Wege eines Wanderers im Morgengrauen - Willy Bierter - E-Book

Wege eines Wanderers im Morgengrauen E-Book

Willy Bierter

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Beschreibung

Lassen Sie sich verführen und sich mitnehmen auf eine Reise in den neuen Kontinent des transklassischen, mehrwertigen Denkens, den Gotthard Günther (1900 - 1984), der Kolumbus des 20. Jahrhunderts, entdeckt und uns den Schlüssel in die Hand gegeben hat, der dazu dienen kann, aus dem binären Gefängnis auszubrechen und das Tor zu neuen Sphären des Lebens und des Seelischen aufzustossen, so dass wir neue Modelle des In-der-Weltseins entwickeln, unser Selbst- und Weltverständnis von anderen Fragestellungen und aus anderen Perspektiven her in den Blick nehmen, neue Möglichkeitsräume für denkerische, seelische und spirituelle Spielfähigkeit erkunden, aber auch ganz praktische Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Konstellationen einüben können. Aus dem Inhalt: - Die geheimnisvolle Waldkapelle - Erwachen im Labyrinth - Wege in der Landschaft - Gedanken an spielenden Wassern - Botschaften aus dem binären Gefängnis - Das Denken denken - oder: Wenn Du denkst Du denkst, dann denkste nur Du denkst!? - Die Triade "Ich-Du-Es" - Erkennen und Wollen oder wie Neues in die Welt kommt - Maschine - Kybernetik - Transklassische Technik - Die Diamond-Technik - praktische Einübung in das transklassische Denken

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Seitenzahl: 694

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

VOR-WEG

Die geheimnisvolle Waldkapelle – Erwachen im Labyrinth

Wege in der Landschaft

Gedanken an spielenden Wassern

Botschaften aus dem binären Gefängnis

Das Denken denken – oder: Wenn Du denkst Du denkst, dann denkste nur Du denkst!?

Die Triade „Ich – Du – Es“

Erkennen und Wollen oder wie Neues in die Welt kommt

Maschine – Kybernetik – Transklassische Technik

Die Diamond-Technik – praktische Einübung in das transklassische Denken

Anhänge:

Von der Triade ins Geviert: Die formalen Grundelemente der polykontexturalen Logik

Chinesen denken anders

Vor-Weg

„Ich habe nichts geschaffen, ich habe nur weitergegeben.“

Konfuzius

„Ich habe nichts zu sagen, und ich sag es (...). Und das ist Poesie.“

John Cage

„Ich muss sprechen und habe nichts zu sagen; nur die Worte der anderen.“

Samuel Beckett

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben ...“

Rudolf Kaehr

Song to explorers:

„Turning point of century of thousand-year, spring is coming Logical field flowers shining and blooming Go to the essence go to the fountain All heroes brave being“

To the First World Congress of Universal Logic Huacan by Genevese Lake April 3, 2005 Translated by Chuanzi

Er war mit diesem Thema schon lange unterwegs, lediglich ausgestattet mit dem Entschluss, zu gehen, aufzubrechen, zu reisen. Allerdings hatte er immer geahnt, dass ihn das Unterfangen sowohl in Gegenden voller Weggabelungen, wo er nicht wusste, welchen Weg er denn nun einschlagen sollte, als auch durch verschlungene und vielleicht dunkle Täler führen würde. Und wenn er durch diese Gegenden und Täler ginge, unentwegt zwischen klaren, vagen und wirren Erkenntnissen schwankend, ganz zu schweigen davon, dass es ihm möglicherweise nie vergönnt sein würde, das grosse Ganze in den Blick zu bekommen, würde er nicht wissen, wann er ankommt, und ob er überhaupt ankommt und etwas vorweisen kann, zumal er weder mit Landkarten noch mit Fahrplänen ausgestattet war, in denen mögliche Aufenthalte ausgewiesen waren. Es war nicht einmal sicher, ob er nicht abbrechen müsste. Es würde ein langer Weg sein, staubig, steinig, ohne sich aussprechen zu können, nicht einmal mit der Aussicht, ob sich der Erfolg in flacheren oder tieferen Wassern bewegt.

Irgendwann, noch immer unterwegs, hatte er einen vorläufigen Reisebericht verfasst, nicht als geschlossene Form auf einer Linie angeordnet, sondern als ein Mäander, eine Bewegung, wo das Werden niemals aufhört, jegliche Linie unterlaufend und durchkreuzend, von dem ihm begegnenden Fremden, Fragwürdigen und Unbekannten geformt als auch dieses selbst formend. Von daher wollte er diesen Reisebericht auch nicht als ein Werk im originären Sinne verstanden wissen, sondern als eine Art Graphik fremder und eigener Kräfte mit ihren untrennbaren verschlungenen Wechselbeziehungen, als ein langsamer kontinuierlicher Prozess ohne Anfang und Ende, der eine lange und intensive Auseinandersetzung mit Gewesenem erfordert hatte, um aus diesem schöpfen zu können.

Auch wenn ihm bis dahin nicht mehr gelungen war, als das grundlegende Problem, um das es sich handelt, zu berühren, wollte er ihn trotzdem einigen Freunden und Kollegen vorstellen. Der Tag im Frühsommer, auf den er das Treffen anberaumt hatte, war wolkenverhangen, es nieselte leise vor sich hin, Nebelfetzen krochen aus den Wiesen und legten sich über die Felder, schlichen durch die Äste der Steineichen und tauchten das Unterholz in schimmriges gräulich-weisses Licht. Ihm schien, dass dieses eher trübe Wetter die Stimmung der Anwesenden keineswegs zu beeinträchtigen vermochte. Jedenfalls war der Raum erfüllt von gedämpften Lauten angeregter Gespräche und unaufdringlichem, heiterem Lachen. Er begann mit einer kurzen Erklärung, als kleine Orientierungshilfe, um gegen allzu grosse Missverständnisse zu schützen; mit den vielen kleinen konnte jeder selber fertig werden. „Liebe Freunde, ich begrüsse euch alle recht herzlich und freue mich, dass sich einige Unentwegte hier eingefunden haben. Besonders begrüsse ich meinen langjährigen Freund Yang aus Guilin, der mich auf dieser Reise ein gutes Stück begleitet und mir vor allem geholfen hat, eine Brücke ins alte China zu schlagen.

Das Thema unseres heutigen Treffens lautet: ‚Unterwegs zu neuen Denk-Landschaften’ und sie werden sich wahrscheinlich sofort fragen, wo sind denn diese neuen Denk-Landschaften zu finden, und wie kommen wir dahin? Meine durchaus nicht ironisch gemeinte Antwort: Ein in New York verirrter Tourist fragt einen Passanten: ‚Wie komme ich zur Carnegie Hall?’ Nach kurzem Nachdenken sagt der Passant: ‚Durch Übung!’. Dies ist fast schon eine perfekte Antwort, auch für diese – nennen wir sie – labyrinthische Abenteuerreise: Übung, Tun, Machen, Lachen, Üben!

Weshalb dieses Thema ins Auge fassen? Da heutzutage immer und überall kurze und knappe Antworten erwartet werden, um sich selber denkerisch nicht über Gebühr anstrengen zu müssen, will ich ihnen diese nicht vorenthalten: Im Arbeitsrahmen der modernen Zivilisation untersteht alles Denken, Handeln und Verhalten, das Anspruch auf Rationalität erheben kann, dem Diktat des Binärcodes, dem Identitätszwang des binären Denkens.

Auf meiner Reise ging es mir vor allem darum herauszufinden, ob sich an den binären Mustern und Gesetzen des Denkens, Handelns, Fühlens und Lebens, die sich wie eine unabweisbare Vorschrift tief in das Unbewusste eingegraben hat, der sich scheinbar niemand entziehen kann oder will, nach der die Leute ihr Leben ablaufen lassen, auch wenn sie fühlen und ahnen, dass sie darin gefangen sind, etwas ändern lässt und das Leben aus dem Kerker der allzu engen Logik befreit werden kann, von der es meint, dass es die epochale, ewig schicksalhafte und unabänderliche Logik und Grammatik des Denkens, Handelns und Lebens sei.

Und was hat mich zu diesem Thema geführt? Unmittelbarer Auslöser war Gotthard Günther, dessen philosophischen Werke ich vor bald mehr als 30 Jahren zu studieren begonnen habe, Werke, in denen er nichts weniger als den Werkzeugkasten für das dritte Jahrtausend ausgearbeitet und bereitgestellt hat, mit der vielen Zeitgenossen als nebulös – wenn nicht gar als monströs – empfundenen Aufschrift ‚nicht-Aristotelische‘, ‚mehrwertige‘, ‚transklassische‘, ‚polykontexturale Logik‘. Als Nicht-Philosoph war es für mich anfänglich keine leicht verdauliche Kost. Sie erforderte wiederholendes und nachschaffendes Verstehen: Abschnitt um Abschnitt, Kapitel um Kapitel musste ich erneut lesen und wieder lesen und dabei eben: üben, üben, üben! Mit der Zeit begann ich zu ahnen, dass hier der Kolumbus des 20. Jahrhunderts den neuen Kontinent des transklassischen, mehrwertigen Denkens entdeckt und mir – und ich darf wohl sagen uns – den Schlüssel in die Hand gegeben hat, der dazu dienen kann, aus dem Gitterwerk der das Leben zwanghaft überformenden zweiwertiglogischen Grammatik und damit aus dem Identitätszwang auszubrechen und das Tor zu neuen Sphären des Lebens und des Seelischen aufzustossen, wo wir neue Modelle des In-der-Weltseins entwickeln, unser Selbst- und Weltverständnis von anderen Fragestellungen und aus anderen Perspektiven her in den Blick nehmen können.

