Weidenkörbe flechten - Bernd Holtwick - E-Book

Weidenkörbe flechten E-Book

Bernd Holtwick

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Beschreibung

Ein anschauliches Handbuch für alle, die das traditionelle Handwerk des Korbflechtens weiterleben lassen.Nach einer Einleitung über die faszinierende Geschichte des Flechthandwerks zeigen die zwei Korbmachermeisterinnen Martina Fuchs und Rena Gerullis mit Hilfe von vielen Fotos, wie Sie Flechtschlag für Flechtschlag die schönsten klassischen Korbtypen aus Weide herstellen können. Zudem werden alle Grundlagen vom Einrichten der Werkstatt über Anbau der Weiden bis zur Oberflächenbehandlung erklärt. Für Fortgeschrittene halten die Autorinnen viele Ideen für kreatives Arbeiten parat. Extra: Alle 31 Flechtarten im Überblick mit Besonderheiten und Schwierigkeitsgrad.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Bernd Holtwick

Martina Fuchs

Rena Gerullis

Weidenkörbe flechten

2., aktualisierte Auflage

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Einführung

Danksagung

Eine verflochtene Geschichte

Erste Flechtwerke

Ein weit verbreitetes Gewerbe

Körbe in Massen

Wirtschaftswunder – Korbmacherkrise

Flechtwerk mit Zukunft

Weiden

Weidenvielfalt

Wuchsformen

Hegen und pflegen

Weidenernte

Längensortierung

Richtige Lagerung

Schälreife

Schälen

Arbeitsplatz

Werkstatt

Hocker und andere Helfer

Werkzeuge

100% Handarbeit

So entsteht ein Korb

Vor dem Flechten

Vom Boden bis zum Henkel

Flechtroutine

Die wichtigsten Korbtypen

Runder Henkelkorb

Runder Gartenkorb

Runder Obstkorb

Ovaler Henkelkorb

Ovaler Waschkorb

Zylindrischer Wäschekorb

Kirschenkorb

Oberflächenbehandlung

Fasern entfernen

Bleichverfahren

Räuchern

Oberflächenveredelung

Fundus für Fortgeschrittene

Mit Ecken und Kanten

Noch mehr Flechtwerk

Auf einen Blick

Die wichtigsten Böden, Füße, Geflechte, Ränder und Henkel in übersichtlichen Tabellen

Informationen

Glossar

Literatur

Bezugsquellen

Wichtige Adressen

Bildquellen

Impressum

Einführung

Ein Korb ist zweifellos nützlich – und doch möchte niemand „einen Korb bekommen“. Die bekannte Redensart bezieht sich auf einen Korb mit durchlöchertem Boden, den ein verliebter Mann von seiner Angebeteten aus dem Fenster heruntergelassen bekam. Sie signalisierte ihm damit, dass sie ihn nicht – wie er gehofft hatte – in dem Korb zu sich hinaufziehen würde, sondern dass er „durch den Korb fällt“, sollte er versuchen hineinzusteigen.

Diese Verwendung als Transportmittel zeigt, wie vielfältig Körbe und andere Flechtarbeiten früher eingesetzt wurden. Körbe waren unverzichtbare Gegenstände des täglichen Bedarfs. Ihre Herstellung war bis zum 19. Jahrhundert so selbstverständlich, dass der Satz „Der Korb ist gemacht“ ganz allgemein signalisierte, dass eine Arbeit erledigt war. Heute gilt das nicht mehr. Körbe sind keine Allerweltsgegenstände, sondern etwas Außergewöhnliches in einer Welt, die auf Massenproduktion und genormte Industrieware ausgerichtet ist. Flechtwerk hebt sich ab, weil Maschinen hier nicht das Hand-Werk mit den natürlichen Produkten verdrängen können. Das Wissen um die Herstellung von Flechtarbeiten ist zwar nicht verloren gegangen, es sind aber nur noch wenige, die darüber verfügen.

