Welt des Schicksals - Janina Jordan - E-Book

Welt des Schicksals E-Book

Janina Jordan

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Beschreibung

Ein unerwarteter Hilferuf. Eine letzte Rückkehr. Eine dunkle Bedrohung. Kaum in ihre Welt zurückgekehrt, wird die Hilfe der Reisenden erneut benötigt. Eine alles verschlingende Dunkelheit breitet sich über den Ländern aus. Freunde werden zu Feinden, Licht und Schatten verschwimmen und über allem schwebt die einst erfüllt gedachte Prophezeiung. Wird es den Reisenden ein letztes Mal gelingen, ihr Schicksal zu erfüllen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Janina Jordan

 

Welt des Schicksals

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Janina Jordan

Welt des Schicksals

 

Impressum:

Janina Jordan

Im Unterdorf 9

37133 Friedland

 

Copyright © 2023 Janina Jordan

 

Umschlaggestaltung: Dream Design – Renee Rott

Illustration Karte: Margo Wendt

Lektorat & Korrektorat: Eileen Altas

Buchsatz: Herzblut-Lektorat – Stephanie Bösel

www.herzblut-lektorat.de

 

ISBN 978-3-9825382-2-8

1. Auflage, Mai 2023

 

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck oder Kopien, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

 

 

 

 

 

 

Widmung

 

Für Alex,

mögen diese Zeilen einen Weg zu dir finden.

 

Inhaltsverzeichnis

Karte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Danksagung

Über die Autorin

Aussprache der Namen

Charaktere

Glossar

Karte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

– Die Rückkehr –

 

Kapitel 1

 

 

E

in Regentropfen fiel auf Adrianas Stirn, lief ihre Wange hinab und klatschte auf das Kopfsteinpflaster. Erstaunt sah sie zum Himmel. Dunkle Sturmwolken zogen sich über der Stadt zusammen. Eine Brise fegte durch die Straßenschluchten New Yorks.

Als weitere Tropfen auf ihrer Haut landeten, flitzte sie zum nächstbesten Dachvorsprung, um das aufbrausende Hitzegewitter abzuwarten. In den letzten Wochen änderte sich das Wetter binnen Sekunden. Hätte sie es nicht besser gewusst, würde sie sagen, dass diese Umschwünge magischer Natur waren. Doch in ihrer Welt, ihrer Heimat, gab es nicht einmal einen Funken Magie. Neidisch sah sie wieder hinauf zum Himmel, an dem die ersten Blitze flackerten, dicht gefolgt von dem tiefen Grollen des Donners. Jedes Gewitter erinnerte Adriana an das Leben in der Spiegelwelt und an ihre verlorenen Kräfte. Sie wusste nicht, was sie mehr vermisste.

Zögerlich berührte sie mit den Fingerspitzen ihre Seite. Doch. Ich weiß, was ich am allermeisten vermisse. Sie linste nach links und rechts. Als sie sich sicher war, dass niemand sie beobachtete, hob sie ihr Top an und zupfte an der Folie. Vor wenigen Tagen, kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, hatte sich Adriana endlich ihren lang ersehnten Wunsch erfüllt. Der Blick des Tätowierers war einmalig gewesen, als sie ihm das Motiv gezeigt hatte. »Das ist ja mal etwas Ausgefallenes«, hatte er nur gebrummt und sich an die Arbeit gemacht.

Das Piksen der Nadel hatte sie kaum gespürt, es war kein Vergleich gewesen zu manch anderen Schmerzen. Ein prickelnder Schauer lief ihr über den Rücken und Adriana fuhr herum. Doch nichts. Die Straße hinter ihr war leer, keine Menschenseele zu sehen.

Sie fuhr sich trotz der sengenden Hitze fröstelnd über die Arme. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und ein Ende des Unwetters war nicht in Sicht. Was soll’s, dachte Adriana mit einem Seufzen. Sie trat unter dem Vorsprung hervor und schlurfte durch den strömenden Regen nach Hause.

 

Als das hübsche Backsteinhaus im Regenschleier auftauchte, war Adriana komplett durchnässt. Sie rannte über das sommerlich verbrannte Gras ihres Vorgartens und platschte fluchend in eine Pfütze. Wasser durchweichte ihre Schuhe samt Socken. Vor sich hin grummelnd fummelte sie den Schlüssel aus ihrer Tasche, bevor sie in das angenehm kühle Innere des Hauses schlüpfte. Angewidert schälte sie sich aus den Chucks und warf diese inmitten des Durcheinanders anderer Schuhe.

Sie schlich an der Küche vorbei, um die Zwillinge nicht auf sich aufmerksam zu machen. So sehr sie Skys kleine Schwestern auch mochte, manchmal waren diese einfach nur anstrengend. Heute hatte sie definitiv keine Lust auf das nie enden wollende Geplapper der beiden Vierzehnjährigen. Daher glitt sie in ihr Zimmer und drehte den Schlüssel im Schloss.

Adriana griff nach einem Handtuch und rubbelte sich die nassen Haare trocken. Dabei fiel ihr Blick schuldbewusst auf den überladenen Schreibtisch. Sie bemühte sich zwar ihren Schulabschluss nachzumachen, aber wofür brauchte ein Mensch bitte Algebra? Formelnlösen half einem nicht beim Kämpfen und Überleben. Sie verdrängte Skys vorwurfsvolle Stimme in ihrem Hinterkopf. »Wir sind nicht mehr in der Spiegelwelt, Adriana. Hier sind wir keine Reisende und müssen endlich damit abschließen!«

Das Ganze endete erneut in einem Streit und Adriana hatte schließlich nachgegeben. Doch sie wollte nicht mit dem Geschehenen abschließen, um hier ein normales Leben zu leben. Auch wenn sie sich in der Spiegelwelt anfangs nichts sehnlicher gewünscht hatte, als zurückzukehren. Aber nach über zwei Jahren in ihrer Welt fühlte es sich immer noch nicht wie zuhause an.