Weil jedes Neue im Morgengrauen beginnt, in jenem ‚Dazwischen‘ bzw. in jenem ‚Übergang‘, wo noch keine klaren Konturen und Horizonte, keine klaren Ein- und Aussichten auszumachen sind, wird der Eine oder Andere sich fragen, ob Gedanken und Überlegungen zu einer transklassischen Logik anzustellen, nicht ein blosses Glasperlenspiel ist, etwas, was man zum blossen Zeitvertreib tut, ohne jede Relevanz für uns Menschen? Nun, wer der Auffassung huldigt, dass es nur ein Wahres geben darf – tertium non datur – oder wer den ‚binären Schematismus‘ von ‚wahr/falsch‘ zur immanenten Selektions- und Sanktionsmechanik erhebt, wird die Frage selbstverständlich bejahen. Ebenso alle jene mutationsfeindlichen Zeitgenossen, die jenseits von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ ein probates Drittes kennen, um sich nicht einmal auf den Versuch eines Beweises für die Brauchbarkeit von Neuem einlassen zu müssen, nämlich das gänzliche Übersehen, das Nicht-eingehen-auf, das Verleugnen, Vermeiden, Verwerfen, das Totschweigen.

‚Logik‘ mag als Thema fernab vom normalen Alltag sein und die Beschäftigung damit als abwegig oder gar abstrus erscheinen: Logik ist doch neutral und ewig gültig, oder etwa nicht? Nun, die Schlüsselidee von Günthers Philosophie lautet: ‚Jede Logik ist eine formalisierte Ontologie!‘. Damit bringt er zum Ausdruck, dass Logik die geschichtliche Form ist, in der sich entscheidet, wie das, was der Fall ist, überhaupt der Fall ist bzw. der Fall ein kann. Daraus folgt erstens: ‚Logik ist eine Doppeldisziplin. Jede logische Form enthält mindestens zwei Rätsel. Neben die Formfrage, die kalkültechnisch-operativ beherrscht sein will, tritt jetzt gleichberechtigt die Frage nach dem Sinn dieser Form. Jede Logik ist von nun an ein heimliches Psychogramm. Sage mir, mit welcher Logik du operierst, und ich sage dir, wer du bist, d.h. wie für dich Welt Welt, Geist Geist, Seele Seele, Materie Materie, Subjekt Subjekt, Objekt Objekt, ja sogar wie Gott Gott sein kann. Das aber heisst zweitens: Logik avanciert zu einem Schlüsselinstrument jeder Geistes- und Kulturgeschichte. Welt-Geschichte wird als logische Form-Geschichte rekonstruierbar, die Geschichten des Gottes, des Geistes, des Subjekts, der Seele, der Materie – sie alle entpuppen sich plötzlich als Dramen logischer Formgesetze. Geistesepochen, Weltzeitalter sind logische Formepochen und umgekehrt. Daraus folgt drittens: Krisenepochen der Logik sind immer auch Krisenzeiten der Seele und logische Revolutionen entsprechend seelische Revolutionen. Wenn die logische Form einen Sprung macht, dann springen Seele und Subjekt mit, und zwar nur und erst dann. Denn ein Bastillesturm allein macht noch keine Revolution. Vielmehr beginnt die heisse Phase von Weltrevolutionen erst in dem Moment, wo die neue Welt und der neue Geist ihr Neusein in einer neuen Logik formal behaupten können. Frei und neu können sie nur heissen in dem Masse, wie sie die Logik der Vergangenheit, des ‚ancien régime’ überwunden haben. Und das kann lange dauern, so lange, dass wir heute von Revolutionen in der Vergangenheitsform reden, die vielleicht gerade erst begonnen haben. Denn was, wenn Neuzeit noch gar nicht begonnen hat? Und was, wenn sich in ihr eine ganz andere Revolution verbirgt als wir dachten? Sie ahnen es bereits und Sie sollen recht behalten. In der Tat: Günthers Erfindung der sog. ‚mehrwertigen Logik‘ will genau dies – sie versteht sich als Arbeit an einer solchen Weltrevolution im eben markierten logisch-psychologischen Doppelsinn: Sie ist Geburtsarbeit, insofern die neue Logik ein neues Format von Menschsein bzw. Subjektivität zur Welt bringt. Und sie ist zugleich Bestattungsdienst, insofern dieses neue Subjekt nur über die Leiche des alten Subjekts, der alten Seele kommen kann. Nur wer das Alte beerdigt, wird Neues gebären können.‘ 1

Es ist wohl nicht übertrieben, ein allgemeines emotionales Grundgefühl zu konstatieren, dass wir uns mit unserer Kultur und Gesellschaft in einer grundlegenden Umbruch- und Veränderungsphase befinden. Anzeichen dafür gibt es schon seit geraumer Zeit. Zwar hat die bisherige Geschichte die Aussenwelt des Ich enorm bereichert, allerdings um den Preis, dass durch diesen Prozess die Innenwelt der privaten Subjektivität und der persönlichen Gewissensautonomie völlig aufgesogen worden ist. Und so ist die in der privaten Innenwelt sich abspielende Reflexion leer geworden. Ihr sind alle Träume, mit denen sie einstmals spielte, abhandengekommen, und jetzt tobt sie sich in einem durch keine materialen Motive gebremsten und durch die Medien noch aufheizenden Leerlauf aus. Man produziert ontologisch aus der Tiefe – was nur ein anderer Ausdruck ist für ‚Seele haben‘ – heraus keine neuen Wirklichkeiten mehr. Andererseits hält man an dem einmal erreichten Zustand – mit dem man sich allerdings nicht mehr vollumfänglich identifiziert – mit verzweifelter Zähigkeit fest, weshalb Kulturen in ihrer Endphase sowohl eine nihilistische als auch eine extrem konservative Seite zeigen. Ich lasse hier Gotthard Günther zu Wort kommen, der schon vor einiger Zeit unsere heutige Situation treffend charakterisiert hat:

‚Sobald das Denken im geschichtlichen Prozess alle Sinnmatrizen, deren der Mensch der betreffenden Epoche fähig ist, in seinen historischen Raum hinein projiziert hat, ist er nicht mehr in der Lage, den Direktiven der Wahrheitslogik zu folgen. Seine seelische Substanz hat sich in den objektiven Geist der ihn umgebenden und von ihm geschaffenen Institutionen der Kunst, der Wissenschaft, der Kirche, der Gesellschaftsordnung und der ökonomischen Produktion verwandelt. Da er sich in diesem Schöpfungsprozess, der der Maxime einer strengen Wahrheitslogik folgte, aber seelisch völlig entleert hat, kann er sich in seinen eigenen Werken nicht mehr wiedererkennen. Diese objektiven Institutionen spiegeln jetzt eine Fülle, der die eigene innere Leere nicht mehr gewachsen ist. Das aber bedeutet, er kann in ihnen nicht mehr die Realisation einer unbezweifelbaren Wahrheit, derer er erst innerlich gewiss war, sehen, sondern nur noch mehr oder weniger adäquate Mittel für einen praktischen Zweck. D.h. sein Denken geht von der Wahrheitslogik zur Theorie der Wahrscheinlichkeit über. Da nichts mehr a priori geglaubt wird, ist der Wert von Religion, Wissenschaft, Moral usw. davon abhängig, dass sich diese Institutionen praktisch bestätigen. Eine solche Bestätigung muss in jedem Fall abgewartet werden, sie kann nicht aus allgemeinen Grundsätzen deduziert werden. Dieses Abwartenmüssen aber, das dem Ich jede Zuversicht und Vertrauen in sich selbst raubt, äussert sich im theoretischen Denken darin, dass Wahrheitsgesetze von Wahrscheinlichkeitskoeffizienten abgelöst werden, und dass anstelle von Glaubensgewissheiten, die einstmals das Leben leiteten, Möglichkeitserwartungen von grösserer oder geringerer Zukunftschance treten. Der Mensch der Spätzeit reduziert sich auf den Spielertyp, der im Leben sein Glück versucht. Der Glaube an einem gerechten Gott, dessen Gerechtigkeit die Wahrheit ist, wird durch den Aberglauben an die glückliche Chance abgelöst.‘ 2

Doch allmählich beginnen immer mehr Menschen zu ahnen, dass ein ‚Weiter so‘, also ein sich ‚treiben‘ lassen, ebenso wenig geht wie ein ‚Zurück‘, geleitet von dem verzweifelten Bemühen die alten Werte zu bewahren. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir die Wahl haben, uns entweder von der eigenen Schöpfung – unserem vorausgegangenen Willen – hilflos treiben zu lassen oder uns mit einem ‚zweiten‘ Willen gegen sie zu verhalten. Letzteres würde bedeuten, Handlungen zu produzieren, die sich nicht mehr primär auf die von Gott geschaffene natürliche Seinswelt beziehen, sondern auf unsere eigenen früheren Handlungen und die ihnen zugrundeliegende Handlungsfähigkeit. Mit anderen Worten: der Mensch müsste in eine historische Situation hineinwachsen, die von ihm prinzipiell ein iteratives Handeln auf die von ihm geschaffene gesellschaftlichtechnische Welt verlangt. Werden unsere Handlungen aber Handlungen auf frühere Handlungen, so haben wir prinzipiell keine metaphysischen bzw. objektiven Maßstäbe zur Beurteilung unserer Situation mehr. Damit ist der Mensch wieder auf sich selbst verwiesen und muss sich mit seinen eigenen Reflexionsprozessen und dem Problem ihrer Bändigung auseinandersetzen. Mehr noch: wenn es wahr ist, dass wir uns in einem Transformations- und qualitativen Umbruchprozess befinden, dann schliesst das auch einen umfassenden Identitätswechsel des bisherigen Menschseins, einen Wandel im metaphysisch-kulturellen Verständnis von ‚Menschsein‘, unsere ‚Selbstdefinition‘ von ‚Mensch‘ mit ein. Denn es geht im Übergang in eine ‚transklassische Welt‘ um nichts weniger als eine ‚Selbstentthronung des Menschen (...). Sie impliziert, dass der Mensch keineswegs die spirituelle Krone der Schöpfung ist und dass jenseits seiner Existenz noch ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten jenes rätselhaften Phänomens liegen, das wir Leben nennen. Die bisherige Tradition hat sie in dem Mythos vom ‚Ewigen Leben’ zusammengefasst und dadurch aus der wissenschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen. Schärfer gefasst, besteht die Dethronisierung des menschlichen Bewusstseins darin zu begreifen, dass das System der menschlichen Rationalität keineswegs das System der Rationalität des Universums ist. Es liefert nur einen infinitesimalen Bruchteil des letzteren. (...) Es ist trivial und selbstverständlich, dass jener Reflexionsprozess, den wir Geschichte nennen, uns allein durch das menschliche Bewusstsein zur Erkenntnis kommt. Aber daraus zu schliessen, dass die Geschichte schon in ihren elementarsten Grundlagen menschliche Züge trägt und eben Geschichte des Menschen und nichts weiter ist, zeugt von einem Lokalpatriotismus des menschlichen Gehirns, der nicht mehr zu übertreffen ist. (...) Kurz gesagt: eine transklassische Logik ist eine Logik des geschichtlichen Prozesses, in dem das Subjekt der Geschichte Leben überhaupt ist und nicht die ephemere und zufällige Gestalt, die dasselbe im Menschen angenommen hat.‘ 3 Von daher kann der Übergang in eine ‚transklassische Welt‘ mit der Frage beginnen: Was ist mein Status als menschliches Wesen auf dem Planeten Erde?

