Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Weihnachten im Cariboo zweimal - Suso Gygax

Es ist einige Tage vor Weihnachten. In der entlegenen Cariboo Region von British Columbia, bricht ein junger Mann, Giorgio, in eine Hütte ein. Er ist aus Vancouver geflohen, wo er Zeuge einer Schießerei in einem asiatischen Restaurant wurde. David, ein pensionierter Lehrer, entdeckt ihn und wird ihn über die Feiertage beherbergen. Im Gegenzug will er die ganze Wahrheit hören. Diese ist jedoch schwer zu fassen. Weihnachten in Davids Blockhaus ist eine festliche Angelegenheit: seine Familie, die geschätzten Nachbarn, und nun auch noch Giorgio und seine geschiedene Mutter. Sie bleiben jedoch nicht die einzigen Gäste. Giorgio ist von bewaffneten Schlägern aufgespürt worden. Die Handlung ist aber nicht nur spannend. Davids Homosexualität, die für seine Karriere als Lehrer ein echtes Handicap bedeutete, gibt der Geschichte auch eine starke sexuelle Komponente. Und wieder ist Weihnachten, mit der gleichen Gesellschaft, aber ohne Giorgio. Dieses Fest ist eher düster und verhalten – und David blickt in eine unsichere Zukunft.

Meinungen über das E-Book Weihnachten im Cariboo zweimal - Suso Gygax

E-Book-Leseprobe Weihnachten im Cariboo zweimal - Suso Gygax

Dieses Buch ist eine deutsche Fassung von “A Cariboo Christmas; repeat,“ CreateSpace, 2015, ISBN 9781514661635, übersetzt von Christine Weidl, DE 07646 Bollberg, in Zusammenarbeit mit dem Autor.

Dieses Werk ist fiktional. Alle Namen, Charaktere, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder der Fantasie des Autors entsprungen oder werden auf fiktionaler Ebene verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit realen lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Örtlichkeiten ist rein zufällig.

Geschrieben 2013

Vielen Dank, Annette. Deine Augen sind noch immer scharf.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

1

David hatte genug. Warum endete jede Unterhaltung mit Janet darin, dass er sich ärgerte? Wegen ihrer lästigen Angewohnheit, ihn ständig bemuttern zu müssen? Schließlich war er nicht ihr Kind, sondern sie seines. Er war durchaus in der Lage, das Alleinleben zu meistern, vielen Dank. Zieh doch einen wärmeren Pulli an. Er brauchte keinen wärmeren Pulli heute Abend, nur seine Outdoorjacke. Domi stand bereits ungeduldig an der Tür und wedelte mit dem Schwanz. David fuhr mit der Hand durch das schwarz-weiße Fell und tätschelte seinen Kopf. Lass uns hinausgehen!

Die Luft war frisch, der Wind hatte zugenommen. Es könnte kalt werden heute Nacht, später würde es vielleicht sogar etwas Schnee geben. Der wirkliche Winter war nicht mehr weit. Domi war vorausgelaufen. David folgte ihm über die Brücke und dann weiter die Zufahrtsstraße hinauf, die von der Hauptfahrstraße abzweigt und in die fernen Berge führt. Hier war der Wind sogar noch stärker, blies aus Nordwesten. Er nahm einen schmalen Zubringerweg, über den man seine eigene und auch die anderen am See verstreuten Parzellen erreichen konnte. Seine Blockhütte war die einzige, die winterfest gemacht worden war. Alle anderen, es waren insgesamt vier, waren Sommerhäuschen und standen um diese Jahreszeit leer. Das passte ihm gut.

Er sah, wie Domi durch das Unterholz streifte, schnüffelte und hier und da ein wenig im Boden kratzte. Er war ein lieber Hund, bellte nur, um zu warnen. Er hatte ihn von Eric bekommen, der etwa zwanzig Minuten die Straße hinunter in Richtung der weit entfernten Stadt ein Stück Land bewirtschaftete. Die Petersons – Eric, Linda und ihre drei Kinder – waren seine nächsten Nachbarn. Immer, wenn er in der Gegend war, schaute er bei ihnen hinein. Domi ist ein Streuner, hatte Eric gesagt, ein Straßenköter. David war das egal. Er wurde sein engster Gefährte.

Die lästige Tochter war bald vergessen. Er liebte diese abendlichen Spaziergänge durch die weiten Wälder, und wie Domi nahm er die Umgebung aufmerksam wahr. Wilde Gräser und niedrige Büsche hatten den Weg überwuchert, lediglich die beiden von Autoreifen herrührenden Streifen waren leidlich frei. Bären lebten in diesen Wäldern. Im Herbst kamen sie an den kleinen Bächen entlang hinunter zum See, um Lachse zu finden, die hier ablaichten. David erkannte den Kothaufen eines Schwarzbären, den er zwei Tage zuvor bemerkt hatte. So lange er Domi bei sich hatte, fürchtete er sie nicht. Er würde ihn warnen. Größere Sorgen bereitete ihm ein Puma, den er neulich gesehen hatte. Diese riesige Katze würde schon bald Hunger bekommen.

