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Acht Auserwählte. Eine magische Welt. Ein Schicksal. Durch mysteriöse Portale aus ihrem Zuhause gerissen, landen acht Jugendliche in einer anderen Welt. Gezeichnet vom Krieg und Zerstörung steht diese kurz vor dem Untergang. Als prophezeite Reisende müssen sie ihr auferlegtes Schicksal akzeptieren und den freien Völkern den lang vergessenen Frieden zurückbringen. Wird es ihnen gelingen, die Sehnsucht nach ihrer eigenen Heimat zu verdrängen, um die uralte Prophezeiung zu erfüllen? Können sie gemeinsam die dunklen Mächte des Schattenkönigs bezwingen oder sind die Reisenden für diese gewaltige Aufgabe doch zu verschieden?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Janina Jordan
Welt der Spiegel
Janina Jordan
Welt der Spiegel
Impressum:
Janina Jordan
Im Unterdorf 9
37133 Friedland
Copyright © 2021 Janina Jordan
Umschlaggestaltung: Dream Design – Renee Rott
Illustration Karte: Margo Wendt
Korrektorat: Eileen Altas
Buchsatz: Herzblut-Lektorat – Stephanie Bösel
www.herzblut-lektorat.de
3. Auflage, März 2023
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck oder Kopien, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Urheberrechtlich geschütztes Material
Widmung
Dieses Buch widme ich meinen beiden Lieblings J’s,ohne die dieses Projekt auch in zehn Jahren nicht fertig gewesen wäre.
Inhaltsverzeichnis
Karte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Danksagung
Über die Autorin
Aussprache der Namen
Glossar
Charaktere
– Das Portal –
E
s war schwül in den überfüllten Straßen von New York. Sky hetzte durch die Menge und warf fluchend einen Blick auf die Uhr. Sie kam schon wieder zu spät zur Arbeit. Das war bereits das zweite Mal in dieser Woche.
Sie stieß die Tür des kleinen italienischen Restaurants auf. Dabei band sie sich hektisch die Haare zusammen und strich sich anschließend über das verschwitzte Gesicht. Die Wärme aus der Küche schlug ihr entgegen.
»Du bist spät dran.« Ihr Chef warf ihr einen besorgten Blick zu.
»Ich weiß, Daniel, es kommt nie wieder vor. Versprochen!«
Er nickte bloß und verschwand in der Küche. Das Klappern von Geschirr ertönte. In Windeseile schnürte sie sich eine der roten Schürzen um die Hüfte, griff nach einem Tablett und fing an die Tische abzuräumen.
In letzter Zeit wusste sie kaum, wo ihr der Kopf stand. Vor zwei Jahren hatte sie noch mit ihren Freundinnen die High School besucht und Pläne geschmiedet, welches College sie besuchen wollte, bis dann das Leben eiskalt zugeschlagen hatte. Ihre Mutter, die gute Seele der Familie, war schwer erkrankt und konnte nicht mehr arbeiten. Ihr Vater war der Aufgabe, seine Frau zu pflegen und für die drei Töchter zu sorgen, nicht gewachsen und verschwand eines Tages ohne ein Wort.
Ab und zu schickte er zwar einen Scheck, aber dieser reichte kaum aus, um die Behandlungen ihrer Mutter zu bezahlen. Somit hatte sie die Schule geschmissen und verschiedene Gelegenheitsjobs angenommen, damit zumindest ein Teil der Rechnungen bezahlen werden konnte. Bei Daniel arbeitete Sky seit fast einem halben Jahr. Wenn es ihre Schichten im Restaurant zuließen, ging sie abends noch in einen nahen Club, um dort ebenfalls zu kellnern. Dennoch waren mittlerweile sämtliche Ersparnisse für das College aufgebraucht.
Das Läuten der Glocke gab das Zeichen, dass die ersten Gäste eingetroffen waren, und sie atmete tief durch. Jetzt war keine Zeit für solche Gedanken. Sie führte die Gruppe von Stammgästen zu ihren Plätzen und nahm die Bestellungen auf. Zum Glück half die Arbeit dabei, den Kopf ein wenig frei zu bekommen. Wenigstens für den Moment.
Der Abend raste nur so dahin, während Sky Pizza und Pasta verteilte und Getränke einschenkte. Als sie ein Ehepaar mit kleiner Tochter zu ihrem Tisch führte, fing sie einige Gesprächsfetzen auf. Anscheinend würde das kleine Mädchen morgen auf einen Schulausflug gehen. Mit einem kleinen Lächeln lauschte sie den aufgeregten Erzählungen über den Zoobesuch. Verdammt, die Zahlung für Mias Klassenfahrt steht ja noch an! Vielleicht kann ich ja nach einem kleinen Gehaltsvorschuss fragen?, dachte sie.
»Sky?« Daniel griff sanft nach ihrem Arm.
Sie stellte das vollbeladene Tablett auf die Theke und fuhr sich müde durch die dunklen Haare. »Ja?«
»Mach Schluss für heute. Du siehst fertig aus und brauchst ein wenig Ruhe.«
Sie war zu erschöpft, um mit ihm zu streiten. Ihr Kopf schmerzte und das Mädchen massierte sich kurz die Schläfen. Er hatte schon recht, eine Mütze Schlaf half dabei immer. »In Ordnung. Dann sehen wir uns morgen Abend?«
Daniel nickte und drückte ihr ein großes, noch warmes Paket Lasagne in die Hand. »Hier. Deine Schwestern essen das doch gerne.«
Sky lächelte ihn bloß dankbar an.
»Wie kann ich mich nur je bei dir revanchieren?«
»Das brauchst du nicht. Aber versuche es morgen pünktlich, okay?« Sein Tonfall war zwar ernst, doch dabei zwinkerte er ihr zu.
Als sie das Restaurant verließ, war es bereits dunkel. Sie genoss die Ruhe, während sie am Hudson entlang schlenderte. Kaum ein Mensch begegnete ihr.
Daniel hatte ihr schon oft angeboten sie abends nach Hause zu bringen, damit sie nicht allein in der Stadt umherlief. Aber dieser Stadtteil war so sicher, dass Sky sich nicht fürchten musste. Trotzdem, auch auf Bitten ihrer Mutter hin, hatte sie eine kleine Dose Pfefferspray in ihrer Tasche. Und da sich sonst immer Menschen um sie herum befanden, war sie über den zwanzigminütigen Heimweg, bei dem man auch einmal seine Ruhe hatte, froh.
