Weilburg 1900 - 1950 - Joachim Warlies - E-Book

Weilburg 1900 - 1950 E-Book

Joachim Warlies

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Beschreibung

Eine knappe Darstellung Weilburger Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Buch gliedert sich in 5 Kapitel: In der Wilhelminischen Zeit (einschließlich des Ersten Weltkriegs); In der Weimarer Republik; Im Dritten Reich (einschließlich des Zweiten Weltkriegs); Jüdische Weilburger; In der Nachkriegszeit. Wie haben die Menschen in Weilburg die bewegten Zeitläufe zwischen 1900 und 1950 erlebt, erfahren und wahrgenommen? Das Buch versucht, dieser Frage nachzugehen. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen deshalb die Geschehnisse und Lebensverhältnisse in Weilburg, Die handelnden und oft auch leidenden Personen sind durchweg "kleine Leute": Arbeiter, Handwerker, Kaufleute, Hausfrauen, Soldaten, Schüler ... Das Buch will für den Leser von heute ein lebendiges Bild der Jahre 1900 bis 1950 in Weilburg entwerfen. Bei aller notwendigen Genauigkeit will das Buch auch immer gut lesbar sein. Deshalb sind in die textlichen Darstellungen zahlreiche Dokumente eingefügt, vor allem Fotos, die das Geschriebene sinnfällig illustrieren und ergänzen.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Joachim Warlies

Weilburg 1900 - 1950

Beiträge zu 50 Jahren Weilburger Geschichte

© 2020 Joachim Warlies

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-14833-8

Hardcover:

978-3-347-14834-5

e-Book:

978-3-347-14835-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

I In der Wilhelminischen Zeit

01 Königlich-preußische Kreisstadt Weilburg

02 Alltag 1900 – 1914

03 „Arme“ Weilburger

04 Recht und Ordnung

05 Orden und Ehrenzeichen

06 Von Wahlen und Parteien

07 National-patriotische Feierstunden

08 Erster Weltkrieg: Die ersten Tage des Krieges

09 Erster Weltkrieg: Kriegsalltag

10 Erster Weltkrieg: Hunger

11 Erster Weltkrieg: Sammlungen, Goldankauf und Kriegsanleihen

12 Erster Weltkrieg: Die Jahre 1917 und 1918

13 Erster Weltkrieg: Bilanz und Folgen

II In der Weimarer Republik

01 Neuanfang (November 1918 – Januar 1919)

02 Die ersten Nachkriegsjahre (1919 – 1922)

03 Ruhrkampf

04 Inflation

05 Hungersnot und Tumulte

06 Ausnahmezustand und Währungsreform

07 Nach der Inflation

08 Erinnerung an den Krieg, Dolchstoßlegende und vaterländische Vereine

09 Wahlergebnisse 1919 – 1928

10 In der Wirtschaftskrise

11 Wahlkampf 1930 – 1933

12 Ergebnisse der Reichstagswahlen 1930 – 1933

III Im Dritten Reich

01 Beginn der „Machtergreifung“ im Weilburger Rathaus

02 Aktionstage

03 „Gleichschaltung“ der Vereine und „Nationale Umgestaltung“

04 Abschluss der „Machtergreifung“ im Weilburger Rathaus

05 Überwachung und Kontrolle

06 Propaganda

07 Die NSDAP-Ortsgruppe Weilburg 1939

08 Zweiter Weltkrieg: Kriegsalltag

09 Zweiter Weltkrieg: Von Kriegsgefangenen und Ostarbeitern

10 Zweiter Weltkrieg: Schicksale von Ostarbeitern

11 Zweiter Weltkrieg: Die letzten Monate des Krieges

12 Zweiter Weltkrieg: Die Besetzung Weilburgs

IV Jüdische Weilburger

01 Die jüdische Gemeinde 1900 – 1914

02 Im Ersten Weltkrieg

03 In den zwanziger Jahren

04 Niedergang

05 Die Reichspogromnacht 1938

06 Auswanderung

07 Auswandererschicksal – Beispiel Familie Hans Bauer

08 Die Ausplünderung Weilburger Juden durch das (Groß-)Deutsche Reich

09 Tod und Verfolgung

10 Anhang

10.1 Lebensbeschreibungen:

- Berthold Jessel

- Leopold Michel

- Cilla Niedrée geb. Arnstein

- Arthur Gustav (Abraham) Stern

10.2 Namensliste aller Ausgewanderten

10.3 Namensliste aller Opfer der Verfolgung

V In der Nachkriegszeit

01 Besatzungsherrschaft 1945 (1): Militärregierung Weilburg

02 Besatzungsherrschaft 1945 (2): Beschlagnahmungen

03 Besatzungsherrschaft 1945 (3): Personal

04 Besatzungsherrschaft 1945 (4): Entlassungen und Entnazifizierung

05 Besatzungsherrschaft 1945 (5): Offiziere der ersten Stunde

06 Deutscher Alltag (1): Mangelwirtschaft

07 Deutscher Alltag (2): Wohnungsnot

08 Deutscher Alltag (3): Bezugsscheine

09 Deutscher Alltag (4): Kinder und Jugendliche

10 Deutscher Alltag (5): Schulen 1945 - 1949

11 Politischer Neubeginn (1): Gründung von Parteien

12 Politischer Neubeginn (2): Wahljahre

13 Politischer Neubeginn (3): Entnazifizierung 2

14 Politischer Neubeginn (4): Währungsreform 1948

15 Neues ziviles Leben

16 Amerikanischer Alltag (1): Die Amerikaner regieren

17 Amerikanischer Alltag (2): Amerikanischer Lebensstil

18 Amerikanischer Alltag (3): Deutsch-amerikanische Beziehungen

19 Amerikanischer Alltag (4): Abzug der Amerikaner

20 Neubürger (1): Evakuierte und Flüchtlinge

21 Neubürger (2): Die Vertriebenen

22 1949 – 1950

Abkürzungsverzeichnis

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Nachweis der Dokumente

Vorwort

Das vorliegende Buch versucht eine knappe Darstellung Weilburger Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es widmet sich also einem nur kurzen Abschnitt Weilburger Geschichte, den Jahren zwischen 1900 und 1950. Fünfzig Jahre Stadtgeschichte liefern normalerweise nur wenig Stoff für ein ganzes Buch, aber hier in Weilburg stellt sich die Lage anders dar. Zwischen 1900 und 1950 hat sich in Weilburg viel ereignet, es war eine sehr bewegte Zeit, und Weilburg hat in diesen Jahrzehnten so viele und nachhaltige Veränderungen erfahren wie kaum in einem anderen Abschnitt seiner Geschichte.

Die Darstellung beginnt mit dem Eintritt in das 20. Jahrhundert, als sich das Deutsche Reich in einer steten wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung befand. Deutschland schien damals eine gute Zukunft vor sich zu haben. Der Historiker Fritz Stern traf im Jahre 1998 folgende Feststellung zu den damaligen Perspektiven für Deutschland: „Es hätte Deutschlands Jahrhundert werden können; am Anfang des Jahrhunderts war Deutschland das Land des dynamischen Aufstiegs.“1 Und Weilburg war zu Beginn des Jahrhunderts eine kleine königlich-preußische Kreisstadt in der Provinz Hessen-Nassau und zählte knapp 4000 Einwohner.

Das Buch schließt ab mit einer Zwischenbilanz für die Jahre 1949 – 1950, als Deutschland in zwei Staaten geteilt und seine Zukunft ungewiss war. In Weilburg drängten sich mehr als 6000 Einwohner zusammen, etwa ein Drittel davon waren „Neubürger“; die äußeren Spuren des Zweiten Weltkriegs waren noch überall sichtbar. Die Kreisstadt Weilburg gehörte nun zum neuen Bundesland Hessen, das im September 1945 von den Amerikanern proklamiert worden war. 1947 war Preußen aufgelöst worden, es gehört seitdem der Geschichte an.2 Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, allen voran die USA und die Sowjetunion, bestimmten weitgehend die Politik in den beiden deutschen Staaten.

Wie haben die Menschen in Weilburg die bewegten und teilweise dramatischen Zeitläufe zwischen 1900 und 1950 erlebt, erfahren und wahrgenommen? Das Buch versucht, dieser Frage nachzugehen, im Mittelpunkt stehen deshalb die Geschehnisse und Lebensverhältnisse in Weilburg. Die handelnden und oft auch leidenden Personen sind durchweg „kleine Leute“: Arbeiter, Handwerker, Hausfrauen, Kaufleute, Soldaten, Schüler …

Doch beschreibt das Buch nicht nur Weilburger Lokalgeschichte, sondern in den Texten finden sich auch Spuren der größeren Geschichte Deutschlands. In der Heimatgeschichte spiegelt sich die deutsche Geschichte.

Im Rückblick wird besonders deutlich, wie stark die beiden Weltkriege und ihre Folgen die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt und bestimmt haben, und damit die Lebensverhältnisse aller Menschen. Fast zehn Jahre herrschte Krieg, und in den Jahren danach, in der so genannten „Nachkriegszeit“, galt es vor allem, die Folgen der beiden Kriege zu bewältigen.

