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Die Autorin spielte mit ihrem Vater gerne das Spiel "Weißer Sperling - Schwarzer Mann". Im übertragenen Sinne kann man dies auch auf die politische und gesellschaftliche Situation der damaligen Zeit anwenden.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2014
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1927 — Mama mit Helmut mir und Helga
Oberglogau —
Ansicht auf einer alten Postkarte, um ca. 1920 bis 1930.
1928 — Vater mit Helga, mir und Helmut, im Schlosspark von Oberglogau
Vorwort
Erinnerungen aus meiner Kinderzeit
1930
1931
1932
1933
1934
1935
1936
1937
1938
1939
Kriegsbeginn
Beginn der Flucht.
1946
1947
1948
Anhang - Bildnachweis:
Anhang - Fluchtwege der Familie Aust
Meine Mutter, Tanten, Onkel sowie mein Grossvater haben mir schon als Kind immer wieder mal Geschichten „von damals“, „vom Krieg“ oder „von der Flucht“ usw. erzählt.
Ich fand das immer sehr spannend und freute mich als ich die Niederschrift der Lebensgeschichte meines Grossvaters lesen durfte. Besonders erfreut war ich jedoch als meine Mutter anfing ihre Geschichte niederzuschreiben und sie mir diese übergab. Sie hatte alles noch handschriftlich niedergeschrieben und in mir erwuchs der Wunsch diese Geschichte als Buch heraus zu bringen, da ich der Meinung war, das es sich hier um ein wichtiges Zeitdokument handelt welches man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollte. Ich habe daraufhin die Geschichte, immer wenn es die Zeit zuließ auf dem Computer erfasst und überarbeitet. Gott sei Dank hatten auch sehr viele Familienbilder die Flucht überstanden, so dass mir auch hier reichlich Fotomaterial zur Verfügung stand. Die Namen der auf den Bilder zu sehenden Personen, soweit bekannt, wurden bewusst niedergeschrieben damit die Möglichkeit besteht, dass noch Lebende oder deren Angehörigen, sich oder ihre Angehörigen wiederfinden und -erkennen und ggf. auch in Kontakt treten können. Ich würde mich über entsprechende Zuschriften freuen.
Dies hat sich bewahrheitet und ich konnte inzwischen interessante Kontakte knüpfen, leider nicht mehr zu Lebzeiten meiner Mutter, welche am 27. Juni 2015 verstarb.
Bedanken möchte ich mich hier auch für die mündlichen, schriftlichen und Fotobeiträge von Frida Jahnel, geb. Aust (Tante), Herta Schillay, geb. Aust (Tante), Fritz Aust (Onkel) und Werner Aust (Onkel),.
Des weiteren möchte ich mich vor allem bei meiner Ehefrau Christa bedanken, die mich beim Korrekturlesen unterstützte und auch die nötige Geduld für meine mit dem Schreiben verbrachte Zeit aufbrachte.
Bedanken möchte ich mich auch bei Günter Hauptstock, der mich auf Unstimmigkeiten zum Thema Oberglogau aufmerksam gemacht hat, so dass ich diese inzwischen bereinigen konnte.
Harald Metz, Fünfstetten, 13.04.2019
Das kleine verträumte Häuserl in Oberglogau, in Oberschlesien, in dem ich am 10. April 1926 das erste Licht der Welt erblickte, wurde nun für die größer werdende Familie zu klein und wieder stand deshalb ein Umzug ins Haus:
Im gleichen Ort, also innerhalb Oberglogau‘s, bekamen wir eine Zweizimmer-Wohnung im „Schweizerhof“ — gleich neben dem dortigen Kuhstall.
Da die Kühe nur im Winter im Stall waren, aber im Sommer auf den Koppeln bei und auf den Weidedämmen nahe dem Flüsschen Hotzenplotz, blieb im Sommer der Stall und der große Hof für uns Kindern als toller Spielplatz.
Mitten im Hof befand sich ein überwachsener, nur notdürftig zugedeckter, Brunnen. In ihm wohnte, nach Aussagen unserer Eltern, das unheimliche „Wassermännchen“ zu dem wir auf keinen Fall hingehen sollten.
Wiedersehen mit dem „Schweizerhof“ im Jahre 1992 — Foto: Harald Metz
Je länger wir jedoch dort wohnten, desto näher trauten wir uns, wenn auch nur ganz leise und mit äußerster Vorsicht, an diesen Brunnen. Ein wenig oberhalb des Brunnens hatte Vater für uns eine stabile Schaukel gebaut und Holunderbüsche bildeten gleich neben der Schaukel ein Karree, dass wir als Laube nutzten. Vater baute uns auch noch eine Bank und einen Tisch in die Mitte. Alles zusammen war ein Kinderparadies!
