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Nur ein paar Minuten, dann würde er sich fortschleichen. Und bis dahin würde er die Augen zusammenkneifen, das Regenwetter ignorieren und gucken. Denn das hatte er schon immer geliebt. Gucken. Beobachten. Alle Orte sehen, die er noch erleben wollte: Seitdem ihr Verlobter bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, sind Lost Places mehr als nur eine Leidenschaft für Jennifer. Sie sind alles, was ihr von ihrer gemeinsamen Zeit geblieben ist. Als Flynn Anduin, bekannter Urbexer und Schriftsteller, sie zu einer Gruppenreise auf das verwaiste Kreuzfahrtschiff Greenland Halvorsen einlädt, scheint ein Traum in Erfüllung zu gehen. Fernab der Ufer Grönlands taucht Jennifer nicht nur in die Geheimnisse des stählernen Riesen ein, sondern findet in Flynn eine zweite Chance auf Liebe. Doch was zunächst wirkt wie das größte Abenteuer ihres Lebens, verwandelt sich rasch in eine Nacht des Grauens. Ihre Mitreisenden sind nicht, wer sie zu sein scheinen, und verborgen in den Schatten lauert etwas, das nur darauf wartet, dass die Jagd beginnt. Der neue Thriller von Dennis Schulz, der den Leser zu einem wahrlich besonderen Lost Place entführt.
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ein Thriller von Dennis Schulz
Nur ein paar Minuten, dann würde er sich fortschleichen. Und bis dahin würde er die Augen zusammenkneifen, das Regenwetter ignorieren und gucken. Denn das hatte er schon immer geliebt. Gucken. Beobachten.
Alle Orte sehen, die er noch erleben wollte: Seitdem ihr Verlobter bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, sind Lost Places mehr als nur eine Leidenschaft für Jennifer. Sie sind alles, was ihr von ihrer gemeinsamen Zeit geblieben ist. Als Flynn Anduin, bekannter Urbexer und Schriftsteller, sie zu einer Gruppenreise auf das verwaiste Kreuzfahrtschiff Greenland Halvorsen einlädt, scheint ein Traum in Erfüllung zu gehen. Fernab der Ufer Grönlands taucht Jennifer nicht nur in die Geheimnisse des stählernen Riesen ein, sondern findet in Flynn eine zweite Chance auf Liebe. Doch was zunächst wirkt wie das größte Abenteuer ihres Lebens, verwandelt sich rasch in eine Nacht des Grauens. Ihre Mitreisenden sind nicht, wer sie zu sein scheinen, und verborgen in den Schatten lauert etwas, das nur darauf wartet, dass die Jagd beginnt.
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Copyright © 2023 Dennis Schulz
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Dieses E-Book enthält potenziell triggernde Inhalte.
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Prolog
1.
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36.
37.
Epilog
Danke!
Funfacts
Weitere Werke von Dennis Schulz
Glossar
Impressum
Triggerwarnung
Lost Places sind stille Zeugen vergangener Tage, gehüllt in die Melancholie der Zeit. Ihre verfallenden Gemäuer und Strukturen erzählen faszinierende Geschichten, die im Flüstern des Vergessens zu neuem Leben erwachen.
- Unbekannt, Netzfund
Für Marion
Schweren Schrittes schlurfte der Vollstrecker durch einen engen Gang. Die allumfassende Dunkelheit wurde dabei nur von einer Grubenlampe in seiner Hand gestört, deren gelber Schein über den feuchten, mit verspielten Verzierungen bestickten Teppich glitt. Es schmatzte unter seinen Stiefeln, dunkles Wasser suppte aus dem alten Gewebe hervor. Der Geruch von Schimmel und Rost war allgegenwärtig.
Zu beiden Seiten zogen schmale Türen vorbei. Einige von ihnen waren geschlossen, doch die meisten standen sperrangelweit offen. Er würdigte sie keines Blickes, setzte stumpf einen Fuß vor den anderen. Ein dumpfes Glucksen drang aus dem Kanister in seiner rechten Hand, dessen Inhalt munter schwappte.
Als der Boden träge schwankte, hielt er inne und glich die Bewegung aus, indem er seinen Schwerpunkt verlagerte. Weit hinter ihm knarrte und schepperte es, als würde Metall zerbrechen. Doch diese Geräusche beunruhigten ihn nicht, im Gegenteil. Er kannte sie, hatte sich längst an sie gewöhnt.
Nachdem sich der Untergrund wieder beruhigt hatte und die Laute verstummt waren, setzte er seinen Weg fort, bis er kurze Zeit später an einer Tür zu seiner Linken stehen blieb. Er drückte die Klinke mit dem Ellenbogen hinunter und tauchte in die Schwärze des Zimmers ein. Das gelbe Licht waberte über vermoderte Tapeten, die in jämmerlichen Haufen an den Wänden lagen, an denen sie einst geklebt hatten. Beleuchtet wurde zerfasertes Holz, ausgeblichene Kinderspielzeuge und ein kaputter Flachbildfernseher, der ungewöhnlich schräg auf einer Kommode stand.
Der Vollstrecker wandte sich nach rechts und schritt auf ein durchhängendes Doppelbett zu, dessen Konturen sich aus der Dunkelheit schälten. Daneben erklang ein gedämpftes Wimmern, verzweifelt und Hilfe suchend, doch er ignorierte es. Der Duft von nassem Stoff drang in seine Nase, ausgehend von einem Haufen Bettwäsche, der am Kopfende anstelle eines Kissens aufgetürmt war. Am Fuß des Bettes stand ein Stromgenerator mit abblätternder, gelber Farbe. Daraus ragte ein langer, etwa faustdicker Schlauch heraus, der sich über den Boden schlängelte und durch ein zerborstenes Fenster nach draußen in den tobenden Sturm verlief.
Er stellte den Kanister auf das Bett und machte sich an dem Generator zu schaffen. Dabei spürte er Blicke, die auf ihm lagen, ihn beobachteten, voller Angst und Pein. Blicke, die ihn durchdrangen auf der Suche nach etwas Menschlichem, etwas Gutherzigem.
Wie unnötig.
Behände schraubte er den quietschenden Tankdeckel ab. Als er dann den Kanister öffnete, strömte der schwere Duft von Diesel heraus. Wieder erklang das Schnauben. Hektisch, angsterfüllt, panisch. Genau so, wie es sein sollte. Er lächelte, stellte die Lampe ab und füllte den Treibstoff in den Generator. Anschließend verschloss er den Tank und zog mit voller Kraft an dem spröden Starterseil. Träge kam das Gerät in Fahrt, begann zu rattern und nahm donnernd und glucksend seine Arbeit auf. Der Schlauch pulsierte, und durch feine Löcher stiegen pfeifend Abgase empor. Nur einen Augenblick später schoss ein Lichtblitz durch den Raum, dann noch einer. In einer Ecke erwachte eine Baustellenlampe zum Leben.
Zufrieden erhob er sich, drehte sich um und ließ den Blick schweifen, bis er an dem Mann hängen blieb, der neben einem zweiten Fenster saß und ihn mit vor Angst aufgerissenen Augen anstarrte.
»Es ist so weit«, raunte der Vollstrecker mit tiefer Stimme in dessen Richtung.
Der Mann stieß einen Laut der Verzweiflung aus, gedämpft durch das Stoffknäuel in seinem Mund. Er versuchte sich von dem Stuhl loszumachen, auf dem er saß, doch hielten ihn Fesseln aus Panzertape, die seine Arme und Beine an dem lackierten Holz fixierten, an Ort und Stelle. Der grelle Schein der Lampe ließ seine Haut weiß strahlen.
Bei diesem Anblick wurde dem Vollstrecker warm ums Herz. Gierig sog er die Angst seines Opfers ein, als handelte es sich dabei um sein Lebenselixier.
