4,99 €
Der Schnee schmilzt. Der Krieg beginnt. Der letzte Kampf steht kurz bevor. Die erste Schlacht ist geschlagen, jedoch nicht ohne Verluste. Verzweifelt versuchen die verbliebenen Reisenden wiederzufinden, was sie einst vereinte. Als ihnen Misstrauen seitens der Verbündeten entgegenschlägt und der Schattenkönig seine Armeen sammelt, ist es wichtiger denn je, sich daran zu erinnern, dass sie diesen Krieg nur gemeinsam gewinnen können. Während sie noch gegen ihre eigenen Dämonen kämpfen, müssen die Jugendlichen feststellen, dass es Licht nie ohne Schatten geben kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Janina Jordan
Welt aus Schatten
Janina Jordan
Welt aus Schatten
Impressum:
Janina Jordan
Im Unterdorf 9
37133 Friedland
Copyright © 2022 Janina Jordan
Umschlaggestaltung: Dream Design – Renee Rott
Illustration Karte: Margo Wendt
Korrektorat: Eileen Altas
Buchsatz: Herzblut-Lektorat – Stephanie Bösel
www.herzblut-lektorat.de
2. Auflage, März 2023
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck oder Kopien, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Urheberrechtlich geschütztes Material
Widmung
Für meine Familie,
da ihr immer an mich glaubt und mich unterstützt.
Inhaltsverzeichnis
Karte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Aussprache der Namen
Glossar
Charaktere
– Die Macht –
D
icke Schneeflocken fielen vom Himmel. Ethans Blick verlor sich, als er in den weißgepuderten Innenhof der Burg starrte. Eine Gruppe berittener Soldaten trabte durch das Tor. Mit einem lauten Klirren schloss sich das Fallgitter wieder hinter dem letzten Reiter. Der König schickte noch immer Patrouillen aus, die die restlichen Schattenkrieger aus dem Menschenreich vertreiben sollten. Ethan würde Brandon gerne dabei unterstützen, doch der Gedanke an erneutes Blutvergießen jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken.
Seufzend massierte er sich das bandagierte Handgelenk. Die Schmerzen waren nach wie vor da, wenn auch nicht mehr allzu stark. Doch so hatte er zumindest eine Ausrede dafür, nicht kämpfen zu müssen. Er fuhr sich nachdenklich über die rauen Bartstoppeln und wandte sich vom Fenster ab. Im Zimmer herrschte das reinste Chaos. Nach der Schlacht war er hineingestürmt, hatte sich aus der Rüstung gequält und diese in eine Ecke gedonnert. Und genau dort lag sie jetzt Wochen später noch immer. Die einzelnen Teile benötigten dringend eine Reinigung, bevor sie zu rosten begannen, doch er hatte keine Kraft dazu, die verkrusteten Blutreste zu entfernen. Daher warf Ethan nur einen schuldbewussten Blick auf die herumliegenden Rüstungsteile und verließ zügig das Zimmer. Ein deftiges Frühstück wäre jetzt genau das Richtige, damit er auf andere Gedanken kommen und die aufkeimenden Erinnerungen ersticken konnte.
Der Thronsaal wurde als Lazarett für die unzähligen Verletzten genutzt, daher ging er hinunter in die Küchen der Burg. Dutzende Bedienstete wuselten durcheinander, riefen sich Befehle zu und bereiteten das Essen für die vielen hungrigen Mäuler zu. Der Geruch von gebratenem Speck schlug ihm entgegen und ließ seinen Magen knurren. Als einige Küchenhilfen ihn entdeckten, verneigten sie sich ehrfürchtig vor ihm. Das ständige Zollen von Respekt war ihm noch immer unangenehm und sorgte dafür, dass das Blut in seine Wangen schoss. Nervös fuhr er sich durch die blonden Haare und wandte sich an einen der Köche in weißer Schürze. »Entschuldigt bitte, könnte ich hier etwas zu essen bekommen?«
»Selbstverständlich, mein Herr! Nach was beliebt es Euch? Wir haben soeben frisches Brot gebacken. Wenn Ihr wünscht, kann ich Euch auch etwas anderes zubereiten.«
»Brot würde mir reichen«, meinte Ethan peinlich berührt. ›Gott, wieso müssen die hier immer so einen Aufstand wegen mir machen. Als wären wir, die Reisenden, Adlige oder so‹, dachte er sich.
Der Koch kam zurück und drückte ihm einen Teller mit Speck, Rührei und ein Stück warmes Brot in die Hand. Der würzige Geruch ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er stammelte einen kurzen Dank und verschwand schnell aus der Küche. Die vielen Menschen und ihr Gehabe hier unten waren ihm momentan zu viel.
Nach dem Frühstück fühlte er sich deutlich besser. Das Essen hatte ihm wieder etwas seiner Kraft zurückgegeben. Um Luke zu besuchen, machte er einen kurzen Abstecher zum Lazarett. Als er schwungvoll durch die offenen Türen laufen wollte, stieß er fast mit Heather zusammen. Die Nichte des Königs kam aus dem Thronsaal gestürzt, die weiße Schürze um ihre Hüften übersät mit Blutflecken.
»Oh. Hey«, meinte Ethan nervös und machte unauffällig einen Schritt nach hinten. Seit den Kämpfen hatte er seine Freundin nicht mehr gesehen. Sein Puls beschleunigte sich. Heather war der letzte Mensch, dem er heute begegnen wollte.
Schnell wischte sie sich die Hände an einem dreckigen Tuch ab und stopfte es zurück in die Tasche. »Hallo. Wir haben uns ja lange nicht gesehen.«
»Ja. Bitte entschuldige. Ich hab momentan andere Dinge im Kopf.«
»Die Kämpfe haben dir sehr zu schaffen gemacht, oder? Hast du seitdem noch mehr Visionen gehabt?«
Ethan schüttelte den Kopf. Mit Heather sprach er ganz sicher nicht über seine Magie. Oder die vergangene Schlacht. Momentan wollte er eigentlich gar nicht mit ihr sprechen und versuchte ihr daher aus dem Weg zu gehen. Die Kämpfe, die ganzen Toten und die kräftezehrenden Visionen waren zu viel für ihn. Hatten ihn in einen Schatten seiner Selbst verwandelt und Heather verdiente etwas Besseres als diese billige Kopie von ihm.
»Was machst du überhaupt hier?«, fragte er sie stattdessen ausweichend.
»Wir haben zu wenig Heiler für die vielen Verletzten. Daher ist jede Hilfe notwendig und ich unterstütze sie , wo ich nur kann.«
Ethan nickte und ging einen Schritt zurück. »Okay, dann will ich dich gar nicht aufhalten. Toll, dass du das machst. Bis später irgendwann.« Schnell kehrte er ihr den Rücken, um nicht weiterreden zu müssen. Dennoch bereitete es ihm einen kleinen Stich ins Herz, sie so ruppig abzuweisen.
»Ethan. Was ist los? Habe ich etwas falsch gemacht?« Ihre Stimme zitterte, die Worte kaum mehr als ein Flüstern.
»Heather. Ich …« Ethan seufzte und drehte sich wieder zu dem Mädchen um. In ihren grünen Augen schwammen die ersten Tränen. »Nicht. Bitte nicht weinen.«
»Aber wieso stößt du mich dann weg? Bedeute ich dir nichts mehr?« Jetzt trat sie einen Schritt von ihm weg und fuhr sich wütend über die Augen. Doch ihre Unterlippe bebte, ein Zeichen dafür, dass sie kurz vor einem Zusammenbruch stand. Die Tränen bahnten sich Wege über ihre Wangen. »Nach allem? Was ist mit uns passiert? Du hast dich so verändert, seit die anderen hier sind!« Mit einem Aufschluchzen drehte sie sich um und rannte davon.