Ihr Blick flackerte zu dem Spiegel in der Ecke ihres Zimmers. Adriana hatte eine Decke über das Glas geworfen, weil sie ihren Anblick darin nicht ertrug. Zögerlich trat sie vor das Möbelstück. Mit zittrigen Händen griff sie nach dem Stoff und riss diesen vom Spiegel herunter. Staub wirbelte durch die Luft und tanzte im Sonnenlicht, das sich durch die graue Wolkendecke gekämpft hatte.

Widerwillig blickte Adriana ihrem Spiegelbild in die bekannten braunen Augen. Doch ansonsten sah sie nur eine Fremde vor sich. Keine Blitze um sie herum, keine violette Aura oder grauen Sturmwolken. Nichts. Nur ein stinknormales Mädchen, das nicht wusste, was es mit seinem Leben anfangen sollte. Als sie sah, wie sich Tränen in den Augen dieses dummen Mädchens sammelten, verknoteten sich ihre Eingeweide und Wut kochte in ihr hoch. Mit einem verzweifelten Schrei schlug sie die Faust in ihr Spiegelbild. Das Glas zersprang klirrend in tausende Scherben, die sich in ihre Haut bohrten. Schmerz jagte durch ihre Hand.

»Adriana? Alles in Ordnung?«, erklang dumpf die Stimme von Ella, Skys Mutter, vor der Tür.

»Ja, alles okay! Ich habe nur versehentlich eine Tasse fallen gelassen«, antwortete sie und hoffte, dass sich ihre Stimme ansatzweise normal anhörte. Lass mich bitte in Ruhe!

Für einen Moment schien Ella zu zögern, doch dann entfernten sich die Schritte von der Tür. Adriana atmete tief durch. Ihre Finger zitterten, Blut sickerte auf den Boden. Als ein durchsichtiger Tropfen daneben landete, begriff sie erst, dass sie weinte. Ein Schluchzer nach dem anderen ließ ihren ganzen Körper beben.

Sie schlurfte durch den Raum in das benachbarte Badezimmer. Mit einer Hand riss sie sich die durchweichten Klamotten vom Leib und schlüpfte unter die Dusche. Das warme Wasser rann über ihren Körper und spülte Blut wie Tränen in einem rosafarbenen Strudel den Abfluss hinunter.

 

 

Sky schlenderte am Wasser entlang und summte leise im Takt ihres Lieblingsliedes mit. Die Akkorde von Just a Dream wummerten durch ihre Kopfhörer. Die Freiheitsstatue ragte in den blutroten Abendhimmel hinauf. Irgendwo musste hier gleich der Pfad hinunter zu der Bank führen, wo sich das Portal befand.

Es war ein ähnlicher Sommerabend gewesen, als sie damals hindurchgefallen war. Auch wenn viel Zeit vergangen war, erinnerte Sky sich an jede Sekunde in der Spiegelwelt. An die guten Dinge und die schlechten. Kurz schüttelte sie den Kopf, da sich die ersten Erinnerungen den Weg in ihren Geist bahnten. Nein. Das Ganze war vorbei und sie war endlich wieder in ihrer eigenen Welt, bei ihrer Familie.

Gerade setzte Nelly über die Kopfhörer zum Refrain an. Der Song passte wie die Faust aufs Auge.

Als Sky mit Adriana mitten in der Nacht vor der Tür ihrer Wohnung gestanden hatte, wusste sie nicht, was sie zu ihrer Mutter sagen sollte. Ihr Finger hatte so lange über der Klingel geschwebt, dass er sich verkrampfte. Wie konnte man erklären, dass man fast ein Jahr in einer anderen Welt festgesteckt hatte? Einen König gestürzt, Magie benutzt und seinen Seelenverwandten dort gefunden hatte? Und jetzt mit einer Tasche voller Juwelen wieder normal weitermachen wollte, als wäre nichts gewesen?

Mia hatte die Tür verschlafen geöffnet und sie aus riesengroßen Augen angestarrt. Sie hatte wohl nicht glauben können, was sie sah. Das Ganze war Sky vorgekommen wie ein Traum. Sie befürchtete, dass sich ihre kleine Schwester auflösen könnte, wenn sie sie nur berühren würde. Doch nachdem Mia ihr in die Arme geflogen war, wusste Sky, dass sie wirklich wieder zuhause war. Ihre Mutter hatte in dieser Nacht keine einzige Frage gestellt, sondern sie nur ganz fest umarmt. Adriana war die Familienzusammenführung sichtlich unangenehm gewesen, doch ihre Mutter Ella Williams hatte sie mit offenen Armen bei sich aufgenommen.

Ich weiß immer noch nicht, ob sie uns glaubt. Die ganze Geschichte ist so verrückt, ich würde ja selbst kaum ein Wort davon glauben.

Doch die Juwelen, die der Wächterorden ihnen geschenkt hatte, ihre mittelalterlichen Waffen und die sonderbare Kleidung hatten ihre Mutter vermutlich überzeugt. Und ihnen ein halbes Vermögen beschert, sodass sie aus der viel zu kleinen Wohnung in ein hübsches Häuschen umziehen konnten. Sky war endlich in der Lage, die kostspielige Operation ihrer Mutter zu bezahlen und sich außerdem ihren damaligen Wunsch vom Studieren zu erfüllen. Jeden Tag dankte sie Helios und den anderen im Stillen für dieses Geschenk.

Gedankenverloren strich sie über die weiche Feder, die nach wie vor an der silbernen Kette baumelte und sich in ihr Dekolleté schmiegte. Die Erinnerungen an den Phönix und ihre Freunde in der Spiegelwelt bohrten sich wie Dolche in ihr Herz. Ich bin zuhause bei meiner Familie, das ist das Einzige, was zählt. Keine Träumereien mehr davon, ich kann sowieso nie wieder zurück!

