Wedding People (deutsche Ausgabe) - Alison Espach - E-Book
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Wedding People (deutsche Ausgabe) E-Book

Alison Espach

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Beschreibung

Zwei Frauen. Zwei Pläne. Und eine Woche, die alles verändert.

Als Phoebe Stone in einem grünen Seidenkleid und goldenen High Heels im prächtigen »Cornwall Inn« ankommt, wird sie von allen für einen Hochzeitsgast gehalten. Doch sie ist die Einzige, die nicht zum Feiern angereist ist. Seit Jahren hat sie davon geträumt, mit ihrem Mann hierherzukommen. Nun ist sie ohne ihn hier, am Tiefpunkt ihres Lebens, fest entschlossen, sich ein letztes Mal etwas zu gönnen, bevor sie mit allem Schluss macht. Dumm nur, dass sie ausgerechnet der Braut in die Quere kommt. Die hat jedes Detail und jede denkbare Katastrophe sorgfältig einkalkuliert - mit einer Ausnahme: Phoebe und deren Vorhaben. Als sich ihre Wege kreuzen, gerät alles aus dem Takt, und es setzt etwas in Gang, das keine von ihnen erwartet hat.

Absurd komisch und tief berührend erzählt Wedding People von den verschlungenen Wegen des Lebens und von den zufälligen Begegnungen, die manchmal nötig sind, um uns auf einen neuen Kurs zu bringen.

»Charmant und grandios. Ich wünschte, ich hätte es geschrieben.«

JOJO MOYES»Ein pures Vergnügen.« GUARDIAN

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungZitatDIENSTAGMITTWOCHDONNERSTAGFREITAGSAMSTAGSONNTAGMONTAGDank

Über dieses Buch

Als Phoebe Stone in einem grünen Kleid, goldenen High Heels und ohne Tasche im prächtigen »Cornwall Inn« ankommt, wird sie von allen für eine der Hochzeitsgäste gehalten. Denn sie ist die Einzige, die nicht wegen des großen Ereignisses angereist ist. Lange hat sie von diesem Aufenthalt geträumt, nun ist sie hier, am Tiefpunkt ihres Lebens, entschlossen, sich ein letztes Mal ein bisschen Luxus zu gönnen. Aber die Braut hat diese Hochzeit jahrelang bis ins kleinste Detail geplant, sie ist auf alles vorbereitet … nur nicht auf Phoebe. Doch dann entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Frauen eine überraschende Freundschaft, die alles auf den Kopf stellt …

Über die Autorin

Alison Espach wuchs in Trumbull, Connecticut, auf, wo sie den Großteil ihres Lebens verbrachte. Sie erwarb ihren Bachelor-Abschluss am Providence College und ihren Master in Kreativem Schreiben an der Washington University in St. Louis. Ihre Texte wurden in FIVE CHAPTERS, GLAMOUR, SALON, THE DAILY BEAST, WRITER’S DIGEST und anderen Zeitschriften veröffentlicht.

Alison Espach

Wedding People

Roman

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch vonVerena Ludorff

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Das Zitate und ihre Übersetzer:innen:

Seite 72: aus Walt Whitman, »Grashalme«, Reclam Verlag, 1907.

Übersetzt von Johannes Schlaf

Seite 266: aus Edith Wharton, »The House of Mirth«, Charles Scribner’s Sons, 1905.

Übersetzt von Verena Ludorff

Seiten 7, 145, 242: aus Virginia Woolf, »Mrs Dalloway«, Hogarth Press, 1925.

Übersetzt von Verena Ludorff

Titel der amerikanischen Originalausgabe:»The Wedding People«

Für die Originalausgabe:Copyright © 2024 by Alison Espach

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Anna Hahn, Trier

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau, nach einem Entwurf von Nicolette Seeback Ruggiero

Umschlagmotiv: © Fabian Lavater

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-8397-2

luebbe.de

lesejury.de

Für alle Fremden, die schon mal einen trostlosen Moment zu einem magischen gemacht haben

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Es war grässlich, rief er, grässlich, grässlich!Allerdings war die Sonne immer noch heiß. Allerdings kam man über die Dinge hinweg. Allerdings hatte das Leben so eine Art, immer einen Tag hinter den anderen zu setzen.

Virginia Woolf, Mrs. Dalloway

DIENSTAG

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Der Auftaktempfang

Das Hotel sieht genauso aus, wie Phoebe gehofft hat. Es sitzt oben auf der Klippe wie ein stattlicher, alter Hund und wartet geduldig auf ihre Ankunft. Das Meer dahinter kann sie nicht sehen, aber sie weiß, dass es da ist, genau wie sie früher beim Einbiegen in ihre Einfahrt spüren konnte, dass ihr Mann in seinem Arbeitszimmer saß und an seinem Manuskript schrieb.

Die Liebe war wie eine unsichtbare Ader, die sie beide durchzog.

Phoebe steigt aus dem Taxi. Ein Mann in Weinrot nähert sich mit großem Ernst, und es fühlt sich an, als sei dieser Moment schon vor langer Zeit choreografiert worden. Sie nimmt es als Bestätigung, dass das, was sie vorhat, richtig ist.

»Guten Abend«, sagt der Mann. »Willkommen im Cornwall Inn. Darf ich Ihnen Ihr Gepäck abnehmen?«

»Ich habe kein Gepäck dabei«, sagt Phoebe.

Als sie in St. Louis aufgebrochen ist, war es unabdingbar, alles hinter sich zu lassen – den Ehemann, das Haus, das Gepäck. Es war Zeit weiterzuziehen, darauf hatten sie sich letztes Jahr mit dem Ende des Scheidungsverfahrens geeinigt. Phoebe war fassungslos gewesen angesichts der Endgültigkeit des Gesprächs, darüber, wie ihr Mann »Also dann, mach’s gut« gesagt hatte, als wäre er der Briefträger und hätte einen anderen Job gefunden. Danach konnte sie erst mal gar nichts mehr, nur ins Bett gehen, Gin Tonic trinken und dem Kühlschrank dabei zuhören, wie er neue Eiswürfel produzierte. Nicht, dass es Alternativen gegeben hätte, es war mitten im Lockdown. Sie verließ das Haus nur in Sachen Gin und Klopapier und gab ihre Online-Seminare in der immer gleichen schwarzen Bluse, worin auch sonst? Als der Lockdown vorbei war, konnte sie sich nicht erinnern, was man sonst so trug.

Jetzt aber steht Phoebe in Newport vor einem Hotel aus dem 19. Jahrhundert und trägt ein smaragdgrünes Seidenkleid, das einzige Teil in ihrem Schrank, von dem sie sagen kann, dass es ihr immer noch gefällt, wahrscheinlich, weil es das einzige ist, das sie noch nie angezogen hat. Ihr Mann und sie haben nie irgendwas unternommen, wozu so ein schickes Kleid gepasst hätte. Sie waren Professoren, und zwar welche von der lässigen, entspannten Sorte. Fühlten sich am wohlsten vor dem Kamin mit ihrer kleinen Katze auf dem Schoß. Sie mochten das Übliche, das, was gerade ausgeschenkt wurde, was auch immer im Fernsehen kam oder sich im Kühlschrank fand und Klamotten, die möglichst normal aussahen, denn ging es darum nicht bei Kleidung? Zu beweisen, dass man normal war? Jeden Tag aufs Neue unter Beweis zu stellen, dass man, komme was wolle, in der Lage war, sich ein normales Oberteil anzuziehen?

Heute Morgen jedoch, bevor sie ins Flugzeug gestiegen ist, ist Phoebe aufgewacht und hat gewusst, dass sie nicht mehr normal ist. Trotzdem machte sie sich einen Toast. Duschte, föhnte sich die Haare und suchte die Unterlagen für den zweiten Vorlesungstag des Herbstsemesters zusammen. Dann öffnete sie ihren Schrank und musterte die Klamotten, die sie nur deswegen gekauft hatte, weil sie aussahen wie etwas, das eine Professorin zur Arbeit anzieht. Reihenweise unifarbene Blusen, die weibliche Variante der Hemden, die ihr Mann trug. Sie zog eine graue hervor, hielt sie sich vor dem Spiegel an, konnte sich aber nicht dazu durchringen, sie anzuziehen. Konnte nicht zur Arbeit gehen und am Drucker stehen und mit gleichförmig interessiertem Gesichtsausdruck dem Kollegen zuhören, der ausufernd darüber referierte, welche erstaunlich wichtige Rolle der Käse in der mittelalterlichen Theologie spielte.

Stattdessen zog sie sich das smaragdfarbene Kleid über. Dazu die goldenen Stilettos von ihrer Hochzeit und die dicken Perlen, die ihr Mann ihr in der Hochzeitsnacht wie eine Binde um die Augen gelegt hatte. Sie stieg in ein Flugzeug, trank einen beeindruckend guten Gin Tonic, der ihr so angenehm und kühl die Kehle hinunterrann, dass sie, als sie den Flieger verließ, kaum noch die Blasen an den Füßen spürte.

»Hier entlang, Madam«, sagt der Mann in Weinrot.