Dann sah er das Auto. Für einen Moment stand er still. Er wusste, dass schon eine ganze Weile niemand mehr in einer der Hütten gewesen war, aber dann fiel ihm ein, dass Eric gefragt hatte, ob er für heute einen Besucher erwarte. Er hatte ein blaues Auto an seinem Gehöft vorbeifahren sehen. Beide hatten angenommen, dass es jemand war, der hinauf zu den höher gelegenen Seen wollte. In einem Stadtwagen? Das kam ihnen seltsam vor.

Hier stand nun ein dunkelblauer Honda. Sein Weg wurde von einem Baum versperrt, der dem letzten Sturm nicht standgehalten hatte. Domi wartete dort, und David umrundete das Auto langsam. Er hatte es noch nie zuvor gesehen. Sommerreifen, stellte er fest, die Türen abgeschlossen, der Kofferraum ebenfalls. Innen war nichts zu sehen, das auf den Besitzer hätte schließen lassen. David führte den Hund um das Auto und ließ ihn versuchen, eine Fährte aufzunehmen. Domi lief zielstrebig los. Zunächst um die gefallene Espe herum, dann weiter dem Weg entlang bis hinunter zur Zufahrt der zweiten Hütte, die einem Paar aus Calgary gehörte. Sie waren im Sommer für ein paar Monate hier gewesen.

David bedeutete Domi, in seiner Nähe zu bleiben und still zu sein. Sie bahnten sich ihren Weg zum See. Sie gingen langsam, weg von der Zufahrt, und mieden die trockenen Äste, die auf dem Boden lagen. Unten am See waren Felsbrocken, vor der Blockhütte gab es einen Grasstreifen. Durch das Fenster schien flackerndes Licht. Hier in der Gegend gab es keine Elektrizität, aber neben dem Haus war ein Generator. Er war aus. Das Licht kam vom offenen Kamin. David wartete.

Er wollte nicht gesehen werden, noch nicht, und so wartete er, bis es ein wenig dunkler war und er sich näher heranschleichen konnte. Die Luft wurde jetzt ziemlich kalt. Der zweite Pullover wäre gut gewesen, jaja, Janet. Er konnte nur eine Person sehen, einen jungen Mann, einen Jüngling eigentlich. Er hatte sich in Decken gewickelt und war dicht an den Kamin gerückt, um sich zu wärmen. David wusste, dass es in dem Raum einen guten schmiedeeisernen Holzofen gab, der einige Stunden lang effizient heizen konnte. Der offene Kamin gab nicht viel her. War der Junge so unbeholfen? Was machte er hier oben, wo er ganz eindeutig nicht hingehörte? Er saß zusammengekauert vor dem Feuer. Dann erhob er sich und legte ein weiteres Stück Holz auf. In diesem Moment war sein Profil zu erkennen. Davids Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben. Eine schmale Nase und wohlgeformte volle Lippen, dunkles Haar. Dann drehte der Junge sich um, und für einen Moment konnte David das ganze wunderschöne Gesicht mit den dunklen Augen sehen. Er hielt den Atem an. Schon lange hatte er keine solche Perfektion mehr gesehen, zuletzt in Vernazza. Er starrte, unbeweglich, starrte.

Domi wurde langsam unruhig und David kam wieder zu sich. Er musste eine Entscheidung treffen. Er wandte sich abrupt um und ging in seinen eigenen Spuren zurück zu dem Auto. Nachdem er die Brücke überquert hatte, stand er eine Weile vor seiner Blockhütte und betrachtete sie voller Stolz. Einige Jahre, bevor er in den Ruhestand gegangen war, hatte er die kleine Hütte auf diesem Grundstück gekauft, renoviert und ausgebaut. Er hatte sich einen guten Zimmermann geholt. Sie behielten die Originalstruktur bei, verbesserten das Gebäude und versahen es mit einem Anbau, der im Sommer als Veranda benutzt wurde und im Winter, wenn er geschlossen war, als Isolation fungierte, die das Innere der Hütte warm hielt. Die Vorderfront des Hauses war nun verschlossen, sah aber trotzdem ansprechend aus. Die Blockhütte besaß ein neues Dach mit weitem Überhang und einer Lampe über der Haustür. Davids Generator war offenbar angesprungen. Er hatte ihn versteckt in einer Mulde ein Stück abseits vom Haus eingebaut; er war kaum zu hören. Rechts, wo es zum Fluss ging, war die Garage, dessen Tor jetzt verschlossen war. Dahinter war eine abgegrenzte offene Fläche, groß genug, um zwei Autos abgeschirmt vor neugierigen Blicken zu parken. Hinter dem Parkplatz befand sich die eigentliche Garage mit Werkstatt, komplett umschlossen. Selbst im Winter war es hier warm genug, denn die Küche befand sich gleich nebenan.

Janet, die ihre Küchenarbeit erledigt hatte, saß im Wohnzimmer und las. David sollte dankbar sein, dass sie einmal die Woche kam, manchmal auch öfter, um nach ihm zu sehen. Sie kochte, wusch, machte sauber. Sie hatte damit begonnen, kurz nachdem seine geliebte Mary an Brustkrebs verstorben war. Das war nun schon vier Jahre her, und es schmerzte noch immer. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie qualvoll ihre letzten gemeinsamen Jahre gewesen waren, problematisch war jedoch, dass auch die Erinnerungen an die guten Zeiten langsam zu verblassen schienen. Das machte ihm Sorgen.