Entschlossen zog Sky sich die Kette über den Kopf und trat an das Flussufer. Sie schloss die Hand um das kühle Metall, hielt sie über das dunkle Wasser. Ein Zittern durchfuhr ihren ganzen Körper. Die dicke Wolkendecke brach auf und ein vereinzelter Sonnenstrahl fiel direkt auf ihre verkrampften Finger. Die Feder glühte blutrot in dem Licht auf. Eine Träne lief über Skys Wange. Ich kann ihn nicht loslassen. Ich werde es nie können. Behutsam zog sie die Hand zurück und legte sich die Kette wieder um den Hals.

Das Vibrieren ihres Handys ließ Sky zusammenzucken. Sie fuhr sich über die nassen Wangen und holte das Telefon aus der Hosentasche. Erschrocken las sie die Nachricht und beeilte sich nach Hause zu kommen.

 

»Was ist passiert, Mama?«, rief Sky, schon während sie die Tür aufsperrte. Nervosität machte sich in ihr breit, als sie keine Antwort bekam. Dann erschien ihre Mutter in der Küchentür und Sky atmete erleichtert auf.

»Dir geht es gut! Aber was –«, setzte sie an, doch ihre Mama legte einen Finger an die Lippen und deutete nach oben. Sky huschte in die Küche und schloss leise die Tür.

»Ich habe etwas klirren gehört. Adriana meinte, es wäre bloß eine Tasse. Irgendetwas war anders an ihrer Stimme, aber ich wollte sie nicht drängen mit mir zu reden«, sagte ihre Mutter und sah Sky besorgt an.

Sie hatte ihre Freundin mit so viel Liebe aufgenommen und behandelte diese mittlerweile fast wie ihre eigene Tochter. Sky bewunderte ihre Mama für diese offene Herzlichkeit, erst recht, wenn Adriana sie in ihrer schroffen Art zurückwies. Manchmal verhielt sie sich wieder so wie am Anfang in der Spiegelwelt. Damals hatte sie auch jeden von sich weggestoßen, bis auf Chiyo.

Seit sie zurück zuhause waren, schien Adriana immer mehr den Halt zu verlieren. Sky plagte ein schlechtes Gewissen. Sie selbst war so froh, wieder hier zu sein. Doch dabei vergaß sie gerne, dass es ihrer Freundin deutlich schwerer fiel, sich einzuleben.

»Ich rede mit ihr«, wisperte Sky und ihre Mutter strich ihr zärtlich über die Wange.

»Sag Adriana bitte, dass ich sehr glücklich bin, sie hier bei uns zu haben.«

»Das weiß sie, Mama.«

»Sag es ihr trotzdem noch mal. Ich glaube, sie braucht gerade etwas Liebe.«

Sky nickte nur und ging die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Bevor sie mit Adriana sprach, musste sie erst selbst etwas erledigen. Unter ihrem Bett zog sie eine verstaubte Kiste hervor und schob den Deckel hinunter. Eingebettet in dem weichen Wollumhang lag ihr Ebenholzbogen. Langsam nahm sie die edle Waffe heraus und fuhr andächtig über die Maserung. Es fühlte sich so gut an, den Bogen wieder in der Hand zu halten. Ihre Finger fuhren die verschlungenen Ornamente entlang und ertasteten die beiden Buchstaben. S und D. Dilàn hatte ihr den Bogen vor der Schlacht in Golgathar geschenkt. Lächelnd berührte Sky das elegant geschwungene D und ihr verunglücktes S. Schnitzen hatte ihr nie gelegen und für diese grottenschlechte Leistung hatte sie ein neckendes Lachen des Halbelben geerntet.

Die Erinnerung schnürte ihr die Luft ab. Sky warf den Bogen zurück auf den Umhang, als hätte sie sich verbrannt. Sie riss die silberne Kette von ihrem Hals, um diese auf die Waffe zu schmeißen. Schnell verschloss Sky die Kiste und schob sie weit unter das Bett. Dieses Leben ist längst vorbei. Ich sollte endlich aufhören daran zu denken!

Sie sprang auf, stolperte zu Adrianas Zimmertür. Behutsam klopfte sie an, doch es kam keine Antwort. Sky kannte ihre Freundin zu gut. Diese würde niemals freiwillig um ihre Hilfe bitten, daher drückte sie langsam die Klinke hinunter und trat in den dunklen Raum.

»Adriana? Wo steckst du?«, flüsterte Sky und versuchte in dem düsteren Zimmer etwas zu erkennen. Ein leises Schniefen erklang aus Richtung des Badezimmers. Seufzend trottete sie durch den Raum, als sich ein brennender Schmerz in ihren Fuß fraß.

»Autsch, verdammte Scheiße!«

Fluchend tastete sie blind auf dem Boden herum und berührte ein kaltes Stück Glas. Wieder einmal verfluchte Sky, dass sie keinerlei Kontrolle mehr über das Feuer hatte. Ein Fingerschnippen hätte in diesem Moment gereicht und der Raum wäre taghell gewesen. Sie hatte es so oft versucht. Hatte den Flammen geschmeichelt, ihnen gedroht und sie gezwungen. Doch nichts war geschehen, außer verschmorten Fingerspitzen. In ihrer Welt konnte niemand über das Feuer gebieten. Und Magie existierte genauso wenig.

Sky wollte nie nach außen hin zeigen, wie sehr sie ihre Kräfte vermisste. Und die tanzenden Flammen ihrer Seele, die sie im Spiegelbild geliebkost hatten. Sie musste stark bleiben. Im Hier und Jetzt leben und Adriana ein Vorbild sein! Für ihre Freundin war das hier schon schwer genug, da brauchte sie nicht zu wissen, dass es ihr gleichermaßen erging.

Sie trat einige Schritte zurück und schaltete das Deckenlicht an. Die plötzliche Helligkeit ließ sie blinzeln, kurz flimmerte es vor ihren Augen.