Um ein solches Unterfangen wie die Erkundung eines transklassischen, mehrwertigen Denkens und Handelns auf den Weg zu bringen, muss man Realist genug sein, um auf Skepsis, Widerstand, Abwehr, Wegspielen der Fragestellungen vorbereitet zu sein – Gotthard Günther hat das am eigenen Leib erfahren müssen. Deshalb musste ich gelassen, und was den Bericht betrifft, bei einer faden Schreibweise der knappen Striche bleiben. Vor allem aber durfte ich den Vorsatz nicht einfach ausführen, sondern ihn überhaupt erst entstehen lassen und fortwährend verändern. Es sei nur am Rande erwähnt, dass ich mir manchmal wie zwischen Skylla und Charybdis vorkam, nämlich manches vielleicht arg zu vereinfachen, um die Dinge nicht ins Uferlose wachsen zu lassen, was aber zu Missverständnissen führen kann, und zu langfädig zu werden, was dann ermüdend wirkt. Ob mir das immer gelungen ist, sei mal dahingestellt.

Im vorliegenden Reisebericht habe ich spielerisch versucht, Formen der Schrift, der Sprache, des Textes, der Poetik, der Logik, der Reflexion und der östlichen Philosophie zu verknüpfen und aufeinander zu beziehen. Der Schlüsselerfahrung, dass die Wirklichkeit des menschlichen Erlebens eine irritierende Mannigfaltigkeit ist – komplex, überraschend, bestürzend und widersprüchlich – lässt sich so eher gerecht werden. Nicht zuletzt ging es mir darum, neue Möglichkeitsräume für denkerische, seelische und spirituelle Spielfähigkeit zu erkunden und aufzuzeigen, aber auch um ganz praktische Fähigkeiten, zum Beispiel im Umgang mit komplexen Konstellationen.

Im Verlaufe unseres Lebens werden wir uns selbst oft zur Frage, und zwar deshalb, weil wir selbst eine einzige beständige Frage sind, ein fortwährender Versuch, den Ort unseres Selbst innerhalb der Weltkonstellation und den Ort der Dinge im Verhältnis zu unseren existentiellen Dimensionen zu bestimmen. Und so skizziert der Bericht die Entwicklung hin zu mehrwertigen Formen des Denkens, in einer Art, die die Vielgestaltigkeit des gelebten Lebens widerspiegeln soll. Dabei möchte ich betonen, dass sich hier nicht ein schreibender Beobachter auf sich selbst wie auf einen Dritten zurückwendet, um dessen Erlebniswelt auf der Ebene des Textes zu objektivieren, denn man kann nichts von sich wegreden, wegschreiben und an andere übergeben. Da wir alle zumindest doppelte – wenn nicht sogar viele – Wesen in uns selbst sind, sollen und müssen Betrachter und Ich-Objekt zueinander finden, und von daher Beschreiben und Einschreiben in einer einzigen, produktiven Bewegung zusammenfliessen.

Ich verneige mich an dieser Stelle demütig und in Dankbarkeit für die ‚Diskussionen’, die konstruktiven Hinweise, aber auch die mahnende Kritik all der anwesenden wie nicht-anwesenden Reisebegleiter. Ihre Arbeiten, in denen sie Gotthard Günthers Themen konstruktiv aufgegriffen und weiterentwickelt haben, waren für mich immer wieder aufs Neue Einladungen, meine gewohnten Seh- und Denkgewohnheiten, wenn nicht zu verlassen, so doch zumindest nachhaltig zu verändern. Alles das und vor allem ihr Zuspruch in schweren Stunden, in denen ich dem Abbruch dieser Arbeit näher war als ihrer Vollendung, hat mir geholfen, diesen Bericht zu schreiben. Neben Gotthard Günther bedeutet für diesen Bericht besonders Rudolf Kaehr, Eberhard von Goldammer, Eva Meyer, Joachim Paul, Claus Baldus, Joachim Castella, David Köpf, Nina Ort, Petra Sütterlin, Ute Guzzoni, Engelbert Kronthaler, Gernot Brehm, „Kurt Klagenfurt“ 4, Cai Werntgen und Byung-Chul Han viel mehr, als anzumerken wäre.

Weil ich mich nicht in der Lage sehe, eine fundiertere Würdigung des Werkes von Gotthard Günther zu verfassen als Peter Sloterdijk, so lasse ich zum Schluss meiner Einführung in diese Tagung ihn zu Wort kommen: ‚Was fehlt, ist eine Denkkunst, die zur Orientierung in der Komplexitätswelt dient. Was fehlt, ist eine Logik, die kraftvoll und beweglich genug wäre, um es mit der Komplexität, der Unbestimmtheit und der Immersion aufzunehmen. Wer nach ihr sucht, muss seine Lektüreliste umstellen. Ich habe in den letzten Jahren mein zweites Studium von Gotthard Günthers philosophischem Werk begonnen. Seither stehe ich unter dem Eindruck, dass es für die Kultur im Ganzen und für die wissenschaftlichen Subkulturen im Besonderen darauf ankommt, die Revolution der mehrwertigen Logik voranzutreiben, die Gotthard Günther skizziert hat. In meinen Augen hat Günther damit die Logik des nach-metaphysischen Zeitalters umrissen und gezeigt, wie man den ideologischen Bastarden entgeht, die sich seit dem 19. Jahrhundert an die Stelle der Metaphysik gesetzt hatten, diesen grauenvollen halbwissenschaftlichen Meinungssystemen, die der Fusion von tierischem Ernst und humanistisch verbrämter Gewalt Vorschub geleistet haben und wie nichts zuvor in der Geschichte von Ideen. Die mörderischen Ideologien des 20 Jahrhunderts sind aus der Günther-Perspektive nichts anderes als krampfhafte Endspiele der Zweiwertigkeit, militante Verweigerungen des Komplexitätsdenkens, das sich schon in so vielen Formen ankündigt. An dessen Unentbehrlichkeit gibt es heute keinen Zweifel mehr, aber wie es operativ zu vollziehen wäre, dafür existieren bisher nur einige mehr oder wenige suggestive Vorschläge, etwa aus der Kybernetik, aus der Systemtheorie, der Bioinformatik. Von der Seite der Philosophie ist es, wenn ich es recht sehe, neben Deleuze (...) nur Günther, der wirklich die Schallmauer durchbrochen zu haben scheint. Bei ihm lässt sich vielleicht lernen, wie ein Denken auf der Ebene des tertium datur funktionieren könnte. Bis dahin müssen wir die Verwüstungen der Zweiwertigkeit mit ‚ironischer Vernunft’ ausgleichen (...). Ich würde lieber von informeller Intelligenz reden, weil sie die poetischen Philosophien und das in Kunstwerke investierte Denken einschliesst.‘ 5

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.“

1 Werntgen Cai: „Geburt der Logik aus dem Geiste des Steins“, Eröffnungsvortrag anlässlich der Ausstellung der Werke von Klaus Becker vom 15. März 2002, Westwerk, Hamburg

2 Günther Gotthard: „Entdeckung Amerikas (Apokalypse Amerikas)“, aus dem Nachlass 196 der Berliner Staatsbibliothek; Kasten 27, Mappe A-E, zusammen 646 Seiten; ohne Inhalts- und Jahresangabe; vermutlich Mitte der 50er Jahre; gekürzt und zusammengefasst von Gernot Brehm; korrigiert und überarbeitet von Eberhard von Goldammer im August 2009; S. 195 f.

3 Günther, Gotthard: „Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik“, Vorwort zu Bd. 1, Hamburg 1976, S. XI - XIV

4 Um die Rezeption des Güntherschen Werkes zu fördern, hatte sich eine interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe unter dem Namen „Kurt Klagenfurt“ gebildet. Ihr gehörten an: Arno Bammé (Sozialwissenschaftler, Klagenfurt), Wilhelm Berger (Philosoph und Soziologe, Klagenfurt), Joachim Castella (Germanist, Bochum), Eggert Holling (Informatiker und Soziologe, Berlin), Rudolf Kaehr (Kybernetiker, verstorben 2016 in Glasgow), Ernst Kotzmann (Mathematiker, Klagenfurt), Ulrike Oberheber (Philosophin und Mathematikerin, Klagenfurt).

5 Sloterdijk, Peter/Heinrichs, Hans-Jürgen: „Die Sonne und der Tod“, Frankfurt a.M. 2006, S. 354

1. Die geheimnisvolle Waldkapelle – Erwachen im Labyrinth

Dieser Wald nördlich der Kleinstadt zog ihn unwiderstehlich an. Nicht zuletzt, weil die Einheimischen ihm am gestrigen Abend in der schummrigen Kneipe – etwas geheimnisvoll – erzählt hatten, es gäbe da eine Waldkapelle, die aber nur sehr wenige besucht und gesehen haben wollen. Und so machte er sich am nächsten Tag frühzeitig auf den Weg.