Doch vermeintliche Kinderparadiese auf Erden bergen eben leider oft auch ihre Gefahren. Meine Schwester Helga bekam dies als erste zu spüren: sie tobte mit Josef, Ernst, Theo, Dorchen und Hannchen – das waren die anderen Hofkinder – sowie mit unserem Bruder Helmut durch den Kuhstall und sie sprangen von den steinernen Krippen, da plötzlich ein Schrei: Helga hatte sich den Arm gebrochen!
Zu der Zeit war ich noch zu klein und pummelig um bei diesen Spielen mithalten zu können und von den anderen Kindern hörte ich immer nur: „Geh nach Hause und spiel mit deinen Puppen!“
V.l.n.r.: Ernst Titze, Helmut Aust, Josef Kotschewa, Helga Aust, Vera Heinz, Ottilie Aust (Ich), meine Mutter Lina Aust mit meiner Schwester Editha Aust Aufnahme von 1931.
Irgendwann wurde ein großer leerer Wasserwagen im Hof abgestellt. Die größeren Jungen hatten es dann auch bald heraus wie man über den oberen Deckel ins Innere gelangen konnte. Doch alleine war es denen dann doch zu langweilig und so redeten sie auf die Mädchen ein und zogen sie mit nach oben um sie mit in den Tank zu nehmen und das war dann seit Tagen ihr liebster Aufenthalt. Nur ich durfte nicht mit rauf und man schickte mich immer wieder fort. Sie aber blieben immer in dem Bottich um, wie sie sagten, Doktor zu spielen, aber dafür sei ich noch zu dumm.
Allerdings war ich auch noch zu klein um für Mutter Besorgungen zu machen, so blieb es nicht aus, dass Mutter die Sprösslinge brauchte und nach Ihnen suchte. Das war der Zeitpunkt meiner Rache: Ich habe alle, samt ihrem Doktorspiel verraten! Meine Mutter „ging auf die Palme“ und schon am nächsten Tag war der Wagen vom Hof verschwunden. Ich musste mich dann aber gegenüber den anderen erst einmal noch weiter zurückziehen! Ich spielte damals am liebsten mit meinen Anziehpuppen, das waren ausgeschnittene Papierpuppen denen man immer andere, ebenfalls ausgeschnittene, Papierkleider, umhängen konnte.
Wir hatten für die damalige Zeit eigentlich ziemlich viel Spielzeug. Da waren Puppen, Puppenwagen, Puppenküche und vieles mehr, z.T. noch aus Mutters Kinderzeit, denn sie hat ihre Sachen sehr geschont und auch wir passten auf, dass nichts kaputt ging oder gar von anderen Kindern kaputt gemacht wurde.
Helmut spielte an trüben Tagen mit seinem Steinbaukasten oder mit dem Holzbaukasten „Matador“, aber auch mit den vielen bunten Pappendeckelreitern deren Pferde so schöne lange Schweife hatten, die ich so gerne abdrehte und wenn ich sie nicht los brachte, habe ich sie einfach abgebissen.
April 1929 — Helmut‘s Schulanfang und in der Mitte ich. Rechts: Schwester Helga.
Kurz vor Weihnachten wurden wir Kinder immer besonders brav, aber auch sehr aufgeregt, denn erstens kam ja der Nikolaus mit Äpfel und Nüssen, und jeder bekam einen Lebkuchen mit einem aufgeklebten bunten Papier-Nikolaus, und zweitens stand jährlich die große Bescherung von Frau Gräfin von Oppersdorf, auf dem Schloss, ins Haus. Die Rute des Nikolaus brauchten wir jedoch nicht zu fürchten, denn unsere Mutter hatte ihm von vorne herein verboten die Rute zu benutzen. Bis dahin hatte Großmama dann auch unsere neuen Häkelkleidchen fertig und wir sahen damit fein, wie Puppen, aus. Mit großen, strahlenden Augen standen wir dann vor dem riesigen Christbaum, artig und sehr zurückhaltend bis die Weihnachtslieder, begleitet von einem Harmonium, beendet waren.
Dann ging Frau Gräfin mit ihren vier Söhnen an den Gabentisch und rief die Familien auf, deren Väter oder Mütter beim Grafen angestellt waren. Jedes Kind bekam ein Spielzeug, Bekleidung und Zuckerzeug.
Am Abend hatte jeder sein Spielzeug im Bett und träumte nun den Heiligen Abend herbei.
Die Familie von Oppersdorf in den frühen „Zwanziger“ Jahren auf dem Schloss Oberglogau.