Unser Buch soll hier ein wenig Abhilfe schaffen und einen Zugang zum kreativen Umgang mit natürlich gewachsenen Werkstoffen eröffnen. So biegsam und elastisch das Material auch sein mag, es bleibt eigensinnig und verlangt, dass man auf seine Eigenarten Rücksicht nimmt. Wer sich der Korbflechterei widmet, wird Kraft und Geschicklichkeit trainieren und ein Gespür für die ganz besonderen Rohstoffe entwickeln, die mit den eigenen Händen in Form gebracht werden müssen. Insofern schafft das Flechten einen Erfahrungsraum, der in einer technisierten Welt klein geworden ist.

Aber mindestens ebenso wichtig sind die Ergebnisse der Arbeit: Körbe nach eigener Vorstellung, jeder ein Unikat. Wer die Grundlagen beherrscht, kann experimentieren und neue Varianten gestalten. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt – das gilt für die Gestalt der Körbe ebenso wie für ihre Verwendungsmöglichkeiten.

Sie werden nicht nur selber etwas Dauerhaftes gestalten lernen, sondern auch einen Blick für die Qualität von Flechtarbeiten entwickeln. Wir selber erfreuen uns immer wieder an schönen Körben und anderen Flechtarbeiten und wünschen Ihnen ebenso viel Freude am Flechtwerk!

Traditionelles Korbmacherhandwerk im oberschwäbischen Museumsdorf Kürnbach.

Danksagung

Viele Fachgespräche, anregende Diskussionen und gemeinsames Stöbern in Archiven mit nachfolgend Genannten haben zum Entstehen des vorliegenden Buches beigetragen. Besonders bedanken möchten wir uns auch bei den Menschen, die uns auf unseren beruflichen Wegen begleitet, ihr fachliches Können weitergegeben und uns immer wieder durch neue Aufgaben gefordert haben. Außerdem bei jenen, die uns in der Entstehungszeit des Buches auf vielfältigste persönliche Art unterstützt haben:

Dr.Ralf Baumeister, Michelle Gerullis, Sabine Hagmann, Friedel Heid, Markus Heid, Walter Keyser, Hans Maier, Günter Mix, Stefan Scheffelmann, Gert Semet, Margot Spohn.

Martina Fuchs,

Rena Gerullis,

Dr.

Eine verflochtene Geschichte

Von der Steinzeit bis heute hat sich das Flechtwerk mit dem Menschen gewandelt. Die Tradition der Korbmacherei ist mit der Kulturgeschichte der Menschheit verflochten und hat auch in unserer modernen Welt Zukunft.

Erste Flechtwerke

Das Flechten mit Naturmaterialien gehört zu den ältesten Kulturtechniken. Zusammen mit den frühesten Spuren von Siedlungen – also mit dem Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa 10000 Jahren – finden sich auch Überreste von Flechtarbeiten, die eine beachtliche Vielfalt und Kunstfertigkeit beweisen. Daraus lässt sich schließen, dass die Menschen die erforderlichen Techniken schon sehr viel länger beherrschten, auch wenn aus der Altsteinzeit keine entsprechenden Fundstücke vorliegen.

Geflochten wurden Körbe, Netze oder Kleidungsstücke. Dazu eigneten sich Gräser, Rindenbast, Zweige, Schilf, Rohr und viele andere Materialien. In Südspanien etwa wurden Überreste von 5 000 Jahre alten Flechtarbeiten entdeckt: aus Gräsern gefertigte Sandalen und kleine Körbe, die großes handwerkliches Können beweisen. Aus der selben Zeit stammen die Funde vom Federsee in Oberschwaben. Ungefähr 3 000 Jahre alt sind die Weidenkörbe, die in Auvernier am Neuenburger See in der Schweiz zutage kamen.

5 000 Jahre alte Flechtarbeit aus dem Federseegebiet.

Auch beim Bau von Hütten oder Zäunen kamen Flechtwerke zu Einsatz. Unser heutiges Wort „Wand“ erinnert noch daran, denn es gehört zu derselben Wortfamilie wie „Winden“ und auch „Verwandtschaft“ und bedeutete ursprünglich soviel wie „Geflecht“.