Bedächtig schritt er aus, sein Blick eher ausdruckslos, weil auf nichts fixiert, nicht auf seinen Schritt, seinen Atem, den Weg oder auf irgendeinen Gedanken. Auf rein nichts fixiert, und vor allem: er musste nirgendwo zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt sein. Er musste nicht rennen, sich beeilen, sich nicht beklagen, er hätte keine Zeit, er hätte zu viel zu tun, zu viel Arbeit, noch dieses, schnell, unbedingt, noch heute, jetzt, für jenes aber reiche es leider nicht mehr, obschon es doch so interessant wäre ... nein, nichts von alledem, sagte er sich, als er sich dem Bettzeug entwand und fröstelnd seine Kleider überstreifte, und gleich wie üblich mit weit ausholenden Schritten die Dorfstrasse hinaufstürmen wollte. Schrecklich, es scheint, dass du dir nie angewöhnen kannst, alles ein wenig behutsamer anzugehen. Tu endlich das, was du gerade tust, und trage nicht immer bereits das im Kopf herum, was nachher zu tun wäre. Überzeuge dich endlich davon, dass der Weg das eigentlich Befriedigende ist.

Er betrat den inmitten seiner Gehölze schlummernden Wald. Es herrschte eine intensive Stille. Ein leiser Wind wiegte die Äste der hohen, uralten Waldkiefern mit ihren Höhlungen und Löchern. Im Unterholz überwucherten von Altersschwäche geknickte Stämme – steingrau und kahlgefressen – den mit Blaubeergestrüpp bedeckten Waldboden. Mit silbrigen Flechten und grün-bläulichen Moosen übersäte Felsbrocken lagen weithin verstreut. Wind, Regen, Schnee und eisige Kälte haben ihnen pittoreske Formen verliehen. Zusammen mit dem fahlen Licht erzeugte dies eine seltsam anmutende Stimmung – wie in einer Kathedrale der Besinnung, aber ohne Kanzel. Nur wenige und blasse Farben. Die lockere Waldlandschaft erschien ihm wie mit verdünnter Tusche gemalt, von aller Undurchsichtigkeit geläutert und von jeder Schwere entlastet. Nichts hielt den Blick fest oder erzwang seine Aufmerksamkeit. Keine übermässigen sinnlichen Reize überwältigten ihn. Er fühlte eine innere Loslösung. Ruhe und Ausgeglichenheit kehrten bei ihm ein.

„Lass deine Seele wandeln jenseits der Sinnlichkeit, sammle deine Kraft im Nichts, lass allen Dingen ihren freien Lauf und dulde keine eigenen Gedanken: und die Welt wird in Ordnung sein.“ 6

Er horchte in die Waldlandschaft hinein. Nach einer Weile, bei aufmerksamerem Hinhören, vernahm er etwas, das er so noch nie gehört hatte. Seltsame Klänge und Klangfolgen erfüllten den Wald. Da war ein Rufen, Schnaufen, Klagen, Dröhnen, Zischen, Keuchen und Knarren. Mal etwas deutlicher, mächtiger, dann wieder diskreter, kaum hörbar. Wurden diese Klänge immer weniger wahrnehmbar, wurde das Jenseits, in dem sie sich verloren, immer stärker spürbar, wurde er gleichsam an die Schwelle der als Fülle empfundenen Stille geführt. Nur die Zweige sah er noch, wie sie sanft hin und her wogten.

„Wenn ich mein Selbst in den von-selbst-so vor sich gehenden Gang der Dinge eingehen lasse und dem spontanen, natürlichen Zusammenspiel der Dinge folge, dann folgt es – ganz ins Horchen auf die ,Musik des Himmels‘ (tian lai) verloren – dem ,himmlischen dao‘ (tian dao).

Wenn ich mich selbst verliere (wu sang wo), zum Nicht-Ich (wu ji) werde, folge ich von selbst den Dingen in ihrem natürlichen Lauf (ziran), so wie die vollkommene ,Musik der Menschen‘ von selbst entsteht, indem die ,Musik des Himmels‘ (tian lai) in ihr wirkt.

Die ,Musik des Himmels‘ ist eine stille Symphonie ohne himmlischen Dirigenten, dessen tonlosen Ton ich nur dann wirklich hören und auf ihn hören kann, wenn ich aufhöre, den alles übertönenden Begierden meines Ego-Direktors nachzugehen. Der himmlische Dirigent ist nichts als eine Spiegelung meines irdischen Ego. Das Verlieren dieses irdischen Ego ist zugleich das Sich-Finden in das freie Zusammenspiel der Dinge. Dieses ist mit der Einsicht verbunden, dass die Spiegelung eines himmlischen Dirigenten eitel ist und sich selbst zu wichtig nimmt. Erst nachdem das Ego und mit ihm auch Gott gestorben sind, beginnt das gelassene Leben des Von-selbst-so. Dieses ,stille Leben‘ spiegelt im Freien die offene Weite des Himmels.“ 7

Für einmal waren es nicht primär seine Augen, seine Blicke, die in die Welt hinausschweiften, sondern sein Gehör. Ist das Ohr vielleicht sogar das wesentlichere Organ menschlicher Annäherung an die Welt? Zumindest ist es das für das Ungeborene, das noch gar nicht da draussen in der Welt ist, sondern noch in seinem intimen, dunklen Refugium verharrt, aber doch schon an der Türe zur Welt lauscht.

Sein Horchen in die Waldlandschaft hinein erschien ihm jedenfalls nicht als Effekt eines Gegenüberstehens von ihm als „Subjekt“ in Bezug auf eine „Geräuschquelle“. Vielmehr empfand er sein Hören als Eintauchen des sensiblen Organs in dieses zauberhafte Klangfeld. Ton und Stille – kein unvereinbares Oppositionspaar mehr. „Happy new ears!“ hat John Cage einmal gesagt.

Wohltuend sich wieder einmal fern des sonst allgegenwärtigen Lärms und ohrenbetäubenden Getöses aufzuhalten: keine heulenden Explosionsmotoren, kein Hupen, Rufen, Pfeifen, Schreien, kein autoritäres Piepsen von Elektronikgeräten im Haushalt, am Arbeitsplatz und im Verkehr, keine unaufhörliche Beschallung in Konsumtempeln, kein lautes Gemäkel, Gekreische, moralisierendes Geraune und zänkisches Polemisieren, bei dem niemand jemandem zuhört und jeder den anderen zu übertönen versucht, kein Beifall und Geklatsche an Versammlungen, Symposien, Wahlveranstaltungen und in der Vorhölle der Talkshows, wo Argumente durch Lautstärke – Lautstärke als Überzeugungskraft – ersetzt werden, jeder Teilnehmer in seiner Begriffsfestung verschanzt, und kein unentrinnbares Gerede und Geschwätz von Mitmenschen ... – die Nachrichten sprechen nur von diesem kollektiven Getöse, ein Unterschied zwischen Rauschen und Information ist kaum auszumachen. Ihm schien schon lange, das Senden siege über das Hören, wir verstünden nicht mehr zu empfangen – und dieser schmerzende Lärm überdecke zumeist den Ruf der Dinge. Zu üben wäre das Schweigen als wahrhaftige, wiewohl stumme Rede, die die Dinge überhaupt erst als solche unverstellt, unverfälscht hervortreten lässt – als ein möglicher Einstieg vielleicht das Musikstück „lectures on nothing“ von John Cage 8, das aus nichts anderem als zehn Minuten Schweigen besteht! Zu üben wäre das Hören, das im Schweigen beginnt. In der Stille. Zum Hören von Stille gehört Wachheit – wer nicht ganz wach ist, hört nur die Abwesenheit von Geräusch.

*

Er wurde aufgeschreckt, als eine rostbraun gesprenkelte Birkhenne laut kreischend mit wippenden Flügeln auf ihn zuflatterte. Wahrscheinlich hatte sie in der Nähe ein Nest und wollte mich ungebetenen Eindringlich verscheuchen. Er beschleunigte seine Schritte, damit sie sich wieder beruhigen konnte.

Nach zwei Stunden Marsch war von einem eigentlichen Weg nichts mehr zu sehen. Und ob die Richtung noch stimmte, um zur Kapelle zu gelangen, da war er sich zusehends unsicher. Er schaute zu den Baumwipfeln hoch. Vielleicht war es möglich, anhand des Lichteinfalls durch die Baumwipfel Anhaltspunkte für seine Orientierung zu gewinnen. Doch der Himmel war grau. Er kam an einem kleinen, sumpfigen Teich vorbei. Die kleine Waldlichtung bestätigte seine Vermutung, dass der Himmel bedeckt war. Und von der wundersamen Waldkapelle nach wie vor keine Spur und kein Hinweis.

„Von einem Augenblick zum anderen richtet ein Mensch den Kopf hoch, wittert, horcht, überlegt und erkennt, wo er steht: er denkt nach, holt Atem, zieht seine Uhr aus der Tasche – neben seiner Rippe und sieht nach der Zeit. Wo bin ich? und Wieviel Uhr ist es? Das ist unsere unerschöpfliche Frage an die Welt ... “ 9

Seine bangen Fragen: „Wie komme ich da hin? Und wie komme ich aus dem Labyrinth dieses lichten Waldes je wieder heraus? Finde ich überhaupt wieder zurück zum Ausgangspunkt, zumal ich weder Karte noch Kompass bei mir habe?“ Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn; er kannte es aus manchen Situationen in seinem bisherigen Leben. Nichts als pfadlose Wege, soweit das Auge reichte, und keinerlei Orientierung. Sein Unterwegssein: ebenso sehr Reise wie kein Ankommen oder Fortkommen. In jedem Moment zugleich Anfang und Ende, wie kein Anfang und kein Ende. Kein fester Bezugspunkt mehr, kein Plan zum „wie weiter?“, was jeden verwirrt, der noch daran glaubt, dass alles in der Welt prinzipiell zu verstehen und darzustellen ist. War er so einfältig wie einer von Borges’ Königen, das Labyrinth zu betreten? War er aber auch so klug, den Ausweg zu finden?