Außerdem hatte Sky oft das Gefühl, dass Daniel sie mochte. Zumindest mehr, als es sich für ein Chef-Angestellten-Verhältnis gehörte. Auch wenn er ein netter Kerl war, hatte sie keine Zeit für noch mehr Chaos in ihrem Leben.
Sie verließ den Hauptweg und ging zu einer der kleinen Baumgruppen am Ufer. In diesen waren kleine Bänke aufgebaut, die von Laternen beschienen wurden. Erschöpft ließ sie sich auf die harten Balken fallen und schaute auf das Wasser. Dabei glitt ihr Blick hinüber zur Freiheitsstatue. Diese Aussicht war für die meisten New Yorker alltäglich, die Achtzehnjährige konnte sich dennoch nicht an dem Ausblick auf die Skyline der Stadt sattsehen.
Das Wasser spiegelte die Lichter der Häuser und es wirkte, als wäre dort eine zweite, etwas verzerrte Stadt verborgen. In diesem Augenblick schien die Zeit für sie stehen zu bleiben.
Plötzlich schlug das eben noch so ruhige Wasser Wellen und einige Spritzer landeten sogar auf ihren Füßen. Die laue Sommerbrise verwandelte sich in einen Sturm. Sky begann zu zittern. Die Temperatur war bestimmt um zehn Grad gesunken. Das spärliche Licht der Laterne erlosch und Dunkelheit breitete sich um sie herum aus.
Was geht hier vor?
Sky sprang von der Bank auf. Der peitschende Wind riss an ihren Haaren und Klamotten, ließ ihre Augen tränen. Panik kroch in ihrem Hals hoch. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht!
Sie nahm die Beine in die Hand und rannte, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Dabei übersah sie eine Wurzel und stürzte. Warmes Blut lief über ihr aufgeschürftes Knie. Trotz der Schmerzen versuchte sie aufzustehen, aber das verletzte Bein knickte einfach unter ihrem Gewicht ein. Der Boden brach vor ihr auf und ein riesiges Loch entstand. Eine pulsierende, rötlich glühende Aura umgab den gähnenden Abgrund. Panisch wollte Sky wegrutschen, doch der tosende Sturm schob sie immer weiter nach vorn.
»Nein! Nein! Hilfe!«
Sie versuchte sich an irgendetwas festzuhalten, doch ihre Hände griffen ins Nichts. Sky stürzte über die Kante hinab ins Dunkle. Undurchdringliche Schwärze empfing sie und Todesangst machte sich in ihr breit.
Ich bin doch noch viel zu jung zum Sterben. Wie soll Mama nur mit den beiden kleinen Mädchen alleine klarkommen? Kurz vor dem Aufprall schloss sie die Augen. Mama. Amelie. Mia. Ich liebe euch!
Ich bin tot. Nach diesem Sturz muss ich tot sein! Sky blinzelte und kniff die Augen bei der plötzlichen Helligkeit jedoch sofort wieder zusammen.
Wieso kann ich überhaupt etwas sehen, wenn ich tot bin? Vorsichtig öffnete sie ihre Lider erneut und richtete sich auf.
»Was zum …?«
Sie lag in einem Wald. Einem uralten und wunderschönen Wald, der keinerlei Ähnlichkeiten mit dem Central Park hatte. Die Wipfel der Bäume erstreckten sich zu einer dichten Decke über ihr. Die Luft roch nach Harz und irgendwie erdig. Sky spürte die weichen Nadeln der Kiefern unter ihren Fingern. Die Äste über ihr schwankten leicht, doch sonst entdeckte sie keine Lebenszeichen in dem ganzen Grün. Zuhause bin ich definitiv nicht mehr.
Sky stand unsicher auf und tastete ihren Körper ab. Trotz des scheinbar heftigen Aufpralls ging es ihr gut. Und zwar wirklich gut. Die Müdigkeit war weg, genauso ihre fast schon chronischen Kopfschmerzen. Erstaunlicherweise war sogar die Wunde am Knie verheilt.
Sie riss ihr Handy aus der Tasche. Einen Versuch war es ja wert. Sky wählte hektisch die Nummer von Zuhause. Aber mehr als ein Tuten gab das Gerät nicht von sich. Wäre ja auch zu schön gewesen.
»Wo zur Hölle bin ich hier nur gelandet?« Ihre Stimme vertrieb die unangenehme Stille in dem Wald.
Eigentlich sollte es doch hier von Tieren nur so wimmeln? Man müsste zumindest Vögel zwitschern hören. Doch kein Geräusch drang zu ihr hindurch. Das machte den schönen Wald unheimlich und Sky wollte so schnell wie möglich hier raus. Sie versuchte sich an dem Stand der Sonne zu orientieren, doch das Blätterdach ließ kaum einen Sonnenstrahl durch. Die meterhohen Baumstämme boten keinerlei Möglichkeit, nach oben zu klettern. Dann musste sie halt anders den Weg hier raus suchen. Irgendwann musste dieser Wald auch zu Ende sein, also stapfte sie entschlossen los.
Doch die Bäume nahmen kein Ende und Sky hatte das Gefühl, sich immer mehr zu verlaufen.
Na toll, erst stürzt man durch einen plötzlich auftauchenden Abgrund, hat Todesangst und landet dann in einem gottverlassenen Wald. Das ist zumindest mal was anderes, als sich abends im Bett Wiederholungen von Big Bang Theory anzuschauen.
Nach zwei Stunden wünschte sie sich aber nichts sehnlicher, als die üblichen Streitigkeiten von Sheldon und Co zu verfolgen und dabei im warmen Bett zu liegen. Der Wald war genauso dicht wie zuvor und Sky fröstelte in ihren dünnen Klamotten. Wegen der Hitze in der Stadt trug sie bloß ein dünnes Top und Shorts. Über ihr knackten die Äste und sie hatte das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Sie ging schneller, aber das mulmige Gefühl in der Magengrube verschwand nicht. Das Rascheln verfolgte sie immer weiter und sie warf gehetzte Blicke nach links und rechts.
Verdammt, Sky, reiß dich mal zusammen! Das ist vermutlich nur ein Eichhörnchen.
Kurz darauf raschelte es wieder, dieses Mal nur wenige Schritte entfernt. Jetzt bekam Sky doch Herzrasen und huschte hinter einen der breiten Baumstämme. Plötzlich war das Geräusch ganz nah und es hörte sich an, als würde sich etwas durch die Büsche schlagen. Etwas sehr Großes und Schweres.
Ängstlich presste sie sich eine Hand vor den Mund, um ja keinen Ton von sich zu geben, und hoffte, dass man das laute Pochen ihres Herzens nicht hörte.
