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Der renommierte Richter am Bundesgerichtshof, Dr. Ralf Eschenbach, schätzt in einem von ihm zur deutschen Strafjustiz verfassten Essay, dass rund 25 Prozent strafrechtlicher Urteile Unschuldige treffen. Niemand weiß, ob diese Aussage stimmt! Der ehemalige Rechtsanwalt Christian F. Schultze schildert in seinem Kriminalreport "Weißer Stein" einen Fall, in welchem er nicht das Urteil, sondern die Arbeit der Ermittlungsorgane und das Verhalten der Medien als skandalös beurteilt. Noch nie hatte es in seiner Heimat, der Oberlausitz, einen derartigen Mordprozess ohne Leiche gegeben! Wer wissen will, wie es kurz nach der so genannten Wende mit Kriminalität, Korruption und Karrieren in Sachsen aufwärts ging, der lese dieses Buch!
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Christian Friedrich Schultze
Weißer Stein
Ein Oberlausitzer Mordprozess ohne Leiche
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
1. Weißer Stein
2. Hutchwiese
3. Jonasdorf
4. Granitschädel
5. Umgebindehäuser
6. Sommergäste
7. Gefühlswelten
8. Leichenhunde
9. Briefe
10. Intermezzi
1. Mordkomplott
12. Haft
13. Der Prozess
14. Schadensersatz
Epilog
Impressum neobooks
Weißer Stein
Ein Oberlausitzer Mordprozess ohne Leiche
von Christian F. Schultze
Impressum:
Texte: © copyrights bei Christian F. Schultze
Umschlaggestaltung: Christian F. Schultze
Verlag: Christian F. Schultze
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Inhaltsverzeichnis
Vorwort Seite 4
1. Weißer Stein Seite 7
2. Hutchwiese Seite 13
3. Jonasdorf Seite 19
4. Granitschädel Seite 25
5. Umgebindehäuser Seite 33
6. Sommergäste Seite 36
7. Gefühlswelten Seite 50
8. Leichenhunde Seite 69
9. Briefe Seite 95
10. Intermezzi Seite 110
11. Mordkomplott Seite 136
12. Haft Seite 204
13. Der Prozess Seite 232
14. Schadensersatz Seite 297
Epilog Seite 317
Inzwischen sind mehr als fünfundzwanzig Jahre vergangen, seitdem kurz nach der so genannten Wende aus dem schönen Kurort Jonsdorf im Zittauer Gebirge die damals 34-jährige Sonnhild I. spurlos verschwunden ist. Mehr als fünfzehn Jahre ist es her, seit in einem aufsehenerregenden Justizfall ihr damaliger Ehemann Peter des Mordes an seiner Frau angeklagt und freigesprochen wurde.
Es ist also genügend Zeit verstrichen, um ohne Schaden für die Beteiligten, von denen inzwischen auch einige verstorben sind, diese unglaubliche Geschichte in die Öffentlichkeit bringen und den Skandal anprangern zu können, der sich an dieser Familie vollzog. Denn was sich in den Jahren 2000 bis 2002 unter Federführung des jungen, besonders ehrgeizigen Zittauer Staatsanwaltes Matthieu um den Vermisstenfall Sonnhild I. abgespielt hat, passt nahtlos in die zahlreichen sächsischen Justizskandale, die den Freistaat seit der Wiedervereinigung erschüttert haben.
Im Zittauer Gebirge gibt es wenige Gehminuten oberhalb des gemutmaßten Tatorts einen Felsen mit dem Namen „Weißer Stein“. Viele Felsgebilde in Deutschland tragen diese Bezeichnung. Weiße Steine oder „Steine der Weisen“ waren seit jeher sagenumwoben, mystisch und geheimnisvoll. So verhält es sich am Ende auch mit diesem Fall, in dem niemand die Wahrheit herausbekommen hat. Weder die Ermittler der Kriminalpolizei noch das Görlitzer Schwurgericht haben sie finden können. Und auch der Autor dieses Berichtes kennt die Wahrheit nicht.
Aber er war einen nicht unbedeutenden Abschnitt seines Lebens mit diesem Fall verwoben, weil er einige Jahre der Grundstücksnachbar der Vermissten und des des Mordes Angeklagten sowie der zeitweilige Freund des Auslösers dieses Dramas gewesen ist. Der Autor schildert den Hergang dieses Oberlausitzer „Kriminalfalles ohne Beispiel“ daher allein aus seiner Perspektive, wobei alle aus dem ihm zur Verfügung stehenden fast 4000 Seiten umfassenden Prozessmaterial der so genannten Zweitakte des Gerichtes sowie die aus den Briefen und Zeitungsartikeln zitierten Passagen ohne Veränderungen ihrer Grammatik, Syntax und Orthografie übernommen und kursiv gedruckt wurden.
Selbst Oberlausitzer, möchte der Autor außerdem allen „Granitschädeln“, die die damaligen Wendewirren heil überstanden und in diesem Gerichtsfall eine Rolle gespielt haben, mit seinem Bericht ein kleines Denkmal setzen.
Der damalige Beschuldigte hat der Veröffentlichung der vorliegenden Fassung zugestimmt.
C. F. Schultze
Dresden, im August 2017
Das älteste Gestein der Oberlausitz, so behaupten es Geologen und Heimatforscher, sei nicht der Granit, sondern die so genannte Grauwacke; ein besonders verdichtetes Sedimentgestein aus dem Präkambrium, also vorgeblich ungefähr 545 Millionen Jahre alt. Diese Schicht wurde später von unserem Granitdiodorit überlagert und im Kambrium und Paläozoikum sei so die Oberlausitzer Granitplatte entstanden.
