Auto ist sowieso nicht möglich, da wir noch kein Geschäftchen am Campingplatz ausmachen konnten, und andere in der Wanderkarte eingezeichnete Wirtshäuser sind für Hungrige unerreichbar weit weg oder nicht mehr in Betrieb.

Unser heute extra mitgebrachter Hunger veranlasst uns dann, das Bistro im Strandbad aufzusuchen, um ihn mit einer ordentlichen Portion Schnitzel mit Pommes und einem großen Apfelspritzer wieder zu vertreiben. Den Gästen vom Strandbad kann man vom Tisch aus ganz gut bei ihrem Abkühlgeplantsche zusehen. Geärgert haben wir uns nur darüber, hätte unser Badezeugs auch so viel Freude am Bergsteigen gehabt und wäre freiwillig mit uns mitgekommen, würden wir ihm eine Abkühlung im See durchaus auch vergönnen, leider kann unser Badezeugs aber nicht einmal neidvoll zusehen, wie die anderen Gäste ihren Wäschestücken diesen Luxus zukommen lassen, weil es beim Zelt liegen geblieben ist. Lediglich die Zehen der lieben Frau Wanderlust kommen in den Genuss, in den See gesteckt zu werden.