“Draußen war es kalt. Ich bin zu lange geblieben und hätte einen warmen Pullover gebrauchen können.“

“Vater, du musst lernen, auf mich zu hören. Ich weiß, was gut für Dich ist.”

“Ja.”

David ging, um mehr Brennholz für den Ofen zu holen. Später stand er an einem der großen Fenster und schaute auf den See hinaus, versuchte zu erkennen wie sich das Wetter entwickeln würde. Es war noch nicht so lange her, dass er die Verandafenster eingebaut hatte. Zum ersten Mal wollte er den gesamten Winter hier verbringen. Es sollte machbar sein.

“Ich habe heute mit Caroline telefoniert. Es geht ihr gut, sagte sie, wie immer. Sie muss noch einige Semesterarbeiten schreiben. Ich sagte, ich würde raufkommen am Wochenende, um sie zu sehen, aber sie hat vehement abgelehnt. Sie sagte, sie sei alt genug um auf sich selbst aufzupassen.“

David lachte. “Janet, lass sie doch. Erdrücke sie nicht.“

Er wollte weiter sprechen, und ihr sagen, wie sie sie selbst doch zur Eigenständigkeit erzogen hatten, dass sie aufgewachsen war, ohne dass sich ständig jemand einmischte. Aber er wusste, dass dies unweigerlich zu einem dieser gewohnten endlosen Streitgesprächen führen würde, und so sagte er nichts mehr. Es kam trotzdem.

“Ich will nicht, dass sie die gleichen Fehler macht, wie ich. Sie hat ganz sicher einen Freund und kümmert sich nicht genug um ihr Studium.“

“Natürlich hat sie einen Freund. Das ist doch ganz normal in ihrem Alter. Sie ist nicht dumm, sie hat das schon im Griff.“

“Also war ich dumm, als ich mich in Brian verliebte? Ist es das, was du sagen willst? Du hast gedacht, er wäre großartig, und sieh nur, was passiert ist. Er hat mich verlassen!”

“Lass uns nicht wieder davon anfangen. Ich will morgen früh aufstehen. Es gibt noch jede Menge zu tun. Und auch du hast eine lange Fahrt vor dir, wenn du rechtzeitig im Büro sein willst.“

Janet murmelte etwas, aber David beachtete sie nicht und ging hinauf in sein Schlafzimmer. Anscheinend kann ich ihr nicht helfen, dachte er. Oder ist das unmöglich?

In dieser Nacht konnte David nur schwer den Schlaf finden. Es war nicht nur Janet, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Da war auch dieser attraktive Junge, der in der kalten Blockhütte zitterte.

Was sollte er tun? Der Gedanke an ihn quälte ihn, beschwor lange unterdrückte Fantasien herauf. Er hätte Janet von ihm erzählen sollen. Besser, er wartete, bis er mehr wusste.

Die pure Erschöpfung hatte George schließlich einschlafen lassen. Es war gar nicht so kalt in der Blockhütte, aber ziemlich ungemütlich für jemanden, der es gewohnt war, sich in geheizten Räumen aufzuhalten. Er hatte eine einfache Ausstattung erwartet, schließlich war er vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen. Damals, im Sommer, hatten ihn ein Schulfreund und seine Eltern eingeladen mitzukommen. Allerdings waren sie in einer anderen Hütte gewesen, ein Stück weiter den See entlang, ein viel komfortableres Haus. Er war aber nicht an dem umgestürzten Baum vorbeigekommen, und die Dunkelheit war so schnell hereingebrochen, dass er nach dem nächstgelegenen Quartier Ausschau gehalten hatte. Erstaunlicherweise war die Tür nicht verschlossen gewesen, und er wurde panisch, als er feststellte, dass es zwar Lichtschalter, aber keinen Strom gab. Sein Mobiltelefon funktionierte auch nicht. Er hatte sich zu weit in die Wildnis hinein begeben. Sein Laptop war ebenfalls nicht zu gebrauchen.

Gottseidank gab es fertig gehacktes Brennholz neben dem Kamin, und schon bald hatte er ein prasselndes Feuer zustande gebracht. Das Wohnzimmer wurde davon nicht viel wärmer, und das Schlafzimmer oben blieb eiskalt. In Decken gewickelt, versuchte er zu schlafen, aber ohne regelmäßigen Nachschub würde das Feuer nicht lange halten. Er nickte kurz ein ein, wachte zitternd wieder auf, und bald war das Brennholz verbraucht.

Er schreckte hoch. Ein Mann mit einem Hund stand im Zimmer vor dem Fenster. Er konnte sein im tiefen Schatten verborgenes Gesicht nicht erkennen. George setzte sich auf und zog die Decken fest um seinen Körper. Er hatte Angst. Er wusste, dass er nicht hierher gehörte und fühlte sich bedroht.

“Was machst du hier?” fragte der Mann streng.

“Ich habe nach einer Bleibe für die Nacht gesucht. Ich bin nicht eingebrochen, es war offen.”

“Wer bist du?”

“Ich bin George McAlister.“

“Du bist aus Vanvouver hergekommen, nicht wahr? Warum bist du hier?”