Doch die meisten geologischen Naturdenkmale, die unsere Heimat prägen, sind aus ganz anderem Material. Denn in der Kreidezeit drang vom Norden her ein gewaltiges Meer nach Süden vor und die Grauwackeschichten wurden deshalb zu großen Teilen von Sanden, Tonen und Schluffen zugedeckt. Nach dem Zurückweichen dieses Urmeeres im Mesozoikum entstand das mächtige Oberkreide-Sandsteingebiet, dessen hervorragendste Gebirgsstöcke in Mittelsachsen das Elbsandsteingebirge und an der Mittelneiße das Zittauer Gebirge sind. Doch damit war mit den gewaltigen tektonischen Veränderungen im Gebiet unserer Heimat noch lange nicht Schluss, erklären uns die Erdforscher weiter. Denn nun drückte im Süden des Kontinents die afrikanische Platte mit großer Gewalt gegen die eurasische und die Alpen wuchsen relativ schnell empor.
Unsere Granitplatte wurde ebenfalls einige hundert Meter angehoben und zum Teil auf die südliche Sandsteinscholle geschoben. Im Gefolge dieser gewaltigen Erdverschiebungen setzte eine starke vulkanische Tätigkeit ein und das Erdmagma drängte sich mit Urkräften durch die Brüche und den Kreidesandstein.
Im Tertiär, so haben die Geologen die Zeit vor ungefähr 65 Millionen Jahren benannt, veränderte heftiger Vulkanismus die Landschaften der Oberlausitz und Nordböhmens noch einmal von Grund auf. Es entstanden die Naturdenkmale der Oberlausitzer und nordböhmischen Landschaft. Der Kalksandstein wurde an einigen Stellen des neu entstehenden Gebirges gehärtet und mit Kieselsäure und Eisenoxiden durchsetzt. Die markanten Basalt- und Phonolithkegel, die „Blauen Steine“ entstanden, die man von den höchsten Gipfeln des Zittauer Gebirges, dem Hochwald und der Lausche, ringsum und bei guter Sicht bis tief hinein in den Süden ausmachen kann. Dafür senkte sich die Granitscholle nördlich dieser so genannten Lausitzer Störung wieder ab und im neu geformten Lausitzer Becken bildete sich eine Baum- und Sumpflandschaft herau. Daraus entstanden der in der Folgezeit die mächtigen Braunkohleflöze diesseits und jenseits der Neiße bis hinein in die Niederlausitz. Danach kamen die neueren Eiszeiten, die unter einigem Hin und Her, erdgeschichtlich gesehen bis vor kurzem, also ungefähr bis vor zehntausend Jahren, unsere Heimat bedeckten und manchen riesigen Findling hinterließen.
All dies interessierte mich als Knabe nicht im Geringsten. Wie die Verschiedenartigkeit und Vielfalt der geologischen Formationen am Jonsberg, besonders im Wald oberhalb der Hutungswiese, entstanden waren und wo sie herrührten, lernten wir erst mit den Jahren. Wichtig für uns war allein, dass sich die geheimnisvollen Steingebilde, Felsen und Höhlen hervorragend für unsere Ritter- und Karl-May-Spiele eigneten
Am nächsten zum Haus unserer Großmutter lag mitten im Wald der Ochsenstein, ein riesiger, von der Eiszeit herrührender, gerundeter Granitfindling am unteren Auslauf des Berghanges, dessen Besteigung besondere Hilfsmittel und Techniken erforderte. Waren wir einmal oben, fühlten wir uns wie die früheren Herren des Oybins. Damals existierte ein ganzes Stück weiter oben, nahe an der mittleren Jonsbergstraße, auch noch der „Trockelstein“. Hier gab es wundervoll durchklüftete, bröckelnde Kletterwände, deren Erklimmung leicht, aber mit nicht unerheblichen Gefahren verbunden war, deren wir uns jedoch nie bewusst waren. Wenige Jahre nach der so genannten Wende brach dieser Felsen vollkommen in sich zusammen und zeigt sich heute nur noch als ein ungewöhnlich großer Steinhaufen mitten im Walde.
Doch der wichtigste Spielort für uns war und blieb der „Weiße Stein“, nur eine halbe Stunde den Berg hinauf von der Niederjonsdorfer Siedlung entfernt. Dieses Felskonglomerat aus stark verkieseltem, gleichsam gesinterten, hell leuchtendem Kalksandstein begrenzt die Nordostflanke des Jonsberges und ragt hoch und bereits vom Bertsdorfer Bahnhof aus gut sichtbar über den darunter liegenden Wald heraus. Von hier oben hat man einen wunderbaren Ausblick in Richtung des Zittauer Beckens bis zum dahinter schwach leuchtenden Isergebirge im Nordosten und in das Oberlausitzer Hügelland im Nordwesten. Im Südosten schneidet der Ameisenberg die Sicht in das Oybiner Tal ab und im Südwesten liegt der lange bewaldete Rücken des Jonsberges, dessen lieblicher Gipfel in weniger als einer Stunde, immer leicht aufwärts wandernd, erreicht werden kann.
Am Anfang des Weges kann man am Kuhstein den alles überragenden Hochwald über die anderen Erhebungen hervorlugen sehen. Zwischen Ameisenberg und „Weißem Stein“ führt unten, in der bewaldeten, wasserreichen Senke, ein Teil der alten Leipaer Straße in Richtung Süden. Nach Nordosten und Nordwesten fällt der Feslen steil ab. Seine Nordwestwand musste für unsere Kletterspiele die Matterhorn-Ostwand hergeben. Schließlich war vor kurzem der Film „Der Berg ruft“ mit Louis Trenker in unseren Kinos gelaufen. Das bewirkte neue Aufgaben für unsere Jungensbande!
