Weihnachtshaus - Zsuzsa Bánk - E-Book

Weihnachtshaus E-Book

Zsuzsa Bánk

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Beschreibung

Zwei Freundinnen betreiben in Frankfurt ein Café. Es ist Weihnachtszeit, Advent. Die eine ist Mutter von zwei Kindern, ihren Ehemann hat sie vor Jahren verloren. Ihre Freundin Lilli ist früh Mutter geworden und hatte eine eher schwierige Vergangenheit. Mit einer guten Gabe Humor und Lebensklugheit meistern die beiden Frauen ihren Alltag – als Mütter, als Freundinnen, als Geschäftsfrauen und als Hausbesitzerinnen. Denn einige Zeit zuvor haben sie zusammen ein Wochenendhaus im Odenwald gekauft, unbewohnbar noch, das Dach offen, keine Fenster. Doch immer wieder Ziel ihrer Gedanken und Träume: Irgendwann einmal Weihnachten in diesem Haus feiern, alle zusammen, das wäre wunderbar. Doch so eingespannt, wie sie in ihrem Lebensalltag sind, bräuchte es wohl einen Engel, der sich um alles kümmert. Wird dieser Engel kommen? Eine berührende Weihnachtsgeschichte von einer innigen Freundschaft, vom Loslassen und Annehmen, vom Aufbrechen und von Momenten, in denen man das Leben beim Schopf packen muss. In diesem Advent scheint vieles möglich, die Zeit des Haderns ist vorbei, die Nacht leuchtet hell und das Universum schickt seine Grüße ...

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Zsuzsa Bánk

Weihnachts haus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

5. Auflage 2019

© 2018 by edition chrismon in der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Covergestaltung: Anja Haß, Leipzig

Coverillustration: Orlando Hoetzel, Berlin

Satz: makena plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-96038-153-2

www.eva-leipzig.de

Im täglichen Leben versuchen wir, uns dadurch besser verständlich zu machen, dass wir die Sprache anderer übernehmen, und hoffen, so eher begriffen zu werden, doch in der Nacht (…) spricht ein ungebundenes Selbst in einer höchsteigenen Sprache zu uns.

(Connie Palmen, Du sagst es)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Weihnachtshaus

Ich liege auf dem Bett, das ich früher mit Clemens geteilt habe, und denke an die Namen unserer Kinder. Ich denke Elsa und Luis im Wechsel, Luis und Elsa, es ist ein Spiel in meinem Kopf, eine kurze Melodie, die mich leicht stimmt, fast fröhlich, die Namen meiner Kinder machen mich fröhlich. Es ist ein Gedanke, der mich beruhigt, vielleicht weil Clemens damals sagte, nicht mehr als vier Buchstaben sollten ihre Namen haben, lass sie kurz und bündig sein. Elsa und Luis sind uns schnell eingefallen, nach Elsa und Luis haben wir nicht lange suchen müssen. Vier Buchstaben, die sich unkompliziert zusammenfügen und für ein ganzes Leben reichen, vielleicht sogar einen Ton vorgeben, so etwas wie einen Grundton fürs Leben.

Heute ist es still im Garten. Der Winter ist da, der Winter ist gekommen, über Nacht ist er gekommen, wie ein Dieb, ungehört, ungesehen, lautlos, aber mit großer weißer Spur. Der Winter ist da, obwohl im Kalender noch Herbst ist. Sein weißes leichtes Kleid hat er auf den Rasen gelegt, auf die Zweige des Kirschbaums, auf die Holzhütte hinter dem Wacholder, in der die Spuren des Sommers versteckt sind. Seit die Temperatur gefallen ist, seit die Tage kurz geworden sind und am Nachmittag schon enden, sind sie dort versteckt, unsere Dinge des Sommers, eine grün gestrichene Bank, ein kleiner Holztisch, Gießkannen, ein Grill und bunte Lampions, für die wir im Winter keinerlei Verwendung haben. Der Herbst ist früh eingezogen dieses Jahr. Schon im September haben wir die Heizung einschalten müssen, als ein scharfer Wind die gelben Blätter von den Bäumen gefischt und durch die Straßen gejagt hat. Elsa hat im September schon ihre Mütze angezogen.