Was auch immer dort entlang lief, kam näher und schien direkt vor ihrem Baum haltzumachen. Sie tastete in ihrer Hosentasche nach dem Pfefferspray. Noch einmal schloss Sky die Augen und atmete tief ein, die Dose an die Brust gedrückt.
Auf drei. Eins. Zwei.
In dem Moment sah sie nur einen roten Blitz, riss das Spray hoch und sprühte.
»Ahhhh!«, kreischte das Etwas vor ihr und taumelte zurück.
Die Flügel hatte es vor die Augen gelegt. Moment … Flügel? Vor ihr stand ein riesiger Vogel!
Sie hatte ihn auf Augenhöhe. Auch wenn Sky mit ihren knappen ein Meter sechzig klein war, ein Vogel dieser Größe konnte definitiv nicht existieren! Das Gefieder hatte eine rote und goldene Färbung. Die längsten Schwanzfedern maßen fast einen Meter. Alles in allem war es ein wunderschönes Tier! Noch nie zuvor hatte sie etwas Ähnliches gesehen. Aber ganz ehrlich, wahrscheinlich hatte bisher niemand etwas Vergleichbares erblickt.
Jetzt schien die Wirkung des Pfeffersprays langsam nachzulassen, denn es nahm die Flügel runter und legte sie ordentlich an. Der Vogel öffnete den Schnabel und begann doch tatsächlich zu sprechen!
»Na, das ist ja freundlich von dir, deinen Wächter so zu begrüßen! Also wirklich.«
»Meinen was?« Sie sah das Tier entgeistert an.
»Deinen Wächter. Beschützer. Verbündeter. Wie es dir beliebt. Ich bin Helios, der Phönix. Sehr erfreut dich kennenzulernen.«
Sky bekam keinen Ton raus. Dieser Vogel sollte ihr Wächter sein? Was genau bedeutete das? Und warum zum Henker konnte er sprechen?
»Entschuldige bitte, ich will nicht unhöflich sein. Aber was soll ich denn mit einem Wächter? Und wo bin ich hier?«
»Unhöflich warst du bereits, als du mir dieses Teufelszeugs in die Augen gesprüht hast. Und was gedenkst du, wofür du einen Wächter brauchst?! Um dich hier zu schützen. Die Spiegelwelt ist deutlich gefährlicher als die, aus der du stammst.«
Ihr Blick flackerte. Sie sollte in einer anderen Welt sein?! Das konnte nur ein Traum sein! Ihre Beine gaben nach. Helios sprang nach vorn und fing sie auf, bevor ihr Kopf auf dem Boden aufschlagen konnte. Vorsichtig legte er seine samtweichen Flügel um ihren Körper und bettete sie dann sanft auf den mit Kiefernnadeln bedeckten Waldboden.
»Bist du wohlauf?«, fragte Helios sie.
»Ich … ich glaub schon. Das ist alles etwas viel auf einmal«, antwortete Sky mit bebender Stimme. Ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper. »Ich bin in einer anderen Welt?«
Sky hatte den Kopf in den Händen vergraben. Das konnte nicht sein. Wie sollte sie denn bitte in eine andere Welt gekommen sein? So etwas gab es nicht! Das konnte nicht real sein. Ein absoluter Alptraum!
»Reisende? Sicher, dass es dir gut geht?«
Der große Vogel stellte sich neben sie und legte den Kopf schief. Sie schniefte kurz und wischte sich über die Augen.
»Ja, ich denke schon. Mein Name ist übrigens Sky.«
»Ich freue mich außerordentlich dich endlich kennenlernen zu dürfen, Sky. Ich habe so lange darauf gewartet!«
Er wirkte so aufgeregt und erfreut. Das zauberte ihr zumindest ein kleines Lächeln ins Gesicht. Dieser Vogel oder Phönix, was auch immer, war ihr schon nach den ersten fünf Minuten sympathisch. Aber wieso hatte er auf sie gewartet? Was sollte das bedeuten? War das alles hier doch kein Zufall?
»Ich freue mich auch dich kennenzulernen, Helios. Und du sagtest, du bist ein … Phönix?«
»Ja, einer der ersten in dieser Welt und nun der letzte meiner Art.« Seine weisen Augen wurden tieftraurig.
»Warum denn das? Wie kann so etwas passieren?«, fragte sie ihn schockiert.
»Das, meine liebe Sky, ist eine lange Geschichte!«
»Du kannst mir das ja erzählen, während du mir den Weg zurück nach Hause zeigst. Meine Familie muss schon ganz krank vor Sorge sein!«
»Komm mit. Ich werde dir alles erzählen, was du wissen musst«, antwortete Helios nur und lief los.
Sky musste sich ein kleines Kichern verkneifen. Der hüpfende Gang des Phönix erinnerte schon stark an die tollpatschigen Tauben in der Stadt. Auch wenn seine langen Krallen sich tief in den Boden gruben, wankte er beim Laufen ein wenig. Schnell beschleunigte sie ihre Schritte, um hinterherzukommen.
»Wie bin ich hier gelandet? Was ist das für ein Ort? Eben war ich noch in New York, auf dem Weg nach Hause, und jetzt bin ich hier? Wie geht das? Und wie komme ich wieder in meine Welt?«, sprudelte es aus ihr heraus, obwohl sie versuchte sich ein wenig zu bremsen.
»Habe Geduld. Du wirst alles Wichtige erfahren.« Der Phönix wandte sich nach links und lief energischer vorwärts. »Du bist durch ein Portal hierhergekommen. Es gibt acht, die von eurer Welt in die unsere, die Spiegelwelt, führen. Sie sind auf allen Kontinenten verteilt. Aber es gibt auch Tore in unzählige andere Welten. Die Portalmagie ist uralt, so alt wie die Zeit.«
Der Phönix flatterte aufgeregt mit den Flügeln, bevor er weitersprach. »In deiner Welt wurden berühmte Bauwerke in der Nähe der Portale errichtet, um die Eingänge zu markieren. Sogar ganze Städte wurden um sie herum gebaut. Sobald sich die Tore öffnen, können diese von auserwählten Menschen passiert werden, um in andere Welten zu springen. Wie in diese hier.«
Helios hob einen Flügel und deutete auf den Wald um sich herum. Sky nickte langsam. Ihr Gehirn brauchte ziemlich lange, um das Erzählte zu verarbeiten. Doch da kam ihr plötzlich ein weiterer Gedanke.
»Wie kommt es, dass du Englisch sprechen kannst?«, fragte sie ihn.