Der ganze Boden war mit Scherben bedeckt, welche in dem Licht leicht glänzten. Schnell hob sie den Fuß und entdeckte einen schmalen Glassplitter in der Sohle. Die Socke hatte sich rot verfärbt. Mit einem leisen Stöhnen zog Sky das Stück heraus. Auf Zehenspitzen lief sie durch den Raum, um ja nicht erneut in das Glas zu treten. Bei dem zerschlagenen Spiegel hielt sie inne. Einzelne Bruchstücke hingen noch im Rahmen, doch in der Mitte prangte ein riesiges Loch.

Ob Adriana sich so fühlt? Zersprungen und zersplittert? Als wäre sie nicht mehr ganz? Ich könnte es ihr nicht verübeln. Es ist fast so, als wären unsere Seelen durch den Fall auseinandergerissen worden. All das, was sich in der Spiegelwelt gefügt und gefestigt hat, ist nun zerbrochen. Aber wenn das der Preis dafür war, wieder bei ihrer Familie zu sein, dann würde Sky ihn bezahlen.

»Adriana?«, fragte sie erneut und trat entschlossen ins Badezimmer.

Ihre Freundin saß zusammengekauert in der Dusche, während der Strahl auf sie niederprasselte. Schnell schnappte sie sich eines der dicken Handtücher und langte über Adriana hinweg, um das Wasser auszustellen.

»Ich glaube, das war genug duschen für heute. Hier.« Sanft legte Sky ihr das Handtuch um die Schultern und griff nach ihrer Hand.

Ihre Freundin zuckte zusammen. Sky runzelte die Stirn und musterte Adriana von oben bis unten. Da entdeckte sie ein rotes Rinnsal, das sich einen Weg von den verletzten Knöcheln hinab auf den gefliesten Duschboden suchte.

»Nicht schon wieder! Los, steh auf. Wir müssen das verbinden«, seufzte sie, zog an ihrer unverletzten Hand.

Es war nicht das erste Mal, dass Adriana einen Spiegel zerstörte, weil sie ihren Anblick darin nicht ertragen konnte. Und nicht das zweite Mal. Bei den ganzen Scherben hoffte Sky, dass nichts an Geschichten von wegen »sieben Jahre Pech« dran war. Früher hatte sie nie an solche Mythen geglaubt, aber auch nicht an Einhörner oder Phönixe. Wer wusste schon, ob dieser Aberglaube nicht doch einen Funken Wahrheit beinhaltete?

Vorsichtig drückte sie Adriana auf den Klodeckel und griff nach einem weiteren Handtuch.

»Darf ich?«, fragte sie und deutete auf die Verletzung. Ihre Freundin nickte hölzern. Sky begann die kleinen Glassplitter zu entfernen und tupfte das Blut von der malträtierten Haut. Sie würde das Tuch später direkt in der Mülltonne entsorgen, ihre Mutter sollte sich nicht noch mehr Sorgen machen.

Das Verhalten der beiden hatte ihre Mama vermutlich am Ende von der Geschichte überzeugt. Sie hatte zugehört und zwischenzeitlich nur ein paar Fragen gestellt. Zu Helios und Chiyo. Zu der Magie und nicht zuletzt zu Dilàn. Die zwei hätten sich gut verstanden, da war Sky sich sicher. Und ihre Mutter hätte ihn gemocht, er war genau die Art Mann, die sie sich immer als Schwiegersohn wünschen würde. Doch jetzt war er weg, unerreichbar. Nur in ihren Träumen traf sie manchmal auf ihn. Vermutlich würde der Halbelb sie auch heute Nacht besuchen.

»Wie war das Treffen mit Daniel?«, fragte Adriana plötzlich, sodass sie zusammenzuckte.

»Ähm, ganz gut. Denke ich. Wahrscheinlich. Er war nett«, stammelte Sky und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Dilàn musste aus ihrem Kopf verschwinden, sonst würde sie sich nie auf jemand Neues einlassen können.

»Nett?« Adriana zog die Brauen hoch. »Klingt ja wirklich klasse.«

»Es war auch nett. Und er ist lieb. Außerdem löchert er mich nicht mit Fragen und akzeptiert, dass ich noch nicht darüber reden möchte.«

»Sky, du warst ein Jahr weg! Natürlich will er wissen, was passiert ist. Dann holt er irgendeinen Typen von der Zeitung dazu und liefert uns ans Messer. Wenn das publik wird, werden die Leute uns für verrückt halten. Und ich habe ganz sicher keinen Bock auf eine Irrenanstalt!«, zischte Adriana und schob ihre Hände weg. Sie schlang das Handtuch enger um ihren Körper und erhob sich.

»Das würde Daniel nicht machen!«

»Du kennst den Kerl doch kaum. Glaubst du echt, er interessiert sich für dich? Er ist nur auf dein Geld scharf, jetzt wo du nicht mehr für ihn arbeiten musst.«

Sky atmete tief ein. Ja, der Gedanke war ihr bereits oft gekommen. Aber als er damals noch ihr Chef gewesen war, hatte er sie schon nach einem Date gefragt. Und wenn sie ihn jetzt abservierte, hatte sie niemanden mehr, um diese Lücke zu füllen, die seit ihrer Rückkehr in ihrem Herzen klaffte.

»Er ist nicht Dilàn, Sky! Du liebst ihn doch immer noch, warum schmeißt du dich dann irgendeinem dahergelaufenen Kerl an den Hals?!«

»Weil ich ihn niemals wiedersehen werde! Keiner von uns kann zurückkehren, Adriana! Kapier das endlich. Wir müssen weitermachen und dürfen nicht mehr dauernd zurücksehen«, schrie sie und stützte sich haltsuchend an der Wand ab. Eine Welle hilfloser Wut und Trauer jagte durch ihren Körper, sodass sie scharf Luft holen musste. »Ich will hier glücklich werden, versteh das doch bitte. Auch wenn es so nicht perfekt ist … sorry, ich wollte dich nicht anschreien.«

Adriana sah Sky lange an. Sie konnte sich ausmalen, was für ein Kampf in ihrem Inneren tobte. Der gleiche, den sie jeden Morgen ausfechten musste, wenn sie in die Uni ging. Wenn sie abends alle gemeinsam beim Abendessen saßen. Auch vorhin, als sie sich mit Daniel getroffen hatte.

