Weihnachten Gans anders - Heide-Brigitte Binner - E-Book

Weihnachten Gans anders E-Book

Heide-Brigitte Binner

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Beschreibung

Weihnachten ist das Fest der Liebe – nicht das der Perfektion. Dieses Fest lebt vom Miteinander und Füreinander der Menschen, die es aus der Freude über die Geburt Christi feiern und denen es gelingt - oder einfach geschieht - dass sich ihre Freude mitunter sogar auf jene überträgt, denen der Anlass dieses Festes eher unwichtig, rätselhaft, egal ... ist ...

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Weihnachten ist das Fest der Liebe – nicht das der Perfektion. Dieses Fest lebt vom Miteinander und Füreinander der Menschen, die es aus der Freude über die Geburt Christi feiern und denen es gelingt – oder einfach geschieht - dass sich ihre Freude mitunter sogar auf jene überträgt, denen der Anlass dieses Festes eher unwichtig, rätselhaft, egal... ist. ..

Heide Binner, geb. 1943, hat die diese Geschichten zum Vorlesen unterm Adventskranz und Weihnachtsbaum für ihre Kinder und Enkelkinder erdacht und aufgeschrieben. Illustration Katharina Binner

Inhaltsverzeichnis

Weihnachtsgruß

Gastarbeiter?

Weihnachten mal anders?

Weihnachtsliederhasse

Da waren Hirten auf dem Felde

Lost and found (1)

Lost and found ( 2)

Gans (?) anders

Schneewehen

Aus dem Nähkästchen

Zwischen den Fronten

Vom Engel Gabriel und anderen Engeln der Weihnachtsgeschichte

Theo und die Wunschzettel

Vorlesestunde

Die Geschichte vom Kullerkeks

Vom krummen kleinen Tännchen

Julepuppe

Kasimir und der nächtliche Gast

Als Eric nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubte

Oma Krügers Tanne

Tippi und der Engel Gabriel

Flori,der Feuerschutzengel

Lilly will!

Paul auf der Leiter

Weihnachtsgruß

Über Weihnachten ist - mein ich -

alles ja schon längst gesagt -

aber Weihnachtsgrüße sind

weiterhin doch sehr gefragt -

drum ich will euch nicht enttäuschen,

nein, das liegt mir wirklich fern –

Weihnachten, das Fest der Liebe

und euch hab ich wirklich gern!

Also hier der Wunsch zum Feste:

Euch begegne nur das Beste!

Heide Binner

Gastarbeiter?

Sachen gibt `s

Angelika Schiller schüttelte den Kopf. „Schon wieder so ein Witzbold, der denkt, wir haben hier nichts zu tun“, fauchte sie, warf den Schrieb in den Papierkorb und vergaß ihn alsbald. Sie wusste auch ohne solche lächerlichen Schmierereien nicht, wo ihr der Kopf stand. Aus aller Herren Länder zog es Fremde nach Deutschland die alsbald Anträge über Anträge stellten. Alle, deren Name mit den Buchstaben N –P begannen, landeten auf ihrem Tisch.

Sie wandte sich wieder ihren turmhohen Aktenbergen voller Anträge, Eingaben und Beschwerden zu. Einige Tage später hielt sie erneut so ein dubioses Schreiben in der Hand – schon nach dem ersten Satz ließ sie es mit einem unwilligen Grunzen im Papierkorb verschwinden, überlegte es sich gleich darauf aber anders und holte sie es wieder hervor. Sie würde es ihrem Dienststellenleiter auf den Tisch legen. Sollte der doch mal sehen, womit sie sich so alles herumschlagen musste und es am besten gleich selbst beantworten. Sie war gespannt was er dazu sagen würde. Noch einmal las sie den Text und fand ihn nun, da sie sich für seine Bearbeitung nicht mehr zuständig fühlte, nicht mehr ganz so provokant.

Sehr geehrte Damen/Herren

Aufgeschreckt von Protesten in diesem Land gegen Ausländer bitte ich Sie um Mitteilung, ob jetzt und in Zukunft in Deutschland eine Tätigkeit in meinem Namen weiter erwünscht ist und ob ich darüber hinaus um meinen guten Ruf und die Sicherheit meiner Helfer besorgt sein muss. Wie sie vielleicht nicht wissen, bin ich von türkischer Abkunft, habe jedoch weder dort noch in ihrem Land, meinen Wohnsitz. Genaugenommen bin ich wohl staatenlos. Wie sieht es in diesem Fall mit der Erlaubnis aus, mit und in meinem Namen zu arbeiten? Mit freundlichen...