Draußen lag das Land unter pulvrigem Schnee. Es war kalt geworden und die Teiche waren zugefroren. Was lag da näher als uns warm anzuziehen und den Schlitten, unsere „grüne Semmel“, herunter zu holen. Unser Schlitten war etwas ganz besonderes, die Kufen hochgezogen und statt der sonst üblichen Sitzroste befand sich ein Brett darauf, das wie eine Doppelsemmel aussah. Das Ganze war hellgrün lackiert. Die Rodelbahn war gleich am Haus, sie führte am Schlosspark hinunter bis auf das Eis am Torkateich.
Natürlich wollte ich, als Kleinste, auch mit hinunter fahren und schon fuhren sie mich an einen Baum der neben der Straße stand und absolut nicht zur Seite ging. Meine Kniestrümpfe kaputt, das Knie voller Blut und das Geschrei riesen-groß! — Und wiedermal blieben mir nur meine Puppen.
Postkartenansicht vom Schlossparkteich um ca. 1920 bis 1930.
Wenn wir jedoch von draußen verfroren herein kamen, dann wurden erst unsere kalten Hände und Füße in kaltes Wasser gesteckt und mit rauen Handtüchern ordentlich massiert, was dann von uns mit größtem Wehklagen begleitet wurde. Dann ging’s ins warme Badewasser und anschließend wurde saubere, frische Wäsche angezogen, die bis zum nächsten Bad, i.d. Regel am kommenden Samstag, getragen wurde.
Am Abend, beim Lindenblüten- oder beim Apfelschalen-, manchmal auch Kakaoschalentee, war alle Kälte dann vergessen.
In diesem Jahr wurde uns wieder ein Geschwisterchen angekündigt und am 3. August, zwei Tage vor Helgas Geburtstag, war es dann endlich soweit:
Der Klapperstorch hatte sich angemeldet! Doch Kinder durften ja nicht sehen, wie er in seinem Schnabel, in einem Steckkissen, das Baby brachte. So wurden wir drei am späten Nachmittag zur Nachbarin, Frau Titze, gebracht. Frau Titze hatte einen Sohn, er hieß Ernst und hatte viele Bücher die wir uns ansehen durften. Ernstl legte gleich seine drei Kasperlebücher zu mir rüber und deutete auf ein Kasperl mit einem Korb Eiern. Da ging wohl meine Fantasie mit mir durch, denn von diesem Augenblick an nannte ich den um Jahre älteren Ernst nur noch „Eierclown“ und er hat mich daraufhin nie mehr beachtet. Spät in der Nacht hat uns Vater dann nach Hause geholt und gesagt, dass wir nun ein Schwesterchen haben und sie würde Editha Berta Helene heißen. Wir sollen sie einfach Edith rufen!
Wir freuten uns alle drei sehr, doch als wir dann die Kleine sahen waren wir sehr enttäuscht: Die konnte ja nicht mal sitzen oder sprechen, wie soll man denn mit ihr spielen? Und Mama war auch noch vom Storch gebissen und musste im Bett liegen bleiben. Gut, dass Oma gekommen war.
03.08.1931 — Editha, Berta, Helene, 1 Jahr alt
Auch Onkel Alfred, Mamas Bruder, er war Lehrer, kam, da Ferienzeit war, zu uns.
An den Abenden hörte ich die Erwachsenen reden, denn mein Kinderbett stand in der Küche, dass es doch am besten wäre wenn Oma ganz bei uns bleiben würde. Meinem Papa schien das ganz und gar nicht zu gefallen. Ich verstand das laute hin und her Gerede ganz und gar nicht, denn ich liebte meine Oma über alles und hätte sie sehr gerne für immer bei mir gehabt. Als Mutter jedoch wieder aufstehen konnte trug sie beide Beine fest gewickelt, der Storch musste wohl furchtbar zugebissen haben. Oma fuhr dann mit dem Onkel doch wieder nach Wäldchen/Oberschlesien (vermutlich Kreis Strehlen) zurück.
Alfred Riemer, Mutters Bruder.
Kleine Kinder werden aber eben auch größer und Papa erzählte vom neuen Krankenhaus in Oberglogau, denn das alte Krankenhaus an der „Langen Straße“ war inzwischen zu klein geworden.
Krankenhaus Oberglogau, das „Akuhaus“
Zwei Wochen vor meinem fünften Geburtstag war es dann soweit, Mama brachte mich ins „Akuhaus“, wie wir es nannten. Ich wusste, dass mir nun der Onkel Doktor das dumme Ding hinter dem Ohr weg machen würde. Dann würden keine fremden Leute mehr hinter mir herrufen: „Du Tielchen bleib doch mal stehen, lass doch mal sehen“, „oh weh“ und „oh je!“ Sie werden gar nichts mehr sehen, das hatte mir der Onkel Doktor schon versprochen und ihm glaubte ich mehr als allen anderen.
