Weihwasseridylle - Frieda Winter - E-Book

Weihwasseridylle E-Book

Frieda Winter

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Beschreibung

Ein Dorf in bayerischer Bergidylle, ein Kind, das in den Händen des Priesters zerbricht und ein ganzes Dorf, das wegschaut. Für die kleine Frieda gibt es keinen sicheren Ort. Zu Hause ist sie der Kälte und Gewalt der Erwachsenen ausgesetzt. In der Schule der Willkür der rohen Erzieher. Als Frieda zum Kommunionunterricht geschickt wird, kommt zu der Grausamkeit, die Frieda ohnehin täglich erfährt, auch noch brutaler Missbrauch durch den Priester hinzu. Lichtblicke sind die kranke Großmutter, zu der sie sich flüchten kann und der Hausarzt, der ihre Verletzungen als das wahrnimmt, was sie sind: Zeichen von körperlicher und seelischer Misshandlung. Doch letztlich unternimmt keiner der beiden etwas, um das Kind wirklich zu verteidigen, zu schützen. In ihrer klaren, eindringlichen Sprache schildert Frieda Winter, wie es ihr trotz allem gelingt, ihr berufliches Leben zu meistern. Aber auch, wie die erlittene Gewalt sie nach Jahrzehnten nicht loslässt. Es ist ein emotional aufwühlendes, ungemein Facettenreiches und mutiges Werk, das jeden anspricht, der emotionale Tiefe und Menschlichkeit schätzt. Triggerwarnung: Im Buch wird emotionale und körperliche Gewalt dargestellt.

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Seitenzahl: 1316

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ein Dorf in bayrischer Bergidylle, ein Kind, das in den Händen des Priesters zerbricht und ein ganzes Dorf, das wegschaut.

Für die kleine Frieda gibt es keinen sicheren Ort. Zu Hause ist sie der Kälte und Gewalt der Erwachsenen ausgesetzt, in der Schule der Willkür roher Erzieher. Als Frieda zum Kommunionunterricht geschickt wird und sogar Ministrantin wird, kommt zu der Grausamkeit, die Frieda ohnehin täglich erfährt, auch noch brutaler Missbrauch durch den Priester hinzu.

Lichtblicke sind die kranke Großmutter, zu der sie sich flüchten kann und der Hausarzt, der ihre Verletzungen als das wahrnimmt, was sie sind: Zeichen von körperlicher und seelischer Misshandlung. Doch letztlich unternimmt keiner der beiden etwas, um das Kind wirklich zu verteidigen, zu schützen.

In ihrer klaren, eindringlichen Sprache schildert Frieda Winter, wie es ihr trotz allem gelingt, ihr berufliches Leben zu meistern. Aber auch, wie die erlittene Gewalt sie nach Jahrzehnten nicht loslässt. Es ist ein emotional aufwühlendes, ungemein Facettenreiches und mutiges Werk, das jeden anspricht, der emotionale Tiefe und Menschlichkeit schätzt.

Triggerwarnung: Im Buch wird emotionale und körperliche Gewalt dargestellt.

Frieda Winter

Weihwasseridylle

Autobiographie

© Frauenzimmer Verlag 2025

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck und Vervielfältigung in anderen Medien und anderen Sprachen, elektronische Speicherung, Bearbeitung oder Aufbereitung - auch in Auszügen - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI)ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Autorin und des Verlags bleiben davon unberührt.

ISBN: 978-3-937013-84-8

Inhaltsverzeichnis

Unverständnis

Verklungene Melodien

Rangordnung

Meine Spielkameraden

Das Klingenthal

Die Freundin

Träume

In großer Not

Das Böse

Fahrzeugweihe

Verstoßen

Das Geheimnis

Gerlinde kommt wieder

Mein Freund ist tot

Erste Liebe

Peter

Narrenfreiheit

Der Rauswurf

Alles wird gut

Entwürdigend

Ohne Charakter

Ruth

Für Großmutter

Freundschaften

Eine schwierige Patientin

Ablehnung

Urlaub

Abschied

Weitere Titel im Frauenzimmer Verlag

Opfer werden Täter

Opfer werden Täter

das ist so vorbestimmt

das Maligne du erkennst es

und kämpfst dagegen an

doch die Prägung sie umschlingt dich

weil sie es eben kann

Nie bist du frei

das Trauma raunt

halt dich nicht auf mit Lieben

sie wird gefressen und verdaut

von undankbaren Dieben

Ich möchte ja und glaub es nicht

woher soll ich sie nehmen

mir schlug nur Abscheu ins Gesicht

und Schläge die mich lähmten

jedoch ein kleines helles Licht

sagt du kannst den Dämon zähmen

Als ich mein Kind im Arme hielt

hab ich der Liebe ins Auge gesehn

da glaubte ich ich könne lieben

als wäre nie was geschehen

Ich liebte auch sehr stark sogar

und dachte es wär mir gelungen

alles besser zu machen

und was einst war zu verstehen

aber das Leben machte mir klar

dass ich vergeblich gerungen

Unverständnis

Die wasserblauen Augen des Dorfsprechers und größten Bauern im kleinen Ort Weißendorn musterten mit starrem alkoholgeschwängertem Blick das unbedeutende kleine Häuschen in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner mächtigen Scheune, die sogar den Turm des Gotteshauses überragte. Hinter seiner gedrungenen Stirn jagten schwere Gedanken, die dem bulligen Mann einen bisher unbekannten körperlichen Schmerz verursachten. Sein gewaltiger, dicht bewachsener, auf halbe Streichholzlänge geschorener Schädel, welcher selbst für einen derart massigen Körper, wie der Großbauer ihn hatte, noch überdimensional wirkte, begann sich unentschlossen langsam nach links und rechts zu drehen. „Warum!“, brüllte eine innere Stimme. „Warum hat man mir das angetan!?“

Der breite, schmallippige, von dichtem schwarzem Barthaar eingewachsene Mund bekam einen bitteren Ausdruck.

„Ich hätte diese Heidenbrut fortjagen sollen, gleich zu Beginn, dieses asoziale Pack, das sich an keine Regeln hält. Aber was tu ich? Lasse zu, dass sich diese Habenichtse hier, nur einen Steinwurf von meiner Kirche entfernt, breitmachen.“

Die Lippen des Mannes begannen zu beben, ohne dass sich der starre Blick veränderte.

Der Körper, welcher vor Kraft zu strotzen schien, nahm eine leicht gebeugte, etwas hilflose Haltung ein und hinter der schweißnassen Stirn formatierten sich weitere zornige Gedanken.

Als Dorfsprecher habe ich stets gegrüßt, schon damals, als alle anderen sich auf diese rothaarige Hexe Frieda stürzten, weil sie ohne Mann mit ihrer Brut hier angekrochen kam. „Geschieden!“, das sagt doch schon alles. Viel zu gutmütig bin ich immer gewesen und das hat man dann davon.

Behäbig wie ein uralter Mann schlurfte der Fünfzigjährige in die Garage, um eine Holzbank auf den Hänger seines Land Rover zu laden.

Planlos scheuchte Teufel Alkohol seine Gedankenfetzen von einer Schläfe zur anderen, was ein schmerzhaftes Pochen hervorrief und den Bauern dazu veranlasste, die Bank abzulegen, um sich auf dem Reifen des Hängers niederzulassen.

In einem kurzen Anflug von Selbstmitleid schlug er die derben Hände vors Gesicht und rieb sich die Augen, jedoch das, was ihn quälte und in Aufruhr versetzte, brodelte hinter den Sorgenfalten seiner Stirn weiter.

Vorschriften hat sie mir machen wollen, die Hereingeschmeckte, wie ich meinen Depp zu behandeln habe. Bloß weil sie eine Schule besucht hat, bildet sie sich ein, alles besser zu können. Nicht einmal meiner Gertel hat das Weib geglaubt, dass ich dem verwachsenen Bojaz (seltsamer Kauz) noch nie im Leben etwas angetan habe, der war schon von Geburt an blöd, aber so einer glaubt man mehr als einer rechtschaffenen Familie. So weit ist es inzwischen gekommen!

Bauer Hauk erinnerte sich plötzlich an seinen hölzernen Bierstutzen und griff ungewöhnlich schnell unter den Hänger, wo im Schatten das Selbstgebraute stand. Mit einer Hand führte er den Holzkrug zum Mund und trank ohne abzusetzen den halben Stutzen leer. Während er sich mit dem Unterarm den Schaum aus dem Bart wischte, gab er ein paar grunzende Laute von sich. Der Blick wurde schon bald glasiger und ausdrucksloser, die proportional viel zu kleinen blauen Äuglein blieben müde an dem benachbarten Haus hängen.

„Die sollte sich lieber um ihre eigene Brut kümmern. Was nützt das ganze überhebliche Geschwätz, wenn der Herrgott nimmer gefragt ist!“

Neue Schweißperlen bohrten sich aus der sonnengebräunten Stirn, die Hände ballten sich plötzlich zu Fäusten und der Bauer erhob sich mit einem energischen Ruck. Sein Körper straffte sich und die Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die eben noch gramgebeugte Gestalt verwandelte sich augenblicklich wieder in die trutzige alte Eiche, der kein Sturm etwas anhaben kann.

Hatten sich nicht eben die weißen Sprossenfenster dieses lächerlich kleinen Hauses über ihn lustig gemacht, indem sie sich zu einer grinsenden Fratze verzogen? War es nicht schon Schmach genug, dass ein dummes Weib ihn zu Fall gebracht hatte? Ihn, einen Mann wie ein Baum, den größten Bauern weit und breit, der zum Sprecher des Ortes gewählt wurde. Weil er es zu etwas gebracht hatte, zollte man ihm Respekt, jeder bemühte sich um seine Gunst. Alles war in bester Ordnung, bevor Frieda, diese rothaarige Hexe, ins Dorf zog.

Sie wird wieder verschwinden, dafür sorge ich, ohne sie säße ich nicht in diesem Schlamassel.