“Ich . . . ich . . . ich will einfach mal für eine Weile weg. Ich dachte, ich könnte in Murrays Blockhütte bleiben. Dorthin wurde ich mal im Sommer eingeladen. Ein Baum blockiert den Weg. Ich bin nicht hingekommen.“

“Die Blockhütte ist verschlossen. Du hast keinen Schlüssel, nicht wahr? Du hättest einbrechen müssen.“

George war still und schaute mit seinen großen Augen zu David hinauf. Sein schwarzes lockiges Haar war kurz geschnitten und sah trotz der schlechten Nacht nicht unordentlich aus. David war erstaunt und leicht irritiert angesichts der perfekten Schönheit dieses Hauptes. Es erinnerte ihn an Donatellos David. Was tat er hier?

“Steh auf und leg alles wieder zurück an seinen Platz. Ich wohne in der ersten Blockhütte auf der anderen Seite der Brücke. Du musst den ganzen Weg rückwärtsfahren. Versuch nicht zu wenden, es ist zu eng. Triff mich dort. Du bekommst ein Frühstück, und dann reden wir.”

Der Hund war zu ihm gekommen, um zu schnüffeln. Der Junge wich ängstlich zurück und war froh, dass der Mann, dessen Gesicht er noch immer nicht erkennen konnte, ihn zurück rief. Sie verschwanden schnell.

David marschierte zurück. Ihm war klar, dass er zu Hause sein würde, bevor der Junge sein Auto den schmalen Weg entlang manövriert hatte. Es wurde schnell hell, aber der Himmel blieb grau. Es war sicherlich unter null Grad. Die Wasservögel waren weggezogen, zuletzt die Eistaucher. Auch einige Vögel und der Warnruf eines Streifenhörnchens waren noch zu hören. Domi kontrollierte sein Hoheitsgebiet. Er würde ihn draußen lassen. David marschierte rüstig zurück.

Janet hatte ihm eine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen. Am Donnerstag würde sie wiederkommen, in zwei Tagen, und dann über Weihnachten bleiben. Der Kaffee war noch heiß. Es dauerte nicht lange, bis David das Auto heranrollen hörte. Er ging zur Tür und ließ den Jungen herein, machte Spiegeleier mit Speck und stellte Marmelade und Brot auf den Tisch. George ging währenddessen zum Fenster und schaute hinaus. Er ist von der stillen Sorte, dachte David, bis jetzt hat er kaum etwas gesagt. Er ließ ihn essen und verschob die Fragen auf später. George schien einen Bärenhunger zu haben und nahm die Käsescheiben, die David ihm anbot, gerne an. Er hat gute Tischmanieren, weiß, wie man die Gabel hält und hat die Ellenbogen nicht auf dem Tisch. Anders als die typischen Jugendlichen aus der Gegend.

“Wie alt bist du? Zweiundzwanzig. Erwachsen also. Arbeitest du oder studierst du?“

“Ich bin in meinem dritten Jahr an der Universität.“

“Und die Prüfungen? Die Prüfungen laufen gerade, nicht wahr? Hast Du abgebrochen?“

“Nun ja, nicht so richtig. Ich musste mal raus. Ich muss nachdenken.“

“Sieh mal, George, du musst meine Neugier verstehen. Du kommst hier herauf, brichst eine Hütte auf und denkst, es würde niemandem auffallen. Gut, die Hütte war nicht abgeschlossen, aber trotzdem bist du eingebrochen. Es wird dich überraschen – ich weiß schon seit gestern Nachmittag, dass ein dunkelblaues Auto auf unserer Straße gesehen wurde. Es ist zwar wild hier draußen, ja, und es gibt nur wenige Menschen hier in der Gegend, aber die Anzahl der Straßen ist klein und jeder bemerkt, wenn etwas Ungewöhnliches vor sich geht. Wenn du dich wirklich verstecken willst, musst du in die Stadt gehen, nicht in die Wildnis, für die du sowieso nicht ausgerüstet bist. Übrigens, mein Name ist David Hunter. Ich war Lehrer in Williams Lake und bin jetzt im Ruhestand.“

Er konnte sehen, dass George innerlich sehr aufgewühlt war.

“Ich könnte dich hier für ein paar Tage wohnen lassen, aber du musst offen zu mir sein. Ich möchte ein bisschen mehr über dich erfahren, schließlich ist das hier kein Hotel.“

Ein bisschen neugierig, der Alte, dachte George. Er wollte ihm nicht alles erzählen, aber der Mann bohrte weiter. Vielleicht sollte er einfach aufstehen und wegfahren? Andererseits war er müde, und hier war es warm, das Frühstück tat ihm gut, und der alte Mann war nicht so bedrohlich, wie er anfangs geglaubt hatte. Und wohin sollte er fahren? Weiter Richtung Norden? In den Winter?

Der Mann erinnerte ihn an seinen Tutor an der Privatschule, in die Vater ihn geschickt hatte. Er hatte rebelliert und wollte nicht mehr zu Hause bleiben, in erster Linie, weil er mit dieser neuen Stiefmutter nicht zurecht kam. Sie ist kaum älter als ich. Ein blonder Dummkopf, tut so, als wäre sie nett zu mir. Warum hatte Vater Mama fortgejagt? Sie hatte sich von ihm scheiden lassen und ihn nach Strich und Faden ausgenommen. Er kennt den wahren Grund für das große Zerwürfnis noch immer nicht. Er vermisste seine Mutter und sah sie so selten. Mr. Burton, der Tutor, war freundlich und ließ ihm seinen Freiraum. Es war wohl ihm zu verdanken, dass er es durch die Schule und bis in die Universität geschafft hatte. Ja, er sollte besser auf seinem Zimmer sein, büffeln und schreiben.