Ich war das erste Kind im neuen Krankenhaus und wurde von den Klosterschwestern überaus freundlich empfangen. Ich sah so viel Neues und zum ersten mal eine prächtig geschmückte katholische Kapelle, das ließ mich sogar schnell meine Mama vergessen.
Ein ganz weißes Bett war für mich hergerichtet. Ja, hier konnte man es wirklich nur gut mit mir meinen, war ich überzeugt. Am nächsten Morgen trug mich die Stationsschwester in einen weißen Saal mit vielen großen Lichtern die man ganz einfach mit einem Schalter an und ausmachen konnte, was mich in großes Staunen versetzte. Hier brauchte man zum Licht machen also keine Streichhölzer suchen, die dann immer vor uns Kindern versteckt wurden (Wir hatten zu dieser Zeit in unserer Wohnung noch Kerzenlicht und Petroleumlampen!).
Eine zweite Schwester brachte mir ein kleines weißes Spitzenkissen auf welches ich meinen Kopf legen konnte. Sie wollte wissen wie weit ich denn schon zählen könnte. Ich kam nur bis Acht!
Als ich dann im Bettchen aufwachte hatte ich einen dicken Kopfverband und die erste Schwester die zum Bettchen kam sagte: „Du siehst aus wie ein Soldatenheld!“
Also war ich wohl ein Held und ließ ebenfalls heldenhaft, außer Doktoren und Schwestern, niemanden an meinen Verband ran. Auch als ich nur noch ein Pflaster hinterm Ohr trug, durfte es nur von einem Arzt gewechselt werden.
Da half auch kein gutes zureden von Mama und auch nicht das Spiel: „Weißer Sperling, schwarzer Mann“ von Papa, denn Papa nannte mich, wenn ich im Bett war, „Weißer Sperling“ und da er Maschinist war, und immer mit ölverschmierter Arbeitskluft heim kam, sagte ich dann zu ihm: „Schwarzer Mann“.
Das wurde zwischen uns dann zu einem Spiel: Wer es wohl mit seinen zwei Wörtern am längsten aushält.
Am 10. April 1931 kam dann mein fünfter Geburtstag:
Orangen lagen auf dem Tisch und aus der Schlossgärtnerei hatte Papa mir einen Blumenstock, wunderschön, dunkelrot blühend, dazu gestellt.
Die größte Überraschung aber stand unter dem Tisch: Papa hatte mir ein Dreirad gebaut! Es war stabil aus Eisenrohr und mit rotem Samtsitz, Lenkergriffen und Pedalen wie an einem richtigen Kinderfahrrad — also ein richtiges Prunkstück! Auf der stabilen Hinterachse konnte noch ein Zweiter mitfahren. Meine Freude kannte keine Grenzen!
Die Schlossgärtnerei mit Personal. Aufnahme aus den „Zwanziger“ Jahren.
Und die Blume? Nun die würde so schön in die prächtige Kapelle im Akuhaus passen: „Bitte Mama, lass sie uns doch dort hinbringen“ bat ich, denn, wie sagten dort die Schwestern: „Nur Opfergaben zählen bei den Engeln!“ Ich wollte schließlich, im Sommer, ein kleines Schwesterchen! Also trugen wir die Blumen zur Kapelle.
Im April kam Schwester Helga in die Schule und ich war schon ziemlich neidisch auf sie.
Doch dann wurde Oma von einer schlimmen Krankheit geplagt: Sie bekam Gicht und musste ihren Beruf als Handarbeitslehrerin aufgeben und Mama konnte nun auch nicht mehr so oft hinfahren. Mein Vater wurde inzwischen überstimmt und im September kam Oma nun doch ganz zu uns in die zwei Zimmer. Eine der kleinen Kammern wurde für sie frei gemacht, das war alles.
Helga kam am 15.04.1931, zu Ostern, in die Schule.