Ich sollte sie einfach gehen lassen. Das wäre das Beste für uns beide. Aber ich vermisse sie! Ihren Geruch, ihre Wärme und ihr Lachen.
Ethan verwarf seine ganzen guten Absichten, stürmte ihr hinterher und griff nach ihrer Hand. Er war viel zu egoistisch, um sie zu verlassen, und zog seine überraschte Freundin an sich.
»Es tut mir leid. Ich bin ein Arsch, ich weiß.« Sie zitterte und drückte sich an seine Brust. Die Sehnsucht nach ihr wurde übermächtig und Ethan hauchte Heather liebevoll einen Kuss auf die Stirn. In dem Moment, als seine Lippen ihre Haut berührten, brach unkontrolliert eine Vision über ihn herein.
Die goldenen Sonnenstrahlen ließen ihr Haar wie flüssiges Feuer aufglühen. Das kleine Mädchen rannte lachend über die Wiese. Die Sommerluft war geschwängert von dem süßen Duft der Wildblumen. Das Gras kitzelte an ihren nackten Fußsohlen. Sie versuchte den schwarzhaarigen Jungen einzuholen.
»Will! Will, warte auf mich.«
Erschrocken wollte Ethan sich von Heather losreißen. Doch er konnte sich nicht bewegen, als klebte er an ihr fest.
Sie waren hier! Die ersten Reisenden in Adventon seit hunderten Jahren. Wer sie wohl waren? Die großen Eichentüren schwangen auf. Ein Junge und ein Mädchen traten zögerlich in den Thronsaal. Der Blick seiner blauen Augen bohrte sich in die ihren. Ihr Herz schlug schneller.
Ethans Knie schlugen hart auf dem kalten Steinboden auf. Er hörte Heather panisch um Hilfe schreien. Doch er konnte sich immer noch nicht aus dem Sog der Vision ziehen.
Er lachte. Wie sie sein Lachen liebte! Seine freche, witzige Art. Sie hatte noch nie einen Mann wie ihn getroffen. Er war anders als alle Männer aus ihrer Welt. Ethan gehörte zu ihr. Und sie zu ihm. Niemand würde die beiden trennen. Sie sah hinunter auf ihre verschränkten Hände, dann hinaus auf das Meer. Die Wellen brachen an den Felsen. Er berührte sanft ihre Wange.
Sein Kopf würde gleich explodieren. Der Geschmack von Blut verteilte sich wieder in seinem Mund.
»Helft mir«, wimmerte Ethan. Er presste die Hände an die Schläfen. Sein Bewusstsein flackerte wie eine Kerzenflamme im Wind und er stürzte zurück in den Strudel aus Visionen.
Schneeflocken fielen vom Himmel. Sie starrte aus dem Fenster. Die Kampfgeräusche drangen bis nach hier oben. Die Angst schürte ihr fast die Luft ab. Alle kämpften dort draußen. Was, wenn sie sterben würden? Es darf ihnen nichts geschehen! Das würde sie nicht ertragen.
»Ethan! Ethan, sieh mich an! Du musst loslassen. Komm zurück!« Eine Stimme drang durch den Nebel in seinen Kopf. Jemand schüttelte ihn.
Der Trauermarsch hielt an den Klippen. Soldaten trugen den vermummten Körper auf ihren Schilden. Ein Wehklagen ging durch die Menge. Der schwarze Schleier verbarg ihre Tränen vor den neugierigen Blicken der Menschen. Und unten im Grab bei ihm lag ihr zerschmettertes Herz.
Die Vision ließ ihn endlich gehen und die Realität kam wieder zu ihm durch. Ethan keuchte. Sein Blick klärte sich langsam. Eine kleine Gruppe hatte sich um ihn versammelt. Besorgte Stimmen prasselten auf ihn ein.
»Bist du wieder bei uns?«, flüsterte Heather, die neben ihm auf dem staubigen Boden kniete. Ihr Gesicht war tränennass, doch sie lächelte erleichtert. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, um seine Wange zu berühren.
»Nein! Fass mich bloß nicht an!«, rief er voller Angst und kroch von ihr weg. Die Panik brach erneut über ihn herein, lähmte seinen Körper. Erschrocken zuckte sie zurück, als ob er sie geschlagen hätte. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und rannte davon.
»Bringt ihn rein. Ein Heiler soll sich das ansehen. Ich kümmere mich um meine Schwester.«
Will trat aus der Menge und starrte Ethan fassungslos an, bevor er Heather hinterherlief.
»Komm hoch.«
Kräftige Hände griffen unter seine Achseln und zogen ihn auf die Beine. Er wollte sich gegen die Hilfe wehren, doch da spürte er bereits die heranrollende Ohnmacht und erneut umfing ihn Schwärze.
Mit gemächlichen Schritten schlenderte Dan neben Karpias durch die Gänge der weitläufigen Burg. Er hüllte sich enger in den dicken Umhang, als der eisige Wind durch die Ritzen der Felswände pfiff.
Vorsichtig steckte er die kalten Hände unter seine Achseln und sah aus einem der Fenster hinaus. Der Schneesturm hatte sich endlich gelegt. Aber das bedeutete auch, dass sein Wächter demnächst wieder auf eine seiner unzähligen Patrouillen rund um Adventon aufbrechen musste. Die vergangene Schlacht hatte fast die Hälfte des menschlichen Heeres niedergestreckt, ein hoher Verlust. Vielleicht sogar so hoch, dass er über den Ausgang des Krieges entschied. Darüber wollte Dan nicht weiter nachdenken. Nicht heute, wo er zumindest ein klein wenig Zeit mit Karpias verbringen konnte.
Mit einem Seitenblick betrachtete er den Greif. Er war schmal geworden, aber immerhin waren seine Wunden verheilt. Doch Dan wusste, dass ihn etwas weit mehr belastete als die Verletzungen.
»Hatten die Magier von Brandon mittlerweile Erfolg?«
»Nein«, knurrte sein Gegenüber wütend. »Ich weiß nicht, was für eine schwarze Hexerei Fanloén und seine verdammten Elben ausgeheckt haben. Es ist ein Fluch, Dan. Es ist einfach zu still in meinen Gedanken. Die Einsamkeit erdrückt mich.«
Mitfühlend legte er ihm eine Hand auf die bebende Schulter. Die telepathische Verbindung zwischen den einzelnen Mitgliedern des Ordens war nach wie vor blockiert. Hin und wieder drang zwar noch eine Empfindung hindurch, wenn diese besonders intensiv war, doch nicht annähernd so stark wie bei ihrer ersten Begegnung vor vielen Monaten. Damals konnte Karpias über viele Meilen hinweg wahrnehmen, dass Sky und Adriana bei den Elben angekommen waren. Und heute würde er nicht mal einen Gedanken von Savion hören, selbst wenn dieser direkt neben ihm stand. Für die Wächter, die seit Jahrhunderten miteinander verbunden waren, musste das grausam sein. Als wären sie nicht mehr vollständig.
Und irgendwann werden wir auch zu spüren kriegen, wie tiefgreifend diese fehlende Verbindung sein kann, da bin ich mir sicher. Todsicher.
»Erzähl mir doch, was ihr heute plant«, fragte Dan stattdessen.
Karpias schnaubte belustigt: »Du brauchst mich nicht abzulenken, Kleiner. Ich bin schon ein großer Greif und kann selbst mit meinen Problemen umgehen. Mach sie nicht auch noch zu deinen.«
Dan lachte und verpasste dem Wächter einen spielerischen Schlag gegen die Flanke. Dieser quittierte es mit einem Schnurren. Doch dabei flackerte ein spitzbübisches Funkeln in seinen Augen auf. Ohne Vorwarnung stürzte Karpias sich auf ihn und überwältigte Dan problemlos. Binnen Sekunden lag er auf dem kalten Steinboden, eingequetscht durch den massigen Leib.