„Ich kenne ein griechisches Labyrinth, das aus einer einzigen Linie besteht. Auf dieser Linie haben sich so viele Philosophen verirrt, dass ein blosser Detektiv sich des Irrens nicht zu schämen braucht.“ 10

Es kam oft unweigerlich anders, als er gedacht hatte. Der gewählte Weg hatte ihn nicht zum ersehnten Ziel gebracht. War es also der falsche Weg? Er war etwas verlegen und unsicher geworden. Wieder einmal in seinem Leben war er dabei, sich in binäre Gegensätze zu verstricken: Weg und Ziel, Mittel und Zweck, Grund und Folge. Alle diese binären Gegensätze schön hierarchisch geordnet: Erst ist das Eine und dann das Andere, ein Teil des Paares wird privilegiert, das andere marginalisiert. Der Weg führt zum Ziel. Wenn nicht, dann war es eben der falsche Weg. Dies ist die Ordnung der binären Verstrickung. Nicht nur das Spiel der Wahrnehmung ist damit eingefroren, ebenso die Wahr-nehmung. Wie das Ziel erreicht wird, spielt keine Rolle. Es ist das Ziel und nur das Ziel, das erreicht werden soll; einzig darin liegt die Belohnung. Im Grunde gibt es nur einen Weg, egal welchen, Hauptsache er führt zum Ziel. Doch für ihn war die „Belohnung“ ausgeblieben.

Er wollte zur besagten Waldkapelle, und er hatte einen Weg gewählt, der sich für ihn irgendwann aufgelöst – und ins Irgendwo geführt hatte. Vielleicht lag die Erfüllung in dieser Wahl und nicht in der Erreichung des Ziels? Oder war einfach der Weg das Ziel? War es nicht verführerisch, einfach unterwegs zu sein, sich unbekümmert treiben zu lassen ohne (s)ein Ziel unbeirrt im Augen zu haben – und sich dabei zu verirren? Aber so werde ich doch nie zu etwas gelangen, murmelte er vor sich hin.

Vielleicht gab es gar keine Waldkapelle als ausgezeichnetes Objekt an einem bestimmten Ort? Jetzt erinnerte er sich an die Lachfältchen der Einheimischen, als sie ihm in der Kneipe in geheimnisvollen Worten von der wundersamen Waldkapelle berichtet hatten. Natürlich! Dieser ganze Wald war die „Waldkapelle“. Nicht die Waldkapelle und auch nicht der Weg konnte das Ziel sein. Es gab gar keinen Weg dahin. Der Weg entstand tatsächlich erst im Gehen – und zwar kreuz und quer durch diese ganze „Waldkapelle“. Ihm kam der „Stalker", der „Pfadfinder", in Andrej Tarkovskij’s gleichnamigem Film (UdSSR, 1982) in den Sinn, der seine Steine immer ein Stück weiter warf, um ihnen nachzugehen und sie dann erneut zu werfen. So hatte dieser, wie er sich durch die geheimnisvolle, mysteriöse „Zone“ bewegte, Zielstrebigkeit, Achtsamkeit, Ehrfurcht und Rücksichtnahme miteinander kombiniert und walten lassen. 11

Der Wald war also die Kapelle. Er war bereits in der Kapelle. Und doch war er als Betrachter der Waldkapelle gleichzeitig auch ausserhalb der Kapelle. „Ich bewege mich auf einer Grenzlinie, die mich in die ‚Wald-Kapelle’ hineinzieht und gleichzeitig auch ausschliesst. Ich bin also drinnen und draussen.“ Die überraschende Einsicht: Es gibt jenseits von Drinnen und Draussen also etwas Drittes, nämlich Drinnen und Draussen.

„In der Position des Draussen sehe ich alles um mich herum mit meinem gewohnten analytisch-distanzierenden Blick. Ich als ‚Subjekt‘ und die ‚Wald-Kapelle’ als ‚Objekt‘ sind getrennt. Ich dränge mich der ‚Wald-Kapelle’, dem ‚Objekt‘ gleichsam auf. Und wie bin ich nach Drinnen gekommen? Ich glaube, ich habe mich von mir wegsehend in alles, was um mich herum war, in die ganze ‚Wald-Kapelle’ versenkt, bin Mit-Teil von ihr geworden – ein Abwesender, ohne Ich, ohne Namen. Jede starre Gegensätzlichkeit hat sich aufgehoben. Jedes Ding hat den Charakter eines Gegen-Standes verloren, ist grenzen-los geworden, weil es fliesst. Das auf Trennung und Unterscheidung beruhende Substanzhafte, das das Eine vom Anderen abgrenzt, hat sich verflüchtigt. Nichts mehr beruht allein auf sich. Nichts drängt sich auf. Nichts grenzt sich, schliesst sich ab. Das monadische Für-sich hat sich in eine wechselseitige Beziehung aufgelöst. In dieser – fast scheu zu nennenden – Losgelöstheit schweben alle Dinge – Bäume, Strünke, Felsbrocken, Gräser, Teiche, Vögel, Wolken, der Himmel – zwischen anwesend-abwesend und abwesend-anwesend.“

Die anfänglich starre Teilung von Drinnen und Draussen hatte sich verflüssigt, die vormals feste Basis war brüchig geworden. Drinnen und Draussen durchdrangen sich. Für ihn war nicht mehr deutlich, was Drinnen und was Draussen war. Die Perspektiven wandelten sich fortwährend. Das Draussen wurde zum Drinnen und das Vorher kehrte sich ins Nachher. Denn das zuerst Wahrgenommene, das Draussen, betrachtete er nun aus der Position des Drinnen erneut und also nachher. Und ein wenig später wieder umgekehrt. Doch der Ursprung, das Draussen, das jetzt ein Drinnen war, war nicht mehr derselbe. Er hatte auf dem Weg nach Innen seine Gestalt unwiderruflich verändert. Das erste Draussen ist nach dem Gang ins Drinnen von dem zweiten Draussen verschieden, und ebenso findet sich ein verändertes Drinnen, wenn von aussen her der Blick wieder zurückkehrt. Seltsames Gefühl und Entdeckung: wie in einem Wirbel wird die Absolutheit eines Standpunktes in die Relativität der anderen gezogen. Je nach der gewählten Perspektive hatte nichts und alles seinen festen Platz.

Er hatte das Gefühl zu schaukeln, zu schaukeln zwischen der Position als externer Betrachter und der Position als einbezogener interner Betrachter. Als in seine Betrachtung Einbezogener war er immer noch Betrachter und nicht Betrachtetes. Doch als interner Betrachter war er selbst Betrachtetes seines externen Betrachters, aber er wurde als Betrachter betrachtet und nicht als Betrachtetes im ursprünglichen Sinne. Es gab also zwei Standorte der Betrachtung. Für ihn waren beide gleichursprünglich gegeben und gleichzeitig wirksam – also keinerlei Hierarchie zwischen Objekt der Betrachtung und interner und externer Betrachtung.

Dieses Schaukeln zeitigte Folgen: Sein Ich-Empfinden begann allmählich sich zu verflüchtigen. In ihm reifte die – beängstigende – Einsicht heran, dass er keinen kohärenten, einheitlichen „Standpunkt“ mehr hatte, keine stabile und fortdauernde Warte, von der aus er denken, wahrnehmen und handeln konnte. In ihm begann es zu brodeln – tumultartige Vorgänge in seinem Geist. Wahrnehmungen, Gedanken, Empfindungen, Wünsche, Ängste und alle möglichen sonstigen mentalen Inhalte jagten einander endlos wie eine Katze, die ihrem eigenen Schwanz nacheilt und ihn zu ergreifen versucht. Da war nichts als ein rasch dahinfliessender Strom momentaner, zusammenhangloser mentaler Geschehnisse. Etwas wehmütig musste er konstatieren, wie vergänglich doch Erfahrungen sind, ja wie vergänglich die Tätigkeit seines Geistes selbst ist. Ihm kam es so vor, als ob bei ihm „niemand zu Hause“ ist. Doch wenn „niemand zu Hause“ ist, wenn mein Ich sich nicht erfahren lässt, warum gehe ich dann von seiner Existenz aus? Welchen Ursprung haben meine Gewohnheiten, mein Ich zu hätscheln? Welche Elemente meiner Erfahrung halte ich für mein Ich? Vielleicht ist die einzige Sicherheit, die das „ich bin Ich“ trägt, die Sicherheit, ein Gedanke zu sein.