Sie ließ das Blatt sinken und grinste schadenfroh, der Chef würde sich freuen...

Einige Tage später:

Auf dem Flur der Arbeitsagentur drängten sich die Leute. Sie zwängten sich auf die wenigen Bänke, lehnten an den Wänden und saßen auf dem Boden.

Stumpf starrten die meisten vor sich hin. Hier quengelte ein Kind, dort schimpfte ein Wartender auf zwei kleine Jungs, die ihm mit ihren Autos immer zwischen den Füßen herumfuhren, einem anderen war der Kopf auf die Brust gesunken - er schlief, kippte ab und zu bedrohlich zur Seite, fing sich aber immer wieder auf ohne dabei zu erwachen. Nur selten öffnete sich eine der vielen Türen und mehr oder minder unzufriedene Antragsteller verließen eilig den Gang, während die Verbleibenden hoffnungsvoll auf die Nummernanzeige in der Mitte des Flurs starrten.

Seltsamerweise waren es die Augenblicke des Aufrückens, in denen mitunter kurze Gespräche unter den Wartenden entstanden.

Schon lange hatte Horst Weber seinen sonderbar gewandeten Nachbarn unauffällig von der Seite gemustert. „Schon wieder so ein zugereister Exot“, dachte er bei sich „warum rennt der hier in so einem Gewand rum, sieht ja aus, wie`n Komparse aus einem Historienfilm“. Der so eingestufte lehnte Gottergeben an der Wand, sah lächelnd auf die Kinder, schob hin und wieder ein verirrtes Auto zurück und faltete momentan Schiffchen aus Flyern für die Kinder.

„Komische Type“, hatte er bei sich gedacht, „passt irgendwie nicht her“. Aber wer passte schon her? Er fühlte sich hier jedes Mal doch auch wie im falschen Film – hätte ihm das einer vor zwei Jahren gesagt, dass er seine Tage auf so einem Flur verbringen würde, er... Nee, wollte er gar nicht mehr drüber nachdenken...

Horst Weber wandte sich seinem Nachbarn zu: „Sie sind neu hier, wa? – Hab Sie jedenfalls hier noch nie gesehen – oder...?“

Der so Angesprochene sah lächelnd von seiner Faltarbeit auf. „Stimmt – ich weiß auch gar nicht, ob ich hier richtig bin. Irgendwohin muss ich mich ja wenden. Man will ja keinen Fehler machen nicht wahr? Habe darum mal nachgefragt und,“ er zeigte auf einen Schrieb: “Man hat mich aufgefordert zur Klärung meiner Angelegenheit vorzusprechen!“ Sein Aussehen und die Art und Weise wie er diese Wörter betonte, bestätigten Weber in seiner Vermutung:

„Sie sind nicht Deutscher – stimmt `s?“ Jedes Gespräch war besser, als das stumme vor sich hin Starren “und woher kommen sie?“ Freundlich antwortete der andere:

„Was soll ich sagen? –Meine letzter Aufenthaltsort ist wohl Italien. Nach meinem Geburtsort gelte ich jedoch als Türke – aber ich besitze keinen Pass von irgendwo. So etwas braucht man ja wohl hier in meiner Lage –oder?“

„Kommt drauf an, was sie wollen. Für eine Arbeitserlaubnis brauchen sie auf jeden Fall einen.“

„Gibt es da keine Ausnahmen? So etwas wie allgemeines Interesse oder Gewohnheitsrecht?“

„Sie kennen sich aus, was?“ Horst Weber sah ihn mitleidig an – „Hier zählen nur Fakten und Formulare.

Ohne Papiere läuft nichts! Was hoffen Sie denn hier zu erreichen? Unterstützung oder Arbeit?“

„Unterstützung? Sie meinen finanzielle? Nein auf keinen Fall – und Arbeit? Davon habe ich mehr als ich schaffen kann. Ohne meine Helfer würde ich verzweifeln – Und dann gibt es da noch diesen Trittbrettfahrer – diese Kunstfigur, die meine Arbeit – ach was, meine Berufung - leicht abgewandelt übernommen hat...

Aber das führt jetzt zu weit...