Phoebe gibt ihm zwanzig Dollar, und er scheint überrascht zu sein, dass sie ihm schon Trinkgeld gibt, obwohl er noch gar nichts gemacht hat. Aber für Phoebe ist das nicht gar nichts. Es ist lange her, dass ein Mann sofort zur Stelle war, sobald sie aus dem Auto stieg. Jahre, seit ihr Mann aus seinem Arbeitszimmer auftauchte, um sie zu begrüßen, wenn sie nach Hause kam. Es ist nett, wenn jemand für einen aufsteht und den Eindruck vermittelt, dass die eigene Ankunft ein wichtiges Ereignis darstellt. Auch ihre Absätze auf den alten Pflastersteinen zu hören, während sie die Zufahrt hochläuft, ist nett. Sie wollte schon immer mal so ein Geräusch machen und sich beim Betreten des Hörsaals vornehm und ehrwürdig vorkommen, aber in ihrer Universität ist alles mit Teppich ausgelegt.

Sie geht die Treppen hoch, vorbei an den großen schwarzen Laternen und den Granitlöwen, die die Türen bewachen. Durch die Vorhänge hindurch betritt sie die Lobby, und auch das fühlt sich richtig an. Wie ein Schritt zurück in eine Zeit, in der wahrscheinlich nicht alles besser war, aber immerhin mit schwerem Samt behangen.

Dann sieht sie die Schlange an der Rezeption. Sie ist dermaßen lang – so eine Schlange hätte sie am Flughafen erwartet, aber nicht in diesem viktorianischen Herrenhaus mit Blick über den Ozean. Doch sie ist da, zieht sich einmal quer durch die Lobby und vorbei an der historischen Eichentreppe. Auch die darin aufgereihten Leute sehen falsch aus – tragen Funktionsjacken und Jeans und Turnschuhe. Normale Oberteile, wie Phoebe sie zu tragen pflegte. Neben den Samtvorhängen und den bärtigen Männern in Goldrahmen an den Wänden sehen sie lächerlich alltäglich aus. Sie wirken wie bodenständige, moderne Leute, die mit ihren robusten Hartschalenkoffern fest auf dem Boden der Tatsachen stehen. Manche telefonieren. Manche lesen etwas auf dem Handy und machen den Eindruck, als wären sie darauf eingerichtet, für immer in dieser Schlange zu stehen, und vielleicht liegen sie damit richtig. Vielleicht haben sie auch keine Familien mehr. Es ist ein angenehmer Gedanke, diese Vorstellung, andere seien ebenso allein.

Aber bei näherem Hinsehen sind sie das nicht. Sie stehen zu zweit oder zu dritt an, manche untergehakt, bei manchen liegt die Hand eines anderen auf dem Rücken. Sie freuen sich, was Phoebe weiß, weil es gelegentlich einer von ihnen laut verkündet.

»Jim!«, sagt ein alter Mann und hält seine Arme auf wie ein Bär. »Freut mich sehr, dich zu sehen!«

»Hallöchen, Opa Jim«, gibt ein jüngerer Mann zurück, denn so ziemlich jeder hier in der Schlange heißt Jim. Die Jims tauschen stürmische Umarmungen aus, dazu gibt es ein großes Hallo. »Wo ist Onkel Jim? Schon auf dem Platz?«

Sogar die junge Frau vorn an der Rezeption scheint sich zu freuen – hingebungsvoll blickt sie allen Gästen tief in die Augen, fragt nach dem Grund ihrer Reise, auch wenn alle dasselbe antworten. »Oh, Sie sind wegen der Hochzeit hier! Wie wunderbar.« Sie klingt aufrichtig begeistert über die anstehende Hochzeit, vielleicht freut sie sich wirklich. Vielleicht ist sie noch so jung, dass sie bei jeder Hochzeit das Gefühl hat, es ginge irgendwie um sie. So hat Phoebe das empfunden, als sie jung war, hat sich schon einen Monat vorher Gedanken um ihr Kleid gemacht, auch wenn sie auf der Feier nur irgendwo in der Peripherie gesessen hat.

Phoebe reiht sich ein. Sie steht hinter zwei jungen Frauen, die je das gleiche grüne Kleid über dem Arm hängen haben. Eine hat immer noch ihr Gepardenmuster-Nackenkissen aus dem Flugzeug um den Hals. Die andere hat einen Dutt, der so weit oben sitzt, dass die unordentlichen roten Strähnen in ihre Stirn hängen, während sie durch ihr People Magazine blättert. Sie sind in eine leise Diskussion darüber verwickelt, wessen Hinflug schlimmer war, wie alt dieses Hotel wohl ist und was die Leute alle an Kylie Jenner finden. Warum sollte es uns interessieren, ob sie heißer ist als Kim Kardashian?

»Ist sie das denn?«, fragt die mit dem Nackenkissen. »Eigentlich dachte ich schon immer, dass sie beide auf eine Art hässlich sind.«

»Das gilt allerdings, glaub ich, für alle Leute«, sagt die mit dem hohen Dutt. »Alle Leute haben irgendwas, das sie hässlich macht. Sogar Leute, die sozusagen von Berufs wegen heiß sind. Das ist so was wie eine goldene Regel.«

»Du meinst eine Kardinalsregel.«

»Kann sein.« Hoher Dutt sagt, dass, auch wenn sie selbst grundsätzlich attraktiv sei – und es habe sie fünf Jahre Therapie gekostet, das einzusehen –, sie trotzdem wisse, dass man zu viel Zahnfleisch sieht, wenn sie lächelt.

»Ist mir nie aufgefallen«, sagt Nackenkissen.

»Das liegt daran, dass ich nicht richtig lächle.«

»Du hast mir in den ganzen Jahren, die wir uns jetzt kennen, noch nie dein volles Lächeln gezeigt?«

»Nicht seit der Highschool.«

Die Schlange rückt ein Stück vor, und Phoebe sieht nach oben zu der Kassettendecke, die so hoch ist, dass sie sich fragt, wie man sie wohl sauber halten kann.

Ein weiteres »Oh! Sie sind wegen der Hochzeit hier!« ertönt, und allmählich wird Phoebe klar, wie viel Hochzeitsvolk diese Lobby bevölkert. Es ist verstörend, wie in diesem Hitchcock-Film Die Vögel, den ihr Mann so toll fand. Mit einem Mal sieht sie sie überall: Hochzeitsleute sitzen auf der blasslila Samtbank, Hochzeitsleute lehnen an den Einbauregalen mit den Büchern. Hochzeitsleute ziehen futuristisch aussehendes Gepäck hinter sich her, das vermutlich eine Mondlandung überstehen könnte. Die Männer in Weinrot stapeln alles zu soliden, hohen Koffertürmen auf, direkt neben einem Schild, das verkündet: WILLKOMMENZURHOCHZEITVONLILAUNDGARY.

»Bei Lila trifft deine Regel aber definitiv nicht zu«, sagt Nackenkissen. »Mir fällt echt gar nichts ein, was an ihr hässlich sein könnte.«

»Das ist wahr«, sagt Hoher Dutt.

»Erinnerst du dich, wie sie bei unserer Modenshow im letzten Schuljahr als Braut ausgewählt wurde?«

»Ach stimmt. Das hatte ich schon fast vergessen.«

»Wie kannst du das vergessen? Ich denke immer noch einmal die Woche daran, wie merkwürdig das war.«

»Du meinst, weil unser Beratungslehrer darauf bestanden hat, sie zum Altar zu führen?«

»Ich meine eher, dass manche Frauen einfach zur Braut geboren sind.«

»Ich glaube sogar, dass unser Beratungslehrer auch zur Hochzeit kommt.«

»Wie merkwürdig. Aber gut. Dann kenne ich wenigstens noch jemanden hier«, sagt Nackenkissen.

»Ich weiß, was du meinst. Ich kenne auch so gut wie keinen mehr«, sagt Hoher Dutt.

»Ich weiß, seit Corona denk ich mir immer so, also Freunde hab ich ja keine mehr.«

»Ja, oder? Der einzige Mensch, den ich noch kenne, ist meine Mutter.«

Sie lachen, und dann tauschen sie wieder Kriegsgeschichten von ihren schrecklichen Hinflügen aus, und Phoebe versucht, sie zu ignorieren, und ihre Augen auf die opulente Ausstattung der Lobby zu richten. Aber das ist schwierig. Hochzeitsleute sind sehr viel lauter als normale Leute.

Also schließt sie die Augen. Ihre Füße fangen an wehzutun, und das erste Mal, seit sie von zu Hause aufgebrochen ist, fragt sie sich, ob sie nicht besser noch ein paar vernünftige Schuhe mitgebracht hätte. Sie hat so viele Exemplare in ihrem Schrank stehen, dunkelblau und unbeschäftigt.

»Weißt du irgendwas über den Bräutigam?«, flüstert Nackenkissen.

Hoher Dutt weiß nur, was Lila ihr kurz am Telefon erzählt hat, und das, was sie herausgefunden hat, als sie ihn im Internet gestalkt hat. »Gary ist ziemlich langweilig zu stalken«, sagt Hoher Dutt und flüstert dann irgendwas von wegen, dass er Arzt sei, ziemlich alt, Generation X, aber mit kaum zurückweichendem Haaransatz, dass er also gute Chancen habe, mit vollem Haar zu sterben. »Wie konntest du ihn nicht stalken, nachdem Lila dich gefragt hat, ob du Brautjungfer sein willst?«

»Ich bin offline«, sagt Nackenkissen. »Hat meine Therapeutin drauf bestanden.«

»Seit zwei Jahren?«

»Waren sie so lange verlobt?«

»Er hat ihr kurz vor der Pandemie den Antrag gemacht.«

Sie rücken wieder ein paar Zentimeter vor.

