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Erstmals wird eine Dreierbiographie der wichtigsten Personen der deutschen Geschichte 1914-1945 vorgestellt. Das Mit- und Gegeneinander Ludendorffs, von Hindenburgs und Hitlers wird in drei Zweierbeziehungen wissenschaftlich analysiert: -Generale Ludendorff und von Hindenburg 1914-1918 -Putschisten Ludendorff und Hitler 1920-1925 -Staatenlenker von Hindenburg und Hitler 1925-1934 Der weitere Blick führt zu wesentlichen neuen Erkenntnissen: - Ludendorffs Wirken wird nach wie vor stark unterschätzt. Sein Einfluß auf Hitler war größer als bisher selbst von Ian Kershaw angenommen. - Das von Wolfram Pytas Biographie geprägte aktuelle Hindenburg-Bild muß korrigiert werden. -Die Einzelereignisse Burgfrieden, Kaisersturz, Kapp-Putsch, Hitler-Putsch 1923 und Röhm-Putsch erfahren eine Neuinterpretation.
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Seitenzahl: 744
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Meinem Neffen Philipp gewidmet
Ohne die Nutzung der umfangreichen Bestände der Universitätsbibliothek Freiburg und der Hilfe ihrer Mitarbeiter wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Ein gleiches gilt für die Bundesarchive in Koblenz und Freiburg.
Ich bedanke mich sehr gerne bei Anna Kirchner und Dr. Oliver Sander (Koblenz) sowie Frau Andrea Meier und den Herren Jan Warßischek und Ulrich Grupp (Freiburg).
Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart kümmerten sich Frau Judith Bolsinger und Herr Eberhard Merk umsichtig um mein Anliegen.
Archivrat Dr. Johann Pörnbacher unterstützte mich bei meiner Recherche im Bayerischen Hauptstaatsarchiv ebenso schnell und zuvorkommend wie Herr Dr. Gerhard Keiper bei den Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes. Beide Herren ersparten mir wahrlich große Mühen.
Besonderer Dank gebührt dem mitleidlosen Kritiker unausgegorener Gedanken wie unleserlicher Schriften, Dr. Jürgen Maciejewski M.A. Das fachliche Gespräch war niemals eintönig und immer ein Gewinn.
Einleitung
Prolog
1. Generäle
Ludendorff und von Hindenburg (1914 - 1918)
1. Das Augusterlebnis
2. Deutschlands militärische Strategie, der Schlieffen-Plan, stammte aus dem 19. Jahrhundert und verstieß gegen das Völkerrecht
3. Ludendorffs rasanter Aufstieg war von Hindenburgs Chance
4. Tannenberg – das neuzeitliche Cannae
5. Gefeiert wurde nur einer
6. Ludendorff und von Hindenburg unschlagbar
7. Gemetzel im Westen
8. Von Hindenburg und Ludendorff untrennbar
9. Nur im Osten waren Siege möglich
10. Ihr größter Sieg, doch die Konflikte mehrten sich
11. Ludendorffs Traum gigantischer Zangenbewegungen
12. Die Mär vom ewigen Stellungskrieg
13. Willkommen im 19. Jahrhundert: Die Leichtigkeit des Ostfeldzugs
14. Das Instrument der militärischen Führung zerbrach 1916
15. Von Hindenburg und Ludendorff übernahmen die Führung in kritischer Lage
16. Die 3. OHL stand mit dem Rücken zur Wand
17. Das verhinderte Hindenburg-Programm totaler Rüstung
18. Generalstabschef von Hindenburg und Kanzler Ludendorff?
19. Politik der 3. OHL: Germanisierung des Baltikums
20. Europas letzte Chance: Warum kein Kriegsende 1916?
21. Politik des letzten Strohhalms: `Endsieg` durch totalen Seekrieg
22. Die 3. OHL versagte politisch
23. Weltreaktion und Weltrevolution: 3. OHL und Lenin suchten „nützliche Idioten“
24. Expansion im Osten
2. Deutschlands Wendepunkt im Zwanzigsten Jahrhundert: 1918 / 1919
25. Die Ausgangslage im Januar 1918
26. Deutschlands Weltmachtpolitik
27. Entscheidungsschlacht im Westen
28. Für die Entscheidungsschlacht setzte die 3. OHL nicht alles auf eine Karte
29. Bolschewiken benutzen und danach vernichten?
30. Wendepunkt im Westen
31. Ludendorffs militärischer Fehler aus politischen Gründen: der 18. Juli 1918
32. Hitlers schönster Tag – ein Kreuz aus Eisen
33. Ludendorffs schwarzer Tag, der 8. August 1918
34. Abschied vom Weltreich
35. Die 3. OHL erklärte den Bankrott im Westen
36. Von Panik keine Spur: Ludendorffs Waffenstillstands-Strategie
37. Eine Legende erhielt Nahrung
38. Die Taktikschule der 3. OHL zwang der Politik Dilemmata auf
39. „Aber der Untergange hätte schön und herrlich werden können“
40. Ludendorffs bitterster Tag – der angebliche Diktator wurde gefeuert (26. Oktober 1918)
41. Kriegsende? Bürgerkrieg unter von Hindenburgs Führung?
42. Der Kaiser ging, von Hindenburg stieg auf
43. Bestätigung des Zweiten Burgfriedens: 4. OHL und Ebert paktieren gegen die Revolution
44. November 1918: Ludendorff am Ende, von Hindenburg obenauf
45. Von Hindenburgs Erfolg: das neue Heer war das alte
46. Von Hindenburg stärkte die Moral seiner Offiziere
47. Die Deutschen waren von Kaiserreich und Revolution enttäuscht
48. Hitler - illegitimer Sohn der Novemberrevolution
49. Hitlers Traum
3. Putschisten
Ludendorff und Hitler (1920-1925)
50. Aus Ernst Lindström wurde wieder Erich Ludendorff
51. Konnte die Annahme des Versailler Vertrages torpediert werden
52. Versailles 1919: Kriegsverlierer Deutschland und Frankreich
53. Hitlers NSDAP sprengte das klassische Links-Rechts-Schema der Parteien
54. Kriegsverbrecher von Hindenburg und Ludendorff?
55. „Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden“ – von „Novemberverbrechern“
56. Ziele der Gegenrevolution
57. Ludendorff ließ putschen (Dritter Burgfrieden)
58. Von Hindenburg schaute zu
59. Ludendorff spazierte – Hitler flog davon
60. Denn die im Dunkeln sah man nicht
61. Wie entstehen Sümpfe?
62. In Stein gemeißelt
63. Chaosjahr 1923: Frankreich zwang und Cuno führte Deutschland endlich in den Untergang
64. Putsch: Ludendorff und Hitler zum Zweiten
65. Hitler am Ende, Ludendorff in Ehrenhaft
66. Hitlers politischer Instinkt
67. Hitler in Ehrenhaft, Ludendorff auf dem Weg nach unten
68. 1924 - Tannenberg
69. 1924: die zweite Gründung der Republik, nicht als Arbeiterstaat, sondern als bürgerliche Republik
70. Der legale Weg: Reichspräsident Ludendorff?
4. Staatenlenker
Von Hindenburg und Hitler (1925 - 1934)
71. Von Hindenburg wurde Staatsoberhaupt
72. Der alte Mann und das Heer sowie Hitlers Credo
73. Ein Mythos wurde achtzig
74. Der vierte Burgfrieden: Von Hindenburg berief einen SPD-Kanzler
75. Was machte eigentlich Ludendorff?
76. Hitler endgültig am Ende?
77. Die Oktoberkatastrophe 1929 verändert alles
78. Der schwarze Montag
79. Die deutsche Demokratie war nahezu optimal vorbereitet
80. Demokraten für Hitler
81. Der Durchbruch: Das Geschenk vorgezogener Wahlen
82. Café, Architektur, Oper und ein bisschen Partei
83. Vom Parlament zum Präsidenten: Diktator von Hindenburg?
84. Präsidentenwahl: Von Hindenburg gegen Hitler
85. Von Hindenburg als Putschist
86. Die Verfassung im Leerlauf: neue Wahlen, neue Kanzler
87. Generalangriff auf Hitler: „Nur keine Angst, der Anstreicher schafft es nicht“
88. Die Harzburger Republik
89. Nach der Machtteilhabe
90. Die Magna Charta der Diktatur
91. Der perfekte Nazi-Tag von Potsdam
92. Dem Tag von Potsdam folgte der Tag von Dachau
93. Wer putscht 1934? Massaker an Röhm, von Schleicher und anderen
94. 1934 – Das 19. Jahrhundert stirbt
95. Ludendorffs Epilog: Vorbild für Nationalsozialisten wie skeptische Generäle
Ergebnis
Quellen und Literatur
Personenverzeichnis
Grafik 1: Schlacht von Tannenberg, August 1914
Grafik 2: Winterschlacht in Masuren, Februar 1915
Bild 1: Die 3. OHL beim Kaiservortrag
Grafik 3: Die politische Parteienlandschaft der Weimarer Republik nach Gründung der NSDAP im Jahre 1920
Bild 2: Revolutionär: Wortführer war der Niedrigste im Rang, der Gefreite Hitler (1924)
Grafik 4: Die fünf Kanzler während der Weltwirtschaftkrise – immer rechts herum (1929-1934)
Bild 3: Bündnis von Hindenburgs mit der Massenbewegung, einmal mehr (1933)
S.→: Bundesarchiv Koblenz, Bildarchiv, 183-R06898.
S.→: Bundesarchiv Koblenz, Bildarchiv, 102-00344A.
S.→: Bundesarchiv Koblenz, Bildarchiv, 183-S38324.
a.D.
außer Dienst
BA Koblenz
Bundesarchiv Koblenz
BA-MA Freiburg
Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg
Bd.
Band
betr.
betreffend
d.
der, die
Ders.
Derselbe
dt.
deutsch
frz.
französisch
Hg., hgg.
Herausgeber, herausgegeben
N
Nachlaß
N.N.
Nomen Nullus (Unbekannter Autor)
Nr.