Nein, ich will nur sicher gehen, dass alles, was ich zu verantworten habe, legal abläuft. In meiner Position wäre es fatal, wenn ich gegen die Regeln der Staatsgewalt handeln würde... gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist... Sie verstehen?“ Horst Weber verstand nichts – aber langsam war er echt neugierig geworden. Jemand kam freiwillig her um „sicher zu gehen...“ Er selbst verfuhr lieber nach der Maxime: Jehe nie zu deinem Fürst, wenn de nicht jerufen wirst...

„Darf man fragen, was das für eine Arbeit ist, von der Sie mehr als genug haben?“

„Ich würde sagen – in erster Linie eine Verteilertätigkeit - so ein Mittelding zwischen Sozialarbeit, Wohltätigkeit und Verteilerjob – zumeist im Bereich Kinder und Jugend – aber nicht ganzjährig ...“.

„Ah ich verstehe...“, (Horst Weber verstand nicht die Bohne, aber die Blöße wollte er sich nicht geben) „Sie verteilen Flyer ... machen Werbung mit und für Kinder. Interessant..., im Sportbereich oder eher Nachhilfe und Musikerziehung? Na– da hängt `ne Menge Papierkram dran. Ob Sie da hier richtig sind...?“ Gewichtig mit dem Kopf nickend setzte er noch hinzu: „Bei Arbeit mit Kindern durch Leute mit Migrationshintergrund sind sie hierzulande ja besonders pingelig. Viel Glück!“

Sein Interesse erlosch, er hatte alles gesagt, was es seiner Meinung nach zu diesem Thema zu sagen gab – nun wandte er sich wieder der Sportseite seiner BZ zu.

Der zarte Gong in Verbindung mit einer neuen Nummer ertönte. Der vermeintliche Türke erhob sich ohne Hast, nickte Horst Weber noch einmal freundlich zu und betrat das Zimmer der Sachbearbeiterin für die Buchstaben N- P, Angelika Schiller. Gleichzeitig mit einem höflichen: „Guten Tag –Ich soll mich hier melden...“, legte er die Aufforderung zum klärenden Gespräch auf den Schreibtisch der Sachbearbeiterin. Sie warf einen kurzen Blick darauf und sah dann erstaunt hoch:

„Ach Sie sind also der Herr, der diese seltsamen Anfragen geschrieben hat. Ja wissen Sie, das war schon sehr ungewöhnlich...Bei sich dachte sie: „Sieht eigentlich recht nett aus – wenn auch etwas exotisch“.

Nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, wurde sie geschäftsmäßig: „Sie schrieben, dass Sie seit langer Zeit schon ein saisongebundenes Unternehmen betreiben und nun plötzlich auf die Idee gekommen sind, dass so etwas hierzulande genehmigungspflichtig ist...“

„Also Unternehmen würde ich das nicht nennen...“

„Aber Sie schrieben doch in ihrer Anfrage, dass Sie seit Jahren als Initiator einer landesweiten Aktion zur Verteilung von Süßwaren gelten – übrigens –besitzen Sie einen Gesundheitspass? Süßwaren sind Lebensmittel und das verlangt gesonderte Genehmigungen...“

„Also nein..., das wusste ich nicht – aber in meinem Fall - also ich verteile ja schon lange nicht mehr selbst – bin nur - wie schon gesagt, der Initiator ... oder Vorbild vielleicht... jedenfalls schon lange nicht mehr Täter! Ich wollte ja nur sicher gehen, dass Aktivitäten in meinem Namen ...“

Die Sachbearbeiterin unterbrach ihn: „Herr...“ Sie blätterte in ihrer Akte - endlich war sie fündig geworden: „Hier... Sie schreiben, sie sind Türke ohne Pass? Wie kommt das? Wann oder wodurch sind sie ausgebürgert worden? Haben Sie vielleicht den Militärdienst verweigert oder sind anderweitig straffällig geworden? Ich finde in Ihrer Akte zudem weder einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis noch eine Duldung oder ähnliches. In dem Fall sehe ich keine Möglichkeit für Sie, eine offizielle Unterstützung Ihres wie auch immer gearteten Tuns zusagen zu können. Bemühen Sie sich um gültige Papiere und dann sprechen wir uns wieder“.