»Gottchen – guck dir mal diese Tapete an!«

Nackenkissen hofft, dass ihr Zimmer zum Meer rausgeht. »Aufs Meer zu gucken, macht einen fünf Prozent glücklicher. Hab ich eine Studie drüber gelesen.«

Schließlich sind sie still, und Phoebe ist dankbar, weil sie so wieder denken kann. Sie schließt die Augen und stellt sich vor, sie würde ihrem Mann zusehen, wie er irgendwas in der Küche macht, und sein Lachen bewundern. Phoebe hat sein Lachen immer geliebt, besonders wie es von Weitem klingt. Wie ein Nebelhorn in der Ferne, das einem zeigt, wo es langgeht.

Aber dann schreit einer der Jims: »Hier kommt die Braut!«

»Jim«, sagt die Braut.

Die Braut steigt aus dem Aufzug und betritt mit einer glitzernden Schärpe, auf der BRAUT steht, die Lobby, sodass es diesbezüglich keinen Irrtum geben kann. Es ist sonnenklar, dass sie die Braut ist; sie geht wie die Braut, sie lächelt wie die Braut und macht eine brautmäßige kleine Pirouette, als sie sich zu Hoher Dutt und Nackenkissen in der Schlange gesellt, denn so was wird von der Braut in den nächsten zwei, drei Tagen erwartet. Sie ist vorübergehend ein Celebrity und der Grund dafür, dass alle Tausende von Dollars bezahlt haben, um hierherzukommen.

»Ich freu mich so, euch zu sehen!«, ruft sie, öffnet ihre Arme für einen Drücker, und von ihren Handgelenken baumeln Geschenketaschen wie Armbänder aus gewebtem Seegras.

Nackenkissen und Hoher Dutt hatten recht. Phoebe kann keine einzige hässliche Sache an der Braut ausmachen, was vielleicht die eine hässliche Sache an ihr ist. Sie sieht genauso aus, wie sie aussehen sollte – irgendwie sowohl zierlich als auch athletisch in ihrem weißen Sommerkleid, mit nicht einem Hauch Unterwäsche drunter. Ihre Haare sind in einem unfassbar romantischen und komplizierten Durcheinander an Zöpfen arrangiert, und Phoebe fragt sich, wie viele Instagram-Tutorials sie dafür wohl geschaut hat.

»Du siehst wunderschön aus«, sagt Hoher Dutt.

»Danke, danke«, sagt die Braut. »Wie waren eure Flüge?«

»Ereignislos«, lügt Nackenkissen.

Sie erwähnen weder den unerwarteten Möwenschwarm noch die Notlandung, denn jetzt ist die Braut da. Während der Hochzeitsfeierlichkeiten ist es ihr Job, die Braut anzulügen, ihre Hinflüge genossen zu haben und nach zwei Jahren ohne jegliche Aktivitäten absolut begeistert von der Aussicht auf eine Newport-Hochzeit zu sein.

»Wann lernen wir Gary kennen?«, fragt Hoher Dutt.

»Er wird später beim Empfang dabei sein, ist ja klar.«

»Klar wie Kloßbrühe«, sagt Nackenkissen, und sie lachen.

Die Braut händigt ihnen zwei Seegras-Taschen aus (mit der »Notfallversorgung«), und die beiden Frauen schnappen nach Luft, als sie je eine Flasche Alkohol in Normalgröße hervorziehen. Jede hat was anderes, erklärt die Braut. Haben sie und Gary alles in Europa gekauft, als sie vergangenen Monat dort unterwegs waren.

Scotch. Rioja. Wodka.

»Oh, wie erlesen«, sagt Hoher Dutt.

Die Braut lächelt und ist stolz auf sich. Stolz darauf, eine Frau zu sein, die andere, weniger vom Glück geküsste Frauen bedenkt, während sie mit ihrem Arzt-Verlobten durch Europa reist. Stolz, dass sie als Frau zurückgekehrt ist, die weiß, was man trinkt und was nicht.

»Für dich«, sagt die Braut zu Phoebe mit so viel Wärme, dass Phoebe sich sofort fühlt wie eine verschollen geglaubte Cousine aus Kindertagen. Als hätten sie vor langer, langer Zeit mal in Opas unheimlichem Keller zusammen Dame gespielt oder so. Die Braut gibt Phoebe eine der Taschen, und dann umarmt sie sie fest. Vielleicht hat sie vorher eine brautmäßige Umarmung eingeübt, so wie Phoebes Mann vor Interviews manchmal einen professoralen Handschlag geübt hat. »Nur eine kleine Anerkennung, als Dankeschön, dass du den ganzen Weg hierhergekommen bist. Wir wissen, dass das manchmal gar nicht so einfach ist!«

Eigentlich war es für Phoebe total einfach. Sie hat niemanden organisiert, der den Briefkasten leert, kein Kind aus der Nachbarschaft dafür gewonnen, die Pflanzen zu gießen, und auch Bob nicht ihre Kurse übertragen, wie sie es sonst vor einer Reise gemacht hat. Sie hat noch nicht einmal die Toastkrümel von der Arbeitsfläche gewischt. Sie hat sich nur das Kleid angezogen und ist auf eine Weise aus dem Haus gegangen, wie sie in ihrem ganzen Leben noch nie irgendetwas hinter sich gelassen hat.

»Oh, ich …«, setzt Phoebe an.

»Ich weiß, ich weiß, was du denkst«, sagt die Braut. »Wer um alles in der Welt trinkt Schokoladenwein?«

Die Braut ist gut. Eine sehr gute Braut. Es ist spektakulär, wenn man so angesprochen wird, nach zwei Jahren absoluter Isolation, in denen man in einer Online-Vorlesung dem Meer aus schwarzen Kästchen auf seinem Computer die Frage stellte »Was ist Literatur?« und keins der Kästchen es wusste oder keins der Kästchen es interessierte oder keins der Kästchen überhaupt zuhörte. »Was ist Literatur?«, hatte Phoebe gefragt, und noch mal und noch mal, bis noch nicht mal mehr sie selbst die Antwort wusste.

Und jetzt bekommt sie eine Umarmung und einfach so eine Tasche mit Schokoladenwein. Nach so vielen Jahren, in denen ihr Mann ihr nicht mehr in die Augen geschaut hat, schaut ihr eine schöne Fremde in die Augen. Am liebsten würde Phoebe weinen. Und sie wünschte, sie wäre wegen der Hochzeit hier.

»Aber er ist besser, als man denkt«, sagt die Braut. »Die Deutschen lieben ihn offensichtlich.«

Die Braut lächelt, und Phoebe sieht, dass ihr etwas vom Essen zwischen den Vorderzähnen klebt. Da ist es: die eine Sache, die die Braut heute hässlich macht.

»Der Nächste?«, ruft die Rezeptionistin.

Phoebe braucht einen Moment, bis sie merkt, dass jetzt sie an der Reihe ist. Hoher Dutt und Nackenkissen gehen schon Richtung Fahrstuhl. Sie nimmt die Seegras-Tasche, dankt der Braut und geht zur Theke.

»Sie sind sicher auch wegen der Hochzeit hier?« Die Frau heißt Pauline.

»Nein«, gesteht Phoebe. »Ich nicht.«

»Oh.« Pauline klingt enttäuscht. Verwirrt eigentlich. Ihre Augen huschen zu der Braut, die ein Stück entfernt steht. »Ich dachte, alle wären wegen der Hochzeit hier.«

»Ich bin definitiv nicht wegen der Hochzeit hier. Aber ich habe heute Morgen reserviert.«

»Oh, das glaube ich Ihnen.« Pauline tippt, während sie spricht. »Vermutlich hat hier jemand einen dicken Fehler gemacht. Wahrscheinlich war sogar ich das! Sie müssen uns entschuldigen, wir sind seit Corona ein bisschen unterbesetzt.«

Phoebe nickt. »Ja, der Fachkräftemangel.«

»Genau«, sagt Pauline. »Also, wie heißen Sie denn?«

»Phoebe Stone.«

Das stimmt. Das ist ihr Name, der Name, den sie als ihren betrachtet hat. Dennoch fühlt es sich an wie eine Lüge, wenn sie ihn heutzutage angibt, weil es der Familienname ihres Mannes ist. Immer wenn sie sich ihn sagen hört, führt das zu einer Art außerkörperlicher Erfahrung. Sie sieht sich aus der Vogelperspektive beziehungsweise so, wie die Hochzeitsleute sie sehen müssen, und daher weiß sie, dass die anderen auch an ihr unmittelbar die eine hässliche Sache finden: ihre Haare nämlich. Da hätte sie was machen müssen. Sie hat heute Morgen ganz vergessen, sich zu kämmen.

»Hier sind Sie ja«, sagt Pauline. Sie ist so darauf konzentriert, erstklassigen Service abzuliefern, dass sie noch nicht einmal aufsieht, als einer von den Hochzeitsleuten durch die Türen kommt und hinter Phoebe ausrutscht.

»Onkel Jim! Oh mein Gott! Geht’s dir gut?«, ruft die Braut.

Onkel Jim geht’s nicht gut. Er liegt auf dem Boden, schreit irgendwas von wegen seines Knöchels und was das hier für ein schrecklicher Fußboden sei, und man muss wohl kaum dazusagen, dass das totaler Blödsinn ist. Die Männer in Weinrot kommen angelaufen und entschuldigen sich für den Boden, der wirklich, ja, ja, da sind sich alle einig, der allerletzte Boden ist, auch wenn Phoebe sieht, dass das italienischer Marmor sein muss.

»Und hier hab ich es«, sagt Pauline. Pauline ist eine Heldin. »Sie sind in den Goldenen Zwanzigern.«

»Ist jedes Zimmer nach einem Jahrzehnt benannt?«, fragt Phoebe. Sie stellt sich jedes Zimmer mit seiner eigenen Frisur vor. Seinem eigenen Krieg. Seinen eigenen Höhenflügen und Abstürzen auf dem Aktienmarkt. Seiner eigenen Feminismusdefinition.