Wenn das hier eine mysteriöse Parallelwelt mit seltsamen Wesen war, gab es doch bestimmt andere Sprachen. Und dieser Phönix hatte sie direkt auf Englisch angesprochen. Das fiel ihr erst jetzt auf, weil sie sich nun länger unterhielten.
»Du bist nicht die Erste, die durch eines der Tore kam, und auch sicher nicht die Letzte. Ich bin schon sehr lange hier und habe bereits viele Reisende vor dir kennengelernt. Sie brachten unterschiedliche Sprachen mit in die Spiegelwelt. Du aber wirst keine Probleme haben, die anderen zu verstehen. Das ist nur eines eurer Talente.«
»Ah, okay.« Sky fragte sich, wer diese anderen waren. »Warum nennst du mich Reisende?«
»Als Reisende werden Menschen bezeichnet, die die Gabe besitzen, andere Welten zu betreten.«
»Verstehe. Erzähl bitte weiter.«
Sky verstand zwar noch nicht wirklich, was Helios ihr erklärt hatte. Andere Welten betreten? Eine seltsame Gabe? Das wirkte alles so surreal. Aber sie wollten den Phönix nicht mit ihren ganzen Fragen nerven. Vermutlich würde er ihr ja alles nach und nach erklären.
»Wo war ich. Genau, die Portale. Es sind viele Reisende in hierher gelangt. Einige aus deiner Heimat, aber manche auch aus anderen Welten. Die meisten halfen uns in den vergangenen Jahrhunderten und wir trotzten gemeinsam so einigen Gefahren. Aber nicht alle.«
Seine Stimme wurde bekümmert. Der Blick des Phönix verlor sich in der Ferne. Ein roter Schmetterling flatterte an ihnen vorbei. Fasziniert sah Sky dem Insekt hinterher. Die kleinen Flügel schlugen schnell und verteilten goldenen Puder in der Luft. Auch Helios wurde für einen kurzen Moment von dem Tier abgelenkt. Vorsichtig stupste dieser den Schmetterling an, welcher die beiden noch einmal umkreiste und dann weiterflog.
Helios Blick klärte sich wieder und er sprach weiter: »Vor ungefähr hundert Jahren fiel ein Reisender aus einer uns noch unbekannten Welt hindurch, der anders war als die bisherigen. Anfangs hat dieser junge Mann mit den Elben und Menschen zusammengearbeitet. Ein hochbegabter und zuvorkommender Reisender. Eines Tages dann, gänzlich unerwartet, hat er seinen Wächter niedergemetzelt. Anschließend ist er Hals über Kopf in das heutige Schattenreich geflüchtet. Seinen bürgerlichen Namen hat er abgelegt. Seit seiner Flucht bezeichnet er sich nur noch als Schattenkönig.«
»Warum hat er seinen Wächter getötet?«
»Wir wissen es nicht, es ist für uns unerklärlich. Danach hat er Gefolgsleute um sich gesammelt. Nicht nur Menschen, sondern auch die verschiedensten Wesen. Mittlerweile folgen ihm ganze Heerscharen und die Schattenkrieger können die freien Völker ohne große Gegenwehr abschlachten. Wir haben ihm nichts getan. Dennoch beseitigt er jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Einen nach dem anderen.«
»Aber wie kann ein einzelner Mensch so einen Schaden anrichten?«
»Das liegt an der Magie der Portale. Diese verleiht den Reisenden, die durch sie hindurchfallen, besondere Fähigkeiten.«
»Okay. Also das ist mir jetzt tatsächlich etwas zu hoch«, meinte Sky verwirrt.
»Ich versuche es anders zu erklären. Jeder Mensch, nein, jedes Lebewesen hat spezielle Eigenschaften. Merkmale, die einen auszeichnen und einzigartig machen. Der Kern davon wird auch als Seele bezeichnet.«
Sie sah Helios verdutzt an. Die Seele? So etwas gab es nicht wirklich. Daran glaubten doch nur irgendwelche Esoteriker.
»Unsere Welt spiegelt diese Fähigkeiten, diesen innersten Kern, nach außen wider, verstehst du? Daher der Name Spiegelwelt. Was tief im Inneren verborgen ist, wird nach außen getragen. Das, was einen Reisenden ausmacht, entwickelt sich durch die Portale zu einer einzigartigen Macht.«
Das klang noch verrückter als das mit der Seele. Aber vielleicht existierten in einer Welt, in der es sprechende Vögel gab, auch solche geheimnisvollen Kräfte.
»Das heißt, der Schattenkönig beherrscht … Magie?«
»Nein, nicht direkt. Du musst wissen, dass die Fähigkeit jedes einzelnen Reisenden einmalig ist. Es gibt nie zweimal die gleiche.«
Was wird wohl meine Fähigkeit sein? Ich habe doch nichts Besonderes an mir, wie soll sich da eine mysteriöse Kraft entwickeln.
»Es wird erzählt, dass der Schattenkönig die Gedanken und Gefühle anderer Menschen wahrnehmen kann. Er soll sie sogar kontrollieren und manipulieren können. Das wäre zumindest eine Erklärung für seine Stärke und die vielen Anhänger. Und in dem letzten Jahrhundert hatte er mehr als genug Zeit, seine Kräfte zu trainieren.«
Im letzten Jahrhundert? Dieser Schattenkönig war doch scheinbar ein ganz normaler Mensch, wie Sky selbst. Wie konnte er dann nach so langer Zeit noch leben? Aber er kam ja aus einer anderen, fremden Welt. Vielleicht gab es dort so etwas wie Unsterblichkeit? Sie schluckte aber auch diese Frage hinunter und versuchte Helios weiterhin zuzuhören. Dabei glitten ihre Gedanken jedoch immer wieder zurück zu dieser geheimnisvollen Kraft.
»Wir hatten uns dafür entschieden, die Portale zu verschließen. So konnte er zumindest unsere Welt nicht verlassen. Das Fatalste wäre, wenn er die Gelegenheit hätte, in eine weitere Welt zu gelangen. Denn der Schattenkönig würde auch diese versklaven.«
»Aber warum wurden die Portale wieder geöffnet?«
Der Phönix seufzte, hob hilflos die Flügel und sah Sky dann voller Mitgefühl an. Leise sprach er weiter: »Der Frieden zwischen den freien Völkern ist in den letzten Jahren brüchig geworden. Die Armee des Schattenkönigs wächst von Tag zu Tag und wir haben keine Chance, ihn allein zu besiegen. Deshalb haben wir uns jetzt dazu durchgerungen, die Portale wieder für einen kurzen Moment zu öffnen.«
Helios wandte sich abrupt von Sky ab und sah traurig zu Boden.