Für die Weihnachtszeit wurde uns wieder ein Geschwisterchen angekündigt und es blieb nun nicht aus, dass es bald ständig zu Reibereien zwischen den Erwachsenen kam: Die langen Winterabende beim Licht der Petroleumlampe, die kleine Edith im Kinderwagen mit den hohen Rädern, den man nun ja für das fünfte Baby brauchte. Und für Edith musste deshalb nun auch ein Kinderbett aufgestellt werden. Doch wohin mit dem Bettchen? Mama war in ihrem Zustand sehr gereizt und plötzlich hatte Sie eine Wäscheleine in der Hand und sagte auf einmal: „Ich häng mich auf!“ Wir wurden ganz mucks-mäuschenstill, beängstigend still! Erst als Oma dann auf Mama energisch einredete, flossen bei uns die Tränen in Sturzbächen und Papa wurde auf einmal ganz lieb zu Mama, irgendwie wird es schon weitergehen, man müsse sich eben noch etwas mehr einschränken. Und so war der Haussegen, „Gott sei dank“, wieder gerade gerückt.
Oma brachte uns das „Mensch ärgere Dich nicht“ bei und an diesem Abend hörte man nur das Klappern der Würfel und wir wagten kaum laut zu reden und wollten uns auf keinen Fall streiten.
Dann kam das lang ersehnte Weihnachtsfest, doch dem Klapperstorch, so hieß es, wäre es noch zu kalt um das Baby zu bringen.
Am 5. Januar mussten wir dann ganz früh aufstehen und Helmut und Helga mussten ihre Schulranzen zusammenpacken. Warm angezogen sind wir dann zur Kirchendienerei Schneider gebracht worden. Frau Schneider hatte uns schon Kakao gekocht, das hat uns die Morgenkälte gleich vergessen lassen.
Vater kam etwas später mit unserem Schlitten, der „grünen Semmel“, wieder er hatte Helmut und Helga zu den Quäkern in die Schule gebracht. Quäkern, das war damals eine soziale Einrichtung aus Amerika. Vor Schulbeginn bekamen die Kinder eine Tasse Suppe und ein Brot oder eine Semmel mit einer Tasse Kakao, mal auch Sternchensuppe oder Milch, jeden Tag etwas anderes.
Helga konnte einem da mit ihren Erzählungen schon „lange Zähne“ machen. „Aber im April komme ich auch zur Schule, dann werde ich auch 'quäkern' und auch ich werde mir ein großes 'Tippel' (Tasse) mitnehmen und dann bekomme ich ganz sicher auch so einen großen roten Apfel und ich werde ihr dann auch nichts davon abgeben“, nahm ich mir vor.
Helmut und Helga kamen beide von der Schule aus direkt zum Schneiderhäusel. Es gab eine große Pfanne Bratkartoffeln mit Buttermilch, für Helga eine Tasse Vollmilch, denn Buttermilch mochte sie nicht. „Du willst ja immer etwas extra“, sagte Helmut zu ihr. Doch bevor sie noch zum Streiten kamen stand Oma in der Tür und sagt: „Ihr habt ein kleines Schwesterchen“. Und Helmut beschwerte sich: „Schon wieder ein Weibsvolk, ich wollte doch einen Bruder“.
Zu Hause im großen Zimmer stand noch der große geschmückte Christbaum, im Bett daneben lag Mama mit dem Neugeborenen. Frau Lorek, die Hebamme war auch noch da und rief uns zu: „Ha, nun schaut Euch das Baby nur an“. Mama hielt uns das Steckkissen entgegen: „Oh, die ist ja noch viel winziger als Edith es war“. Dieses kleine Köpferl?
Edith konnte ja nun schon laufen und sie verstand auch schon wenn man ihr sagte: „Meine Papierpuppen darfst Du nicht anfassen“.
Frühsommer 1932 — Frida, Martha, Anita, * 05.01.1932, ca. 1/2 Jahr alt
Vater musste nun zum Standesamt, doch man war sich noch nicht ganz einig über den Namen des Babys. Erst wollte man eine Anita, doch hatte sein Freund Wollny seine kurz zuvor geborene Tochter
Anita genannt und man wollte es anderen Leuten nicht nachmachen. Also einigte man sich und wir hatten nun eine Frida, Martha, Anita.
Helmut hatte zu Weihnachten ein Steckenpferd bekommen und tobte damit im ganzen Haus herum. Doch für Helga und mich begann nun die Zeit als Kindermädchen. Wollten wir raus, hieß es gleich: „Nimm die Edith mit!“, „Setz die Edith in den Wagen und pass auf!“, „Spiel mit ihr!“. Wollte Fridl nicht einschlafen: „Tielchen fahr sie ein bisschen, bei Dir schläft sie eher ein!“ So wurden uns ganz unmerklich Erziehungsaufgaben übertragen, die zu bewältigen wir manchmal noch nicht gewachsen waren.