Das Buch umfasst fünf chronologisch geordnete Kapitel und folgt in seiner Gliederung den Zäsuren der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das besondere Schicksal der jüdischen Bürger Weilburgs wird in einem eigenständigen vierten Kapitel dargestellt:

I

In der Wilhelminischen Zeit

II

In der Weimarer Republik

III

Im Dritten Reich

IV

Jüdische Weilburger

V

In der Nachkriegszeit

Als Quellen wurden vor allem Akten des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden und des Historischen Archivs der Stadt Weilburg genutzt, dazu Jahrgänge der beiden Weilburger Zeitungen. Allgemeine Sekundärliteratur wurde nur herangezogen, um den allgemeinen historischen Hintergrund für die lokalen Ereignisse und die handelnden Personen darzustellen. Grundlage des Buches sind zahlreiche Zeitungsartikel, die ich in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht habe.

Das Buch will für Leser von heute ein lebendiges Bild der Jahre 1900 bis 1950 in Weilburg entwerfen, es erhebt keinen Anspruch auf Geschlossenheit und Vollständigkeit. Es wendet sich an alle, die an Weilburger Geschichte interessiert sind. Bei aller notwendigen Sorgfalt und Genauigkeit will das Buch keine akademisch orientierte Darstellung liefern, sondern vor allem immer gut lesbar sein. Deshalb sind in die textlichen Darstellungen zahlreiche Dokumente eingefügt, vor allem Fotos, die das Geschriebene sinnfällig illustrieren und ergänzen. Der besseren Lesbarkeit dient auch das äußere Format des Buches.

Immer wieder wurde ich in den zurückliegenden Jahren von Zeitungslesern gefragt, ob ich beabsichtige, meine Zeitungsartikel einmal in Buchform zusammenzufassen. Immer wieder habe ich den Fragestellern die gleiche Antwort gegeben: dass ich die Herausgabe eines Buches plane, aber noch nicht sagen könne, wann es erscheinen wird. Mit der Herausgabe des vorliegenden Buches löse ich nun dieses Versprechen ein.

Ich danke allen, die mich bei der Vorbereitung und Erstellung des Buches unterstützt haben.

Weilburg, im Dezember 2020

Joachim Warlies

I In der Wilhelminischen Zeit

Am 27. Januar 1859 wurde der preußische Kronprinz Wilhelm als ältester Sohn des späteren deutschen Kaisers Friedrich III. und dessen Ehefrau Viktoria, einer Tochter der englischen Königin Viktoria, geboren. Als deutscher Kaiser Wilhelm II. (1888 – 1918) ging er in die Geschichtsbücher ein, er wurde Repräsentant einer Epoche, „die nach ihm benannt worden ist“.3 Vor allem das äußere Bild dieser Epoche ist den Zeitgenossen in Erinnerung geblieben: Erinnerungen an einen Kaiser, der sich fast immer nur in wechselnden Uniformen zeigte, an national-patriotische Feiern mit kaisertreuen Reden und dem Lied „Die Wacht am Rhein“, an Kommersabende und Umzüge mit Fackeln und Fahnen, begleitet vom Spiel der Militärkapellen.

Königlich-preußische Kreisstadt Weilburg

Die Schlacht bei Königgrätz in Böhmen im Jahre 1866 hatte weitreichende Folgen auch für die nassauische Kleinstadt Weilburg. Denn diese Schlacht entschied nicht nur den Krieg zwischen Preußen und Österreich zugunsten Preußens, sondern auch über den Fortbestand des Herzogtums Nassau, das auf Seiten Österreichs gestanden hatte. Preußen annektierte das Herzogtum Nassau und andere Territorien, das Herzogtum Nassau hörte auf zu bestehen und verschwand von der Landkarte.4 Im Gefolge dieser Annexion kam es zu einer verwaltungsmäßigen Neuordnung in der heimischen Region. Es wurde u. a. die neue preußische Provinz Hessen-Nassau gebildet, es entstand dabei auch der neue Regierungsbezirk Wiesbaden mit Wiesbaden als Zentrum. Innerhalb von Hessen-Nassau wurden als neue Verwaltungseinheiten die Landkreise geschaffen, einer davon war der Oberlahnkreis, der aus den früheren nassauischen Ämtern Weilburg, Runkel und Hadamar gebildet wurde. Ab 1867 war Weilburg die Kreisstadt dieses neuen Landkreises und damit Sitz eines königlich-preußischen Landrats. 1885 gab der Oberlahnkreis fast alle Gemeinden des Amts Hadamar an den neuen Landkreis Limburg ab und zählte im gleichen Jahr 40361 Einwohner.5 Etwa fünfzig Jahre später, 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte sich die Einwohnerzahl des Kreises kaum verändert und lag bei ca. 42000.6 Während dieser fünfzig Jahre war dagegen die Bevölkerung in anderen Teilen Deutschlands im Zuge von Industrialisierung und Verstädterung deutlich angewachsen, der Oberlahnkreis hatte an dieser dynamischen Veränderung kaum partizipiert.

Diese Feststellung trifft auch auf Weilburg zu: 1885 zählte man hier3697 Einwohner und im Jahr 1939 3987. Nur einmal, im Jahr 1910, lag die Einwohnerzahl mit 4002 knapp über 4000.7 Auch in Weilburg hatte also die Bevölkerung innerhalb von fünfzig Jahren kaum zugenommen. Der fortwährende Mangel an Arbeitsplätzen war die Hauptursache für diese Stagnation. 1967, im Rückblick auf die hundertjährige Geschichte des Oberlahnkreises, hieß es dazu in der Festschrift „Eine Handvoll Welt“: „Schon im Augenblick seiner Entstehung … war der Oberlahnkreis ein Gebiet latenten Notstands.“8 Diese strukturelle Schwäche blieb lange Zeit kennzeichnend für die heimische Region und spiegelte sich auch in der geringen Steuerkraft des Oberlahnkreises: Nach einer Untersuchung des Reichsfinanzministeriums aus dem Jahr 1926 lag die durchschnittliche Steuerkraft eines Einwohners des Oberlahnkreises bei 19,10 RM, während der Reichsdurchschnitt 57,20 RM betrug.9

Die Verhältnisse in der Kreisstadt Weilburg stellten sich um 1900 nicht anders dar als im übrigen Landkreis: Außer einer Lederfabrik, mehreren Brauereien und Mühlen sowie diversen Grubenbetrieben wies Weilburg kaum gewerbliche Arbeitsplätze auf. Als Kreisstadt war es Sitz von Behörden und Schulen, es besaß eine ansehnliche Zahl von Handwerksbetrieben. Für den ländlich strukturierten Oberlahnkreis war Weilburg die Einkaufsstadt, und der Einzelhandel war dementsprechend mit einer Vielzahl von kleineren und mittleren Geschäften stark entwickelt. Weilburg war also vorwiegend mittelständisch geprägt.

Die soziologische Struktur Weilburgs wurde erstmals bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 exakt erfasst und erbrachte die nachstehenden Zahlen. Die 3987 Einwohner wurden folgenden Gruppen zugeordnet:10

Selbständige 556,

mithelfende Familienangehörige 148,

Beamte und Angestellte 1554,

Arbeiter 916,

Berufslose 813.

Dok. 1: In den heimischen Eisenerzgruben gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewerbliche Arbeitsplätze. Hier die Belegschaft der Grube Heide im Jahre 1913.

Alltag 1900 – 1914

Löhne und Gehälter

Über die Höhe der Gehälter und Löhne in der heimatlichen Region liegen keine allgemeinen statistischen Angaben vor, doch finden sich hierzu zahlreiche aufschlussreiche Anmerkungen und Hinweise in Zeitungen und Akten.11

1914 suchte eine Baufirma Arbeiter für die Umbauarbeiten am Weilburger Bahnhof und offerierte einen Stundenlohn von 40 bis 42 Pfennig. Im gleichen Jahr suchte eine Familie ein Hausmädchen, „welches selbständig gut bürgerlich kochen kann“, und bot einen Monatslohn von 25 bis 30 Mark. Einem Fuhrmann wurden monatlich 90 Mark geboten, dazu „freie Wohnung, ein Stück Garten und freier Brand“. Dem Gemeindeförster der Gemeinde Weinbach wurden 1905 1000 Mark Jahresgehalt und 50 Mark Mietsentschädigung gezahlt. Spitzenverdiener war da schon der Weilburger Bürgermeister, dessen Jahresgehalt 1905 auf 3600 Mark festgesetzt worden war; es sollte dann jeweils um 100 Mark pro Jahr steigen bis zu einem Höchstgehalt von 4800 Mark.

Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass die oben aufgeführten Beispiele nur teilweise repräsentativ sind. Denn es gab auch Dienstmädchen, die mit einem Monatslohn von 10 bis 12 Mark zufrieden sein mussten. 1905 verkündeten drei Bergleute in einer Zeitungsannonce, dass sie für eine achtstündige Schicht nur 1,54 Mark verdient hätten.

Man muss ferner daran erinnern, dass für diese Löhne und Gehälter täglich wesentlich länger gearbeitet werden musste als heute. Die volle 6-Tage-Woche war selbstverständlich, und die tägliche Arbeitszeit betrug für Mauer im Jahre 1905 12 Stunden. Deshalb war damals der 10-Stunden-Tag für Maurer eine Forderung der Gewerkschaften, und die Geschäfte in Weilburg hatten werktags von 7 bis 22 Uhr geöffnet und sonntags von 11.30 bis 16 Uhr.

Preise

Die Höhe der Löhne und Gehälter allein ist nicht aussagekräftig, man muss sie vielmehr in Relation zu den Preisen von damals setzen, nur so lässt sich die Kaufkraft einer Mark vor 1914 ungefähr bestimmen. Eine Durchsicht von Annoncen in den beiden Weilburger Zeitungen macht deutlich, dass für Lebensmittel außerordentlich hohe Preise gezahlt werden mussten. Es kostete zum Beispiel: 1 l Milch (1908) 22 Pfennig, 1 kg Schweinefleisch (1907) 1,40 Mark, 1 kg Butter (1908) 2,30 Mark, 1 kg Rindfleisch (1913) 1,70 Mark, 50 kg Kartoffeln (1913) 3 Mark, 10 Eier (1913) 90 Pfennig, 1 kg Blut- oder Leberwurst (1913) 1,20 Mark, 1 kg Mehl (1913) 40 Pfennig, 1 kg Zucker (1913) 46 Pfennig.

Eine durchschnittliche Weilburger Familie vor dem Ersten Weltkrieg – 4 bis 5 Personen und ein Ernährer12 – musste mithin einen erheblichen Teil des monatlichen Einkommens für Lebensmittel aufwenden, ohne dabei üppig leben zu können. Grundnahrungsmittel konnten bei dem vorgegebenen Preisniveau vor allem nur Brot und Kartoffeln sein, Fleisch zählte zu den ganz seltenen Nahrungsmitteln, von der noch teureren Butter ganz zu schweigen.

Was dann vom Einkommen noch übrig blieb, musste für die restlichen Bedürfnisse ausgegeben werden, zum Beispiel für Kleidung, Wohnung und Heizung. Auch hierbei musste sparsamst gewirtschaftet und auf unterschiedliche Preise geachtet werden: So bot ein Textilgeschäft 1914 Anzüge bereits ab 13,50 Mark an, ein anderes Geschäft aber erst ab 32 Mark.

Auch die Energiekosten waren beträchtlich: Im Sommer 1914 kosteten 50 kg Nusskohlen 1,20 Mark und 50 kg Briketts 0,90 Mark.

Für andere Ausgaben blieb da kaum noch Raum: Wenn man ein Fest besuchen wollte, hatte man im Allgemeinen Eintritt zu bezahlen: für das Weilburger Frühlingsfest 1914 zwischen 0,50 Mark und 1,50 Mark; bei der 1000-Jahr-Feier 1906 kosteten die Eintrittskarten zum Festspiel zwischen 2 und 10 Mark.

Eltern, die ihr Kind das Gymnasium besuchen lassen wollten, hatten hohe finanzielle Hürden zu überwinden: Es war ein monatliches Schulgeld zu zahlen, das zwischen 16 und 18 Mark betrug. Von den ca. 190 Schülern des Gymnasiums (1905) waren lediglich 16 so genannte „Freischüler“, d. h. von der Bezahlung des Schulgelds freigestellt.13

Und selbst wenn man (einmal) im Alkohol vergessen wollte, was einen bedrückte, so war auch dies nicht billig: 0,5 l Bier kostete 1906/1907 12,5 Pfennig, ein Schnäpschen 10 Pfennig.

Auch wenn detaillierte statistische Angaben fehlen, kann zusammenfassend folgende Aussage gewagt werden: Ein ansehnlicher Teil der Weilburger Bevölkerung lebte am Rande des Existenzminimums, in bescheidenen, oft sehr bedrängten Verhältnissen, vergleicht man diese mit Ansprüchen und Standards von heute.

Armenkommission und Armenverein

Im Weilburg vor 1914 lebten Menschen, die im nüchternen Amtsdeutsch von damals „Arme“ genannt wurden, die so bedürftig waren, dass sie auf zusätzliche Hilfe und Unterstützung seitens der Stadt und von Privatleuten dringend angewiesen waren. Sie rangierten in der Einkommensskala noch deutlich unterhalb der oben beschriebenen Personen und Berufsgruppen. Von ihrer Existenz erfährt man nur indirekt dadurch, dass es als städtisches Gremium eine so genannte „Armenkommission“ gab, der zwei Magistratsmitglieder und drei Stadtverordnete angehörten.14

Diese Kommission entschied darüber, wer Unterstützung durch die Stadt erhalten durfte. Einen Rechtsanspruch auf Hilfe gab es nicht. Richtschnur für die Kommission waren die so genannten „Ausschlusssätze“. Diese legten fest, was in Weilburg als Existenzminimum angesehen wurde. 1909 wurden diese Beträge neu festgesetzt. Städtische Unterstützung durften nur die erhalten, deren wöchentliches Gesamteinkommen folgende Beträge nicht erreichte: bei einer alleinstehenden Person 6 Mark, bei einem kinderlosen Ehepaar 8 Mark, bei einer Familie mit einem Kind bis zehn Jahre 10 Mark, bei einer Familie mit zwei Kindern bis zehn Jahre 11 Mark; für jedes Kind über zehn Jahre, das nicht verdiente, werden 1,50 Mark angerechnet.15

Die Beträge waren also sehr knapp kalkuliert. Nur wer unterhalb dieser Grenzwerte lag, hatte Aussicht, Unterstützung von der Stadt zu erhalten. Auch wenn man unterhalb dieser Grenzwerte lag, durfte „laufende Unterstützung nur dann stattfinden, wenn der Armenpfleger … sich vom Vorhandensein dringender Not überzeugt hat“.16

Neben der städtischen „Armenkommission“ gab es auch noch private Vereine, die sich ausdrücklich der Unterstützung der Armen widmeten: Armenverein, Vaterländischer Frauenverein, Frauenverein und Krankenpflegeverein.17 Ihre Einnahmen rekrutierten sie aus Mitgliederbeiträgen und Spenden. Von diesen Vereinen war der Armenverein der größte, an seiner Spitze stand jahrelang der Hofprediger Scheerer.18

Dok. 2: Annonce des Weilburger Armenvereins (WA, 29. November 1910).

Ausgaben für die Armen

Wie viele „Arme“ es vor 1914 gegeben hat, ist unbekannt. Die Haushaltspläne der Stadt aus der Vorkriegszeit enthielten eine Abteilung VI, „Armenpflege und Wohltätigkeit“. Aus den hier aufgeführten Zahlen geht jedoch lediglich hervor, wie hoch die jährlichen Gesamtausgaben für diese Aufgaben waren: Sie lagen durchschnittlich bei 8000 Mark.19 In dieser Summe waren auch Ausgaben für die „monatliche Unterstützung an Ortsarme und Beiträge zu Hausmieten“ enthalten.

Auch für die ärztliche Versorgung der „Armen“ wandte die Stadt Geld auf: So erhielten die „Armenärzte“, die Geheimräte Dr. Mencke und Dr. Büsgen, ein jährliches Pauschalhonorar, das 1908 bei 200 bzw. 300 Mark lag. Im gleichen Jahr erhielten die beiden Hebammen „zur Behandlung mittelloser Wöchnerinnen“ ein städtisches Honorar von je 160 Mark.20

Der Anteil der Ausgaben für „Armenpflege und Wohltätigkeit“ an den gesamten „ordentlichen Ausgaben“ war im Vergleich zu heute gering: Die gesamten „ordentlichen Ausgaben“ beliefen sich im Rechnungsjahr 1908 auf ca. 275000 Mark, davon entfielen also auf „Armenpflege und Wohltätigkeit“ ca. 3 Prozent, 1912 lag der Anteil bei ca. 2,6 Prozent.21

Gemessen an den städtischen Ausgaben waren die Aufwendungen des Armenvereins beachtlich: 1912/1913 gab der Armenverein insgesamt 1223 Mark aus, wovon vor allem Kohle gespendet wurde. In einem Zeitungsbericht wurde deshalb wohl zu Recht erwähnt, dass der Armenverein „mit reichem Segen“ wirke. Doch wurde zugleich auch kritisch vermerkt, dass die Mitgliederzahl noch zu gering sei.22

„Arme“ Weilburger

Bei den Stichworten Armut, Not und Verelendung im Deutschland vor 1914 denkt man unwillkürlich an die großen, schnell wachsenden Industriestädte, an düstere Mietskasernen, kaum aber an beschauliche Kleinstädte. Und doch gab es auch in der königlich-preußischen Kreisstadt Weilburg vor 1914 bitterste Armut und Verelendung, durchaus vergleichbar mit der in den Großstädten. In Akten des Historischen Archivs der Stadt Weilburg finden sich Unterlagen über verschiedene arme Familien. Sie beschreiben detailliert und anschaulich die Lebens- und Einkommensverhältnisse von Familien, die ohne persönliches Verschulden in eine bedrückende, oft ausweglose Notlage gerieten.

