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Lesendes Schauen - betrachtendes Verweilen Dies ist eine Einladung, sich dem Leben auf eine Art und Weise zuzuwenden, die sich bewusst mit der Perspektive der Vergänglichkeit auseinandersetzt. Weite und Zuversicht als innerer Anker, Trauer als ein allgegenwärtiges Lebensthema, die Bedeutung von Spiritualität im Zusammenhang mit der Sinnfrage sind einige Aspekte, die zur Sprache kommen. Um den individuellen wie gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, braucht es aber auch ein Heraustreten aus dem allein Rationalen, ein übergängliches Denken und es braucht dazu eine neue Form der Kommunikation, die auf Achtsamkeit, Dialogfähigkeit und einer Form vertieften Zuhörens basiert.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einführung
Leben ist Wandel, Leben mit Vergänglichkeit
Sich neu ausrichten – grundlegende Haltungen
2.1. Haltung – was hält mich, wie halte ich stand
2.2. Weite und Zuversicht – ein innerer Ankerpunkt
2.3. Da-Sein in Verbundenheit – Begleitung als Akt der Würdigung
2.4. eine Übung
Essentielle Aspekte aus der Begleitung Sterbender
3.1. Achtsame Kommunikation – Hören und Dialog aus dem Da-Sein heraus
3.2 Jenseits von Sprache und Denken Sterbende begleiten – Kommunikation jenseits des Rationalen
3.3. Nichtwissen und sich dem Heiligen überlassen – Spiritualität als Basis des Lebens
Trauer – ein Lebensthema für jeden Menschen
Übergängliches Denken
Was noch bleibt – Dankbar leben
Weite – Zuversicht
Im Frühnebelsonnenlicht
Still innehaltend
Ich bin Leben,
das leben will
inmitten von Leben,
das leben will
Albert Schweitzer
Lesendes Schauen – Betrachtendes Verweilen – zu Weite und Zuversicht finden - dieses Buch möchte Sie über das Lesen der Texte einladen nach innen zu schauen und über das Betrachten der Bilder und Gedichte im Sinnlichen zu verweilen.
Meine Motivation ist es, im Sinne der obigen Aussage von Albert Schweitzer einen Blick auf das Leben zu werfen und gleichzeitig die Vergänglichkeit wie sein durchwebendes Muster zu erfahren. Es ist ein Buch für Wandel und Wachstum im Leben auf der Basis der Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit.
Hintergrund sind meine jahrzehntelangen beruflichen wie ehrenamtlichen Erfahrungen in der Begleitung sterbender Erwachsener und Kinder und aus Befähigungs- und Ermutigungskursen für Ehrenamtliche in dieser Begleitarbeit.
Sie gaben mir eine neue eigene Ausrichtung für mein Leben, indem ich mich intensiv mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer auseinandergesetzt habe. Diese Zeit lehrte mich viel über das Leben und der innenwohnenden Vergänglichkeit. Sie führte mich hin zu persönlichem Wachstum und einem WESENtlichen im Leben.
Das Eintauchen in dieses Thema war ein Prozess des Lernens, v.a. in der Begegnung mit den konkreten Menschen. „Nur“ in zweiter Linie war es die Aneignung von fachlichem Wissen bzw. ein Lesen der vielfältigen Literatur zum Thema. Letzteres ist hilfreich, ohne Zweifel. Aber durch die leibhaftigen - psychischen und physischen - Erfahrungen habe ich geistig-seelische Räume betreten, die mich die innere Weite und Zuversicht haben entdecken lassen, aus der sich meine Haltung zum Leben neu geformt hat.
Diese Entwicklung - v.a. in meinem Bewusstsein – hatte wiederum viel mit der Entdeckung von Erfahrungsräumen jenseits des rationalen Denkens zu tun, eines bewussten Verzichts auf die Fragen nach dem Warum und „wie geht es am besten weiter“. Es war – und ist – ein Zulassen von Vertrauen und ein Sich-Anvertrauen an ein Nichtwissen darüber, was im nächsten Moment geschieht.
Zuversicht und Weite stellten sich sozusagen als Folge dessen ein.