Jetzt, da die Nächte lang geworden sind, die Tage kurz, hat mich diese Sehnsucht überfallen, nach einem Leben, in dem alles stimmt und seinen Platz hat, wir gefestigt über einen nicht schwankenden Boden gehen. Vierundzwanzig Tage bis Heiligabend. Ich fange an, unruhig zu werden. Pünktlich wie jedes Jahr fange ich damit an. Nicht für andere sichtbar, nicht für die Kinder, nicht für Lilli sichtbar, nur für mich spürbar. Es ist etwas mit meinen Händen, etwas in meinem Hals, in meiner Brust, auf meiner Haut. Eine Unruhe ist in meine Hände gekrochen, es fällt mir schwer, sie stillzuhalten. Etwas hat sich in meinem Hals zusammengezogen, quergestellt, verklemmt. Meine Weihnachtsunruhe ist also da, auch sie über Nacht, auch sie geräuschlos wie ein Dieb. Pünktlich zum ersten Dezember breitet sie sich in mir aus.

Ich hätte mir gewünscht, sie würde noch warten, ich hätte mir gewünscht, sie würde in diesem Jahr einmal ganz aussetzen, mir zuliebe einfach nicht kommen. Aber heute Morgen war sie da, als ich aufgewacht bin, als ich aufstand, den Morgenmantel überzog, Wasser für den Tee aufsetzte und dachte, da bist du also, pünktlich und zuverlässig wie jedes Jahr, meine Weihnachtsunruhe, jetzt bist du also da. Begonnen hat sie heute Morgen, zum Ausbreiten und Wachsen hat sie noch mehr als drei Wochen Zeit. Jeden Tag wird sich diese Unruhe in mir steigern, jeden Tag wird mein Weihnachtsgefühl größer werden. Es schwillt an, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Jeden Morgen werde ich merken: Es ist stärker geworden, es ist mehr als gestern, über Nacht ist es wieder ein Stück gewachsen.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe im Garten die kahlen Zweige. Es ist kalt geworden, die Anzeige auf dem Thermometer ist über Nacht deutlich unter null gerutscht. Sie hatten Schnee zwar gemeldet, und doch war ich am Morgen überrascht gewesen, als ich den Morgenmantel übergezogen hatte und zum Fenster gegangen war, war ich überrascht gewesen, obwohl es Anfang Dezember nicht selten Schnee gibt bei uns. Als wollte uns die Jahreszeit zeigen, schaut her, ich kann es noch, noch kann ich Schnee zu euch schicken und euch zum Staunen bringen, als müsste sie uns das beweisen. An Weihnachten schneit es dagegen nie mehr. Seit Jahren hat es an Weihnachten keinen Schnee gegeben. An Weihnachten gehen wir bei zwölf Grad in leichten Jacken zur Christmette.

Als Clemens gestorben war, war mir ständig kalt. Ich stand lange unter der heißen Dusche, ohne mich aufzuwärmen, ohne dass mir davon wärmer geworden wäre. Für die Nacht brauchte ich eine Heizdecke. Ich hatte ein Grundfrieren in mir, einen Grundfrost, eine Eisschicht auf meinen Blutgefäßen, immerzu kalte Hände, kalte Füße, ein Grundschlottern, selbst an warmen Tagen. Lilli sagte damals, es wird vorbeigehen, verlass dich auf mich, es wird vorbeigehen. Ich hatte ihr nicht geglaubt, aber sie hat Recht behalten, es ist vorbeigegangen, ich friere nicht mehr. Ich schlafe sogar nachts wieder durch. Seit Frühling ungefähr. Davor sind entweder die Kinder wach geworden und haben mich geweckt, oder ich bin von allein wach geworden, ohne eine Störung von außen. Störungen nur in deinem Kopf, hat Lilli gesagt, Störungen nur aus deinem Kopf.