Es folgen die Fallbeschreibungen zweier Familien. Nur die Familiennamen wurden geändert, alle anderen Details folgen den Angaben in der Akte:23

Die Familie des Korbmachers Alt

Am 29. Januar 1902 wandte sich der 69-jährige, in armen Verhältnissen lebende Korbmacher Alt an die Stadt und bat um eine monatliche Unterstützung für sich und seine Familie. Bürgermeister Schaum wies das Gesuch zurück: Frau und Tochter (des Antragstellers) könnten „so viel verdienen, als Sie für Ihre Familie zum Lebensunterhalt bedürfen“. Sollte die Familie dennoch einmal vorübergehend in Not sein, „geben wir Ihnen anheim, dies dem Vorsitzenden des Armenvereins, Herrn Pfarrer Scheerer, vorzutragen“.

Der Korbmacher wollte sich mit diesem ablehnenden Bescheid der Stadt nicht abfinden und richtete einen umfangreichen Brief an den Landrat des Oberlahnkreises, bei dessen Abfassung und Niederschrift ihm ein Unbekannter wohl geholfen hat. Darin schilderte er sehr eindringlich seine bedrängte Situation:

Zu seiner Familie gehörten vier Kinder, von denen zwei noch schulpflichtig seien: Der 16 Jahre alte Sohn arbeite in einem Hutmachergeschäft in Frankfurt/Main und die eben aus der Schule entlassene 15-jährige Tochter als Haushaltsgehilfin in einer Weilburger Familie; seine 46-jährige Ehefrau arbeite ebenfalls in einem anderen Weilburger Haushalt; beide erhielten hierfür zusammen 12 Mark Lohn; er selbst sei arbeitsunfähig und beziehe eine Kriegsinvalidenrente von nur 10 Mark, sodass sich das monatliche Gesamteinkommen auf 22 Mark belaufe. Allein die Miete für die Wohnung (schräge Dachkammer mit Küche ohne Herd) koste 9,50 Mark, sodass für alle übrigen Lebenshaltungskosten noch 12,50 Mark verblieben.

Der Korbmacher bat den Landrat, die Stadt anzuweisen, ihm eine fortlaufende monatliche Unterstützung zu gewähren.

Der Landrat forderte Bürgermeister Schaum auf, sich zum Brief des Korbmachers zu äußern. Schaum bekräftigte in seinem Antwortschreiben die Ablehnung seitens der Stadt; die Miete erscheine ihm zu hoch; Mutter und Tochter könnten monatlich mehr als 12 Mark verdienen; auch könne der Korbmacher selbst noch etwas verdienen.

Landrat Lex hat die Einschätzung von Bürgermeister Schaum wohl skeptisch beurteilt, denn er wies den zuständigen Beamten seiner Behörde an, die Darstellung des Korbmachers zu überprüfen. Sein Mitarbeiter gelangte zu ganz anderen Schlussfolgerungen als der Weilburger Bürgermeister: Die Angaben des Korbmachers seien richtig. Der Korbmacher wurde daraufhin vom Landratsamt vorgeladen, um sein Gesuch an die Stadt vortragen und begründen zu können. Bei dieser Anhörung forderte der Korbmacher eine monatliche Unterstützung von 10 Mark.

Der Kreisausschuss verwies danach die gesamte Angelegenheit an die Stadt zurück mit der Bitte um „nochmalige Erwägung“. Nachdem die Stadt aber wiederum unverrückt auf ihrer Position beharrte und ein zusätzliches ärztliches Gutachten ausdrücklich die Erwerbsunfähigkeit des Korbmachers bestätigte, fasste der Kreisausschuss am 12. Juni 1902 folgenden Beschluss: Er erklärte die Stadt Weilburg für verpflichtet, dem Korbmacher eine monatliche Unterstützung von 7,50 Mark zu gewähren. Die Stadt war somit zur Zahlung dieses Betrages verpflichtet, der ab dem 1. Juni 1902 ausgezahlt wurde.

Die Familie des Tapezierers Neu

Im Jahre 1906 zog der aus der Nähe Traunsteins stammende Tapezierer Neu samt Familie nach Weilburg. Er war 30 Jahre alt, zu seiner Familie gehörten seine Frau und zwei Kinder (geb. 1903 und 1904); in Weilburg wurden der Familie noch zwei weitere Kinder geboren (1907 und 1909). Neu verdiente seinen Lebensunterhalt als selbständiger Tapezierer.

Im Sommer 1909 erkrankte Neu schwer an einer Stirnhöhlenvereiterung. Seit dem 19. Juli 1909 war er krank und wurde wenige Tage danach in das katholische Schwesternhaus nach Gießen gebracht, wo er operiert wurde. Die Operation erbrachte keine Besserung seines Zustandes, Neu blieb krank und damit erwerbsunfähig. Die Familie konnte zunächst ihren Lebensunterhalt fristen, weil noch einige Außenstände eingingen und bescheidene Ersparnisse vorhanden waren. Doch schon nach wenigen Wochen stand die Familie vor dem Nichts, zumal auch noch die Krankenhauskosten zu bezahlen waren: pro Tag 1,50 Mark.

Am 2. September 1909 wurde die Ehefrau des Tapezierers eingehend über die Situation der Familie befragt, ihre Aussagen wurden in einem Formblatt festgehalten, „Vernehmung einer Hilfsbedürftigen“. Ab dem 1. September konnte die Familie die monatliche Miete von 17,33 Mark nicht mehr bezahlen; ein Herr Steinmetz, Mitglied der Armenkommission, erreichte, dass die Miete für die Zeit der Krankheit auf 15 Mark ermäßigt wurde. Steinmetz erreichte ferner, dass einige Privatpersonen die Verpflegung der Familie für eine gewisse Zeit übernahmen: Der Frauenverein lieferte Milch bis zum 1. Dezember; der Kriegerverein spendete etwas Geld, mit dem Steinmetz Kohlen und Kartoffeln kaufte. „In Anbetracht der traurigen Lage“ beantragte Steinmetz beim Magistrat, die monatliche Miete „vorlagsweise zu bewilligen“. Dies galt zunächst nur für die Monate September und Oktober, wurde dann aber stillschweigend verlängert.

In einem Gutachten, datiert vom 12. Januar 1910, bewertete Sanitätsrat Dr. Mencke die Heilungsaussichten für den Tapezierer sehr pessimistisch: Dieser werde wohl dauernd „hülfsbedürftig“ bleiben. Für die Stadt hätte dies zur Folge gehabt, die Familie Neu auf unabsehbare Zeit unterstützen zu müssen. Dieser drohenden Dauerbelastung versuchte sie zu entgehen, und sie beantragte beim Landrat, Verhandlungen mit dem Heimatstaat Bayern wegen der Übernahme der Kosten für die Familie Neu zu führen.

Ob solche Verhandlungen geführt wurden, ist der Akte nicht zu entnehmen. Doch muss von Seiten der Beteiligten angestrengt darüber nachgedacht worden sein, wie man sich der (unerwünschten) Kostgänger entledigen könnte. Dann, am 18. Februar 1910, erließ das Regierungspräsidium Wiesbaden einen „Ausweisungsbeschluss“, wonach der bayrische Staatsangehörige Neu mit seiner gesamten Familie aus „armenpolizeilichen Gründen“ aus Preußen ausgewiesen werde. Der Genannte sei der Gemeinde … bei Traunstein zugehörig und dorthin „abzuschieben“. Eine Erstattung der gezahlten Beträge werde nicht stattfinden. Das Landratsamt übersandte den Ausweisungsbeschluss an die Ortspolizeibehörde Weilburg „mit dem Ersuchen um weitere Veranlassung“. Die Familie Neu wurde nach Bayern abgeschoben, über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Die Schicksale der Familien Alt und Neu sind kein Einzelfall, in der besagten Akte finden sich weitere ähnliche Beschreibungen von anderen Familien, die ebenfalls unverschuldet ins Elend abgeglitten waren. Alle ihre Schicksale machen deutlich, dass es für eine sozialromantische Rückschau auf die vermeintlich „gute alte Zeit“ keine Grundlage gibt.