Der Gedanke an seine aussichtslose Lage zwang den Bauern, sich erneut auf dem Reifen niederzulassen, wo er mit eingesunkenem Körper eine Weile stumpf vor sich hin brütete, bis die Dämpfe des tröstlichen Allheilmittels seine Geruchsnerven streiften. Ein paar kräftige Züge aus dem Stutzen verwandelten seinen Gesichtsausdruck in den eines zähnefletschenden Rottweilers.

Trotzig warf Hauk den Kopf zurück und blickte mit weit aufgerissenen Augen zum Himmel empor.

„Herrgott!“, murmelte er leise und beschwörend, ohne den Mund weiter als einen Spalt zu öffnen. „Hast du mich denn ganz verlassen? Bist du jetzt auch schon auf der Seite dieses Geschwärtels? Lass einen Blitz in das Gebälk dieses grinsenden Heidentempels fahren, früher hast du Derartiges doch auch getan!“

Der Gedanke, dass der Zorn Gottes all seine Probleme lösen könnte, gab dem Bauern die Kraft, in die Garage zu gehen und eine zweite Bank auf den Hänger des Land Rover zu laden. Verächtlich blickte er erneut hinüber zu dem verhassten Haus, wo jene Frau wohnte, die etwas getan hatte, das noch niemals ein Weißendorner auch nur in Erwägung gezogen hatte.

In dem kleinen abgeschiedenen Ort rächte man sich mit Intrigen, die Frauen duellierten sich lautstark mit wüsten Schimpfworten, die Männer verdroschen sich mit Fäusten oder Mistgabeln. Nur in Ausnahmefällen wandte man die Höchststrafe an, indem man dazu überging, den Gegner gesellschaftlich zu vernichten. Hierfür genügte es vollkommen, ihn beim Pfarrer zu denunzieren, denn wer bei Hochwürden unten durch war, den schaute auch kein Dorfbewohner mehr mit dem Hühnerauge an. Die Strafe hing stets von der Schwere des Vergehens und der Kreativität des Kontrahenten ab.

Die Weißendorner sind durchweg fromm und gottesfürchtig, auch sehr arbeitsam, aber wenn sie gereizt werden, tritt der zwischenmenschliche Ehrenkodex außer Kraft und in den Köpfen werden Geschmacklosigkeiten und hinterhältige Anschläge geboren. So schiss man beispielsweise für eine öffentliche Beleidigung im Wirtshaus dem Täter vor die Haustür.

Bei einem Techtelmechtel mit der Frau des Nachbarn erschlug man heimlich den Hund des Rivalen, am nächsten Tag war der Hund des Aggressors ebenfalls tot. So geht das schon, seit ich denken kann. Jeder sonnt sich in der Genugtuung, den anderen mit seiner Retourkutsche übertroffen zu haben.

Natürlich brüllte man sich auch an, denn jeder wusste, wer hinter den jeweiligen Taten steckte. Wenn sich zwei Streithähne erst einmal ineinander verbissen hatten, konnte das jahrelang hin und her gehen.

Allerdings würde ein echter Weißendorner nie jemandem die Polizei ins Haus schicken, so wie ich das getan hatte, schon gar nicht, weil er seine Kinder verprügelte, denn das taten alle.

Noch immer stand der Dorfsprecher breitbeinig neben seinem Hänger und wartete darauf, dass Gott ein Exempel statuieren würde, aber er schickte nur ein kühles Lüftchen, das in seine kurzen, schlabberigen Hosenbeine blies und sie aufblähte. Die Enttäuschung spülte der Bauer mit dem Rest des Selbstgebrauten im hölzernen Stutzen hinunter. Mit dem Handrücken wischte er den Schweiß von der Stirn, ehe er sich erneut auf dem Reifen des Hängers niederließ.

In den kleinen, tief liegenden Äuglein war ein zorniges Flirren, als Hauk aufgebracht halblaut vor sich hin schimpfte.

„Sie ist keine Weißendornerin, diese Rothaarige, das haben doch schon früher die Spatzen von den Dächern gepfiffen. Wer weiß, wo die Winterin die aufgelesen hat. Kein Mensch hat hier darauf gewartet, dass die sich nach fast 20 Jahren Abwesenheit wieder in unserem Dorf einquartiert. Mein Bub hätte besser auf dem Hof die leichten Arbeiten erledigen sollen, statt sich ständig bei diesem Kuckucksweib herumzutreiben. Eine gehörige Tracht Prügel hat noch keinem geschadet und diesem Deppen schon gar nicht. Der kann froh sein, dass er daheimbleiben konnte und wir ihn nicht ins Krüppelheim gebracht haben (Krüppelheim nannte man früher das Haus wo körperlich und geistig Behinderte untergebracht waren).

Dieses blöde Weib musste unbedingt ihre Nase in unsere Angelegenheiten stecken. Ich hätte sie gleich bei ihrem Antrittsbesuch die Treppe hinunterwerfen sollen, stattdessen lasse ich Maulaffe zu, dass sie ihre sommersprossige Visage in mein Privatleben steckt und mich wegen Kindesmisshandlung vor Gericht zerrt.

Die hätte mal lieber ihrem Mann ein ordentliches Essen kochen sollen, denn wenn sie was getaugt hätte, wäre er sicher nicht auf und davon. In diesem Punkt habe ich den Weißendornern schon immer zugestimmt. Kein Weib im ganzen Dorf ist jemals so niederträchtig gewesen, den eigenen Mann vor einen Scheidungsrichter zu beordern. „Bis dass der Tod euch scheidet!“ Seit ich denken kann, hat sich bisher jede Weißendorner Ehefrau an dieses Versprechen gehalten.

„Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen!“ Aber diese schamlose Hexe wagt es, ein Sakrament mit Füßen zu treten, geht in keine Kirche, braucht weder Herrgott noch Weihwasser und besitzt auch noch die Unverfrorenheit, einen rechtschaffenen Bürger durch den Dreck zu ziehen. Aber ich werde dafür sorgen, dass dieser Fremdkörper nicht länger sein Unwesen hier treibt, noch bevor ich in den Knast muss. So wahr ich Rochus Hauk heiße!

Der Gedanke an die bevorstehende Haft erschien dem grüblerischen Bauern so grausam und ungerecht, dass er ihn nur mit einem neu gefüllten Stutzen ertragen konnte. Warum überhaupt sollte er noch die Bänke und Tische für das bevorstehende Kirchweihfest auf die Dorfwiese schaffen?

Als er mit dem Maßkrug in Richtung Haus torkelte, war nicht zu übersehen, wie sehr das Selbstgebraute in seinen Adern ihn beeinträchtigte.

Die Lust am Feiern war ihm sowieso vergangen. Wahrscheinlich wird man auch das nächste Kirchweihfest ohne ihn feiern und schuld war in seinen Augen Frieda, das asoziale Weib. Diese Geschiedene, ein gottloses, gewissenloses Subjekt, das sich weder an die altbewährten Dorfgesetze noch an die katholischen Glaubensregeln hielt.

Hauk setzte sich auf die Bank neben dem Hauseingang, die er für seine alten Eltern angefertigt hatte, und blickte flehend zum Gotteshaus hinüber.

„Warum um alles in der Welt beziehst du keine klare Position“, murmelte der Bauer. „Ich bin doch derjenige, der für die neue Orgel gespendet hat und die Restaurierung der Madonna durchführen ließ. Täglich besuche ich den Gottesdienst, verehre dich wie kein anderer und du siehst seelenruhig zu, wie ich eingesperrt werde. Du kannst mich doch nicht einfach hängen lassen! Schließlich haben ich und andere gottesfürchtige Männer vor mir dafür gesorgt, dass die unmoralischen, sündigen Einflüsse von außen in unserer kleinen Dorfgemeinschaft keinen Schaden anrichten konnten. Hier gelten die alten überlieferten Werte noch etwas. Ich habe mich stets dafür eingesetzt, dass alles bleibt, wie es schon immer war und sich jeder Einzelne an den alten Traditionen und Wertvorstellungen orientiert. Noch nie hat jemand respektlos und kaltschnäuzig die seit Jahrhunderten geltenden Regeln beiseitegeschoben und rücksichtslos nach seinen eigenen Vorstellungen gelebt. Ich wusste gleich, dass das nicht gut gehen kann.

Mit dieser Episode sind wir schon fast am Ende meiner Erzählung angelangt. Die Geschichte der rothaarigen Frieda beginnt in der Nachkriegszeit im Jahr 1951 im abgeschiedenen Dörfchen Weißendorn, wo das 21. Jahrhundert in den Köpfen der Menschen bis heute nicht angekommen ist.

Verklungene Melodie

Der kleine 200 Einwohner zählende Ort Weißendorn kauert wie so viele fränkische Dörfer in einer Mulde und ist von sanften Anhöhen umgeben. Rings um das Dorf auf halber Anhöhe beginnend, steht trutzig der dichte Tannenwald. Wie eine Armee kampfbereiter Regimenter bewacht er das kleine unbedeutende Dorf, das aus einem großen und etwa 30 kleineren Bauernhöfen sowie sechs selbstständigen Handwerkerfamilien, die nebenbei ebenfalls eine kleine Landwirtschaft betreiben, besteht. In dem idyllisch gelegenen Ort leben auch einige bitterarme kinderreiche Familien, die so gut wie nichts besitzen und sich gerade so zwei angemietete Zimmer bei einem Bauern leisten können. Der Ernährer muss den Lebensunterhalt als landwirtschaftlicher Helfer oder Gelegenheitsarbeiter in der nahen Stadt verdienen. Viele der einfachen, bodenständigen Menschen haben in ihrem ganzen Leben die Front der Baumsoldaten noch nie durchbrochen. Sie wurden hier geboren und werden in dieser Einöde auch sterben, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben. Es führt nur eine schmale, unbefestigte, mit Schlaglöchern übersäte Straße durch den Wald zum Dorf hinaus in die fünf Kilometer entfernte Kreisstadt Maiborn.