In Ägypten hatten Flechtarbeiten um das Jahr 1 000v.Chr. bereits eine herausragende Qualität erreicht. Es finden sich Belege für die unterschiedlichsten Formen von Taschen, Matten oder Körben. Auch Korbmöbel waren verbreitet.

Ausführliche schriftliche Darstellungen der verschiedenen Schritte, die etwa zum Ernten der Ruten und zur Fertigung der Körbe erforderlich sind, haben sich aus römischer Zeit ab dem dritten Jahrhundert vor Christus erhalten.

Aus dieser Epoche stammen auch die ältesten Abbildungen von Korbmacher-Werkzeugen, wie sie zum Beispiel auf einem Grabstein aus Vincenza aus dem ersten Jahrhundert vor Christus zu sehen sind. Schon aus dieser Zeit ist die Anlage und Pflege von Weidenkulturen belegt – einer der sieben Hügel des antiken Rom trägt den Namen „Weidenhügel“ (lateinisch: viminalis collis). Bemerkenswert ist, dass sich weder die Arbeitsschritte noch die Werkzeuge seitdem grundlegend verändert haben.

DAS KÖRBCHEN IM NIL

Ein schriftlicher Beweis für das Alter der Flechtkunst findet sich heute in fast jedem Haushalt: Die Bibel berichtet im zweiten Buch Mose davon, wie Moses als Säugling von seiner Mutter in einem geflochtenen Korb auf dem Nil ausgesetzt wurde, da das Kind andernfalls von den ägyptischen Machthabern getötet worden wäre:

„Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, machte sie ein Kästlein von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils.“

Die Tochter des Pharaos fand den Korb und rettete das Baby. Wie wäre die Geschichte wohl ohne den rettenden Korb verlaufen?

Geschnitten wurden die Weiden im Herbst und Winter. Die Ruten wurden entweder ungeschält verwendet oder direkt nach der Ernte geschält.

An Werkzeug genügen bis heute Messer und Hobel, um die Ruten zuzuschneiden und zu bearbeiten, ein Pfriemen, um Löcher zu stechen, und ein Schlageisen, um die geflochtenen Ruten eng zusammenzulegen.

Schon die römischen Korbmacher flochten Behälter für die Weinlese und andere landwirtschaftliche Körbe und Geräte wie Siebe oder Kornschwingen zur Reinigung des gedroschenen Getreides von der Spreu.

Die vielseitige Verwendung von Körben belegt ein Fund aus der im Jahr 79n.Chr. bei einem Ausbruch des Vesuv verschütteten Stadt Pompeji: über 200 kleine Schrifttafeln mit privaten und geschäftlichen Dokumenten wurden in einem Korb aufbewahrt. Auch Korbmöbel, vor allem Sessel oder Kästen, gehörten in vielen antiken Gebäuden zum Inventar. Flechtarbeiten schützten Glasflaschen oder tönerne Amphoren vor dem Zerbrechen. Wagen-Umrandungen ließen sich leicht und haltbar aus Flechtwerk herstellen. Und Körbe dienten schließlich auch als Grabbeigaben oder fanden als Opferkörbe und Urnen Verwendung.

An der Vorherrschaft der Weidenrute als Flechtmaterial änderte sich von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hinein nichts. Auch das breite Spektrum von geflochtenen Produkten blieb in seinen Grundzügen von der Antike bis in die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erhalten. Es orientierte sich am traditionellen Bedarf in Haushalt und Landwirtschaft und veränderte sich deshalb nur langsam und über größere Zeiträume.

Ein weit verbreitetes Gewerbe

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert verhinderten gerade die Verbreitung von Flechtarbeiten und die Alltäglichkeit ihres Gebrauchs die Ausbildung eines eigenständigen Berufsbildes. Körbe beispielsweise wurden auf dem Lande über Jahrhunderte hinweg im Nebenerwerb von der bäuerlichen Bevölkerung gefertigt. Dazu war keine besondere Ausbildung erforderlich, sondern es genügten Kraft, Geschicklichkeit und der Zugang zu den Rohstoffen. Die Korbmacherei diente als „Nebengewerbe für ländliche Tagelöhner oder als Nothbehelf von Krüppeln und Gebrechlichen“ (Hotop, 1896).