»Es wurde vor langer Zeit vorausgesagt, dass, wenn alles zu scheitern droht und wir nicht mehr weiterwissen, eine Gruppe von acht Reisenden uns retten wird.«
In ihrem Kopf ratterte es. Sollte das bedeuten …? Nein, das konnte nicht sein!
»Sky. Du gehörst dazu. Das Schicksal der Spiegelwelt liegt jetzt in euren Händen.«
D
ie Bäume lichteten sich und die Sonnenstrahlen durchbrachen langsam das Blätterdach. Sky atmete auf, der Wald erdrückte sie nicht mehr so sehr. Sie streckte sich dem Licht entgegen und genoss die Wärme auf der Haut. Das Mädchen warf einen Seitenblick auf Helios. Der Phönix lief mit entspannten, dennoch energischen Schritten neben ihr her. Was genau sie von all dem halten sollte, wusste sie nicht recht.
Einerseits wollte sie sofort wieder nach Hause, aber das war, wie sie soeben erfahren hatte, vorerst nicht möglich. Andererseits wollte sie diese fremde, magische Welt und auch Helios besser kennenlernen. Außerdem war sie gespannt auf die anderen Reisenden, die laut ihm aus den verschiedensten Ecken ihrer Welt kamen.
»Über was denkst du nach?« Er musterte sie aufmerksam.
»Darüber wie es weitergehen soll. Es ist zwar wunderschön hier, aber was ist mit meiner Familie zuhause? Vermutlich hat meine Mutter mittlerweile die Polizei gerufen. Sie denken wahrscheinlich, dass ich entführt wurde. Oder Schlimmeres.«
»Das muss schrecklich für dich sein, wenn du nicht weißt, wie es um deine Lieben steht. Erzähl mir doch ein bisschen von deinem Zuhause und der Welt, aus der du stammst. Ich bin nicht mehr dort gewesen, seitdem wir die Portale verschlossen haben. Es hat sich bestimmt einiges verändert.«
Und dann brach aus Sky heraus, was sich in den letzten zwei Jahren angestaut hatte. Der Phönix war ihr gegenüber so nett und führsorglich, seine Anteilnahme wirkte echt. Und sie fühlte sich sicher bei ihm. Sky erzählte Helios alles. Angefangen mit ihrer kranken Mutter, der geschmissenen Schulausbildung und der riesigen Verantwortung, die seitdem auf ihren Schultern lastete. Es ging sogar so weit, dass sie von ihrem bescheuerten Exfreund erzählte, der sie nach wie vor nicht in Ruhe ließ. Die Erzählungen wühlten alle verdrängten Erinnerungen und Gefühle wieder auf, sodass sich erste Tränen den Weg über ihre Wangen bahnten. Der Phönix hörte ihr zu und stellte hin und wieder passende Fragen.
»Tut mir leid. Ich will dich nicht mit all dem belasten. Ihr habt doch hier viel größere Probleme.«
Er legte einen weichen Flügel um ihre Schulter.
»Junge Dame, du kannst mir jederzeit alles erzählen. Als dein Wächter sollte ich wissen, was in dir vorgeht. Außerdem ist das doch zu viel für ein junges Mädchen. Wenn es nach mir ginge, würde ich dich auf der Stelle wieder durch das Portal schicken und dir bei deinen Problemen zuhause helfen. Das hier sollte nicht eure Aufgabe sein.«
Sky schniefte kurz und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann lächelte sie ihn aufrichtig an.
»Danke, Helios. Es tut gut, sich endlich jemandem anzuvertrauen. Und wo gehen wir jetzt hin?«
»Jetzt treffen wir einen deiner Gefährten. Es führen zwei Tore aus deiner Welt in das Elbenreich.«
Elben? So wie in Herr der Ringe? Das war ja geil! Wenn jetzt ein zweiter Legolas hier herumlief, dann wäre es um sie geschehen! Orlando Bloom … mmh.
»Sky? Hörst du mir zu?«
»Oh, sorry, natürlich. Du sagtest etwas von Elben?«
Helios schüttelte tadelnd den Kopf und sprach weiter. Er führte sie zielstrebig durch die Bäume. Anscheinend erkannte er hier einen Weg, der für Sky nicht ersichtlich war. Ihre Gedanken schweiften wieder ab. Eigentlich folgte sie nie jemandem. Bisher war sie immer ihr eigener Herr gewesen. Sie musste stark sein, immer funktionieren. Aber hier, weit weg von ihrem Zuhause, in einer anderen Welt hatte sie keine Wahl. Sie gab die Verantwortung ab und vertraute ihr Schicksal dem neuen Freund an. Und es tat wirklich gut. Der enorme Druck löste sich langsam auf und Sky hatte das Gefühl, endlich wieder richtig atmen zu können.
Sie schüttelte kurz den Kopf und ihr Blick klärte sich. Der Waldrand war erreicht und vor ihnen erstreckte sich eine weite Grasebene bis zum Horizont. Unterbrochen wurde diese nur hin und wieder von kleinen Baumgruppen und Seen. Eine sich windende Straße schlängelte sich durch die Ebene. Der Boden war von etlichen Fußspuren, Hufabdrücken und Radspuren ausgetreten. Das erste Zeichen von Zivilisation, welches Sky in dieser Welt entdeckte. Wohin diese Straße wohl führte?
»Und wo treffen wir jetzt die anderen?«
Er deutete mit dem Flügel auf das Ende der Ebene. »Ungefähr sechzig Meilen dort entlang.«
Oh, Mann. Das war weit. Sie schaute an sich hinunter auf die Riemchensandalen mit Stilettoabsatz. Nie im Leben werde ich mit diesen Schuhen so viele Meilen laufen! Allein der Gedanke ließ ihre Füße bereits schmerzen. Helios folgte ihrem Blick auf die Schuhe.
»Ach, verzeih mir, daran habe ich gar nicht gedacht. Warte einen Moment!«
Er flatterte zu einem kleinen, etwas entfernt liegenden Hain. Dort verschwand er im Dickicht und tauchte kurz darauf mit einem Bündel in den Krallen wieder auf. Er breitete die beachtlichen Schwingen zu einer Spannweite von bestimmt zwei Metern aus. Die Sonne ließ die Federn in schillernden roten und goldenen Nuancen erstrahlen.
»Du siehst echt beeindruckend aus, wenn du fliegst, Helios! Deine Flügel sind wirklich wunderschön.«
»Oh, vielen Dank. Da wird man ja verlegen!«
Wären seine Federn nicht feuerrot, dann würden sie es spätestens jetzt werden. Bei dem Gedanken musste Sky ein kleines Kichern unterdrücken.