Nummer
o.D.
ohne Datumsangabe
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von
Wer waren die drei einflussreichsten Personen der deutschen Geschichte 1914 bis 1945? Erstens: Hitler. Das dürfte klar sein. Zweitens: von Hindenburg. Auch dieser Behauptung dürften die meisten zustimmen. Und drittens? Kaiser Wilhelm II. oder Ebert, Stresemann oder Göring? Goebbels vielleicht? Nein. Wilhelm II., der Oberbefehlshaber, wurde im Ersten Weltkrieg meistenteils von seinen Generälen beherrscht und verließ 1918 die politische Bühne mit dem Hofzug Richtung Niederlande. Ebert, der SPD-Vorsitzende seit 1913 wurde dank der gewaltigen Macht, die hinter ihm stand, 1918 an die Spitze des Staates gespült, dem er – nur - bis 1925 als Präsident vorstand. Der sturmerprobte Stresemann, 1923 Kanzler und fortan Außenminister, starb 1929, zu früh, um der jungen Republik noch größere Dienste leisten zu können. Göring, Goebbels oder auch Himmler waren Männer der zweiten Reihe, ohne Hitler undenkbar.
Nein, alles spricht für den nach wie vor unterschätzten Schattenmann Ludendorff.
Selbst Hitler-Kenner Ian Kershaw erwähnt ihn in seiner Schrift über Hitlers strategische Kriegsentscheidungen 1940/41 seltsamer Weise nur an einer Stelle.1 Ludendorff, schreibt Kershaw, sei die Schlüsselfigur für die Bildung eines Militärstaates gewesen und habe einen „gewissen Einfluss“ auf Hitlers Russlandbild gehabt. Mehr nicht? Dazu passt, dass Gerhard Groß in seiner 2012 erschienen Studie über den deutschen Generalstab Ludendorff weder auf dem Titelbild als einen der fünf wichtigsten Generäle zeigt, noch ihn in seinem Schlußwort mit einem Wort erwähnt.2 Das gleiche Bild bei Ralf Georg Reuth, welcher den Ludendorff des Jahres 1923 als Hitlers Instrument beschreibt, der zurück in die heile Welt des Kaiserreiches wollte3 beziehungsweise in seiner Arbeit über Hitlers Judenhass Ludendorff lediglich in Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende nennt.4 Volker Ullrich sieht den Schulterschluß Ludendorffs mit Hitler erst ab dem September 1923 als gegeben an.5 Obwohl er Ludendorffs Rolle beim Putsch 1923 gerechter wird als die bisherige Geschichtsauffassung, erblickt er in Hitler immer noch den ersten Mann und Macher dieses Putschversuchs.6
Es wird Zeit, Ludendorff aus dem Halbdunkel der geschichtlichen Betrachtung zu holen und das Handeln dieser mächtigen grauen Eminenz im grellen Licht zu betrachten.
Hitler, von Hindenburg und Ludendorff also.
Volker Ullrich veröffentlichte 2013 den ersten Teil der aktuellsten Darstellung Hitlers - mit einer neuen Sicht auf dessen Privatleben.7 Ian Kershaw hat die klassische Hitler-Biographie geschrieben,8 Wolfram Pyta Hindenburg in den Fokus der aktuellen historischen Diskussion gerückt.9 Manfred Nebelin schließlich legte eine Beschreibung von Ludendorffs Wirken 1914-1918 vor.10
Die naheliegende Idee einer Dreierbiographie wird nun erstmals verwirklicht. Es ist die wissenschaftliche Analyse dreier Zweierbeziehungen: Generäle Ludendorff und Hindenburg 1914-1918, Putschisten Ludendorff und Hitler 1920-1925, Staatenlenker von Hindenburg und Hitler 1925–1934 (mit einem nicht unwesentlichen Nachspiel Hitlers und Ludendorffs 1934-1937).
Der weitere Blick enthüllt:
- Der Einfluss Ludendorffs auf Hitler wird stark unterschätzt. Er wirkte sich nicht nur auf das Staatswesen und Hitlers Russlandbild, als Teilnehmer am Putsch 1923 oder lediglich mittels seiner Dolchstoßlegende aus.
- Pytas Hindenburg-These vom passiven, wenn nicht begeisterten Zuschauer 1933/34 muß auf den Prüfstand.
- Eine detailierte Ludendorff-Biographie für die Jahre 1919-1937 ist überfällig. Betrachtet man Ludendorffs gesamtes Leben, erhält der Begriff vom
Totalen Krieg
eine andere Bedeutung. Gerade die Tatsache, dass er, anders als von Manfed Nebelin behauptet, im Ersten Weltkrieg
kein
Diktator war, war für Hitlers Weg entscheidend. Überhaupt, das Rätsel Ludendorff, welches Manfred Nebelin referiert,
11
ist kein solches.
Die Einzelereignisse Kaisersturz12, Kapp-Putsch, Hitler-Putsch 1923 und Röhm-Putsch werden neu interpretiert. Es wird gezeigt werden, welches erstaunliche Schicksal dem Augusterlebnis einschließlich des Burgfriedens 1914 beschieden war.
Am Ende des Buches wird der Leser verstehen warum hohe deutsche Offiziere und Militaristen wie Wilhelm Canaris (1887-1945) ein für ihre Überzeugung seltsames Verhalten an den Tag legten: sie begrüßten Hitlers Aufrüstung, ohne dessen Drängen hin zum schnellen Krieg zu unterstützen.
Der Leser wird wissen, aus welchem tieferen Grunde Hitler-Bewunderer Feldmarschall Wilhelm Keitel (1882-1946) 1940 die unfassbare Behauptung kundtat, Hitler sei der größte Feldherr aller Zeiten.
Dies zu erreichen war möglich, da neben den bekannten auch eine Reihe seltener genutzter Nachlässe der Bundesarchive und insbesondere die umfangreichen Schriften Ludendorffs ausgewertet wurden.
Sogenanntes oder angebliches ist kursiv gesetzt, das Adelsprädikat wird immer genannt. Der Leser wird erstaunt sein, wie oft er dem „von“ begegnet. Da die beiden ersten der vier großen Kapitel über das Wirken von Generälen handelt, befassen sie sich zwangsläufig mit militärstrategischen Fragen. Im vierten Kapitel gibt es entsprechend der Wichtigkeit Kapitel über Wirtschaftsgeschichte. Doch keine Angst!
Die Lektüre lohnt sich.
Das Thema bleibt aktuell und dient unserer Demokratie als brutales Lehrstück.
1 Ian Kershaw, Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41, München 2008, S.79.
2 Gerhard P. Groß, Mythos und Wirklichkeit. Geschichte des operativen Denkens im deutschen Heer von Moltke d.Ä. bis Heusinger, Paderborn 2012.
3 Ralf Georg Reuth, Hitler: eine politische Biographie, München / Zürich 2003, S.157.
4 Ralf Georg Reuth, Hitlers Judenhass: Klischee und Wirklichkeit, München / Zürich 2009, S.175f.
5 Ullrich, Hitler, S.162.
6 Ebd., S.168, 174, 177, 183.
7 Volker Ullrich, Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939, Frankfurt am Main 2013.
8 Ian Kershaw, Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998; Ders.; Hitler 1936-1945, Stuttgart 2000.
9 Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2009.
10 Manfred Nebelin, Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg, München 2010.
11 Nebelin, Ludendorff, S.7-21.
12 Hier wird das Forschungsergebnis Pytas und Machtans bestätigt und wesentlich erweitert (Pyta, Hindenburg, S.361-374; Machtan, Prinz Max von Baden, S.447,457).
Neunzehnhundert. Glücklich, wer in diesen zwölf Monaten geboren wurde. Diesen Jahrgang, so hieß es, erwarte eine goldene Zukunft. Wenigstens die in Europa Geborenen. Denn ihr Kontinent war der Stärkste in einer modernen, so fortschrittsgläubigen wie zerstrittenen Welt.
Es war das Zeitalter der messbaren Auseinandersetzungen auf allen Gebieten. Europäer, aber auch US-Amerikaner und Japaner lieferten sich Ende des 19. Jahrhunderts einen Wettbewerb um imperiale Größe.13 Die Welt wurde aufgeteilt. Neben dem politischen Feld wurden im Konzert rivalisierender Mächte alle Lebensbereiche vom Wettbewerbsgeist erfasst. Um die Jahrhundertwende wurden nicht nur die stehenden Heere miteinander verglichen. Auch die Statistiken über Industrie, Handel und Landwirtschaft waren von größtem allgemeinem Interesse. Seit 1896 maßen sich die Länder sportlich im neuentfachten olympischen Geist. Ab 1900 wurden für die besten Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet Preise, benannt nach dem Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, vergeben. Gerade erst vom Traum in tuckernde zerbrechliche Prototypen umgesetzt, traten die ersten Automobile und Fluggeräte der verschiedenen Länder sofort im Wettkampf gegeneinander an. Ihre Auseinandersetzungen waren Tagesgespräch. Die immer größeren Passagierschiffe dampften nicht einfach zwischen Europa und Nordamerika hin und her, nein, sie kämpften dabei selbstverständlich (seit 1852) um die Ehre der schnellsten Überfahrt, ausgezeichnet durch ein blaues Band. Wenn es auch nicht stimmt, dass die Titanic 1912 den Untergang riskierte, einzig, um das blaue Band zu gewinnen, so ist es doch typisch für diese Zeit, dass eine solche Vermutung überhaupt aufkommen konnte. Opfer wurden bei diesem Gegeneinander leichthin in Kauf genommen. Das Wettrennen zum Südpol gewann 1911 der Norweger Roald Amundsen (1872-1928). Sein Kontrahent Robert Falcon Scott (1868-1912) verlor nicht nur das Rennen, sondern auch sein Leben. Das war hart, gehörte aber zu den Unwägbarkeiten des ritterlichen Zweikampfes, in dessen Ideal dieses adeligen Grundsätzen huldigende, aber vom Bürgertum geprägte Zeitalter vernarrt war. Die adelige Auffasung von Ehre spielte dabei eine zentrale Rolle.