Im Jahr 1951, als ich als drittes Kind einer Handwerkerfamilie in einem finsteren fränkischen Fachwerkhaus zur Welt kam, besaß niemand außer dem Pfarrer, dem Bürgermeister und meinem Vater, dem Schneidermeister Winter, ein Auto und es musste schon ein wichtiger Grund vorhanden sein, um den Weg in die Stadt zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen.

Die Frauen hatten keine andere Wahl, als ihre Kinder zu Hause zur Welt zu bringen. Nachdem die alte Dorfhebamme Berufsverbot bekam, weil sie nicht sauber gearbeitet hatte und einige unschöne Dinge passiert waren, musste jetzt die Hebamme aus der Stadt kommen.

Es gab so etwas wie eine Sparkassenfiliale in der Küche einer Bäuerin mit dem einzig verfügbaren Telefon im Dorf, von dort konnte man die Geburtshelferin anrufen. Bis die stark übergewichtige Frau endlich mit ihrem Köfferchen angeschnauft kam, war allerdings die Geburt meist schon überstanden. Manch eine Gebärende starb, wenn es Komplikationen gab, manchmal auch das Kind.

Ich wurde in einer stürmischen Augustnacht geboren. Die Naturgewalten tobten ums Haus und gaben mir von Anfang an zu verstehen, dass das Leben auf diesem Planeten ein Kampf sein wird. Eigentlich war die Familienplanung nach einem Mädchen und einem Jungen bereits abgeschlossen, aber das konnte ich ja nicht wissen. Nichtsahnend und voller Lebenswillen drängte ich mich in die Großfamilie hinein.

Ruth, die Wöchnerin, war wochenlang nicht einsatzfähig. Großmutter musste sie pflegen, mich versorgen und meine älteren Geschwister beaufsichtigen.

Als das Sturmtief nach 48 Stunden weiterzog, schrie ich tagelang, weil ich mich so an Donner und Blitz gewöhnt hatte, und bereitete Großmutter noch mehr Stress. Aber das war natürlich nicht meine Absicht.

Meine Eltern hatten kurz bevor Vater in den Krieg zog geheiratet. Ruth, meine Mutter, musste bis zur Geburt ihres ersten Kindes in einer Textilfabrik, wo Uniformen für die Soldaten des großen Führers hergestellt wurden, bei einem Stundenlohn von 10 Reichspfennigen arbeiten. Tagtäglich legte sie im Morgengrauen gemeinsam mit fünf weiteren jungen Frauen aus dem Ort die neun Kilometer zum Arbeitsplatz zu Fuß zurück, auch im Winter bei Eis und Schnee.

Meine beiden älteren Geschwister wurden bereits während des Krieges geboren, denn jeder Soldat bekam ab und zu Heimaturlaub.

Auf dem Land musste man nicht hungern, weil beinahe jeder Nutztiere hielt und Ackerbau betrieb, aber für jede Schlachtung musste eine Genehmigung eingeholt werden, damit kein Handel betrieben werden konnte.

Das Geld war bis zur Währungsumstellung 1948 nur wertloses Papier und der Tauschhandel blühte.

Obwohl nur eine einzige Fliegerbombe den Weg nach Weißendorn gefunden hatte, sie detonierte auf dem Friedhof, wo sie den Schlaf der Toten unterbrach, indem ihre Gebeine in die umliegenden Gärten und bis auf die 150 Meter entfernte Dorfstraße geschleudert wurden, wirkten die Schrecken des Krieges noch nach. Viele der Frauen hatten ihren Mann oder manchmal nicht nur einen Sohn verloren. Soldaten, die aus der Gefangenschaft oder direkt vom Schlachtfeld zurückkehrten, waren traumatisiert und oft in ihrem Wesen total verändert.

Die Familien mussten damit selbst fertig werden, versorgt wurden nur die körperlichen Wunden.

Nach heutigen Maßstäben lebte man damals sehr bescheiden, um nicht zu sagen primitiv. Weder im Haushalt noch in der Landwirtschaft waren Maschinen vorhanden, die den harten Alltag etwas erleichtert hätten. Das bedeutete Plackerei von früh bis spät, man kannte nichts anderes und niemand stellte Ansprüche. Kaum einer haderte mit den Umständen, die eh nicht zu ändern waren, viel wichtiger war, dass wieder Frieden im Land herrschte.

Als ich sechs Jahre nach Kriegsende dazustieß, war das Leben noch immer kein Zuckerschlecken.

Kein Haushalt besaß ein Badezimmer. Weder ein Telefon noch Fernseher oder gar Computer war vorhanden. Von einer Waschmaschine, einem Kühlschrank, Elektroherd oder Staubsauger konnte man nur träumen. Wer dennoch glaubte, einen Teppich haben zu müssen, hängte diesen regelmäßig über eine Stange, um den Staub herauszuklopfen und mit einer Bürste die Fusseln zu entfernen.

Die vor Urzeiten aufgestellten ungeschriebenen Gesetze und Verhaltensregeln hatte in Weißendorn noch nie jemand angezweifelt. Selbst wenn ein potenzieller Quertreiber neben all der Arbeit die Zeit gefunden hätte, einmal darüber nachzudenken, ob die antiquierten Gebräuche und Ansichten noch in das 20. Jahrhundert passten, hätte er das heimlich tun müssen, denn nichts war mehr verpönt, als neumodische Ideen zu spinnen.

Wer hier geboren und aufgewachsen war, vermisste nicht die Annehmlichkeiten und Freiheiten des Stadtlebens, sondern gab sich dem Rhythmus des Dorfes hin, der von den jeweiligen Jahreszeiten vorgegeben wurde. Veränderungen würden nur Unruhe und Unsicherheit bringen und konnten unmöglich besser sein als das Altbewährte.

An manchen Tagen war das Milchauto das einzige motorisierte Fahrzeug auf Weißendorns schmaler Dorfstraße. Der kleine Pritschenwagen kam auch an Sonn- und Feiertagen pünktlich um 9.00 Uhr. Wer die Kuhmilch bis dahin nicht zur Sammelstelle gebracht hatte, musste sie selbst trinken.

Man darf sich den Milchwagen nicht wie die Giganten von heute mit ihren riesigen Edelstahltanks vorstellen. Sie fahren die Milchbauern direkt an, denn es gibt nur noch große Betriebe, die mit Melkmaschinen ausgestattet sind. Die Milch wird vom Euter weg nonstop direkt in einen großen Plastikbehälter geleitet und der Abholer pumpt sie in den Edelstahltank. Ein kleiner Bordcomputer erfasst die Liefermenge und speichert sie.

Früher hatte kaum ein Bauer mehr als zwei bis vier Kühe. Dafür reichte eine 20-Liter-Kanne oder auch zwei, in die der Name eingraviert war. Mit einer zweirädrigen Karre brachte man die Behältnisse zur Sammelstelle, wo der Fahrer sie für den Transport auf die offene Ladefläche hob. Die Füllmenge ermittelte man erst in der Molkerei. Am Nachmittag wurden die leeren Kannen wieder für den nächsten Tag bereitgestellt.

Das kleine Weißendorn war beinahe autark. Es hatte einen eigenen Bürgermeister, wie alle Dörfer damals, eine Schule und Kirche, einen Lehrer und Pfarrer sowie ein Gasthaus mit Tanzboden. Es gab eine Mühle, einen Krämerladen und sämtliche Handwerksbetriebe, die auch in der Stadt zu finden waren. Arzt und Krankenhaus waren natürlich nicht verfügbar, aber bei dem zähen Menschenschlag wäre ein Landarzt schon sehr bald selbst an Mangelernährung gestorben. Es genügte vollkommen, wenn der Arzt aus Maiborn einmal pro Woche seine Hausbesuche absolvierte. Obwohl er auf der desolaten Straße nur Schritttempo fuhr und jedem Schlagloch auszuweichen versuchte, wurde er von einer gewaltigen Staubwolke angekündigt.

Einige sogenannte „Wegmacher“ rückten regelmäßig mit einer Holzschubkarre und Schaufeln an, um die Löcher mit Schottersteinen zu flicken, aber es taten sich ständig neue auf.

Nach seinen routinemäßigen Krankenbesuchen fuhr der Arzt mit Schinken, Eiern, allerlei Obst und selbst gebrannten Schnäpsen beladen wieder heimwärts. Ich kann mich nicht erinnern, dass der kugelrunde, etwas untersetzte, stets freundliche und humorvolle Landarzt einmal jemanden ins Krankenhaus bringen ließ. Viele der Bauern waren außerdem nicht krankenversichert. Ob es sich nun um eine Lungenembolie, einen Schlaganfall oder ein gebrochenes Bein handelte, der Patient wurde in der Großfamilie von den Angehörigen nach Anweisung des Arztes gepflegt, so gut sie es verstanden. Trug beispielsweise ein Schlaganfallpatient eine Aphasie, von der auch die Schluckmuskulatur betroffen war, davon, fiel er aufgrund des akuten Flüssigkeitsmangels nach einigen Tagen ins Koma und starb. Natürlich daheim im Kreise seiner Angehörigen. Heute würde man sagen, er ist verhungert und verdurstet, was ja auch der Fall war. Keiner sprach damals von „passiver Sterbehilfe“. Man durfte einfach noch sterben, wenn man alt und krank war, was heute oft nicht mehr so einfach ist.

Die genügsamen Landbewohner besaßen nicht viel Geld. Man konnte es sich damals trotzdem noch leisten zu sterben. Der ortsansässige Totengräber hob für einen geringen Obolus die Grube aus und bekam zusätzlich noch einige Gläser vom selbst gebrannten Kornschnaps für seine Mühen. Er war es auch, dem ein Todesfall zuerst gemeldet wurde, denn der Mann musste das Totenglöckchen läuten. Jeder im Dorf wusste Bescheid, wenn eine Minute lang beide Glocken und dann ebenfalls eine Minute lang nur noch eine Glocke läutete. Diese Botschaft entfachte ein Lauffeuer, das binnen kürzester Zeit alle Häuser erreicht hatte und keine Fragen mehr offen ließ.