„Vielleicht habe ich das nicht richtig zum Ausdruck gebracht – aber es geht hier nicht nur um mich – alles was ich tue, – was in meinem Namen getan wird - , geschieht eigentlich auf Initiative eines jüdischen Zimmermanns und da ...In diesem Land... nach den Übergriffen...“

„Den Juden lassen wir jetzt mal aus dem Spiel – das ist gar nicht zu vergleichen – wir reden jetzt von Ihnen: Sie haben keinen Pass und damit sind Sie hier genaugenommen gar nicht vorhanden. Haben sie das verstanden“...sie warf einen Blick auf die Akte, „...Herr ...von Myra?“ Sie stutzte: „Ihr Vorname ist Nikolaus? – klingt gar nicht türkisch. ... und dazu ein deutsches Adelsprädikat... Nikolaus von Myra? Sachen gibt `s...“ Lächelnd, aber den Kopf schüttelnd, verließ der Mann das Büro.

Weihnachten mal anders?

„Aber Vater, nun sieh es doch endlich mal ein – die Zeiten haben sich geändert und damit auch die Art und Weise wie wir Weihnachten feiern. Wir haben keine Kinder und sind auch keine mehr. Elvira und ich haben mit Freunden einen Bungalow auf Fuerteventura gebucht. Dort werden wir die Feiertage und den Jahreswechsel verbringen.“

Ralf hatte sich vor diesem Gespräch gefürchtet und von vorneherein gewusst, dass sein Vater verletzt und enttäuscht sein würde – aber war es nicht sein gutes Recht, einmal anders Weihnachten zu feiern als in den vergangenen 29 Jahren? Ohne Vater?

„Dass sich die Zeiten ändern, mag sein – aber das heißt noch nicht, dass man jede Änderung mitmachen muss!“ Benno Paschke war verletzt – innerlich. Zum ersten Mal kam er sich vor wie zum alten Eisen geworfen – abgelehnt –vor den Kopf gestoßen oder wie immer man das nennen wollte.

Ralf war sein einziger Sohn. Trotzdem hatte er es immer vermieden, sich ihm aufzudrängen oder gar etwas von ihm zu fordern – aber ihn Weihnachten alleine zu lassen...?

Enttäuscht und wütend stand er auf. „Wir sehen uns dann also nicht zum Fest? – Ihr bleibt dabei?“ Benno räusperte sich oder war das ein versteckter Schluchzer, der in seiner Kehle quer saß? Seit seine Lisbeth ihn vor fünf Jahren verlassen hatte, verbrachte er den Weihnachtsabend bei seinem Sohn und dessen Frau – und nun sollte er ihn plötzlich alleine verleben? „Papa, nun tu doch nicht so, als wenn die Welt untergeht. Wir wandern nicht aus, wir stoßen dich nicht von uns, wir wollen nur einmal nicht zuhause Weihnachten feiern.“

Der alte Herr straffte sich und stand auf. Er würde seinem Sohn keine Szene machen.

„Papa, das Einzige, was ich mir von dir wünsche...“, Ralf erhob sich ebenfalls und deutete eine versöhnliche Umarmung an, “...nee, es muss eigentlich heißen: ...was ich mir für dich wünsche ist, dass du dir endlich eine Beschäftigung suchst, eine Gruppe – irgendetwas, dass dir gut tut. Mama ist seit fünf Jahren tot. Du hast früher so gerne Skat gespielt... Es gibt doch Seniorenclubs im Nachbarschaftsheim, Gruppen in der Gemeinde, die etwas zusammen unternehmen... Du bist doch nicht der einzige alleinstehende Herr. Früher warst du viel umtriebiger, unternehmungslustiger...“

„Ist schon gut. Magst ja Recht haben. Ich ...“, Benno suchte nach Worten.

„Klar habe ich Recht Papa. Sieh dich mal um, tu was für dich. Und sei froh, dass du dich nicht auch noch um ein Geschenk für uns kümmern musst. Wir haben wirklich mehr als genug. Noch besser ginge es uns nur, wenn wir mehr von unserem Bruttoverdienst behalten dürften.“

Ach jetzt lenkt er wieder ab und kommt zu seinem Lieblingsthema: der dringend notwendigen Steuerreform, vermutete Benno - aber er irrte sich, sein Sohn fuhr fort:

„Ich denke so oft: Was ist bloß aus dem Fest zur Geburt Christi geworden - dem Fest der Liebe? Das ist doch nur noch ein Riesenzirkus! Elvira und ich wollen mal keinen Kommerz mit Pflichtgeschenken und keine Gefühlsduselei, keinen Stress, keine Wohnung voller Tannennadeln und Kitsch... Ist das zuviel verlangt?“ „Ich hab`s schon verstanden“, unterbrach Benno seinen Sohn und wandte sich zum Gehen. „Grüß deine Frau von mir und macht euch keine Sorgen um mich.“

Der alte Herr öffnete die Wohnungstür, nickte noch einmal verbindlich und verließ das Haus.