Mit schweren Schritten trat er vor, überquerte Dutzende Zeitungsausschnitte, die den verdreckten Boden des Raums säumten, und baute sich vor dem Gefesselten auf. Er musterte den Mann – in seinen Augen ein abstoßendes Geschöpf – von Kopf bis Fuß. Dabei bemerkte er voller Ekel die gelben Ränder und Blutflecken auf dem schweißnassen Feinrippunterhemd, unter dem ein dicker, haariger Bauch hervorlugte. Er sah die von Urin durchnässte Unterhose, die unförmigen Beine, klobig wie Baumstämme. Füße mit gebogenen, gelben Nägeln. Sah die aufgedunsenen Arme, den kurzen Hals, das krötenartige Gesicht mit Schnauzbart und Knollennase.
Wie er diesen Mann hasste. Wie er ihn verabscheute. Wie ihn alles anwiderte, was dieser Kerl in seinen fünfzig Lebensjahren geschaffen hatte. Dabei war er angeblich ein hochangesehener Bürger, Mitglied in der Kirche und agierte regelmäßig in wohltätigen Vereinen. Aber das war nur Fassade. In Wirklichkeit war er ein Verbrecher der übelsten Sorte. Nicht mehr und nicht weniger. Und wie einen solchen würde er ihn auch behandeln. Etwas anderes hatte er nicht verdient.
Er ballte die Hände zu Fäusten, während der Gefesselte ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte, ihn stumm um Gnade ersuchte. Doch diese würde er ihm nicht gewähren. Niemals.
So beugte er sich hinab, fegte einen gefütterten Mantel, eine dicke Hose und schwere Lederstiefel beiseite und griff nach einem durchsichtigen Plastikbeutel. Als er sich erhob und der Gefesselte den Beutel erblickte, rastete er vollends aus: Er warf sich von einer Seite zur anderen, ließ den Kopf in blanker Panik kreisen und versuchte vergeblich seinen Fesseln zu entkommen.
»Du weißt, was nun passiert«, sprach der Vollstrecker kühl. Die panischen Augen seines Gegenübers verrieten ihm, dass es so war.
Ohne ein weiteres Wort stülpte er den Beutel über den Kopf des Mannes, griff nach der Rolle Panzertape auf dem Fensterbrett und zog einen langen Streifen ab. Diesen wickelte er um den Hals des Opfers, sodass die offene Seite der Tüte luftdicht verschlossen wurde. Der Mann schrie dumpf gegen seinen Knebel an, jaulte und warf sich verzweifelt nach vorn. Die Luft im ohnehin engen Kunststoffbeutel würde nicht lange reichen, das wusste sein Peiniger. So sollte es auch sein. So und nicht anders. Er musste sterben. Er hatte genau das verdient.
Das Opfer atmete in schnellen Zügen durch die mit Rotz verschmierte Nase, während der Beutel von innen beschlug. Immer dichter legte sich der Kunststoff um den Kopf, immer weniger Sauerstoff war vorhanden. Dafür nahm der Anteil des Kohlendioxids zu. Die Hände des Mannes verkrampften sich, die Fingernägel kratzten über das Holz des Stuhls, hinterließen feine Rillen und blutige Spuren. Der fette Bauch wabbelte unter dem Feinripp, die nackten Füße zuckten. Aus dem panischen Atmen wurde ein Röcheln, schnell und voller Todesangst.
Sein Peiniger stand ungerührt und mit vor der Brust verschränkten Armen da, beobachtete die erlahmenden Bewegungen. Nach schier endlosen Minuten der Qual wurde der Sterbende ruhiger. Leiser. Seine Finger entspannten sich, der Bauch hörte auf zu wabbeln, die Füße wurden schlaff. Ein paar abschließende, rasselnde Atemzüge erklangen, ließen die Brust sich heben und senken. Dann sank der Kopf langsam zur Seite, vom Plastik fest umschlossen. Ein schwaches Röcheln. Noch eines. Ein letztes Zischen von Luft, ein ersticktes Keuchen. Es folgte Totenstille. Nur das regelmäßige Glucksen des Generators und der draußen wütende Wind waren zu hören.
Es war geschafft. Zufrieden betrachtete er sein Werk, ließ den Blick über das verreckte Schwein gleiten. Über den Mann, der durch seine Hand elendig gestorben war. Dann löste er das Klebeband und zog den Beutel herunter. Die Haut des Toten war blass und verschwitzt. Eines gab es aber noch zu tun. So zog der Vollstrecker ein Taschenmesser hervor, klappte es auf und führte die glänzende Klinge an die Stirn des Leichnams. Es gab keinen Zweifel: Er hatte es verdient. Er hatte genau das verdient. Dann drückte er das Messer in die Haut.
1.
Biep! Biep! Biep!
Dieses verdammte Teil!, dachte Jennifer grimmig, während sich die schrillen Klänge aus ihrer Armbanduhr in nervtötender Eintönigkeit wiederholten. Sie presste die Lider fest zusammen und zog ihre Hände aus der schützenden Wärme des Schlafsacks. Als sie mit noch immer stur geschlossenen Augen nach der Uhr tastete, stießen ihre Fingerspitzen auf Metall, rostig und kalt, sowie auf feuchtes Laub und raue Fliesen. Das Piepen gewann an Intensität, wurde schneller und lauter.
Es hatte keinen Sinn. Gequält öffnete sie ein Auge und setzte es dem strahlenden Licht des neuen Tages aus. Es dauerte einen Moment, bis sie sich in ihrer Umgebung zurechtfand. Als es ihr gelang, griff sie zielgerichtet nach dem Rucksack, der nur wenige Zentimeter neben ihr auf dem Boden stand, und zog ihn heran. Gähnend fummelte sie eine der unzähligen Seitentaschen auf, zerrte den plärrenden Zeitmesser heraus und drückte sämtliche Knöpfe. Das Piepen erstarb. Stille kehrte ein. Nur der Wind pfiff sanft durch die scheibenlosen Fenster.
Sie drehte sich auf den Rücken und verbarg die Arme wieder in den wärmenden Tiefen des Schlafsacks. Ihr Atem stieg als feiner Nebel zu den bräunlichen Eiszapfen empor, die von der Betondecke herabhingen. Die grauen Wände glitzerten unter der dünnen Eisschicht, die sie bedeckte. Vereinzelte Schneeflocken fanden ihren Weg durch den leeren Fensterrahmen und schwebten zu Boden.
Jennifer sog einen Schwall der Morgenluft ein und konnte dabei nur den muffigen Duft alter Blätter und Beton feststellen. Es war an der Zeit, dies zu ändern.
Stöhnend setzte sie sich auf, befreite ihren Oberkörper aus dem Schlafsack und gähnte herzhaft. Sie zog ihren schwarzen Kapuzenpulli zurecht, der ihr im Lauf der Nacht bis unter die Brust gerutscht war, und streifte sich die Kapuze und die Wollmütze mit den integrierten Ohrenwärmern vom Kopf. Sofort drang die Kälte an ihre schweißnassen Haare und ließ sie frösteln. Doch das war der Kick, den sie brauchte, um das letzte Bisschen Müdigkeit loszuwerden.
Aus dem Rucksack kramte sie einen Gaskocher sowie einen Becher aus Aluminium hervor, den sie mit Wasser aus einer Plastikflasche füllte. Sie zündete den Kocher mit einem Streichholz an, stellte den Behälter darauf und wartete, bis sich die ersten Blasen bildeten. Dann riss sie ein Päckchen Instantkaffee auf und kippte das dunkelbraune Granulat in den Becher. Sofort drang das kräftige Aroma von Kaffee an ihre Nase und füllte den Raum mit morgendlichen Düften.
Nachdem sie das Gas abgedreht und den erloschenen Kocher beiseitegestellt hatte, legte sie ihre Hände vorsichtig um den heißen Becher und nippte an dessen Inhalt.
»Wunderbar«, flüsterte sie zufrieden und genoss das Getränk. Dabei musterte sie ihre Umgebung, bei der es sich um ein ehemaliges Technikerquartier handelte. Welche Menschen hatten einst an dem morschen Tisch, der unter einem der Fenster stand, gesessen und sich unterhalten? Was waren ihre Geschichten gewesen?