„Um Bedeutung zu haben, müsste ein solches Ich dauerhaft sein; verginge es in jedem Moment, kümmerte es uns nicht so sehr, was ihm im nächsten Moment widerfahre; es wäre dann nicht mehr unser ‚Ich’. Ausserdem müsste es vereinzelt sein. Hätte man keine separate Identität, warum sollte man sich dann mehr um das eigene ‚Ich’ kümmern als um das anderer. Es müsste weiterhin unabhängig sein, denn sonst hätte es keinen Sinn zu sagen: ‚Ich habe das getan’ oder: ‚Ich besitze dies’. Existierte man nicht unabhängig, gäbe es niemanden, der die Handlungen und Erfahrungen als sein eigen beanspruchen könnte ... Wir alle handeln, als hätten wir ein dauerhaftes, separates, unabhängiges Ich, das wir ständig schützen und pflegen müssen – eine gedankenlose Gewohnheit, die wir in der Regel weder zu hinterfragen noch zu erklären versuchen. Doch unser ganzes Leiden ist mit dieser Gewohnheit verbunden. Alle Verluste und Gewinne, Freuden und Schmerzen entstehen, weil wir uns so stark mit diesem vagen Empfinden der Ichheit identifizieren. Wir sind emotional so tief in dieses ‚Ich’ verstrickt und auf es fixiert, dass wir es selbstverständlich voraussetzen ... Der Meditierende spekuliert nicht über dieses ‚Ich’. Er hat keine Theorien darüber, ob es existiert oder nicht. Stattdessen übt er zu beobachten ... wie sich sein Geist an die Vorstellungen ‚ich’ und ‚mein’ klammert und wie alles Leiden aus diesem Anhaften erwächst. Gleichzeitig sucht er umsichtig nach diesem Ich. Er versucht, es von all seinen übrigen Erfahrungen zu isolieren. Da das Ich all sein Leiden verursacht, möchte er es finden und identifizieren. Das Vertrackte daran ist jedoch, dass er trotz aller Bemühungen nichts findet, das einem Ich entspräche.“ 12

*

War die „Pilgerfahrt“ zu einem jähen Ende gekommen? Hatten ihn die Wege seiner Phantasien, Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte blind gemacht und in die Irre geführt? Er schaute sich etwas hilflos um. Plötzlich sah er an zahlreichen Oberflächen verkrüppelter Bäume und irgendwann liegengelassener Findlinge lauter Stellen, die Gesichtern mit Augen gleichkamen. Sie schauten ihn an. Er schaute sie an. Wo vorher noch Objekte waren, die – weil sie eben Objekte sind – nie zurückschauen, erkannte er nun in diesen Bäumen und Felsen mit ihren Gesichtern und Augen so etwas wie Subjekte, die die Fähigkeit besassen, zu schauen und Blicke zu erwidern. Ein ergreifendes Gefühl. Da tauschten Subjekte und Objekte spielerisch ihre Plätze. Er musste sehen lernen, was bedeutete – um mit Nietzsche zu sprechen – „dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sichherankommen-lassen angewöhnen“ 13 , das Auge zu einem langen und langsamen Blick befähigen. Nur so konnte er allmählich eine tiefe und kontemplative Aufmerksamkeit erlangen.

Jetzt konnte er wirklich zu sehen anfangen, nicht länger mit dem „alten“ selbst-behauptenden, distanziertdistanzierenden Auge, jenem kühl abmessenden und kontrollierenden Blick, der die Dinge vom Leib hält, alles zu blossen Gegen-Ständen macht. Nein, er schaute nun mit allen Sinnen, liess die Dinge zunächst selber sprechen, erlaubte ihnen, sich gleichsam auszusprechen. Er liess sie ausreden, ohne sie durch ein voreiliges, abschliessendes Urteil zu unterbrechen, wenn sie noch so vieles zu sagen hatten.

Das geduldige Innehalten beim achtsamen, klaren und unabgelenkten Sehen eröffnet manchmal gleichsam mühelos tiefe Einblicke und erschliesst verborgene Beziehungen, die sich dem ungeduldigen Zerren eines allzu aggressiven Intellekts versagen. Es wird ein gleichsam objekthaftes, Objekt werdendes, ein sein-lassendes, freundliches Sehen geübt.

„Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.“ 14

*

Er hatte sich verlaufen, eher mutwillig als aus Unachtsamkeit. Die Dinge entwickeln sich eben niemals so, wie man es sich erhofft – eine wichtige Eigenart von Erwartungen. Was hatte ihn getrieben? Wie so oft die Neugier – und da ist immer auch ein gehöriges Mass an Gier dabei. Und die Gier hat immer unmittelbares Ergreifen und Anhaften zur Folge. Das hatte ihn tief in diesen Wald geführt. Jetzt musste er versuchen, irgendwie ins Dorf zurückzufinden.

Er war vom rechten, dem normalen, ordnungsgemässen Weg abgekommen. Sein Weg hatte sich vom Weg entfernt. Er hatte den linearen Verstand verloren, wenn er ihn denn jemals besessen hatte. Ihm galt das lineare Denken ohnehin als ein wenig starr und grobschlächtig – früher hielt er es für effizient und optimal, heute als überholt, gerade in seiner jetzigen Situation.

Einen gespurten Weg sah er nicht – und einen Ariadnefaden hatte er nicht. Es gab keinen geraden Weg, der einen ängstlich Wandernden am schnellsten aus diesem labyrinthischen Wald herausführen würde – es wäre der cartesische Weg, der Weg des Rationalen und des Richtigen, wo jegliche Störung, jegliche Unsicherheit, die ihn ein wenig oder auch weit weg vom Rückweg abbringen könnte, weitestgehend auf null reduziert ist. Es gab keine Methode, die ihm mit Gewissheit angeben würde, wie er wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren konnte. Der Weg aus diesem Wald heraus ist wie jeder Weg aus einem Labyrinth eben selten methodisch.

Schon öfters fand er sich in solch verwirrenden Situationen: Ich bin mit einem Problem konfrontiert, stecke fest und suche dafür eine Lösung. Eine Lösung suchen bedeutet einen Weg suchen, der zum gewünschten Ziel führt. Heute hatte der Weg ihn nicht zum Ziel – der sagenumwobenen Waldkapelle – geführt!

„Nicht der Gipfel und auch nicht der Weg ist das Ziel. Es gibt keinen Weg, der Weg entsteht erst im Gehen, und dabei bleiben wir alle irgendwann auf der Strecke.“ 15

Er rief sich die vier Weisen des Unterwegsseins noch einmal in Erinnerung – vielleicht half das, um etwas Klarheit zu schaffen:

Der Weg führt zum Ziel,

der Weg will gewählt sein,

der Weg ist das Ziel,

der Weg wegt sich und dich mit ein in die Be-Wegung des Wegs.

16

Er zögerte. Auch wenn sein blosses Unterwegssein kein Ziel haben sollte, so kommt es doch irgendwann und irgendwo zu einem – zumindest vorläufigen – Ende. Kein „grosses“ Ziel zu haben schliesst nicht aus, viele lokale und spontane Ziele oder Teilziele zu haben. Auch beim Unterwegssein spielen Entscheidungsstrategien eine Rolle. Diese dienen jedoch nicht der Zielfindung, sondern dem Unterwegssein. Welche der vier Weisen des Wegens ihn wirklich geleitet hatte, konnte er nicht ausmachen. Etwas verwundert fragte er sich allerdings, weshalb denn die Zahl 4, aber gab sich alsbald die Antwort gleich selbst: Sie ergibt sich rein logisch aus der Verteilung von Dichotomien wie „Weg und Ziel“ oder „Problem und Lösung“. Dies brachte ihn zu der Einsicht, dass alle vier Weisen des Unterwegsseins zugleich im Spiel waren und es auch weiterhin sein werden; er konnte sie nicht als einander ausschliessend oder als hierarchisch geordnet verstehen.

Er fand sich in einer doppelten Verstrickung: einmal im Labyrinth dieses end- und weglosen Waldes und dann in diesem von reinen Gegensätzen aufgespannten Begriffs- und Bedeutungsgeflecht – das auf dieser Welt noch immer vorherrschend ist und das Denken prägt –: schwarz und weiss, hell und dunkel, Tag und Nacht, Theorie und Praxis, Problem und Lösung. Und alle diese polaren Gegensätze werden so behandelt, als wenn etwas an sich ein Problem oder an sich eine Lösung wäre. Gerade im Labyrinth ist eine Trennung von Theorie und Praxis nicht mehr möglich. Hier gibt es immer schon die Notwendigkeit der Verkörperung des Denkens, vielleicht sogar eines labyrinthischen Denkens, das zwar nicht nur immer unvollkommen sein wird, sondern grundlegende Unvollkommenheit im Sinne von Offenheit und Unabschliessbarkeit ist ihr markantester Grundzug.

Doch die Situation, in der er sich befand und in die er sich hineinmanövriert hatte, wurde doch nur deshalb zu einem Problem, weil er sie negativ bewertete? Mental gesehen sind Probleme doch nichts anderes als mentale Grenzen? Es hat also mit mir zu tun und liegt nicht einfach objektiv in den Umständen. Deshalb lohnt es sich, aufmerksam und genau zu betrachten, wie ich Ereignisse in meinem Bewusstsein als Problem konstruiere. Bezeichne ich nämlich etwas spontan als Problem oder Hindernis, so verstelle ich mir durch diese Sichtweise – die in anderer Hinsicht oft notwendig oder nützlich sein kann – bereits einen Teil der Chancen, die ich vielleicht nur durch diesen Anlass, dieses „Problem“ oder „Hindernis“ gewinnen könnte.

Es reicht auch nicht aus, ein Problem einfach zu negieren. Dies erzeugt noch keine Souveränität der Problemsituation gegenüber, aus dem einfachen Grund, weil die Negation des Problems durch die Negation an das Problem gebunden bleibt. Ebenso macht der Begriff Lösung nur Sinn in Bezug auf ein Problem. Versuche ich das Problem zu lösen, gerate ich – streng genommen – in einen Widerspruch mit der binären Logik. Denn – wiederum streng genommen – ist ein Problem als unlösbar definiert; sonst wäre es kein Problem. Löse ich also ein Problem, verwandle ich eine wahre Aussage („Dies ist ein Problem“) in eine falsche Aussage („Es stimmt nicht, dass dies ein Problem ist“).

Doch was hindert mich eigentlich daran, die Wirklichkeit nicht nach Kriterien von Problem und Lösung zu kartographieren? Ich kann doch den inneren Zusammenhang von Problem und Lösung einfach aufgeben, ihn auflösen, von ihm absehen. Ich verwerfe emotional und erkenntnismässig die gesamte Alternative – und den Zwang – von Problem und Problemlösung und schaffe so eine neue Position für Wahlmöglichkeiten. Dieses „Verwerfen“ oder „Absehen“ – eine von Gotthard Günther als „Rejektion“17 bezeichnete logische Operation – führt aus dem zweiwertigen System von Problem und Lösung heraus. Die Unterscheidung von Negation und Rejektion ist ein wesentliches Hilfsmittel, um die Lösung eines Problems von seiner Auflösung zu unterscheiden. Lösungen sind in ihrem Kern Negationen; Auflösungen sind im Kern Rejektionen. Einzig durch Verwerfung, d.h. Rejektion beider Positionen zugleich, gelange ich zu einer Souveränität gegenüber einem Problem und seiner Lösung.