In ihm rumorte es, tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf: „Pflichtgeschenke!!! Phh, Freude wollten sie bringen und hätten dafür ihr letztes Hemd hergegeben..., Gefühlsduselei..., Stress... von wegen – das war echte Liebe und Herzlichkeit aus der heraus Liesbeth und er ihrem Kind alle Feste gestaltet hatten...

Und hatte er sie etwa nicht genossen?

Natürlich waren seine Frau und er nach den Feiertagen erleichtert, wenn es wieder ruhiger zuging, aber das hielt sie nicht ab, auch im folgenden Jahr weder Kosten noch Mühe zu scheuen – für ihn - und weil es ihnen Spaß machte, jawohl!

Jede kleine Anstrengung hieß heutzutage gleich Stress!

„So `n Quatsch!“, sagte er so laut, dass Passanten ihn erschrocken ansahen. Doch davon bemerkte er nichts – in ihm kochte es weiter:

...Kommerz – auch so ein Schlagwort! Das, was sich sein Sprössling da gerade einredete – diese künstliche Sehnsucht nach einem Geschenke - freien –, einer sogenannten besinnlichen Weihnacht, sollte sich durch einen Urlaub im Süden erfüllen? Das hatte mit der Geburt Christi doch noch viel weniger zu tun, als der Weihnachtsmann und liebevoll verpackte Geschenke unterm Baum.

War Weihnachtstourismus nicht sowieso durch und durch Kommerz?

...oder lag es an Elvira? Hatte sie bloß keine Lust für ihren Schwiegervater die Köchin zu spielen? Ein Jammer, dass die beiden keine Kinder bekommen hatten, dachte sich Benno zum wiederholten Mal. Dann wäre vieles anders – oder vielleicht auch nicht! Seine Nachbarn fuhren ja sogar mit ihren drei Kindern regelmäßig zum „Weihnachtsski“ und die Großeltern durften die Geschenke am vierten Advent abliefern.

Der alte Herr verspürte keine Lust in sein leeres Zuhause zu gehen. Die Sonne schien für die Jahreszeit außergewöhnlich warm. Statt auf den Bus zu warten, beschloss er den Weg zu Fuß zurückzulegen. Zum Stillsitzen fühlte er sich in kritischen Situationen stets viel zu rastlos. Beim Laufen konnte er besser nachdenken und „Dampf ablassen“. Mit energischen Schritten überquerte er die Hauptstraße und bog in eine ruhige Seitenstraße ein. Bis hierher hatte es die Stadtreinigung noch immer nicht geschafft, das Laub der vielen Straßenbäume zu beseitigen. Es häufte sich an Baumscheiben und in windstillen Ecken. Benno musste wider Willen lächeln, als er sich erinnerte, wie gerne er als Bub und später auch mit seinem kleinen Sohn, die Blätter mit den Füßen vor sich her geschoben hatte. Doch dann packte ihn wieder die Wut: Was ist aus dem fröhlichen, fantasievollen kleinen Bengel für ein trockner, überaus rationaler Kerl geworden. „...such dir was...“ Ja wie denn, was denn? Als ob es so einfach wäre, in seinem Alter neue Kontakte zu knüpfen...

Mit einem wütenden Tritt schoss er einen Laubhaufen auseinander. Ein Lottoschein fiel ihm ins Auge. „...gib mir `ne Chance, kauf dir ein Los...“ Der Witz von Kohn, der täglich flehte: “Gott lass mich im Lotto gewinnen...“

fiel ihm ein. Er hob den Schein auf. 3 -14 – 16 –30 - 32 – 37 hatte der Spieler – wahrscheinlich erfolglos – getippt. „Beinahe Lisbeths und meine Geburtstagsdaten“, staunte er, „ nur die 12 ist nicht dabei und die 30 passt zu keinem von uns“.