Recht und Ordnung

Die Stadt Weilburg hatte als Ortspolizeibehörde das Recht, für bestimmte Delikte Geldstrafen zu verhängen, die als Einnahmen im städtischen Haushalt verbucht wurden. Im Rechnungsjahr 1910 zum Beispiel beliefen sich die Gesamteinnahmen aus diesen Polizeistrafsachen auf insgesamt 544,40 Mark. Zu jedem Vorgang wurde ein Bescheid ausgefertigt, in dem nicht nur die Höhe der Strafe aufgeführt war, sondern der auch eine kurze Beschreibung des Delikts enthielt; außerdem wurden auch die Bestimmungen aufgezählt, gegen die der Delinquent verstoßen hatte, oftmals Jahrzehnte alte Paragraphen. Schließlich wurden auch die Personen erwähnt, „durch die die Übertretung bewiesen wird“. Die Strafbescheide eines Rechnungsjahres wurden in einem Urkundenband zusammengefasst.24

Polizeistrafsachen des Rechnungsjahres 1910

Beim Lesen der Strafbescheide fühlt man sich unwillkürlich in eine andere Welt versetzt, in eine ruhigere und beschaulichere Zeit. Die Strafbescheide lesen sich heute wie kleine Anekdoten: Nicht nur die Höhe der ausgesprochenen Strafen – im Durchschnitt zwei bis drei Mark – wirkt auf heutige Leser erheiternd, sondern auch die „Delikte“ selbst, die aus heutiger Sicht als Kleinstbagatellen erscheinen.

Die Liste der im Rechnungsjahr 1910 bestraften „Delikte“ bietet einen bunten Querschnitt durch die kleinstädtische Lebenswelt von damals: zum Beispiel fahrlässiger Umgang mit Fuhrwerken und unentschuldigtes Fehlen bei einer Übung der Pflichtfeuerwehr; aber auch „zeitlose“ Delikte wie Übertreten der Polizeistunde, Lärmen auf Straßen und Plätzen und unentschuldigtes Fehlen in der Schule; schließlich auch „modern“ anmutende Vergehen wie Ablagern von Schutt oder Beschäftigung von ausländischen Arbeitern.

Eine kleine Auswahl an Strafbescheiden:

Im Bescheid Nr. 15 heißt es: „Der Karl Meier hat in der Nacht vom 19. zum 20. April im Ahäuser Weg zwei Fuhrwerke stehen gehabt, wodurch der freie Verkehr gehindert war. Außerdem war das eine Fuhrwerk nicht mit einer brennenden Laterne versehen. Strafe: 1 Mark.“25 Von einem anderen Übeltäter heißt es: „Der Peter Müller hat am 28. Mai auf der Limburger Straße als Führer auf einem mit zwei Pferden bespannten Wagen gesessen, ohne das Leitseil in der Hand gehabt zu haben. Strafe: 2 Mark.“

Dok. 3: Vorstadt (um 1907). Fuhrwerke waren im Weilburg vor 1914 noch oft anzutreffen.

Das Schulschwänzen war offensichtlich nicht so selten, wie man zunächst annehmen könnte, doch wurde damals vor allem das Schulschwänzen in der „gewerblichen Fortbildungsschule“ geahndet. So heißt es im Strafbescheid Nr. 14 wörtlich: „Der Bäckerlehrling Philipp Schulz hat am 14. April die hiesige gewerbliche Fortbildungsschule ohne genügenden Entschuldigungsgrund versäumt. Strafe: 1 Mark.“ Aber nicht nur Lehrlinge wurden so bestraft, sondern auch verschiedene Handwerksmeister. Aus dem Bescheid Nr. 48: „Der Bäcker Wilhelm Geis hat am 14. und 26. April, 3., 10. und 24. Mai und 7., 14. und 28. Juni seinem Lehrling Stefan Stein keine freie Zeit zum Besuchen der gewerblichen Fortbildungsschule gewährt. Strafe: 3 Mark.“ Auch Wiederholungstäter kannte die damalige Zeit schon: So wurde der Unternehmer Max Baum mehrmals dafür bestraft, dass er „seinen Hund ohne Maulkorb in den hiesigen Straßen frei umherlaufen“ ließ. Strafen zwischen 3 und 5 Mark.“ Und ein anderer Handwerksmeister wurde bestraft, weil er das Gässchen hinter seinem Wohnhaus nicht gereinigt hatte: Strafe 1 Mark. Zur Begründung hierfür hieß es: „Er ist wegen Unterlassung der Straßenreinigung schon mehrmals verwarnt worden.“

Schließlich finden sich im Urkundenbuch auch ganz „moderne“ Delikte. So heißt es unter Strafbescheid Nr. 110: „Der Paul Weber hat am 3.9. morgens um 9 und 11 Uhr jedes Mal einen Wagen Schutt in der städtischen Steinkaut am Kubacher Weg abgelagert. Strafe: 2 Mark.“ Und im Strafbescheid Nr. 106 wird ein Landwirt mit einer Strafe von zwei Mark belegt, weil er den „russisch-polnischen Arbeiter J. S. ohne Genehmigung des Landrats in seinem landwirtschaftlichen Betrieb beschäftigt“ hatte.

Als Zeugen, durch „die die Übertretung bewiesen wird“, wurden in den Bescheiden u. a. genannt: städtische Polizeibeamte, Nachbarn, zufällig anwesende Passanten, aber auch andere „Betroffene“ (zum Beispiel Lehrer oder der Brandmeister der Pflichtfeuerwehr).

Orden und Ehrenzeichen

In den Zeitungsbänden vor 1914 stößt man regelmäßig auf Nachrichten, dass verschiedene, namentlich benannte Personen mit bestimmten Orden, Ehrenzeichen oder Medaillen ausgezeichnet worden seien. Auf der höchsten Ebene des Deutschen Reiches nahm der deutsche Kaiser selbst solche Auszeichnungen vor und wählte dabei aus einer uns heute verwirrenden Fülle von Orden u. ä. aus. Aber auch in der königlich-preußischen Provinz wurden solche Auszeichnungen verliehen, die als außerordentliche Ehrungen empfunden wurden. Nicht ganz zufällig befinden sich unter den Beständen des Historischen Archivs der Stadt Weilburg zwei Akten, die die Bezeichnung „Orden und Ehrenzeichen“ tragen.26

Genaue Bestimmungen regelten detailliert das Procedere einer Ordensverleihung und alle anderen damit zusammenhängenden Fragen. So war zum Beispiel festgelegt, dass alle Orden und Ehrenzeichen beim Tode des Inhabers grundsätzlich zurück zu geben waren. Städtische Polizisten holten die Orden bei den Hinterbliebenen ab, und das Königliche Landratsamt nahm die zurückgegebenen Orden in Empfang. Von der Rückgabepflicht waren nur wenige Orden und Auszeichnungen ausgenommen.

Die Obrigkeit vergab auch Titel an einzelne Personen, damit war das Recht verbunden, diese Ehrenbezeichnungen öffentlich zu führen. So wurden im August 1912 zwei Weilburger Bürger wie folgt geehrt: Dem Weinhändler Richard Moser wurde der Titel „Großherzoglicher Luxemburgischer Hoflieferant“ verliehen, und der Manufakturenhändler Otto Dreyfus, Inhaber der Firma Mayer Zaduk, erhielt den Titel „Hoflieferant“.27

Wer war „ordenswürdig“?

Aus heutiger Sicht interessiert vor allem, nach welchen Maßstäben vor 1914 beurteilt wurde, ob ein Bürger (Untertan) einer Auszeichnung würdig war oder nicht. In den bereits erwähnten Akten finden sich Unterlagen zu zwei Ordensverleihungen, in denen beschrieben wird, welchem allgemeinen Anforderungsprofil die zu Ehrenden genügen mussten.

Im Oktober 1909 fragte das Landratsamt Weilburg bei der Stadtverwaltung wegen eines Fabrikbesitzers an, der für eine Ordensverleihung vorgeschlagen worden war. Es wurden dabei nicht nur Auskünfte zu biographischen Daten, zur Lebensführung und zu den finanziellen und familiären Verhältnissen erbeten. Es wurde ausdrücklich auch danach gefragt, ob der Mann von loyaler vaterländischer Gesinnung sei, ob er sich politisch betätigt habe, ob er „guten Einfluss“ auf die Arbeiter seines Werkes ausgeübt habe sowie nach seinen „Militärverhältnissen“ (zum Beispiel Feldzugsteilnahme).

Der städtische Polizeibeamte Bachmann erstattete folgende detaillierte Auskunft: Er attestierte dem Vorgeschlagenen eine loyale vaterländische Gesinnung; politisch sei dieser zwar nicht hervorgetreten, aber er habe „stets die Ziele der nationalliberalen Partei unterstützt“. Insgesamt beurteilte Bachmann den Vorgeschlagenen positiv: Denn während der letzten drei Jahre, die er, Bachmann, beobachtet habe, hätten „die Arbeiter nie sozialdemokratischen Bestrebungen gehuldigt bzw. sie unterstützt“.