Besonderen Mut aber erforderte die Besteigung der „Wackelnden Henne“, eine etwas unterhalb der Nordostwand freistehende, schmal aufragende Formation, deren abschließender, locker obenauf liegender Monolith mit angestrengtem Kraftaufwand zweier Jungs von uns um einige Zentimeter zum Wackeln gebracht werden konnte. Doch so sehr wir uns auch in unserer Unbedachtheit bemühten, wir haben den losen Kopf der Henne nie zum Absturz bringen können. Dieser „Vorgipfel“ steht heute noch inmitten der riesigen Geröllhalde aus Steinblöcken, die sich unterhalb des „Weißen Steins“ im Laufe der letzten Jahrhunderte gebildet hat.
Kuhstein, Schildkröte, Krokodil, das sind die Fantasienamen der bekanntesten felsigen Gebilde, die das Areal um das Plateau des „Weißen Steins“ zieren. Es sind weniger, als der Berg Töpfer oder die Felsenstadt des Ameisenberges besitzen. Bereits als Kinder hatten wir viele der riesigen Steinblöcke und Höhlen am „Weißen Stein“ für uns erobert und wähnten uns deshalb lange Zeit in ihrem ungeteilten Besitz. Doch obwohl wir zahlreiche von ihnen kannten und manche sogar mit eigenen Fantasienamen belegt hatten, wussten wir, dass es noch viel mehr davon und ganz verborgene gab, die wir noch nicht entdeckt hatten.
Der „Weiße Stein“ blieb deshalb für uns Kinder und auch noch später teilweise ein geheimnisvoller, an manchen Stellen sogar ein unheimlicher Ort.
Wir kannten ihn schon lange, bevor er unter Anklage gestellt wurde.
Im April 1982 war Peter I. mit seiner frisch angetrauten Frau in das Haus unterhalb unseres Grundstückes „An der Hutungswiese“ eingezogen, zehn Jahre, bevor die Geschichte, die hier erzählt werden soll, ihren Anfang nahm. Alle in der Siedlung hatten sich über den ungewöhnlichen Vornamen der dunkeläugigen und zurückhaltenden Frau mit den schulterlangen, braunen Haaren, die mit ihm gekommen war, gewundert: Sonnhild.
Das Grundstück mit dem großen Umgebindehaus reichte bis zum unbeschrankten Bahnübergang, über welchen der schmale Zufahrtsweg, der am Hotel Jonashof von der Hauptstraße des Niederdorfes abzweigt, über die Kleinbahntrasse hinauf zum Seniorenheim führt. Das Paar hatte es von dem „nach dem Westen“ gegangenen Herbert T. gekauft. Dieser hatte es wiederum von einer guten Bekannten unserer Großmutter, Frau Ilse S., übernommen. Auf diese Weise waren unsere Familien Nachbarn geworden, wenn auch getrennt durch die Bahngleise der Schmalspurbahn.
Unser Anwesen, welches oberhalb des Bahnkörpers lag, hatten wir nach dem Tod unserer Mutter im Herbst 1985 übernommen; besser gesagt, übernehmen müssen. Denn wir lebten in jener Zeit im Osten des geteilten Berlin, der Hauptstadt der so genannten DDR, rund dreihundert Straßenkilometer oder sechs Stunden Zugfahrt entfernt von Jonsdorf im Zittauer Gebirge, dem kleinsten Mittelgebirge Deutschlands. Damals bedeutete das eine weit längere Reise als heute, selbst wenn man mit dem Auto fuhr, weil die Autobahn A 4, welche von Dresden über Görlitz nach Breslau führt, in jenen Jahren teilweise zerstört und ab Bautzen gänzlich gesperrt war.
Einst hatte dieses Flurstück Nr. 11 von Altjonsdorf, wie diese Ansiedlung im 19. Jahrhundert im Amtsdeutsch korrekt bezeichnet wurde, unser Urgroßvater Gustav Andreas Kober erworben. Das Wohnhaus war ein so genanntes „Umgebindehaus“, wie fast alle Häuser, die damals auf der Hutungswiese, wie in der gesamten Oberlausitz und im Böhmischen, errichtet wurden. Neujonsdorf liegt rund zwei Kilometer weiter das Tal des Grundbaches hinauf und bildet seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Zentrum des Dorfes. Zimmermann und Bienenzüchter Kober hatte das geräumige Haus mit der großen "Abseite" sowie die weite, leicht abschüssige Streuobstwiese von seiner verwitweten Mutter Emilie Auguste, geborenen Helle, im Jahre 1889 für ganze sechshundertfünfundsiebzig Reichsmark gekauft. So steht es, in gestochen akkurater Sütterlin-Handschrift, im vom Königlich-Sächsischen Amtsgericht zu Zittau genehmigten Kaufbrief geschrieben.
Die Siedlungshäuser der Hutungswiese erstrecken sich entlang der beiden Fließe des „Kalten Borns“, welcher, wie viele Wasser des Zittauer Gebirges, am Rand der Lausitzer Überschiebung hervorquillt und sich unten im Tal in den Bach ergießt, welcher weit oben im Ort nahe der heutigen tschechischen Grenze entspringt. Sie liegen unregelmäßig über den weiten Hang bis hinunter zum Weiler Hänischmühe verstreut, wo dieses Gewässer zusammen mit dem des Grundbaches, der in früherer Zeit auch „Jonsdorfer Wasser“ genannt wurde, die Grundlage für die Leinwandbleichereien bildete, welche sich Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen mit der Leinweberei in der ganzen Gegend rasant entwickelten.