»Großer Greif? Verrückt trifft es eher«, brummte er und versuchte die Klauen von seinem Arm zu lösen.
»Befrei dich doch und sag mir das ins Gesicht. Du bist schlicht wehrlos«, gluckste Karpias. Sein ganzer Körper vibrierte leicht unter seinem Schnurren. Na, warte mal ab. Ich und wehrlos?
Dan gelang es, eine Hand zu befreien, und packte, ohne zu zögern, die Stelle unter dem Bauch seines Wächters, von der er wusste, dass er dort extrem kitzelig war. Seine Finger gruben sich in das dicke Fell und der Greif japste.
»In Ordnung, bitte, hab Erbarmen mit mir«, keuchte dieser und sprang von ihm hinunter. Mit einem Grinsen erhob sich der Reisende vom Boden.
»Und wer ist jetzt wehrlos hier?«
»Danke«, sagte Karpias leise und lehnte für eine Sekunde seine breite Stirn an Dans. Tief sog er den erdigen Geruch seines Wächters ein, genoss den Moment der Ruhe zwischen ihnen.
Ein Hornstoß ertönte von draußen. Der Greif seufzte leise. »Das gilt uns. Eine weitere Patrouille. Sei bitte vorsichtig, wenn ich weg bin.«
»Pass auf dich auf«, erwiderte Dan nur und gab ihm noch einen abschließenden Klaps auf die muskulöse Hinterpartie. Mit schleifendem Schwanz trottete Karpias nach draußen und die leichte Einsamkeit machte sich wieder in Dan breit. Seine Freunde waren momentan alle mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Mit ihren eigenen Dämonen, würde Großmutter jetzt sagen.
Ein einzelner Sonnenstrahl brach durch die dichte graue Wolkendecke und stahl sich durch das schmutzige Glas des Fensters. Zumindest war das ein kleiner Lichtblick am heutigen Tag. Entschlossen stapfte er ebenfalls auf das große Eingangstor der Burg zu.
Adriana lag rücklings auf ihrem Bett und starrte den verstaubten Baldachin über sich an. Eine kleine Spinne hangelte sich langsam an dem Stoff entlang. Sie wusste nicht recht, was sie mit dem Tag anstellen sollte. Seit der großen Schlacht fühlte sie sich absolut nutzlos. Die Soldaten durfte sie nicht begleiten und da sie nicht wusste, wie man Verletzungen heilte, war sie auch im Lazarett keine Hilfe.
Sky schloss sich seit Tagen im Zimmer ein, welches sich die beiden teilten. Daher war sie notgedrungen zu Tamani gezogen. Doch die jüngste Reisende bekam sie auch nur selten zu Gesicht. Meist war diese in der Stadt unterwegs oder wanderte durch die Burg, da Neyla sich noch in der Obhut der Heiler befand
Mit ihren Freundinnen konnte sie daher momentan kaum sprechen. Dass Sky sie so wegstieß, verletzte Adriana mehr, als sie zugeben wollte. Ihre gemeinsame Reise und die überstandenen Gefahren hatten die beiden derart zusammengeschweißt, dass sie sich allein nicht vollständig fühlte. Sky war mittlerweile viel mehr als nur eine Freundin für sie. Zu ihr konnte sie aufsehen und immer auf sie zählen. Umso schlimmer war es daher, die andere Reisende so leiden zu sehen.
Und zu allem Überfluss war Chiyo kaum in Adventon. Die Kitsune machte gemeinsam mit den übrigen Wächtern Jagd auf die versprengten Truppen der Schattenkrieger. Und hatte sie in der Stadt zurückgelassen.
Seufzend kletterte Adriana vom Bett und sah aus dem weißgefrorenen Fenster. Der Schnee verzauberte die Burg in ein Märchenland. So in Weiß gehüllt, sah Adventon wunderschön und magisch aus. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft würde zumindest die Langeweile vertreiben.
Sie schnappte sich ihren Umhang und schlüpfte in die dickgefütterten Stiefel. Die Dolche am Gürtel durften natürlich auch nicht fehlen. Nach der Schlacht hatte sie sich zwar vorgenommen ebenfalls den Schwertkampf zu trainieren, aber bisher konnte sie dieser großen, plumpen Waffe nicht allzu viel abgewinnen. Und das Training konnte warten. Sie hatte fürs Erste genug von Blut und Kämpfen.
Der frostige Wind schlug ihr entgegen, als sie die Eichentüren der Burg aufstieß. Sie atmete die frische, klare Luft tief ein, auch wenn diese in ihre Lungen stach. Die Reisende stapfte über den Innenhof in Richtung der Stadt. Ihre Muskeln brannten, als sie sich durch die Schneemassen kämpfte. Aber die Anstrengung sorgte dafür, dass sie sich wieder lebendig fühlte. Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie über die verschneiten Dächer schaute.
Mittlerweile fühlte sie sich in der Spiegelwelt heimisch. Hier, umgeben von ihren Freunden, konnte sie sich ihre Zukunft vorstellen. Doch zuerst mussten sie alle wieder zueinanderfinden. Und die Wunden der Schlacht heilen lassen. Momentan schlug sich jeder von ihnen mit seinen eigenen Problemen herum. Erst wenn das endlich erledigt war, konnten sie dem Schattenkönig gehörig in den Arsch treten.
»Adriana! Warte kurz«, rief eine Stimme hinter ihr. Na toll, so viel zu einem ruhigen Spaziergang. Sie drehte sich um und entdeckte Dan, der ihr zuwinkte.
»Hey«, sagte sie zögerlich und stopfte verlegen die Hände in die tiefen Taschen ihres Umhangs. Seit der peinlichen Aktion im Krankensaal war sie nicht mehr alleine mit ihm gewesen. Als er einfach ihre Hand gehalten und sie es zugelassen hatte. Hitze schlich sich auf ihre Wangen und sie starrte schnell auf einen Punkt direkt hinter Dan, um nicht in seine tiefbraunen Augen zu schauen.
»Hi. Wolltest du auch runter in die Stadt?«, fragte Dan neugierig. Sie zuckte kurz mit den Schultern.
»Vielleicht. Ich muss mal raus aus der Burg.«
»Verstehe. Erdrückt es dich da drinnen auch so? Überall sind die Verletzten untergebracht. Und ich fühle mich hier komplett nutzlos«, meinte er mürrisch und fuhr sich durch die dichten Haare, die sich mittlerweile um seine Ohren kringelten. »Es ist schrecklich. Bei der Reise hierher konnte ich mich nützlich machen. Beim Kämpfen weiß ich immer, was zu tun ist. Aber dieses Rumsitzen, Ausruhen und Nichts-Tun ist nicht zum Aushalten!«
Adriana sah ihn erstaunt an. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich einer der anderen genauso fühlte. Erst recht nicht der immer so besonnene und ruhige Dan.
»Ich wollte eigentlich zum Meer runter. Willst du mitkommen?«, fragte sie ihn, bevor der Mut sie wieder verließ.
»Klar. Wieso nicht. Ein bisschen Abwechslung tut bestimmt gut.«
Er steckte die Hände ebenfalls in die Taschen und stapfte neben ihr durch den Schnee. Ohne viel zu reden, liefen sie durch die Stadt, hinunter zum Hafen. Da sie tief in ihre Umhänge gehüllt und ihre Gesichter in den Kapuzen verborgen waren, erkannte keiner der Passanten sie beide.