Politisch gesehen begann das 20. Jahrhundert 1904. Die politische Welt, das war zunächst und vor allem: Europa. In Europa gab es vier sehr große Mächte. Britannien besaß die stärkste Flotte der Welt und herrschte ebenso wie Russland über ungefähr ein Fünftel der Erdoberfläche, Frankreich über mehr denn ein Zehntel. Deutschland beteiligte sich erst als letzte große Macht an der Verteilung der Welt und bekam nur ein paar Restposten, vor allem in Afrika. Es verfügte aber über das stärkste Heer. Ohne Kolonialbesitz und als Vielvölkerstaat folgte das riesige Kaiserreich Österreich-Ungarn an fünfter Stelle. Deutlich dahinter kam das bevölkerungsstarke, halbindustrialisierte Italien. Es kontrollierte nur einen kleinen Kolonialbesitz in Nordafrika.
Die Herren der Welt mochten sich nicht besonders. Seit Jahrhunderten bekriegten sie sich in mitunter rasch wechselnden Koalitionen. (Nord-) Deutschland und Österreich kreuzten 1866 die Klingen und waren seit 1879 verbündet (Zweibund). Das Gegenbündnis bestand aus Frankreich und Russland, welche sich 1854-56 letztmals auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden. Britannien hielt sich bedeckt. Die letzten 80 Jahre war es bemüht gewesen, seinen Hauptgegner Russland einzudämmen und vor sechs Jahren stand es Afrikas wegen kurz vor einem Krieg mit Frankreich. Mit Deutschland hatte es im 19. Jahrhundert die wenigsten Konflikte. Doch hatten die Deutschen vor der Jahrhundertwende eine ehrgeizige Flottenrüstung gestartet. Große Mächte außerhalb Europas gab es auch, doch wurden die USA und Japan nicht als gleichrangig angesehen. Wirtschaftsgigant USA, weit weg, rüstete zur See, verfügte aber nur über ein winziges Heer. Japan war vierzig Jahre zuvor noch ein Feudalstaat gewesen! Das nassforsche Deutsche Reich unter dem persönlichen Regiment seines Flottenkaisers Wilhelm II. träumte in den 1890er Jahren noch davon, im Ernstfall ein paar Kriegsschiffe nach Yokohama oder New York zu schicken, um die Unbotmäßigen zusammenzuschießen, wie man das mit Afrikanern oder Südsee-Insulanern für gewöhnlich tat: die sogenannte Kanonenbootdiplomatie. Also: allseitige Politik der Stärke und unablässiges Säbelrasseln mit Blickrichtung auf die wesentlichen, die europäischen Konkurrenten. Diese europäische Illusion der Unberührbarkeit zerplatzte 1904. Japan überfiel Russland! Die Ostasiaten besiegten die Weltmacht vollständig - zu Lande und zu Wasser. Die Japaner gaben Asien ein neues Selbstbewusstsein. Sun Yat-sen, Ahnherr des modernen China, Vorkämpfer Maos und Tschiang Kai Scheks gleichermaßen, gründete in Tokio, nicht in dem von den imperialen Mächten beherrschten China die Kuomintang und glich sich auch im Äußeren dem japanischen Vorbild an. Der Aufstieg Ostasiens begann. Ein Jahrhundertthema, welches hier ebenso wie der Aufstieg der USA nur erwähnt, nicht weiter ausgeführt werden kann.
Die militärische Niederlage legte im Zarenreich Feuer an die Lunte sozialrevolutionärer Bestrebungen. Russland erlebte 1904/05 seine erste Revolution. In Moskau formierte sich der erste Arbeiter-"Sowjet", also Arbeiterrat. Lenin, Stalin und Trotzki legten ihre erfolglose Gesellenprüfung in Sachen Revolution ab. Der Zar konnte der innenpolitischen Krise nach jahrelangen Auseinandersetzungen noch einmal Herr werden. Lenin ging 1908 ins Exil; auch Stalin und Trotzki tauchten wieder unter. 1912 gelangte der Stählerne dann ins Zentralkomitee der linken russischen Sozialdemokraten, der Bolschewiken.
Russland und der Bolschewismus wurde 1904 zum Dauerbrenner und blieben es bis 1991. Neben dieses - hier am Rande gewürdigte - dritte Jahrhundertthema trat ein weiteres. Es ist der Kern, um den diese Schrift kreist. Ein Problem ist es, welches mit dem russischen verwoben, erst 1989 eine befriedigende Lösung fand. Deutschland! War es eine Gefahr für den Weltfrieden und musste man es deshalb für immer teilen? Russland und Deutschland! Die Schwäche des einen machte den jeweils anderen beinahe unwiderstehlich, wenn, ja wenn nicht ein Dritter eingreifen würde - die USA, das Zünglein an der Waage!
Russlands Schwächeanfall 1904/05 war die Chance für Deutschland. Das geschockte Frankreich war vorerst ohne einen schlagkräftigen Bündnispartner. Zwar hatte es 1904 einen Ausgleich mit den Briten erzielt, doch stand es in den Sternen, ob letztere, kaum dass die Tinte unter dem herzlichen Einverständnis (entente cordiale) trocken geworden, gewillt waren, für den traditionellen Feind aus sechs Jahrhunderten in die Bresche zu springen. Die deutsche Heeresführung überlegte sich also detailiert, wie ein Einfrontenkrieg gegen Frankreich am schnellsten zu gewinnen wäre. Schließlich würde Russland nicht auf ewig als Bündnispartner ausfallen. Der Generalstabschef des deutschen Heeres, von Schlieffen, entwickelte einen seit den 1880er Jahren sich formenden, 1898/99 - auf dem Höhepunkt der britisch-französischen Spannungen - genauer gefassten Plan weiter: sein Abschiedsgeschenk an die Armee sozusagen, denn am 1. Januar 1906 schied der 72-jährige aus dem Dienst. Von Moltke erhielt die Denkschrift, die fortan im Schrank des Adjutanten verwahrt wurde.14
Laut Schlieffen-Plan sollte ein bestenfalls gleichwertiger Feind, Frankreich, mit oder ohne britische Unterstützung geschlagen werden und zwar in kürzester Zeit - nach dem Vorbild des älteren von Moltke 1870. Die politische Führung, auch der Kaiser schreckten vor einem Präventivschlag zurück. Man wollte sich mit einer diplomatischen Demütigung des Erbfeindes Frankreichs begnügen, was misslang. Die Krise, entstanden als Kampf um den Einfluss in Marokko, endete mit einer diplomatischen Niederlage Deutschlands. Trotz des politischen Erfolgs schwor Frankreich Rache und rüstete auf – wie auch die anderen. Verkrampfung und Wettrüsten statt Entspannung! 1907 dann vollzog sich eine diplomatische Revolution. Briten und Russen begruben, was sie seit acht Jahrzehnten trennte. Es wurde einsam um den Zweibund. Deren Verbündeter Italien war bemüht, sich gegenüber der Entente vertraglich abzusichern. 1908 wollte Deutschland eine Balkankrise nutzen, um dieses Mal Russland diplomatisch vorzuführen. Die Krisen kamen nun regelmäßig im Abstand von drei Jahren. Sie kamen wie ein wiederkehrendes Fieber. Selbst die peripheren Auslöser waren dieselben. 1905 und 1911 ging es um Marokko, 1908 und 1914 um den Balkan. Seit 1904 lebte Europa im Vorkriegsstadium! Scheinbar für immer die selben Mächte mit denselben ungelösten Problemen und den ewig gleichen Rezepten. Das deutsche, französische und russische Heer rüsteten ebenso um die Wette wie die englische und deutsche Flotte. Alle Generalstäbe arbeiteten Offensivpläne aus. In Deutschland galt 1914 der alte Schlieffen-Plan immer noch als die vermeintliche Lösung aller Übel. Zur Doktrin erstarrt lag er auf dem Altar der deutschen Generalität. Nicht, dass die Verantwortlichen nicht miteinander gesprochen hätten, um der Fatalität eines kommenden großen Krieges zu entgehen. Deutschland und Britannien besprachen 1912 Rüstungsbeschränkungen zur See. Bis 1914 konnten alle Krisen friedlich beigelegt werden, gleichwohl eine Großmacht immer schwer in ihrer Ehre getroffen wurde (1905 und 1911 Deutschland, 1908 Russland). Für den Fall der Fälle einigte man sich auf die Einhaltung von Landkriegsordnungen. Der Einsatz unmenschlicher Waffen wie das Gas wurden verboten. Gleichwohl bewegte sich die internationale Politik wie in einem engen Stollen Richtung Hauptausgang: Richtung Krieg! Die europäische Dauerkrise, die Unfähigkeit zur dauerhaften Konfliktlösung 1904 bis 1914 ja bis 1925 (Locarno) war die kurzfristigste Konstante dieses Jahrhunderts. 1914 zog keine Großmacht mehr zurück. Der große Krieg kam, da keiner der Schlafwandler, ein Wort Christopher Clarks,15 den vollen Überblick behielt. Die Spieler griffen nicht entscheidend in den von Automatismen beherrschten Lauf der Dinge ein. Die Deutschen sahen sich nicht im Nachteil: entweder errangen sie einen diplomatischen Erfolg oder griffen auf ihren militärischen Wunderplan zurück.
13 Ausführlicher, was die einzelnen Mächte angeht: Sönke Neitzel, Kriegsausbruch. Der Weg in die Katastrophe 1900-1914, München 2002.
14 BA-MA Freiburg, N 56, Nr.2, Blatt 145.
15 Christopher Clark, Die Schlafwandler: wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013.
Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg.
Für sein Land zu kämpfen galt als die höchste Form des Patriotismus. Und patriotisch waren fast alle. In ganz Europa. Gewiss nicht alle Viertel aller Städte mochten ersticken im Jubel, doch typisch waren die manipulierten16 Aufnahmen aus den Hauptstädten, die die Kriegsbegeisterung in Bilder fassten und so der zumeist nüchterneren Landbevölkerung propagierten: Lachende junge Männer - Kriegsfreiwillige - zogen durch die Straßen, schwenkten die Hüte oder präsentierten ihre Gewehre. Frauen schmückten die Ausziehenden mit Blumen. Heutigen Menschen sind diese Bilder fremd, doch wissen sie auch um das Kommende. In Wien, Berlin, Sankt Petersburg, Paris und London, den wichtigsten Städten des Kontinents feierte man kurz nacheinander, abhängig vom Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Kriegserklärungen, das gesamteuropäische Fest der Feindschaft. Es war das erste große kontinentale Erlebnis seit der europäischen Revolution von 1848. 1848 hieß es gemeinsam in die Zukunft, so wie hundert Jahre später. 1914 hingegen ging es euphorisch Richtung Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Diese Urkatastrophe war eine europäische.