So konnte er schliesslich sowohl das Problem als auch seine „möglichen Lösungen“ mit heiterer Gelassenheit erleben, und er erlebte und erkannte sich als ausserhalb dieses Dualismus stehend. Das Problem war aufgelöst, er konnte von ihm absehen, und es konnte ein neues „Spiel“ beginnen, in dem weder das Problem noch die Problemlösung Schwierigkeiten bereiteten.

Mit der neu gewonnenen Beweglichkeit sagte er sich: da du nicht auf dem selben Weg und über die selben Stationen zum Ausgangsort zurückgehen kannst, musst du selbst einen Weg erbringen: Der Weg als Vollzug des Gehens, wo der Weg sich und mich in die Be-Wegung „wegt“ 18 – die Bahnung eines Wegs, der nicht zu finden ist, sondern der sich beim Gehen von selbst „bewerkstelligt“, ohne Absicht, so wie das Wasser sich von selbst seinen Lauf sucht. Das „Wegen“ ermöglicht Weg, Ziel und Unterwegssein – allerdings ohne vorhersehbare Lösung.

Jetzt konnte er sich aufmachen – auf den Weg unter seinen Füssen. Frei-gelassen umherstreifen, nicht willensstark oder selbstsicher, sondern beunruhigt, aus dem Gleichgewicht gebracht und ruhelos, wachsam den Wald, die Gegend durchstreifen, sondieren, prüfen, erkennen, hier und da einen Sprung wagen, versuchen seinen Kurs auf gut Glück zu bestimmen, mit all seinen Sinnen, eine Geschicklichkeit nichtlinearen Charakters praktizieren: eine Intelligenz der zahlreichen Umwege, das rasche, lebendige Erfinden von Um- und Auswegen je nach den Umständen. Er musste Improvisationen für das Unvorhergesehene in der Hinterhand haben, sich nur mit ungefährer Vorausschau begnügen: beides war für die intuitive Erfassung dieses buntscheckigen, polytheistischen Waldes gemässer.

„Es war einmal ein junger hochaufstrebender Gipfelstürmer. Eines Tages trieb ihn der Ehrgeiz wieder einmal in die gelben Berge. Verwegen stieg er höher und höher, bis er den Kopf in den Wolken hatte. Schon hatte er sich verstiegen. Er irrte im Nebel umher und wusste nicht weiter. Alle Versuche, sich einen Weg zu bahnen und sich durchs Unterholz zu schlagen, endeten an jähen Abgründen. Nichts zu machen! Was tun? Verzweifelt gab er seine Versuche auf und setzte sich erschöpft unter einen knorrigen alten Baum. – Da hörte er plötzlich das Plätschern eines Bergbaches. Der ,Geist des Tals‘ flüsterte ihm zu: ,Folge dem Lauf des Wassers!‘ Mit letzter Kraft schleppte er sich so ins Tal, wo er am Ufer einen alten Kahn liegen sah. Den Wasserweg nehmend trieb er so langsam von selbst dahin und kam schliesslich glücklich zurück.“ 19

Also: die Dinge nehmen, wie sie kommen, ihnen zu erlauben so zu sein, wie sie sind. Das bedeutet zugleich, Vertrauen zu mir selbst zu haben. Mir selbst zu vertrauen heisst, mir selbst zu erlauben, so zu sein wie ich bin, Erfolg zu haben und ins Dorf zurückzufinden – oder auch zu versagen. Das verleiht mir in hohem Masse Kraft. Wenn ich mir selbst vertraue, bin ich wirklich frei. Ich befreie mich aus dem Gewirr, sehe zu, wie ich zurechtkomme und spüre jenes vitale Vertrauen in das Unerwartete – vielleicht typisch für naive, einzelgängerische Wanderer. Das Leben vertraut dem Zufall, der seinerseits der Vernunft zuwider ist.

Nur Vertrauen hilft, den Weg in der Wüste zu finden. Jeder in dieser weiten Welt hat eine Aufgabe zu erfüllen, das ist alles, was zählt.

aus dem Film „Bab’Aziz“

6 Dschuang Dsi: „Das Wahre Buch vom südlichen Blütenland“, aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm, München 1986, S. 98

7 Wohlfart, Günter: „Zhuangzi“, Freiburg i. Brg. 2001, S. 50

8 Cage, John: „Lectures and Writings by John Cage“, Middletown 1973

9 Claudel, Paul: „Art poétique“, Mercure de France, Kritische Schriften, Heidelberg/Einsiedeln/Zürich/Köln 1958, S. 9

10 Borghes, Jorge Luis: „Labyrinthe“, München 1962, S. 252

11 Zu den späten Filmen von Andrej Tarkowskij siehe Böhme, Hartmut: „Ruinen-Landschaften“, in: „Natur und Wissenschaft“, Konkursbuch 14, Zeitschrift für Vernunftkritik, Tübingen 1985, S. 115 f.

12 Gyamtso, Tsultrim: „Progressive Stages of Meditation on Emptiness“, New Marsten, Oxford 1986, S. 21 f.

13 Nietzsche, Friedrich: „Götzen-Dämmerung“, Altenmünster 2012, S. 9

14 Rilke, Rainer Maria: „Sämtliche Werke in 6 Bdn.“, Werk VI, Frankfurt/M. 1966, S. 711

15 Messner Reinhold: „Bergsteiger“, FAZ Magazin, Heft 914, 5.Sept. 1997

16 Kaehr, Rudolf: „Grundlagenreflexionen zur Thematik Anthropomorpher Schnittstellen“, http://www.thinkartlab.com, Dezember 1999, S. 30 f.

17 Günther, Gotthard: „Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik“, 3 Bände, Hamburg 1976,1979, 1980; in Kapitel 5 wird detailliert auf die Rejektion eingegangen.

18 „Einen Weg bahnen, z.B. durch ein verschneites Feld, heisst heute noch in der alemannisch-schwäbischen Mundart ‚wegen’. Dieses transitiv gebrauchte Zeitwort besagt: einen Weg bilden, bildend ihn bereithalten. Be-wegen (Bewegung) heisst, so gedacht, nicht mehr: etwas auf einen schon vorhandenen Weg hin- und herschaffen, sondern: Weg zu (...) allererst bringen und so der Weg sein.“, in: Heidegger, Martin: „Unterwegs zur Sprache“, Pfullingen 1959, S. 261

19 Wohlfahrt, Günter: „Zhuangzi“, Freiburg i. Brg. 2001, S. 58

2. Wege in der Landschaft

Im Morgengrauen macht er sich wieder einmal auf den Weg, auf diesen Weg, der am östlichen Dorfende unscheinbar seinen Anfang nimmt. Die auf dem Hügel thronende Kirche wacht über das zu ihren Füssen liegende Dorf mit seinen dicht gedrängten Häusern aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk. Eine Talmulde mit sanft geschwungenen Linien, unterstrichen von den Wiesen an den Hängen, darin wie ein ruhiges Auge ein Weiher mit seinen Spiegelungen von Wolken, hohen Gräsern und Schilfgewächs; etwas weiter eine windige Ebene, die wer weiss wohin führt. Der Weg, holprig und mit brüchigem Geröll bedeckt, kriecht in Serpentinen den Hang empor. Hecken, Mimosengewächse und frühsommerlich hohes Gras machen ihn immer wieder unsichtbar. Weiter oben verschwindet er ganz aus dem Blickfeld in einen lichten Mischwald hinein.

Dies konnte er allerdings noch nicht erkennen, jetzt, im Morgengrauen, jener Zwischenzone, wo Tag und Nacht miteinander ringen, die Dinge in einem seltsamen Schwebezustand erscheinen, bis jäh die ersten Sonnenstrahlen über den fernen Horizont pfeilen – ekstatischer Moment, wie das Auftauchen klarer Einsichten aus der Tiefe. Er liebt das Licht bei der Geburt des Tages. Es verleiht den Dingen Farbe und Kontur, lässt Unterschiede wieder hervortreten, und gibt so der ganzen Weite ringsum und allen Dinge darin, den Bäumen, dem Gras, der Erde, dem Gestrüpp aus Schneeballsträuchern und Brombeerranken, einem Holzstoss am Waldrand, den fernen Bergen etwas Frisches, Transparentes und Kristallklares.

Durch die Ebene mäandert ein kleiner Fluss, eingesäumt von hohem Schilf, Rohrkolben und Sträuchern, gemächlich und behäbig durch die grün-melierte Umrahmung der Wiesen. In den Trauerweiden und Silberpappeln breitet sich der Wind aus. Betörendes Licht ihrer zitternden Blätter. Weiter unten eine Engstelle zwischen den Ufern, wo der Fluss im schimmernden Dunst einen Hügel, von langen, fahlen Schrammen durchzogen, umspült. Vereinzelte Nebelschleier fasern sich aus, beginnen angstvoll sich davon zu machen, verdünnen und entfernen sich. Wilde Enten fliegen über den Fluss und ein Reiher steht regungslos, auf einem Bein, mit unschuldigem, aber unerbittlichem Blick am gegenüberliegenden Ufer.