Der Sarg, den der Dorfschreiner herstellte, war auch für die einfachen Leute erschwinglich. Den Grabstein ließ man sich allerdings etwas kosten. Vom Steinmetz wurden nicht nur Name, Geburts- und Sterbedatum eingraviert, sondern oft auch der Berufsstand. Da Frauen in der Regel keinen Beruf erlernt hatten, stand da zum Beispiel Bäckermeisters Gattin oder Bahnbeamten Gattin, Maurermeister oder Schrotthändler, woran man sehen kann, dass das Handwerk damals hoch angesehen war. Diesem Brauch lässt sich aber auch entnehmen, dass die Frau sich über den Beruf des Ehemannes definierte und sich damit schmückte. Eine Frau ohne Mann machte nichts her. Sie hatte einen niederen sozialen Rang, der erst durch den Ehestand enorm aufgewertet wurde.

Es war Sitte, dass jede Familie im Dorf vom Gärtner für den Verstorbenen einen Kranz anfertigen ließ. Den brachte man direkt in das Trauerhaus, wo der Tote drei Tage lang in seinem Bett aufgebahrt blieb und dann quasi direkt vor der Haustür von der gesamten Gemeinde zum Begräbnis abgeholt wurde. Für uns Kinder bedeutete jede Beerdigung ein paar Stunden Schulbefreiung. Schon während der Leichenzug sich langsam zum Friedhof bewegte, wurde unaufhörlich gebetet und all die Totenkränze wanderten auf dünnen Kinderbeinen zum offenen Grab.

Der Aufschwung nach dem Krieg kam nicht über Nacht und es gab viele Menschen, die nichts vom aufkeimenden Wohlstand abbekamen. Nicht jeder Kriegsheimkehrer fand sofort einen Arbeitsplatz und so mancher musste sich mühsam durchschlagen. Sporadisch kam ein Mann ins Dorf, der die Hasenfelle aufkaufte. Sie wurden auf spitz zugesägte Bretter gespannt, damit sie ihre Form behielten, und zum Trocknen unter das Vordach gestellt.

Der Käufer bezahlte je nach Zustand 10 Pfennig oder mehr für das Stück und verkaufte sie für 1 DM an einen Pelzhändler weiter.

Von Zeit zu Zeit stand ein Lumpenhändler vor der Tür, der von den sparsamen Leuten nicht etwa aussortierte Kleider, sondern wirklich nur Lumpen bekam. Wie er diese zu Geld machte, kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, es wurden daraus Teppiche oder Ähnliches hergestellt.

Auch ein Schrotthändler tauchte in regelmäßigen Abständen mit einem alten Handwagen auf, der den Bauern für das Altmetall sogar noch ein paar Pfennige bezahlte. Ein Messer- und Scherenschleifer kam alle paar Monate. Den schweren runden Schleifstein transportierte er mithilfe eines Handwagens. Immer erklärten sich einige Kinder bereit, den Sandstein zu drehen und das benötigte Wasser nachzufüllen. Reich wurden diese Leute mit ihren Haustürgeschäften alle nicht, denn sie erschienen durchweg zu Fuß, hatten aber ihr Auskommen.

Der Kohlenhändler, der auch die umliegenden Ortschaften und die nahe Kreisstadt belieferte, unterhielt ein großes Lager am Ortsrand. Er fuhr mit seinem Pferdefuhrwerk von Haus zu Haus, denn alle benötigten damals Kohlen, kaum jemand besaß eine Zentralheizung. Der Mann hatte sich im wahrsten Sinn des Wortes krumm geschuftet. Er konnte auch ohne die schweren Säcke, die er gleich in den Keller seiner Kunden trug und dort entleerte, nicht mehr aufrecht gehen.

Gerade auf dem Lande brannten fast alle Bauern ihre Obstschnäpse selbst und Egon, so hieß der Kohlenhändler, erhielt zum Dank für die schwere Arbeit einen Korn nach dem anderen. War am Abend der Kohlenwagen leer, konnte sich Egon meistens nicht mehr auf dem Kutschbock halten und legte sich in seinem Fahrzeug schlafen. Die Pferde fanden den Heimweg von alleine. In Weißendorn und Umgebung wunderte man sich schon lange nicht mehr, wenn das unbemannte Gespann in Richtung Heimat trabte. Heute wäre das undenkbar, aber zur damaligen Zeit fuhren selbst in unserer kleinen Kreisstadt kaum Autos und wenn doch, dann sehr langsam wegen der schlechten Straßen.

Wenn Egon vor seinem Kohlenlager, wo er den Rausch ausschlief, wieder erwachte, kümmerte er sich um die Pferde und fuhr anschließend mit dem bereitstehenden Fahrrad hinüber zum Wohnhaus, wo ihn seine Frau schon erwartete. Sie nahm ihm das Rad ab und stellte es in den Schuppen. Auf der Veranda vor dem Haus zog sie ihrem Mann die schmutzigen Schuhe aus und steckte seine Füße in warme Hausschuhe.

Drinnen erwartete ihn ein kräftiges Essen. Trotzdem sich die Frau jegliche Mühe gab und die vier Kinder das Essen sehr lecker fanden, hatte Egon jeden Tag etwas daran auszusetzen. Er beschimpfte die Köchin auf das Übelste und manchmal spuckte er es seiner Frau vor die Füße. Egon behandelte auch seine Kunden nicht zimperlich, er fand immer einen Grund zum Nörgeln und Schimpfen. Wir Kinder hatten alle schon allein deshalb Angst vor ihm, weil er ständig kohlrabenschwarz im Gesicht war und immer finster dreinschaute. Auch seine eigenen Kinder flohen, wenn er in den Hof geradelt kam.

Ich hörte, wie der älteste Sohn seine Mutter fragte, warum sie so einen garstigen Mann geheiratet habe.

Sie entgegnete: „Weil ich ihn geliebt habe und immer noch liebe, ich würde ihn wieder heiraten!“

Machte sie sich etwas vor, um diesen Mann besser ertragen zu können, oder hatte eine Frau damals tatsächlich keine weiteren Ansprüche an das Leben als Kochen, Putzen, Kinder und Mann zu verwöhnen, die Alten zu pflegen und sich als Dank für ihre Fürsorge beschimpfen zu lassen?

Keiner machte sich Gedanken darüber, ob Arbeiten und Beten wirklich alles ist, was das Leben zu bieten hat.

Der Pfarrer predigte von der Kanzel, dass jeder Mensch von Gott auf seinen vorbestimmten Platz gestellt wurde und es Christenpflicht wäre, diesen nach besten Kräften auszufüllen. Somit erstickte er jeden Ausbruchsgedanken schon im Keim.

Nicht nur auf dem Land kümmerte sich die Frau ausschließlich um Familie und Haushalt. Um einer beruflichen Tätigkeit nachgehen zu können, hätte sie die Erlaubnis ihres Mannes gebraucht, der sich dadurch in seiner Rolle als Ernährer und Oberhaupt der Familie bedroht sah.

Mein Großvater war Landwirt und sorgte für den reibungslosen Ablauf des kleinen Betriebes. Als ich etwa elf Jahre alt war, erkrankte er an Hodenkrebs.

Elf Jahre lang versuchte er auf seine brutale und gefühllose Art vergeblich, aus mir einen brauchbaren Menschen zu machen, wie er sich ihn vorstellte. Ich litt sehr unter seiner Rohheit und den harten Schlägen bei jeder Gelegenheit.

Damals wusste ich noch nicht, wie ein nackter Mann aussieht, und gesprochen wurde im Hause Winter über Dinge, die unter der Gürtellinie liegen, auch nicht.

Es wurde ein Riesengeheimnis um Großvaters Krankheit gemacht. Man vermied konsequent, diese unanständige Krebsart zu erwähnen, und redete um den heißen Brei. So waren die Angehörigen doppelt gestraft, weil sie sich schämten, eine derart anstößige Sache im hoch christlichen Haus zu haben.

Die Familie war peinlich berührt, als der Hausarzt völlig offen und ungeniert über Großvaters Hodenkrebs redete. Als er wieder gegangen war, einigte man sich schließlich darauf, diese Erkrankung in Blasenkrebs umzubenennen, weil es sich viel leichter aussprach und man so dieses unkeusche Wort nicht in den Mund nehmen musste.

Aber ich hatte längst die Ausführungen des Hausarztes aufgeschnappt und wenn ich bisher auch noch nie das Wort „Hoden“ gehört hatte und mir nicht annähernd vorstellen konnte, wo sie beheimatet waren, so begriff ich doch, dass man diese rätselhaften Dinger nicht einfach beim Namen nennen durfte.

Abgesehen davon, dass die Krankheit viel zu spät diagnostiziert wurde, unternahm Großvater keinen Versuch, sein Leben zu retten. Er war der Meinung, seine Zeit sei jetzt eben gekommen. Es vergingen noch beinahe zwei Jahre, bis er vom Krebs sichtlich gezeichnet war und seiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte.

Ein schneereicher Winter hatte begonnen, als Großvater schließlich bettlägerig wurde. Dann kamen die Schmerzen. Einmal pro Woche kämpfte sich der Landarzt mit seinem cremefarbenen NSU Prinz durch den tiefen Schnee und erlöste den Kranken mit einer Morphin-Injektion für einige Stunden von seiner Qual. Dann folgten wieder die trostlosen Tage, wo Großvater Tag und Nacht vor sich hin stöhnte und auf den Tod wartete. Es gab damals noch kein Morphin-Pflaster, das den Wirkstoff tagelang in kleinen Dosen über die Haut abgibt, was wäre das für ein Segen für den alten Mann gewesen. Das Krankenhaus in der Stadt war für ihn keine Option.