LIED DER KORBMACHER

Jetzt greife an, so schnell jeder kann,

Wir wollen in die Weiden,

Woll‘n wacker drauf los schneiden,

Schälen, schlitzen fein,

Und hobeln obendrein!

Und wenn nun geht alles um und um,

Wir flechten Körb‘ und Hüte

Aus allerbester Güte

Und desgleichen mehr

Verschaffen wir auf Ehr.

Als voran geht Schwefeln auch noch an,

Und darnach das Lackieren,

Das Richten, das Frisieren,

Dies alles verursacht

Die allerschönste Pracht.

In das Feld und in die weite Welt,

Nach Süden und nach Norden,

Nach West und anderen Orten

Wird, was von uns‘rer Hand

Gefertigt, hingesandt.

Und am End verdienen uns‘re Händ‘

Gar manchen schönen Pfennig,

Und doch hat mancher wenig,

Weil er eben nicht

Brav fleißig drauf los flicht.

Groß und klein soll deshalb fleißig sein,

Wir können stets uns nähren,

Soll‘s noch so lange währen,

Kinder, Mann und Frau

In unserem Michelau.

Rohr, Hanf, Flachs, Celluloid und Wachs,

Patentschnur und Bänder

Aus aller Herren Länder

Alles wird verwert‘,

Was erzeugt die Erd!

Binsen, Stroh, Lisch,

Ziert unsern Arbeitstisch,

Sinnet, Lufa, Flotten,

Und tausende von Borten,

Schilf und Raffia

Vom fernen Afrika.“

Strophen 1-6: Adam Leupold, Michelau 1839

Strophen 7-8: Fritz Aumüller, Michelau 1895

Da es ohne aufwendige Vorbereitung oder große Kosten für Geräte oder Gebäude möglich war, mit dem Korbflechten ein Zubrot zu verdienen, war eine Regulierung der Märkte – auf der die Zünfte grundsätzlich beruhten – schwer durchzusetzen. Damit verbunden waren geringe Verdienstmöglichkeiten bei der Herstellung von Korb- und anderen Flechtwaren. Entsprechend heftig waren die Auseinandersetzungen der städtischen Korbflechter mit ihrer Konkurrenz aus dem Umland und entsprechend schwierig und langwierig gestaltete sich die Zunftorganisation. Insgesamt sind nur in 19 deutschen und österreichischen Städten Zunftordnungen für Korbmacher nachgewiesen. Die älteste stammt aus Köln und datiert auf 1589, dann folgen München (1590), Braunschweig (1593) und Hamburg (1595). In Frankfurt am Main belegen Quellen schon für das 14. und 15. Jahrhundert die Arbeit von Korbmachern, ohne dass je ein Zusammenschluss und eine Berufsordnung entstanden. Mehr als die Hälfte aller Korbmacher-Zünfte wurden erst um 1700 gegründet. In dieser Zeit entstand eine genügend große Nachfrage nach feineren Körben, die für ihre Herstellung eine größere Kunstfertigkeit erforderten und deshalb eine gründlichere Ausbildung verlangten. In den meisten Städten blieb die Korbmacherei jedoch gänzlich „unzünftig“.

Das bedeutete gleichzeitig, dass die Korbmacherei weit verbreitet war. Die Einwohner von Dörfern oder Kleinstädten deckten ihren Bedarf bei den Handwerkern vor Ort. Die Korbmacher arbeiten vom Frühjahr bis zum Herbst in der Landwirtschaft oder bewirtschafteten einen eigenen kleinen Hof.