Nein, das ist kein Junge mehr. Er ist ein ganzes Stück älter, als die Studenten, mit denen er zu tun hatte. Aber David konnte gut mit Jugendlichen umgehen; man muss nur die richtigen Fragen stellen. Die leichten, nicht die, auf die man wirklich eine Antwort haben wollte. Ansonsten bekommt man nichts als Lügen. Er würde schon an ihn herankommen. Lass ihn ein bisschen schmoren, tu so, als wärst du überhaupt nicht interessiert. Irgendwann wollen sie alle ein Geständnis ablegen.

Sie gingen hinaus und David zeigte George die ursprüngliche Hütte, die ein Einsiedler vor vielen Jahren errichtet hatte. Ihr Holzfußboden lag etwa einen Meter unter der Erde und die Rundholzkonstruktion ruhte auf Steinfundamenten. Sie hatte nur ein Zimmer, sehr gemütlich mit einem Bett in der Ecke und einem Tisch unter dem einen, nach Süden ausgerichteten Fenster. Es gab einen effizienten schmiedeeisernen Holzofen und David wies ihn darauf hin, dass er den Generator bis elf Uhr abends laufen ließ, um Strom und warmes Wasser zum Waschen zu haben.

“Giorgio, du kannst ein paar Tage hierbleiben, wenn du willst. Natürlich kannst du jederzeit in die Lodge kommen, wenn du dich einsam fühlst, und zu den Mahlzeiten.“

David hatte gefragt, ob er ihn Giorgio nennen dürfte, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter Italienerin war. Das gefiel ihm, sogar sehr. Mama nannte ihn immer Giorgio. Diese versunkene, gut versteckte Hütte war sehr nach seinem Geschmack, und so sagte er, dass er die Einladung mit Freuden annehmen würde. Wieviel würde es kosten? David lachte. Das hängt davon ab, war alles, was er dazu sagte.

Danach gingen sie an die Arbeit. David holte seine Kettensäge und zwei Äxte und lud sie auf seinen Pickup. Dann fuhren sie zu der alten Espe, die Giorgio den Weg versperrt hatte. Sie schnitten sie in Stücke, luden sie auf und fuhren zu der Blockhütte, in der er übernachtet hatte.

“Manche Menschen schließen ihre Häuser nicht ab. Sie sagen, wenn schon jemand einbrechen möchte, ist es besser, er tut es, ohne eine Tür oder ein Fenster zu beschädigen. Hier gibt es ohnehin nicht viel zu stehlen.“

David hatte Giorgio daraufhin angewiesen, etwas von dem Holz zu spalten, um zu ersetzen, was er in der vergangenen Nacht verbrannt hatte. Er sah zu, wie er mit der Axt hantierte und zeigte ihm schließlich, wie man es richtig machte, mit einem einzigen kraftvollen Schlag. Giorgio lernte schnell und musste sich schon bald seines schweren Pullovers entledigen. David beobachtete ihn und bewunderte die graziöse Art, mit der er sich hinunterbeugte, das nächste Stück Holz aufhob und auf den Klotz stellte. Er war ohne Zweifel ein Athlet.

“Treibst du Sport?” fragte er, als sie die Blockhütte verließen, um zurück zum Haus zu fahren.

“Ich laufe jeden Tag und spiele in einer Basketballmannschaft.”

“Hockey?”

“Nein, das ist mir zu brutal.”

“Ja, das ist schade. Es könnte ein sehr aufregendes Spiel sein ohne diese blutigen Kämpfe, die die Profis und die Zuschauer immer haben wollen. Die Junioren machen das jetzt auch schon nach. Selbst die Eltern denken, es wäre notwendig.“

Im Hof gab es noch einen weiteren Stapel Holz, das zersägt und gespalten werden musste. David musste vorbereitet sein, wenn er den Winter hier verbringen wollte.

“Du kannst dir deinen Aufenthalt hier verdienen, indem du mir hiermit hilfst. Morgen muss ich in die Stadt fahren, zum Einkaufen und um einen Blick in mein Büro zu werfen, das ich immer noch in der Schule habe. Du kannst mitkommen, wenn du magst. In der Bibliothek gibt es kostenloses Internet. Hier draußen sind wir zu weit weg von einem Netzanbieter. Alles, was ich habe, ist ein Funktelefon.“

Der Stapel war riesig und hatte kaum an Größe verloren, als sie am frühen Nachmittag aufhörten zu arbeiten. Giorgio verschwand in seiner Hütte. Er war erledigt und schlief fast sofort ein. Kein Abendessen für ihn heute. Egal, er hatte gut zu Mittag gegessen.