Das Gewitter entlud sich und alle wollten im Regen stehen. Ruhm und Ehre winkten jedem, wer wusste schon, wer den Feldmarschallstab im Gepäck trug. Abenteuer, fremde Länder und Meere warteten. Eine völlig neue Welt bot sich den Männern. Allgemein wurde erwartet, dass die Sieger ihre Orden Weihnachten 1914 zeigen und ihren Familien von den ruhmreichen Feldzügen berichten konnten. Die Menschen, welche jenen und die weiteren Tage nationaler Freude und Einigkeit erlebten, vergaßen sie nie. Das Augusterlebnis vereinte Adel, Bürgertum und selbst breite Schichten der Arbeiterschaft in einmaliger Übereinstimmung. Im politisch zerrissenen Deutschland herrschte meistenteils eine Einigkeit, die sich viele Zeitgenossen wie Nachgeborene, zwanzig Jahre später - nach mörderischem Zwist - mit verklärtem Blick zurückwünschen würden. Das Augusterlebnis wurde zum Politikum – für die Nationalisten ebenso wie für die SPD.
Einer, für den der Krieg zum richtigen Zeitpunkt kam, hausend in einer einfachen Münchner Wohnung, die er verlassen, lebend in bescheidenen Verhältnissen, die er vergessen machen wollte, war Adolf Hitler (1889-1945). Der beruflich gescheiterte junge Mann meldete sich freiwillig.
Warum auch nicht? Zu verlieren hatte er nichts mehr.
Dass die Meldestellen bald jeden nehmen würden, ohne nach der Nationalität oder anderen Hinderungsgründen zu fragen, dass die Ausbildung und Ausrüstung der Soldaten dritter Ordnung - nach Aktiven und Reservisten - überhastet zum einen, unzureichend zum anderen sein würde, sollte er alsbald merken.17
Für einen anderen kam der Krieg drei Jahre zu spät. 1911 war er in Pension gegangen. Das letzte Jahr vor Ausbruch des Krieges hatte ihn kein amtliches Schreiben betreffend einer Verwendung im Falle der Mobilmachung erreicht.18 Keine Chance auf eine Berücksichtigung in diesem kurzen Krieg. In Pension. Und da sollte er vorerst auch bleiben, ließ ihn der wichtigste Soldat des Kaisers, der Nachfolger von Schlieffens und zukünftige Chef der Obersten Heeresleitung, Generaloberst Helmuth von Moltke (1848-1916) am 2. August 1914 freundlich wissen. Also schrieb er einen Bittbrief an den Generalquartiermeister Hermann von Stein (1854-1927).19 Was er als altgedienter Generalstabsoffizier und General der Infanterie a.D. gerne innehätte, ein Kommando als Führer einer Armee oder wenigstens eines Armeeteils (Korps20), das wollten jetzt natürlich alle hohen Generäle. Und die Aktiven, die Armee-Inspizienten, gingen vor. Dazu kamen der preußische Thronfolger und der sächsische Kriegsminister, welche sich in der Reihe selbstverständlich vorne anstellten. Ein Hauen und Stechen begann um die begehrtesten Posten, da störte ein Außenstehender wie der 66-jährige Pensionär Paul von Beneckendorff und Hindenburg (1847-1934). Sein sehnlichster Wunsch wurde nicht erhört. Ob seiner Schande traute er sich kaum noch auf die Straße.21
Auch für einen Anderen kam der Krieg zu spät. Er war einer der ersten Generalstäbler im Lande - gewesen. Was jetzt passieren würde, in Deutschland und also in Europa, wer wüsste es besser als er? Er kannte die deutschen und mutmaßlichen feindlichen Aufmarschpläne nicht nur, er war von 1904 bis 1913 für die deutschen mitverantwortlich. Und nun? Zwar war das „entsetzliche Büroleben“ vorbei – endlich stand er „in der Schlacht“ -,22 auch war er Teil des Stabes der 2. Armee, doch nicht Teil der Operationsabteilung, sondern Zubringer, Kärrner, Versorger. Der grollende Offizier wartete heimlich auf seine Chance. Chancen bot ein Krieg immer und die erstbeste wollte er, Erich Ludendorff (1865-1937), ergreifen.
Selbstbewußt, wie sie waren, gedachten alle Großmächte sich das Geschehen keineswegs diktieren zu lassen. Hammer wollen sie sein, nicht Amboss. Unisono. Ihre Pläne waren offensiv und optimistisch. Die verbündeten Flankenmächte Frankreich und Russland führten Einfrontenkriege. Ihre Angriffsrichtung war klar ausgerichtet. Frankreich wollte Deutschland angreifen, Russland ebenso. Gleichzeitig mochte das Zarenreich auch Österreich-Ungarn (wegen Serbien) schlagen und musste sich entscheiden, welchem Gegner der Hauptschlag galt. Die Russen entschieden sich für den schwächeren Gegner: Österreich-Ungarn. Die beiden verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn standen vor Zweifrontenkriegen. Österreich-Ungarn machte zunächst gegen Serbien mobil. Serbien, dessen "Terroristen" das kaiserlichösterreichische und königlich-ungarische (K.u.K.) Thronfolgerpaar ermordeten, wurde ein Monat nach der Bluttat, am 28. Juli 1914 der Krieg erklärt. Um ihren Einfluss auf den Balkan nicht zu verlieren, hielten der Zar und seine Untertanen in panslawistischer Treue zu den orthodoxen Glaubensbrüdern, so dass Österreich-Ungarn in einem kühnen und übereilten Zug seine Hauptkräfte gegen Russland aufmarschieren lassen musste. So überstürzt wie ihre K.u.K.-Verbündeten handelten die Deutschen nicht. Ihr Aufmarschplan stand schließlich schon seit langem und unabhängig von der politischen Konstellation fest: der uralte Schlieffen-Plan: da Deutschland weniger Soldaten hatte als seine Feinde, musste es diese geschickter einsetzen. Kontinuierliche gegenseitige Abnützung half nur dem Gegner. So wollten die Deutschen die Kräfte erst im Westen, dann im Osten konzentrieren, um den Krieg durch eine schnelle und vollständige Vernichtung der isolierten Gegner zu gewinnen. Sie verfügten über acht Armeen. Die Aufstellung für die erste Phase des Planes war im Westen offensiv, im Osten defensiv. Die Deutschen deckten mit ihren Hauptkräften, d.h. sieben Armeen ihr Kraftzentrum, das Ruhrgebiet und marschierten gegen Frankreich auf. Eine einzige Armee, die 8. Armee, stand im Osten der gefürchteten russischen Dampfwalze gegenüber. Diese 8. Armee sollte zusammen mit den K.u.K.-Truppen die Russen so lange beschäftigen, bis ihr die sieben Bruderarmeen nach dem schnellen Sieg über Frankreich zu Hilfe eilen würden. Gemeinsam sollten die vereinigten acht Armeen dann in der zweiten Phase des Planes Russland niederringen.
Vorbild für einen solchen vollständigen Sieg des Unterlegenen war Hannibal Barkas (246-183 vor Christus). Er hatte am 2. August 216 vor Christus die Römer bei Cannae auf beiden Flügeln umfasst und ihnen so die größte Niederlage ihrer Geschichte beigebracht. (Letztlich gewonnen hatten den Zweiten Punischen Krieg allerdings die Römer).
Cannae hatte gezeigt, dass Feldherrngenie plumper Masse überlegen war. Qualität besiegte Quantität. Daran glaubten die 1905, zu Schlieffens Zeiten, an Zahl gleichstarken, 1914 jedoch leicht unterlegenen Deutschen.
Die politischen Rückwirkungen von Schlieffens militärischem Vernichtungs-Plan waren schlichtweg katastrophal.
Deutschland erklärte am 1. August 1914 Russland den Krieg - um dann aber gegen das neutrale Frankreich aufzumarschieren. Deutschland löste das Problem, indem es am 3. August 1914 auch Frankreich den Krieg erklärte. Der Angriff auf Frankreich war aber nicht das eigentliche völkerrechtliche Problem, sondern die Tatsache, dass der Krieg infolge der großräumigen Umfassung der französischen Kräfte in Ostfrankreich durch den Einmarsch in die neutralen Länder Luxemburg und Belgien beginnen würde. Dieses war den deutschen Generälen keine Überlegung wert. Niemand wurde eingeweiht. Ludendorff beendete nach 1909 auch den vorher üblichen Gedankenaustausch mit anderen Abteilungen.23 Ja, die Vordenker des Generalstabes, von Schlieffen, von Moltke und auch Ludendorff, hatten es jahrelang nicht für Wert befunden, ihren Reichskanzler in ihren Plan einzuweihen. Reichskanzler von Bethmann Hollweg fügte sich den Generälen und bezeichnete den Bruch der Neutralität Belgiens, zu welcher sich alle Großmächte, also auch Deutschland völkerrechtlich verpflichtet hatten, in aller Öffentlichkeit, vor dem Reichstag am 4. August 1914 als ein „Unrecht“, welches Deutschland wieder gut zu machen suche, sobald seine militärischen Ziele erreicht seien.24 Damit hatte Großbritannien Anlass, um seinerseits Deutschland den Krieg zu erklären. Die Franzosen hatten im Übrigen gleichfalls einen Angriff über Belgien in Betracht gezogen, dann aber politische Bauchschmerzen bekommen. Sie griffen erwartungsgemäß an der deutschfranzösischen Grenze an.
Geschwindigkeit konnte über Sieg und Niederlage entscheiden.25 Schon am 2. August 1914 waren deutsche Truppen völkerrechtswidrig ins neutrale Luxemburg einmarschiert. In der Nacht vom 3. auf den 4. August 1914 überquerten deutsche Kolonnen die belgische Grenze.