Weiter oben geht er vorbei an mit Steinmauern eingezäunten kargen Feldern, verbuschten Wiesen und vereinzelten Steineichen. Nichts regt sich rings um seinen Schritt, nur das knirschende Geräusch unter seinen Schuhen. Die sich allmählich über die östlichen Bergrücken erhebende Sonne taucht den gegenüberliegenden Berghang, von oben bis unten von kahlen, schwarz glänzenden Schründen durchzogen, in ein fast unwirkliches Rosa und Gold, und beginnt erste weit auseinanderliegende Punkte im Raum gleichzeitig zu berühren. Aus dem noch im Halbdunkel liegenden Tal steigt ein zitterndes graues Licht herauf zu den Anhöhen, in denen sich der Wald verliert. Von irgendwoher das heisere Blöken von Schafen, das aufgeregte Bellen eines Hundes und das Tuckern eines Traktors. Würziger Duft von geschnittenem Gras. Milde Luft. Lautes Lachen eines Grünspechts. Ein aufkommender Wind wiegt die Halme eines Gerstenfeldes – weit und breit der höchste Ort, wo Getreide kultiviert wird. Ruhe und Bewegung, Nähe und Ferne, ab und zu kaum hörbare Laute. Vorbei an einer zerfallenden Steinhütte aus ockerfarbigem Trockenmauerwerk, von Efeu umrankt, in dem die Bienen brodeln, betritt er etwas keuchend den verlassenen Wald hoch über dem Tal. Da und dort durchdringen Lichtstrahlen das schattenspendende Blätterwerk, erzeugen auf dem dunklen Waldboden zarte Feuer. Kahle Steinbrocken, an manchen Stellen überzogen von derben, goldbraunen Flechten, und abgebrochene Äste liegen überall weithin verstreut. Am fernen Horizont türmen sich Wolken auf und lassen träge Schatten über die fernen aschfarbenen Berghänge gleiten.

Er setzt sich auf einen Stein. Nachdem seine Atmung und sein rasch pochendes Herz sich etwas beruhigt haben, lässt er seinen Blick über die ganze vor ihm ausgebreitete Landschaft schweifen. Ihre herbe Pracht in Bescheidenheit tauchend, voll weiser Nachdenklichkeit, empfängt sie den innehaltenden Wanderer wahrlich grosszügig mit Würde und Hochherzigkeit. Er fühlt sich wie auf Stelzen hoch über einer tiefen Leere da unten im Tal mit ihren Schluchten und einer gewaltigen Weite. Für ihn ist es der Moment des Staunens, des aufmerksamen und achtsamen Wahrnehmens, wie das Leben in diesem Teil der Welt pulsiert. Das Dahinziehen und Verweilen der Schafherde, das Vorrücken der Sonne, das Rieseln des nahen Baches, das Duften wilder Kräuter, das Summen von Insekten, die Farbenpracht der Vegetation, das sanfte Rauschen des Windes, Vogelgesänge, die Anmut aus Licht und Firnis der Farben, das alles fügt sich mit Weg und Steg, mit Wiese und Wald, mit den smaragdfarbenen Gipfeln der Berge, den schweigenden Gehöften aus uraltem Stein und Holz, umgeben von rauhen Obstbäumen mit knorrigen Stämmen und Ästen, zu der einen Landschaft, in die das alles gehört. Ein Bild leiser Bewegtheit, sowohl aus heiterer Ferne wie zugleich im Mittendrin eines in sich verwobenen Geschehens aus Eigensein und Zueinandergehören. Ab und zu lässt der heisere Schrei eines Milans die Stille vernehmen, von der die ganze Landschaft erfüllt ist.

Für ihn ist eine Landschaft kein blosser Gegen-Stand, keine zu einem Ganzen zusammengeführte Ansammlung und ineinander verzahntes Nebeneinander von Einzeldingen, von „diesem“ und „jenem“. Sie ist ein fliessendes Geschehen, eine bestimmte Weise des Miteinandervorkommens von Dingen, Orten und Gegenden, von Nähen und Fernen, Stimmungen, Schattierungen, Düften, Klängen, Färbungen und Atmosphären. Ein Geschehen, das einfach da ist, jede starre Gegensätzlichkeit aufhebend, an dem er – jenseits von Subjekt und Objekt, jenseits von Aktivität und Passivität – nicht agierend oder erleidend beteiligt ist. Er ist ein Teil – oder besser Mit-Teil – davon, wobei er weder teil-nimmt noch teil-hat – und jedes Geschehenselement ist ein gleichberechtigtes Mit-Teil. Erschöpfend betrachtet er sie mit all seinen Sinnen, was heisst, von sich wegsehend versenkt er sich in sie, verschmilzt mit ihr und die Landschaft mit ihm. Alles geht ineinander über – Fluss, Himmel, Berge, Wälder, Täler ... . Er spürt in sich eine subjektlose Weite, die mit jener der Landschaft deckungsgleich ist. Er ist höchstens ein ruhiger Resonanzraum dieses Da der Landschaft.

Ihn verwundert immer wieder jene magische Anziehung, die das Farbenspiel in einer Landschaft auf ihn ausübt. Jede Farbe scheint ihm Spielart des Variierens in ihrer Beziehung zur Umgebung zu sein, ein Variieren, das durch wechselnde Lichtverhältnisse noch akzentuiert wird: Dieses Grün der unter ihm aufragenden alten Steineiche gewinnt seine Eigenart dadurch, dass es von seinem Ort aus mit anderen Grüntönen der umgebenden Bäume und Sträucher in eine Verbindung tritt und mit diesen eine gewisse Konstellation bildet oder auch mit anderen Farben – dem Bräunlich-Gelben der verstrauchten Brache –, die es dominiert oder von denen es dominiert wird, die es anzieht oder von denen es angezogen wird, die es abstösst oder von denen es abgestossen wird. Kurz, dieses Grün der Steineiche bildet so etwas wie einen Knoten im Gewebe des Gleichzeitigen und Sukzessiven.

Da es in einer Landschaft weder mit sich selbst identische Dinge noch blosse Farben gibt, die sich dem Blick ganz unverhüllt offenbaren würden, kann er sich den verschiedenen Regionen der Farbenwelt und der sichtbaren Welt nur nähern, indem er sie mit seinem Blick abtastet, sanft berührt, sie von weitem anklingen lässt, weniger als Farbe oder Ding, sondern als Bindegewebe zwischen Farben und Dingen, als augenblickliche, sich herauskristallisierende Manifestation des Farbigseins oder der Sichtbarkeit.

*

Je länger er das Bild dieser Landschaft betrachtet, umso mehr breitet sich in ihm das Gefühl einer gelassenen, in sich ruhenden Endlichkeit aus. Einer Endlichkeit, die sich gleichsam selbst vergessen hat. Jetzt kann er ohne Absicht bei den Dingen verweilen, die vergehen, manche schneller, manche langsamer, langsamer als ein Menschenleben. Es ist ein Erwachen zur Vergänglichkeit, indem er sich vergehen lässt. Er blickt nicht länger über die Vergänglichkeit hinaus; er vertieft sich in sie, ohne aber der Welt den Rücken zu kehren.

„Keinen Augenblick meines Lebens schweifte ich vom Gedanken der Hinfälligkeit und Vergänglichkeit ab, sah ein, dass alle Dinge auf der Welt kurzlebig sind und gar schnell wie der Blitz verzucken. Ich wanderte umher, bis mein Haar weiss wurde wie der Winterreif.“ 20

Jetzt wo er die Vergänglichkeit sieht, kann er vom ichbezogenen Selbst Abstand nehmen, die Schwere des ichbezogenen Selbst abwerfen. Er muss sich nicht länger gleich bleiben wollen, sondern kann sich entsprechend dem Lauf der Dinge wandeln. Er kann die Landschaft – und auch die Welt – ohne Sorge um sich selbst wahrnehmen. Ohne Angst kann er die Vergänglichkeit, die Flüchtigkeit und Hinfälligkeit der Dinge sehen, die ruhig in sich schwingen und auf nichts Anderes verweisen müssen. In ihm macht sich eine Heiterkeit breit, keine Fröhlichkeit, ihr würde die Tiefe der Trauer fehlen.

„Dass das Selbst sich selbst und alle Dinge praktiziert und bestätigt, ist Illusion. Dass alle Dinge herbeikommen und das Selbst praktizieren und es bestätigen, ist Erleuchtung.“ 21

„Aller Kummer kommt daher, dass ich ein Ich habe.“ 22

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Jede Landschaft, die er durchquert und betrachtet, ist weit davon entfernt, sich einer einheitlichen Wahrnehmung darzubieten. Nichts kann sein Blick aufteilen und „kartographieren“. Immer sind Polaritäten im Spiel – jene von Hoch und Tief, des Vertikalen und des Horizontalen, des Geformten (Gebirge) und des Ungeformten (Wasser), des Unbeweglichen und des Sich-Bewegenden, des Undurchsichtigen und des Durchsichtigen –, die das „Hier-und-dort“ der zugleich verstreuten und miteinander korrelierenden Dinge organisieren. Von der Intimität der im Schatten duftender Hecken blühender Veilchen bis hin zu den weither grüssenden frühlingshaften Bergen, umkränzt mit einer Girlande aus Wolken und Dunst, von den nahen Wiesen und Feldern unten am Fluss bis zu den vor sich hindämmernden Lärchenwäldern, von den hoch sich erhebenden, terrassenförmig angelegten Weinbergen, die jungen Blätter der warmen Rebstöcke in zartem, hellem Smaragdgrün leuchtend, mit den steil zu den Obstgärten am Rande der still und ruhig daliegenden Bauernhöfe heruntergehenden Treppen, verlaufen Bezüge des „nah und fern“, „oben und unten“, „hier und dort“, „vorne und hinten“, „innen und aussen“, „unterbrochen und fortgesetzt“, „konzentriert und verstreut“. Sie alle lassen für ihn Szenerien vielfältiger und verflochtener Wechselbeziehungen des Miteinander-zu-tun-habens, des gegenseitigen Sich-etwaszurufens über offen gehaltene Zwischenräume hinweg entstehen, gemischte, buntscheckige Szenerien lebendiger Spannungen zwischen dem einen und dem anderen, zwischen „Herausragendem“ und „Verstreutem“. Solange er nicht urteilt und taxiert – was die weitgehend illusorische Figur eines souveränen und im Augenblick vollständig gegenwärtigen Subjekts erfordern würde –, wird alles, was emporkommt und seinen Blick einfängt, noch in seinem ursprünglichen „Hier-und-dort“ erfasst, entwicklungsfähig, ungeordnet, nicht zugerichtet.