Die Nacht kam schnell, aber David war nicht müde. Er legte eine Country-CD ein und machte es sich bei dem alten, aus Granitblöcken errichteten Kamin bequem. Er hatte die Bildbände mit den Renaissanceskulpturen aus dem Regal neben ihm gezogen. Natürlich kannte er alle Bilder genau: die altgriechischen Jünglinge, wie sie nackt standen oder gingen mit einem geheimnisvollen Lächeln auf ihren lockenumrahmten Gesichtern. Die speerwerfenden Athleten, die hinter Schilden knieenden Krieger mit dem Schwert in der Hand, bereit zum Schlag, all das in der Renaissance wieder so spektakulär zum Leben erweckt. Er hatte an der High School Geschichte unterrichtet und war überzeugt, es gut gemacht zu haben. Er war beliebt gewesen und genoss den Respekt seiner jüngeren Kollegen.

Die wachsende Erregung, die ihn beim Anblick all dieser Schönheit überkam, war ihm nicht mehr peinlich. Nichts war jedoch zu vergleichen mit der emotionalen Explosion, die über ihn hereingebrochen war, als er vor vielen Jahren einige Tage in Vernazza an der ligurischen Küste Italiens verbracht hatte. Er hatte sich mit einem Schweizer zusammengetan, der keine Probleme mit der Sprache hatte, und gemeinsam waren sie durch Südfrankreich und Italien getrampt. Er hatte soeben die High School beendet und war nicht sicher, was er als nächstes beginnen sollte. Er war verwirrt von den kompakten Städten mit ihren alten Gebäuden, die so ganz anders waren, als die Siedlungen in der Heimat, die ohne Plan gewachsen waren, umgeben von Wildnis, die gezähmt werden musste. Sie fuhren mit einem Regionalzug nach Vernazza in Cinque Terre, und ihre Ankunft dort ließ ihn von einem Moment auf den anderen erstarren. Dies war wie das Paradies. Er saß auf einer Steinbank am Hafen und betrachtete die Fischerboote und die dahinter liegenden Häuser, die an den steilen Hängen hinaufkletterten, festgeklebt wie riesige steinerne Vogelhäuschen. Sein Freund wollte hinauf zum Bergrücken wandern. Er ließ ihn alleine gehen. Dieser Ort hatte ihn total gefesselt; er wollte eine Möwe sein und aus dem azurblauen Wasser aufsteigen, über der hufförmigen Bucht kreisen und vor Freuden kreischen.

Den Jungen, der ihn ansprach, konnte er nicht verstehen. Er fühlte sich wie ein Idiot, als er sein lachendes Gesicht mit dem sinnlichen Mund in sich hineinsog, und er konnte sich nicht dagegen wehren, diesen wunderschönen, nur in enge Jeans und ein weißes T-Shirt gehüllten Körper anzustarren. Sie unterhielten sich mit Gesten, und schließlich verstand er, dass er auf einen Bootstrip zu einer geschützten Bucht in der Nähe eingeladen war. Er wusste nur zu gut, dass er das nicht tun sollte, seine kanadisch geprägte innere Stimme warnte ihn, vorsichtig zu sein, aber er war in Trance, folgte seinem Fremdenführer und sprang in das kleine Boot mit Außenbordmotor. Seit seiner Ankunft war ihm alles wie ein Traum vorgekommen, ein Traum der erlesensten Art. Sein linker Arm streifte durch das warme Wasser, die steilen Klippen strahlten intensive Wärme ab.

Sein Name war Giorgio, und er steuerte das Boot an eine einsame, felsige Stelle. Es gab keinen Strand hier, nur die Felsbrocken, die von der senkrecht aufragenden Wand abgebrochen waren. Er fühlte sich unsicher als sie ausstiegen. Giorgio bedeutete ihm, im geschützten Bereich einer Gruppe großer Felsen zu warten, und lief hinunter zum Wasser, um Muscheln zu sammeln. David hatte noch nie Muscheln gegessen und fand, dass sie abstoßend aussahen. Giorgio öffnete sie mit einem kleinen Messer und fing an zu schlürfen und sich über seine Zurückhaltung lustig zu machen. Die erste schmeckte scheußlich, aber er ass sie ohne zu erbrechen. Am Ende musste er sich eingestehen, dass der salzige Geschmack eigentlich gar nicht so schlecht war, dass er noch einige mehr essen konnte und dass die ganze Sache einfach nur köstlich ekelhaft war. Sie mussten beide lachen. Giorgio klopfte ihm zustimmend auf die Schulter.

Dann ermunterte er ihn, mit ihm ins Wasser zu kommen, zog seine Kleider aus (er trug keine Unterwäsche), kletterte über die Felsen und tauchte ins Wasser ein. Alles kam überraschend für ihn. Er musste hinterher, zu Giorgio. Nackt im warmen Mittelmeerwasser zu schwimmen, zu planschen, zu lachen, war eine neue Erfahrung.

Als er hinaus in die Hitze kam, genierte er sich für seine rasende Erektion. Doch Giorgio erging es nicht anders. Er saß neben ihm, sie begannen, sich gegenseitig das Wasser von der Haut zu streichen, sie mussten sich küssen, einander reiben und einander kosten.

Jemand klopfte an die Tür, und David wurde abrupt aus seinen Träumen gerissen. Er schloss seine Bücher und legte sie zur Seite. “Herein,” rief er. Er hatte die Tür nicht abgeschlossen. Es war Giorgio, ein anderer Giorgio, mit zerzaustem Haar, verschlafen.