Daher konnte sie heute ausnahmsweise entspannt mit Dan durch die Stadt schlendern, wie zwei ganz normale Teenager. Gemeinsam sahen sie durch die Schaufenster der kleinen Läden und bewunderten die bunten Auslagen. Adventon lag direkt am Goldstrom, einem Fluss, der seinen Namen den unzähligen Goldadern in seinem Bett verdankte. Diese hatten sie zu einer der reichsten Städte in der ganzen Spiegelwelt gemacht und sorgten dafür, dass sich viele Händler ansiedelten. Juweliergeschäfte, Schmieden und Buchdruckereien drängten sich nebeneinander in die Erdgeschosse der gedrungenen Fachwerkhäuser.
»Findest du die Stadt eigentlich auch so wunderschön?«, fragte Adriana Dan, der locker neben ihr her schlenderte.
»Ja. Es ist toll hier. Aber warte ab, bis du mal nach Unterstedt kommst. Diese Stadt ist wirklich kaum zu schlagen«, meinte er mit einem Grinsen, während seine Augen bei den Erinnerungen funkelten. »Los, wir sind fast am Hafen. Wer zuerst am Wasser ist!«
Er rannte ohne Vorwarnung los.
»Hey, das ist unfair!«, rief sie lachend und jagte ihm hinterher. Die beiden liefen im Zickzack durch die Passanten, die nur die Köpfe schüttelten. Aber Adriana beachtete die missbilligenden Blicke gar nicht und versuchte Dan einzuholen. Die eisige Luft brannte in ihren Lungen und sie keuchte. Aber das kleine Wettrennen ließ ihre Freude an dieser Welt endlich wieder hervorkommen. Doch der andere Reisende war schneller und wartete bereits schweratmend am Ufer auf sie.
»Gewonnen«, sagte er mit einem Grinsen.
»Das zählt nicht! Du hast geschummelt«, protestierte sie lachend und verpasste Dan einen Klaps auf den Oberarm. »Wollen wir runter ans Wasser?«
Der Hafen war in einer Bucht direkt am unteren Ende der Stadt errichtet worden. Wenn man noch ein Stückchen ging, verließ man Adventon und konnte hinunter an den Strand gelangen. Von dort hatte man den freien Blick hinaus auf das Meer.
Vorsichtig stieg Dan vor ihr die Stufen zum Strand hinunter. »Es ist alles vereist. Pass auf, wo du hintrittst.« Er reichte ihr eine Hand . Unsicher ergriff sie diese.
Als sie neben ihm auf den harten Sandboden sprang, ließ Dan schnell ihre Hand los und stapfte an das graue Wasser. Der Wind peitschte am Meer noch stärker, wirbelte ihre dichte Haarmähne durcheinander. Fluchend stopfte sie die verirrten Strähnen wieder unter die Kapuze.
Entschlossen kletterte er auf einen der zerklüfteten Felsbrocken, die den gesamten Strand spickten. Trotz des rutschigen Aufstiegs folgte Adriana ihm hinauf.
Seite an Seite standen sie nebeneinander und sahen hinaus auf den weiten Ozean. Nur die Schreie der Möwen durchbrachen die Stille an diesem wundervollen Ort. Ihr Blick fiel auf ihr gemeinsames Spiegelbild unter ihnen.
»Dan! Schau! Deine Aura, sie ist endlich da!«
Er starrte fasziniert auf das Wasser. Ihn umhüllte ein sanftes goldenes Licht! Kleine Funken umwirbelten seinen Körper und wanderten wieder in die glühende Aura hinein.
»Es ist wirklich da«, wisperte Dan ehrfürchtig.
»Und es ist wunderschön«, hauchte Adriana. Mit einem glücklichen Lächeln umarmte er sie stürmisch. Und sie ließ die Berührung nur zu gerne zu.
E
s klopfte an der Tür. Schon wieder. Das Pochen drang trotz der dicken Decken zu Sky durch, mit denen sie versuchte die Außenwelt auszusperren.
Seit Tagen war sie nicht mehr aufgestanden. Wofür auch? Dilàn war fort. Und Helios tot. Sie würde ihren Wächter nie wiedersehen! Ihren Freunden wollte sie daher nicht begegnen und mit denen sprechen. Keiner würde ihren Schmerz verstehen können. Die Möglichkeit, jemals nach Hause zurückzukehren, schwand mit jedem Tag mehr. Wie sollte sie dann ganz allein hier in der Spiegelwelt weitermachen? Die Leute in Adventon verachteten sie. Mit ihrem entfachten Feuer hatte sie unzählige Menschen auf dem Gewissen.
Ich bin nicht besser als der Schattenkönig. Die freien Völker hatten Recht. Wir kommen aus derselben Welt wie er und sind ebenfalls Monster, die nur Tod und Zerstörung mit sich bringen.
Das Klopfen an der Tür hörte nicht auf. Warum ließ man sie nicht einfach in Frieden? Keiner von ihnen musste mit so einer Bürde und Schuld weiterleben.
Weil sie deine Freunde sind und dich nicht aufgeben werden, flüsterte eine kleine Stimme in ihrem Inneren. Das Klopfen verstummte nicht. Sie drückte den Mund auf das Kissen und schrie stumm in den dicken Stoff. Ein letzter Akt der Verzweiflung.
»Sky. Bitte mach die Tür auf. Sei doch vernünftig«, drang eine Stimme zu ihr hindurch. Eine Stimme, die zu keinem ihrer Freunde gehörte. Wer stand dort draußen im Gang? Doch um zu antworten, hätte sie aufstehen müssen. Und dafür fehlte Sky die Kraft.
»Liebes, schließ mich nicht aus. Wir brauchen dich!«
Liebes? Keiner ihrer Freunde nannte sie so. Das hatte nur …
Nein, sie wollte definitiv nicht an ihn denken! Die Wunde durch seinen Verlust war zu frisch und würde bei jedem Gedanken an ihn wieder aufreißen!
»Geh weg«, flüsterte Sky leise. Ihre Stimme war brüchig, kaum mehr als ein Kratzen, da sie so lange nicht benutzt wurde. »Lasst mich in Ruhe.«
»Du lässt uns keine andere Wahl. Es tut mir wirklich leid, meine Liebe.«
Die Störenfriede gaben immer noch nicht auf. Warum konnte man sie nicht einfach ihrem Elend überlassen? Jeder kleine Schritt nach draußen würde all die schmerzhaften Erinnerungen zurückbringen. Vor der Tür erklangen nun weitere Stimmen und knirschende Geräusche. Gefolgt von erleichternder Ruhe. Sie spitzte die Ohren. Hatten sie endlich aufgegeben?
Ein donnernder Knall zerschnitt die Stille.
Erschrocken fuhr Sky vom Bett hoch und packte den Dolch auf ihrem Nachtschrank. Die Eichentür hing zerborsten in ihren Angeln. Im Gang standen fünf Soldaten, einen Rammbock in den Händen.
»Warum könnt ihr mich nicht in Frieden lassen? Verschwindet hier, bevor ich euch alle verbrenne!«
Sie spürte, wie die Tränen in ihr aufstiegen und ihre Wangen nass wurden. Langsam hob sie die Arme und drehte die Handflächen den Soldaten entgegen. Furcht zeigte sich auf den Gesichtern der Männer und sie wichen einen Schritt zurück.
»Sky, warum tust du das? Weshalb stößt du deine Freunde von dir und behandelst deine Verbündeten mit so einem Hass?«, piepste eine Stimme zwischen den Soldaten. Einer der Männer trat vor. Und auf seiner Schulter saß …
Nein, das konnte nicht wahr sein! Ungläubig sah Sky den kleinen, rotgefiederten Vogel an.
»Helios? Aber wie? Ich dachte, du wärst –«, ihre Stimme brach ab und ein Schluchzen entfuhr ihrer Kehle. Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern und sie krallte die bebenden Finger in die Decke.