Wenig später hatte man ganz oben, direkt am Waldrand, unmittelbar neben der Hauptquelle des Borns unter den Trögelsteinen, das Genesungshaus erbaut, welches wegen der damals besonders guten Luft des Ortes als TBC-Kurheim fungierte. Es war der erste Ziegelbau der Siedlung. Das große Objekt existiert heute noch, wurde nach der so genannten Wende renoviert und zu einem Seniorenheim des Deutschen Roten Kreuzes erweitert und umgestaltet.
Martha Helene Hauptmann, geborene Kober, unsere Großmutter, ererbte das Hausgrundstück von ihrer verwitweten Mutter Anna Kober, der Frau des Zimmermanns. Wie in dem Grundbuch verzeichnet ist, wurde sie am 6. Mai 1946 als Eigentümerin eingetragen. Das war ziemlich genau ein Jahr, nachdem die gegen Nazideutschland siegreichen Russen ihren lungenkranken, pazifistischen Ehemann, Grundschullehrer und Nazihasser Paul Hauptmann verschleppt hatten. Die russischen Politoffiziere verwechselten dessen ungewöhnlichen Familiennamen mit einem militärischen Rang. Wenige Wochen danach soll er unweit von Liegnitz in Niederschlesien, nur sechzig Kilometer vom Geburtsort seines berühmten Namensvetters und Literaturnobelpreisträgers entfernt, in einem Internierungslager gestorben sein. Niemand konnte uns bis heute etwas über die näheren Umstände seines Todes und den Verbleib seiner Leiche mitteilen. Wie wir aber zuverlässig herausgefunden haben, war Paul Hauptmann mit Gerhart Hauptmann aus Obersalzbrunn bei Waldenburg, dem heutigen polnischen Wałbrzych, welcher das Leid der schlesischen Leineweber des 19. Jahrhunderts in seinem berühmten Drama „Die Weber“ der ganzen Welt nahegebracht hatte, weder verwandt noch verschwägert.
Mit dem Tod der Großmutter am 29. Januar 1960 ging das Grundstück in das Eigentum unserer Mutter Brigitta, geborenen Hauptmann, über. Im Jahre 1967 wurde es geteilt und die obere Hälfte mitsamt Wohnhaus an die Eheleute W. verkauft, mit denen es in der Folge jahrelangen Streit wegen vorgeblicher Verletzung von Nachbarschaftsrechten gab. Übrig blieb der lediglich mit einer Holzlaube und Kobers Bienenhaus bebaute untere Wiesenteil mit Obststräuchern, Kirsch- und Apfelbäumen, welcher südlich an die Bahnschienen grenzte. Noch zu Lebzeiten unserer Mutter wurde nun dieses Stück Land an mich überschrieben.
Wahrscheinlich waren es die starke Quelle, direkt am Waldrand der nördlichen Flanke des Berges, sowie die weiten Wiesen ins Tal hinab gewesen, die den Laienbruder Jonas Anfang des 16. Jahrhunderts bewogen haben mochten, der Herrschaft der Oybiner Cölestinermönche das Privileg abzuringen, seine Schafe dort weiden und ein Vorwerk errichten zu dürfen. In jener Zeit waren die Mönche des Klosters Oybin die Besitzer der Fluren des Zittauer Gebirges. Der später nach dem Schäfer benannte Berg grenzt die engen Täler zwischen Ameisenberg und Oybin von den nördlichen Ausläufern des Zittauer Gebirges, vom Zittauer Becken und vom Einschnitt des langgezogenen Bertsdorfer Tales ab. In Oberlausitzer Mundart handelt es sich bei diesem Hang seit jeher um die „Hutchwiese“.
In dieser Zeit der Mönche und Schäfer herrschte in Wien der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Maximilian II.. Bereits zweihundert Jahre vorher war die Burganlage auf dem Berg Oybin errichtet worden, welche, solange ich denken kann, der stärkste Touristenmagnet im gleichnamigen Ort des Zittauer Gebirges ist. Diese Festung hatte der Ritter Heinrich von Leipa zum Schutz der alten, nach ihm benannten Handelsstraße bauen lassen. Der mittelalterliche Handelsweg, der auf einigen Abschnitten heute noch bewandert werden kann, führte damals von Görlitz und der in dieser altehrwürdigen Stadt die Neiße überquerenden berühmten „Via Regia“ über Zittau durch das Zittauer Gebirge hindurch bis nach Böhmisch Leipa und von dort weiter bis nach Prag, der damaligen Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Diese Straße war bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Hauptverkehrsweg zwischen Zittau und den nordböhmischen Städten gewesen. Auf diese Weise waren Böhmen und die Reichshauptstadt mit den Häfen der Ostsee und der „Hohen Königsstraße“ verbunden.
Der Hauptstrang der „Königsstraße“ hatte sich im achten oder neunten Jahrhundert rund viertausend Kilometer lang von Santiago de Compostela, im spanischen Königreich Galizien, bis zur Hauptstadt des Kiewer Rus entwickelt. In Deutschland teilte sich dieser hoch frequentierte Handelsweg an der Kaiserstadt Aachen. Die „Untere Straße“ führte über Frankfurt am Main, Erfurt, Chemnitz und Dresden nach Görlitz weiter, wogegen die obere nach Nordosten abzweigte und über Naumburg, Leipzig und Bautzen an die Neißefurt gelangte, wo sich beide Routen wieder vereinten.