“Entschuldigung, dass ich nicht zum Abendessen gekommen bin. Ich bin eingeschlafen und gerade erst aufgewacht. Kann ich etwas zu trinken haben? Ich bin sehr durstig.“

“Mach dir doch die Suppe warm, und im Kühlschrank ist Bier.”

Letztendlich wärmte er auch noch die Makkaroni mit Käse auf und ließ es sich schmecken. David saß nur da und beobachtete ihn, betrachtete sein Gesicht, sah zu, wie er den Löffel in seinen halbgeöffneten Mund mit der leicht vorgestreckten Zunge schob. Was bin ich nur für ein alter Narr, dachte er, noch immer erregt.

“Ich habe ein Kratzen an der Wand gehört, sind das Mäuse?“

“Das ist eine Erdhörnchenfamilie, die ihren Tunnel rund um die Hütte gegraben hat. Ich bin überrascht, dass sie noch immer aktiv sind. Sie sollten um diese Zeit eigentlich schon Winterschlaf halten.“

“Ich würde morgen gerne mitkommen. Ich könnte mein eigenes Auto nehmen.“

“Ich dachte, du wolltest dich verstecken. Man wird dein Auto sehen. Aber mach, was du willst. Ich werde den Generator bald abschalten. Könntest du noch das Geschirr waschen, bevor du gehst? Übrigens, du kannst jederzeit eine Kerze in deiner Hütte anzünden, du musst nur aufpassen, dass kein Feuer ausbricht.“

Giorgio ging zurück in sein Versteck. Er fand es recht gemütlich. Er hatte seinen Schlafsack auf der Matratze ausgebreitet und ihn mit den dicken Decken zugedeckt, die der alte Mann ihm gegeben hatte. Er fing an, ihn zu mögen, insbesondere die nüchterne Art, in der er mit ihm umging. Konnte er ihm trauen? Er war sich noch nicht sicher, aber er war froh, dass der Alte nicht zu neugierig war. Das überraschte ihn. Er wollte morgen unbedingt in die Stadt. Er musste wissen, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Plötzlich ging das Licht aus. Er lag in der Dunkelheit und machte Pläne.

Auch David lag im Dunkeln, konnte noch nicht einschlafen. Er dachte an Mary. Das Seltsame war, dass er sich in der Phase zwischen wachsein und schlafen nicht mehr an ihr Gesicht erinnern konnte. Sie war einfach da. Was für eine liebevolle Gefährtin sie gewesen war. Ja, sie hatten von Zeit zu Zeit ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, natürlich stritten sie auch, aber geschrien wurde nie. Sie wusste von Beginn an Bescheid, dass junge Männer ihn faszinierten, und sie hatte ihn gefragt, ob er nicht befürchtete, dass seine Arbeit mit Schulkindern darunter leiden könne. “Oh nein! Sie sind viel zu jung. Ich würde nie eines von ihnen missbrauchen, weil ich das gar nicht könnte. Sie erregen mich nicht.“ Es funktionierte so gut mit ihnen beiden, weil dieses reizende knabenhafte Mädchen in Jeans seine Vorlieben teilte; die jungen Körper erregten sie ebenfalls. Er konnte mit ihr offen über seine Fantasien sprechen, und sie flüsterte erregt zurück. Was für ein Glück er doch gehabt hatte. Und dann war alles so traurig zu Ende gegangen.

David rollte sich auf die Seite, seine bevorzugte Schlafposition, und begann, systematisch die Einschlafmethode abzuarbeiten, die er von seinem Großvater gelernt hatte: jeden Muskel des Körpers bewusst entspannen. Zuerst deine Ohren, deine Wangen, das Kinn, den Nacken, Hand, deine Finger . . . Schon bald war er eingeschlafen.

2

David setzte die Heizung in Gang und legte sich wieder ins Bett bis das Haus warm wurde. Er schaltete das Radio an und hörte die Wettervorhersage. Sie konnten noch immer nicht sagen, ob der Schneefall heute im Tagesverlauf oder doch erst morgen einsetzen würde. Das Thermometer zeigte acht Grad unter Null, wenn es also schneite, würde der Schnee luftig und leicht sein. Auf jeden Fall werden wir weiße Weihnachten haben. Das Frühstück war fertig, als Giorgio zitternd in der Tür stand. Er hat noch immer nicht gelernt, seine Hütte warm zu halten. Aber sieh nur, wie die Neuigkeiten ihn plötzlich wach werden lassen. Er hat aufgehört zu essen und lauscht aufmerksam, was der Ansager zu berichten hat. Ein Restaurant in Vancouver wurde aus einem vorbeifahrenden Auto heraus beschossen, einige Tage ist es her. Der vierte Vorfall dieser Art in diesem Monat. Zeugen dringend gesucht. Könnte es das sein? Ich werde noch keine Fragen stellen. Er wird schon bald reden.

“Ich nehme den Pickup. Es könnte schneien. Ich muss bei meinen Nachbarn, den Petersons anhalten, möglicherweise hat Linda etwas, das ich für sie erledigen soll. Weißt du schon, ob du mitfahren willst?“

“Ja, wenn es dir nichts ausmacht. Es wäre vernünftig.“

David sagte Giorgio, dass er sein Auto blicksicher in dem eingefriedeten Innenhof parken solle. Sie brauchten lange, um es zu starten. Es war nicht für den Winter ausgerüstet.