»Ach, wissen Sie, ich kenne noch gar nicht alle Themen«, sagt Pauline. »Ich bin neu hier. Sie scheinen mir eher zufällig benannt worden zu sein. Aber das ist natürlich eine sehr gute Frage.« Sie öffnet den Schrank und sucht nach dem richtigen Schlüssel. »Sie haben die Penthouse-Suite«, sagt sie dann. »Das einzige Zimmer mit richtigem Meerblick.«

Es wirkt etwas einstudiert und als würde Pauline jedem Gast so etwas zuraunen, damit alle sich privilegiert fühlen können. Das ist unser einziges Zimmer mit einem Schreibtisch aus dem Privathaus der Vanderbilts. Das ist unser einziges Zimmer mit unlimitierter Klopapierausstattung.

»Wunderbar«, sagt Phoebe.

»Was führt Sie dann ins Cornwall Inn?«

Auch wenn sie mit der Frage gerechnet hat, macht sie Phoebe nervös. In ihrer Vorstellung hat sie mit niemandem hier gesprochen. Sie ist einfach aus der Übung.

»Das hier ist mein Glücksort«, bringt sie hervor. Das ist nicht die ganze Wahrheit, aber gelogen ist es auch nicht.

»Ach, Sie waren schon mal hier?«, fragt Pauline.

»Nein«, sagt Phoebe.

Vor zwei Jahren hat Phoebe eine Werbeanzeige für das Hotel in einem Magazin gesehen, in das sie nie reingeguckt hätte, wenn sie nicht in der Kinderwunschklinik hätte warten müssen. Sie hat die Bilder von dem viktorianischen Himmelbett und den Blick über den Atlantik gesehen und gedacht: Wer blättert denn für seine Urlaubsplanung so ein Reisemagazin durch? Sie ärgerte sich über diese Leute, auch wenn sie keinen kannte, der das so machte. Ein paar Tage später allerdings, als ihre Therapeutin sie anwies, die Augen zu schließen und ihren Glücksort zu beschreiben, stellte sie sich vor, wie sie in diesem Himmelbett lag, denn glücklich konnte sie sich nur an einem Ort vorstellen, an dem sie noch nie gewesen war, in einem Bett, in dem sie noch nie geschlafen hatte.

»Tja, das hier ist wirklich ein Glücksort«, sagt Pauline.

Phoebe nimmt sich den Schlüssel. Das war ihr jetzt zu viel Konversation. Zu viel Normalität vortäuschen, und sie zahlt ja nicht achthundert Dollar, um die Normale zu spielen. Das hätte sie auch zu Hause haben können. Sie wird der Sache zunehmend überdrüssig, aber Pauline hat noch so viel mehr Fragen. Ob sie das Wellnesspaket dazubuchen möchte? Ob sie einen Besuch bei der hauseigenen Tarotkartenleserin in Anspruch nehmen möchte? Ob sie ein normales oder ein Kokoskopfkissen möchte?

»Was ist ein Kokoskopfkissen?«, fragt Phoebe.

»Ein Kopfkissen«, sagt Pauline, »in dem Kokosfasern drin sind.«

»Ist das besser bei Kopfkissen?«, fragt sie. »Wenn Kokosfasern drin sind?«

Das ist es, was ihr Mann gefragt hätte. Eine schlechte Angewohnheit von ihr – die Folge von zehn Jahren Ehe –, dass sie sich immer vorstellt, was ihr Mann gesagt hätte. Auch wenn er nicht dabei ist. Besonders, wenn er nicht dabei ist. Phoebe hätte nie gedacht, dass sie zu so einer Frau werden würde. Aber wenn die letzten Jahre sie eines gelehrt haben, dann, dass man wirklich nie wissen kann, wer man mal wird.

»Das sind die sehr viel besseren Kopfkissen«, sagt Pauline. »Vertrauen Sie mir. Wir lassen Ihnen gleich eins hochbringen.«

Phoebe geht zum Fahrstuhl, und als die Türen sich schließen, stellt sich Erleichterung ein. Darüber, endlich den Hochzeitsleuten entkommen zu sein. Darüber, selbst eine Veränderung herbeigeführt und einen anderen Schlüssel als den zu ihrem Haus in der Hand zu haben.

»Halt den Fahrstuhl an!«, ruft eine Frau.

Phoebe weiß, dass es sich um die Braut handelt, noch bevor sie sie sieht. Sie ruft, als verdiene sie diesen Aufzug. Aber niemand verdient irgendetwas, noch nicht einmal die Braut. Phoebe drückt den Kopf, um die Türen zu schließen, aber die Braut schiebt ihre Hand dazwischen. Die Türen gehen nicht, wie man es erwarten würde, wieder auf, vielleicht weil das Cornwall schon 1864 erbaut wurde. So ein altes Hotel kann gnadenlos sein, auch der Braut gegenüber.

»Scheiße!«, ruft die Braut.

»Oh Gott«, sagt Phoebe. Sie hebelt gewaltsam die Türen wieder auf und starrt ungläubig die Hand der Braut an. »Du blutest.«

Die Braut hält die Wunde, die sich über ihren Handrücken zieht, hoch wie ein Kind und nimmt das Taschentuch, das Phoebe ihr anbietet, ohne ein Wort des Dankes entgegen. Phoebe drückt den Knopf, und die Türen schließen sich wieder. Beide Frauen schweigen, während die Braut höflich ins Taschentuch blutet und der Aufzug nach oben fährt. Phoebe hört, wie die Braut versucht, ihren Atem zu beruhigen, und sieht, wie das Taschentuch sich dunkel färbt.

»Tut mir wirklich leid«, sagt Phoebe. »Mir war nicht klar, dass so was passieren würde.«

»Ach, das wird schon wieder«, bemüht sich die Braut zu sagen. Sie räuspert sich. »Also … gehörst du zu Garys Familie?«

»Nein«, sagt Phoebe.

»Gehörst du zu meiner Familie?«

»Weißt du nicht, wer zu deiner eigenen Familie gehört?«, fragt Phoebe. Sie findet die Frage lustig, und das ist ein seltsames Gefühl. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass ihr nach Lachen zumute ist. Seit Jahren vielleicht. Denn wieso kennt die Braut ihre eigene Familie nicht? Phoebe kannte jeden in ihrer Familie. Das ging gar nicht anders. Ihre Familie war so klein. Nur Phoebe und ihr Vater, eine so winzige Familie, dass sie in seine kleine Fischerhütte gepasst hat.

»Ich habe eine sehr große Familie«, sagt die Braut, in einem Tonfall, als wäre das ein Problem.

»Ich gehöre jedenfalls nicht dazu«, stellt Phoebe klar.

»Aber zu irgendeiner Familie musst du doch gehören.«

»Nein«, sagt Phoebe. »Ich gehöre zu keiner Familie.«

Das ist die niederschmetternde Erkenntnis, die nach ihrer Scheidung langsam in sie eingesickert ist und sich mit jedem Feiertag immer deutlicher herausschälte, bis sie heute Morgen in einem derart stillen Haus aufgewacht ist, dass sie schließlich so richtig durchdrungen davon war, was es bedeutet, keine Familie zu haben. Sie hat begriffen, dass es so immer sein wird – nur sie ganz allein in ihrem Bett. Noch nicht mal mehr ihr Kater Harry, der an der Tür miaut.

»Aber es sind doch alle wegen der Hochzeit hier, das habe ich sichergestellt.« Die Braut betrachtet verwirrt die Tasche mit den Geschenken in Phoebes Hand. »Da muss irgendein Fehler vorliegen.«

Die Braut sagt das so, als wäre Phoebe ein Albtraum, den sie schon immer gefürchtet hat. Phoebe ist etwas, das zu einem Zeitpunkt schiefgeht, an dem nichts schiefgehen darf. Weil jede Kleinigkeit, die während einer Hochzeit geschieht, ein Omen sein kann – wie der starke Wind im Park, der bei Phoebes Hochzeit die Pappteller verweht und ihr einen kalten Schauer das Rückgrat hinuntergejagt hat. Wir hätten echte Teller nehmen sollen, hatte sie gedacht, mit Gewicht und Substanz.

»Es liegt kein Fehler vor«, sagt Phoebe.

Das hier ist Phoebes Glücksort. Der Ort, für den sie sich unter alle möglichen Optionen entschieden hat. Wie kann die Braut es wagen, ihr einzureden, dass sie nicht hier sein sollte?

»Aber wenn du nicht wegen der Hochzeit hier bist, weswegen bist du dann hier?«, fragt die Braut mit sehr viel tieferer Stimme, als käme endlich ihre echte Stimme zum Vorschein. Denn hier in diesem privaten Umfeld mit jemandem, der nicht ihre Hochzeit besucht, muss die Braut nicht die Braut sein. Sie kann sprechen, wie sie will. Und Phoebe auch. Phoebe ist nicht Hoher Dutt oder Nackenkissen. Sie ist niemand, und das einzig Gute daran, niemand zu sein, ist, dass sie verdammt noch mal sagen kann, was sie will. Selbst zur Braut.

»Ich bin hier, um mich umzubringen«, sagt sie. Sie sagt das ohne Drama oder viel Gefühl, einfach als Fakt. Denn das ist es. Phoebe erwartet, dass die Wahrheit die Braut auf peinliche Art zum Schweigen bringt, aber sie schaut nur verwirrt.