Ihr Blick glitt zu einem Wandstück, das an diversen Stellen Bohrlöcher aufwies. Sie waren in besseren Zeiten womöglich für die Aufhängung metallischer Bettgestelle vorgesehen gewesen. Jennifers Fantasie blühte. Ob sie zu diesem Raum Infos im Internet fände? Vielleicht sollte sie ihr Smartphone bemühen und recherchieren. Im gleichen Zug könnte sie die aktuellen News checken.
Sie verwarf die Idee rasch. Ihr iPhone hatte schon am Vorabend den Netzempfang verloren. Seither war sie ohne Verbindung zur Außenwelt.
Jennifer sah in einen tellergroßen, schmucklosen Spiegel, der seitlich neben ihr an der Wand lehnte. Er war durch Staub und Schmutz beinahe blind. Sie nahm ihn hoch und musterte die undeutliche Kontur ihres Kopfes, die schulterlangen blonden Haare, die so dunkel waren, dass die meisten sie für brünett hielten. Mit dem Daumen wischte sie über das Glas. Der Spiegel gab den Blick auf ihr verhalten glitzerndes Nasenpiercing und ihr rechtes Auge frei, das ihr in einem satten Blau entgegenstrahlte. Sie schmunzelte, und wieder ratterte ihr Denkapparat. Wem der wohl gehört hat? Und warum wurde er hier zurückgelassen?
Als der Becher leer war und der Kaffee allmählich seine Wirkung entfaltete, erhob sie sich und quälte den Rest ihres Körpers aus dem Schlafsack. Sofort griff die beißende Kälte nach ihren nackten Beinen, als handelte es sich um einen gierigen Liebhaber, der keine Zeit verlieren wollte. Hastig legte sie ihre gefütterte und winddichte Kletterhose an. Dann schritt sie durch den Raum und blieb unter dem Fensterrahmen stehen, den ein rücksichtsloser Architekt in fast unerreichbarer Höhe platziert hatte. Jennifer war gerade groß genug, um hinauszugucken und festzustellen, dass der Schneesturm nachgelassen hatte. Perfekt!
Nachdem sie zwei Käsebrote aus ihrer Verpackung befreit und verspeist hatte, löste sie ihr Nachtlager auf, indem sie den Schlafsack und die Isoliermatte zusammenfaltete und im Rucksack verstaute. Als Letztes nahm sie das Messer, das sie für Notfälle direkt neben ihrer Schlafstätte abgelegt hatte, und steckte es in eine Messertasche aus schwarzem Leder. Ausgerüstet mit einer winterfesten Jacke, einem dicken Schal, Mütze und dem geschulterten Rucksack ging sie zu der grünen Metalltür am Ende des Raums und zog sie auf. Die Tür ließ ein eindringliches Quietschen verlauten.
Dahinter erstreckte sich ein langer Korridor mit tristen Betonwänden und einem mit altem Laub und Schutt übersäten Boden.
Sie stieg vorsichtig über umgeworfene Bürostühle und Regale und passierte ein mit blauem Stoff bezogenes Sofa. Die Oberfläche des Sitzmöbels war, im Vergleich zu allem anderen, gänzlich frei von Müll und Blattwerk. Vermutlich hatte in der vergangenen Nacht jemand darauf geschlafen. Bei dem Gedanken verzog sie den Mund.
Es war eine gute Idee gewesen, das Messer griffbereit zu haben. Wer wusste schon, welche Gestalten in diesen alten Mauern ihr Unwesen trieben?
Jennifer dachte an die Gruppe aufdringlicher Männer aus Polen, die sie am Vortag gezwungenermaßen kennengelernt hatte. Nett waren sie zwar gewesen, doch das waren Urban Explorer fast immer. Urbexer, wie sie kurzerhand genannt wurden, durchstreiften Lost Places und versuchten deren Geheimnisse zu ergründen. Genau wie sie selbst es tat und liebte. Aber an Bekanntschaften war Jennifer nicht interessiert. Ihre Leidenschaft galt allein den Orten, nicht den Besuchern.
Komm mit uns, trink ein wenig. Wir machen ein Feuer und lassen es uns gut gehen, hatte einer von ihnen in gebrochenem Englisch verkündet. Und wenn du willst, haben wir auch noch mehr ...
Dabei hatte er gönnerisch auf ein Tütchen Gras gedeutet, das einer seiner Kumpel aus der Tasche gezogen hatte. Doch Jennifer war standhaft geblieben. Es hatte sie viel Mühe gekostet, die aufdringlichen Männer abzuwimmeln. Zum Glück waren sie ihr weder gefolgt noch hatte einer auf eine gemeinsame Nacht beharrt. Trotzdem hatte sie erst einschlafen können, als sie das Messer in Griffweite wusste und nichts mehr von dem fernen Johlen hörte, das eindeutig von den Polen und ihrer Party stammte.
Sie folgte dem Korridor, der irgendwann einen Knick machte und in eine große Halle mündete. Der Gestank von Kohle und Ruß stieg ihr in die Nase. Ihr Blick fiel auf alte Brennkessel, sperrige Pumpen, Dampfturbinen, Generatoren und unzählige Rohrleitungen. Rost und Verfall waren allgegenwärtig, zudem warben Aberhunderte Graffitis um die Gunst des Betrachters. Glas knirschte unter ihren Stiefeln, und Schneeflocken rieselten durch die zerstörten Fensterreihen Dutzende Meter über ihrem Kopf.
Sie fröstelte. Nicht wegen der Kälte, sondern weil sie sich der unheimlichen Ruhe des stillgelegten Kraftwerks bewusstwurde. Jennifer schloss die Augen. Fühlte. Horchte. Wurde eins mit der Halle, eins mit dem Verfall. Sie wurde zu der Geschichte des Ortes und der Menschen, die hier einst geschuftet hatten.
Für einen Augenblick genoss sie das Gefühl puren Glückes, das sie durchströmte, auch wenn sie wusste, dass es nur kurz anhalten würde. Ehe ihr die Aufgabe wieder einfiel, die sie hierher, in die abgelegenen Winkel Sloweniens geführt hatte.
Ein fernes Grölen riss sie aus den Gedanken.
Sie drehte sich um und ortete das Geräusch. Es war nur ein schwacher Hall gewesen, dementsprechend musste sein Ursprung weit entfernt sein. Und doch bedeutete es in jedem Fall eins: Sie war nicht allein in dem alten Kraftwerk. Vielleicht befanden sich die Polen noch immer auf dem Gelände?! Die Vorstellung einer neuerlichen Zusammenkunft jagte ihr einen unangenehmen Schauer durch die Glieder. Hastig setzte sie ihren Weg fort. Sie durfte nicht zulassen, allein aufgrund der Gegenwart solcher Störenfriede zu scheitern.
Jennifer erklomm Gitterstufen, wobei sie unfreiwillig ein lautes, metallisches Knarren erzeugte. Sie erreichte eine höher gelegene Ebene, passierte mannshohe Elektroschränke mit Beschriftungen in fremder Sprache und trat durch eine Tür, die in eine kleine Kammer führte. Ein Kontrollpult zur Steuerung irgendwelcher Geräte stand einsam und verlassen da. Teilweise waren die Knöpfe und Hebel abgebrochen und Souvenirjägern zum Opfer gefallen, doch einige waren noch da. Normalerweise strich Jennifer mit den Fingerspitzen über solche Elemente, labte sich an der Vorstellung längst vergangener Tage, allerdings war dazu gerade keine Zeit. Ein lautes Johlen, näher als das Grölen von vorhin, trieb sie zur Eile an.
Sie öffnete eine weitere Tür und trat ins Freie. Noch bevor sie bemerkte, dass sie knöcheltief im Schnee einsank, sah sie ihn. Vor ihr ragte der Grund, warum sie in Slowenien war, in schier furchteinflößende Höhe auf. Der Schornstein von Trbovlje.
Das Bauwerk auf dem Gelände des stillgelegten Kraftwerks maß stolze dreihundertsechzig Meter und glich eher einem Hochhaus als einem Abgaskanal. Der Koloss hatte einen breiten Sockel, der sich bis zur Spitze hin verjüngte. Jennifer kannte ihn von Bildern und Videos. In der Szene war er eine absolute Legende. Wer ihn bezwungen hatte, konnte mit Fug und Recht behaupten, zur Urbexer-Elite zu gehören. Nicht, dass es ihr allein auf den Ruhm ankam – doch war dieser ein angenehmer Nebeneffekt.