Nur im Winter, wenn die landwirtschaftliche Arbeit ruhte, konnten sie ihrem Gewerbe nachgehen und zogen mit den fertigen Körben über Land, um sie zu verkaufen. Eine andere Möglichkeit war die Herstellung der Flechtwaren direkt bei den Abnehmern, in der Regel Bauern, vor Ort – auf der sogenannten Stör. Die Belieferung der Kunden übernahmen auch Hausierer, die ihren Lebensunterhalt mit diesem Kleinhandel bestritten. Schließlich boten die regelmäßigen Märkte und Messen in den Städten Gelegenheit, Korbwaren zu verkaufen.

Die Körbe passten sich den Anforderungen der Kunden an, die regional sehr unterschiedlich sein konnten und sich nicht zuletzt nach den angebauten Früchten richteten. Kirschenpflückkörbe in ovaler Form und mit nur einem Henkel zum Aufhängen an der Leiter gehörten genauso zum Spektrum der Korbwaren wie die als Käzen bezeichneten Rückentragen der Weingärtner oder Kartoffel- und Streukörbe.

Ebenso ließen sich Körbe in allen denkbaren Größen herstellen, was auch bedeutete, dass man sie problemlos den verschiedenen Maßeinheiten anpassen konnte, die oft in einer Region nebeneinander verwendet wurden.

Körbe in Massen

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert trat zur traditionellen Form der Herstellung und des Verkaufs von Korbwaren etwas gänzlich Neues hinzu. Zwar wurden auch weiterhin Körbe einzeln und auf direkte Bestellung hin gefertigt und das dörfliche und bäuerliche Korbmacherhandwerk bestand fort, aber der Aufschwung der Industrie, die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse nicht zuletzt durch die Eisenbahn und das rasante Wachstum der Städte boten neue Möglichkeiten für die Korbflechterei. In den industriellen Ballungsräumen wuchs die Nachfrage nach Körben sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich. Dieser Bedarf konnte nicht mehr direkt vor Ort gedeckt werden, da es nicht genug geeignete Flächen für die Weidenanpflanzung gab und zu wenige Korbmacher.

Es entwickelten sich regionale Zentren der Korbmacherei, in Deutschland vor allem im Frankenwald um Coburg und Lichtenfels, in der Freiberger Mulde in Sachsen und nordwestlich von Aachen in den Flusstälern von Rur und Wurm. Diese Gegenden boten gute Voraussetzungen, weil Weiden dort hervorragend wuchsen und auch weil lukrativere Einkommensquellen fehlten. Bessere Straßen und der Ausbau der Eisenbahn erleichterten den Transport der Korbwaren zu den Kunden in den Ballungsräumen, sodass die Entfernung zwischen Herstellern und Abnehmern an Bedeutung verlor. In den Hafenstädten Hamburg und Bremen deckten viele Korbmacher den Bedarf der Schifffahrt und der Fabriken.

Auch gab es Regionen, die sich auf bestimmte Flechttechniken oder -produkte spezialisierten wie beispielsweise das Erzgebirge auf Spankörbe oder Emsdetten auf Getreidewannen – sehr flache Körbe zur Reinigung der gedroschenen Körner von der Spreu. Die Region Oberfranken hatte sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts wegen ihrer besonders feinen und schönen Weißkörbe aus geschälten Weidenruten einen Namen gemacht.

Bienenkörbe wurden früher oft als Nebenerwerb geflochten.

Allein im damaligen Regierungsbezirk Aachen wuchs die Anbaufläche für Weiden von etwa 800 Hektar im Jahr 1893 in nur sieben Jahren um 75% auf fast 1 400 Hektar. 1907 wurden in der Provinz Rheinland, zu der auch Aachen gehörte, 2 700 Korbmacherbetriebe gezählt, davon 2 400 hauptberuflich betrieben. 4 000 Menschen lebten direkt von diesem Handwerk, dessen Zentren in Heinzberg und in Geilenkirchen lagen.

Korbhändler präsentierten ihre Produktpalette oft auf Messen.