So oder ähnlich spielte sich das Sterben in allen Häusern des kleinen Dorfes ab. Der Tote blieb drei Tage bis zur Beerdigung aufgebahrt in seinem Bett liegen. Jeden Abend versammelten sich die Dorfbewohner im Schlafzimmer des Verstorbenen und beteten stundenlang den Rosenkranz. Am dritten Tag nahm ausnahmslos die ganze Gemeinde in schwarze Gewänder gehüllt auf dem Friedhof Abschied.

Es war damals eine Selbstverständlichkeit, dass die Alten bis zu ihrem Lebensende auf dem Hof blieben und auch bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit von der Familie versorgt wurden.

Solange sie noch dazu in der Lage waren, beaufsichtigten die Großeltern und Tanten die Kinder, während die restliche Familie auf dem Feld arbeitete. Die älteren Kinder mussten mit anpacken, nur die kleinen blieben zu Hause. Waren keine gebrechlichen Alten mehr da, band manche Mutter die Kinder im Krabbelalter und solche, die das Bettchen schon selbstständig verlassen konnten, ans Tischbein, bis am Abend die Erwachsenen zurückkamen. Babys blieben in ihrem Gitterbett derweil sich selbst überlassen. Normalität damals. Ein Tischbein ersetzte den Babysitter.

Ein Skandal aus heutiger Sicht, nur 40 Jahre später. Heutzutage würde das niemand mehr wagen, was auch nicht mehr nötig ist, denn man stellt ein Kind mit Fernsehen, Nintendo, Computerspielen und Handy wesentlich subtiler für viele Stunden ruhig.

In 40 Jahren wird das vielleicht ebenso grausam empfunden.

Wer hatte damals schon Zeit für die Kinder. Man musste sie nehmen, wie sie kamen, des Glaubens wegen, Wunschkinder gab es kaum. Jede Hand wurde in der Landwirtschaft gebraucht. Die Kinder wurden irgendwie mit durchgeschleppt, bequem zurechtgeprügelt, nicht liebevoll erzogen. Sobald sie den Unterschied zwischen Plumpsklo und Hose begriffen hatten, wurden sie mehr und mehr als gefügige Arbeitskräfte genutzt.

Meine Familie, die Winters, hielten sich wie alle Großfamilien in Weißendorn an die Gesetze des Dorflebens, denn man wusste, dass eine Übertretung schlimme soziale Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Die Menschen im entlegenen und rückständigen Weißendorn empfanden es als willkommene Abwechslung, wenn von Zeit zu Zeit sogenannte Hausierer, heute sagt man Vertreter, vorbeikamen, die von Haus zu Haus gingen und aus ihren großen Koffern vom Nähfaden bis zum Schnupftabak alles feilboten.

Heute würde kein Mensch mehr Geschäfte an der Haustür abwickeln, man bestellt bei Zalando oder Amazon oder fährt zu einem der riesigen Einkaufscenter.

Während meiner Kindheit wurden diese Leute freundlich hereingebeten, denn sie waren herumgekommen und man erfuhr durch sie allerlei Klatsch und Neuigkeiten.

Ich erinnere mich an einen besonders hartnäckigen Vertreter, der Ruth unbedingt ein Kaffeeservice verkaufen wollte. Zuerst versetzte er die Dame des Hauses in gute Laune, indem er unglaubliche Geschichten aus dem Hut zauberte. Er berichtete von Familien in der Stadt, die sich ein eigenes Telefon leisten konnten, und als immer mehr neugierige Schwatztanten aus der Nachbarschaft hinzukamen, geriet er in Höchstform und schilderte lebhaft gestikulierend, wie die gefliesten Bäder aussahen. Den Plumpsklohockern fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als der Mann von Wassertoiletten mit Duftsteinen und Hähnen, aus denen heißes Wasser kommt, sprach. Beinahe jeder Haushalt besitzt diese modernen sanitären Anlagen, prahlte er, als wäre das sein Verdienst.

Dann nutzte er geschickt den Moment, als den Frauen noch immer vor Staunen der Mund offenstand, und präsentierte lückenlos ein unzerbrechliches Kaffeeservice.

Trotz seiner raffinierten Strategie gelang es dem Verkäufer nicht, eine der anwesenden Frauen für seine Produkte zu begeistern. Da holte er die Kanne aus seinem Koffer und warf sie auf den Fußboden.

„Die gnädigen Damen werden es im Leben nicht bereuen, dieses Service gekauft zu haben, denn es wird Sie, wie ich Ihnen soeben demonstriert habe, um Jahrhunderte überleben. Ihre Urenkel werden es Ihnen noch danken“, rief er und warf den unverwüstlichen Pott erneut auf die Holzdielen, ohne dass er zerbrach. Aber weder Ruth noch die Nachbarinnen kauften eine der Wunderkannen, die ganz sicher nicht aus Porzellan bestanden, zumindest nicht das Vorführobjekt.

Die fliegenden Händler kamen bevorzugt in den Wintermonaten oder am Abend nach der Viehfütterung. Ich erinnere mich, dass es bereits stockdunkel war, als eine Frau auf der Straße schrie, dass man es im halben Dorf hören konnte. Sie wollte Puppen verkaufen und als die Leute besorgt angelaufen kamen, um Erste Hilfe zu leisten, verteilte sie ihre kleinen Flyer mit den aufgedonnerten Schönheiten. Zwei Exemplare trug sie in einem geflochtenen Korb auf dem Rücken bei sich. Eine der Damen, fast so groß wie ich, übergab sie meiner Oma. Ich konnte sie bis zum nächsten Tag behalten, nur aus dem transparenten Karton durfte ich sie nicht nehmen, sonst hätte Oma sie kaufen müssen. Ich wagte kaum, diesem in Spitze und Seide gekleideten vornehmen Ding in die Augen zu schauen. Sie erweckte nicht den Eindruck, als wolle sie mit mir spielen. Diese elegante, hochmütig auf mich herab schielende Lady wollte bewundert werden, sonst nichts. Meiner alten Puppe fehlte ein Arm und das Gesicht war fast nicht mehr zu erkennen, trotzdem liebte ich sie, denn meine Ulrike sauste mit mir auf dem Schlitten den Hang hinunter, harrte manchmal tagelang im Iglu aus und wartete die ganze Nacht geduldig im Regen, wenn ich sie draußen vergessen hatte.

Diese Schönheit war viel zu groß für meinen Puppenwagen und passte auch nicht zu mir. Ruth gab sie wortlos zurück, sie hätte dies auch getan, wenn ich mich in die Dame verliebt hätte.

Manche Vertreter boten Kurzwaren feil, hier griff mein Vater immer ordentlich zu. Er deckte sich mit unterschiedlichen Knöpfen, Reißverschlüssen, Stecknadeln, Scheren und kiloweise Schnupftabak ein, denn all diese Dinge aus dem Koffer waren wesentlich preiswerter als in unserem kleinen Dorfladen.

Am östlichen Ortseingang betrieb der Lenni, wie man den alten Kuno Lenhard nannte, eine Pichlerei. Manchmal sah ich ihm zu, wie er Eichenfässer und Zuber herstellte. Fünf Jahre musste das Holz im Freien lagern und ein weiteres Jahr zum Trocknen in der Halle aufgeschichtet werden, ehe es verarbeitet werden konnte. Diese lange Lagerung war nötig, um die Gerbstoffe auszuwaschen. Der Handwerker verwendete ausschließlich Eichenholz, weil es langfaserig ist und sich besser biegen lässt. Er war da sehr wählerisch und suchte die Bäume in den Wäldern der Bauern eigenhändig aus. Nach dem Zurechtsägen hielt Lenni die getrockneten Dauben über Wasserdampf, um sie biegsam zu machen, damit er sie in die gewölbte Fassform bringen konnte. Mit Reifen aus Stahl spannte er die Dauben zusammen und fügte Deckel und Boden ein.

Lenni war auch Pechhersteller. Wenn er das Fichtenpech in den großen Bierfässern anzündete und diese über die Wiese rollte, damit es sich in alle Ritzen verteilen konnte, beneidete ich ihn um seinen Beruf, denn Zündeln war eines meiner Hobbys.

Wenn die Franziskaner oder Dominikaner Mönche in ihren braunen Kutten von weit her kamen, um für ihr Kloster Geld zu erbetteln, kratzte jedes alte Mütterchen den Rest ihrer kümmerlichen Rente zusammen, damit die Betprofis im Gegenzug für ihr Seelenheil beteten.

Auch der Briefträger, der alle zwei bis drei Tage einmal ins Dörfchen geradelt kam, hatte außer ein paar Briefen noch allerlei Wissenswertes von der Welt hinter dem Wald zu berichten. Er belieferte auch einige umliegende Ortschaften mit Post und wusste, dass etliche Dörfer immer noch für neue Kirchenglocken sparten, weil die alten während des Krieges eingeschmolzen und zu Waffen verarbeitet worden waren. Der kleine, in einem Talkessel versteckte Fleck Weißendorn behielt seine Glocken. Sie bestehen vermutlich eh aus eingeschmolzenen Konservenbüchsen, denn genauso klingen sie.

Ich fühlte mich als Kind in dieser Abgeschiedenheit nicht etwa isoliert oder eingesperrt, da ich ja nie etwas anderes kennengelernt hatte und nicht wusste, was mir entging.

Meine Kindheit, die ich in dieser entlegenen Idylle verbrachte, war geprägt von körperlicher und seelischer Gewalt sowie sexueller Misshandlung durch den Dorfpfarrer. Sie war unglücklich, voller Verzweiflung und Qualen. Ohne Hoffnung, denn niemand schützte mich vor dieser unangefochten höchsten Instanz.