»Ähm, was hast du gerade gesagt?«

»Ich sagte, ich bin hier, um mich umzubringen«, wiederholt Phoebe mit Nachdruck. Es fühlt sich gut an, es laut auszusprechen. Wenn sie es nicht laut aussprechen könnte, wäre sie wohl erst recht nicht in der Lage, es zu tun. Und sie muss es tun. Es ist entschieden. Sie ist extra den ganzen Weg hierhergekommen. Sie ist froh, als die Türen aufgehen, aber die Braut drückt den Knopf, damit sie sich wieder schließen.

»Nein«, sagt sie.

»Nein?«, fragt Phoebe.

»Nein. Du kannst dich definitiv nicht umbringen. Das hier ist meine Hochzeitswoche.«

»Deine Hochzeit dauert eine ganze Woche?«

»Na ja, sechs Tage, wenn man es genau nimmt.«

»Das ist eine … lange Hochzeit.«

Phoebes Hochzeit hat nur einen Abend in Anspruch genommen. Sie wollte keine große Sache draus machen. Warum eigentlich nicht? Aus heutiger Perspektive erscheint es ihr bescheuert, dass sie das Gute nicht gefeiert hat, als sich die Gelegenheit bot. Aber Phoebe und ihr Mann waren damals erst seit einem Jahr mit dem Graduiertenkolleg fertig, lebten von einem Stipendium und waren daran gewöhnt, sich mit einer billigen Flasche Wein und dem Ausblick auf einen hübschen Baum zu begnügen. Und eine Hochzeit ist so ein Spektakel, hatte Phoebe gedacht. Wenn sie Blumen bestellt oder noch eine alternative Torte probiert oder ihren Freundinnen erzählt hatte, wie glücklich sie war, beschlich sie immer das schreckliche Gefühl zu prahlen.

»Eine Woche ist heutzutage so ziemlich Standard«, sagt die Braut in einem Tonfall, der dafür sorgt, dass Phoebe sich alt vorkommt. »Und die Leute sind von weither angereist, um dabei zu sein.«

Aber Phoebe ist das egal.

»Das ist die wichtigste Woche in meinem Leben«, wirft die Braut ins Feld.

»Bei mir auch«, sagt Phoebe.

Phoebe drückt, damit die Türen aufgehen, aber die Braut schließt sie wieder, und das macht Phoebe so wütend wie sonst nur der Stau auf dem Weg zur Arbeit. Sie hätte schreien mögen angesichts dieser ganzen Rücklichter vor ihr, und doch hat sie das nie getan, noch nicht mal im privaten Rahmen ihres eigenen Wagens. Sie war niemand, der schrie. Keine Frau, die Ansprüche an die Welt stellte, keine, die erwartete, dass die Straßen sich leerten, nur weil sie es eilig hatte. Sie war nicht wie die Braut, die hier so anspruchsberechtigt mit ihrer Glitzerschärpe steht, als wäre sie die erste und einzige Braut seit Anbeginn der Zeit. Und all das führt dazu, dass Phoebe der Braut am liebsten die Schärpe herunterreißen und ihr eigenes Hochzeitsfoto hervorziehen würde, um ihr zu zeigen, dass auch sie einst eine Braut war und dass aus einer Braut noch alles werden kann. Selbst eine Phoebe.

Aber dann fällt das Taschentuch auf den Boden. Als die Braut es aufhebt, kommt ein halber Schluchzer aus ihrer Kehle, und danach schaut sie Phoebe an, als ob ihr Leben schon jetzt in Scherben läge.

»Bitte mach das nicht«, bettelt sie, und Phoebe bekommt wieder dieses Gefühl, als ob sie sich kennen, als ob die Braut sie das von Cousine zu Cousine bittet.

»Ich bin ganz leise«, verspricht Phoebe. »Ich meine, ich mache vielleicht ein bisschen ruhigen Jazz im Hintergrund an, aber davon werdet ihr nichts hören.«

»Machst du Witze? Ist das irgendeine kranke Verarsche oder was? Hat Jim dich dazu angestiftet?«

Phoebe zieht ihren altertümlichen Discman und eine CD mit dem Titel Sax for Lovers aus ihrer Handtasche. Zwei der wenigen Dinge, die sie von zu Hause mitgebracht hat. Die CD hat sie seit dem ersten Abend ihrer Hochzeitsreise in die Ozarks. Aus einem kleinen Motel am Rande eines Canyons mit einem herzförmigen Whirlpool im Zimmer, der dazu führte, dass alles im Raum sich klamm anfühlte. Ihr Mann hatte die CD in der Stereoanlage gefunden. Sax for Lovers, hatte er vorgelesen, und sie hatten gelacht. Na los, mach sie schon an, Geliebter, hatte sie gesagt, und dann hatten sie erst getanzt und sich dann gegenseitig ausgezogen.

»Oh mein Gott«, sagt die Braut. »Du meinst das ernst. Du willst das wirklich hier machen? In deinem Zimmer? Wann?«

»Heute Abend«, antwortet Phoebe. »Wenn die Sonne untergeht.«

Sie wird auf dem Balkon eine Zigarette rauchen. Wird sich den Zimmerservice bestellen und mit Blick aufs Wasser ein schönes Abendessen genießen, anschließend einen erlesenen Nachtisch. Die CD hören. Ein Fläschchen mit den Schmerzmitteln ihrer Katze nehmen und dann bei Sonnenuntergang in dem großen Himmelbett einschlafen. Es wird schnell und schön und ganz ohne Blut vonstattengehen, weil Phoebe nicht möchte, dass das Personal hinter ihr herwischen muss wie ihre Freundin Mia hinter ihrem Mann Tom, der sich die Pulsadern aufgeschlitzt hat. Das ist einfach nur egoistisch, hatte Phoebes Mann gesagt, als sie davon erfuhren, und Phoebe hatte zugestimmt, denn Tom hatte überlebt. Und weil es ihr wichtig vorkam, dass Eheleute sich bei so etwas einig waren. Aber auch weil Phoebe ein reinlicher Mensch ist und mit der Überzeugung geschlagen, dass jedes Buch seinen angestammten Platz im Regal hat und Blut im Körper bleiben sollte, auch nach dem Tod, ganz besonders nach dem Tod, und wie schrecklich für Mia, dass sie auf die Knie gehen und das Blut ihres Mannes aus den Fugen schrubben musste.

»Es wird keine Sauerei geben«, verspricht Phoebe.

»Nein«, sagt die Braut bestimmt. »Absolut nicht. Das wird nicht passieren. Das kann nicht wahr sein.«

Aber ihre Wunde ist ein roter Fleck, der sich immer weiter ausbreitet. Die Braut betrachtet ihn und sagt: »Wie konntest du mir das antun?«

Aber tut ihr Phoebe wirklich etwas an? Wenn nicht Phoebe, dann wird jemand anderes die Sache ruinieren. So ist das bei Hochzeiten. So ist das im Leben. Auf A folgt B. Mit der Zeit wird die Braut das lernen.

»Glaub es oder nicht, aber das hier hat mit dir rein gar nichts zu tun«, sagt Phoebe.

»Natürlich hat es das!«, sagt die Braut. »Das ist meine Hochzeit! Die plane ich schon mein ganzes Leben lang!«

»Und ich plane das hier schon mein ganzes Leben lang.«

Erst als sie es ausspricht, merkt sie, dass das stimmt. Nicht dass sie ihrem Leben schon immer ein Ende setzen wollte. Aber das Konzept an sich war ihr immer bewusst, sie hat nie vergessen, dass es diesen Selbstvernichtungsknopf gibt, auch in ihren glücklichsten Momenten nicht. Woher kommt diese Tristesse? Hat ihr Vater sie ihr vererbt, wie eine Blutkrankheit?

»Bitte«, sagt die Braut. »Bitte mach das nicht hier.«

Aber sie muss. Das hier ist der einzige Ort, der sich passend anfühlt: ein Fünfsternehotel tausend Meilen von zu Hause entfernt, voll mit reichen Fremden, die ihr Tod kaum tangieren wird, und Personal, das so gut ausgebildet ist, dass es angesichts ihrer Leiche nur nicken und sie morgens leise durch den Dienstbotenaufzug entsorgen wird.

Allerdings ist da jetzt die Braut, und die wirkt schon ziemlich tangiert.

»Bitte«, sagt sie wieder, wie ein Kind, und Phoebe kommt der Gedanke, dass sie eines ist. Sechsundzwanzig, oder achtundzwanzig vielleicht? Ein Kind, so wie sie und ihr Mann Kinder waren, als sie geheiratet haben. Die Braut versteht noch nicht, was es heißt, verheiratet zu sein. Alles miteinander zu teilen. Das Konto. Bei weit geöffneter Badezimmertür zu pinkeln, während man seinem Mann irgendwas über Pinguine im Zoo erzählt. Und dann eines Tages ganz allein aufzuwachen. Auf sein Leben zurückzublicken wie auf einen Traum und zu denken: Was zum Geier war denn das jetzt?