Verstohlen sah sie sich um. So ruhmreich es war, nach oben zu klettern, so verboten war es auch. Aber dermaßen kurz vorm Ziel durfte sie sich weder vom Schnee, der örtlichen Polizei oder den polnischen Männern davon abhalten lassen. Eilig stapfte sie los, zog Furchen durch das frische Weiß und steuerte direkt auf einen hohen Maschendrahtzaun zu. Zielgerichtet suchte sie das Loch, von dem sie bei ihrer Internetrecherche gelesen hatte. Nach kurzer Zeit wurde sie fündig.
Jennifer legte den Rucksack ab und schob ihn durch die Öffnung. Dann zwängte sie sich selbst hindurch. Schnee und kleine Eiszapfen fielen auf sie herab, als sie mit der Schulter am Draht hängen blieb. Kaum befand sie sich auf der anderen Seite und stand wieder auf den Beinen, schulterte sie ihr Hab und Gut und huschte in geduckter Haltung weiter. Wachsam suchten ihre Augen die Umgebung ab. Nicht einmal hundert Meter zu ihrer Linken verlief eine Straße. Es wäre äußerst ungünstig, würde ausgerechnet in diesem Moment eine Polizeistreife auf sie aufmerksam werden. Sie durfte nicht scheitern. Sie musste es tun. Musste den Schornstein erklimmen. Das war sie ihm schuldig. Sollte sie im Anschluss verhaftet werden, hätte sie zumindest ihre Aufgabe erfüllt.
Als sie den Sockel erreichte, warf sie einen ehrfürchtigen Blick hinauf. Jetzt, da sie am Fuß des Monsters stand, wurde ihr der Wahnsinn ihres Vorhabens bewusst. Wie ein unendlich hoher Pfeil ragte es vor ihr auf, groß und erhaben. David gegen Goliath.
»Irre«, murmelte sie und war sich nicht sicher, ob sie sich selbst oder ihren Gegner meinte. Ein kräftiger Windstoß wirbelte Schneeflocken auf, die am grauen Beton des Schornsteins entlang nach oben wehten, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Der Himmel war wolkenverhangen und finster. Es würde sicher bald wieder schneien.
Jennifer gab sich einen Ruck. Sie umrundete den Sockel und stieß rasch auf die Steigleiter, die nach oben führte. Ihr Herz raste, als sie ihr Sicherheitsgeschirr anlegte und den Auffanggurt überprüfte. Geübt ließ sie dessen Karabinerhaken auf- und zuschnappen und nullte den integrierten Höhenmesser ihrer Armbanduhr. Dann war sie bereit. Bereit, das größte Wagnis ihres Lebens einzugehen.
Entschlossen griff sie nach einer Sprosse auf Kopfhöhe. Selbst durch ihre Handschuhe spürte sie die Kälte des rostigen Eisens und seine raue Struktur. Zur Sicherheit zog und rüttelte sie daran, doch alles schien bombenfest. Beruhigt setzte sie einen Fuß auf den untersten Tritt und stemmte sich hoch. Eine von deutlich über tausend Sprossen war geschafft.
Auf den ersten zehn Metern kam sie gut voran, dann begannen die Rückenschutzringe. Diese waren für einen normalen Menschen breit genug, doch mit Winterkleidung und Rucksack war es um einiges schwerer, sie zu passieren. Oft kam es vor, dass Jennifer sich verfing und Zeit aufwenden musste, um ihr Gepäck von seinem Hindernis zu befreien. Sie keuchte und stöhnte. Als ihr die Armbanduhr verriet, dass sie dreißig Meter überwunden hatte, warf sie zum ersten Mal einen Blick hinab.
Ja, dreißig Meter sind schon etwas, dachte sie und verbot sich auszurechnen, was über ihr noch folgte. Der unbedingte Wille war es, der sie immer weiter antrieb. Alle sieben bis acht Sprossen beugte sie sich hinunter, ergriff den Karabinerhaken und setzte ihn und den Fanggurt auf eine neue Höhe. Sich auf diese Weise abzusichern, war in der Szene verpönt, wurde als feige angesehen. Doch das interessierte sie nicht. Nach allem, was sie bereits erlebt hatte, war ihr Sicherheitsbedürfnis sehr ausgeprägt. So kontrollierte sie ständig, ob ihr Gurtzeug intakt war, ob der Haken schloss, ob die Sprossen stabil waren. Ein Unglück wie damals durfte sich nicht wiederholen. Niemals.
Ein Windstoß drängte sie zur Seite. Sie stieß mit Schulter und Rucksack gegen einen Rückenschutzring, der zwar bedrohlich wackelte, aber standhielt. Unwillkürlich glitt ihr Blick gen Erdboden. Sie erschauderte. Jetzt, da sie ein gutes Stück geschafft hatte, fiel es ihr äußerst schwer, die Höhe ohne technische Hilfe einzuschätzen. Vielleicht waren es hundert Meter? Oder doch nur fünfzig? Auf der Armbanduhr prangte eine aussagekräftige 107. Wahnsinn. Ein frostiger Schauer schoss durch ihren Körper. Sie klammerte die Hände um das kalte Eisen, schloss die Augen und drückte die Stirn gegen eine Sprosse. Das Adrenalin kickte, ließ ihr Herz schneller und härter schlagen, schickte eine erhöhte Dosis wertvollen Sauerstoffs in ihre Muskeln und Organe. So verharrte sie ein paar Minuten, bis sie dazu in der Lage war weiterzuklettern.
Als das Ende der Sprossenleiter nach knapp zwei Stunden der Kletterei und einigen Ruhepausen in Sicht kam, brannten ihre Muskeln, und unter ihrer winddichten Kleidung suppte der Schweiß. Eine Bö blies unnachgiebig Schnee in Jennifers Gesicht. Ihre Haut war bereits taub, die Nase ein regelrechter Eiszapfen. Sie verfluchte den Wind und das Wetter, wünschte sich wie nie zuvor den Sommer und warme Luft herbei.
»Bald geschafft«, wisperte sie, doch ihre Stimme glich kaum mehr als einem Piepsen und trug deshalb nichts zur Selbstmotivation bei. Mit letzter Kraft stemmte sie sich eine weitere Sprosse hoch, griff über die Brüstung und zog sich darüber. Sie landete auf einer schmalen Plattform, die den Schornstein ringförmig umschloss.
Vor ihr lagen nur noch etwa vier Höhenmeter, das finale Segment, gemauert aus roten Backsteinen.
Bevor sie das letzte Stück erklomm, ließ sie sich auf den Rücken fallen. Sie ruhte sich aus, sammelte Kraft, atmete durch, spürte ihre Muskeln brennen und rebellieren. Nach wenigen Minuten zog Jennifer sich erneut auf die Beine.
Das Mauerstück, in dem die letzten Sprossen eingearbeitet waren, war übersät mit den Graffitis und Initialen anderer Irrer, die den Schornstein vor ihr bezwungen hatten. Sprüche wie Fuck the World zeugten vom Wagemut der Menschen und der Fähigkeit, ihre Ängste zu bezwingen und auf dreihundertsechzig Metern Höhe das Leben zu spüren, wie es durch die eigenen Adern fließt.
Als Jennifer beinahe über den Rand sehen konnte, hakte sie den Karabiner aus und befestigte ihn an der obersten Sprosse. Mithilfe von Schiebereglern verlängerte sie den Fanggurt auf knapp zwei Meter. Mit diesem Maß hatte sie sämtliche Freiheiten, den letzten und schwierigsten Schritt zu machen.