Im Jahr 1346 hatten die Laipaer Herrscher ihre Oybiner Burg an die böhmische Krone verloren und 1364 begann Kaiser Karl der IV. auf dem merkwürdigen, einem steinernen Bienenstock gleichenden, Berg Oybin dazu sein Kaiserhauszu errichten. Es heißt, dass er diesen damals recht abgeschiedenen und noch heute romantischen Platz, gegenüber dem das Tal beherrschenden Hochwald, als seinen Altersruhesitz nutzen wollte. Unter Mitwirkung der berühmten Prager Dombauhütte der Familie Parler begann man zwei Jahre später auch mit dem Bau der heute noch in ihren Grundfesten und mit hoch hinaufstrebenden Pfeilern zu bewundernden gotischen Kirche. Sie wurde 1384 fertiggestellt. Doch nur wenige Jahre später zwangen die damaligen Weltläufte den Kaiser dazu, Burg und Kirche seines einstmals auserkorenen Juwels dem Orden der Cölestiner, einer Unterabteilung des Benidiktinerordens, zu widmen. Die Mönche gestalteten die ganze Anlage im Verlaufe des folgenden Jahrhunderts mit viel Fleiß und Können zu einem der bedeutendsten Klöster der Gegend um.
Am 14. Mai 1562 wurde Maximilian in Prag zum König von Böhmen gekrönt. Ein Jahr später ernannte man ihn in Preßburg, der heutigen slowakischen Hauptstadt Bratislawa, zum König von Ungarn und Kroatien. Und am 25. Juli 1564 folgte er seinem Vater Ferdinand I. auf den Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Auf diese Weise gehörte die Oberlausitz, die man seinerzeit „das ganze Buddissiner Land“ nannte und welche lange Jahrhunderte im Besitz der Könige von Böhmen war, bereits schon einmal zu einem Deutschen Reich mit einer gesamteuropäischen Prägung.
Alle diese Ereignisse und Daten mochten dem einfachen Schäfer und Mönch Jonas vielleicht gar nicht bekannt gewesen sein. Doch mit seiner Erlaubnis zur Schafzucht am „Kalten Born“ und den darunter liegenden weiten Wiesen, welches ihm die Cölestiner gewährt hatten, war er schließlich zum Namensgeber sowohl des Berges als auch des Fleckens geworden. Wenig später, nachdem der Prior der Klosterbrüder dieses Privileg erteilt hatte, durften zunächst zehn Siedler ihr dauerhaftes Domizil auf der „Hutchwiese“ einrichten. Sie nannten den Ort „Jonasdorf“. Wenig später erwarb die Stadt Zittau den Berg und das Kloster Oybin und kam damit auch in den Besitz dieses Fleckens.
Doch es war nicht die Schafzucht gewesen, welche damals eine Handvoll Zittauer Bürger in diese bergige Region gelockt hatte. Der zuständige Ortsrichter Hans hatte bei seinen Streifzügen durch das Gebirge mithilfe seiner Söhne Georg und David entdeckt, dass es in den südlichen Felsenstädten einen ganz einzigartigen Sandstein gab, der hervorragend zur Herstellung von Mühlsteinen geeignet war. Diese zerklüftete Felsengruppe war unter dem Namen „Rabensteine“ bekannt. Einer seiner Abkömmlinge, Hieronymus Richter, pachtete um 1580 von der Stadt Zittau den ersten Steinbruch an der „Bärwand“ für ganze zehn Taler Jahreszins. Fortan nannte man das Gebiet nur noch die Mühlsteinbrüche. Binnen kurzer Zeit entstand in Neujonsdorf eine bedeutende Mühlsteinmanufaktur, die bald ihre Erzeugnisse bis nach Holland, Russland und in andere Länder exportierte. Wenig später folgten den Steinbrechern, wie in fast allen Orten der Oberlausitz, in Nordböhmen und Niederschlesien, die Leineweber, die für ebenso viel harte Arbeit ebenso wenig Brot erhielten.
An der „Hutchwiese“ entwickelte sich die Altjonsdorfer Siedlung abwärts des „Kalten Borns“ ebenfalls weiter. Heute wird dieser Ortsteil von den Einheimischen auch Niederjonsdorf genannt. Das notwendige Trinkwasser bezogen die Altjonsdorfer von der starken Quelle, die bereits den Schäfer Jonas hergelockt hatte. Von diesem ergiebigen Brunnen aus entwickelten sie in zwei durch die Ansiedlung führenden Gräben ein "Tümpfe"-System mit dem zugehörigen Nutzungsregime, welches alle diese Grundstücke bis heute mit frischem und gutem Wasser versorgt. Die Wasserlöcher in ihren Grundstücken nennen die Oberlausitzer „Tump“
Das für die Leinwandbleicherei so hervorragend geeignete weiche Wasser floss dermaßen reichlich, dass es für anderthalb Jahrhunderte die zahlreichen Bleichen des Weilers „Hänischmühe“, der größten und berühmtesten unter ihnen, versorgte. Die Ortschronik von Bertsdorf, zu dem die Bleichefluren bis heute gehören, berichtet hierzu: „Bei der oberen Mühle vereinigt sich dasselbe (der Grundbach, d. Autor) mit dem in Oberaltjonsdorf aus mehreren Quellen entstehenden ´Jonsdorfer Wasser´, welcher Bach schon im Orte des Entstehens drei Mühlen und einige Zwistmaschinen, sowie Walke und Mangel einer Bleicherei in Bewegung setzt; gleiches vollzieht sich an den Mühlen im freundlichen Bleicherdörfchen ´Hänischmühe´, wo er auch als Hülfsmittel zu dem blühenden Bleichergeschäfte nebst den durch J. G. Hänisch´s unermüdlichen Eifer aus dem Walde in Röhren geleiteten Quellwassern benützt wird.“
„Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess’ ich nimmer.“ Diesen Merksatz über unser heimatliches Urgestein, den Granodiorit, mussten wir schon als Grundschüler im Heimatkundeunterricht lernen.