Wieder einmal hatten wir beide im Wagen und wir schoben sie über die Schlossstrasse, hinunter zum Ring. Hier gab es viele Geschäfte mit vielen schönen Auslagen. Wenn wir uns auch nichts kaufen konnten, konnten wir doch so schön träumen was wir täten wenn wir dies und jenes hätten. Vor lauter Träumen und Entzücken hatten wir nicht mehr an den Kinderwagen gedacht, der sich langsam und selbständig zum abschüssigen Bordstein hin bewegte. Zum Glück griffen zwei beherzte Frauen nach dem Kinderwagen, noch bevor er umkippen konnte. Nicht auszudenken was hätte geschehen können wenn ...
04. April 1932 — Mein Schulanfang
Die Schelte war dann auch nicht von schlechten Eltern. Von nun an ließen wir keinen Kinderwagen mehr aus der Hand!
Das Frühjahr kam. Ich bekam nun meinen neuen Schulranzen mit Tafel und bunter Holzgriffelschachtel, darin fünf dünne neue Griffel, Stifte mit denen ich auf der schwarzen Schiefertafel das Schreiben erlernen sollte. Im hölzernen Tafelrand war ein Loch, dort baumelte lustig an langen gehäkelten Schnüren ein gelber Schwamm und ein von Oma extra für mich gehäkelter Tafellappen. Ich war richtig stolz, denn jetzt gehörte ich zu den Großen!
Am 4. April war dann mein erster Schultag, besonders schön fand ich es, dass ich noch nicht ganz sechs Jahre alt war, wo doch meine Schwester Helga schon sechs Jahre alt war als sie zur Schule kam.
Wie erhofft bekam auch ich mein Tippel und konnte mit zum quäkern gehen.
Altes Postkartenbild der Oberglogauer Volksschule.Das Gebäude existiert heute nicht mehr.
Bald merkte ich, dass das mitunter sehr anstrengend sein konnte: Das Frühstück in der katholischen Eichendorfschule, der evangelische Religionsunterricht, viermal in der Woche, fand jedoch anschliessend im Saal des evangelischen Gemeindehauses statt und dann nach einer Stunde wieder zurück zur katholischen Schule!
Klassenaufnahme meiner 1.Klasse in Oberglogau
In der ersten Klasse waren wir ca. sechzig Schülerinnen, aber nur zwei von uns Mädchen waren evangelisch.
Zweimal in der Woche, nachmittags, gingen Helga und ich ins Inselhaus.
Dort gingen wir in unsere erste Organisation in die wir, von unserem Vater aus, eintreten mussten: „Die Kükengruppe“ der Jahrgänge 1926 bis 1929. Wir waren die Kindergruppe des Luisenbundes. Helmut war beim „Scharnhorst“, das war die Parallelorganisation der Buben, hervorgegangen aus der Organisation „Stahlhelm“, einem Bund der ehemaligen Frontsoldaten.
Mein Vater war ein geselliger Mensch und liebte, da er ja zu Hause von den Frauen „untergebuttert“ wurde, das Vereinsleben. Er war Mitglied im Stahlhelm, aber er sang auch im Kirchenchor. Sonnabends und Sonntagnachmittags war er ständig, allerdings nur als Zuschauer, am Fußballplatz.
Ab und zu konnte man ihn mit Kollegen auch mal im Wirtshaus, in der „Falle“, finden. Singend kam er dann am Abend heim und hatte, was damals allgemein gar nicht so selten war, den halben Wochenlohn mit seinen Kumpanen verjubelt.
Als er dann sogar, zweimal hintereinander, den gesamten Wochensold vertan hatte, wurde es Mama zu bunt.
Altes Postkartenbild des Wirtshauses „Falle“ in Oberglogau.
Sie raffte sich auf und am dritten Samstag erschien sie höchst persönlich in der „Falle“ und rechnete nicht nur mit Vater, sondern auch mit seinen Kollegen und besonders mit Jametzko, dem Wirt ab: Sie meinte wenn mein Vater die Sauferei nicht sofort aufhöre, würde sie mit uns Kindern verschwinden, schließlich habe er eine Familie an deren Gründung er auch nicht ganz unbeteiligt gewesen ist. Dann nahm sie die Kreide vom Billardtisch an dem die Männer gerade spielten, ging damit hinaus und warf sie hoch über die Blechhofna, dem Nebengebäude. Nun staunten alle, welch eine Energie in dieser zierlichen Person steckte! Vater zahlte und ging betreten, aber geläutert nach Hause.
Eines Tages hieß es dann: „Tielchen, die Frau Dr. Reichhardt fragt ob Du nicht Nachmittag mit Sabine, ihrer jüngsten Tochter, spielen wolltest? Du kannst dann gleich aus der Schule zu ihr gehen und Du bekommst dort auch gleich das Mittagessen.“
Und so wurde ich dann ständiger Gast im Schloss, denn der Direktor bewohnte mit seiner Familie den Ostflügel über der Kanzlei, bis hin zur Schlosskirche.