Sie hievte sich hoch. Als ihr Kopf über die Oberkante ragte, tat sich vor ihr ein klaffendes schwarzes Loch von knapp acht Metern Durchmesser auf. Jennifer schluckte, als sie sich ihrer Internetrecherche entsann. Vorsichtig warf sie einen Blick hinein – oder besser gesagt, hinunter. Ihr Magen verkrampfte sich, als ihre Augen dem schier unendlich langen Weg hinabfolgten, so weit, bis nichts als Finsternis zu sehen war. Würde sie sich den Eingang zur Hölle vorstellen, so käme dieser Abgrund dem schon ganz nah, nur dass vom Boden aus keine Flammen zum slowenischen Himmel emporzüngelten.
Während sich Jennifers Blick in der Tiefe verlor, erstarrte sie vor Ehrfurcht. Etwas in seiner Ausstrahlung so Gigantisches hatte sie noch nie gesehen. War sie zuvor schon von der bloßen Größe des Schornsteins beeindruckt gewesen, so übertrumpften die Gefühle, welche seine Tiefe in ihr auslöste, alles bisher Dagewesene. Wie klein sie doch war, dachte sie. Winzig und schwach im Gegensatz zu diesem Goliath aus Stein und Stahl, der den Winden und Stürmen trotzte, als wären sie nur der Hauch eines siechenden Greises. Wer war sie schon im Vergleich zu ihm, nicht mehr als eine Maus, die sich erdreistete, an ihm emporzuklettern und auf seinem Kopf zu hocken.
Ihre Gedanken wurden zäh wie Kaugummi. Der Abgrund hypnotisierte sie. Lockte sie. Es dauerte lange, bis sie wieder Herrin über ihr Denken wurde.
Noch ein Stück, trieb sie sich im Stillen an. Das bist du ihm schuldig. Komm schon!
Jennifer schüttelte sich, mobilisierte ihre letzten Kräfte und riss sich hoch, den Fanggurt locker hinter sich herziehend. Sie stützte sich mit beiden Händen auf die knapp dreißig Zentimeter breite Fläche, die das kreisrunde Loch umschloss. Die Oberfläche war stellenweise vereist, doch fanden ihre Handschuhe problemlos Halt. Mit einem beherzten Schwung zog sie ihr rechtes Bein hinauf und wuchtete es über die Kante, sodass es im Höllenschlund baumelte. Ein Eiszapfen, der durch ihre Bewegung abgerissen wurde, fiel rotierend in den Schlund. Es dauerte lange, bis er von der Schwärze verschlungen wurde. Jennifer schluckte. Ihr Herz raste, und ihre Atmung zitterte.
Wind umwehte sie wie ein reißendes Gewässer. Mal war er stärker, mal sanfter. Auf Letzteres lauerte sie. Als sich wieder ein windruhiges Zeitfenster öffnete, ging plötzlich alles ganz schnell.
Jennifer warf sich auf die Knie, fand das Gleichgewicht und stemmte sich zitternd auf die Füße. Nur wenige Sekunden später stand sie aufrecht da, tief unter sich das alte Kraftwerk, die bewaldeten Hügelketten und der Fluss Save. Nur ein Stück und etwas Beton weiter seitwärts lauerte das Tor zur Hölle, das mit seiner gruseligen Schwärze in die Tiefe lockte. Das Adrenalin strömte durch jede Faser ihres Körpers, die Augen hatte sie weit aufgerissen. In diesem Moment der Angst war sie die Königin von Slowenien. Ach was, der ganzen Welt!
Sie reckte den Kopf und starrte in den wolkenreichen Himmel. Um sie herum begann sich alles zu drehen.
»Auf zu den Sternen«, flüsterte sie so, wie er es immer getan hatte.
Plötzlich erfasste sie ein stärkerer Windhauch. Sie stieß ein spitzes Quieken aus und taumelte auf dem schmalen Stein. Instinktiv ruderte sie mit den Armen, focht verzweifelt den Kampf ums Gleichgewicht. Sie drohte, nach innen zu kippen, hinein in den Teufelsschlund. Um einem schmerzhaften Sturz zu entgehen – auch wenn der Auffanggurt sie vor Schlimmerem bewahren würde –, ließ sie sich gezielt fallen und landete mit gespreizten Beinen auf dem Stein wie eine Westernreiterin auf ihrem Pferd. Sie kippte nach vorn und presste ihren Oberkörper an den Schornstein, ihren Kopf legte sie schräg, sodass sie in die weite Ferne blicken konnte. Sie konnte die Bewegung des Bauwerkes spüren, das trotz seiner Masse im Wind zu schwanken schien. Oder war es nur ihr Körper, der vom Schock verwirrt falsche Signale an ihr Hirn sendete? Sie wandte den Kopf und sah in den Abgrund, dorthin, wohin sie beinahe gestürzt wäre. Ein Wimmern entfuhr ihr, und sie war heilfroh darüber, dass sie die Tauglichkeit ihres Gurtzeugs nicht hatte testen müssen. Jennifers Sichtfeld verschwamm bei diesem Gedanken, und sie schmeckte den sauren Geschmack von Magensäure. Sie musste sich beruhigen, ihren Herzschlag unter Kontrolle bringen, ihre Schnappatmung und das elendige Gefühl in ihrem Bauch bekämpfen. Die Minuten vergingen, und langsam kam ihr Körper zur Ruhe.
Das Irrsinnigste war geschafft! Sie hatte ihr Ziel, sein Ziel erreicht.
Sie richtete sich auf. Tränen der Erleichterung rannen über ihre Wangen und würden sicherlich eine gefrorene Spur hinterlassen. Doch das war ihr egal. Zufrieden zog sie ihr Messer aus der Beintasche der Kletterhose. Sie umklammerte den Griff so fest, dass kein Wind und keine Kraft der Welt es aus ihren Händen hätte reißen können. Anschließend führte sie die Spitze zum steinernen Rand, auf dem sie saß, und begann, etwas in dessen Oberfläche zu ritzen. Als sie fertig war, prangte dort PB, eingefasst in einem fünfzackigen Stern.
Sie legte zwei Finger an ihre Lippen, küsste sie und drückte sie zärtlich auf das Symbol. Dann schloss sie die Augen, lauschte dem Wind, fühlte die Kälte und ergab sich für einen Moment der aufkeimenden Trauer.
Als sie wieder auf die ringförmige Plattform zurückgekehrt war, umspielte ein zufriedenes Lächeln ihre Lippen. Endlich konnte sie den Moment genießen. Sie warf einen Blick in die weite Ferne Sloweniens. Grelles Weiß dominierte die bewaldete Umgebung und legte sich wie eine Decke auf die geschwungenen Gebirgszüge. Nur unter ihr war es stellenweise grau, dort, wo das alte Kraftwerk beeindruckt zu ihr aufblickte, und bläulich-braun, wo die Save verlief.
Was wohl die Polen gerade treiben?, fragte sie sich und ließ den Blick in nordwestliche Richtung zur Stadt Trbovlje gleiten, welche der Industrieanlage ihren Namen gab. Hatten die Männer sie beim Aufstieg beobachtet? Oder waren sie in den Ort zurückgekehrt? Egal. Hauptsache, sie musste sie nicht wiedersehen.
Beseelt setzte sie sich hin und lehnte sich an die graffitibeschmierte Mauer des Schornsteins. Abermals spürte sie, wie sich das Bauwerk im Wind bewegte, und musste unwillkürlich grinsen. Die höchste Schaukel Europas.
Jennifer schloss für ein paar Minuten die Augen und gab ihrem Körper die Ruhe, die er mit einem Brennen in sämtlichen Muskeln einforderte. Nach einer Viertelstunde schüttelte sie sich und zog ein gefaltetes Stück Papier sowie einen Kugelschreiber aus einer Beintasche hervor. Der Zettel hatte ausgefranste Ecken und eingerissene Kanten. Vorsichtig faltete sie ihn auf, was den Handschuhen sei Dank äußerst umständlich war. Zum Vorschein kam eine Liste, gefüllt mit Hunderten von Worten, einige in schwarzer, andere in blauer Schrift. Knapp die Hälfte der Begriffe war durchgestrichen.
Zielgerichtet führte sie den Stift zu einer Wortgruppe und strich diese durch:
- das Monster von Trbovlje bezwingen
Sie faltete das Papier zusammen und steckte es ein.