»Und was hast du geholt?«
»Hier, bitte. Du brauchst selbstverständlich vernünftige Kleidung. Deswegen sind an den Portalen überall kleine Verstecke, in denen Proviant und Ähnliches gelagert wird.«
»Gut, dann gehe ich mich kurz umziehen.«
Gott sei Dank! Sonst würde sie in ihren verschwitzten Arbeitsklamotten bei den Elben auftauchen. Und das würde ihren Traumlegolas vergraulen.
Sie ging wieder ein Stückchen in den düsteren Wald hinein und begutachtete das Bündel. Es enthielt enge Lederhosen, eine grüne Tunika und hochgeschnürte Lederstiefel. Gott sei Dank ohne Absätze. Schnell schlüpfte Sky in die neuen Klamotten und hängte sich den weichen, langen Umhang um die Schultern. Wow, ein Spiegel wäre jetzt toll! Ich sehe aus, als würde ich in ein Mittelalter-Cosplay oder so gehören.
Zufrieden mit ihrem Äußeren lief sie zurück zu ihrem Wächter.
»Jetzt siehst du schon viel mehr nach einer Reisenden aus«, meinte dieser und nickte anerkennend.
»Hier ist noch etwas, das in dem Versteck lag.«
Mit einer Kralle schob Helios ihr einen langen Dolch entgegen. Skeptisch sah sie von der Waffe zu dem Phönix, ehe sie zögerlich danach griff. Er war schwer, lag aber perfekt in ihrer kleinen Hand. Ganz so, als wäre er extra für sie geschmiedet worden. Das Licht spiegelte sich in der glatten Klinge und blendete Sky. Die Kälte des Metalls durchdrang ihre Haut.
»Was soll ich damit?«
Sie war nicht dumm, natürlich wusste sie, dass der Dolch als Verteidigungsmittel dienen sollte. Aber Sky hatte nicht vor eine Waffe zu benutzen.
»Steck ihn ein. Er ist nur dafür da, wenn du dich verteidigen musst oder ich dir nicht helfen kann. Mir zuliebe, bitte.«
Es war ja logisch, in einer solchen Welt eine Waffe zu tragen. Trotzdem gefiel es ihr nicht. Pfefferspray zu benutzen, um sich zu verteidigen, war das eine. Aber eine richtige Waffe gegen ein Lebewesen zu richten etwas ganz anderes! Sky atmete tief durch und steckte den Dolch an ihren Gürtel. Sie würde ihn einfach ignorieren. Und sollte sie sich wirklich hier verteidigen müssen, wäre dieser Zahnstocher bestimmt besser, als die angebrochene Dose Pfefferspray.
»So, meine Dame, seid Ihr bereit?«
Helios schaffte es erneut, ihre düsteren Gedanken zu vertreiben.
Nach zwei Tagen hatten sie das Ende der Grasebene fast erreicht. Am Horizont erkannte man nun eine große Stadt. Weiße Türme streckten sich gen Himmel. Eine solide Steinmauer zog sich entlang der äußeren Gebäude. Um die Stadt herum waren kleine Bauernhöfe errichtet, eingebettet in grünen Wiesen und Feldern.
»Das ist Isris. Die Hauptstadt der Elben. Dort leben die höchsten Anführer ihres Volkes, einschließlich der Königin. Ihr werdet sie kennenlernen, eine beeindruckende Frau. Wir müssten jeden Moment auf unsere Begleiter stoßen. Dann können wir kurz verschnaufen.«
Bisher war es erstaunlich angenehm gewesen, in dieser fremden Welt zu reisen. Es gab überall frisches Wasser und in den kleinen Wäldchen wuchsen viele Früchte. Außerdem konnte Helios mit seinen langen Krallen ganz einfach Fische fangen, die sie über dem Feuer röstete. Auch wenn die Sorge um ihre Familie sie beinahe auffraß, gefiel ihr die wilde Schönheit der Spiegelwelt. Ihre Schwestern würden es hier genauso toll finden. Sky schluckte und blinzelte die Tränen weg. Es zerriss sie innerlich. Sie gehörte nicht hier hin und hatte eine Familie, um die sie sich kümmern musste.
Aber dennoch gefiel es ihr hier unglaublich gut. In der Gesellschaft des Phönix fühlte sie sich pudelwohl. Und sie konnte sich tatsächlich vorstellen länger in dieser fremden Welt zu bleiben. Doch ihr schlechtes Gewissen brachte sie fast um.
Wie soll ich das ganze hier nur überstehen? Ich kann doch nicht einfach so dieses Abenteuer beginnen und Mama und die Mädchen im Stich lassen.
Helios schien ihre innere Zerrissenheit bemerkt zu haben und strich ihr sanft mit dem weichen Flügel über die Wange. »Versuche an etwas anderes zu denken, Sky. Auch wenn es schwer ist. Wir dürfen jetzt nicht auffallen.«
Auf den letzten Meilen waren ihnen häufiger Händler entgegengekommen. Er hatte sie daher gebeten die Kapuze ihres Umhangs aufzusetzen, damit ihre Ohren versteckt blieben. Ein Mensch, der hier allein mit dem Phönix unterwegs war, wirkte zu auffällig, vor allem da Helios als Wächter bekannt war. Die Ankunft von Sky und den anderen in der Spiegelwelt sollte so lange wie möglich geheim bleiben.
Aber je näher sie der Stadt kamen, desto nervöser wurde der Phönix. Und das hatte nichts damit zu tun, dass jemand sie erkennen könnte.
Es war ungewöhnlich still. Keine Tiere waren mehr zu sehen. Plötzlich flogen mehrere Vögel aus einem entfernten Dickicht auf, als wenn sie etwas erschreckt hätte. Sky bekam ein mulmiges Gefühl im Magen, welches von Sekunde zu Sekunde stärker wurde.
»Helios, irgendetwas stimmt hier nicht.«
Er nickte angespannt und hielt wachsam Ausschau. »Sie müssten längst hier sein!« Plötzlich zuckte er kurz zusammen.
»Was ist? Hast du etwas gehört?«
»Auf meinen Rücken! Schnell! Wir müssen uns umsehen, auch wenn ich dich nicht lange tragen kann.«
Helios lehnte sich leicht nach vorne und ging etwas in die Knie. Ohne zu zögern, folgte Sky seiner Anweisung und hockte sich auf den schmalen Rücken des Phönix. Sie zwängte ihre Knie unter seine Flügelansätze und krallte die Finger tief in das dichte Gefieder. Sky hoffte, dass der Flug nicht zu anstrengend für ihren Wächter werden würde. Vermutlich brauchen wir seine Kräfte noch und das wohl schneller, als uns lieb ist.