Im Regierungsbezirk Oberfranken, der die Gegend um Lichtenfels umfasste, arbeiteten zur selben Zeit sogar 5 500 Personen als Korbmacher. Im Bezirk Lichtenfels rechnete die Statistik die Hälfte aller Erwerbstätigen, fast 3 500 Personen, zur Korbmacherei. Diese arbeiteten in knapp 1 600 Betrieben. Nach gut begründeten Schätzungen verdienten in dieser Region 15000 Menschen direkt im Korbmachergewerbe ihr Auskommen oder doch ein wichtiges Zubrot. Das erhob den Raum Lichtenfels zum wichtigsten Korbmacherzentrum in Deutschland.

Allein im Jahr 1912 wurden von Lichtenfels und Coburg aus mehr als 3 500 Tonnen Korbwaren mit der Eisenbahn verschickt. Entsprechend groß war die Einfuhr von Rohmaterialien, da sich ein Bedarf dieses Ausmaßes nicht mehr aus der Region decken ließ.

Die Verteilung der fertigen Produkte übernahmen seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer weniger die Korbflechter selbst. An ihre Stelle traten Zwischenhändler, die entweder aus dem Kreis der Korbmacher selber hervorgingen oder Krämerläden besaßen. Einige Geschäfte wuchsen zu beträchtlicher Größe heran. Die großen Handelshäuser ließen sich von über 300 Korbflechtern und mehr beliefern. Sie konnten damit durchaus 30000 Muster im Programm haben und unter Berücksichtigung der verschiedenen Größen etwa 150000 unterschiedliche Körbe anbieten.

Die Waren mussten natürlich auch für den Kunden ansprechend präsentiert werden. Der klassische Ort dafür war die Messe, aber auch neue Wege wurden beschritten. So erschien 1850 der erste gedruckte Katalog eines Korbhändlers, der schon über 1 000 verschiedene Flechtarbeiten enthielt.

Auch Kinder mussten im Korbmacherbetrieb mitarbeiten.

Was angesichts der heutigen Situation der Korbmacherei kaum vorstellbar erscheint: Korbwaren aus dem deutschsprachigen Raum gingen in großem Stil ins Ausland – die Korbwarenfertigung war eine Exportindustrie. Als einer der Gründer des internationalen Korbwarenhandels wird Joseph Krauß aus Lichtenfels genannt, der sich 1823 mit seinem Karren auf den Weg nach Frankreich, Spanien und Portugal machte und schließlich bis nach Südamerika kam. Schon Ende des 18. Jahrhunderts aber wurden oberfränkische Körbe in den Niederlanden und in Russland verkauft. Brachten zunächst noch die Korbmacher selbst ihre Waren ins Ausland, so übernahmen ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Händler diese Aufgabe. Sie belieferten zunächst die Nachbarstaaten wie Frankreich, die Schweiz oder Belgien und die Niederlande, seit den 1860er Jahren auch Großbritannien und Nordamerika. Weitere Regionen kamen hinzu, sodass vor dem Ersten Weltkrieg von einem weltweiten Handel mit deutschen Korbwaren gesprochen werden kann.

Allerdings bedeutete das auch, dass sich die deutschen Korbmacher dem globalen Wettbewerb stellen mussten. Gegenüber den französischen Berufskollegen profitierten sie von ihrem größeren Einfallsreichtum und ihrer Vielseitigkeit bei der Entwicklung neuer Muster vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert.

In Großbritannien beschränkte sich die einheimische Produktion eher auf einfachere Waren oder auf Möbel. Große Mengen an Korbwaren wurden eingeführt: 1907 kamen 17,5% der eingeführten Körbe aus Deutschland, 29,1% und damit die größte Menge aus Belgien, 19,7% aus den Niederlanden.

Italien exportierte einfache Korbwaren vor allem nach Österreich-Ungarn, in die Schweiz und nach Frankreich.

Der Export aus Deutschland in die USA lohnte sich, weil das deutsche Lohnniveau geringer war als das amerikanische. Japan wiederum unterbot die europäischen Preise und zeichnete sich durch besonders feine Produkte aus.