Plötzlich zerschnitt ein elektronisches Bimmeln den Singsang des Windes. Erstaunt griff Jennifer nach ihrem iPhone, das aufgrund der Höhe zum ersten Mal seit dem Vorabend wieder Netzempfang hatte.
Das Display meldete eine SMS von einer unbekannten Nummer. Sie legte die Stirn verwundert in Falten und las.
Du bist dabei. Treffen am 27. Dez in Nanortalik, Grönland. Maranja III, auslaufen 15 Uhr Ortszeit. F. A.
Für einen Moment starrte sie perplex auf das Display und versuchte sich einen Reim auf die kryptischen Zeilen zu machen. Dann, als sie genauer über das F. A. nachdachte, machte es klick.
»F. A.!«, rief sie und sprang auf, getrieben von einem Glücksgefühl, das seinesgleichen suchte und sogar die geglückte Bezwingung des Schornsteins in den Schatten stellte. »Flynn Anduin!«
Sie hatte es geschafft! Sie hatte gewonnen! Er hatte sie aus Hunderten Interessierten ausgewählt! Vor Freude schrie sie, bis ihre Stimme versagte und im Wind unterging.
Jennifer hüpfte siegesgewiss auf und ab. Ein halbes Jahr hatte sie auf diese Nachricht gewartet. So lang, dass sie schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte. Doch jetzt war es so weit. Sie durfte mit auf eine ganz besondere Reise. Eine Reise, die in fünf Tagen eine weitere Zeile von ihrer Liste tilgen würde.
2.
Wütend peitschten die aufgebrachten Wellen gegen den Rumpf des Fischerbootes. Holz ächzte und Metall knackte. Und doch bahnte sich das gut fünfzehn Meter lange Gefährt seinen Weg über den Nordatlantik. Dabei folgte es der westlichen Küstenlinie Grönlands abwärts gen Süden. Jeder Wellenschlag ließ das altersschwache Boot erzittern. Jennifer, die auf einem durchgesessenen Sitz im Inneren des Ruderhauses ausharrte, drehte sich allmählich der Magen um.
Musste Poseidon sie derart auf die Probe stellen?
Der Kapitän, ein uralter Westgrönländer mit dunkelbrauner, ledrig anmutender Haut, stand am Steuerrad und riss es unermüdlich im Kampf gegen die See hin und her. Weißes Haar bedeckte seinen kleinen Kopf, schoss aus den Ohren und der Nase. Trotz seiner Schwerstarbeit zeigte er stets ein zahnloses Lächeln, als wäre dies ein unterhaltsamer Ritt. Ein schwarzhaariger Junge, womöglich sein Enkel, stand neben ihm und jubelte bei jeder Welle, die von dem spitz zulaufenden Bug zerschnitten wurde. Jennifer schätzte ihn auf etwa zwölf oder dreizehn Jahre. Beide trugen schmutzige, gewachste Ölkleidung, Gummistiefel und einfarbige Wollmützen.
»Oje«, würgte Jennifer hervor, als eine besonders hohe Welle das Schiff anhob, nur um es im Anschluss in ein tiefes Tal zu schicken. Wenn diese Fahrt noch lange andauerte, würde sie den Kampf gegen ihre Übelkeit verlieren. Sehnsüchtig folgten ihre Augen der Küstenlinie, in der Hoffnung, bald die Lichter des Ortes Nanortalik zu erblicken. Aber bislang dominierte das Weiß des unendlichen Schnees, der das Land bedeckte, und das durchmischte Grau des wolkenverhangenen Himmels.
Nervös starrte Jennifer auf ihre Uhr. Zwölf Minuten nach zwei. Noch ist Zeit. Doch würden sie es in einer Dreiviertelstunde in den Hafen schaffen? Sie ballte die Hände zu Fäusten.
»Ähm«, machte sie sich vorsichtig bemerkbar. Der Kapitän blickte sie aus alten Augen fragend, aber freundlich an. »Wann kommen wir an?«
Dabei tippte sie demonstrativ auf ihre Uhr. Sie wusste genau, dass sie mit Deutsch nicht weiterkam. Genauso verhielt es sich mit Englisch und den wenigen Brocken Französisch, die sie beherrschte. Der Mann, der aussah, wie man sich einen klassischen Inuit vorstellt, sprach nur gebrochen Dänisch und das traditionelle und in Grönland übliche Kalaallisut. Und in letzterem antwortete er ihr.
Sie hörte ihm zu und tat aus Höflichkeit so, als verstünde sie sein hastiges Gebrabbel. Nachdem er seinen Dialog beendet hatte, reckte er ihr den erhobenen Daumen entgegen.
Soll das bedeuten, dass wir es rechtzeitig schaffen werden? Verdammte Sprachbarriere. Hätte sie sich in Nuuk doch nur für ein anderes Schiff entschieden. Dutzende hatten am Kai des Hafens gelegen. Warum zum Teufel hatte sie ausgerechnet den Alten angesprochen?
In Wahrheit wusste sie genau, wieso sie nicht gründlicher gesucht hatte: Sie hatte schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Nachdem sie in Slowenien die SMS von F. A. bekommen hatte, hatte sie sich umgehend auf den Weg gemacht. Über Ljubljana und Berlin Richtung Hamburg. Dort hatte sie in ihrer Wohnung den Reiserucksack mit frischer Kleidung und Proviant gefüllt. Ohne Zeit zu verlieren, war sie noch am selben Tag gen Reykjavik geflogen. Vom hiesigen Flughafen aus wollte sie rasch nach Grönland weiterfliegen, doch ein schwerer Sturm hatte die Fluggesellschaft gezwungen, die Reise mehrfach zu canceln. Deshalb war sie erst vor sechs Stunden und somit zwei Tage später als geplant in Nuuk gelandet. Da Nanortalik nur per Seeweg zu erreichen war, musste sie eilig mit dem Taxi zum Hafen fahren, ein Schiff chartern und umgehend aufbrechen.
Nun saß sie in diesem klapprigen alten Fischerboot, mit zwei Grönländern als einzige Gesellschaft, und beobachtete, wie der Sturm von Minute zu Minute stärker wurde. Sie musste sich ablenken.
Ihr Blick glitt durch das Ruderhaus. Neben nautischen Gerätschaften war der schmale rechteckige Raum vollgestopft mit Werkzeugen, Messern, Netzen und Kochtöpfen. An der Rückwand hinter dem Kapitän hingen drei abgenutzte Gewehre, die hoffentlich nur zur Dekoration dienten. Als der Grönländer Jennifers forschenden Blick bemerkte, hellte sich seine Miene auf. Er rief dem Jungen etwas Unverständliches zu, worauf dieser munter giggelnd das Steuer übernahm. Ob es wohl eine gute Idee war, ausgerechnet einem Teenager diese verantwortungsvolle Aufgabe zu überlassen?
Jennifer schluckte schwer.
Mittlerweile hatte sich der Kapitän vor ihr aufgebaut und gestikulierte freudig zu den Gewehren hinüber. Er plapperte wie ein Wasserfall und legte dabei eine beeindruckende Selbstverständlichkeit an den Tag, als verstünde sie jedes Wort. Nachdem sie ihn nur fragend ansah und entschuldigend mit den Schultern zuckte, lachte er heiser auf. Er nahm eines der Schießeisen aus seiner Halterung und legte an, den Lauf in Fahrtrichtung haltend. Dabei zog er den Ladehebel geräuschvoll nach hinten. Jennifer wich einen Schritt zurück. Was zum Geier bezweckte der Alte mit dieser Aktion?
Als der Grönländer ihren beunruhigten Gesichtsausdruck bemerkte, ließ er das Gewehr sinken und ahmte in erschreckend realistischer Lautstärke das Heulen einer Robbe nach. Dann richtete er die Waffe erneut auf ein imaginäres Ziel. Endlich verstand sie, wozu das Schießeisen diente: zur Robbenjagd.
Jennifers Magen rumorte rebellisch. Die starke Welle, die das Fischerboot in diesem Moment traf, trug nicht zu ihrer Entspannung bei.