Die Woche war ich draußen bei unserem Haus, das noch lange kein Haus ist, das noch eine ganze Weile brauchen wird, um ein Haus zu sein, um wie ein Haus auszusehen, uns zu empfangen und aufzunehmen wie ein Haus. Ein Haus mit einer Tür, die verschließbar ist, die ein Schloss und einen passenden Schlüssel hat, mit Fenstern und Fensterbänken davor, auf die man im Winter Christrosen, im Sommer Lavendel stellen könnte. Schon lange warten wir darauf, Lilli und ich. Ich hatte eigentlich aufgehört zu glauben, dass es noch etwas wird mit unserem Haus, dass es mehr als nur ein Gedanke sein könnte, mehr als nur ein Wunsch, als nur ein Bild unserer Träume, dass es uns eines Tages wirklich hereinlassen und beherbergen könnte. Uns, unsere Kinder Luis, Elsa und Claire, unsere Freunde.

Es gab keinen Grund hinauszufahren, aber manchmal ist mir danach, etwas in mir gibt mir dann vor hinauszufahren, ich steige ins Auto und fahre hinaus, lasse den Lärm der Stadt hinter mir, ihr Surren und Treiben. Ich wollte sehen, wie weit sie sind. Ob es Fortschritte macht, unser Haus, ob es sich verändert hat. Ich wollte sehen, wie sich unser Stück Land unter diesem matt schimmernden Winterhimmel ausstreckt. Unter diesen Winterbäumen. Wie sieht es jetzt aus, da sich Weihnachten schon in der Stadt zeigt? Merkt es etwas von Weihnachten, unser Haus? Nein, es hat sich noch immer nicht verändert, viel hat sich nicht getan seit dem letzten Mal. Immerhin sind sie mit der einen Seite des Dachs weitergekommen, die neuen roten Schindeln setzen ein Muster zwischen die alten braunen.

Auf dem Rückweg habe ich vor Amorbach an einem Stand an der Landstraße unseren Adventskranz ausgesucht, dort wo sie im Sommer Erdbeeren verkaufen. Tanne, darin Buchs und Stechpalme eingeflochten. Ich bin spät dran, die Kinder haben sich schon beschwert. Er kostet auf dem Land weniger, sieht frischer und üppiger aus, und ich bilde mir ein, er lebt länger als ein Stadtkranz, obwohl er genauso schon nach drei Tagen seinen Duft verliert und genauso zu trocknen beginnt. Lilli sagt, ich muss ihn nachts hinaustragen, um das zu vermeiden. Klar, als hätte ich nichts anderes zu tun, als den Kranz am Abend abzuschmücken und hinauszustellen, Kerzen zu entfernen, die ich mühsam mit Draht aufgesetzt habe, rote und weiße Bänder zu lösen und die Glaskugeln abzunehmen, damit sich unser Kranz über Nacht von der Heizungsluft erholen kann, damit er zwei, drei Tage länger grün bleibt und nicht schon am zweiten Advent zu bröseln beginnt. Ich habe das Autoradio ausgeschaltet und bin eine Weile durch den Wald zurückgefahren, durch dichten Tannenwald. Früher hat Luis zu allen Tannenwäldern gesagt, Weihnachtsbaumwald. Mama, schau mal, der Weihnachtsbaumwald.