“Warum nehmen wir nicht die Batterie heraus und legen sie in die Garage? Da können wir sie aufladen und warmhalten.“

Giorgio hatte einen grauen Kapuzenpullover angezogen. Sollte ihn das weniger verdächtig wirken lassen? Er war jedenfalls nicht warm genug, lediglich seine dunklen Locken sahen mit der Kapuze noch attraktiver aus. David brachte seine fette Aktentasche nach draußen und bot Giorgio einen alten warmen Parka an. Beide trugen ein Laptop, aber Giorgios war ein brandneues, schickes Modell. Er hatte auch ein iPhone in der Hosentasche, war sich aber nicht sicher, ob er es benutzen sollte. Auf seinem Weg nach Norden hatte er in Kamloops eine Pause eingelegt und mit seiner VISA-Karte bezahlt. Jetzt wurde ihm klar, dass er das besser nicht getan hätte. Es könnte eine Spur hinterlassen haben.

Den Hund musste David zu Hause lassen. Domi wusste das. Er gab sich große Mühe, bemitleidenswert zu wirken, aber nachdem David ihn noch einmal richtig durchgeknuddelt, ihm auf den Rücken geklopft und gut zugeredet hatte, verzog er sich in die Hundehütte, legte den Kopf auf die Pfoten und sah zu, wie sie packten. Als das Auto losfuhr, rannte er noch ein Stück hinterher.

Wie immer, machte es David große Freude, Eric und Linda zu besuchen. Er hatte sie über ihre zwei Söhne kennengelernt; sie waren damals bei ihm in die Schule gegangen. Mary und Linda waren gute Freundinnen geworden. Sie sangen im Winter gemeinsam im Kirchenchor, und die Petersons kamen oft zu Besuch, wenn sie in Williams Lake waren. Ihr Cariboo Blockhaus stand unter hohen, alten Bäumen, umgeben von Scheunen und Schuppen und war schon seit vielen Generationen im Familienbesitz. Sie war ein historisches Wahrzeichen von großer, aber unaufdringlicher Schönheit. Es gab einen großen Gemüsegarten, eingezäunt zum Schutz vor Hirschen und Karibus, und im Sommer umgeben von Blumenwolken. Doch selbst jetzt, wo die Espen kahl waren und sich ihre weiße Borke mit den schwarzen Flecken vom dunklen Boden abhob, sah das Haupthaus einladend aus. David bog in die Auffahrt ein und parkte vor dem Haus.

“Ich bleibe im Auto,” sagte Giorgio.

“Oh nein, das tust du nicht. Sie wissen über dich Bescheid, also komm mit hinein und sei freundlich.”

Linda hatte sie kommen gehört und stand bei der Tür.

“Guten Morgen, David. Schön, dass du vorbeikommst.“

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und schaute an ihm vorbei.

“Na sieh mal an. Hast du mir ein schönes Geschenk mitgebracht?”

Sie stand einfach mit offenen Armen da, den Mund geöffnet.

“Hi. Mein Name ist George. David mag es, mich Giorgio zu nennen, und mich stört es nicht.“

“Linda. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Giorgio. Darf ich dich küssen?“ Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern ging auf ihn zu und küsste ihn auf beide Wangen. “Du bist hübsch!“

“Das sagen sie alle. Ich wünschte, ich hätte eine krumme Nase oder so.“

Linda lachte, hakte sich bei beiden Männern unter und ging mit ihnen ins Haus, in die warme Küche. “Kaffee?”

“Wo ist Eric?”

“Er ist bei den Pferden. Wir haben eine Ladung Zaunpfähle bekommen, die die Jungs rund um die neue Koppel einschlagen müssen. Damit werden sie den ganzen Tag beschäftigt sein.“

“Ich gehe schnell mal hin und rede mit ihm, während du deinen Leckerbissen verzehrst.”

Linda lachte und verfluchte ihn. Giorgio war peinlich berührt.

Sie war eine sehr hübsche Frau mit einem ansteckenden Lachen. Sie musste etwa zwanzig Jahre jünger sein als der alte Mann mit seinen dummen Sprüchen, sehr attraktiv in ihrem langen weiten Pulli, der die perfekte Figur jedoch nicht vollends verbergen konnte. Blond, mit Lachfältchen um die Augen. Ja, sehr hübsch. Er hatte kein Parfum bemerkt, als sie ihn umarmt und geküsst hatte, nicht wie bei den anderen erwachsenen Frauen, wenn sie dasselbe taten. Sie brauchte keines. Sie werkelte in der Küche, während er sie beobachtete, und er konnte sehen, dass das meiste von dem, was sie tat, unnötig war, ebenso wie der small talk. Er stand auf, ging zu ihr an den Spültisch und legte seine Hand neben ihre.

“Das alles kommt so unerwartet. Es ist mir ein bisschen peinlich. Wie alt bist du?“

“Macht das einen Unterschied?“

Nein, macht es nicht. Also, wer wird den ersten Schritt machen, wenn überhaupt?

Sie schaute ihn an, strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und wandte sich ab. Sie war errötet.