Der einigermaßen gelangweilte Generalmajor Erich Ludendorff begleitete den von ihm 1904-1913 mitgeplanten Vormarsch des rechten deutschen Flügels bei der 2. Armee, der Armee also, welche in den nächsten sechs Wochen durch Belgien, vorbei an Paris Richtung Schweizer Grenze marschieren sollte, um den Ring hinter den sich in Ostfrankreich drängenden Franzosen zu schießen. Demzufolge musste ihr Durchmarsch durch Belgien zügig innerhalb von zwei bis drei Wochen abgeschlossen sein. Jeder Verzug konnte zur tödlichen Gefahr für den Gesamtkriegsplan werden. Als der Vormarsch der Armee vor der Festung Lüttich ins Stocken kam und eine Brigade ohne Führer war, nutzte Ludendorff die Chance sofort und führte die Einheit, wenige Tausend Mann, energisch und erfolgreich gegen Lüttich. Angeblich klopfte er höchstpersönlich gegen eines der Festungstore, woraufhin ihm aufgemacht wurde. Die seinen schwachen Kräften überlegene belgische Besatzung ergab sich kampflos. Schwache Gegenwehr nur wurde also überwunden. Aber immerhin. Ludendorff hatte eine kritische Situation gar nicht erst entstehen lassen und große Teile der wichtigen Festung Lüttich ohne große Verluste und vor allem schnell in deutsche Hand gebracht.26 Ludendorff, bekannt als guter Planer und Organisator, hatte nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass er auch ein guter Truppenführer war. Auch im hektischen Kampfgeschehen an vorderster Front bewahrte er Nervenstärke und Übersicht. Er genoss es regelrecht, im Feuer zu stehen und sein Leben zu riskieren. Das Einschlagen von Geschoßen in menschliche Körper machte ihm einen unvergesslichen Eindruck, keinen negativen übrigens.27 Keine drei Wochen war der Feldzug im Westen alt, als der Sieger von Lüttich und Träger des Ordens Pour le mérite die 2. Armee und die Westfront für die beiden nächsten Jahre hinter sich ließ. Nach der gestoppten Karriere in Friedenszeiten bewegte sich Ludendorff seit Kriegsbeginn wie der Fisch im Wasser. Es begann seine zweite, eine erstaunliche Kriegs-Karriere.
Der stolze Generalstäbler war per Sonderkraftwagen auf dem Weg zum Generalstab. Im Westen lief alles nach Plan. Die Deutschen näherten sich der belgischen Südgrenze. Die Lage der sich auf dem Rückzug befindenden Ostarmee, der 8., wurde jedoch von Tag zu Tag prekärer. Die Russen hatten überraschend schnell Mobil gemacht und drohten mit ihrer Übermacht die einsame 8. Armee schlichtweg zu überrennen. Standen nicht die Deutschen, sondern die Russen vor einem schnellen Sieg? Ein zaudernder deutscher Armee-Generalstab hatte die falschen Entscheidungen getroffen. Männer waren jetzt gefordert, die nervenstark und entschlossen handelten. Der Krieg beendete die ersten Karrieren. Der Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) von Moltke handelte, der Kaiser war einverstanden. Ludendorff wurde betraut. Von Moltke entschuldigte sich beinahe dafür, dass Ludendorff den siegreichen Westfeldzug nicht mehr vor Ort erleben durfte. In herzlichem Ton schrieb der Neffe des großen Strategen der Einheitskriege an seinen einstigen Mitarbeiter: "Ich weiß keinen anderen Mann, zu dem ich so unbedingtes Vertrauen hätte als wie zu Ihnen. Vielleicht retten Sie im Osten noch die Lage. Seien Sie mir nicht böse, dass ich Sie von einem Posten abberufe, auf dem Sie vielleicht dicht vor einer entscheidenden Aktion stehen, die, so Gott will, durchschlagend sein wird. Sie müssen auch dieses Opfer dem Vaterlande bringen […] Sie können natürlich nicht für das verantwortlich gemacht werden, was geschehen ist, aber Sie können mit Ihrer Energie noch das Schlimmste abwenden."28 Das Opfer war die Stelle des Generalstabschefs der 8. Armee. Ein sehr schweres, beinahe ein Himmelfahrtskommando. Doch eines, bei dem er sich auszeichnen konnte. Koblenz war Ort des Großen Hauptquartiers. Die militärische Führung wollte Ludendorff Mut machen. Der bei Kriegsbeginn schmählich Zurückgesetzte wurde von v.Moltke in seine komplizierte Aufgabe eingewiesen. Der Kaiser verlieh ihm hier den Pour le mérite (Für das Verdienst). Ludendorff freute sich über die Anerkennung, ließ sich aber nicht blenden. Dass man ihn in Watte packte, bedeutete lediglich, dass es im Osten schlimm aussehen musste.
Es war immer das gleiche. Wie oft schon waren ihm, dem bürgerlichen Ehrgeizling, Schlechtere vorgezogen worden, einzig auf Grund ihres glänzenden altadeligen Namens. Allein der alte Herr von Moltke hatte ihn anständig behandelt im dünkelhaften Generalstab. Ludendorff vergaß ihm das nicht. Er sollte von Moltke als einer der wenigen auch im Unglück treu bleiben. In diesem Augenblick aber vermerkte er bitter, dass er in der Adelsbastion Militär wieder einmal die bürgerliche Feuerwehr für vornehme Versager spielen durfte.
Brach die deutsche Abwehr, so war der Weg nach Berlin frei. Außerdem konnten die Russen die K.u.K.-Truppen in der Flanke fassen. Der Krieg wäre verloren. Nach wenigen Wochen. Ludendorff musste eine Katastrophe gegen die Russen, ein zweites Kunersdorf (1759) verhindern. Siegen oder den Sündenbock abgeben, sein guter Name für immer mit Schande bedeckt!29
Ludendorff sollte also mit stark unterlegenen Kräften, einzig der 8. Armee, im Osten halten bis der Frankreichfeldzug der sieben anderen Armeen gewonnen war. Andere waren an dieser Aufgabe bereits gescheitert. Nun also Ludendorff. Die 8. Armee wurde von zwei getrennt operierenden russischen Armeen konzentrisch angegriffen. Die Russen versuchten, die Lehre aus den letzten Kriegen umzusetzen, gemäß der Strategie des älteren von Moltke während der Einheitskriege 1864-1871: Getrennt marschieren, vereint schlagen! Eine Armee band den Feind, während ihm die andere in Flanke und Rücken fiel. Eine russische Armee, die 1. unter dem Balten Paul von Rennenkampf (1854-1918) kam von Osten, die andere, die 2. Armee, führte Alexander Samsonow (1859-1914) von Süden her nach Ostpreußen. Im blinden Vertrauen auf den Schlieffen-Plan wollte die Armeeführung, Maximilian von Prittwitz und Gaffron (1848-1917) und Georg Graf von Waldersee (1860-1932), die deutsche 8. Armee hinter die Weichsel zurückziehen.30 Mit anderen Worten: Ausweichen und die 8. deutsche Armee erhalten, bis in wenigen Wochen die Westarmeen zu Hilfe kämen. Auf keinen Fall, war von Moltkes Antwort. "Er vertrat die Auffassung, dass man noch eine Operation zur Vernichtung der (Samsonow-)Armee versuchen müsste, bevor man daran denken dürfte, die militärisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreußen aufzugeben," wie in Hindenburgs Erinnerungen zu lesen war.31 Von Moltke traf operativ wie personell die richtige Entscheidung, indem er die widerstrebende Armeeführung kurzerhand absetzte und durch seine ehemalige rechte Hand Ludendorff ersetzte.
Noch in Koblenz, also per Ferndiagnose, traf Ludendorff seine erste wichtige Entscheidung. Der 8. Armee wurde telegrafisch der Haltebefehl erteilt. Ende des Rückzuges! Auch die Grundidee seines Angriffs hatte er bereits entwickelt.32 Alles Weitere wollte Ludendorff an Ort und Stelle entscheiden. Schließlich handelte er nicht allein. Am 23. August, um 3 Uhr 45 des Nachts hielt der Sonderzug auf seiner Fahrt nach Ostpreußen in Hannover. Auf dem Bahnsteig stand ein alter Mann! Zwölf Stunden zuvor hatte er ein kurzes Telegramm erhalten.33 Das Große Hauptquartier fragte an, ob er bereit stünde. O ja, er stand bereit! Seit Wochen! Hektisch wurde gepackt im Hause des ehemaligen Pensionärs und so manches vergessen. Von Hindenburg hatte es geschafft! Sein hartnäckiger Kampf um eine Verwendung, mehr noch das Unglück der 8. Armee und nicht zuletzt der Charakter Ludendorffs hatten ihm seine letzte, nicht allzu große Chance gegeben. Ludendorff sollte von Waldersee als Generalstabschef der 8. Armee ersetzen. Soviel stand fest. Ludendorff galt dem Hauptquartier als glänzender Kopf, als das vielleicht beste Pferd im Stall. Doch wollte man dieses Pferd nicht ohne Reiter losgaloppieren lassen. Ludendorffs Karriereknick, sein ungeschicktes und stures Vorpreschen in der Frage der Heeresvermehrung vor dem Krieg ließ es angeraten erscheinen, ihn entsprechend der Regel nicht zum Armeechef zu ernennen. Denn das ungeschriebene Gesetz lautete: Eine deutsche Armee führte nur ein Adliger und zwar ein an Jahren reicher Adliger. Ludendorff war von falschem Stande und schlichtweg zu jung. Ludendorff sollte seine analytischen Fähigkeiten als Generalstabschef zum Tragen bringen während die letzte Entscheidung einem Ruhigen und Altgedienten überlassen bleiben sollte. Drei Männer, der jüngste läppische 66 Jahre alt, kamen in Frage. Sollte man den bisherigen Armeechef Generaloberst von Prittwitz in seiner Stellung belassen oder ihn durch Colmar Freiherr von der Goltz (1843-1916) bzw. General der Infanterie a.D. von Hindenburg ersetzen? Sachliche Gründe sprachen für den bereits Ausgemusterten und im Range Niedrigsten: von Hindenburgs Festigkeit, Ruhe und Verfügbarkeit. Dazu hatte er sich um die Jahrhundertwende pflichtgemäß mit den russischen Aufmarschplänen befasst. Damit war er nicht so sehr auf dem Laufenden wie Ludendorff, der dazu russisch sprach. Außerdem spielten von Hindenburgs gute Verbindungen. Generalquartiermeister von Stein hatte sein Schreiben vom 12. August 1914 nicht vergessen. Drei Monate später sollte sich von Hindenburg, mittlerweile bereits Feldmarschall, herzlich bei von Stein dafür bedanken, dass er ihn „ausgegraben“ habe.34 Von Hindenburgs Bekannter, der Chef der Zentralabteilung im Großen Generalstab, Oberst Karl von Fabeck (1867-1957),35 schlug ihn vor, von Moltke entschied, der Kaiser ernannte.36 Standesgemäß führten nur Generaloberste die Armeen, demzufolge von Hindenburg im Range entsprechend befördert wurde. Nach dem Zwischenstopp in Hannover fuhr der Sonderzug weiter in Richtung Osten. Der neue Stabschef machte dem neuen Armeechef Meldung. Ludendorff und von Hindenburg sahen sich das erste Mal. So zumindest berichteten beide später von ihrem ersten Zusammentreffen, ein Gegenbeweis wurde bislang nicht erbracht. Obwohl seit Jahrzehnten im Offizierskorps derselben Armee dienend waren sie sich anscheinend noch nie zuvor begegnet. Das deutsche Heer war ein großes Gebilde und die beiden Offiziere waren gemäß den Ausbildungsrichtlinien im Deutschen Reich weit herumgekommen.