»Lasst uns bitte allein«, sagte der kleine Vogel an die Soldaten gewandt. Dann flatterte er in das Zimmer und ließ sich auf einem der Stühle nieder. Zwei der Männer zogen die zerstörten Türreste zusammen, sodass man zumindest nicht gleich in das Zimmer schauen konnte.
»Oh, meine liebe Sky, was ist dir nur passiert?«, fragte Helios bekümmert und eine einzelne Träne tropfte aus seinem Augenwinkel.
Er rannte. Der Boden unter ihm flog nur so dahin. Seine nackten Füße spürten jeden einzelnen Stein, jede Wurzel. Mit jedem Sprung wurde er schneller. Das Reh floh im Zickzack und versuchte ihn zwischen den Bäumen abzuschütteln. Was ihn nur noch mehr anspornte. Gleich würde er es fangen. Bei dem Gedanken an das zarte Fleisch machte sein Magen einen Luftsprung. Ein freudiges Knurren kam über seine Lippen und er setzte zu einem letzten mächtigen Sprung an.
»Hey, wach auf!«
Ein Kissen traf Luke seitlich am Kopf und riss ihn aus dem Traum. Erschrocken fuhr er hoch. Neyla lag in dem anderen Krankenbett und sah ihn vorwurfsvoll an.
»Ich versuche hier auch zu schlafen. Aber wenn du beim Träumen nicht mal die Klappe hältst, kriege ich kein Auge zu!«
»Entschuldige. Habe ich geredet?«, brummte Luke und fuhr sich verlegen durch die Haare. Kate hatte ihn früher immer damit aufgezogen, dass er im Schlaf vor sich hin brabbelte. Manchmal konnte man sich sogar mit ihm unterhalten, doch am nächsten Morgen erinnerte er sich nicht daran.
Sein Magen zog sich bei dem Gedanken an seine Freundin schmerzhaft zusammen und er schob diesen wieder hinter den Schutzwall, den er in seinem Geist errichtet hatte. Sämtliche Erinnerungen an sein Zuhause waren dahinter verwahrt. Luke verbot sich jeden Gedanken, jede Hoffnung darauf, wieder zurückzukehren, aber manchmal schaffte es doch einer, den Wall zu durchbrechen.
»Nein. Du hast geknurrt. Was träumst du für einen komischen Kram in letzter Zeit?«, fragte Neyla und funkelte ihn belustigt an.
»Geknurrt? Als ob. Das hast du dir eingebildet.«
»Wenn du meinst«, antwortete sie mit einem Schulterzucken. »Und was hast du jetzt geträumt?«
»Ich … ich weiß es nicht.«
Luke runzelte die Stirn und versuchte sich an den Traum zu erinnern. Doch nichts. Sein Kopf war wie leergefegt. Noch nicht einmal der kleinste Erinnerungsfetzen oder ein Bruchstück von dem Traum. »Ich wollte dich nicht wecken, sorry, Neyla.«
Sie seufzte und richtete sich wieder im Bett auf. »Schon okay. Ich kann hier sowieso nicht wirklich schlafen. Dafür brauche ich meine Ruhe«, brummte sie und massierte sich müde die Augen. »Ich will endlich raus aus dem Krankenhaus!«
Luke konnte ihr nur zustimmen. Seit geschlagenen zwei Wochen lagen sie jetzt hier. Wenigstens hatten sie als Reisende den Luxus eines Einzelzimmers und mussten nicht vorne im Thronsaal bei den ganzen anderen Patienten liegen. Dort reihte sich Feldbett an Feldbett, sodass man von Privatsphäre nur träumen konnte.
»Ja, ich weiß nicht, warum wir immer noch hier sind. Es geht uns doch mittlerweile viel besser. Dieses Rumliegen raubt einem echt den letzten Nerv«, brummte er und fummelte fahrig an seinen Verbänden herum. Die Verletzungen am Bein waren verheilt, auch wenn er immer noch eine Krücke zum Laufen brauchte. Die Wunde, die die Krallen des Werwolfs verursacht hatten, schmerzte zwar abends hin und wieder, aber es war auszuhalten. Deshalb sah er keinen Grund, noch länger im Bett zu bleiben.
Dass Neyla so gefrustet war, konnte er daher gut verstehen. Bei ihr waren ja nicht einmal körperliche Verletzungen zu sehen. Doch die Heiler behielten sie nach wie vor hier, da sie im Kampf beinahe ihre komplette Energie verbraucht hatte. Und ein Magier, der seine Grenzen derart überschritt, starb. Ganz einfach. Ein Hintertürchen gab es nicht, das war das oberste Gesetz der Magie und man tat gut daran, sich dies einzuprägen.
Vorsichtig warf er einen Blick zu ihr hinüber. Neyla sah gesund und fit aus, die unnatürliche Blässe war aus dem Gesicht verschwunden. Ihre Wangen waren nicht mehr so eingefallen, wie an den Tagen direkt nach der Schlacht. Und sie verlor nicht ständig das Bewusstsein. Ab und an zitterten ihre Hände, auch wenn sie das immer zu verstecken versuchte. Da die beiden jedoch den ganzen Tag hier zusammen eingepfercht waren, konnte sie das Zittern nicht vor ihm verbergen. Aber er würde sich hüten das Thema anzusprechen. Neyla gab nach außen hin immer die starke und taffe Kriegerin, aber dass sie so knapp dem sicheren Tod entkommen war, hatte sie verändert. Wie es jeden verändert hätte, der eine derartige Tortur durchstehen musste.
»Was ist?« Sie hob fragend eine Braue.
»Nichts.«
Luke hob abwehrend die Hände und ließ sich wieder in die weichen Kissen fallen.
Von draußen ertönten plötzlich aufgeregte Stimmen. Erstaunt tauschten sie einen Blick. Er runzelte leicht die Stirn. Normalerweise bemühten sich die Heiler leise zu sein, um die Verletzten nicht zu stören. Warum also dieser Tumult?
»Das sehe ich mir an«, sagte Luke und sprang schwungvoll vom Bett. Zu schwungvoll, wie er schnell feststellte. Seine Beine wackelten und gaben unter ihm nach. Das Zimmer verschwamm für einen Moment vor seinen Augen.
»Vorsicht, Luke! Warte, ich helfe dir!«
Neyla stieg bedeutend langsamer aus dem Bett und eilte zu ihm. Sanft legte sie einen Arm um seine Taille und half ihm beim Aufstehen. Dankbar stützte er sich ein wenig auf ihr ab und ließ sich helfen. Normalerweise wäre ihm das Ganze enorm peinlich, da er niemals auf die Hilfe anderer angewiesen sein wollte. Doch bei Neyla fiel es ihm leichter, seine Schwäche zuzugeben.
»So und jetzt mach langsam.«
Sie reichte ihm die Krücke und ließ ihn dann los. Die Wärme ihrer Hand verschwand von seiner Seite.
»Ich bin gespannt, was da draußen los ist!«
Langsam gingen die beiden aus ihrem Zimmer hinaus in den Thronsaal. Der Vorhang vor ihrem Raum hielt sonst den Gestank von Blut und Tod zurück, sodass es ihn jetzt wie einen Schlag traf. Er bemühte sich nur flach durch den Mund einzuatmen. Vor der Eingangstür stand eine Gruppe Heiler, die sich über eine Gestalt am Boden beugten. Sie hoben den Unbekannten hoch und trugen ihn in Windeseile durch das provisorische Lazarett, auf der Suche nach einem freien Bett.
»Das ist Ethan«, keuchte Neyla erschrocken auf. Jetzt erkannte auch er den anderen Reisenden.
O Gott, was ist passiert?! Ein Angriff?