»Nein, ich sollte mich bei dir entschuldigen. Aber, Sky, ich kann nicht mehr weitermachen. Ich bin nicht so stark wie du.«

»Du bist der stärkste Mensch, den ich kenne«, flüsterte sie und umarmte ihre Freundin zögerlich. Adriana schob sie sanft zurück, hob das Handtuch an und deutete auf das Pflaster auf ihrer Seite.

»Zeigt das etwa, dass ich stark bin? Nein, es zeigt, wie schwach ich bin. Ich werde nie damit abschließen können. Und irgendwann finde ich einen Weg zurück«, sagte sie mit fester Stimme und legte das Tattoo frei.

Sky seufzte leise, sie hatte es schon geahnt. Auf der gebräunten Haut prangte die detaillierte Zeichnung eines Fuchses mit zwei Schweifen. Die blauen Augen erinnerten so intensiv an Chiyo, dass sie schlucken musste. Und der Verlust von Helios schmerzte in dieser Sekunde nur noch mehr.

»Weißt du, was wir jetzt machen?«, fragte Sky und ließ sich auf den kalten Fliesenboden sinken. Adriana nahm neben ihr Platz und zwirbelte eine nasse Haarsträhne zwischen den Fingern. »Wir rufen Neyla an und laden sie hierher ein. Vielleicht tut uns ein Mädelswochenende gut.«

»Finde ich super. Und noch mal sorry, wegen des Spiegels.«

»Kein Ding, aber versuche dich zukünftig zu beherrschen. Mittlerweile schauen die mich im Möbelhaus schon schief an, bei dem Verschleiß an Spiegeln, den wir hier haben«, brummte Sky, aber ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Vielleicht, ganz vielleicht, würde ja doch alles besser werden. Es brauchte nur Zeit. Und die hatten sie momentan mehr als genug.

 

 

Kapitel 2

 

 

 

»N

ein, bitte lass mich ...«, wimmerte sie.

Ethan presste sich tiefer in die dunkle Ecke. Der massige Schatten schwankte leicht und ein Klatschen ertönte. Gefolgt von ihrem tränenerstickten Schluchzen.

Die Gestalt drehte sich um und kam auf ihn zu. Der Dielenboden knarzte unter jedem Schritt.

»Ethan, lauf weg! Versteck dich«, schrie seine Mutter, doch seine Beine rührten sich nicht. Die Angst lähmte ihn. »Cliff, nein! Tu ihm nichts!« Bettelnd versuchte sie aufzustehen.

»Halt’s Maul!«

Sein Vater trat einen weiteren Schritt auf ihn zu, eine Hand um die halbleere Scotchflasche. Er begann zu lachen. Doch es war kein freundliches Lachen, so etwas hatte Ethan noch nie von ihm gehört. Es war ein böses Lachen. So böse wie dieser Mann. Das Lachen wurde schriller und schriller ...

 

Das Klingeln seines Weckers riss ihn aus dem Alptraum. Ethan fuhr aus den Laken, sein Herz pochte rasend schnell. Kalter Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gesammelt. Mit einer zittrigen Hand wischte er über sein Gesicht und atmete tief durch.

»Mach doch mal dieses schreckliche Klingeln aus«, nuschelte eine Stimme neben ihm und ließ ihn zusammenfahren.

Ein roter Haarschopf lugte unter der Decke hervor. Er seufzte. Genervt tastete er nach seinem Handy und ließ den Wecker verstummen. Die Bewegung jagte einen stechenden Schmerz durch seinen Kopf und er stöhnte auf. Daraufhin kam ein erneutes Grummeln von der anderen Bettseite. Mit einem kurzen Seitenblick auf die Frau richtete Ethan sich auf und setzte vorsichtig die Füße auf den Boden. Dabei streifte er mit der Fußsohle ein kaltes Stück Glas. Erschrocken zuckte er zusammen und linste über die Bettkante.

Mehrere leere Wodkaflaschen lagen auf dem Boden verteilt. Das erklärte zumindest das dumpfe Pochen hinter seinen Schläfen. Noch etwas wackelig erhob er sich und wankte durch das Chaos seines Zimmers. Vorsichtig zog er eine halbwegs saubere Hose unter einem leeren Pizzakarton hervor und durchwühlte die Papiere auf dem Schreibtisch, auf der Suche nach dem angebrochenen Päckchen Kopfschmerztabletten. Dabei löste sich ein Brief und riss eine ganze Lawine an Unterlagen mit zu Boden.

Ethan unterdrückte einen derben Fluch. Schnell stopfte er alles in die unterste Schublade und hob ein noch verschlossenes Kuvert auf. Darunter entdeckte er dann endlich die Tabletten. Dankbar warf er sich zwei der Pillen in den Mund und griff nach einer noch halbvollen Flasche auf dem Tisch.

Der Wodka brannte in seinem Hals und ließ ihn würgen. Er packte die Tischkante, biss die Zähne zusammen. Als er kurz die Augen schloss, schwankte der Boden.

»Ist alles okay?«, erklang eine verschlafene Stimme hinter ihm.

»Alles bestens«, knurrte er leise und stieß sich wieder ab. Sein Blick wanderte zu der fremden Frau in den zerwühlten Laken. Sie lächelte ihn glücklich an und schob sich eine der roten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die glänzende, dichte Lockenpracht war der Grund gewesen, weshalb er sie gestern überhaupt angesprochen hatte. Doch nun sah er, dass die Farbe eher an eine Karotte erinnerte. Und ihre Augen waren braun, nicht grün. Weder ein spitzbübisches Funkeln lag darin, noch die Wärme, nach der er sich sehnte. Bei dem verschmierten Lippenstift verzog er das Gesicht.