»Was ist mit deinem Mann?«, versucht es die Braut, die Phoebes Ehering bemerkt hat. »Deinen Kindern?«

Phoebe hat keine Lust mehr, sich zu erklären. Sie reicht ihr das letzte Taschentuch. »Betrachte es als Hochzeitsgeschenk«, sagt Phoebe. »Ich hoffe, dass ihr zusammen glücklich werdet.«

Die Türen öffnen sich, und sie sind ganz oben. Phoebe ist endlich da. Aber natürlich spielt es eigentlich keine Rolle, wo sie ist. Sie kann auf der obersten Etage sein und am Meer oder in dem kleinen Schlafzimmer in ihrem Haus. So was wie einen Glücksort gibt es nicht. Denn wenn du glücklich bist, dann ist überall ein Glücksort. Und wenn du traurig bist, dann ist überall ein trauriger Ort. Als sie diese schreckliche Reise in die Ozarks gemacht haben, waren sie so glücklich, dass sie alles weglachen konnten. Die Handtücher waren klein und eklig, aber das war in Ordnung, denn sie legten die sportlichen Beine ihres Mannes bis zu den Oberschenkeln frei. Du schockierst mich, hatte sie gesagt.

»Lila!«, ruft Hoher Dutt vom Ende des Flurs.

Sie werden ihr beide nicht ausweichen können. Die Braut streicht ihr Kleid glatt und wappnet sich, um wieder die Braut zu sein, aber dann entdeckt sie den roten Fleck am Saum.

»Ist das Blut?«, fragt sie Phoebe.

Das Kleid ist hin. Das wissen sie beide. Sie sind zwei Frauen, die ihr Leben lang versehentlich in ihre Unterhosen geblutet haben, und sie wissen, dass es nichts gibt, womit sich das beseitigen lässt. Aber die Braut atmet tief durch, als Hoher Dutt und Nackenkissen sich nähern und breitet ihre Arme aus, um die beiden noch einmal zu begrüßen. Phoebe fragt sich, wie oft sie das heute Abend noch wird tun müssen.

»Wir sind auf demselben Flur!«, sagt Hoher Dutt, während Nackenkissen die Schürfwunde an Lilas Hand betrachtet, aber nichts dazu sagt. Sie sind gute Brautjungfern und werden den Teufel tun und auf Dinge hinweisen, die die Braut hässlich machen.

»In welchem Zimmer seid ihr?«, fragt Lila.

»The Gloucester«, sagt Hoher Dutt. »Spricht man das so aus?«

»Ich glaube, man sagt Gloster«, meint Nackenkissen.

Phoebe schickt sich an, den Flur hinunterzugehen und die Braut zurückzulassen, eingesponnen im Netz ihrer Feierlichkeiten, das sie schon als kleines Mädchen in ihren Tagträumen begonnen hat zu weben.

Werden Hoher Dutt und Nackenkissen sich morgen, nachdem Phoebes Körper abtransportiert worden ist, an sie erinnern? Werden sie überlegen: Ist die tote Frau die, mit der wir dich aus dem Aufzug haben kommen sehen? Oder werden sie sich nur an die Braut erinnern?

Der Flur wird dunkler, ist hier nur durch eine einzige, perfekt platzierte Kupferlampe erleuchtet. Phoebe kommt an einer Nische mit einem Eiswürfelbereiter vorbei, angesichts derer sie sich an die schlechteren Hotels erinnert fühlt, in denen sie in ihrem alten Leben übernachtet hat, als sie noch zu Konferenzen gegangen ist und Vorträge über die Heiratsarrangements im neunzehnten Jahrhundert gehalten hat. Da ist auch ein Getränkeautomat, aber der ist, einer Art ungeschriebenem Gesetz unter reichen Leuten folgend, hinter einem großen Raumteiler aus goldenen Blättern versteckt: Das hier ist ein ordentliches Hotel. Wenn du etwas tun willst, das du nicht tun solltest, dann tu es bitte dezent.

Als sie auf ihrem Zimmer ist, schließt sie die Tür ab. Das harte metallische Klicken ist sehr befriedigend. Sie ist wieder allein. Sie lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür, und bevor sie den Meerblick oder die goldenen Fransen an der Lampe bewundert, sieht sie an sich herunter und stellt fest, dass sie immer noch die Geschenketasche in der Hand hat. Sie zieht den deutschen Schokoladenwein heraus, dann eine kleine Flasche von etwas, das Jedermanns Wasser heißt. Eine von der Trauzeugin selbst gezogene Kerze, wer auch immer sie sein mag. Eine Packung Kekse, die so sehr nach Oreos aussehen, wie eben möglich, ohne markenrechtlich verklagt zu werden. Ich werde nie mehr ein Oreo essen, denkt Phoebe. Und diese kleinen Sachen sind es, die sie schwer akzeptieren kann. Dass sie nie wieder ein Glas Wein trinken wird. Dass sie nie wieder spüren wird, wie die Finger ihres Mannes an ihrem Rückgrat herunterwandern. Dass das Fleisch so schwach ist.

Sie öffnet den deutschen Schokoladenwein und nimmt einen Schluck. Die Braut hat recht. Er ist besser, als man denkt.

Wenn wir im Cornwall logieren, können wir in einer Siegeryacht vom America’s Cup segeln gehen«, sagte Phoebe zu ihrem Mann Matt.

»Wir können uns auch einen Oldtimer mieten und wie die letzten Idioten damit spazieren fahren«, erwiderte Matt.

Das war im Januar vor zwei Jahren. Sie saßen im Bett und surften auf der Suche nach dem dekadentesten aller Urlaube im Internet – nach dem letzten Besuch in der Kinderwunschklinik hatten sie beschlossen, dass sie so was nötig hatten. Die Embryonenqualität war schlecht, und sie hätten sich das alles sparen können – Phoebe hatte eine Fehlgeburt, obwohl der Arzt das nie so ausgedrückt hätte. Er sagte »Die Schwangerschaft war nicht lebensfähig« und »Ich empfehle an diesem Punkt keinen sechsten Versuch«. Auf der Fahrt nach Hause fühlte sich Phoebe ihrem Körper vollkommen entfremdet. Er war einfach irgendein Stück Land, wie die übernutzten Sojafelder am Rand der Autobahnen. Phoebe trank das erste Mal seit Monaten einen Whiskey, und Matt starrte durch das Fenster den Mond an, bis er sagte: »Lass uns zu Springbreak mal richtig Spaß haben.«

Da erinnerte Phoebe sich wieder an das viktorianische Hotel aus dem Magazin und fand das Cornwall Inn schließlich im Netz. »Guck mal, wir können sogar vom Whirlpool aus aufs Meer blicken«, sagte sie.

»Wir können Austern schlürfen und aus irgendeinem Grund exakt zum selben Zeitpunkt in Lachen ausbrechen«, fügte er hinzu, und es fühlte sich gut an, diese Liste mit neuen Sachen aufzustellen, die sie zusammen machen wollten.

Irgendwann schlief Matt ein, aber Phoebes Körper war noch zu sehr in Aufruhr, als dass sie hätte schlafen können. Sie blutete immer noch. Also blieb sie wach und betrieb weiter ihre Hotelanalyse, sah sich alle Zimmer an und die angebotenen Ausflüge – man konnte dort so vieles unternehmen. Mit Seehunden paddeln, sich auf eine »Wasserreise« im nahe gelegenen Spa begeben, bei einer Klippenwanderung Edith Whartons Haus besichtigen oder am Strand Yoga machen. Nicht dass sie jemals Yoga gemacht hätte, aber der Gedanke, eine Frau zu sein, die gelegentlich Yoga am Strand machte, gefiel ihr.

Sie erstellte eine ausführliche Tabelle mit möglichen Ausflügen, schließlich war sie Wissenschaftlerin. Sie führte auch eine lange Liste mit allen Büchern, die sie je gelesen hatte, und ihren liebsten Zitaten daraus. Für ihre Doktorarbeit hatte sie jeden einzelnen Spaziergang nachverfolgt, den Jane Eyre in Charlotte Brontës Roman unternahm. Hatte im einem Jahr ihre Deutschkenntnisse auf ein professionelles Niveau gebracht, im nächsten ihr Mittelenglisch. Und nach dem Sex mit ihrem Mann wollte sie den Dingen immer noch tiefer auf den Grund gehen, zum Beispiel dem Wort »cunt« – wo war es in der englischen Sprache zum ersten Mal belegt? Matt lachte über die Frage und sagte: »Bei Shakespeare wahrscheinlich?« Phoebe erwiderte: »Ich wette, es war Chaucer.« Und dann recherchierten sie beide und fanden heraus, dass es schon zweihundert Jahre vor Geoffrey Chaucer in Oxfordshire eine Gropecunt Lane gegeben hatte.

Es war wunderbar, wie Matt immer auf sie einging. Sie waren sich sehr ähnlich – er war ebenfalls ein Forscher, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnen würde. Er war Philosoph, las noch freitagabends Bücher, überanalysierte mit ihr die Fernsehwerbung und verwickelte sie in ausführliche Diskussionen über die Benennung ihrer Geschlechtsteile beim Sex, wobei sie nie über das Ergebnis hinauskamen, dass sie sie jedenfalls nicht als Geschlechtsteile bezeichnen wollten.

Aber als Phoebe ihm am nächsten Morgen die Tabelle zeigte, sagte Matt im selben Tonfall »Du hast eine Spaßtabelle angelegt?«, wie er einmal gefragt hatte: »Du hast eine Sextabelle angelegt?«

Ja, hatte sie. Phoebe war achtunddreißig. Sie konnten es sich nicht mehr leisten, einfach gelegentlich Sex zu haben, wenn sie ein Baby bekommen wollten. Doch als es dann zum nächsten Sex kam, bedachte er sie über das Bett hinweg mit einem Blick, der wohl besagte: Okay, sind wir wieder mal fällig? Und sie sah ihn an, als wäre er überhaupt niemand, nur die Vase auf dem Beistelltisch.

»Willst du mir weismachen, dass andere Leute in den Urlaub fahren, ohne vorher eine Spaßtabelle anzulegen?«, fragte Phoebe.