»Komm, schnell.«
Humpelnd bemühte er sich mit Neyla Schritt zu halten und verfluchte zum hundertsten Mal seine Verletzungen. Die Heiler legten den blonden Jungen auf eines der wenigen freien Betten und untersuchten ihn. Mit etwas Abstand blieben beide stehen und beobachteten die Heiler angespannt bei ihrer Arbeit.
Nach fast zehn Minuten hielt er es nicht mehr aus und zupfte einem der Männer an der weißen Schürze.
»Entschuldigt bitte, aber was fehlt ihm? Hat er sich verletzt?«
Der Angesprochene drehte sich um. Sein Blick wanderte erstaunt von Luke zu Neyla und wieder zurück. Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Brauen.
»Was tut Ihr hier? Ihr solltet beide im Bett sein und Euch ausruhen!«
»Uns geht es gut! Was ist mit Ethan?«, widersprach Neyla und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Dabei warf sie dem bewusstlosen Reisenden einen weiteren besorgten Blick zu. Der Heiler schien mit sich zu ringen, seufzte dann aber resigniert auf.
»Wir sind uns nicht sicher. Er scheint einen Anfall gehabt zu haben. Aber ich weiß nicht welcher Art oder warum. Die Prinzessin hat mit ihm gesprochen und dann ist er plötzlich zusammengebrochen. Wir haben ihm etwas zur Beruhigung gegeben, damit er schlafen und sich ausruhen kann. Das solltet Ihr jetzt auch.«
Der Blick des Mannes duldete keine Widerrede und die beiden gaben sich geschlagen. Neyla stützte Luke auf dem Rückweg zurück ins Zimmer.
»Was Ethan und Heather wohl besprochen haben? Eigentlich war doch Funkstille zwischen den beiden«, brummte er und bemerkte, dass seine Stimme zum Schluss hin immer leiser wurde. Mit jedem weiteren Schritt sammelten sich mehr Schweißperlen auf seinem Gesicht. Neyla schien die Veränderung ebenfalls zu bemerken und half ihm dabei, sich hinzulegen. Sanft deckte sie ihn zu, legte kurz eine Hand auf seine Stirn. Die Kühle ihrer Haut half ein wenig gegen die aufsteigende Hitze in seinem Körper.
»Mach dir darüber keine Gedanken. Du solltest dich ausruhen. Ich schaue nach Ethan und wenn es etwas Neues gibt, dann wecke ich dich.«
»Okay«, murmelte er und war dabei schon halb eingeschlafen.
»Du lebst?« Skys Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als sie ihren Wächter anstarrte. Oder besser gesagt das, was von dem einst prachtvollen Phönix übrig war. »Was ist mit dir geschehen? Ich weiß nur noch, wie du dich … wie …«
Sie konnte die Worte nicht über ihre Lippen bringen. Wollte sich nicht an diesen schrecklichen Tag erinnern. Ihr liefen ungehemmt die Tränen über die Wangen, aber sie hatte keine Kraft mehr, diese wegzuwischen.
»Bitte weine nicht, Sky«, sagte Helios bestürzt.
Schnaufend flatterte er zu ihr auf das Bett. Anscheinend schien das Fliegen für ihn noch ziemlich anstrengend zu sein. Vorsichtig strich er ihr mit dem zitternden Flügel über die Wange. Die weichen Federn schmiegten sich sanft an ihre Haut. Zögerlich, aus Angst, dass er sich plötzlich in Luft auflösen würde, legte Sky ihre Hand auf seinen Flügel.
»Ich dachte, ich hätte dich verloren«, wisperte Sky und schloss den kleinen Vogel sanft in die Arme. Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den flauschigen Federn und sog den vertrauten süßen Geruch ihres Wächters tief in sich ein.
»Schhh. Alles ist gut. Ich bin hier. Ich werde dich niemals verlassen«, sagte der Phönix leise. »Aber bitte hör auf zu weinen. Ich ertrage nicht, dass du meinetwegen so aufgelöst bist!«
Gott, Helios hat wer weiß was durchgemacht und ich sitze hier und heule.
Sie streckte den Rücken durch und richtete sich entschlossen auf. Mit dem Ärmel trocknete sie die Wangen. Ihr Blick klärte sich.
»Was ist auf dem Schlachtfeld passiert, Helios? Ich weiß kaum noch etwas von dem Tag. Du … du hast dich zwischen mich und Fanloén geworfen. Aber was kam dann?« Sie war froh, dass ihre Stimme nicht mehr stark zitterte.
»Ich habe mein Leben geopfert. Um dich zu retten«, antwortete Helios ernst und sah ihr fest in die Augen. »Wie es die Aufgabe als Wächter ist. Doch das Schicksal hat gezeigt, was du für ein wunderbarer Mensch bist, Sky! Mein Tod hat dich innerlich derart zerrissen und offenbart, wie viel dir an dem Leben deiner Freunde liegt. Und wie mutig du bist.« Der Phönix sah sie an und sein Blick quoll über vor Liebe, sodass ihr Herz einen freudigen, kleinen Hüpfer machte.
»Deine Seele hat so eine weitere Gabe entwickelt. Das Feuer, geboren aus deinem Mut. Und da dies ebenfalls mein Element ist, wurde ich in dem Moment wiedergeboren. Aus der Asche konnte ich mich erneut erheben. Auch wenn ich noch nicht ganz der Alte bin.«
»Aber ich habe dabei unzählige Menschen verletzt und getötet«, sagte Sky leise und bemühte sich die Welle an Schuldgefühlen herunterzuschlucken.
»Ja. Doch das Ganze war nicht dein Verschulden! Du bist ein guter Mensch, Sky. Niemals würdest du jemanden absichtlich und ohne Grund verletzen. Es ist wichtig, dass du immer daran denkst, hörst du?! Erinnerst du dich noch an die Krähe?«
Sie nickte stockend.
»Gut. Und da haben wir das momentane Problem. Es sind eure Kräfte. Sie haben sich manifestiert und sind außer Kontrolle. Du hast die Soldaten nicht getötet. Sondern deine Magie. Vergiss daher bitte nicht, wozu diese Macht in der Lage sein kann«, sagte Helios ernst und sah sie eindringlich an. »Ich habe es dir auf der Hochzeit versprochen. Das wird unser nächster Schritt. Wir werden anfangen euch zu trainieren. Ein weiterer unkontrollierter Ausbruch könnte alle Bewohner der Stadt gefährden. Daher haben wir etwas Unterstützung zu uns geholt.«
»Okay. Wann fangen wir mit dem Training an?«
Helios lebte! Sie war nicht verantwortlich für das verheerenden Feuer. Zumindest nicht wirklich. Das half ein wenig dabei, den riesengroßen Berg der Schuldgefühle zu verarbeiten. Sie konnte den Toten ihr Leben nicht mehr zurückgeben. Doch sie konnte lernen ihre Magie zu beherrschen und irgendwann Gutes damit tun. Das hoffte sie zumindest. Jetzt bin ich bereit dafür.
»So schnell wie möglich. Aber vorher solltest du dich umziehen und eventuell ein Bad nehmen«, meinte Helios und schnupperte.
Sie fuhr durch ihre vollkommen verfilzten Haare. Igitt, wie ekelig! Mit einem Schlag drang auch der Geruch zu ihr durch. Ein Bad war wirklich ganz dringend notwendig.
D
an stapfte hinunter zum Trainingsfeld. Gestern waren Karpias und die anderen Wächter endlich nach Adventon zurückgekehrt. Bis spät in die Nacht hinein hatten die beiden zusammengesessen und sich unterhalten. Am Morgen hatte er prompt verschlafen und das ausgerechnet heute, dem wichtigen Tag, an dem das Training losgehen sollte. Und Karpias hatte ihn natürlich nicht geweckt.