Sie war aber auch glücklich, weil ich in einer Großfamilie mit der liebevollsten und gütigsten Großmutter, die man sich vorstellen kann, aufwachsen durfte. Im Fachwerkhaus lebten noch meine beiden älteren Geschwister, die Eltern, Großvater und Omas Schwester, Tante Agathe.

Zu meinen geliebten Tieren pflegte ich ein besonders inniges Verhältnis, ob es sich um den Border-Collie-Mischling Moritz, den Ganter Bovist oder den Chef des Hühnerstalles „Mister Gock“ handelte.

Diese Glücksmomente mit ihnen gaben mir Mut und Kraft, die schlimmen Ereignisse durchzustehen, etwas anderes war nicht möglich. Alle Erwachsenen – Lehrer, Pfarrer, Eltern, Großeltern und Nachbarn – schlugen auf die Kinder ein, das war Normalität. Nicht nur ich hatte zusätzlich unter schwerem sexuellen Missbrauch zu leiden. Niemand wagte darüber zu sprechen, keiner beachtete die Zeichen, man wurde völlig alleine gelassen mit all dem Grauen. Wer hätte schon dem Geschwätz eines Kindes Beachtung geschenkt, niedergeschlagen hätten die Eltern eine solche Anschuldigung. Ein anbetungswürdiger, über jeden Verdacht erhabener Gottesmann würde diese Lügen mit einem einzigen Satz abschmettern und niemand könnte ihn davon abhalten, am Opfer Rache zu üben für den Verrat. Es gab kein Entkommen, diese kleine Welt war eben so, eine andere kannte ich nicht. Durch Lieblosigkeit und Missbrauch gelangte ich mit der Zeit zu der Einsicht, dass ich tatsächlich eine abscheuliche Kreatur war. Das milderte den Schmerz etwas und verlieh der Gewalt eine gewisse Berechtigung. Ohne Großmutter und meine Tiere wäre ich vielleicht an diesem Schicksal zerbrochen. Besonders sexueller Missbrauch reißt eine offene Wunde in die Kinderseele, aus der Verzweiflung, Angst und Selbsthass strömen. Sie wird nie mehr vollständig verheilen. Man kann nie mehr frei und unbeschwert leben, denn die Schatten dieser Gewalt sind nicht abzuhängen. Sie finden dich überall, greifen in dein Leben ein und lassen dich niemals in Ruhe.

Es mag sein, dass ich in meinem kleinen Heimatdorf so einiges, was in der Welt vorging, versäumte, in einer TV-, telefon- und fast autolosen Zeit.

Wir Kinder hatten auch nicht viel Freizeit. Nach der Schule mussten wir auf den Feldern mitarbeiten, weshalb die wenigen ungezwungenen Stunden besonders kostbar waren. Es gab im Dorf keinen Spielplatz, wo die Erwachsenen uns großzügig erlaubten zu spielen. Unser Spielplatz war überall, auch mitten auf der Straße, wo fast täglich Hula-Hoop-Wettbewerbe oder Wettrennen mit den selbst gebauten Stelzen, die so hoch waren, dass man nur auf der Eingangstreppe eines Hauses aufsteigen konnte, stattfanden. Da es keine Durchfahrtsstraße war, blieben wir vom überörtlichen Verkehr verschont. Es verirrte sich nur äußerst selten einmal ein Wagen nach Weißendorn. Wir waren dann gezwungen, unsere Spiele für gut zehn Minuten zu unterbrechen, denn das Fahrzeug wirbelte dermaßen viel Staub auf, dass alle Kinder in dieser Wolke verschwanden.

Jeden Abend, wenn die Erwachsenen ihren Feierabend genossen, durften wir Kind sein. In Weißendorn gab es keine verschlossenen Türen. In den Scheunen konnten wir Versteck spielen oder vom Dachgebälk hinab ins Heu springen. Wir konnten am Bach, im Wald, auf Wiesen oder in leer stehenden Häusern spielen. Ganz besonders beliebt waren alte Dachböden und finstere, geheimnisvolle Gewölbekeller.

Ältere Kinder ließen den Kreisel, ein kleines kegelförmiges Holz, tanzen und brachten es mit einer Peitsche dazu, sich immer weiterzudrehen, was einiges Geschick erforderte und durch die unebenen und steinigen Straßen zusätzlich erschwert wurde.

Die Jungen bauten Seifenkisten und natürlich wurden auch wir Mädchen eingeladen mitzufahren. Wir spielten mit Murmeln und veranstalteten Sackhüpf-Wettbewerbe auf der Angerwiese, unter den lauten Beifallsrufen der Gänseschar. Wir überkreuzten die Arme, fassten uns bei den Händen und drehten uns so lange im Kreis, bis uns schwindelig wurde. „Mühlrad“ nannten wir dieses Spiel. Ein weiterer beliebter Zeitvertreib waren „Der Fuchs geht um“, Seilspringen oder „Machet auf das Tor, der Kaiser braucht Soldaten“. Fast jedes Kind konnte Papierflieger oder Papierschiffe anfertigen, die wir im Bach an dem staunenden Federvieh vorbeiflitzen ließen. Wir besaßen kaum Spielsachen, jeder brachte mit, was er hatte, und alle durften es benutzen.

Der Hof der Familie Winter lag auf einer kleinen Anhöhe. Direkt vor dem Haus verlief die bereits erwähnte Buckelpiste, gesäumt von tiefen Abwassergräben auf beiden Seiten. Namen hatten die Straßen damals nicht. Das in die Länge gezogene Anwesen bestand aus einem geräumigen zweigeschossigen Fachwerkhaus, an das sich Ställe und Scheune anschlossen. Auch der unmittelbar nach der Scheune beginnende riesige Beeren- und Obstgarten folgte immer dem Verlauf der Straße. Hinter dem Haus gehörte alles Land, etwa zwei Hektar, bis hinauf zum Wald den Winters.

Bei allen Bauernhäusern lagen Wohntrakt und Stall unter einem Dach. Manche Familien lebten Tür an Tür mit Kühen und Schweinen, denn der Viehstall war nur durch eine Tür von der Küche getrennt. Vom Stall stiefelte man direkt in die Küche, mit der Hygiene nahm es niemand so genau.

Keiner machte sich verrückt, wenn Ammoniakdämpfe und die Ausdünstungen der Tiere sich ungehindert im ganzen Haus ausbreiteten. Die Nasen waren so abgestumpft, dass dieser alltägliche vertraute Gestank nicht mehr wahrgenommen wurde.

Immerhin strich man den Stall jedes Jahr mit einer Kalklauge, um zu verhindern, dass sich Bakterien und Schimmelpilze ausbreiten konnten.

Die Felder und Wiesen wurden mit einfachsten Mitteln bewirtschaftet. Maschinen waren kaum vorhanden. Fast alle Arbeitsgänge mussten in mühevoller Handarbeit mit der Unterstützung von Pferden oder alten knochigen Kühen durchgeführt werden. Die Winters zogen Kühe vor, weil die auch noch Milch lieferten. Ich fand es einschläfernd, wenn ich sah, wie die beiden stets träge und ohne einen Anflug von Eile Pflug oder Leiterwagen hinter sich herzogen.

Wo man auch hinsah, wartete Arbeit, aber etwas wie Eile kam beinahe nie auf, höchstens wenn ein Gewitter im Anmarsch war und das trockene Heu noch auf der Wiese lag.

Die Ausrüstung eines Bauern bestand aus einem Pflug mit zwei Scharen, der von einer Kuh gezogen und von Hand geführt werden musste, einer Egge sowie der hölzernen Schubkarre, die für den Transport des täglich frisch gemähten Grases oder Klees genutzt wurde. Jeder Landwirt besaß mehrere Sensen, womit mühsam von Hand das Futter für die Tiere geschnitten wurde.

Für Heu und Schnitternte wurde der eisenbereifte Leiterwagen hervorgeholt.

Viel mehr war auch nicht vonnöten. Man setzte damals keinerlei Chemie ein. Die Schädlingsbekämpfer waren wir Kinder, wir mussten regelmäßig Kartoffelkäfer und deren rote Raupen von den Stauden in kleine Eimer sammeln. Die Hühner freuten sich über diese Abwechslung auf ihrem Speiseplan und legten aus lauter Dankbarkeit Eier mit rotem Dotter.

Auf diese Weise sparten wir das Geld für Pestizide, ein teures Spritzgerät sowie einen aufwendigen Arbeitsgang, schonten die Umwelt und nicht zu vergessen, die Hühner wurden einen Tag mühelos satt.

Die Ernte der Kartoffeln war, wie beinahe alle Vorgänge, kräfteraubend, denn sie mussten Wurzelstock für Wurzelstock mit einer speziellen Hacke, die statt eines Blattes fünf lange, gekrümmte Zinken hatte, aus der Erde geholt werden.

Das Gerät schlug man etwa zehn Zentimeter neben dem verdorrten Kraut in die Erde und durch das Kippen der Hacke war es möglich, das gesamte Kartoffelnest auszuheben.

Wir Kinder lasen die Früchte auf, sortierten sie nach Größe und füllten große und kleine in unterschiedliche Leinensäcke. Der kühle Felsenkeller war die vorläufig letzte Station, ehe die Knollen auf dem Esstisch oder im Schweinemagen landeten.

Gedüngt wurde ausschließlich mit Kuhmist und Gülle. Zu diesem Zweck wurde ein langes Güllefass aus Zink auf den Leiterwagen verbracht. Eine langstielige Schöpfkelle tauchte man in die offene Jauchegrube und beförderte den Flüssigdünger über einen Trichter in das Fass, an dessen hinterem Ende sich ein Auslauf befand, der, auf dem Feld angekommen, geöffnet wurde. Die übelriechende Fracht zogen ebenfalls zwei Kühe.

Die Milchproduzenten legten ein Tempo an den Tag, dass der Hahn des Güllefasses am Zielort nur minimal geöffnet werden konnte, wenn man nicht die ganze Brühe auf einem Fleck haben wollte. Es war eine unschöne Arbeit, bei der auch immer die Kleidung einiges abbekam. Ganz zu schweigen von dem durchdringenden Gestank, an dem sich das gesamte Dorf nachhaltig berauschen konnte.