Einige Jahre später wurde die geplante Verleihung des Ordens- und Ehrenzeichens an einen Gerber seitens der Stadt ebenfalls nachdrücklich unterstützt. In der Begründung hierfür finden sich ähnliche Formulierungen wie beim ersten Beispiel: Der zu Ehrende sei von vaterländischer, königstreuer Gesinnung; er sei Mitglied der nationalliberalen Partei und früher Anhänger der antisemitischen Partei gewesen; an sozialdemokratischen Bewegungen sei er nie beteiligt gewesen; er habe zwei Monate als Ersatzreservist im Infanterie-Regiment Nr. 117 gedient und sei ein „sehr eifriges Mitglied des Kriegervereins“.28

Teil des Procedere war auch eine besonders eigentümliche, gestelzte Sprache. So wird in einem Schreiben vom 29. Januar 1908 die Verleihung des Titels „Hofprediger“ an Pfarrer Scheerer wie folgt mitgeteilt:29

„Seine Majestät der Kaiser und König haben geruht mittels Allerhöchsten Erlasses vom 15. Januar d. Js. dem Pfarrer Scheerer in Weilburg in Weilburg die Erlaubnis zu erteilen geruht, den ihm von seiner Königlichen Hoheit dem Grossherzog von Luxemburg verliehenen Titel eines Grossherzoglich Luxemburgischen Hofpredigers unter Hervorhebung der fremdherrlichen Verleihung zu führen.“

Von Wahlen und Parteien

Seit 1871 gab es als Parlament für das gesamte Deutsche Reich den Reichstag, der allerdings keinen direkten Einfluss auf die Regierungspolitik hatte. So konnte er weder den Reichskanzler wählen noch ihn durch ein Misstrauensvotum stürzen. Andererseits bedurften die Gesetze und der Etat aber der Zustimmung des Reichstages.

Für den Reichstag galt das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht, allerdings besaßen nur Männer das aktive und passive Wahlrecht. Für den preußischen Landtag galt dagegen das Dreiklassenwahlrecht, das die Reichen und Vermögenden krass begünstigte.30

Das gesamte Reichsgebiet war in Wahlkreise eingeteilt, und es galt das Mehrheitswahlrecht. Der Oberlahnkreis gehörte – mit den Kreisen Limburg und Diez – zum 4. nassauischen Wahlkreis. Zwischen 1900 und 1914 fanden lediglich drei Reichstagswahlen (1903, 1907 und 1912) statt, für die jeweils ein kurzer Wahlkampf geführt wurde.

Diese Wahlkämpfe darf man nicht mit heutigen Maßstäben messen. Sie waren von geringem Umfang und geringer Intensität, sie beschränkten sich im Wesentlichen auf einige Versammlungen und das Verteilen von Propagandamaterial (Flugblätter). Über die Versammlungen wurde in den Zeitungen kaum berichtet, und die überlieferten Berichte bestanden nur aus wenigen Zeilen. War die Wahl dann entschieden, so kamen alle Aktivitäten wieder zum Erliegen, um bei den nächsten Wahlen wieder aufgenommen zu werden.

Bei den Reichstagswahlen 1903, 1907 und 1912 waren im 4. Nassauischen Wahlkreis jeweils Kandidaten der Nationalliberalen Partei (NLP) siegreich: 1903 und 1907 gewann der Rentmeister Friedrich Buchsieb (Runkel) das Reichstagsmandat, sein Nachfolger im Berliner Reichstag wurde 1912 der Landwirt Hermann Hepp (Seelbach).31

Polizeiaufsicht

Alle politischen Veranstaltungen, öffentliche Versammlungen ebenso wie parteiinterne Konferenzen, die von den locker organisierten lokalen Parteigruppen durchgeführt wurden, unterstanden einer strikten polizeilichen Kontrolle. Sie mussten bei der Ortspolizeibehörde angemeldet und von ihr genehmigt werden; auch war stets ein Polizist anwesend, der ein Protokoll anfertigte.

Sozialdemokratischer Kreis-Wahlverein

Argwöhnisch beobachtete die Obrigkeit vor allem die SPD, über deren Aktivitäten einige Vermerke und Berichte in Akten erhalten geblieben sind: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es als lokale Organisation der SPD noch keine Ortsvereine, sondern nur einen „Sozialdemokratischen Kreis-Wahlverein Diez-Limburg-Weilburg“, der 1906 71 männliche Mitglieder zählte, Richard Hoin (Odersbach) war Vorsitzender. Der Schwerpunkt der SPD-Aktivitäten lag im Oberlahnkreis, denn 63 Mitglieder hatten hier ihren Wohnsitz. Fast alle Parteikonferenzen und die wenigen öffentlichen Veranstaltungen fanden deshalb in Weilburg statt.

Von Interesse ist auch die Gliederung nach Berufen: Nicht der Beruf des Industriearbeiters oder des Bergmanns war am stärksten vertreten, sondern der Beruf des Maurers. 29 Mitglieder waren Maurer, 9 Former und 4 Bergleute. Daneben finden sich auf der Mitgliederliste u. a. noch Anstreicher, Dachdecker und Schlosser. Überhaupt nicht vertreten waren die Berufsgruppen der Beamten und Angestellten.32

Reichstagswahl 1912

Zu den Reichstagswahlen im Januar 1912 wurden im November und Dezember 1911 einige Versammlungen abgehalten, darunter auch eine der SPD im Restaurant „Webersberg“, der der Polizeibeamte Bachmann beiwohnte.33

Bachmann erwähnte in seinem Protokoll nicht – wie sonst üblich – die Zahl der anwesenden Personen und die angesprochenen Themen. Viel wichtiger erschien ihm die Tatsache, dass sich in dem Lokal einige Zöglinge der Unteroffiziersvorschule aufgehalten hatten, die sich später aber entfernten. Weitere Zöglinge, die nach Schluss der Versammlung die Wirtschaft besuchen wollten, „unterließen dies nach meinem Hinweis“, so Bachmann in seiner Niederschrift. Bachmann berichtete weiter, dass Anhänger der Sozialdemokratie auch an Wochentagen in dieser Wirtschaft Beratungen abhielten, und zwar für Arbeiter vom Kasernenneubau und der Eisenbahnbrücke. Da aber an den Sonntagabenden auch „zweifelhafte Mädchen“ dort verkehrten, sollte, so Bachmann, dem Kommandeur der Unteroffiziersvorschule „von der Sachlage“ Kenntnis gegeben werden. Bürgermeister Karthaus entsprach der Empfehlung Bachmanns und informierte umgehend den Kommandeur der Unteroffiziersvorschule. Dieser untersagte daraufhin allen Angehörigen der Unteroffiziersvorschule bis auf weiteres den Besuch des Restaurants „Webersberg“.34

Die Entscheidung des Kommandeurs war für die sozialdemokratische „Volksstimme“ Anlass zu folgendem ironischen Kommentar: „Der Monarch der Unteroffiziersvorschule befürchtet, es könnten einige Umsturzbazillen hängen geblieben sein, er verbot darum seinen Zöglingen den Besuch des Lokals. Die angehenden Vaterlandsverteidiger werden also anderwärts ihren Schnitt trinken und ihre Einpfennigzigaretten rauchen müssen. Hoffentlich wissen die Arbeiter, was sie zu tun haben.“35 Dem relativ guten Ergebnis des sozialdemokratischen Kandidaten Zimmermann haben diese Vorkommnisse aber nicht geschadet. Der erreichte im gesamten Wahlkreis zwar nur 15,7 Prozent aller abgegebenen Stimmen, dies war jedoch seit 1893 das beste Ergebnis eines sozialdemokratischen Kandidaten.36

Dok. 4: Richard Hoin (sitzend, vierter von links) mit SPD-Mitgliedern in Odersbach (1912).

National-patriotische Feierstunden

Alte Menschen erinnerten sich vor Jahrzehnten vor allem an das äußere Bild der Regierungszeit Wilhelm II.: an einen Kaiser, der sich fast immer nur in stets wechselnden Uniformen zeigte; an national-patriotische Feierstunden mit kaisertreuen Reden; an Kommersabende, an Umzüge mit Fackeln und Fahnen, begleitet vom Spiel der Militärkapellen.

Auch in Weilburg haben, wie im übrigen Deutschen Reich, regelmäßig solche Feiern stattgefunden, von denen nun erzählt werden soll. Fotos dieser Feiern existieren nicht, lediglich einige knappe Zeitungsberichte und -annoncen. Diese vermitteln ein nur blasses Bild davon, wie diese Feiern in Weilburg begangen wurden. In einer unverwechselbaren äußeren Form, unter großer Beteiligung der Bevölkerung, auch der Schuljugend.

Sedantag 1913

Der deutsch-französische Krieg 1870/71 war praktisch am 2. September 1870 entschieden, als bei Sedan, einer mittelgroßen Stadt an der Maas, die französische Hauptarmee kapitulierte, nachdem sie von den deutschen Truppen eingeschlossen worden war. Der französische Kaiser Napoleon III. wurde dort gefangengenommen und begab sich in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Dok. 5: Das ‚Denkmal' erinnert noch heute (2020) an gefallene Soldaten des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Es wurde am 2. September 1875, dem Sedantag, eingeweiht.