Von Hindenburg lernte zuerst die Garnisonen in Stettin, Königsberg und Fraustadt in Posen kennen. Langweilig gleichmäßig erklomm der adelige Altpreuße eine Karrierestufe nach der anderen. Bald sah man ihn im Großen Generalstab und Kriegsministerium in Berlin, des Weiteren in Oldenburg, Koblenz und Karlsruhe. Zuletzt wurde er in Magdeburg eingesetzt.37 Ein Kommandierender General, wie alle anderen auch. In diesem Kreise Durchschnitt.38
Ludendorff hingegen begann in Wesel, Wilhelmshaven und Kiel, sah Frankfurt an der Oder und Thorn. Höhepunkt war sein Wirken im Großen Generalstab von 1904 bis 1913. Danach ging es abwärts. Die letzten anderthalb Jahre vor dem Krieg diente er in Düsseldorf und Straßburg.39 Von Hindenburg wusste nicht, wohin die Reise führte. Ludendorff trug ihm die Lage und seinen Angriffsplan vor.40 Danach legte man sich schlafen. Zehn Stunden später hielt der Zug im ostpreußischen Marienburg. Der Empfang durch das abgelöste Armeeoberkommando war verständlicherweise frostig. Die abberufenen Versager und ihre tatendurstigen Nachfolger hatten sich nicht allzu viel zu sagen, was auch daran lag, dass die alte Armeeführung ihren panischen Entschluss, hinter die Weichsel zurückzuweichen, bereits vor Ludendorffs Haltebefehl von sich aus verworfen hatte. Der zum Frischen Haff führende Fluss Passarge sollte gehalten werden. Von einer Räumung Ostpreußens konnte also bereits vor der Ankunft der beiden neuen Chefs keine Rede mehr sein. Auch hatten die Generalstäbler, voran Oberstleutnant Max Hoffmann (1869-1927), bereits Vorschläge zur Umgruppierung der Armee entwickelt, die sich mit den Vorstellungen Ludendorffs deckten.41 Ludendorff missfiel die gedrückte Stimmung im Hauptquartier. Nach dem Abgang der alten Chefs taten er und von Hindenburg das Ihrige, um dem Stab die an der Westfront vorherrschende Siegeszuversicht einzuimpfen. Auch wenn nicht ganz klar war, worauf sich dieser Optimismus eigentlich gründen sollte.
Die kommende Schlacht von Tannenberg eingehender zu schildern, veranschaulicht die Denkweise und das Zusammenwirken der beiden Befehlshaber, die von Max Hoffmann sehr gut unterstützt wurden. Der Ausgang der Schlacht zeitigte weitreichende Folgen.
Ludendorff und Hoffmann gruppierten die Einheiten der 8. Armee um. Sie nutzten die Vorteile der Truppentransporte mit Hilfe der Eisenbahnverbindungen und der inneren Linie, also die Tatsache, dass man, von mehreren Seiten angegriffen, seine näher zusammenstehenden Kräfte schneller bewegen kann als der Feind. Innerhalb eines Kreises bewegt man sich schneller als um ihn herum.
Im östlichen Ostpreußen löste sich die 8. Armee von der 1. russischen Armee unter Rennenkampf und marschierte im Süden der Provinz gegen die 2. russische Armee unter Samsonow auf. Diese war leichter zu packen. Einer Schlacht gegen die schnellere 8. deutsche Armee vermochte sie nicht mehr auszuweichen. Wollte sie auch nicht. Da die siegessicheren Russen angriffen, konnten sie von den Deutschen, falls deren Zentrum dem russischen Angriff standhielt, auf beiden Flügeln umgangen, eingekesselt und vernichtet werden. Ein modernes Cannae eben.
Innerhalb einer Woche praktizierte Ludendorff die Kunst des Möglichen. Es erschien ihm unmöglich, die 2. russische Armee Samsonows komplett zu umfassen. Er wollte das Zentrum halten und dadurch die russischen Kräfte binden, während drei deutsche Korps die Russen an ihren Flanken umgingen und einkesselten. Auf dem Papier eine einfache Sache.
Allerdings war die russische Front zu breit, der Happen zu groß, so dass die angreifenden Truppen erst einmal durch die russische Wand brechen und Teile davon abdrängen musste. Das I. russische Korps war zu viel und musste weggedrückt werden. Es durfte solange nicht mehr auf dem Schlachtfeld erscheinen, bis alles entschieden war. Rechts drohte den durchgebrochenen deutschen Truppen also permanent die Vernichtung durch das abgedrängte, aber keineswegs geschlagene I. russische Korps. Aber auch der linke deutsche Flügel hing in der Luft. Er war durch die weit in seinem Rücken stehende Armee Rennenkampfs tödlich bedroht. Ludendorff schrieb dazu lapidar: "Rennenkampf brauchte nur anzutreten und wir waren geschlagen."42 Ludendorff überlegte sich Alternativen für diesen Fall. Griff Rennenkampf an, so war der Umfassungsversuch gescheitert und die 8. Armee sollte wieder in die Verteidigungsstellung zurückweichen. Kehrte das abgedrängte I. russische Korps auf das Schlachtfeld zurück, so mussten die Deutschen mit allen Kräften dagegen halten.
Grafik 1: Schlacht von Tannenberg 22.-30.8.1914
Quelle: Reichsarchiv, Weltkrieg, Bd.2, Karten 4-11; Kuhl, Weltkrieg, Bd.1, S.48, Skizze 4.
Rennenkampf griff – entgegen einer Falschmeldung vom 28. August -43 gar nicht und das I. russische Korps nicht energisch genug an. Das deutsche Zentrum hielt dem Ansturm der Russen stand. Beide deutsche Flügel kesselten Samsonows Korps planmäßig, wenngleich nicht ohne Schwierigkeiten und Reibereien ein. Ludendorff und von Hindenburg wollten dem Kaiser am 28. August zunächst nur eine gewonnen Schlacht melden. Von einer erfolgreichen Einkreisung war keine Rede.44 Am 29. August 1914 dann war die Vernichtungsschlacht gewonnen. Zwei Drittel der russischen Kräfte, dreieinhalb von fünf russischen Korps gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Die Deutschen hatten Glück gehabt. Am 24. August hielten Ludendorff und von Hindenburg einen abgefangenen Funkspruch in Händen, aus welchem die feindlichen Maßnahmen für die nächsten Tage hervorgingen.45 Die deutsche Feindaufklärung war hervorragend. Zur Funkaufklärung kam die optische wobei die Deutschen das modernste Mittel – Flugzeuge - besser zu nutzen wussten als die Russen, oder wie von Hindenurg sagte: „Ohne Flieger kein Tannenberg.“46 Die russischen Generäle tappten hingegen eher im Dunkeln und hatten der kühnen deutschen Führung nur ihren Mut entgegenzusetzen. Die interne russische Abstimmung war jämmerlich. Während die 2. Armee Samsonows furchtlos angriff und dabei in ihr Verderben rannte, zuckelte die mit Nachschubschwierigkeiten47 kämpfende 1. Armee Rennenkampfs den Deutschen, die sich von ihr gelöst hatten, hinterher, anstatt sie energisch zu verfolgen und zusammen mit der 2. Armee in die Zange zu nehmen. Diese russische Behäbigkeit hatte Ludendorff seinem Vernichtungsangriff gegen die Samsonow-Armee zu Grunde gelegt und Recht behalten. Ein riskantes Spiel. Russisches Roulette hatte er allerdings nicht gespielt. Verhielt sich der Feind anders als vermutet, waren strategische Antworten vorbereitet. Ludendorff handelte verwegen. Er überraschte die Russen mit seinem Angriff und hatte das Kriegsglück auf seiner Seite.