Wenn man bedenkt, dass in der Düngesaison alle Güllegruben geleert werden mussten, wundere ich mich heute nicht mehr, dass diese ätzenden Ammoniakdämpfe jeden fortschrittlichen Gedanken einschläferten.

Der Tages- und Jahresablauf waren während meiner Kindheit noch überwiegend vom bäuerlichen Leben bestimmt. Das Geläut der blechernen Kirchenglocken war Zeitmesser für die auf dem Feld, im Wald und auf dem Hof arbeitenden Menschen. Es herrschte ein eigenes, typisches Klangbild, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt.

Der Tag begann damals mit dem ersten Hahnenschrei, der überall in dem kleinen Dorf zu hören war und schon bald aus allen Richtungen erwidert wurde. Dann konnte man je nach Wetterlage laut oder etwas gedämpft das Pfeifen des ersten Zuges, der in den Weißendorner Bahnhof einfuhr, vernehmen. Mit dem Morgenläuten um 6.00 Uhr erwachte schließlich das ganze Dorf zum Leben. Das Knarren und Quietschen der Stalltüren wurde vom Muhen der Kühe und Kreischen der hungrigen Schweine übertönt. Die blechernen Futtereimer schepperten und dazwischen das gleichmäßige Pumpgeräusch des Brunnens im Hof, aus welchem mit einer großen Butte, an der zwei breite Gurte befestigt waren, damit man sie auf dem Rücken tragen konnte, das Wasser für die Tiere zum Tränken, für den Haushalt zum Kochen und Waschen geholt wurde. Familien, die keinen eigenen Brunnen hatten, mussten das Wasser vom Dorfbrunnen herbeischleppen.

Das Läuten zur Morgenmesse (täglich!) rief die Dorfbewohner zur Kirche. Danach wurde gefrühstückt und noch bevor ich den Schulweg antrat, begannen in der Schneiderwerkstatt meines Vaters die Nähmaschinen zu rattern. Damals standen in der kleinen 200-Seelen-Gemeinde Weißendorn sogar zwei Schneidermeister zur Verfügung, die beide gut zu tun hatten, denn es gab weit und breit kein Kaufhaus, in dem man Kleidung von der Stange kaufen konnte. Es ließen allerdings auch die Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Kleidung bei den Weißendorner Schneidern anfertigen und viele Kunden kamen aus der Stadt.

Während ich langsam und lustlos im Zickzackkurs zur Schule trödelte, bewegten sich die ersten Kuhgespanne mit den eisenbereiften Ackerwagen unter Hü- und Hott-Rufen, unterstützt vom Peitschenknallen feldwärts. Dazu das Klipp Klapp einiger Pferdehufe. Jetzt mischten sich auch von Handwerkern verursachte Geräusche wie das Kreischen der Säge und das dumpfe Hobelgeräusch aus der Schreinerei darunter.

Pünktlich wie ein Uhrwerk ließ um 8.00 Uhr der Schmied seinen Hammer auf den Amboss sausen, um neue Hufeisen zu formen, gefolgt von einem hellen Ping Ping, wenn er den Hammer auf dem Amboss austanzen ließ. Ich besaß keine Uhr, dennoch wusste ich, dass die Schule erst nachdem dieses geheime Zeichen an mein Ohr gedrungen war beginnen würde. Die Wartezeit vertrieb ich mir damit, die Pfaffenhütchen von der Staude vor der Friedhofsmauer zu pflücken und mit einem Knall unter meinen Schuhen platzen zu lassen, denn ich wollte nicht mehr Zeit als unbedingt nötig in diesen öden Schulbänken verbringen und auf den Schmied war immer Verlass.

Ich erschien stets kaum erwähnenswerte zwei bis vier Minuten zu spät im Klassenzimmer, denn wenn der Schmiedehammer die Uhrzeit verkündete, musste ich erst noch die steile Außentreppe und die in den ersten Stock hochsteigen. Meinen Lehrer trieb ich mit meinem ureigenen Rhythmus beinahe in den Wahnsinn. Ich kam mir oft wie ein Versuchskaninchen vor, wenn er sämtliche erzieherischen Maßnahmen an mir ausprobierte.

Weder der Rohrstock noch provokante Bemerkungen oder der Anblick meines oft völlig verzweifelten, ratlosen Lehrers konnten mich dazu bringen, ein paar Minuten früher zu erscheinen.

Bungert blieben schließlich noch fast vier Stunden, um mir etwas beizubringen. Was versäumt man in ein paar Augenblicken schon, wie kann man derart rechthaberisch sein, so dachte ich und verhinderte weiterhin beharrlich mit passiven Widerstand, dass Bungert aus mir eine Musterschülerin zimmerte.

Diesen dicken Panzer aus Sturheit und Trotz habe ich mir über die Schulzeit hinaus bewahrt. Etwas instabile Mitmenschen stürze ich damit manchmal in eine Nervenkrise, aber ich kann das dicke Fell nicht einfach ablegen, denn ich bin ihm etwas schuldig. Es half mir immer wieder aufzustehen, nicht zu kapitulieren. Dieser individuellen Kampftechnik verdanke ich, dass etwas von mir übrig geblieben ist.

Es herrschte damals, gemessen an der heutigen Zeit, allgemein ein sehr behäbiger Alltagstrott. Jeder war bestrebt, gut für seine Familie zu sorgen und genug zum Leben zu haben, mehr nicht.

In den Regalen des Schusters stapelten sich die alten, abgenutzten Treter. Er war fast ausschließlich damit beschäftigt, Schuhe neu zu besohlen, Löcher zu flicken oder ausgefallene Nägel wieder in Absatz und Sohle zu schlagen, und kam vor lauter Reparaturarbeiten kaum dazu, mit den wesentlich lukrativeren Neuanfertigungen zu beginnen.

In einem kleinen Häuschen am Ortsrand lebte ein Kesselflicker mit seiner Familie. Diese Dienstleistung ist in unserer Wegwerfgesellschaft längst nicht mehr gefragt, aber in der Nachkriegszeit konnte der Mann von seinem Handwerk bescheiden leben, denn es wurde gestopft und repariert, bis keiner mehr wusste, wie das Ding ursprünglich einmal aussah.

Weil man damals während der Wintermonate nicht auf importierte Südfrüchte zurückgreifen konnte, wurde im Herbst ein Teil des Obstes getrocknet, um Mangelerscheinungen vorzubeugen.

In den mit Holz beheizten Dörröfen, von denen es beinahe in jedem Haus einen gab, wurden die Früchte nicht durch Rauch, sondern mit trockener Hitze haltbar gemacht. Gelagert wurden die verhutzelten Apfelscheiben, Zwetschgen oder Birnen auf einem sogenannten Dörrgitter, das jeder Bauer aus reißfester Schwarzerle flechten konnte. Bei dieser schonenden Haltbarmachung blieben die Vitamine in dem zuckersüßen Naschwerk erhalten.

Unabhängig zu sein war den Weißendornern sehr wichtig. Außer dem Maiborner Arzt gab es kaum jemanden oder etwas, worauf sie nicht verzichten konnten.

Niemand im Dorf las eine Tageszeitung. All die Berichte von Mord und Totschlag, Raub und Unzucht hatten in ihrer heilen, gottesfürchtigen Welt nichts zu suchen. Politische Nachrichten und andere wichtige Ereignisse erfuhr man über das Radio.

Außerdem gab es da noch den Gemeindediener, der jeden Samstag durchs Dorf ging und mit einer Glocke die Leute aus den Häusern lockte. „Beeekanntmachung!“ brüllte der Mann, ehe er die Verordnungen und Informationen des Bürgermeisters verlas. Was waren das schon für Wichtigkeiten, die der Ausrufer, wie man ihn auch nannte, da verkündete. Es ereignete sich ja kaum etwas Nennenswertes in dieser Einöde. Falls doch, hatte sich die Kunde in dem kleinen Dorf schon längst in Windeseile verbreitet. Es wurde nur sehr selten etwas verlesen, das man nicht schon vorher vom Nachbarn oder am Stammtisch erfahren hatte.

Ab und an starb ein alter Mensch oder eine Trauung stand bevor. Eine Wahl oder neue Richtlinien für Landwirte wurden angekündigt. Manchmal erblickte ein Kind das Licht der Welt, aber all das wusste man bereits und noch viel mehr. Nämlich wer Taufpate wird und was der Kinderwagen für den Neubürger gekostet hatte.

Seit der Währungsreform 1948 war das Geld wieder etwas wert. Bis dahin konnte man nicht einfach in den nächstbesten Laden marschieren und was auch immer kaufen. Ein deftiger geräucherter Schinken, Ziegen- oder Schweinefleisch waren während der Inflation die Zahlungsmittel.

Wer seine Familie ausschließlich mit einer kleinen Landwirtschaft ernähren musste, hatte kein leichtes Leben. Die harte körperliche Arbeit ließ auch den Umgangston rauer werden.

Beleidigungen und tätliche Angriffe gegen den Nachbarn waren Normalität, alle Streitigkeiten wurden intern mit der Mistgabel geregelt. Diese kleinen Gefechte waren so was von normal und lebensnotwendig, dass man aus allen Wolken fiel, als ausgerechnet dieses friedliche und gottesfürchtige Dorf gleich von zwei Katastrophen heimgesucht wurde.

Edmund, so hieß der Ausrufer, geriet damals richtig ins Schwitzen, er hatte jetzt drei DIN-A4-Seiten vorzulesen. Der Sommer war so heiß und trocken gewesen, dass Wasserknappheit herrschte. Sämtliche Brunnen gaben nur noch kleine Mengen her und Edmund verkündete, dass die kostbare Ressource nur noch zum Kochen, Trinken und Tränken des Viehs verwendet werden darf. Das wöchentliche Bad in der Zinkwanne und das Gießen des Gartens wurden streng verboten.