Das war ein Witz, aber er verstand ihn nicht als solchen, daher fühlte er sich auch nicht mehr witzig an. Er sah sie an, als würde er gerade ein Urteil über sie fällen. Es war nur ein kurzer Blick, doch ihr Mann brauchte auch nicht lange, um ein Fazit zu ziehen. Er war ein aufmerksamer und scharfsinniger Textexeget. Einmal hatte er einen vierunddreißig Seiten langen Artikel über ein einziges Wort bei Platon geschrieben.

»Sie ist bestimmt toll«, sagte er und gab ihr einen Abschiedskuss.

Matt war nicht der Allerschönste, aber für sie schon. Und mit zunehmendem Alter sah er immer besser aus. Das Hellgrau, das sich unter seine braunen Haare mischte, und dieses Lächeln, das sie immer noch jedes Mal umhaute. Ihr Mann könnte in die Welt hinausgehen und ohne sie Kinder haben – dieser Gedanke kam ihr jedes Mal, wenn sie das Haus verließ und zur Arbeit ging, und sie fragte sich, ob er das auch manchmal dachte.

»Wir sehen uns zum Abendessen«, sagte sie, und dann fuhren sie in getrennten Autos zur selben Uni, wo sie Literatur lehrte und er Philosophie. An ihrem Schreibtisch aß sie einen Energieriegel. Anschließend machte sie sich auf zu einer Besprechung und kam auf dem Weg an Bobs riesigem Büro vorbei, seinem Trostpflaster für die Organisation der Abteilung. Darin lief in ohrenbetäubender Lautstärke ein Streichquartett. »Hallo«, sagte Bob, sehr britisch ausgesprochen, obwohl er gar kein Brite war. Sie ging die Treppe hoch und vorbei an der Tür ihres Ehemanns, die einen Spalt offen stand, denn eine Studentin war bei ihm. Brünett. Wenn eine Frau in seinem Büro war, ließ er immer die Tür offen, auch wenn er nur zuhörte, was sie über ihr Verhältnis zur Bibel zu sagen hatte.

»Ich hab nie darüber nachgedacht, dass ich sie auch einfach lesen kann wie ein Buch«, sagte die junge Frau. »Mir war nicht klar, dass eigentlich normale Menschen die Bibel geschrieben haben. Ich hab immer gedacht, Gott hätte sie geschrieben. Ist das blöd?«

»Das ist gar nicht blöd«, versicherte Phoebes Mann.

Phoebe ging weiter zur Sitzung des Arbeitskreises für den Aufenthaltsraum der freien Lehrbeauftragten, der ausschließlich aus Männern mit einsilbigen Abkürzungen als Vornamen bestand, die seltsamerweise als professionell betrachtet wurden. Jack. Jeff. Stan. Russ. Vince. Mike. Phoebe war die einzige Frau und die einzige freiberufliche Dozentin, und sie war dazugerufen worden, um einzubringen, was eine Frau und freie Lehrbeauftragte von ihrem zukünftigen Arbeitsplatz erwartete.

»Phoebe?«, fragte Mike. »Was meinst du?«

Die Schwangerschaft war nicht lebensfähig.

»Meinst du, die Stühle sollten mit Schreibtablaren versehen sein oder nicht? Russ meint, die Tablare sehen zu sehr nach Fließbandarbeit aus«, sagte er. »Ihr sollt euch ja wie zu Hause fühlen. Aber die Tablare würden die Notwendigkeit beseitigen, auch noch Couchtischchen anzuschaffen.«

Erfolgreiche Männer überall auf der ganzen Welt werden dafür gefeiert, wenn sie etwas beseitigen, um Platz für etwas anderes zu schaffen. Wie die drei Polypen, die Dr. Barr aus ihrem Uterus entfernt hatte, um Platz für ihre zukünftigen Kinder zu schaffen.

»Ich finde, richtige Couchtische wären nett«, sagte Phoebe. Und dann gingen sie alle nach Hause – die Männer zu ihren Frauen und Phoebe zu ihrem Mann.

Aber er war noch nicht da.

Ich geh noch mit ein paar Leuten von der Arbeit was trinken, schrieb er.

Sie schenkte sich den Rest aus einer offenen Flasche Wein ein und überlegte, wer die Leute von der Arbeit wohl waren. Sie konnte nicht fragen, das würde als übergriffig gelten, und sie versuchte alles, um nicht übergriffig zu sein, ganz besonders in dieser heiklen Phase ihrer Ehe. Sie war sehr bemüht, sich einen Dreck darum zu scheren, auf wie vielen Ebenen sie gerade dabei war, ihren Ehemann zu verlieren. Aber warum eigentlich? Natürlich scherte sie das. Er war ihr Mann.

Trank er was mit Bob? Bob bewahrte eine Flasche Irgendwas in seinem Schreibtisch auf, so wie Professoren in Filmen das immer machten. Aber sie wusste, dass ihr Mann nicht gern mit Bob trank. »Der Typ trinkt, um sich zu vernichten«, hatte er eines Abends gesagt, als er von einer Fakultätsfeier nach Hause kam, die vor allem wegen Bob viel zu lange gedauert hatte.

Möglicherweise trank er etwas mit Rick oder Adam oder Paula aus seiner Abteilung. Vielleicht mit Mia? Aber seit Mia und Tom vor neun Monaten ein Baby bekommen hatten, war Mia eigentlich nicht mehr so richtig ansprechbar. Außerdem hätte Matt sie gefragt, wenn er sich mit Mia treffen würde, denn Mia war auf der Arbeit Phoebes beste Freundin, wenn man das denn im Arbeitskontext so bezeichnen durfte. Da war Phoebe sich nie so sicher. Aber aufgrund ihrer benachbarten Büros waren sie sich nähergekommen, noch mehr, als Mias Mann vor zwei Jahren den Selbstmordversuch unternommen hatte. Phoebe hatte es sich danach zur Aufgabe gemacht, Mia und Tom fast jedes Wochenende zum Abendessen einzuladen, so wie Mia es sich vorher zur Aufgabe gemacht hatte, mit Phoebe zu reden, als eine Menge anderer fester Lehrstuhlinhaber das nicht taten. Bei diesen Abendessen pflegte Tom darüber zu sprechen, was er unternahm, um sich wieder besser zu fühlen – drei Mal am Tag meditieren, er hatte ein Wandermagazin abonniert und konsumierte keinen raffinierten Zucker mehr, denn das war ein Trigger für ihn, wie er eines Abends erklärte, als sie ihm ein Stück Kuchen anboten. Tom musste jetzt offen und ehrlich mit seiner Depression umgehen, denn sich dafür zu schämen, machte es nur schlimmer. Sie hatten alle zustimmend genickt, das verstanden sie total, und doch tauschten Phoebe und Matt einen vielsagenden Blick, nachdem Mia und Tom gegangen waren.

»Ich weiß gar nicht, warum er überhaupt so depressiv ist. Versuchen sie nicht gerade, ein Kind zu bekommen? Und Mia ist wunderschön«, hatte Phoebe zu Matt gesagt, so sicher war sie sich damals der Liebe ihres Mannes gewesen. Sie konnte zugeben, dass andere Frauen schöner waren. Dass es attraktivere gab als sie, hatte sie schon in jungen Jahren begriffen, das war für sie in Ordnung.

Aber an diesem Abend trank sie ihren Wein, ergänzte noch etwas in ihrer Spaßtabelle, und nichts war mehr in Ordnung. Es war auch kein Spaß mehr, obwohl ihr Mann genau den gewollt hatte. »Lass uns mal richtig Spaß haben«, hatte er gesagt. Und er hatte ja recht. Sie lachten überhaupt nicht mehr zusammen. Sie schliefen auch kaum noch miteinander. Mit so einem Mängelexemplar von Körper war das nicht so leicht. Aber sie wollte etwas für ihn tun. Etwas, das sie noch nie zuvor gemacht hatte. Etwas Spaßiges.

Ich sorg dafür, dass du zu Hause kommst, tippte sie in ihr Handy. Aber schon der Anblick dieses »zu Hause kommst« machte sie nervös. Also löschte sie es wieder, schrieb Wenn du hier bist, sorge ich dafür, dass du kommst, und änderte es dann noch mal zurück, weil sie nicht wusste, ob es besser war, klar und korrekt zu schreiben oder spaßig, und warum hatte sie immer das Gefühl, dass sie sich für eins davon entscheiden musste?

Als Matt schließlich nach Hause kam, brachte er eine Flasche Champagner mit. Sehr selten kaufte er den mal. Und wenn, dann fühlte er sich immer bemüßigt, einen Witz darüber zu machen: »Ich hab uns einen Champagner gejagt und gesammelt.«

»Haben wir was zu feiern?«, fragte Phoebe. »Oder trinken wir einfach so Champagner?«

Sie beobachtete, wie er zwei Sektflöten holte. Wartete ab, dass er etwas zu ihrer Nachricht sagen würde, aber das tat er nicht. Hatte sie sie an jemand anders geschickt? Sie griff nach ihrem Handy und sah nach, aber nein, da war die Nachricht, stand wie bestellt und nicht abgeholt am Ende ihres Chats herum.

»Wir haben was zu feiern«, sagte er. »Es gibt Neuigkeiten.«

Sie kamen sonst nie mit Neuigkeiten von der Arbeit nach Hause. Es war eigentlich immer das Gleiche. Entweder gut oder schlecht oder viel los oder ganz okay. Die Studenten waren entweder faul oder begeistert oder inspirierend oder deprimierend. Sie schrieben die Namen historischer Persönlichkeiten falsch oder arbeiteten auf hohem Niveau die Bezüge zwischen Virginia Woolf und dem Kubismus heraus. Sie verpassten die Zwischenprüfung, weil schon wieder ihre Großmutter gestorben war (nachts, ganz plötzlich!), oder sie zückten gut vorbereitet ihre Stifte.