Nun könnte der aktuelle Zusammenhang mit diesem Thema gerade nicht präsenter sein.
In diesen Monaten – Frühjahr/Sommer 2020, in der ich gerade diese Texte zusammenfüge, bildet sich im Außen durch das Virus Covid-19 ein Prozess mit bisher unbekannten Herausforderungen ab, der uns die Chance zu einem individuellen wie kollektiven Bewusstseinswandel eröffnet. Näher als jede Finanzkrise und Klimakrise es bisher vermocht haben, sind die wesentlichen Fragen des Lebens vor uns hingestellt: wie will ich, wie wollen wir in Zukunft leben, in Gemeinschaft, vor Ort, als verschiedene Kulturen, als Menschheit, mit der Erde.
In dieser besonderen Situation werden wir mit dem Sterben konfrontiert: als reale physische Bedrohung und als ideelle Auseinandersetzung mit unseren Werten, unserem Menschen- und Weltbild, unserem Verhältnis zur Erde/Natur. Hier kann/muss/wird uns auch ein Abschiedsprozess mit allen Schmerzen und Trauer ergreifen. Das Thema Vergänglichkeit wird auf eine Art und Weise vor uns hingestellt – weltumspannend, die uns unsere allseitige Verbundenheit aufzeigt: mit allen Lebewesen, mit der Natur, mit der Erde. Sie gibt uns die Chance, aus der Sichtweise des Getrennt-Seins auszusteigen, die darauf fußt, uns für voneinander isolierte, sogenannte eigenständige und autonome Individuen in einem uns gegenüberstehenden Kosmos zu halten. Die Covid19-Erkrankung zeigt uns, dass wir alle in einem Boot sitzen, jede/r kann erkranken. Wir erleben unser Aufeinander-Angewiesen-Sein ebenso wie unsere Aufgabe, Verantwortung über uns hinaus zu übernehmen.
So zeigt uns diese Virus-Krise, näher als die Klima-Krise, einen Weg sich neu miteinander zu verbinden. Wir sind auf einer tieferen Ebene gefragt Vertrauen zu können und mit Nichtwissen umzugehen. Wahrscheinlich in einer Form, wie wir es bisher so nicht präsentiert bekommen haben. Es ist eine spannende, herausfordernde Zeit, wo alles das, was hier zusammengetragen ist, eine Unterstützung sein kann und dem Erkennen und auch der Neuausrichtung dienen kann. JA, die Vergänglichkeit ist unser aller gemeinsamer Grund, auf dem sich das Leben vollzieht. In der Vergänglichkeit sind wir alle gleich und verbunden.
So gewinnen die folgenden Texte eine zusätzlich Aktualität.
Mein Anliegen mit diesen Texten war ursprünglich – wie bereits gesagt - Menschen in der Begleitung Sterbender Unterstützung zu geben. Sie beschreiben, was Menschen brauchen, wenn das Leben im Angesicht des Todes fordert, sich auf das WESENtliche zu fokussieren. Diese Frage nach dem WESENtlichen – so denke ich - ist gerade in unserer heutigen hyperindividualisierten, komplexen, reiz- und informationsüberfluteten Kultur ein notwendiger Schritt der Bewusstwerdung, um das innere Gleichgewicht und das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit zu erhalten.
Zum Leseverständnis
Die hier zusammengestellten Texte (Kap. 1-4) sind in den letzten 10 Jahren im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit als Seminarleiterin zum Thema Sterben, Tod und Trauer entstanden1.
Ausgangspunkt bildet eine Betrachtung des Lebens als Wandlungsprozess (Kap.1). Dann greife ich in Kap. 2 grundlegende Haltungen und Sichtweisen auf, die ein Sein in der Welt in Weite und Zuversicht befördern. Die essentiellen Aspekte aus der Begleitung Sterbender (Kap. 3) und das Thema Trauer (Kap. 4) sollen dazu eine Form/einen Weg aufzeigen, den Grund für die Lebenshaltung der Weite und Zuversicht zu bereiten.