Die Geologen berichten uns, dass sich von jenseits des Ostufers der Elbe, von den Radebeuler Lößhängen, an denen die berühmten Meißner Weine gedeihen, bis weit nach Osten und ans Zittauer Gebirge heran, eine mehrfach geschichtete Granitplatte erstreckt, die das Fundament der Oberlausitz bildet. Bereits am Einfallstor zu dieser ostsächsischen Region, am Pass des Hochsteins, über den die Autobahn A 4 auf den Gefilden der „Unteren Straße“ der „Via Regia“ hinein in die Oberlausitz, das Budissiner Land, führt, kann man auf allen Berggipfeln bizarre granitene Felsformationen bewundern, die die letzte Eiszeit unberührt gelassen hat. Zahlreiche, meist verlassene Trichter- und Stufensteinbrüche, viele bereits im Mittelalter begonnen, markieren das einstige slawische „Milzenerland“ und die spätere böhmische Provinz jenseits der Elbe bis zur Neiße.
Wer jemals solch einen Steinbruch etwas ausführlicher besichtigt hat, kann den archaischen Eindruck menschlicher Arbeitsqual, den eine solche Anlage vermittelt, nicht mehr vergessen: Seit Jahrhunderten schlagen Steinbrecher, Steinhauer und Steinmetzen tagein, tagaus den Lausitzer Granit, diesen überwiegend grauen, grobkristallinen Granodiodorit, aus der Lausitzer Platte heraus und formen ihn anschließend zu Quadern, großen und kleineren Pflastersteinen, Simsen, Stufen, Trägern, Trögen und Säulen, oder gar zu verschiedensten künstlerischen Skulpturen, wie es die zahlreichen in- und ausländischen Auftraggeber wünschen. Kälte und Hitze, Regen und Sturm, Staub und Lärm, brütenden Sommern und eisigen Wintern trotzend, hockten die Tagelöhner bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts unter den nach vorn offenen Schuppen mit ihren ausladenden Schleppdächern, arbeiteten sich, nur kargen Lohn empfangend, bis zur Erschöpfung und ohne ausreichenden Schutz vor dem tödlichen Siliziumstaub ab, damit der begehrte, extraharte Stein in alle Welt exportiert werden konnte. Diese erbarmungslose Arbeitstradition, die in den Sandsteinbrüchen des Neujonsdorfer Rabengebirges ihre Entsprechung fand, schmiedete in den Jahrhunderten einen Menschenschlag, der als „Oberlausitzer Granitschädel“ in das ethnologische Schrifttum Eingang gefunden hat. Neben dem Granit sind es noch die Umgebindehäuser und der eigentümliche, das „R“ im Gaumen rollende, Dialekt mit seinen vielen, teilweise vollkommen fremdländisch klingenden Begriffen, der diesen Landstrich im Besonderen prägt.
Außer den Steinbrechern und den mit ihnen verbundenen Handwerkern waren es im späten Mittelalter die Bauern, die der Ackerkrume des Ostens, welche die Granitplatte bedeckt, ihre Früchte abtrotzten. Und da außer Getreide und Kartoffeln hier auch der Lein gedieh, begannen sie mit ihren Frauen und Mägden in den langen Wintern mit der Oberlausitzer Leineweberei, dem eigentlichen späteren gewerblichen Markenkern der Region. In Jonsdorf und in Großschönau kann man in liebevoll hergerichteten Museen vieles über die Entwicklung dieses Industriezweiges und des Leinwandstoffes lernen.
Peter I. entstammt einem solchen Geschlecht. Er war im Frühjahr 1982, ein Jahr nach ihrer Heirat, zusammen mit seiner Frau Sonnhild nach Niederjonsdorf in das Haus auf der „Huchtswiese“ eingezogen.
Am 11. Juni 1957 war er als Sohn des Schlossers Joachim Reinhard I. und dessen Ehefrau Elfriede in der damals noch existierenden Geburtsklinik in Großschönau geboren worden. Er war das zweitälteste Kind der Familie, aber der einzige Junge. Zusammen mit seinen drei Schwestern und seinen Eltern verbrachte er seine Kindheit auf dem großen Vierseithof seiner Großeltern Max und Anna I. des schönen Oberlausitzer ehemaligen Waldhufendorfes Bertsdorf. Die Fluren des Ortes reichten südwärts bis hinauf zur „Colonie Hänisch Mühe“ und ostwärts bis hinunter zur inzwischen eingemeindeten Hörnitz. Die hofeigenen Felder befanden sich unterhalb des Breiteberges.
Von klein auf wurden die Kinder in die Arbeit auf dem Hof mit einbezogen. Der Junge sah seinem Vater oft bei den ständig anfallenden Schlosserarbeiten an den landwirtschaftlichen Maschinen und Gerätschaften zu. Bald war er in der Lage, selber kleinere Arbeiten auszuführen. Von Anfang an stand für ihn fest, er würde genauso Schlosser werden wie sein Vater. Doch auch bei den Arbeiten auf dem Feld, in den Scheunen und im Stall mussten die Kinder stets mit zupacken. Zwar war diese Bauernwirtschaft Anfang der sechziger Jahre, wie alle freien Bauernhöfe, in die „sozialistische“ Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) „Breiteberg“ eingegliedert worden, doch Kinderarbeit war deswegen keineswegs untersagt. Kartoffellesen, Heumachen, Stroheinbringen, Mistkarren, Steinelesen, Viehfüttern und viele andere Tätigkeiten, die auf einem Bauernhof anfallen, wurden unter Anleitung der Großeltern oder des Vaters auch von den Kindern mit erledigt. Aber die liebste Beschäftigung des Jungen war, noch bevor er 1964 in die Grundschule von Bertsdorf eingeschult wurde, das Treckerfahren.