»Worum geht’s?«, fragte sie.

Die Champagnerflasche stand auf dem Tresen wie ein grüner Gott. Sie hasste das ungute Gefühl in ihrem Magen. Den Gedanken, dass die guten Nachrichten ihres Mannes unmöglich auch für sie gut sein konnten.

»Ich hab erfahren, dass ich als ›Hochschullehrer des Jahres für Kunst und Literatur‹ ausgezeichnet werde.« Ihr Mann drehte den Korken heraus, und ein lautes Schussgeräusch hallte durch den Raum.

»Oh, wow«, sagte Phoebe.

Wie machte man das, zu feiern? Phoebe erinnerte sich, dass sie an Silvester mal Konfetti in die Luft geworfen hatten. Sie erinnerte sich, dass sie auf einem Gipfel über einer Schlucht in Arkansas mal »Yippie-Ya-Yeah« geschrien hatten. Aber grundsätzlich waren sie aus der Übung.

»Ich kann es irgendwie noch gar nicht glauben«, sagte Matt.

Phoebe konnte es glauben – sie hatte sogar gewusst, dass er den Titel irgendwann erhalten würde. Das College für Kunst und Literatur war eine der kleinsten Fakultäten an ihrer Universität, und sie hatten immer gescherzt, dass die meisten Professoren den Titel mal verliehen bekämen, wenn sie nur lange genug an der Uni blieben – außer Phoebe, denn Professoren ohne Festanstellung konnten den Titel nicht bekommen. Phoebe bekam auch keine Gesundheitsversorgung, auch wenn sie genau die gleiche Arbeit machte wie ihr Mann, der inzwischen einen festen Lehrstuhl für Philosophie innehatte, mit einer Krankenversicherung, die sogar den Zahnarztbesuch ihrer Katze abdeckte. Und das war immer okay so gewesen, denn sie waren verheiratet und hatten zusammen genug Liebe und Geld, um ein gemeinsames Haus zu kaufen und all die Sachen zu machen, die Leute machten, die gerade ein Haus gekauft hatten, wie den Garten zu bepflanzen, die Küche mit einer Quarzkompositarbeitsplatte aufzuwerten und im Labor sechs Embryos produzieren zu lassen.

Es fühlte sich allerdings nicht okay an, wenn man ihrem Mann Preise verlieh. Es fühlte sich nicht okay an, wenn sie auf einer Veranstaltung in der Fakultät waren und jemand vorschlug, sie solle sich doch auf die neue Professorenstelle für Englisch bewerben, bei der es eine Chance auf Entfristung gab. Was für eine Gelegenheit, wie günstig, dass Jack Hayes gerade jetzt gestorben war. Aber sie wusste, dass man sie für die Stelle nicht ernsthaft in Betracht ziehen würde. Sie hatte nach ihrem Abschluss gerade mal einen Artikel publiziert, und das war nicht genug. Es war dann immer Matt, der aussprach, was sie nicht über die Lippen brachte: »Phoebe schreibt noch an ihrem Buch.« Die anderen fragten, worum es darin ging, und Phoebe konnte es nicht gut beschreiben. Sie sagte irgendwas über den häuslichen Raum bei Jane Eyre. Oder über die Kultur des Spaziergangs im viktorianischen Zeitalter. Oder Feminismus? Sie wusste es selbst nicht mehr so richtig. Das ganze Thema langweilte sie inzwischen. Jedes Mal, wenn sie am Computer ihre Dissertation öffnete, kam es ihr vor, als würde sie mit einem Ex-Freund Kaffee trinken gehen, von dem sie sich nicht vorstellen konnte, ihn jemals wieder zu lieben.

»Glückwunsch«, sagte Phoebe zu ihrem Mann. »Das ist ja toll.« Sie lächelte und küsste Matt auf die Wange. Drückte vielsagend seinen Arm, als würde sie ihn später noch besinnungslos vögeln, und vielleicht würde sie das ja auch. Vielleicht würde er ihre Nachricht lesen und sie die Treppe hochziehen, und heute Nacht wäre die Nacht der Nächte, in der alles anders wurde, in der sie sich über die Bettkante fallen ließ, während er sie von hinten nahm. Oder vielleicht würden sie es auch von vorn machen und sich dabei in die Augen sehen, so wie früher, als sie noch frisch verliebt waren.

»Ich muss während des Essens anlässlich der Preisverleihung im Februar eine Rede halten«, sagte ihr Mann.

»Ist das schlecht?«

Wenn Phoebe im Februar eine Rede halten müsste, wäre das sehr schlecht. Phoebe hasste es mittlerweile, jeden Tag vor ihren Studenten zu stehen und sich zu beweisen. Hatte sie sich nicht gestern erst bewiesen? Und vorgestern? Warum musste sie jeden Tag aufwachen und sich schon wieder beweisen, als ob die Male davor gar nicht zählten? Am Ende war sie immer vollkommen erschöpft, und es ging ihr erst besser, wenn sie zu Hause ein Glas Wein getrunken hatte.

»Eine Rede ist super«, sagte Matt. »Und wir brauchen was, worauf wir uns freuen können.«

Er hatte recht. Sie hatten nichts, worauf sie sich freuen konnten, was ja auch der Sinn hinter der Reise war.

»Hier.« Er reichte ihr die Sektflöte. Sie war filigran und zerbrechlich. Allein sie in der Hand zu halten, machte sie nervös. »Das ist zwar keine Beförderung, aber vielleicht hilft es ein bisschen.«

Früher war es das Ziel ihres Mannes gewesen, sie zu heiraten und eine Familie zu gründen. Jetzt konzentrierte er sich auf die Karriere.

»Auf jeden Fall«, sagte sie. »Das trägt alles dazu bei.«

»Prost.«

Sie trank.

»Das ist ein guter Champagner«, meinte er, und sie kam nicht umhin festzustellen, dass ihr Mann in seinem ganzen Leben noch keinen schlechten Champagner gekauft hatte.

»Stimmt«, sagte sie. Sie liebte den ersten Schluck Champagner. Der erste Schluck brachte sie immer zurück ins Leben. Zurück in den Park, in dem sie miteinander auf ihre frisch geschlossene Ehe angestoßen hatten. Auf die von Heizstrahlern erwärmten Veranden an den Silvestern im Schnee. Aber der zweite und der dritte Schluck waren immer unerträglich trocken. »Wirklich gut.«

Ihr Ehemann – was für ein großer Gelehrter. Und die Studierenden liebten ihn. Sie lungerten immer vor seinem Büro herum, die Augen leuchtend vor Verehrung, und sagten: »Er ist ein Genie und dabei noch nicht mal ein Arschloch.« Und das stimmte. Er wusste viel. Er sprach drei Sprachen und hatte zu allem etwas beizutragen, von der Trinkkultur im antiken Griechenland über die lokalpolitischen Belange ihrer Stadt bis hin zu olympischem Doping oder den Vogelarten, die sich an ihrer Fütterungsstelle tummelten. Seine Intelligenz war einer der Gründe gewesen, weswegen sie sich in ihn verliebt hatte. Aber es war nervtötend, dabei zuzusehen, wie junge Frauen einen Kult darum machten, während das bei ihr niemand tat. Bei ihr waren die Leute entweder überrascht oder sogar ablehnend. Nicht mal Bob war noch Fan.

»Weißt du, was dein Problem ist, Phoebe?«, hatte Bob ein paar Tage zuvor gefragt. Bob war jetzt technisch gesehen ihr Kollege, nicht mehr ihr Doktorvater, sodass ihre Veröffentlichungen nicht mehr seine Sorge sein sollten. Und doch waren sie es. Phoebe verstand das, Phoebe war auch besorgt. Ihr Abschluss war zehn Jahre her, und sie war immer noch hier an derselben Uni, wandelte durch dieselben akademischen Hallen, unterrichtete ohne eigenen Lehrstuhl und hatte sich nicht so entwickelt wie viele andere in ihrem Studienprogramm. Hatte ihre Dissertation nicht zu einer richtigen Buchveröffentlichung machen können. Sie selbst wusste nicht, was ihr Problem war, und sie hasste sich dafür, wie begierig sie darauf wartete, dass Bob es ihr sagte: Wie viel Lebenszeit hatte sie nicht schon damit zugebracht, darauf zu warten, dass jemand anders Schlüsse über sie zog? Das war ihr Problem, so viel wusste sie. Aber Bob sagte: »Du denkst zu viel«, und das überraschte sie. War das denn nicht gut? Ging es an der Uni nicht genau darum?

Erst später im Bett entdeckte Matt ihre Nachricht.

»Oh, Scheiße«, sagte er. »Das hab ich nicht gesehen. Tut mir leid.«

Er entschuldigte sich, aber langte nicht zu ihr hinüber, um sie zu berühren. Sie war an dem Punkt schon so beschämt, dass sie schnell das Thema wechselte.

»Wir sollten das Cornwall buchen«, sagte sie.

»Hä?«, fragte Matt.

»Das Hotel. Für Springbreak. Das Cornwall.«

»War das das teure?«

»Das sehr teure.«

»Wie teuer denn? Dafür müssten wir quasi unser Haus beleihen, oder?«

»So um die achthundert pro Nacht.«

»Das ist … zu viel, Phoebe.«