Dass es inzwischen auch darum geht, unser gewohntes Denken in Frage zu stellen angesichts unserer aktuellen, weltumspannenden Situation, greife ich in Kap. 5 mit dem Begriff des Übergänglichen Denkens auf. Denn Weite und Zuversicht brauchen ein Äquivalent in unserem Denken, das sich für andere Dimensionen des Daseins jenseits des Rational-Mentalen öffnet und zu neuen Formen findet bzw. bisher „minderbewertete Formen“ neu sehen lernt.
Der Anspruch mit dieser Zusammenstellung soll kein ineinandergreifendes aufeinander aufbauendes Gedankenkonzept darstellen. Als Ganzes sollen diese Texte meinen Prozess der Erkenntnisgewinnung und des Wachsens in ein anderes In-der-Welt-Sein wiederspiegeln.
Insofern werden sich Gedankengänge in den Texten manchmal wiederholen. Bitte betrachten Sie als Lesende dies als Erinnerungsunterstützung.
Jeder Text steht auch für sich „alleine“ und kann entsprechend „für sich“ gelesen werden.
Manchen Texten ist eine kurze Einordnung vorangestellt, in dem der Sinnzusammenhang mit dem Leben als Ganzes hergestellt wird.
Petershagen, Okt. 2020
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise Jahrtausende lang
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf
1 Die Herausforderung, mich diesem Thema zu stellen, wurde allerdings bereits 1985 an mich herangetragen und ich durchlief verschiedene Stadien an Intensität und Aktualität im gesellschaftlichen Kontext: zunächst die Auseinandersetzung mit einem drohenden Atomkrieg/Stationierung von Pershing Raketen in Deutschland als Schutz vor einem Angriff aus „dem Osten“, dann die Konfrontation mit Aids als neuer „todbringender Seuche“ und schließlich in den 90iger Jahren der Beginn der Hospizbewegung in Deutschland und der Ausbildung von Ehrenamtlichen sowie ab 2005 die Entwicklung der Kinder- und Jugendhospizarbeit mit seinen eigenen Herausforderungen.
Einordnung
Die folgenden Gedanken dienten der Einstimmung in das Thema zu Beginn eines Befähigungskurses für ehrenamtliche Mitarbeit in der Sterbebegleitung. Sie sollten zum einen den Blick auf das Leben als Ganzes öffnen, auf den Prozess von Geburt – Wachsen/Entwickeln/Reife – Sterben und Tod. Zum anderen sollten sie der angstbesetzten Fixierung begegnen, die das „unausweichliche Ende“ und die Konfrontation mit Vergänglichkeit in den meisten Menschen hervorruft.
Dieser andere Blick auf das Leben – seine Einbettung in einen natürlichen Kreislauf von Kommen – Dasein – Vergehen – kann etwas Tröstliches im eigenen Empfinden aufscheinen lassen und den Mut stärken, sich auf die Vergänglichkeit des Daseins einzulassen.
Leben ist Wandel fortwährende Entwicklung, im Inneren wie im Äußeren, dauerhafte Chance zu wachsen, sich zu ändern.
Leben ist Bewegung und Begegnung.
Leben ist Lebendigkeit sich einlassen, sich loslassen...
Leben ist eine ständige Begegnung mit dem Wechsel von Gestern - Heute - Morgen, mit einem Zeitgefühl von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Leben ist die ständige Begegnung mit dem Wechsel von Rhythmen, von Kommen und Gehen und Wiederkehren: Tageszeiten, Jahreszeiten, Sonne-Mond,…
Leben bzw. das, was wir als solches definiert haben, beginnt mit der Geburt und wechselt über verschiedene Lebensphasen hin zum Sterben und Tod.
Leben als Gattungswesen Mensch braucht Begegnungen mit anderen als Existenzgrundlage, ohne die keine menschliche Entwicklung möglich wäre. Auch hier ein Wechselspiel von engen und nahen Beziehungen sowie von flüchtigen Bekanntschaften.
Leben in allen seinen Bezügen lebt von der Veränderung, von dem Neubeginn, vom Wachsen, vom Altern und schließlich vom Absterben. Veränderung bedeutet Abschied und Trennung und Übergang in eine neue Phase, Schmerz um Verlust und Aufbruch in vorher ungeahnte Möglichkeiten.