»Ich glaube, du solltest jetzt gehen ... Sarah«, brummte er nur und wandte sich von ihr ab.

»Ich heiße Sophia«, sprach sie mit verletzter Stimme. Er zuckte bloß mit den Schultern und griff nach dem Handtuch, welches über der Stuhllehne hing.

»Okay, Sophia. War nett mit dir. Zieh die Tür einfach zu. Bis irgendwann.«

Ohne Weiteres stapfte er ins Badezimmer. Nach nicht einmal fünf Minuten fiel die Wohnungstür mit einem lauten Knall ins Schloss. Für einen Moment bekam er Mitleid mit dem Mädchen, doch das Gefühl blieb nicht lange. Dafür bahnte sich sein Abendessen seinen Weg nach oben und er hechtete zur Kloschüssel.

 

Eine halbe Stunde und eine heiße Dusche später trat Ethan wieder aus dem Bad. In seinem Magen rumorte es immer noch, aber dieses Mal stieg zum Glück keine Übelkeit auf. Stattdessen kreisten seine Gedanken um den schrecklichen Traum. Es war jede Nacht das Gleiche. Immer wieder hagelten Erinnerungen auf seinen Geist nieder, der sich im Schlaf nicht dagegen wehren konnte. Verdrängte, grausame Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend. Erinnerungen aus der Zeit in der Spiegelwelt. Erinnerungen an all jene, die durch seine Hand gestorben waren. Und an alle, die er nicht hatte retten können. Nicht selten war es Vittorias Gesicht. Oder ihr zerschundener Körper am Fluss, direkt neben Dilayas.

Bei manchen Träumen wusste er nicht einmal, ob die Erinnerungen überhaupt echt waren. Trotzdem quälten sie ihn und ließen ihn schweißnass aus dem Schlaf fahren. Es hatte direkt in der ersten Nacht zurück in London begonnen. Vielleicht lag es an dem erneuten Fall durch das Portal. Oder es war schlichtweg seine Schuld. Er hatte niemandem von ihnen helfen können. Das war jetzt die Buße für all seine schrecklichen Taten in beiden Welten.

Ein Brennen stieg in seine Augen und mit einem erstickten Schluchzen presste er sich die Hand vor den Mund. Seine Nachbarn hielten ihn eh schon für verkorkst. Wie ein kleines Kind zu heulen, würde nur wieder für neuen Klatsch sorgen.

Er trat an seinen Schreibtisch und strich gedankenverloren über eines der dicken Lehrbücher. Vor seinem Fall war ihm ein Sportstipendium sicher gewesen, doch wer ein Jahr als vermisst gilt, wird natürlich nicht mehr berücksichtigt. Die Juwelen aus der Spiegelwelt hatten das fehlende Geld für die Studiengebühren problemlos ausgeglichen. Aber in den letzten zwei Jahren war Ethan vielleicht in zehn Vorlesungen gewesen. Dieses stumpfsinnige Lernen und Rugbyspielen, nichts hatte mehr Bedeutung. Nach allem, was er durchgestanden hatte, was er gesehen hatte. Da würde sich kaum jemand auf ein schwachsinniges Studium konzentrieren können.

Sein Blick wanderte auf den unscheinbaren Brief, welcher ihm vorhin vom Schreibtisch gesegelt war. Absender war seine Universität. Er brauchte ihn nicht zu öffnen, da er schon längst wusste, was darin stand. Ethan war durch die meisten seiner Kurse gefallen, hatte nicht annähernd die Anforderungen an Credits erfüllt und das Studiengeldkonto überzogen. Es war nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ihn rausgeschmissen hätten. Und dieser Fall war nun eingetreten, allerdings schneller, als ihm lieb war.

Direkt neben dem Brief befand sich noch die halbvolle Flasche Wodka, mit der er vorhin die Tabletten hinuntergespült hatte. Der Alkohol war sein Freund in den letzten Jahren geworden, das Einzige, was ihn vor den Träumen und Erinnerungen beschützte. Er konnte so nicht weitermachen, das wusste Ethan genau. Doch es war einfacher, den Schmerz zu betäuben. Sei es mit Wodka oder Frauen. Niemand in dieser Welt konnte verstehen, was ihn so zerriss.

Ares. Ich brauche dich! Wo bist du?

Doch sein Wächter war viel zu weit weg, um ihm beizustehen. Resigniert griff Ethan erneut nach der Flasche.

 

 

Mit einem Lächeln sah Neyla aus dem Taxi. Licht und Schatten huschten im aufregenden Tanz über ihr Gesicht, während die Klänge der Straße ihr eigenes Lied dazu spielten. Die Stadt, die niemals schläft. Eine treffende Beschreibung für New York. Sie war lange nicht mehr in dieser einzigartigen und wunderschönen Stadt gewesen. Vorsichtig lehnte sie die Stirn an die kühle Fensterscheibe und sah zu den Wolkenkratzern, welche sich hinauf in den dunklen Himmel reckten. Dabei bemerkte sie die anerkennenden Blicke des Fahrers. Ein anzügliches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und sie zwinkerte ihm zu. Der junge Mann wurde rot, richtete seine Aufmerksamkeit schnell wieder auf den dichten Verkehr. Er konnte nicht viel älter als sie selbst sein. Maximal Mitte zwanzig. Verwuschelte, dunkle Haare. Ein gepflegter Bart, welcher ein attraktives Gesicht einrahmte. Und strahlende hellbraune Augen

Wäre sie heute nicht mit Adriana und Sky verabredet, dann würde sie ihm ein anderes Ziel nennen. Ein hübsches Hotel zum Beispiel. Oder eine nette Bar, in der sie sich unterhalten konnten. Sie biss sich auf die Lippe und sah wieder hinaus in die vorbeirauschende Stadt.