Der 2. September, der Sedantag, war fortan für das Kaiserreich der bezeichnende nationale Feiertag, „der Tag des Gottesgerichts über die Franzosenbrut, Sieges deutscher Treue über welsche Tücke“, wie es Golo Mann ironisch formulierte.37

Auch im Jahre 1913 wurde der Sedantag in der vertrauten Form begangen. Die Schüler hatten unterrichtsfrei, und alle Weilburger Schulen feierten den Tag auf ihre Weise:

Die Lehrer und Schüler des Gymnasiums trafen sich zu einer Sedan-Feier in der Turnhalle, „um den Erinnerungstag des Sedanfestes mit einer eindrucksvollen Feier zu begehen“. Die Festrede über die Schlacht bei Sedan hielt ein Unterprimaner.38 Die Landwirtschaftsschule feierte den Tag mit einem Ausflug nach Merenberg, „verbunden mit einem Kriegsspiel“. Und die Volksschule unternahm Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung.39

Kaisers Geburtstag 1914

Zu den alljährlich stattfindenden Feiern gehörte auch „Kaisers Geburtstag“, der immer in großem öffentlichen Rahmen gefeiert wurde. Die Kinder hatten schulfrei, und ein umfangreiches, stets wiederkehrendes Programm war fester Bestandteil dieses Festaktes:

Die Feierlichkeiten begannen bereits am Vorabend, dem 26. Januar 1914, mit dem Zapfenstreich, ausgeführt durch die Spielleute der Unteroffiziersvorschule, und der Abend wurde beendet mit einem Festkommers im „Saalbau“.

Am eigentlichen Geburtstag fanden u. a. Feierstunden in allen Weilburger Schulen statt sowie Gottesdienste in der Schlosskirche, in der katholischen Kirche und in der Synagoge. Ein Festessen für geladene männliche Honoratioren Weilburgs im Hotel „Deutsches Haus“ (Neugasse) schloss sich an.

Zahlreiche Ansprachen wurden an diesem Tag gehalten, gleichförmige Ergebenheitsadressen an den Monarchen im fernen Berlin. Ein Redner beim Kommersabend begann seine Rede wie folgt: „Frohlocke, Vaterland, rufe Heil dem Tage, an dem wir des Kaisers schönstes Fest begehen …“ Er rief auf zu Geschlossenheit gegenüber den äußeren Feinden, warnte aber auch vor den „inneren Feinden … die die Person unseres geliebten Kaisers in den Hintergrund stellen wollen“. Der Redner feierte die Leistungen der deutschen Armee und schloss mit folgendem - Versprechen: „Wir alle aber wollen gleichsam heute aufs neue schwören Treue zu unserem geliebten Kaiser, Treue in Kriegs- und Friedenszeiten, ja Treue bis in den Tod.“40

So wurde „Kaisers Geburtstag“ 1914 – wie in all den Jahren zuvor – in Weilburg zelebriert, die Programmfolge und der Zeitplan waren über viele Jahre nahezu identisch. Der nächste Geburtstag des Kaisers, 1915, wurde – wegen des Krieges – nicht mehr in diesem großen öffentlichen Rahmen gefeiert, nur noch in den Kirchen und Schulen wurde des kaiserlichen Geburtstages gedacht, und das Festessen im „Deutschen Haus“ fiel gänzlich aus.

Nationale „Gedächtnisfeiern“

Der Sedantag und „Kaisers Geburtstag“ waren alljährlich wiederkehrende Feiertage. Daneben wurde aber auch immer wieder an andere „nationale“ Ereignisse erinnert, wenn sich dazu ein Anlass bot. So fanden im Oktober 1913 im gesamten Deutschen Reich Hundertjahrfeiern zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig statt, die größte in Leipzig in Anwesenheit Wilhelm II. Auch in Weilburg wurde der Völkerschlacht bei Leipzig gedacht, mit einem „großen Freudenfeuer“ am Windhof und einem Fackelzug mit über 300 Teilnehmern quer durch die Stadt. Der Fackelzug endete am Kubacher Weg, hier brannte ebenfalls ein großes Feuer. Die Teilnehmer des Fackelzugs versammelten sich um das Feuer und sangen gemeinsam das Lied „Die Wacht am Rhein“. Im „Saalbau“ fand ein Kommersabend zum Abschluss des Gedenktages statt, der vom Kriegerverein „Germania“ organisiert wurde. Auch hier wurden patriotische Reden gehalten mit „Kaiserhurra“ und einem „Hoch auf unser deutsches Vaterland“.41

Im gleichen Jahr wurde in der Höheren Mädchenschule und in der Volksschule auch an die Stiftung des Eisernen Kreuzes im Jahre 1813 erinnert. An der „Gedächtnisfeier“ in der Volksschule nahmen alle Klassen teil, und zum Abschluss erhielten „sämtliche Schüler und Schülerinnen der sechs obersten Schuljahre“ eine vom Magistrat angeschaffte Schrift, die den Titel trug „Mit Gott für König und Vaterland. Bilder aus großer Zeit für das deutsche Volk und die deutsche Jugend“.42

Dok. 6: Weilburger Honoratioren bei einer Feierstunde im Jahr 1913 vor dem Denkmal von Herzog Adolph.

Die ersten Tage des Krieges

Am 1. August 1914 begann der Krieg, von dem man so oft, ganz allgemein, in Reden gehört hatte, der in Liedern so oft besungen worden war, der Krieg, von dessen Wirklichkeit man aber gar nichts wusste. Es gab nur romantisierende Erinnerungen an weit zurückliegende Kriege, die durch eine einzige Schlacht entschieden worden waren, zum Beispiel in den Jahren 1866 und 1870. So glaubten alle, dass auch dieser Krieg nur von kurzer Dauer sein werde.

Mobilmachung

In den beiden Weilburger Zeitungen, dem „Weilburger Tageblatt“ und dem „Weilburger Anzeiger“, wurde am 1. August 1914, einem Samstag, die allgemeine Mobilmachung für Armee und Marine bekannt gegeben.

Dok 7: Die Titelseite des „Weilburger Anzeigers“ vom 1. August 1914 (Ausschnitt).

Ab sofort war der kommandierende General von Schenck vom XVIII. Armeekorps in Frankfurt/Main oberstes Vollzugsorgan im Bereich dieses Armeekorps, nicht nur für alle militärischen Einheiten, sondern auch für alle zivilen Dienststellen und Verwaltungen. Und die nun einsetzende Mobilisierung riesiger Verbände begann nach genau festgelegten Plänen abzulaufen. Für die in Weilburg und im übrigen Oberlahnkreis ansässigen Soldaten und Reservisten hieß es vor allem, mit der Eisenbahn Lahn abwärts nach Koblenz zu fahren; die Lahntalstrecke wurde zu einer der wichtigsten Transportlinien zur Westgrenze. Sämtliche Einberufene hatten freie Eisenbahnfahrt, sie brauchten nur ihre „Kriegsbeorderung“ als Fahrausweis vorzuzeigen. Um ihnen das pünktliche Erscheinen in ihren Standorten zu erleichtern, waren in den Zeitungen „Auszüge aus dem Militär-Lokalzugs-Fahrplan“ abgedruckt.43

Am 1. August versicherten die Nassauische Sparkasse, die Kreissparkasse des Oberlahnkreises und der Vorschussverein Weilburg in einer gemeinsamen Anzeige, dass sie auch in Kriegszeiten die Kassen offen halten würden; man werde nicht nur Spareinlagen annehmen, sondern auch jederzeit Beträge auszahlen.44

Trotz dieser Versprechungen, die beruhigend wirken sollten, waren die Menschen aber sofort stark verunsichert und begannen, Geld zu horten. Schon nach wenigen Tagen waren alle Gold- und Silbermünzen aus dem allgemeinen Zahlungsverkehr verschwunden, und nur noch Papiergeld kursierte.45

General von Schenck sah sich deshalb am 6. August zu folgender öffentlichen Warnung veranlasst: „Ich mache darauf aufmerksam, dass alle Geschäfte, die die Annahme von Papiergeld verweigern oder Wucherpreise für Lebensmittel nehmen, rücksichtslos geschlossen werden.“46

Spenden, Kriegsfreiwillige

In deutlichem Gegensatz zu diesen Meldungen stehen andere Texte, die uns das traditionelle Bild der ersten Kriegstage vermitteln. Am 3. August riefen Landrat Lex, Bürgermeister Karthaus und Stadtverordnetenvorsteher Gropius zu Spenden auf: „Wir müssen Fürsorge treffen für die Pflege der Kranken und Verwundeten, für die Sammlung und Verteilung von Liebesgaben und von Unterstützungen an notleidende Familien unserer Vaterlandsverteidiger.“47