Überall begegnen wir dem Wechsel, um Wachstum und Entwicklung zu garantieren.
Leben ist Bewegung, mal in festen Formen, mal in gasförmigen Formen. Leben ist Energie, deren Ausmaß und Dimension sich zu zeigen wir noch nicht gänzlich mit unseren derzeitigen Wahrnehmungsfähigkeiten und unserem momentanen Geistesdenken erfassen können.
Wir erleben uns in diesem Prozess in unterschiedlichen „Rollen“ mit unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten:
In der Rolle von Subjekten: unser Leben gestaltend, Einstellungen, Haltungen, Handlungsfähigkeiten entwickelnd, aus einem eigenen Willen und Wollen handelnd, ein autonomes Ich sein
in der Rolle von Objekten: unseren Einflussmöglichkeiten sind enge Grenzen gesetzt bis hin zu keinerlei Einflussmöglichkeiten, weil wir u.a. umfassenderen Existenzgesetzen unterworfen sind: Geburt, Leben, Sterben oder Jahreszeiten oder Mond-Zyklen
in der Rolle von aktiven Objekten, die sich einpassen müssen in die „Gesetze“ des maschinellen und digitalen Zeitalters, sich in ihnen aber auch als handlungs- und einflussfähig erleben.
Eingebunden in diese „Rollen“, die wir uns als Menschen im Zeitalter der Moderne selbst zugewiesen haben, empfinden wir uns als mehr oder weniger sinnstiftend (wieder).
Unsere kulturbedingte Haltung bedingt allerdings eine gravierende Schwierigkeit, wenn wir uns bewusst werden Teil eines größeren Ganzen zu sein und darin unseren Platz und unsere Einflussmöglichkeiten zu finden. Hier macht sich Widerstand, Ablehnung bis hin zur Leugnung breit.
Wir als Krone der Schöpfung können es nicht ertragen, nicht HERRscher über das Leben an sich zu sein und wir kämpfen gegen das, was ist, statt uns einzulassen und im Darin-Leben Ruhe und Aufgehobenheit zu finden.
Unsere Lebenshaltungen sind so stark von den Denkweisen westlicher Kulturen geprägt, dass wir unser Bewusstsein, Teil eines Ganzen zu sein, übergeordneten Kreisläufen unterworfen zu sein, nur schwer als lebensbestimmend wahrnehmen können.
Wir sind seit der Aufklärung mit einer Denkweise verwachsen, die sich v.a. charakterisiert durch folgende drei Prinzipien:
Androzentrismus - der Mensch steht im Mittelpunkt des Lebens - eine ähnliche Fehldeutung wie die Annahme unserer Vorfahren, dass sich die Sonne um die Erde dreht
Hierarchie und Bewertungsordnungen von Besser/Schlechter, Erste/Letzte, Höher-/ Minderwertige
Dualismus: wir denken in Entweder-Oder-Kategorien, in Wenn-Dann-Beziehungen, kategorisieren in Widersprüche statt Ergänzungen und legen alles auf einer linearen Skala mit sich ausschließenden Polen fest. (Gesundheit - Krankheit, Mann - Frau, weiß -schwarz, Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod, vorher und nachher ist nicht im Blickfeld).
Hieraus resultieren Strukturen wie Individuen, die Abgrenzung, Intoleranz, Egoismus zur Ausbildung und zur Stabilisierung einer Ich-Identität brauchen.2
Anders ausgedrückt: Unsere westliche Kultur hat sich in einer Sichtweise des Getrennt-Seins „verirrt“. Wir machen uns ein Konzept von Leben, eine NORMalität. Wir bewegen uns oftmals durch das Leben als wäre es ein Event: Das Leben gilt als das Ereignis von Bedeutung, was uns ausmacht. Es soll Erlebnis, Besonderheiten, Außergewöhnliches bringen.
Manche Sterbende hadern mit dem Tod, weil sie meinen, doch noch gar nicht richtig gelebt zu haben oder genug vom Leben bekommen zu haben. Manche hadern mit dem Leben, dass es ihnen nicht genug Gutes bringt, dass sie auf der Schattenseite des Lebens stehen usw.