Er breitete die Flügel aus und stieß sich kräftig ab. Er flog in einem weiten Bogen nach rechts und ließ die Elbenstadt wieder hinter sich. Wären sie jetzt nicht in einer so beklemmenden Situation, hätte sie das Fliegen genossen. So weit über der Erde zu sein und die kraftvollen Schläge der Flügel unter sich zu spüren, gefiel ihr.
Dann entdeckte Sky einige Meter entfernt zwei kleine Gestalten über das Gras rennen. Ihnen war eine Gruppe schwarz gekleideter Reiter dicht auf den Fersen.
»Da vorn!«
Aber Helios hatte sie schon vorher gesehen und steuerte nach unten.
»Halt dich fest!«, rief er durch den tosenden Wind.
Sie krallte sich stärker in sein Gefieder und presste sich an seinen Rücken. Je näher sie dem Boden kamen, umso besser erkannte Sky die ausweglose Situation unter ihnen. Die zwei Gestalten entpuppten sich als ein Mädchen und ein weißer Fuchs. Doch ihre Verfolger verringerten mit jeder Sekunde den Abstand zu den Gejagten. Bei ihrem Anblick verschlug es ihr den Atem. Beim ersten Hinsehen konnte man sie für Menschen halten. Aber ihre Körper waren von schrecklichen Wunden entstellt, die normalerweise tödlich sein mussten! Genauso ihre Pferde. Ihre Augenhöhlen waren leer und an manchen Stellen schimmerten Knochen unter dem schwarzen Fell hervor. Vielleicht waren es Zombies?
»Sky, du musst springen! Ich werde sie ablenken! Bring das Mädchen in Sicherheit!«
Was?! Ist er verrückt geworden?
»Nein! Helios, ich kann dich doch nicht allein gegen diese Monster kämpfen lassen!« Der Gedanke, dass der Phönix verletzt werden könnte, bohrte sich wie ein Messer in ihr Herz.
»Das ist meine Aufgabe! Dafür sind wir hier! Ich bin dein Wächter! Wir sind ersetzbar, ihr nicht!«
Mit diesen Worten machte er einen Schlenker nach rechts und warf Sky zu Boden. Sie fiel, aber nur knappe zwei Meter, und rollte sich ab.
Über die Schulter blickend sah sie, dass der Phönix seine riesigen Schwingen ausbreitete. Wie Flammen schlugen sie den Reitern entgegen. Sie riss sich von dem Anblick los und rannte, so schnell ihre Füße sie trugen. Nicht zurückblicken, mahnte Sky sich. Sie konnte Helios nur helfen, wenn sie sich selbst in Sicherheit brachte. Sich und die andere Reisende.
»Kommt! Wir müssen hier weg«, rief sie den beiden zu und blieb keuchend stehen.
Der kleine Fuchs nickte zustimmend. »Ihr müsst gehen! Es ist nicht mehr weit zu den Elben. Sie werden euch kommen sehen und ihre Krieger schicken!«
Das fremde Mädchen schüttelte nur den Kopf. »Ich lass dich nicht allein, Chiyo! Die werden euch umbringen!«
»Das ist lieb von dir. Aber Helios und ich können uns verteidigen. Und jetzt geht! Los!«
Der Fuchs strich noch einmal um die Beine des Mädchens und rannte dann den Reitern entgegen. Währenddessen begannen kleine Funken um seinen Schweif herum aufzuleuchten
»Los jetzt! Sonst kämpfen die beiden umsonst!«
Schnell griff sie nach der Hand der anderen Reisenden und riss diese aus ihrer Starre. Die beiden rannten in Richtung der Elbenstadt, die Kampfgeräusche im Nacken.
»Ich … ich bin übrigens Sky«, keuchte sie.
»Adriana. Lauf weiter und rede nicht dabei, sonst schaffen wir das nie«, kam als harsche Antwort.
Na klasse, wie freundlich. Wir rennen hier um unser Leben und sie hält sich für was Besseres. Gleich darauf bereute sie aber den Gedanken bereits. Wer weiß, was ihr schon alles passiert ist oder woher sie kommt.
Sie hatten noch gut eine Meile bis zur Stadt, als dort die Hörner geblasen wurden. Hoffentlich war das ein gutes Zeichen und jemand kam als Unterstützung für die beiden Wächter! Die Tore öffneten sich und ein Dutzend Reiter galoppierten heraus.
»Hilfe! Sie müssen unseren Wächtern helfen!«, brüllte Sky und fuchtelte wild in die Richtung des Kampfgeschehens.
Die Reiter hielten jedoch weiter auf die beiden Mädchen zu und machten keinerlei Anstalten ihren Freunden beizustehen.
Ein braunes Pferd kam direkt vor ihr zum Halten und der Reiter zog sie hinter sich in den Sattel. Ihre Beine pressten sich eng an die des Soldaten.
»Nein! Ihr müsst ihnen helfen! Sie sterben da draußen!«, rief Adriana voller Verzweiflung, während sie ebenfalls auf ein Pferd gezerrt wurde.
Was sollte sie ohne Helios machen? Diese Welt war so neu und fremd. Der Phönix war momentan ihr einziger Verbündeter und Freund. Und Wächter. Genau wie er gesagt hatte.
»Bitte, dreht um! Sie brauchen euch da draußen«, schrie sie den Reiter verzweifelt an.
»Tut mir leid. Eure Sicherheit ist von oberster Priorität! Die beiden wissen, wofür sie kämpfen!«, antwortete dieser nur und trieb das Pferd weiter an.
Ihre Angst um die Wächter verhinderte, dass sie sich nach dem Kampf umdrehte. Außerdem war der rasante Galopp so wackelig, dass sie befürchtete, bei der kleinsten Bewegung vom Pferd zu fallen. Die Hände hatte sie in das Kettenhemd des Reiters gekrallt.
Die wenigen Minuten, bis sie das Tor passierten, kamen Sky vor wie Stunden. Schließlich ritten sie in die Stadt. Die Pferde wurden langsamer und das schwere Stadttor schlug mit einem Knall hinter ihnen zu. Sie standen vor einer großen, hübsch angelegten Palastanlage. Doch Sky konnte der Schönheit des Ortes nichts abgewinnen, die Angst um Helios war zu groß. Der Reiter stieg von seinem Pferd und wollte sie dann herunterheben.