Die Zusammenarbeit zwischen Ludendorff und von Hindenburg funktionierte problemlos und überstand alle kritischen Momente, welche es in jeder Schlacht viele gibt. Die Lage war selten eindeutig, die Korps-Führer August von Mackensen (1849-1945) und Otto von Below (1857-1944) verhandelten notfalls von Korps zu Korps.48 Dies war der Not geschuldet und keine offene Subordination wie sie der Chef ihres I. Korps, Hermann von François (1856-1933) betrieb. Als dieser Einspruch gegen Richtung und Zeitpunkt des entscheidenden Angriffs bei Usdau einlegte, wurde es laut. Der gereizte, zuweilen brutal aufbrausende Ludendorff drohte von François mit Absetzung,49 von Hindenburg sprach kein Wort und der notorisch ungehorsame von François,50 1903/04 Generalstabschef bei von Hindenburg in Magdeburg, älter als Ludendorff und höher im Rang, gab vor seinen Vorgesetzten klein bei, nur, um den befohlenen Angriff vom 26. auf den 27. August zu verlegen und auch am 28. August den eigenen taktischen Vorstellungen zu folgen.51 Einmal hieß es, der rechte Umfassungsflügel, eben jenes von François geführte I. deutsche Korps, sei vernichtet, ein anderes Mal sollte das russische I. Korps bereits nahe heran sein. "Kosakenmeldungen" nannte Ludendorff die schockierenden Meldungen über gigantische eigene Verluste. Zwar erwiesen sie sich als falsch, setzten Ludendorff aber dennoch sehr zu. Wenn Ludendorff wankte, überwanden von Hindenburgs Ruhe und Zuversicht die Krise. Der Veteran von 1866 und 1870/71 hatte eben mehr Kriegserfahrung als der jüngere Theoretiker und einen ruhigeren, wie Ludendorff zu Recht meinte, phlegmatischeren Charakter. Ludendorff analysierte die Lage, von Hindenburg stand beinahe von Anfang an über ihr. Diesen Eindruck konnte er zumindest nach außen hin vermitteln. Einem jungen Generalstabsoffizier der 8. Armee, dem späteren Panzergeneral des Zweiten Weltkrieges, Hermann Hoth (1885-1971), imponierte wie den meisten "sonst so kritischen jungen Offizieren"52 diese Vertrauen erweckende ruhige Art des erfahrenen Truppenführers. Sie war neben dem Sieg von Hindenburgs Hauptkapital, welches er gekonnt einzusetzen wusste.
Eine Woche nur benötigten von Hindenburg und Ludendorff für ihren glänzenden Sieg. Eine Vernichtungsschlacht gegen einen überlegenen Feind. Entschieden durch Feldherrngenie. Der Traum der deutschen Generalität war Wirklichkeit geworden. Cannae war auch im 20. Jahrhundert möglich. So hieß das neue Diktum. Die Generalität und mit ihr Ludendorff fühlten sich bestätigt. Noch war die gewonnene Schlacht zwischen Gilgenburg und Ortelsburg ein Wunderkind ohne Namen. Die Benennung sollte möglichst griffig und propagandistischen Zwecken dienlich sein. Nach alter Tradition war dies die ehrenvolle Aufgabe des Siegers. Als Kenner der Kriegsgeschichte wählten sie den kleinen Ort Tannenberg als Namensgeber der Schlacht aus. Just vor Tannenberg hatte das deutsche Zentrum standgehalten. Der entscheidende Angriff allerdings erfolgte bei Usdau, geschlossen hatte sich der Ring bei Muschaken und Willenberg. Hoffmann wollte den Vorschlag dazu gemacht haben.53 Ludendorff wählte den Namen Tannenberg ganz bewusst aus als Rache für jene Schlacht von 1410, „in dem der Deutsche Ritterorden den vereinigten litauischen und polnischen Armeen“54 unterlegen war. Von Hindenburg schrieb seiner Frau von diesem „Revanche“-Sieg.55 Die beiden Preußen löschten einen Makel aus, der ein halbes Jahrtausend Bestand hatte! Krieg und Revanchekrieg, gleichgültig, ob diese fünf oder fünfhundert Jahre auseinander lagen. Dies verdeutlicht, in welchen gigantischen historischen Dimensionen die Führung der 8. Armee dachte. Was kam da noch? Rache für den Kniefall Heinrich IV. 1077 in Canossa?
Von Hindenburg hatte diese Entscheidung Ludendorffs wie alle anderen zuvor gutgeheißen. Um diesem Umstand entsprechend Rechnung zu tragen, werden in dieser Schrift die kommenden strategischen Entscheidungen dieses Duos mit dem Namen Ludendorffs als ihres Schöpfers verbunden sein. Von Hindenburg dachte ähnlich wie Ludendorff. Für den Zeitpunkt der Schlacht von Tannenberg wie für die folgenden Kriegsjahre ist es schwierig, eine nennenswerte Differenz in den Anschauungen dieser beiden Generäle zu finden. Ihre Übereinstimmung erleichterte nicht nur ihre Zusammenarbeit, sie machte es Gegnern auch schwer, gegen dieses immer besser harmonierende Duo, die Karriereschmiede 8. Armee anzugehen. Dem hilfreichen Zuarbeiter im Armeestab dagegen, Oberstleutnant Hoffmann und den Korps-Chefs von Mackensen und von Below stand eine glänzende Zukunft bevor. Die Namen dieser bemerkenswerten Seilschaft werden noch oft fallen.
Für den triumphalen Sieg sagten die beiden Armeechefs in der protestantischen Kirche Allensteins „Gott dem Allmächtigen tiefbewegt Dank.“56 Eine solche Handlung wie Haltung war dem gläubigen von Hindenburg weitaus wichtiger als dem nicht nur in religiösen Dingen skeptischen Ludendorff. Doch ging Letzterer, der wie alle deutschen Soldaten das Gott mit uns auf dem Koppelschloss trug, bereitwillig auf diesen alten Brauch einer heilen preußisch-deutschen Soldatenwelt ein, in der Thron und Altar fest zusammen standen und vor Waffen starrten. Von Hindenburg und Ludendorff kamen, sahen und siegten! Der Vergleich mit der vorhergehenden Führung der 8. Armee war frappierend. Ludendorff machte von Hindenburg die operativen Vorschläge. Von Hindenburg gab ihm Recht und hielt seinen Kopf hin für die atemberaubenden Schläge seines Generalstabschefs. Eine Niederlage bei Tannenberg und damit der Zusammenbruch der Ostfront hätte natürlich das Karriereende für beide bedeutet wenn nicht gar ein Kriegsgerichtsverfahren.
Von Hindenburg trug die Last der letzten Verantwortung. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Mit Macht. Absichtlich. Alle amtlichen Depeschen stellten ihn in der Öffentlichkeit als den großen Sieger dar. Der Schlachtensieg bei Tannenberg, bald zum Mythos verklärt, wurde staatlicherseits ausschließlich mit dem Namen von Hindenburgs verknüpft. Von Hindenburg wurde selbst zum Mythos.57
Da war er wieder: der Abkömmling alten Adels, der sich Ludendorffs Lorbeer gleich mit auf das Haupt setzte, zumindest sich nicht zur Wehr setzte wenn er ihm aufgesetzt wurde. Seit diesem Zeitpunkt galt: "Er wurde gefeiert, ich blieb im Dunkeln". So schrieb Ludendorff später, nach dem Krieg, in seinen Erinnerungen - bevor er den Satz strich, aus Rücksicht auf den Nimbus beider.58 Der bürgerliche Ludendorff hatte die Schlacht gewonnen. Er war kein Sündenbock für eine Niederlage. Das wenigstens nicht. Doch der Sieger Ludendorff wurde dem Heil des Kaiserreiches geopfert. Er bekam nicht, was ihm gebührte. Seine Seele, an Narben reich, reicher noch an Hass, fand sich darein. Sie sollte sich in den kommenden Kriegsjahren auf andere Art Luft verschaffen. Dem charmanten von Hindenburg konnte Ludendorff nicht gram sein. Er stand zwar vor ihm, deckte ihn auf diese Weise aber auch gegen Beschuss. Was von Moltke bis zu diesem Zeitpunkt für ihn gewesen war - der Vorgesetzte, vertrauenswürdig obschon von Adel -, wurde nun von Hindenburg, der vermeintliche Retter Ostpreußens.
Am 31. August 1914 beendeten die Deutschen den ersten Kriegsmonat mit einem großartigen Befreiungsschlag im Osten. Tannenberg wurde Teil des Augusterlebnisses. Ein großer Erfolg - auf einem Nebenkriegsschauplatz. Nicht der von Ludendorff erhoffte schnelle Sieg gegen Russland,59 vielmehr lediglich der erste von vielen nötigen Siegen. Was machte Tannenberg dann so besonders? Die Überlegenheit des deutschen Heeres über das russische, was Führung, Organisation, Aufklärung und Kampfkraft anbelangte, war nach großen Anfangsschwierigkeiten deutlich zum Ausdruck gekommen und prägte den gesamten weiteren Kriegsverlauf an der Ostfront. Psychologisch gesehen war dies von epochaler Bedeutung. Die einst überragende Bedeutung Russlands für Preußens Geschick war Geschichte. Die Kriegswende im Siebenjährigen Krieg: Friedrich II. Katastrophe bei Kunersdorf 1759, die abermalige Wendung durch Russlands Frontwechsel 1760; Preußens Existenz allein durch Russlands Fürsprache 1807; schließlich die Russland-Katastrophe des militärisch nicht ganz unbegabten Napoleons 1812 impften Preußen fortwährend ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber der unheimlichen Weltmacht des Zarenreiches ein. Auch ein Otto von Bismarck (1815-1898) warf manchen scheuen Blick gen Osten. Er führte gerne Krieg, aber unter keinen Umständen gegen Russland. Der Rückversicherungsvertrag mit dem Zaren 1887 galt ihm kurzerhand als Lebensversicherung.
Nach Tannenberg war die Einschätzung gegenüber den Russen eine gänzlich andere. Zwischen Tannenberg 1914 und Moskau 1941/ Stalingrad 1942/43 kehrten sich die Vorzeichen um. Bei den Deutschen wuchs das Gefühl der Überlegenheit in gleichem Maße wie auf russischer Seite das Unbehagen über die Unterlegenheit gegenüber dieser furchtbaren Militärmaschine zunahm. Aus der russischen wurde eine deutsche Dampfwalze.