Blind tastete sie in ihrer Handtasche. Sie griff nach ihrem Handy und entsperrte das Display. Schnell tippte sie eine kurze Nachricht an Sky.

 

Neyla: »Bin im Taxi. Sollte in zwanzig Minuten bei euch sein.«

 

Sky: »Alles klar!

Bis gleich.

Wir freuen uns, der Sekt steht schon kalt.«

 

Neyla verkniff sich ein Lachen bei Skys Antwort. Die Einladung war so spontan gekommen und dennoch bitter nötig. Viel zu lange hatten sie sich nicht gesehen. Und es versprach jetzt schon ein feuchtfröhliches Wochenende zu werden.

Die letzten Anspannungen, die Hektik der Reise und ihrer anstrengenden Arbeitswoche fielen endlich von ihr ab. Entspannt lehnte sie sich gegen die Kopfstütze des Sitzes und schloss für einen Moment die Augen. Nur um von einem Vibrieren gestört zu werden. Seufzend drückte sie den Anruf weg. Es war wieder ihr Vater. Genau wie die letzten drei Male. Neyla hatte zuhause alles stehen und liegen gelassen, als Sky sie angerufen hatte. Seit ihrer Rückkehr unterstützte sie ihren Vater und begleitete ihn auf seine Geschäftsreisen quer durch die ganze Welt. Von ihrer Magie war kein einziger Funken, nicht mal mehr eine Spur geblieben. Gerade deswegen war es so erstaunlich, dass die Fähigkeit der Mehrsprachigkeit aus der Spiegelwelt sich erhalten hatte. So konnte sie nun in jedem Land und in jeder Sprache für ihren Vater, den Botschafter, dolmetschen.

Auch wenn es anfangs viel Überredungsarbeit gebraucht hatte, war sie mittlerweile unverzichtbar für die unzähligen Reisen und Staatsbesuche geworden. Daher war er nicht allzu begeistert gewesen, als sie ihm zwischen Tür und Angel zugerufen hatte, dass sie am nächsten Tag nach New York fliegen würde. Allein. Für unbestimmte Zeit. Aber was soll er machen? Mich kündigen?

Erneut erschien ein eingehender Anruf. Genervt drückte Neyla auf den kleinen roten Hörer. Er würde schon ein paar Tage ohne sie auskommen. Außerdem stand für ihren Vater eine Geschäftsreise nach Australien an. Sie hatte ihm von Anfang an klar wissen lassen, dass sie ihn immer und überallhin begleiten würde. Nur nicht nach Australien. Sie würde sich nicht freiwillig auch nur in Lukes Nähe begeben.

Zähneknirschend scrollte sie in ihren Chats nach ganz unten und starrte auf sein Profilbild. Er lachte strahlend in die Kamera, die Arme um ein hübsches blondes Mädchen geschlungen. Kate. Ihre Augen strahlten mit seinen um die Wette. In ihre Wangen gruben sich abartig süße Grübchen. Sie war einfach wunderschön. Und Luke wirkte so glücklich. Glücklicher als an jedem einzelnen Tag in der Spiegelwelt. Es war so seltsam, ihn auf dem Display zu sehen. Sie vermisste ihn. So viel mehr, als sie sich eingestehen wollte.

Was soll ich schon tun? Er ist wieder mit ihr zusammen und ich bin ihm egal. Alles, was uns in der Spiegelwelt verbunden hat, gibt es hier nicht.

Hier waren sie beide nicht die wächterlosen Reisenden. Hier gab es keinen Werwolfsfluch, der auf ihm lastete. Hier waren sie nur noch zwei Menschen, die sich einmal gekannt hatten. Ihre Gedanken wanderten zu den letzten Minuten in der Spiegelwelt. Die letzten Minuten, die sie miteinander verbracht hatten, bevor jeder in sein Leben zurückgekehrt war.

 

Die Mahagonitür schloss sich hinter ihnen, verbarg die dahinterstehenden Wächter. Weißes Licht durchflutete den Raum. Das Zwitschern von Vögeln erklang aus dem offenen Portal.

Neyla schluckte, trat einen unsicheren Schritt auf das Loch im Boden zu. Ein leises Räuspern ließ sie innehalten.

»Willst du einfach gehen, ohne dich richtig von mir zu verabschieden?«, fragte Luke mit rauer Stimme.

Erstaunt drehte sie sich zu ihm um. Neyla hatte ihn, wie auch alle anderen, fest in die Arme geschlossen, bevor sie durch die Tür getreten war.

»Was meinst du?«

Er überwand die Distanz zwischen ihnen, blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen. Sie sah hinauf in seine strahlend blauen Augen unter der gezackten Narbe. Darin blitzte etwas auf, was sie nicht deuten konnte. Angst? Trauer?

»Ich kann nicht einfach zurückgehen, ohne … ohne es einmal gemacht zu haben«, flüsterte er in ihr Ohr, strich eine ihrer Haarsträhnen zurück. Neylas Herz flatterte. Sie legte ihre Hand zögerlich auf seine breite Brust. Mit der anderen streichelte sie über seine Wange. Das hier fühlte sich so richtig an! Es löste eine Wärme in ihrem Bauch aus. Sie hatte gedacht, sie würde diese nie wieder spüren.

Ganz langsam lehnte Luke sich zu ihr herunter, griff nach ihrer Taille. Er zog sie an sich und vereinigte ihre Lippen. Die sanfte Berührung jagte durch ihren Körper, ließ einen Schauer über ihren Rücken wandern. Entfachte etwas, von dem sie sich so viel mehr vorstellen konnte. Etwas, was sie immer fühlen wollte.

 

Die Bremsen des Taxis quietschten, rissen Neyla aus den schmerzhaften Erinnerungen an Luke und ihren Abschied. Sie schüttelte den Kopf und kramte ihr Portemonnaie hervor. Schnell zählte sie das Geld ab und rundete großzügig auf.