Es wurde ein „Komitee zur Verpflegung der durchfahrenden Soldaten“ gegründet, und es gingen in den ersten Tagen so viele Spenden ein, dass ein Teil davon unter die Räder der Züge geriet und vernichtet wurde.48 Auch erste Spenden an Bargeld konnte das Komitee verzeichnen: So spendeten verschiedene Bürger größere Geldbeträge, der israelitische Wohltätigkeitsverein überwies dem Roten Kreuz 600 Mark,49 und die Kruppsche Bergverwaltung überwies der Stadt sogar 10000 Mark „für ihren allgemeinen Kriegsliebedienst“.50

Die Zeitung sprach pathetisch von „großer Begeisterung in allen Teilen der Bevölkerung“ und feierte „den heiligen Zorn“, mit dem „unsere Truppen zur Grenze fahren“.51

Am Gymnasium Philippinum legten 18 Oberprimaner noch im August ihre „Notreifeprüfung“ ab, um danach als Freiwillige in den Krieg zu ziehen. (Das Thema des Aufsatzes im Fach Deutsch hatte gelautet: „Schön ist der Friede! Aber der Krieg auch hat seine Ehre.“)

Es zogen aber nicht nur die 18 Oberprimaner in den Krieg, sondern auch Schüler aus den Klassen Unterprima, Obersekunda und Untersekunda.52

Ob alle überschwänglichen Meldungen über die Kriegsbegeisterung die tatsächliche Stimmung in der Bevölkerung und bei den einrückenden Soldaten widerspiegeln, muss allerdings offen bleiben. Das traditionelle Bild von der großen Kriegsbegeisterung in allen Schichten der Bevölkerung wird heute von Historikern zunehmend kritisch gesehen. Sicher scheint heute nur zu sein, dass die meisten Deutschen damals einen nur kurzen Krieg erwarteten, spätestens zu Weihnachten wollten alle wieder zu Hause sein. Und die meisten Deutschen sahen Deutschland als das angegriffene Land.53

Im Historischen Archiv der Stadt Weilburg werden die Fotos von drei Weilburger Soldaten verwahrt, die bereits im August 1914 einrücken mussten:

Dok. 8: Franz Dietrich.

Dok. 9: Fritz Gropius.

Dok. 10: Unbekannt.

Zensur und Propaganda

Dok. 11: Eine Sondermeldung erreicht die Druckerei Cramer in der Schwanengasse (August 1914).

Vom ersten Kriegstag an waren die Weilburger, wie alle Deutschen, einer unablässigen Kriegspropaganda ausgesetzt. Denn die Berichterstattung in den Zeitungen unterlag von Anfang an einer strikten Zensur, die vom Militär zentral gelenkt und straff ausgeübt wurde. Bereits am 31. Juli 1914 erließ General von Schenck hierzu eine Reihe von Anordnungen, deren erste lautete: „Hiermit verbiete ich jede Veröffentlichung und Mitteilung militärischer Angelegenheiten.“54 Dieses Verbot galt für alle Zeitungen, denen damit jede freie Berichterstattung über den Krieg untersagt wurde.

Die Zensur galt aber auch für Versammlungen, von Schenck bestimmte noch im September 1914: „Alle Vorträge über militärische Gegenstände unterliegen der polizeilichen Genehmigung, die erst nach der Zensur des Manuskripts erteilt werden darf.“55

Diese strikten Regelungen hatten Bestand bis zum Ende des Krieges und sorgten dafür, dass die gesamte Information der Bevölkerung über den Krieg stets gesteuert und „gefiltert“ wurde. Die beiden Weilburger Zeitungen wurden Organe der staatlichen Propaganda und lieferten nur solche Berichte und Kommentare, die die Zensur vorher genehmigt hatte. Mittels der Zeitungen, aber auch durch Plakate und Flugblätter wurde der Bevölkerung so während des gesamten Krieges ein geschöntes Bild von der Kriegslage vermittelt.56

Kriegsalltag

Die deutschen Truppen konnten zwar während der ersten Wochen des Krieges weite Teile Belgiens sowie Nordfrankreich erobern; und auch im Osten gelang es schließlich, eine Frontlinie außerhalb Deutschlands aufzubauen, sodass der Krieg bis zum Ende 1918 außerhalb Deutschlands stattfand. Aber die deutschen Siegeshoffnungen erfüllten sich nicht. Schon Ende 1914 erwies sich, dass die Planungen der deutschen Militärs allzu optimistisch gewesen waren: Die Soldaten konnten das Weihnachtsfest 1914 „nicht in den heimischen Stuben verbringen, sondern saßen in den kalten und nassen Schützengräben an der Front“.57

Auch in den folgenden Jahren erreichten die deutschen Truppen nicht den erhofften Sieg, obwohl die Propaganda mehrmals einen nahen Sieg in Aussicht stellte.58 Während außerhalb Deutschlands, an allen Fronten, bis November 1918 Krieg herrschte, blieb die deutsche Heimat über all die Jahre hinweg von jeglichem Kriegsgeschehen verschont. Hier entwickelte sich stattdessen zwischen 1914 und 1918 ein eigentümlicher Kriegsalltag, dies trifft auch auf Weilburg zu.

So blieb das äußere Bild Weilburgs gegenüber der Vorkriegszeit gänzlich unverändert, ebenso vollzogen sich bestimmte Abläufe bis zum Kriegsende 1918 wie in den Jahrzehnten zuvor: Alle Kinder gingen weiter zur Schule und erhielten dort (gekürzten) Unterricht, am Gymnasium Philippinum wurden weiterhin Reifeprüfungen abgenommen; die Gruben des Weilburger Landes förderten Eisenerz, auf der Lahntalstrecke verkehrten die Züge, die Landwirte bestellten ihre Felder und brachten die Ernten ein; der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung tagten regelmäßig und fassten Beschlüsse, Bürgermeister Karthaus und die Bediensteten der Stadtverwaltung gingen pflichtgemäß ihrer Arbeit nach. Alles wie zu Friedenszeiten.59

Dok. 12: Kriegsalltag: Stammtisch im „Bürgerhof" (1916).

Auswirkungen des Krieges

Aber diese scheinbar friedliche Normalität stellte nur einen Teil der Lebenswirklichkeit dar, die Auswirkungen des Krieges erreichten sehr bald auch Weilburg und begannen, den Alltag zu verändern. Je länger der Krieg andauerte, desto nachhaltiger prägte er das tägliche Leben:

- Die langen Menschenschlangen, die sich bald vor den Notküchen versammelten, und die Lebensmittelkarten erinnerten täglich an Hunger und Nahrungsmangel. Der Hunger blieb allgegenwärtig bis zum Kriegsende.60 Dazu kam ein empfindlicher Mangel an allen Gütern des täglichen Bedarfs.

- Die Wahrnehmung des Krieges, der fernab von Weilburg stattfand, wurde durch eine straff gelenkte Informationspolitik gesteuert, meistens über die Zeitungen. In den Zeitungen dominierte die Berichterstattung über den Krieg. Seit August 1914 erschienen regelmäßig lange Berichte über die Ereignisse an der Front, manchmal auch Sondermeldungen, über Kämpfe auf dem „Westlichen Kriegsschauplatz“ und auf dem „Östlichen Kriegsschauplatz“. Der Informationswert dieser Berichte war jedoch gleichbleibend gering: Stets war darin nur von Erfolgen deutscher Einheiten und von Verlusten der Gegner die Rede, aber das von allen ersehnte Ende des Krieges kam dennoch nicht in Sicht.

- In den Zeitungen erschienen mit zunehmender Kriegsdauer immer mehr Todesanzeigen für gefallene Soldaten, die den „Heldentod für Kaiser und Vaterland“ gestorben waren. So waren bis zum Dezember 1914 bereits sechs Familienväter aus Weilburg gefallen, zehn Kinder hatten ihre Väter verloren.61 Bis zum Kriegsende waren etwa 130 Soldaten aus Weilburg gefallen.62

- Während der letzten Kriegsjahre gingen die Zeitungen dazu über, die Verluste in einer gesonderten Rubrik zu erfassen, in der so genannten „Verlustliste“. Hier wurden täglich die Namen aller Soldaten aus dem Oberlahnkreis aufgelistet, die gefallen waren oder verwundet oder gefangen genommen worden waren oder vermisst wurden. Manchmal enthielt die Liste nur einen Namen, aber an manchen Tagen wurden bis zu zehn Namen veröffentlicht. Und die Verlustmeldungen nahmen kein Ende, sie schienen endlos.63

Dok. 13: Kriegsalltag: Soldaten auf Heimaturlaub (o. J.).

Verwundete

Zu den neuen Zeichen der Zeit gehörten sehr bald auch verwundete Soldaten, die in großer Zahl in Weilburg versorgt wurden. Die Kapazität des städtischen Krankenhauses an der Frankfurter Straße reichte hierfür bei weitem nicht aus. So wurde schon in den ersten Kriegsmonaten 1914 die Gymnasialturnhalle in der Hainallee (heute Kino) zum Notlazarett umgewidmet.