Derweil hatte der Kapitän wieder den Platz am Steuer übernommen und starrte stur aus dem Fenster. Jennifer tat es ihm gleich, beobachtete das schneebedeckte Land mit seinen unendlichen Weiten. Und dann sah sie Lichter. Und Rauch, wie sie ihn aus Kaminöfen kannte. Ihr Herz machte einen freudigen Satz. Das musste Nanortalik sein.
Eine knappe Viertelstunde später passierte das Fischerboot eine Kaimauer des Hafens und drehte backbord ein. Soweit Jennifer erkennen konnte, handelte es sich bei Nanortalik nur um eine mittelgroße Ansammlung von Holzhütten, aus deren Schornsteinen grauer Rauch gen Himmel waberte und sich mit den Schneeflocken vermischte. Direkt in der Mitte erkannte sie den Turm einer Kirche. Verdreckte Autos und Schneemobile standen dicht an dicht auf einer weiten Fläche, die wohl als Parkplatz genutzt wurde. Menschen sah sie keine.
Das Fischerboot steuerte langsam in den kleinen Hafen hinein. Suchend starrte Jennifer nach draußen.
»Maranja III«, murmelte sie und suchte die Rümpfe der vertäuten Boote ab. »Wo bist du?«
Im Hafen lagen nur sieben Schiffe. Sie dienten allesamt der Fischerei – so vermutete Jennifer es jedenfalls – und machten einen kläglichen Eindruck. Und ausgerechnet auf dem Kahn, der am schlimmsten von allen aussah, fand sie den gesuchten Namen.
Ein rostiges Wrack, dachte Jennifer besorgt und musterte das Schiff, von dem der schwarze Lack abblätterte und braune Flecken Metall erkennen ließ. Der Trawler schaukelte stark, der Wind pfiff um die beiden gelben Masten, die jeweils an Bug und Heck aus dem Schiff ragten. Der Aufbau im hinteren Teil maß zwei Decks, die rechteckigen Fenster des Ruderhauses waren von sprödem Holz eingerahmt.
Auf der Suche nach einer passenden Stelle zum Anlegen lenkte der Kapitän das Boot in Richtung Kaimauer, ein gutes Stück von der Maranja III entfernt. Jennifer erhob sich und schulterte ihren Rucksack. Der Alte winkte und zeigte sein zahnloses Lächeln. Dann berührte das Boot die Mauer. Oder besser gesagt, es schlug auf.
»Ähm, danke! Thank you!«, rief Jennifer, die sich nach dem harten Manöver erst einmal sammeln musste, und machte sich auf, das Steuerhaus zu verlassen.
Sie marschierte taumelnd über das kurze Deck, das in regelmäßigen Stößen an die Mauer gedrückt wurde. Die hölzernen Dielen schwankten unter ihren Füßen und brachten sie immer wieder aus dem Gleichgewicht. Dann erreichte sie die Reling. Vor ihr in der Kaimauer befand sich die Leiter, die in einer Vertiefung im Stein verlief und anhand rostiger Sprossen nach oben führte. Sie schluckte, als zwischen dem Fischerboot und dem Beton des Festlandes das Wasser hochspritzte. Verunsichert wandte sie sich zum Ruderhaus um und warf den beiden Grönländern einen fragenden Blick zu. Der Alte bedeutete ihr fuchtelnd, die Leiter zu erklimmen. Leichter gesagt als getan.
Sie zögerte und konzentrierte sich auf den Rhythmus der Wellen. Als sie der Meinung war, die Zeitspanne zwischen den einzelnen Schlägen erkannt zu haben, nahm sie all ihren Mut zusammen und kletterte auf die Reling. In der nächsten Sekunde klammerte sie die Finger um das eiskalte Metall der Leiter. Dem folgte ein kräftiger Satz, und ihre Füße stießen auf trittfesten Untergrund. Geschafft.
Bevor sie den ersten Schritt hinauf wagte, drehte das Fischerboot mit röhrendem Motor ab. Unter ihr schwappte das schwarze Wasser des Nordatlantiks. Es stank nach Salz und verbranntem Benzin. Hätte ich doch nur die Sicherungsleine griffbereit, dachte sie verunsichert. Aber diese befand sich in den Tiefen ihres Rucksacks. Jennifer atmete durch, dann erklomm sie eine Sprosse. Und noch eine.
Als sie beinahe über die Kante gucken konnte, hielt ihr jemand eine Hand entgegen. Sie sah auf.
Da hockte ein junger Mann, der zu ihr hinabsah. Sie war auf diese Situation nicht vorbereitet gewesen und kam deshalb nicht umhin, ihn genauer zu mustern.
Er hatte einen ordentlich gestutzten Vollbart. Seine große, aber anmutig geformte und spitz zulaufende Nase lenkte ihren Blick hinab auf volle Lippen. Dichte elegante Augenbrauen erhoben sich über gütig dreinblickenden braunen Augen. Irgendwie erinnerte er sie an den Schauspieler Henry Cavill, er wirkte belesen und willensstark. Der Mann trug eine dicke rote Winterjacke, deren mit Fell versehene Kapuze den Rest seiner Stirn verdeckte.
»Nun komm, pack zu«, forderte er sie auf Deutsch mit ruhiger, tiefer Stimme auf und konnte sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen. »Oder willst du hier den ganzen Tag rumhängen?«
In diesem Moment fiel Jennifer auf, dass sie den attraktiven Mann unverschämt lange angestarrt hatte – und dabei einen ziemlich belämmerten Eindruck machen musste. Mit heißen Wangen senkte sie den Blick.
»Danke«, murmelte sie und packte seine kräftige, behandschuhte Hand.
Mit einem sanften Zug half er ihr, die Leiter zu erklimmen. Dann standen sie sich gegenüber. Er war gut gebaut, das erkannte sie trotz seiner dicken Winterkleidung, und überragte sie um eine Kopflänge. Im Gegensatz zu Jennifer, die dank der Last auf ihrem Rücken krumm und buckelig dastand, hatte er eine ausgesprochen gerade Körperhaltung. Wieder ertappte sie sich dabei, wie sie ihn einen Moment zu lange anstarrte.
»Jennifer Bode?«, fragte er lächelnd und sah ihr erwartungsvoll in die Augen.
Jennifer runzelte überrascht die Stirn, dann verstand sie plötzlich.
»Flynn Anduin?«
»Der bin ich«, bestätigte er und deutete eine leichte Verbeugung an. Er sprach in einem hochdeutschen Dialekt, der so gar nicht zu seinem englisch anmutenden Namen passte.
Da stand er also, der Verfasser jener SMS, die sie nach Nanortalik geladen hatte. Flynn Anduin, Autor, Geschichtenschreiber, Abenteurer und leidenschaftlicher Urbexer. Dies erzählte zumindest sein Profil im dem Lost-Place-Forum, in dem er das Gewinnspiel annonciert hatte.
»Da wir nun wissen, wer wir sind, sollten wir aufs Schiff gehen. Die anderen werden langsam mürrisch.«
»Ja klar. Gerne. Entschuldigen Sie bitte meine –«
»Das Sie lass mal stecken«, unterbrach er sie. »Duzen macht einiges einfacher. Erst recht das, was wir vorhaben.«
Mit diesen Worten wandte er sich um und deutete auf das rostverseuchte Schiff.
»Das, meine Liebe, ist die Maranja III. Sie ist zwar nicht die Hübscheste, aber sie bringt uns sicher ans Ziel. Darf ich bitten?«
Bevor sie sich in Bewegung setzten, nahm er Jennifer unaufgefordert den Rucksack ab. Ein Gentleman ist er auch noch. Sie folgte Flynn, der ihr Hab und Gut schulterte, und musterte seine Beine, seinen Po ...
Plötzlich lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Schlechtes Gewissen strömte wie Säure durch ihre Adern.
Sie durfte ihn nicht anhimmeln.
Sie durfte ihn nicht gutaussehend oder interessant finden.
Schuldbewusst strich sie über den Verlobungsring an ihrem linken Ringfinger. Spürte dessen Wärme und den kleinen, unauffälligen Stein in seiner Mitte.