Stille Zeit vor Weihnachten, die gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Stille Zeit im Advent – das schließt sich praktisch aus, das ist unser Oxymoron, unsere Contradictio in adiecto, sagt Lilli. Stille und Advent gehen überhaupt nicht zusammen, Stille und Advent sind als Widerspruch in sich angelegt, Stille und Advent fallen weit auseinander, schon beim Aussprechen fallen sie sofort auseinander, ach was, schon beim Denken stechen sie sich aus, sie wollen sich einfach nicht zusammen denken lassen. Nur am Abend ist es manchmal da, das kleine bisschen stille Zeit, wenn ich darauf achte, kann ich es manchmal wenige Augenblicke lang spüren, so ab und an, so jeden dritten, vierten Abend vielleicht. Wenn wir die Cafétür schließen, das schwere Gitter vor dem großen Fenster herablassen, die Kaffeemaschine ausschalten, wenn ihr Grundbrummen aufhört und sie anfängt zu schweigen, während wir den Rest an Torten und Kuchen in die Kühlzelle stellen. Lilli die Musik ausmacht und kein Geräusch mehr kommt, keine Stimmen mehr zu hören sind – das ist meine stille Zeit. Diese zehn, fünfzehn Minuten am Abend sind unsere stille Zeit, Lillis und meine stille Zeit im Advent. Wir sitzen auf dem roten Sofa mit der hohen Lehne, reden nicht, schauen durchs Fenster zur Straße, wo die Straßenbahnen Richtung Zentrum fahren, ziehen die Schuhe aus, legen die Füße hoch.

Wenn sie so ihren Abendtee trinkt, schaue ich Lilli von der Seite an, den Schwung ihrer schmalen Nase, die Strähne über dem Ohr, über der großen goldenen Kreole, die alberne Haarspange mit Weihnachtsmann an der Seite, damit das dicke Haar nicht stört, damit es nicht ins Gesicht fällt, ein Profil, das ich seit Jahren anschaue, seit Jahren kenne. Seit drei Jahren mit einer kleinen Narbe über dem rechten Auge. Vom Treppensturz. Das war Ende November vor drei Jahren. Zur selben Zeit, als ich auf einer Leiter im Caféfenster stand und Weihnachtskugeln aufhängte, dicke rote Bänder zurechtschnitt, Kugeln auffädelte und an einen mit weißer Farbe besprühten Birkenast band, den Lilli dort an zwei Haken befestigt hatte. Wie es dazu gekommen war, wissen wir bis heute nicht. Die Nachbarin hatte Lilli unten am Treppenabsatz gefunden, zwischen Schlüsselbund, Einkaufstaschen und verstreuten Dingen, die aus den Taschen gekullert waren, Äpfel, Käse, Bananen, und sofort den Krankenwagen gerufen. Ein Aussetzer war es gewesen, ein schwarzes Loch, eine winzige Nachlässigkeit in ihrem Blutrauschen, eine klitzekleine Unachtsamkeit ihrer Blutbahnen, die mir damals große Angst gemacht hatte – gigantisch große Angst. Die vielleicht auch Lilli große Angst gemacht hatte.

Damals im Katharinen-Krankenhaus habe ich nicht viel gesagt, ich habe nicht geschimpft, Lilli keine Vorhaltungen gemacht, etwas wie, du musst weniger arbeiten, du musst mehr schlafen, mehr essen, mehr an die frische Luft, hatte ich mir verkniffen, auch wenn ich es ständig dachte, auch wenn ich ständig sagen wollte, Lilli, so geht das nicht mit dir, so geht das auf gar keinen Fall mehr weiter mit dir, du musst weniger arbeiten, du musst viel mehr schlafen und essen, vor allem musst du viel häufiger an die frische Luft, versprich mir, Lilli, dass sich das ändert, dass du darauf achtest, versprich es mir bitte, nicht dir, nein, mir zuliebe, mir und Claire zuliebe, mir und deiner Tochter zuliebe. Aber Derartiges gesagt habe ich nicht, mit keinem Wort, keiner Silbe, ich habe nur Dinge gesagt wie, alles wird gut, Lilli, alles wird wieder gut, versuch, dich ein bisschen auszuruhen, versuch zu schlafen, ich kümmere mich um alles, Claire und ich, wir kümmern uns.