Sie hatten dreizehn Räume, für mich etwas aufregend Neues — man stelle sich nur dreizehn Räume vor — für jede Gelegenheit ein extra Zimmer!
Alte Postkartenansicht des Oberglogauer Schlosses — Blick von der Galerie aus in den Innenhof und einen Teil des Ostflügels (links).
„Altane“ sind in Obergeschossen ins Freie führende Plattformen, die offen oder überdeckt, von Mauern, Pfeilern oder Säulen gestützt werden. (Im Gegensatz zu freitragenden Balkonen.) — Anmerkung: Harald Metz
Dazu noch eine riesengroße Küche, ein Badezimmer in welchem die Wanne fest angeschlossen war, so dass man sie nach dem Baden nicht wegzuräumen brauchte, daneben ein Kinderklo und eines für Erwachsene. Beide Toiletten aus sauberem Porzellan und ganz ohne diesen schlechten Geruch, der sonst solchen Orten anhaftete. Selbst in der Schule gab es keine vergleichbaren Toiletten. „Toilette“, das war dann auch das erste Wort das ich dazu lernte, denn „Klo“ oder „Abort“ durfte ich im Schloss nicht sagen, das war sehr unanständig! Sabine hatte ihr eigenes Kinderzimmer, einen großen Raum mit drei Türen, eine führte ins Badezimmer und eine gleich hinaus auf eine lange Altane. Die dritte Tür führte in den Musiksalon mit dem dort befindlichen Klavier.
Sabine konnte zudem eine Unmenge Spielzeug ihr eigen nennen, soviel hatte ich eigentlich nur bei Ledermann, vor Weihnachten, in der Spielwarenabteilung, gesehen. Im Gegensatz zu Ledermann durfte ich hier bei Sabine aber alles anfassen und damit spielen.
Sabine war ein Jahr älter und hatte etwas länger Schule als ich, so dass ich meist schon vor ihr in ihrem Zimmer war, ich hatte dann alle Spielsachen für mich allein. Das war dann immer die schönste Zeit für mich.
Mit zur Familie der Reichhardts gehörten auch noch Sabines größere Geschwister Jürgen und Malies, die aber nur sehr selten da waren.
Das eigentliche Zuhause der Reichhardts war ein schönes Schloss in Katzbach.
Zum Haushalt der Reichhardts gehörten dann noch die Köchin Frieda und das Zimmermädchen Gretel welche auch im Esszimmer servierte.
Ich aß mit Frieda und Gretel in der Küche und lernte so nebenbei, dass „die schöne Hand“ rechts ist und die linke an der Fensterseite war.
Ach ja, und da war ja auch noch der Dackel „Schnappsack“, der nur kurz „Schnappi“ gerufen wurde. Ein lieber Hund der uns immer auf seinen krummen Beinen folgte. Wenn wir von der Schule kamen wurden wir schon freudig von ihm begrüßt.
Alte Postkartenansicht des Schlossparks von Oberglogau.
Der Schlosspark war nur stundenweise für die Öffentlichkeit zugänglich, und bei schönen Wetter tobten wir mit Fidi, dem jüngsten Grafensohn und Schnappi, über die Parkwege.
Wir durften mit dem Roller fahren oder mit Fidi’s Kinderauto bei welchem ich dann immer stolz verkündete: „Das hat mein Papa gebaut!“
Fahren, Laufen und Toben konnten wir, nur laut sein und schreien durften wir nicht und immer wenn Fidi mit von der Partie war, war auch seine Kinderschwester dabei.
v.l.n.r.: Mein Vater, und die Kollegen Arthur Friedeck und Paul Bradel mit dem selbstgebauten Tretauto für Fidi.
Waren wir allein und ich wollte mal nicht so wie Sabine, kam es schon mal zum Streit, den sie dann mit einer Ohrfeige und ich mit Heulen, beendete. Daraufhin sah ich natürlich verweint aus, so dass dies sofort auch jeder merken würde. Sabine drückte dann wohl auch das schlechte Gewissen und sie ließ Schnappi Männchen machen und schlug schließlich selbst Purzelbäume und sagte dabei immer wieder, wobei sie ihren Finger in die Höhe reckte: „Kleiner Finger lach ein mal!“
Wenn ich dann wieder nachgab reichte sie mir ihr Taschentuch und sagte: „Schnäuz Dich damit du nicht so verheult aussiehst, dann gehen wir rauf. Wir müssen heute noch in die Kükengruppe. Mutti hat schon einige Bilderbücher zurecht gelegt, die wir mitnehmen werden.“ Oben angekommen hat dann auch keiner was von meinen Tränen gemerkt.