Hand in Hand mit der Ausweitung des Exports ging die Einführung neuer Flechtmaterialien. Seit etwa 1850 verbreiteten sich Rattan und Peddigrohr, die aus dem Stamm der südostasiatischen Rotangpalme gewonnen werden, ebenso wie die Blattrippen einer kubanischen Palmenart. Spanien lieferte Esparto-Gras und aus China und Japan kamen verschiedene Strohsorten. Die Hersteller mussten den Geschmack ihrer Kundschaft im In- und Ausland erkunden und möglichst genau bedienen – das bedeutete auch, sich wechselnden Moden flexibel anzupassen.

Im 19. Jahrhunderts kamen viele neue Flechtmaterialien auf den Markt. Das Korbmacherlied des Volksschullehrers Adam Leupold aus dem Jahr 1839 spiegelt das gut wieder, denn es behandelte ausschließlich die Weide – und wurde deshalb 1895 um zwei Strophen ergänzt, welche die vielen neu hinzugekommenen Materialien aufführen.

Die Einfuhr von Rohstoffen aus aller Herren Länder und der Vertrieb von Korbwaren in die ganze Welt brachten aber nicht nur neue Verdienstmöglichkeiten, sondern auch globale Abhängigkeiten mit sich. Das zeigte sich, als durch die Wirren des kubanischen Unabhängigkeitskampfes gegen die spanische Kolonialmacht in den Jahren 1876 und 1896 bis 1899 kaum noch Palmblätter nach Europa gelangten. Dadurch stieg der Preis für die Palmkörbe so sehr, dass sie nicht mehr abzusetzen waren und die Korbflechter sich nach neuen Verdienstmöglichkeiten umsehen mussten. Aus Peddigrohr geflochtene Möbel bereicherten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Produktpalette der Korbmacher. Pionier war dabei eine Coburger Firma, welche die Idee von der Weltausstellung in Chicago mit nach Oberfranken brachte und dort weiterentwickelte.

Der eigentliche Herstellungsprozess der Korbwaren veränderte sich durch die Industrialisierung nicht. Es gibt bis heute keine Maschinen, die Flechtwerk aus Naturmaterialien herstellen können, sofern man einmal von den einfachen Geflechten für Stühle und dergleichen absieht. Neu dagegen war die starke Position der Händler, die die Aufträge der Kunden entgegennahmen und die Korbmacher mit der Herstellung beauftragten. Als Grundlage diente dabei das Musterbuch der Händler, an dem sich die Korbflechter orientierten.

Die Stellung der Korbmacher unterschied sich darin, ob sie sich das Material für die bestellten Körbe selber beschafften oder ob sie es vom Händler erhielten und damit im Grunde zu Lohnarbeitern wurden. Sie waren aber noch schlechter gestellt als die Arbeiter, da sie ihre Werkstatt selber stellen und auf Versicherungsschutz oder ähnliche Absicherungen verzichten mussten. Die Abhängigkeit von einem Händler konnte so weit gehen, dass die Korbmacher gar nicht mehr mit Bargeld bezahlt wurden, sondern mit Lebensmitteln, Flechtmaterialien und anderen Waren, die wiederum aus dem Laden des Händlers stammten – und an denen er zusätzlich verdiente. In einer günstigeren Position waren Korbmacher, die Aufträge von mehreren Händlern bekamen und dadurch einen gewissen Verhandlungsspielraum gewannen oder sich durch besonderes Geschick auszeichneten und beispielsweise Musterkörbe fertigten.

Blick in eine Korbstuhlmacherwerkstatt um 1900.

Seit Ende der 1860er Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Korbmacher deutlich. Während sie bis dahin ein mit anderen Arbeitern vergleichbares Einkommen erzielt hatten, musste um 1900 eine ganze Familie flechten, um den Lohn eines einzelnen Fabrikarbeiters zu verdienen. Dabei waren die Kosten für die Werkzeuge und Arbeitsräume noch nicht eingerechnet.

Viele Korbmacher verfügten über weitere Einnahmequellen, indem sie entweder Landwirtschaft betrieben oder ein anderes Gewerbe zusätzlich ausübten. Das sicherte ihnen das wirtschaftliche Überleben, schützte sie aber nicht vor teilweise extremen Arbeitsbelastungen