»Danke, ich kann selber absteigen.«
So elegant wie möglich schwang sie sich vom Pferd. Als dann aber ihre Füße den Boden berührten, gaben ihre Knie nach. Hätte der Reiter nicht beherzt zugegriffen, wäre sie jetzt mit ihrem Allerwertesten auf dem Boden gelandet. Kein sonderlich beeindruckender erster Eindruck.
»Ihr braucht mir doch nicht zu Füßen liegen, nur weil ich Euch gerettet habe.«
Der Reiter lachte und nahm seinen Helm ab. Und da war er. Ihr Legolas! Er hatte zwar eher etwas von Zac Efron, aber trotzdem. Groß, dunkelhaarig, mit ebenmäßigen, feinen Gesichtszügen. Wow. Und dieser Kerl hatte sie gerettet.
»Hat es der Reisenden die Sprache verschlagen?«, fragte er sie mit einem Grinsen und zeigte dabei gerade weiße Zähne.
Adriana baute sich vor dem Soldaten auf und ihre Augen blitzten wütend. »Nein, ihr hat es nicht die Sprache verschlagen! Sie hat nur Angst um ihren Wächter, genau wie ich! Warum zur Hölle steht ihr hier rum? Geht da raus und helft ihnen!«
»Weil es ihre Aufgabe ist, euch sicher hierher zu geleiten und zu schützen. Und wir würden ihnen auf der Stelle helfen, wenn wir könnten. Nur seid ihr wichtiger, Adriana und Sky«, sagte jemand hinter ihnen. Die Mädchen drehten sich um. Eine bildschöne Elbin in einem lavendelfarbenen Kleid kam auf sie zu. Das silberblonde Haar fielen in schweren Wellen bis weit unter ihr Kreuz. Ihre Stimme war mit Macht erfüllt, aber dennoch sanft, fast liebevoll.
Die Reiter knieten nieder und Sky wollte ebenfalls auf die Knie gehen, doch Adriana schüttelte leicht den Kopf.
»Ihr braucht euch nicht vor mir zu beugen, Reisende. Mein Name ist Eruanna, Königin der Elben. Ich heiße euch beide in unserer wundervollen Stadt willkommen.«
Sie verneigte sich trotzdem. Diese Elbin war eine Königin, also sollte man ihr den nötigen Respekt entgegenbringen. Sogar Adriana neigte nun leicht den Kopf, aber ihr Gesichtsausdruck zeigte nach wie vor Besorgnis.
»Bitte, Majestät. Ich möchte doch nur, dass meine Wächterin in Sicherheit ist. Sie bedeutet mir viel!« Sie sprach mit fester Stimme, aber ein flehender Unterton schwang mit.
Die Königin wollte ihr gerade antworten, als Flügelschläge zu hören waren. Helios flog über die Mauer und landete mit einem lauten Krachen auf dem bunten Mosaikboden. Und in seiner Kralle hielt er die kleine Füchsin.
D
an dröhnte der Kopf. Der Sturz war heftig gewesen! Vorsichtig bewegte er Arme und Beine, um zu sehen, ob etwas gebrochen war. Zum Glück schien er heile auf dem Boden gelandet zu sein. Aber wie war er gefallen und noch wichtiger … wo in Gottes Namen war er?!
Er erinnerte sich daran, dass er mit seinem Hund die kleine Schafherde zu einer anderen Wiese getrieben hatte. Auf einmal hatte der Schäferhund angeschlagen und war weggerannt. Ansonsten war da nur ein seltsames goldenes Licht in seinem Kopf gewesen.
Auf jeden Fall musste er so schnell wie möglich wieder zurückfinden. Wenigstens würde sein Vater sich keine Sorgen machen. Dieser war für einige Tage in das nächste Dorf gefahren und Dan hatte die Verantwortung für den Hof.
Ich muss unbedingt zurück sein, bevor Vater nach Hause kommt!
Langsam rappelte er sich auf und schaute sich um. Um ihn herum erstreckten sich grasbewachsene Hügel, so weit man sehen konnte. Am Horizont war ein Gebirge zu erkennen. Aber das waren nicht seine Heimatberge. Diese reichten bei Weitem nicht an den Tai Shan, einen der fünf heiligen Berge Chinas, heran. Somit war er nicht mehr in der Provinz Shandong. Wenn er überhaupt noch in China war.
»Ich kann genauso gut die Gegend hier erkunden«, sagte Dan laut zu sich selbst.
Er wollte nach seinem Rucksack greifen, aber seine Hand ging ins Leere. Er musste ihn bei dem Fall verloren haben! Na klasse. Auch das noch. Jetzt stehe ich auch noch mitten im Nirgendwo, ohne Proviant und Wasser. Das kann ja heiter werden. Was solls, dachte er und strich sich die dunklen Haare zurück.
Dan stapfte in Richtung des Gebirges los. Er musste unbedingt die Schafe wiederfinden. Sie waren das einzige Vermögen, welches seine Familie besaß. Ohne die Tiere würden sie nicht über den Winter kommen!
Es war warm, wärmer als ihm lieb war und er begann zu schwitzen. Er fuhr sich über die Stirn und krempelte die Ärmel seines Pullovers hoch. Sein Mund war ganz trocken und er sehnte sich nach etwas kühlem Wasser. Oder zumindest nach Schatten. Wie lange lief er mittlerweile durch diese Einöde? Drei Stunden? Oder doch vier? Und nirgends entdeckte er seine Schafe, geschweige denn einen anderen Menschen. Wo war er hier bloß gelandet?
Über ihm kreisten Vögel. Vermutlich irgendwelche Aasgeier, die sich schon auf eine leckere Mahlzeit freuten. Ihre Schatten fielen auf den Boden und begleiteten ihn, genauso wie ihre Flügelschläge. Doch als einer dieser Schatten immer größer wurde, begann sein Herz schneller zu pochen Er wagte es nicht, nach oben zu schauen, und begann schneller zu laufen. Als er dann direkt über seinem Kopf etwas rauschen hörte, preschte er los.
»Lasst mich in Ruhe! Ihr kriegt mich nicht! Außerdem schmecke ich bestimmt nicht lecker!«, schrie Dan.
Spitze Krallen bohrten sich in seinen Rücken und brachten ihn zum Stolpern. Eine Bodenwelle tat ihr Übriges und er stürzte. Der Grund bebte, als sein riesiger Verfolger landete. Das war es dann wohl. Ich ende als Vogelfutter …
»Warum sollte ich dich bitte essen?