Ich (links) mit Sabine Reichardt — Aufnahme von 1935
Im Oktober hatte Sabine Geburtstag – Das war ein Kindergeburtstag! Zehn Mädchen wohlhabender Eltern kamen mit ihren Geschenken, wie z.B. Pralinen die in schleifengeschmückten Tassen oder kleinen Schälchen steckten, Blumengebinden und viele der schönen Sachen mehr.
Meine Mama hat mir von buntem Krepp-Papier einen kleinen Blumenstock gebastelt der nun auch ausgiebig bewundert wurde, vor allem deshalb, da man ihn ja nie gießen musste — also ab in ein Regal.
Nach Kakao und Kuchen kamen die fröhlichen Gesellschaftsspiele wie z.B. „Stille Post“, dabei wurde dem Nachbarn ein Wort ins Ohr geflüstert der es wiederum flüsternd an den nächsten weitergab, der Letzte muss dann das Wort laut sagen. Oh, was kamen dabei alles für Wörter raus, alles mögliche, aber meist eben falsch! Das sorgte bei uns dann natürlich für große Heiterkeit.
Ein anderes Spiel war „Topfklopfen“: Man musste dabei mit verbundenen Augen den Topf der irgendwo im Kreis war mit einem kurzen Stock finden und dann oben drauf schlagen. Demjenigen dem das gelang gehörten dann die unter dem Topf liegenden Süßigkeiten.
Nur wenn ich an der Reihe war wurde das Gelächter immer besonders laut, denn immer wenn ich glaubte den Topf endlich gefunden zu haben, schlug ich mit dem Stock ins leere weil die anderen mir den Topf immer wieder weg gezogen bzw. verschoben haben.
Ich gab aber nicht auf und so kam was kommen musste: ich haute einer der Anwesenden ganz fürchterlich auf die Finger.
Das Lachen verstummte und eines der „lieben“ Mädchen fing an zu weinen. Ich nahm die Binde von den Augen und ebenso schnell die Süßigkeiten unter dem Topf an mich.
Sabines Mutter ließ sich den Vorgang erklären und tröstete die Heulende und schlug uns vor am Tisch Schokolade mit Messer und Gabel zu essen. Schnell waren daraufhin Schmerz und Tränen vergessen.
Wir bekamen jede ein Messer und eine Gabel – und ein Würfel ging reih um. Wer eine Sechs gewürfelt hatte musste anfangen nur mit dem Besteck die Tafel Schokolade zu öffnen. Wenn aber die nächste Sechs fiel musste die Schokolade an das nächste Mädchen weitergegeben werden. Auch wenn die Tafel Schokolade nun ausgepackt war, kam man noch lange nicht zum essen, denn es sollten ja die einzelnen Rippen eben nur mit Messer und Gabel geschnitten und zum Munde geführt werden. So verging der Nachmittag wie im Fluge und die Mädchen wurden von ihren Müttern oder Dienstmädchen abgeholt. Sabine musste dann ihr, in der Klavierstunde eingeübtes, Stück „Guten Abend, gute Nacht“ auf dem Klavier vorspielen.
Mich holte natürlich keiner ab! Und draußen regnete es! Sabine war aber an diesem Tage in bester Laune, sie nahm Schnappi und einen Schirm und begleitete mich nach Hause. Vor unserer Haustür aber sagte sie: „Ich will aber nicht alleine zurückgehen!“ – Also bin ich wieder mit Ihr zurück gegangen, unterwegs begegnete uns dann meine Schwester Helga und schloss sich uns an.
Bei Sabine angelangt standen wir nun ohne Schirm da. Also ging’s gemeinschaftlich wieder zurück. Da nahmen wir dann Mutters „Mohspritze“, wie wir ihren Schirm immer nannten und brachten unsere „Direx“-Tochter endgültig heim.
Vater hatte nun öfter seine Kopfhörer auf und bedeutete uns still zu sein, es seien wichtige Nachrichten.
Es käme wohl nun endlich ein Mann an die Regierung, der mit der Arbeitslosigkeit und den Reparationsverpflichtungen — was immer das auch war — Schluss machen wollte.
Ende Januar kannte die Freude meines Vaters keine Grenzen mehr und er berichtete von einem großen Fackelzug in Berlin der am 30. Januar 1933 statt fand, und dass nun alles ganz anders würde — und es wurde alles ganz anders:
Radiogerät mit Kopfhörern