Auf dem Grasplatz hatten sich die anderen bereits versammelt und warteten offensichtlich nur auf ihn.
»Sorry, Leute«, brummte er und kratzte sich verlegen am Nacken. Er schlüpfte unauffällig zwischen Luke und Adriana.
»Schön. Da wir nun vollständig sind, fangen wir direkt mit den Übungen an«, zwitscherte Helios mit einem kurzen Zwinkern. »Da eure Kräfte noch unkontrolliert sind, trainieren wir hier draußen und haben den Platz für den Anfang sperren lassen. Nicht, dass es zu Unfällen kommt.«
»Verteilt euch. Die anderen Wächter kommen bitte zu uns«, sagte Karpias, der Helios wohl beim Unterrichten unterstützten würde. »Wir haben das Problem, dass lange keine Reisenden in die Spiegelwelt gelangt sind. Daher sind wir im Umgang mit euren Kräften etwas eingerostet. Deswegen zunächst die Theorie.«
Luke und Ethan stöhnten gleichzeitig auf und Dan versuchte erfolglos ein Grinsen zu unterdrücken. Auch von den anderen Reisenden kam Gelächter.
»Muss das wirklich sein?«, brummte Ethan leicht genervt.
»Aber echt. Wir sind doch hier nicht in der Schule oder so«, stimmte Luke zu, der sich immer noch auf eine Krücke stützen musste.
»Ja, das ist notwendig«, antwortete Karpias ohne eine Spur von Belustigung. »Ihr habt alle gesehen, was passiert, wenn die Kräfte außer Kontrolle geraten. Und mit Magie darf man nicht leichtfertig umgehen, da sie einen schneller umbringen wird, als man erwartet.«
Die heitere Stimmung verflog augenblicklich. Dan warf einen kurzen Blick zu Sky, die schuldbewusst den Kopf senkte und sich auf die Lippe biss. Auch wenn es nicht wirklich ihre Schuld gewesen war, hatten ihre Kräfte für viel Leid gesorgt. Und dafür wollte Dan nie verantwortlich sein!
»Eure Magie symbolisiert eure Seele. Sie entsteht aus den stärksten und mächtigsten Eigenschaften. Jeder Reisende hat somit eine einzigartige Kraft«, begann Helios.
Das wusste Dan bereits, da Karpias es ihm grob direkt nach seinem Fall erklärt hatte.
»Manchmal zeigen sich die Kräfte in Form von Auren in der physischen Welt. Meist erkennt man sie im Spiegelbild. Es kann auch vorkommen, dass sie sich manifestieren, wenn ihr Magie einsetzt. Aber das ist eher selten«, fuhr der Phönix fort.
»Sie haben sich nun bei jedem von euch manifestiert. Welche sind eure Seelenfarben?«, fragte Karpias und sah eindringlich von einem zum anderen.
»Gold«, begann Dan zögerlich, froh, dass er endlich seine eigene Aura erkennen konnte.
»Violett«, meinte Neyla mit fester Stimme.
»Silber«, sagte Tamani.
»Blau, wie das Meer.« Luke verlagerte das Gewicht auf der Krücke, sodass der Schnee unter dem Stock knirschte.
»Rot und Gold«, flüsterte Sky.
»Grau, durchzogen von violetten Blitzen. Wie ein Gewitterhimmel«, erklärte Adriana stolz.
»Schwarz.« Ethan hauchte die Antwort nur, starrte krampfhaft auf den Boden und mied jeglichen Blickkontakt. Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer, als er das Wort herauspresste. Dan sah ihn mitfühlend an. Dass die eigene Seele schwarz war, musste einfach nur schrecklich sein! Aber vielleicht hatte dies nicht unbedingt Schlechtes zu bedeuten?
»Hervorragend. Jetzt stellt euch die Kraft als einen Strom im Innersten vor. Er durchfließt jeden von euch. Diese Macht ist da und wartet nur darauf, entfesselt zu werden«, sagte Karpias und lief von einem Reisenden zum nächsten. Helios hatte sich auf seinem Rücken niedergelassen, um einen besseren Überblick über alles zu behalten.
»Schließt am besten eure Augen. Das macht es etwas leichter, besonders am Anfang«, sagte Neyla.
Dan kam dem Hinweis nach und blendete die Umgebung aus. Versuchte in sein Innerstes zu schauen. Aber nirgends war dieses goldene Licht zu sehen. Nicht einmal ein Funken. Er blinzelte und beobachtete die anderen, ob dort etwas passierte. Doch bei keinem zeigte sich ein sonderbares Licht oder gar eine magische Explosion. Lediglich Lukes Kopf wurde langsam rot, so sehr konzentrierte er sich.
»Das ist doch absolut bescheuert. Da ist nichts. Wie sollen wir etwas finden, von dem wir keine Ahnung haben, was es ist«, brummte Adriana gereizt. Die Wächter sahen sich ratlos an. Sie wussten offenbar genauso wenig, wie man diese geheimnisvollen Kräfte entfachen sollte.
»Denkt nicht zu viel nach«, meinte Neyla
Sie schloss nochmals die Augen. Es zischte. In ihrer Hand erschien eine leuchtende weiße Kugel.
»Wie machst du das?«, fragte Dan ungläubig und starrte auf die pulsierende Magiekugel.
»Ja, genau! Du hast ja leicht reden. Wie soll ich denn bitte Visionen hervorrufen?« Ethan starrte das Mädchen wütend an.
»Ich habe leicht reden? Hast du überhaupt den Hauch einer Ahnung, wie ich meine Kräfte entwickelt habe? Was ich über mich ergehen lassen musste, um die Magie derart beherrschen zu können?«, fauchte sie ihn an und violette Funken begannen auf ihrer dunklen Haut zu tanzen.
»Neyla, beruhig dich. Und Ethan, was soll der Mist? Entschuldige dich gefälligst bei ihr«, fuhr Luke den Briten an.
Dan beäugte angespannt das gefährlich pulsierende Leuchten, welches um ihren Körper herumwirbelte. »Fahrt doch alle mal einen Gang runter«, versuchte er die Situation zu entschärfen.
»Reisende. Ihr sollt zusammenarbeiten und euch nicht streiten. Das hier führt nur zu Frustration und Ärgernissen«, sagte Kerberos beschwichtigend. Die Wächter hatten den Schlagabtausch zwischen ihren Reisenden hilflos mitansehen müssen.
»Neyla, wie bist du zu deinen Kräften gekommen?«, fragte Tamani vorsichtig. Ein kurzes Beben fuhr durch das ältere Mädchen, ihre Aura flackerte nochmals auf und erlosch dann. »Du musst es aber nicht erzählen, wenn es dir unangenehm ist!«
»Schon okay«, seufzte Neyla und warf Ethan einen letzten giftigen Blick zu. »Alastair, der Schattenkönig, meine ich. Er hat nur mit mir gesprochen, direkt nach der Ankunft in Golgathar. Und dann war er sich schnell sicher, dass ich Zauber beherrschen kann.«
Helios nickte zustimmend. »Ja, der Schattenkönig kann sich sehr gut in andere Personen hineinversetzen und erfährt so recht schnell, was für eine Kraft in einem Reisenden innewohnt. Eine Gabe, die uns damals vieles vereinfacht hat.«
»Ja, das stimmt wohl.« Neylas Blick wurde ausdruckslos. Sie scharrte mit den Füßen durch den pulvrigen Schnee. »Er hat mich oben im Burgfried eingeschlossen. Ohne Essen oder Trinken. Nicht mal eine Decke hatte ich dort. Der Schattenkönig meinte nur, dass ich mich selbst befreien kann. Wenn nicht, dann dürfte ich mich auch nicht Reisende nennen und sei es nicht wert, diesen Namen zu tragen.«
Dan zog scharf die Luft ein und bemerkte auch bei den anderen den Ausdruck von Entsetzen. Ethan sah Neyla zerknirscht an. Doch sie bemerkte ihn gar nicht, sondern starrte weiter auf den Boden.