Dieser furchtbaren Trockenperiode, bei der die gesamte Ernte verdorrt war, folgten zahlreiche schwere Unwetter und das schlimmste Hochwasser, das ich je erlebt habe. Als Kind taten mir die Geschädigten nicht leid, denn diese Fluten waren in einem Kaff, wo sich nie etwas Außergewöhnliches ereignete, für mich eine Sensation, an der ich mich nicht sattsehen konnte. Ich dachte nicht an den Schaden, den so ein Hochwasser verursacht, realisierte nicht, dass viele Menschen nicht mehr in ihren Häusern wohnen konnten, brachte kaum Mitleid auf für all die Tiere, welche bei dieser Überschwemmung ertrunken waren, sondern sah gebannt der Feuerwehr zu, wie sie die Menschen von ihren Dächern pflückte und freiwillige Helfer die überlebenden Tiere aus den Wassermassen fischten.

Unser Haus stand im Oberdorf und bekam von der Flut nichts ab, nur der am Ortsrand gelegene Felsenkeller stand unter Wasser. Die Einmachgläser schwammen uns beim Öffnen der Tür entgegen und Kartoffeln sowie Futterrüben mussten später vom Schlamm befreit werden.

Viele Familien des Oberdorfes nahmen Hochwassergeschädigte vorübergehend bei sich auf. Auch meine stets hilfsbereite Großmutter wollte dies tun, aber Ruth war dagegen. Sie mochte keine Leute im Haus haben, die ihrer Meinung nach ja doch nur herumschnüffeln würden. Freunde hatte Ruth wegen ihrer egoistischen, kaltschnäuzigen Art sowieso nicht im Dorf.

Meine Oma erzählte, dass der Gemeindediener während des Krieges die Aufgabe hatte, den Familien die Nachricht zu überbringen, dass Sohn, Bruder oder Vater als vermisst galt oder gefallen war. Seine Schritte wurden mit bangen Blicken verfolgt und wenn er auf ein Haus zukam, wusste man schon Bescheid. Oft hörte man die Schreie der Frauen noch ehe der Bote durch die Tür trat.

Es war durchaus üblich, dass die Alten, sofern sie das gesundheitlich konnten, noch mit 70 oder gar 80 Jahren auf dem Hof oder im Handwerksbetrieb mitarbeiteten. Sie erledigten ihrem Alter angemessene leichte Arbeiten und waren froh, sich noch nützlich machen zu können. Kein Bauer, Handwerker oder Rentner kam auf die Idee, sich Hobbys zuzulegen oder einmal zu verreisen.

Im landschaftlich durchaus reizvollen Weißendorn bestand das gesamte Leben aus Arbeit, bis die Kräfte aufgebraucht waren.

Einige Bauern hielten sich Knechte, die rund um die Uhr verfügbar sein mussten, dafür aber im Alter oder bei Krankheit auf dem Hof bleiben konnten und ebenfalls bis an ihr Lebensende versorgt wurden.

Während tagtäglich aufgeregt schnatternd Scharen von Gänsen aus ihren Ställen kamen und zu ihrem Lieblingsplatz, einer seichten Stelle im Dorfbach, watschelten, war gleichzeitig das Lali-Lala aus der Schalmei des Schweinehirten zu hören, dem kleinwüchsigen sprach- und gehbehinderten Bauernsohn Ömes, der nie eine Schule besucht hatte, da es zu dieser Zeit weit und breit keine Sonderschule, heute nennt man sie Förderschule, gab. Die gesunden Kinder mieden den Umgang mit ihm, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Teilweise war ihnen von den Eltern verboten worden, mit Ömes zu spielen. Manchen bereitete es Vergnügen, den Buben zu hänseln und zu attackieren, andere ließen den Zehnjährigen in Ruhe seine Matschklöße formen. Es war seine Lieblingsbeschäftigung und die Schweine standen Schlange für diese Delikatesse.

Das Schweinehüten erledigte Ömes täglich mit Leidenschaft. Dieses Metier beherrschte er, hier fand er Anerkennung und Bestätigung. Er lieferte nie einen Grund zur Klage. Wenn pünktlich immer zur gleichen Zeit sein kleines Instrument ertönte, öffneten sich beidseitig der Dorfstraße die Hoftore und immer mehr Schweine trotteten der grunzenden Herde, die Ömes in der Nähe des Dorfes hütete, zu. Ja, damals hatten diese armen Geschöpfe auch ein kurzes, aber viel glücklicheres Leben als heute.

Sonntags durften die Schweine nicht aus dem Stall und Ömes hatte keine Aufgabe. So saß der jüngste Sohn des größten Bauern im Ort von früh bis spät in der Scheune auf dem Traktor, einem kleinen Fendt, dem einzigen übrigens in der ganzen Umgebung, und brabbelte vor sich hin oder ahmte das Tuckern des Fahrzeuges nach.

Der Gottesdienst dauerte an den Sonntagen beinahe zwei Stunden, weshalb das Mittagessen frühestens um 13.00 Uhr serviert werden konnte. Die Männer verkürzten sich die Wartezeit beim Wirt mit einem Frühschoppen.

Werktags kehrte nach dem Zwölfuhrläuten für etwa eine Stunde Ruhe im Dorf ein. Ausnahmen gab es nur während der Erntezeiten. Wir Kinder hatten um diese Uhrzeit bereits den täglichen Frühgottesdienst und die vier Stunden Schulunterricht hinter uns. Alle acht Stufen wurden in einem Klassenraum unterrichtet. Der Rohrstock war sehr oft im Einsatz und Ohrfeigen hagelte es massenhaft. Von der Dorfschule, die 40 Kinder beherbergte, bis zu meinem Elternhaus waren es nur etwa fünf Gehminuten.

Im Hause Winter stand immer pünktlich das Mittagessen auf dem Tisch. Obwohl Tante Agathe schon alt und kränklich war, kochte sie täglich für elf Personen, die aus Eltern, Großeltern, meinen beiden Geschwistern, Tante Agathe, mir und den drei Angestellten meines Vaters bestanden.

Nach dem Essen ging es dann umso geschäftiger weiter. Auch wir Kinder mussten uns alte Kleidung anziehen und bei der Feldarbeit mithelfen. Die Hausaufgaben wurden, wenn überhaupt, spät abends erledigt.

Die Schneidergesellen hatten die Aufgabe, das Geschirr abzuwaschen und einzuräumen. Man sprach damals die Frau des Lehrers mit Frau Lehrer, die Frau des Bürgermeisters mit Frau Bürgermeister und die Frau des Hausarztes mit Frau Doktor an. Ruth, die Hausherrin, legte viel Wert darauf, von den Auszubildenden mit Chefin angesprochen zu werden. Sie sanktionierte streng und konsequent das Spülmittel und die Wassermenge. Man hatte einen Krieg durchlebt, eine entbehrungsreiche Zeit, deshalb war Sparen in Fleisch und Blut übergegangen. Der Hof stand voll mit Wannen und Zubern, denn es wurde trotz des eigenen Brunnens das Regenwasser aufgefangen. Das christliche Sonntagsblatt war die einzige Lektüre, in die sich die strenggläubigen Erwachsenen nach Feierabend etwas vertieften. Später kam noch der Bayernkurier hinzu. Den Lesestoff bewahrte man in einem offenen Regal der Wohnküche auf. Nach einiger Zeit wurden die untersten Exemplare in kleine handliche Stücke zerrissen und hatten ihren letzten Auftritt auf dem Plumpsklo über der Güllegrube. Als einen Hauch von Luxus betrachtete ich die kleine Fensteröffnung. Auch wenn die Aussicht auf den Misthaufen nicht grandios war, so träumt es sich leichter, wenn man dabei aus dem Fenster sieht. Ich ließ nur selten einen ruhigen Moment verstreichen, ohne mich in meine Fantasiewelt zu begeben.

Sich mit dem ehrwürdigen Katholischen Sonntagsblatt den Hintern abzuwischen, das brachten nicht alle frommen Seelen übers Herz. Manche stellten auf dem „Abtritt“, wie man das kleine und doch so wichtige Häuschen oft vornehm nannte, ein Kästchen mit Gras bereit oder der Hintern blieb naturbelassen. Weil so ziemlich jeder etwas muffelte, entweder nach Kuh, Schweinestall, Gülle, Ziegenbock, Lavendel, der gegen Motten eingesetzt wurde, oder anderen Düften des Alltags, nahm niemand daran Anstoß.

Alles war ausschließlich auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Auf Ästhetik oder einen für das Auge erfreulichen Gesamteindruck legte damals niemand Wert, es hatte neben der harten Arbeit auch keiner mehr die Kraft oder Zeit dafür.

Am Abend, wenn die Gespanne vom Feld zurückkehrten, konnte man das Oha oder Brr hören, mit dem die Bauern vor den Hoftoren ihre Zugtiere anhielten, um sie zu öffnen. Später war das Quietschen und Rattern der Futterschneidemaschinen zu vernehmen. Sie ähnelten einem viel zu groß geratenen Fleischwolf und man musste mühsam von Hand leiern, um die Rüben zu zerkleinern. Neben dem Muhen der hungrigen Kühe und dem Quieken ungeduldiger Schweine, die Ömes stets pünktlich zurückbrachte, war ab und zu die energische Stimme eines Bauern zu hören, wenn er seine Tiere etwas disziplinierte.

Nach getaner Arbeit fand so manch einer die Zeit, auf der Bank vor der mit Reben bewachsenen Hausfront des Wirtshauses eine Feierabendpfeife zu rauchen, sich mit den Nachbarn zu unterhalten und uns Kindern beim Spielen zuzusehen.

In der vom Efeu umrankten Laube neben dem Gasthaus traf sich die Dorfjugend und so manch ein harmloser Sommerabend endete mit einem „Lebenslänglich!“.