Mit dem Sieg von Tannenberg drang der Name von Hindenburgs zum ersten Mal ins öffentliche Bewusstsein Deutschlands. Die Schlacht markierte das Ende des russischen Vorstoßes. Sie war der Wendepunkt des Ersten Weltkrieges im Osten - wie es der abrupte Stopp des deutschen Vormarsches im Herbst 1941 vor Moskau im Zweiten Weltkrieg sein sollte. Ostpreußen ging 1914 nicht verloren, sondern stand vor der Rückeroberung durch die Deutschen. Die Russen hatten zuvor mehr als ein Drittel Ostpreußens eingenommen und Panik unter der deutschen Bevölkerung verbreitet. Selbst Ludendorff bemerkte, dass zumindest die meisten russischen Truppen die deutsche Zivilbevölkerung musterhaft behandelten. Lediglich die Kosaken hätten aber auch geplündert und vergewaltigt.60 Die vereinzelten Kriegsverbrechen der Russen wurden von der deutschen Propaganda wirkungsvoll ausgeschlachtet. Verschwiegen wurde, dass auch deutsche Kommandos auf dem Rückzug verbrannte Erde zurückließen. Die Zivilisten gerieten zwischen zwei Feuer. Die Härten des Krieges hatten hier ebenso wie in dem von den Deutschen brutal überrollten61 Belgien zu einer breiten Fluchtbewegung geführt. Tausende Flüchtlinge "klebten an der Truppe", wie Ludendorff schrieb62 und behinderten bereits vor der Schlacht von Tannenberg die Marschbewegungen der 8. Armee.63 Eine vollständige Aufgabe Ostpreußens durch das deutsche Heer hätte hier (wie 1945 unweigerlich geschehen) schnell zu einem Chaos geführt. In diesem Bewusstsein merkten sich die Ostpreußen denn auch den Namen von Hindenburgs in dankbarer Erinnerung. Der Retter Ostpreußens sollte hier späterhin seine treueste Wählerschaft finden.
Von Hindenburg, der ruhige Genießer, freute sich bereits über die ersten Ehrungen von öffentlicher Seite während Ludendorff diesen gewaltigen Sieg nicht aus vollem Herzen genießen konnte: "Die Nervenbelastung durch Rennenkampfs Armee war zu schwer gewesen,"64 schrieb er. Ludendorff konnte nicht abschalten. Während die Anderen feierten, ärgerte er sich über den Ungehorsam adeliger Generäle, die einen höheren Rang als er bekleideten65 und von v.Hindenburg durch einen Armeebefehl zur Ordnung gerufen werden mußten.66 Außerdem machte er sich bereits Sorgen um den bevorstehenden Aufmarsch gegen Rennenkampf und dessen 1. russische Armee.
Als im Süden Ostpreußens die Schlacht von Tannenberg tobte und Samsonows 2. Armee vergeblich auf Hilfe wartete, marschierte Rennenkampfs 1. Armee gerade einmal bis zu den Masurischen Seen südöstlich Königsbergs vor. Weiter sollte sie nicht mehr kommen. Die siegreiche 8. deutsche Armee wurde durch Abgaben des Westheeres verstärkt.
Warum die Westfront schwächen? War es nicht schlimm genug…
… dass der militärische Schlieffen-Plan antiquiert war und nicht zur politischen Situation passte?
… dass das Kräfteverhältnis von eins zu eins für eine Umzingelung ohnehin schon ungenügend und die Operation viel zu riskant war?
Trotz dieser entscheidenden Mängel sah die militärische Führung ihre Westtruppen nach wie vor im planmäßigen Vormarsch begriffen. Sie wollte die Lage im Osten beruhigen. Noch bevor der Westfeldzug endgültig gewonnen war, wurde bereits vorausschauend für den folgenden Ostfeldzug umgruppiert.67 Generalquartiermeister Hermann von Stein (1854-1927) sollte den Anstoß dazu gegeben haben.68 Diese Entscheidung war verfrüht und fatal. Drei Korps, also mehr als eine halbe Armee, sollten nach dem Osten abgehen. Aus dem linken Flügel der Westfront sollte eines und aus dem so wichtigen rechten Angriffsflügel gar zwei Korps abgezogen werden. Nach reiflicher Überlegung beließ von Moltke jedoch das eine Korps am linken Flügel, schwächte jedoch seinen Angriffsflügel. Ob dies den Feldzug entschied, bleibt dahingestellt. Jedenfalls erleichterte es den erwarteten Sieg im Westen nicht gerade. Ludendorff, der um eine Verstärkung gar nicht gebeten hatte,69 war eine solche mithin hoch willkommen. Diese und jede weitere Verstärkung der Ostfront zeitigte Früchte. Von Hindenburg und Ludendorff gingen mit ihren nunmehrigen sechs Korps zum Angriff über. Anders als bei der Improvisation von Tannenberg standen die Korps ordentlich aufgereiht nebeneinander und stießen fast ausschließlich frontal gegen Rennenkampf vor. Durch Tannenberg klug geworden, ließ sich dieser nicht wie Samsonow überflügeln und einkesseln. Zurückgeworfen wurde er dennoch. Der deutsche Erfolg war nicht so groß wie bei Tannenberg. An der Front lief es nicht optimal, wie Ludendorff offen zugab: "Die eigenen Kolonnen beschossen sich zuweilen. Die Truppen griffen zu scharf frontal an."70 Trotz alledem: Obzwar in Unterzahl blieben die Deutschen auf dem Vormarsch. In vier Tagen kamen sie 100km voran. Der von den Russen eroberte Teil Ostpreußens schmolz auf einen kleinen Gebietsstreifen südlich der Memel. Die Deutschen drangen nun ihrerseits mit ihrem rechten Flügel auf russisches Gebiet vor. Hatten die Deutschen bei Tannenberg bereits 90.000 Gefangene gemacht, so kamen an den Masurischen Seen noch einmal 45.000 hinzu.71
Die Kriegsbegeisterung kühlte langsam ab. Ein Soldat berichtete, wie seine nach wie vor von der Zivilbevölkerung gefeierte und hoch motivierte Einheit Ende Oktober 1914 gen Westen aufbrach.
Nach einer "beispiellos schönen Rheinfahrt kamen wir am 23 Oktober (1914) in Lille an. Schon durch Belgien konnten wir den Krieg sehen. Löven war ein Schutt- und Brandhaufen. Bis Dourmey gieng die Fahrt ziemlich ruhig und sicher. Dann aber kam Störung um Störung. An einigen Stellen waren die Bahngeleise trotz strengster Bewachung gelockert worden. Immer zahlreicher kamen jetzt gesprengte Brücken, zertrümmerte Lokomotiven. Obwohl der Zug im richtigen Schneckentempo fuhr kamen die Folterpausen immer öfter. Aus der Ferne hörten wir auch schon das monotone Rollen unserer schweren Mörser." Nach langen Märschen erreichte das Regiment, welches bereits auf feindliche Flieger achten mußte, seine Bereitstellungsräume und wartete auf den ersten Befehl zum Angriff. "Endlich liegt knapp hinter uns eine Deutsche Haubitzbatterie, und jagd alle 15 Minuten 2 Granaten über unsere Köpfe hinweg in die schwarze Nacht hinaus. Das heult und pfaucht durch die Luft und dann hört man weit in der Ferne 2 dumpfe Schläge. Jeder von uns horcht nach. Das erstemal im Leben hört man das ja. Und während wir so leise flüsternd eng aneinander gepreßt daliegen und zum Sternenhimmel emporsehen geht in der Ferne ein Lärmen los erst noch weit dann immer näher und näher rattert es und die einzelnen Schläge der Kanonen werden immer zahlreicher bis zum Schlusse ein einziges Rollen daraus wird. Jedem von uns zuckt es durch die Adern. Die Engländer machen einen ihrer Nachtangriffe, heißt es. Bange warten wir, ungewiß von dem was da eigentlich vorgeht". Das Abenteuer geht weiter. "In großen Erdlöchern nehmen wir Stellung und warten. Jetzt sausen auch die ersten Schrapnelle über uns und platzen am Waldsaum und zerfetzen Bäume als ob sie Strohwische wären. Neugierig sehen wir zu. Wir haben noch keine rechte Ahnung von der Gefahr. Keiner von uns hat Furcht. Jeder wartet ungeduldig auf das `Vorwärts`. Und jetzt wird auch das Specktakel immer ärger. Es soll schon Verwundete geben […] Endlich heißt es `vor`. Wir schwärmen aus und jagen über die Felder die nun kommen dahin, auf ein kleines Gehöft zu. Links und rechts platzen die Schrapnells und dazwischen singen die englischen Kugeln durch, aber wir achten nicht darauf […] Da heißt es plötzlich Zugführer Stöwer angeschossen. Oh weh, denk ich noch schnell, das fängt schön an […] Jetzt fallen auch die ersten unter uns. Die Engländer haben jetzt Maschinengewehre auf uns eingestellt. Wir werfen uns also nieder und kriechen durch eine Rinne langsam vor. Manchmal stockt es, dan ist immer wieder einer angeschossen, kann nicht mehr vor, und wir müssen ihn aus der Furche herausheben […] Es sieht schon stark gelichtet aus. Jetzt kommandiert uns nur mehr ein Vizefeldwebel […] Wir kriechen auf dem Boden bis zum Waldrand vor. Über uns heult und saust es, in Fetzen fliegen Baumstämme und Äste um uns herum. Dann wieder krachen Granaten in den Waldsaum hinein und schleudern Wolken von Steinen, Erde und Sand empor heben die schwersten Bäume aus dem Wurzeln und ersticken alles in einem gelbgrünen, scheußlichen, stinkigen Dampf. Ewig können wir hier nicht liegen, und wenn wir schon fallen, denn nur noch besser draußen […] Nun geht es bei uns zum Sturm. Wir kommen blitzschnell über die Felder vor, und nach stellenweise blutigem Zweikampf werfen wir die Burschen aus einem Graben nach dem andern heraus. Viele heben die Hände hoch. Was sich nicht ergibt wird niedergemacht." Immer wieder Angriffe, immer größere Verluste. "4mal dringen wir vor und müssen wieder zurück, von meinem ganzen Haufen bleibt nur mehr einer übrig außer mir, endlich fällt auch der. Mir reißt ein Schuß den ganzen rechten Rockärmel herunter aber wie durch ein Wunder bleibe ich gesund und heil […] Am 4ten abends marschierten wir zurück nach Osterwick. Dort sahen wir erst unsere schweren Verluste." Das angreifende deutsche Regiment hatte in der Flandernschlacht binnen vier Tagen ein Zehntel allein an Toten verloren. Das ernüchterte. Es handelte sich hierbei um die Feuertaufe des 16. bayerischen Reserveinfanterieregiments `List` am 29. Oktober 1914. Es war die Einheit Adolf Hitlers. Von ihm stammte der geschönte und verfälschte Propaganda-Bericht, ein Brief an den befreundeten Münchner Assessor Ernst Hepp vom 5. Februar 1915.72 Wie später in Mein Kampf