»O Gott, wie schrecklich«, flüsterte Sky.
Von den Wächtern zeigte sich jedoch keiner überrascht.
»So grausam diese Methode auch sein mag, sie hat Wirkung gezeigt. Nicht wahr?«, sagte Karpias leise.
Neyla nickte nur mechanisch. »Ja. Er hatte mir einen Zettel mit einem Zauber da gelassen. Mit dem Wortlaut konnte man Türen öffnen. Ich saß drei Tage dort oben. Ich war komplett erschöpft, kurz vor dem Zusammenbruch, und plötzlich war die Magie da. So konnte ich den Zauber wirken und verschwinden.«
»Die Kräfte offenbaren sich meist in ausweglosen Situationen. Oft auch, wenn sich eure mächtigste Eigenschaft zeigt«, bestätigte Helios Neylas Geschichte.
»Das Licht kam, als ich mich vor Luke gestellt habe, um ihn vor dem Werwolf zu retten. In diesem Moment war mir egal, was mit mir passieren würde«, platzte es Dan aufgeregt heraus. Luke lächelte ihn dankbar an, doch ohne auch nur ein Wort über die Lippen zu bekommen.
»Das war das Erwachen deiner Magie«, sagte Karpias und nickte. Seine Augen leuchteten voller Stolz auf. »Erinnert euch jetzt an den Moment, in dem ihr eure Kraft zum ersten Mal eingesetzt habt. Was habt ihr gefühlt? Lasst euch von diesen Empfindungen durchströmen.«
Dan schloss erneut die Augen. Dachte daran, wie er sein Leben für seinen Freund geopfert hätte. Dass es das Wichtigste gewesen war, diesen zu beschützen. Ganz plötzlich sah er in der Dunkelheit ein Glimmen, welches mit jeder Sekunde stärker wurde.
»Dan! Genau so, fantastisch!«, rief Helios begeistert. Langsam öffnete er die Augen und sah das goldene Licht vor sich. Es war nur sehr schwach, flackerte, drohte jede Sekunde wieder zu erlöschen. Doch es war da! Seine Hände begannen zu zittern. Es kostete ihn immense Kraft, dieses Leuchten aufrecht zu erhalten.
»Das reicht. Überanstrenge dich nicht«, mahnte Karpias, der neben ihn getreten war. »Lass los!«
Der Sog der Magie wurde immer stärker, doch Dan gelang es, sich aus dem wirbelnden goldenen Strom zurückzuziehen. Seine Beine gaben nach und er plumpste mit dem Allerwertesten voran in den nassen Schnee.
»Gut gemacht«, schnurrte der Greif zufrieden.
Das ist zumindest ein Anfang. Aber es wird ewig dauern, bis wir es auch nur ansatzweise kontrollieren können.
Anerkennend nickte Neyla, als sie das goldene Flackern sah, welches Dan heraufbeschwor. Die Erinnerungen an ihre ersten Trainingsstunden damals mit Edmund ließ den Schweiß auf ihrer Stirn ausbrechen. Als die Kälte sich in ihrem Körper ausgebreitet und ihr so gezeigt hatte, dass sie sich schon wieder übernahm. Doch mit jeder Übung, mit jedem Zauber wurde es leichter, die Magie zu beherrschen und nach ihrem Willen zu formen. Aber das mussten die anderen Reisenden erst lernen.
Neyla wandte sich von Dan ab und lief hinüber zu Adriana, die mit der Aufgabe sichtlich überfordert war. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt, die Hände vor sich ausgestreckt und die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
»Versuch dich dabei zu entspannen. Das hier ist doch kein Wettbewerb«, sagte sie aufmunternd, lächelte ihre Freundin an. »Atme tief ein. Genau. Und wieder aus.« Es freute sie, dass Adriana auf ihre Tipps hörte. Bisher hatte es den Anschein gehabt, dass sich das jüngere Mädchen nur sehr ungern etwas vorschreiben ließ.
»Ich weiß ja noch nicht einmal, was überhaupt meine Kraft sein soll«, brummte Adriana resigniert.
»Sie zeigt sich. Früher oder später wird jeder von uns die Magie kontrollieren können. Probier es weiter. Und das Atmen nicht vergessen.«
»Ich versuche es.«
Neyla drückte ihr noch einmal kurz die Hand. Hinter der kratzbürstigen Fassade steckte so viel mehr. Hin und wieder konnte man einen Blick auf die wahre Adriana dahinter erhaschen. So wie heute.
Neyla stapfte weiter zu Luke. Um Ethan machte sie einen Bogen. Auf den Idioten hatte sie überhaupt keine Lust. Und er würde ja sowieso kaum bis gar nicht auf ihre Ratschläge hören. Außerdem hatte sie nicht den Hauch einer Ahnung, wie man mit seinen Visionen arbeiten sollte. Das durfte gerne Ares oder einer der anderen übernehmen, war ja schließlich die Aufgabe dieses tollen Ordens. Der Frust und die Trauer, dass sie selbst keinen eigenen Wächter mehr hatte, wurde in solchen Momenten immer größer. Als sie unauffällig über ihre Schulter sah, stellte sie fest, dass alle Unterstützung von den Wesen erhielten. Sie alle. Außer ich. Aber ich habe alleine zu meiner Magie gefunden, dafür brauchte ich niemanden!
»Hey.« Luke riss sie aus ihren Gedanken und grinste sie an. Dankbar um jede Ablenkung lächelte sie zaghaft zurück.
Ihre Gefühle für diesen Jungen waren schwer einzuordnen. Er hatte Edmund getötet. Für den sie wirklich etwas empfunden hatte. Das konnte und wollte sie dem anderen Reisenden nicht vergeben. Zumindest noch nicht. Ein Blick in die unergründlichen blauen Augen zeigte ihr, dass Luke ebenfalls so einiges vor ihr verbergen wollte. Aber Neyla mochte ihn, wenn auch gegen ihren Willen.
»Was ist? Siehst du irgendetwas? Sehe ich anders aus?«, fragte er aufgeregt. Sie musste leicht schmunzeln bei seiner Euphorie.
»Ne. Immer noch der Gleiche.«
Enttäuscht ließ Luke den Kopf hängen und grummelte etwas Unverständliches.
»Weißt du denn überhaupt, was deine Kraft ist?«, fragte Neyla ihn interessiert.
»Nicht so wirklich. Ich habe gegen eine Seeschlange gekämpft und lebe noch, wenn das zählt.«
Erstaunt sah sie Luke an. Das ging schon einmal in die richtige Richtung. Niemand kämpfte mal eben gegen ein Monster und überlebte den Kampf ganz ohne Verletzungen.
»Wie hast du das gemacht?«
Er sah verlegen zu Seite und kratzte sich leicht im Nacken.
»Das Ganze ist bescheuert. Ich hab mir das bestimmt nur eingebildet.«
»Nach allem, was wir in der Spiegelwelt gesehen haben, glaubst du immer noch, dass du dir etwas eingebildet hast? Schau mich an. Ich kann zaubern. Zaubern, verdammt! Von so etwas träumt man ja nicht einmal. Jetzt sag schon«, meinte sie und runzelte die Stirn.
Luke druckste für einen Moment herum, erzählte dann aber kurz und bündig von dem Kampf unter Wasser.
»Da hast du doch deine Kraft!«
Er sah sie verdattert an. »Ich check es noch nicht ganz.«
»Du kannst lange unter Wasser bleiben.