Schule freilich war Peters Ding nicht. Seine diesbezüglichen Leistungen blieben überwiegend mangelhaft. Einerseits mag dies dadurch begründet gewesen sein, dass er während der ganzen Jahres, außer im Winter, nachmittags stets auf dem Hof zu tun hatte, anderseits interessierten ihn die diversen Fächer des Schulunterrichts nur wenig. Bis auf das Rechnen! Rechnen und kalkulieren konnte er von Anfang an sehr gut. Dennoch war er nicht zu bewegen, nach dem Grundschulabschluss noch die Mittelschule zu besuchen. Viel mehr interessierte ihn eine Lehrstelle als Schlosser, die er im Herbst 1972 im Ausbesserungswerk der Reichsbahn in Zittau antrat. Dort blieb er bis zur Einbeziehung zur Nationalen Volksarmee der DDR, wo er nach der Grundausbildung zum Artilleristen gemacht wurde. Seine Armeezeit verbrachte er, nachdem er verschiedene Führerscheine für Krad, PKW und LKW erworben hatte, als Sankra-Fahrer. Danach ging er zu den berühmten Zittauer Robur-Werken als Betriebsschlosser.
In jener Zeit traf Peter I. seine Sonnhild. Schon als Lehrling war er hin und wieder auf diversen Dorf-Schwofen gewesen, welche sonnabends in Bertsdorf und umliegenden Orten in den größeren Gaststätten stattfanden. Diese Tanzlokale heißen in der Oberlausitz oftmals „Kretscham“, abgeleitet von dem slawischen Wort Karczam, was so viel wie Gericht bedeutet. Sie waren in früherer Zeit zugleich Sitz des mit der Schankgerechtigkeit ausgestatteten Schultheißen und Gerichtsort des Dorfgerichts (Gerichtskretscham). Besonders in der Faschingszeit und nach der Erntezeit fanden vermehrt verschiedene Dorffeste statt, deren bekanntestes das „Dorfbüschelfest“ in Mittelherwigsdorf war.
Eines Tages, im Februar 1980, war es dann soweit: Während eines Faschingsballs in Großschönau lernte Peter I. Sonnhild S. aus Ditteldorf bei Hirschfelde kennen und verliebte sich in sie. Als er sie das erste Mal dort besuchen wollte, gab es einen kleinen Zwischenfall: Er suchte Sonnhild in der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße in Hirschfelde, anstatt in Dittelsdorf, weil er bei der Adressenübermittlung unaufmerksam gewesen war. In dem kleinen Ort an der Neiße mit dem großen Kraftwerk kannte man die junge Frau jedoch nicht. Sein Pech war, dass es in beiden Ortschaften eine Straße gab, die nach dem Widerstandskämpfer und ersten Ministerpräsidenten Sachsens nach 1945 benannt ist, welcher wegen dauernder Zerwürfnisse mit den Sowjets und den sächsischen Kommunisten einen plötzlichen und bis heute ungeklärten Tod fand.
Sie kamen dennoch bald zusammen – und wie! Denn obwohl oder weil Sonnhild von ihren kirchlichen Eltern sehr streng und religiös erzogen worden war und auch am Gemeindeleben der Landeskirchlichen Gemeinschaft ihres Heimatdorfes regen Anteil nahm, wurde sie alsbald schwanger und es musste geheiratet werden. Alleinerziehende Mütter waren damals selbst in der sich „sozialistisch“ bezeichnenden DDR noch nicht in Mode...
Peter war nicht besonders religiös, beugte sich aber seiner Sonnhild und der Tradition der Familie zuliebe und begab sich nach der Hochzeit unverzüglich auf Wohnungssuche; damals ein schwieriges Unterfangen für junge Paare. Währenddessen wohnten sie getrennt, jeweils in ihren Elternhäusern
Von einem Arbeitskollegen erfuhr Peter, dass auf der „Hutchwiese“ in Niederjonsdorf ein Haus zum Verkauf stünde. Unverzüglich machte er sich auf, dieses Anwesen zu erwerben und hatte Erfolg. Wenig später zog das junge Paar in das Erdgeschoss des Umgebindehauses ein.
Am Anfang wohnten sie einigermaßen beengt in der unteren Etage des Hauses, weil sich die schon betagten Eigentümerinnen, die Schwestern S., ein Wohnrecht in den oberen Etagen ausbedungen hatten, bis ein Platz für sie im Olbersdorfer Altenheim frei würde.
Das dauerte noch mehr als zwei Jahre.
Die Oberlausitz ist bis hinein nach Niederschlesien und Nordböhmen ein so genanntes Flächendenkmal für „Umgebindehäuser.“
Ein solches Umgebindehaus ist eine Kombination aus slawischem Blockhaus und fränkischem Fachwerkhaus, wie sie in der wechselvollen Geschichte der Besiedelung der ostelbischen, ursprünglich slawisch bewohnten Gebiete durch die Ostexpansion des feudalen deutschen Staates zwischen dem dreizehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden sind. Auf der einen Seite des Erdgeschosses befindet sich die Blockstube und auf der anderen das Gewölbe aus Lausitzer Granit oder Zittauer Sandstein. Darauf wird ein Stockwerk in Balkenfachwerk-Bauweise aufgesetzt, dessen Zwischenräume mit spezieller Lehm-Strohhäcksel-Füllung, bewehrt durch ein lockeres Reisiggeflecht, ausgefüllt sind. Sowohl die Blockstube als auch die oberen Räume sind dadurch gegen Kälte und Hitze gut isoliert. Damit das untere Stockwerk durch die Last der oberen Etage und des Dachstuhles nicht zusammenbricht, erfand man das "Umgebinde", ein um die Blockstube herumgebautes Ständersystem, welches den fränkischen Überbau problemlos trägt.