Der Beinahe - Streit mit seinem Sohn ging ihm immer noch nach –, er musste etwas tun, der Rat- und Rastlosigkeit entkommen. Also steckte er den Schein ein und steuerte auf die nächste Lottoannahmestelle zu.

Hier übertrug er die Zahlen und riskierte noch einen Tipp mit der 12 und ohne die 30 – sicher ist sicher – vielleicht wollte ihm jemand – Gott(?), – das Schicksal(?), seine Lisbeth (?), einen Wink geben.

„So“, sagte er „Herr jetzt hast du ´ne Chance“, und in dem Gefühl, wenigstens etwas getan zu haben, ging er, mit seinem Schicksal schon wieder fast versöhnt, nach Hause.

Das letzte Stück der Strecke führte an einer Baustelle vorbei – zum ersten Mal nahm Benno wahr, dass es sich dabei um eine zukünftige Seniorenresidenz handelte – dem Namen nach sogar etwas Anspruchsvolleres - jedenfalls verhieß das seiner Meinung nach der lateinisierte Name „Philemonium“

„...Philemon – der Freundliche – der Gastfreundliche... Ein gastfreundliches Haus also? Klingt nett... Da wäre er bei zukünftigen Weihnachtsfesten bestimmt nicht allein...“

Noch intensiver betrachtete er das Bauschild und schüttelte dann den Kopf: „Nee! Meine eigenen vier Wände aufgeben - so weit bin ich noch nicht!“ Zielstrebig schritt er nun seinem Heim entgegen. Das Leben würde weitergehen, Weihnachten vorüber sein... wie gut, dass er eingelenkt hatte. Nichts wäre schlimmer, als mit seinem Sohn zerstritten zu sein – der Klügere gibt eben nach...

Die nächsten drei Tage vergingen – zwar nicht wie im Flug - aber wenigstens ohne Ärger. Sein Sohn rief gleich am nächsten Morgen an und goss Öl auf „die seelischen Wogen“ seines alten Herren indem er gestand: „Vielleicht habe ich ja etwas heftiger argumentiert als es nötig gewesen ist... , und Elvira hat vorgeschlagen, am vierten Advent für uns zusammen eine kleine „Vorfeier“ auszurichten... Schlaf mal drüber – wir haben ja noch nicht mal den ersten Advent, aber an dem sehen wir uns ja sowieso ...“

Auch Benno war um Ausgleich bemüht, bedankte sich artig für die Einladung und erzählte, dass er sich gerade im Internet das Programm der Urania ansehe...

„Hast ja Recht, ich muss mehr rausgehen“, und legte nach weiteren belanglosen Floskeln auf beiden Seiten wieder auf. Seine Mine verhieß jedoch, dass er alles andere als zufrieden und voller Pläne war.

Dann überschlugen sich die Ereignisse – nein, eigentlich war es nur ein Ereignis, das alles in Bewegung brachte: ER hatte im Lotto gewonnen! Fünf Richtige mit Zusatzzahl und noch einmal fünf Richtige! Noch wusste Benno nicht, wie hoch die Gewinnquote letztendlich sein würde – aber bestimmt hoch genug, um damit einmal etwas Schönes zu machen.

Geld ausgeben, ohne Sorgen prassen... Immer wieder nahm er den Schein in die Hand.

Ihm war es nie schlecht gegangen. Immer eine Mark mehr zu haben, als man zum Leben braucht, war sein Motto gewesen und das Schicksal hatte ihm die Möglichkeit geschenkt, danach leben zu können.

Er sah sich um und horchte in sich hinein.... Was brauchte er - wollte er haben? ...ändern? ...tun? Sollte er sich um eine kleinere Wohnung in der Seniorenresidenz kümmern, die da gerade gebaut wurde? Ihm würden zwei Zimmer wirklich genügen. Ein Umzug war immer eine kostspielige Angelegenheit – aber jetzt wäre das ja kein Problem. Andererseits... die Erinnerungen... Jedes Stück, jeder Raum seiner Wohnung, gehörte zu seinem Leben mit Elisabeth - sein vertrautes Zuhause seit fünfundvierzig Jahren. Wollte er das wirklich aufgeben?

Er musste sich ja nicht sofort entscheiden, könnte sich jedoch mal unverbindlich informieren...

„Besitz schafft Sorgen“,