Sie betraten eine hölzerne Gangway, die unter ihren Schritten bedrohlich schaukelte und knarrte.
»Pass auf den Handlauf auf«, bemerkte Flynn und rüttelte demonstrativ an besagtem Holz, das beinahe eine Handbreit hin- und herschwang. »Da sollte man sich nicht dagegenlehnen, es sei denn, man möchte den Atlantik hautnah kennenlernen.«
Am Ende der Gangway angekommen, betrat Flynn die Maranja III und drehte sich zu ihr um. »Willkommen an Bord.«
Das Schiff machte nicht nur von außen einen furchtbaren Eindruck. Auch bei näherer Betrachtung blieb sich das Design treu: Rost und Schmutz, so weit das Auge reichte. Zudem waren die hölzernen Planken an Deck fürchterlich abgenutzt und bogen sich an den Ecken nach oben. Einige fehlten ganz, aus anderen wiederum ragten krumme Nägel, die sich hervorragend als Stolperfalle eigneten. Es roch nach altem, nassem Holz.
»Hier entlang«, dirigierte ihr Gastgeber, und sie trottete folgsam hinter ihm her. »Aber pass auf, wohin du trittst.«
Jennifer stieg über eine wirre Ansammlung von Tauen aller Art und Länge. Große Segeltücher waren unachtsam zusammengerollt und mitten im Weg liegen gelassen worden. Angelruten, die im Gegensatz zum Rest des Schiffs relativ neu und hochwertig wirkten, befanden sich in hölzernen Halterungen an der Reling. Überall verliefen Kabel und Wasserschläuche, scheinbar ohne jeglichen Sinn.
Je näher sie dem zweistöckigen Aufbau kamen, desto flauer wurde ihr Magen. Auf was hatte sie sich da nur eingelassen?
»Die gute Lady ist über achtzig Jahre alt«, erklärte Flynn und war dank eines starken Windstoßes, der Jennifer taumeln ließ, kaum zu verstehen. »Sie hat ihre Eigenheiten, liegt aber stabil im Wasser. Nur das zählt. Zudem ist der Skipper der Maranja der Einzige, der verrückt genug ist, um uns bei diesem Wetter rauszufahren.«
Das flaue Gefühl verstärkte sich.
»Wenn man den Wetterbericht für diesen Teil des Atlantiks verfolgt, kann einem angst und bange werden.«
Falls der Kerl es darauf anlegte, dass Jennifer sich maximal unwohl bei dem fühlte, was noch vor ihr lag, so hatte er es definitiv geschafft. Sehnsüchtig warf sie einen Blick zurück zum Anleger und dem verschlafenen Örtchen Nanortalik. Sie sah kleine Holzbauten, aus deren Kaminen stetig heller Rauch aufstieg. Sah die winzige Kirche, die das höchste Gebäude des Ortes darstellte, und einen Husky, der mit seinem winterlich gekleideten Herrchen auf einer Bank am Kai saß.
Es wäre so einfach, dachte sie und kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Sie müsste sich nur umdrehen und still und heimlich in den Sonnenuntergang schreiten. In Nuuk einen Flug heimwärts buchen ...
Nein. Das würde sie nicht tun. Sie musste eine Aufgabe erledigen. Für die Liste. Für ihn.
Während sie über das Für und Wider einer Flucht nachdachte, blieb Flynn an einer schmalen Treppe aus weiß lackiertem Rost stehen – und Jennifer lief direkt in ihn hinein.
Zunächst taumelten beide, vor allem durch die Bewegungen des Schiffs, doch konnten sie sich in letzter Sekunde an der stählernen Außenhaut des Aufbaus abstützen.
»Auf See und am Zielort solltest du besser aufpassen, wohin dich deine hübschen Stiefel tragen«, witzelte er amüsiert und sah ihr tief in die Augen. »Wir haben keinen Arzt dabei, der dich wieder zusammenflicken könnte.«
Er unterbrach den Blickkontakt und sah sich verstohlen um, als wollte er sichergehen, dass niemand seine folgenden Worte mithörte.
»Pass mal auf«, begann er mit gedämpfter Stimme. »Die anderen sind nicht gerade umgänglich, wenn du verstehst, was ich meine. Ziemlich komplizierte Charaktere. Crew und Passagiere gleichermaßen. Außerdem mussten wir auf dich warten, was ihre Stimmung nicht gerade gehoben hat. Halt dich also vorerst zurück. Die tauen schon noch auf.«
Jennifer runzelte erstaunt die Stirn. So viel später als geplant war sie gar nicht angekommen, höchstens ein paar Minuten.
Nun denn. Sie hatte ohnehin nicht vor, auf dieser Reise neue Freundschaften zu schließen.
3.
Jennifer hatte noch nie gern im Mittelpunkt gestanden. Schon in der Schule hatte sie am liebsten in der letzten Reihe gesessen oder sich in einer verlassenen Ecke des Pausenhofs herumgedrückt. Als sie jedoch nach Flynn Anduin die Brücke der Maranja III betrat, legten sich die Blicke der Anwesenden schwer auf sie und drohten, sie unter ihrem Gewicht zu erdrücken.
Neben ihr und dem Autor waren sieben weitere Menschen an Bord, davon sechs Männer und eine Frau. Vor dem lederbezogenen Steuerrad, das eher dem Lenkrad eines Autos als dem eines Schiffs ähnelte, saß ein schmächtiger Typ mit einem drahtigen Vollbart. Er hatte kurzes schwarzes Haar, das fettig glänzte und dicht am Kopf anlag. Mit seinen großen Augen und der knubbeligen, krummen Nase sah er aus wie ein hartgesottener Zeitgenosse. Seine wasserdichte Ölhose und der typische Friesennerz verliehen ihm einen nautischen Touch. Der Mann schaute ausgesprochen unfreundlich drein und warf Jennifer lediglich einen flüchtigen Blick zu, bevor er sich wieder einem Magazin widmete.
»Darf ich vorstellen«, begann Flynn und wies auf den Mann am Steuer. »Das ist der Skipper. So, und nur so, will er genannt werden.«
Der Skipper knurrte mürrisch.
»Tja, was soll ich sagen? Er ist ein Quell der guten Laune.«
Hinter dem Skipper, neben zahlreichen Apparaturen, befand sich eine L-förmige Sitzecke samt Kartentisch. Dort saß ein Pärchen, das zweifellos als solches zu erkennen war: Er, ein Mann um die dreißig, war groß und schlaksig und hatte dunkelblondes Haar, das sich leicht wellte. Seine Partnerin, die sich eng an ihn schmiegte und eine Hand auf Brusthöhe in den geöffneten Reißverschluss seiner Jacke geschoben hatte, war ungeheuer dünn. Trotz ihrer Winterkleidung machten ihre Arme und Beine den Eindruck, als könnten sie bei der kleinsten Belastung wie Salzstangen zerbrechen. Ihr braunes Haar fiel glatt auf ihre Schultern, nur an den Spitzen lockte es sich ein wenig. Sie und ihr Partner hatten die Gesichter zu ungeduldigen Grimassen verzogen.
»Ehepaar Posch«, erklärte Flynn. »Michael und Nadja.«
Besagtes Paar nickte knapp, taxierte Jennifer aber weiterhin mit finsteren Blicken.
»Und die Kerle«, Flynn deutete auf drei Grönländer, die an der Rückwand lehnten und die Arme verschränkt hatten, »sind angeheuerte Hilfsmatrosen. Dieses Schiff ist alleine nicht steuerbar, auch wenn unser stolzer Skipper das niemals zugeben würde.«
Als die Grönländer bemerkten, dass Flynn über sie sprach, nickten sie und musterten Jennifer unverhohlen von Kopf bis Fuß, wobei ihre Blicke verdächtig lange auf Hüfte und Brust verweilten.
»Frag nicht, wie die drei heißen. Sie haben komplizierte grönländische oder dänische Namen. Zu schwer für meine Zunge. Ich nenne sie A, B und C, das macht es einfacher.«