Innen sind die Räume oftmals mit Holzpaneel hübsch verkleidet, was obendrein eine weitere Dämmschicht ergibt. Später ging man dazu über, auch die obere Fachwerketage außen mit Holzpaneel oder Schiefer zu beplanken. Wenn man will, kann man die Blockstube vollständig aus dem „Umgebinde“ herausnehmen, ohne das übrige Bauwerk in Mitleidenschaft zu ziehen. Die heutigen Sanierer nutzen diese Möglichkeit, wenn die Balkenlagen der Blockstube verrottet sind und ersetzt werden müssen. Viele „Oberlausitzer Granitschädel“, aber auch verständige nach der Wende Zugewanderte, haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten der Pflege dieses architektonischen Flächendenkmals verschrieben und mehrere hundert Umgebindehäuser sowie einige bäuerliche Drei- und Vierseithöfe liebevoll restauriert.
Als Ausgang des Mittelalters die germanische Unterwanderung der slawischen Gebiete östlich der Elbe begann, wurden derartige Häuser oft in die Nähe eines kleinen Wasserloches, welche die Oberlausitzer, wie bereits erwähnt, "Tump" nennen, manchmal sogar direkt über einer solchen Quellgrube, errichtet. In dem Fall erhielt das Bauwerk unter dem gegenüber der Blockstube gemauerten Kreuzgewölbe des Erdgeschosses ein zusätzliches Kellergewölbe. Auch das neue Heim Peter I.s besaß solch einen unterirdischen Raum. Im Jahr 2000 erregte dieser das ganz besondere Interesse der Ermittlungsbeamten um Staatsanwalt Sebastian Matthieu aus Zittau.
Vor dem Zweiten Weltkrieg bildete der Fluss Queis, die heutige polnische Kwisa, die Grenze der seit 1815 in eine preußische und eine sächsische geteilten Oberlausitz zu Schlesien. Somit gehörten auch die nördlichen Züge des Isergebirges mit den Ortschaften zwischen der Oberlausitzer Neiße und diesem kleinen Grenzfluss zur Oberlausitz. Ebenso die Dörfer und Städtchen entlang dieses Flüsschens, welcher, wie die Neiße, in mehreren Quellbächen am Hohen Iserkamm entspringt.
Nicht nur in den Tälern und an den Hängen des Zittauer Gebirges, sondern auch an den Wasserläufen des Sudetengebirges, hatten sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts einige Kurorte entwickelt, die von den Bewohnern der größeren westlich und nördlich gelegenen Städte Sachsen und Preußens gerne zur „Sommerfrische“ aufgesucht wurden. Sowohl die gute Luft als auch die bergige, wunderschön bewaldete Landschaft hatten es den Erholungssuchenden angetan. An den Ufern des Queis, in Bad Flinsberg und Bad Schwarzbach, hatte man sogar heilende Quellen gefunden. Und im Zittauer Gebirge, mit seinen bizzaren Felsformationen und markanten Bergen, wie Lausche, Hochwald, Oybin und Jonsberg, durften sich die Ortschaften Lückendorf, Oybin, Waltersdorf und Jonsdorf fortan als Luftkurorte bezeichnen. Besonders in den Sommermonaten machten die Liebhaber dieser abwechslungsreichen Mittelgebirgslandschaft und der bizarren Formationen des maritimen Kalksandsteins hier in Scharen Urlaub. Deshalb wurden sie „Sommergäste“ genannt.
1945, nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur, änderte sich alles. Die Oberlausitzer Region östlich von Neiße und Oder, Schlesien und das Sudetenland, wurden polnisch. Das Riesengebirge, dort, wo in fast tausendvierhundert Metern Höhe zwischen Kesselkoppe und Reifträger die Elbe entspringt, wurde entlang seines Kammes geteilt und mit seinem südlichen Teil der Tschechoslowakei, mit dem nördlichen der Volksrepublik Polen zugeschlagen.
In den Jahren nach den Krieg war es für Deutsche schwierig, in diese ehemals deutschen Ostgebiete zu gelangen. Die nach Kriegsende überwiegend aus dem Osten Polens und der Slowakei angesiedelten Menschen waren äußerst misstrauisch allen Deutschen gegenüber und glaubten noch bis zur Wiedervereinigung und dem zwischen den vier Siegermächten USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien im Rahmen der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen abgeschlossenen Friedensvertrag an eine Rückkehr der Vertriebenen. Das Erholungs- und Kurwesen war in allen drei Ländern dieses neu entstandenen Dreiländerecks vollständig zusammengebrochen. Erst Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts begann sich im Zittauer Gebirge, organisiert vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, der Einheitsgewerkschaft der Deutschen Demokratischen Republik, erneut ein Ferienwesen zu entwickeln.
Viele Häusler des Kurortes Jonsdorf richteten daraufhin so genannte Fremdenzimmer ein. Auch auf der „Hutchwiese“ besaß fast jedes Haus ein oder zwei Ferienzimmer, nicht vergleichbar mit den heutigen Ferienwohnungen, aber, garantiert von der Vermittlung des DDR-FDGB, allzeit gut belegt.