»Hier«, sie streckte ihm die Scheine entgegen. »Der Rest ist für dich.«

Sie zwinkerte ihm noch mal zu, als seine warmen Finger ihre streiften, und schlüpfte aus dem Taxi. Tief die Sommerluft einatmend streckte sie sich. Nachdem sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum geholt hatte, ging sie auf das hübsche, kleine Backsteinhaus zu. Neyla stieß ein anerkennendes Pfeifen aus. Sky und Adriana hatten die Juwelen gut genutzt. Es musste ein halbes Vermögen gekostet haben, hier ein Haus zu kaufen. Mit verkrampftem Finger drückte sie auf die Klingel.

Keine Sekunde später wurde die Tür aufgerissen und ein Wirbelwind aus braunen Haaren zog sie in die Arme. »Neyla! Oh, es ist so schön, dich zu sehen!«, rief Sky lachend und löste sich von ihr.

Hinter Sky erschien Adriana in der Tür, ein amüsiertes Schmunzeln auf den Lippen. Ihre Umarmung war dagegen deutlich gesitteter.

»Es tut so gut, euch zu sehen!«

»Los, komm schon rein.«

Sie wurde in einen hellen, geräumigen Flur gezerrt und konnte gerade so einen Blick auf eine Wohnküche erhaschen.

»Meine Mutter und die Zwillinge sind das Wochenende weg. Wir haben also sturmfrei.«

»Geil! Du hast etwas von Sekt gesagt?«

 

Mit einem leisen Zischen flog der Korken aus der nächsten Flasche und die prickelnde Flüssigkeit sprudelte über ihre Finger. Vorsichtig füllte sie die geleerten Gläser wieder auf und leckte sich die klebrigen Reste von der Hand.

»Hier«, schnell drückte Neyla Sky eine der Sektflöten in die Hand und griff nach den beiden anderen.

Auf wackeligen Beinen lief sie zu Adriana, die auf der Sofalandschaft saß. Dankend nahm diese die Erfrischung an. Sie ließ sich mit einem Ächzen wieder neben der Freundin fallen und angelte sich eines der letzten Stücke Pizza aus dem Karton.

»Mmh, die ist köstlich«, nuschelte sie, genoss den salzigen Geschmack von Salami und Käse. »Dein Chef kann wirklich geniale Pizza machen, Sky.«

»Anscheinend ist der nicht nur gut im Kochen«, erwiderte Adriana trocken und nippte an ihrem Sekt.

Erstaunt zog Neyla die Brauen hoch. »Was? Wieso weiß ich davon nichts? Seit wann geht das denn schon?«

Doch von Sky kam nicht mehr als ein Schulterzucken. Sie stürzte ihr noch halbvolles Glas herunter und stapfte zurück zur Theke.

»Hab ich was Falsches gesagt?«, flüsterte Neyla leise an Adriana gewandt.

Doch diese winkte ab. »Nein. Sie scheint nur ein wenig empfindlich zu sein, was das Thema Männer angeht. Ich glaube kaum, dass es ihr mit dem Typen ernst ist. Er ist zwar nett und alles, aber …«

»Aber er ist nicht Dilàn«, vollendete sie den Satz und warf einen langen Blick auf Skys Rücken.

»Euch ist schon klar, dass ich euch hören kann?«, erklang ihre leicht genervte Stimme. Neyla biss sich schuldbewusst auf die Lippe. »Wieso wird eigentlich immer nur über mein Liebesleben getratscht? Was ist mit euch beiden? Wann habt ihr das letzte Mal von Luke und Dan gehört?«

Betretenes Schweigen war die Antwort. Weder Adriana noch sie selbst wussten, was sie darauf sagen sollten. Sky hatte mitten ins Schwarze getroffen.

»Für derartige Gespräche brauche ich definitiv mehr Alkohol«, murmelte Adriana und erhob sich. Doch sie ging nicht zurück zu den Getränken, sondern erstarrte.

»Adriana? Alles okay?«

Das Sektglas fiel ihr aus der Hand und zerschellte in tausende Scherben. Dann schrie sie voller Schmerz auf.

 

 

 

 

 

Kapitel 3

 

 

D

as Rauschen der Wellen beruhigte Lukes Nervosität ein klein wenig. Das Meerwasser umspielte sanft seine nackten Füße und er grub die Zehen in den Sand. Die azurblaue See erstreckte sich bis zum Horizont, wurde nur hier und da von der Silhouette eines Segelbootes unterbrochen. So sehr er diese Aussicht einst geliebt hatte, mittlerweile verband er sie mit Schmerz. Das Meer war seine Verbindung zur Spiegelwelt. Und somit auch zu Savion.

Abrupt wandte er sich vom Ozean ab und schulterte das Surfboard. Er stapfte durch den warmen Sand zurück zur Promenade. Die Sonne stand tief und tauchte alles in ihr blutrotes Licht. Auch den kleinen Felsvorsprung, auf dem er Handtuch und Schuhe abgestellt hatte. Luke lehnte das unbenutzte Brett an den Stein und trocknete sich mit einem Seufzen die Füße ab.

Seit seiner Ankunft hatte er es jeden Tag versucht, hatte immer wieder das Board in die Hand genommen und war hinunter zum Strand gegangen. Doch er konnte einfach nicht weiter als ein paar Schritte hinein ins Wasser laufen. So sehr er das Surfen auch geliebt hatte, jetzt war es nur ein Verrat. Das Meer war für ihn gestorben. Genau wie sein Wächter vor vielen Monaten.

Schnell schlüpfte er in die Turnschuhe und zog sich das T-Shirt über die nackte Brust. Dabei berührte er versehentlich die Stelle, an der die Narben des Werwolfes ihn verunstaltet hatten. Die Haut war wieder makellos. Nichts zeigte mehr, was ihm widerfahren war.

Die Sonne verschwand langsam hinter den Palmen und Luke beschleunigte seine Schritte. Er hatte noch einen Termin in der Stadt, bevor er heimgehen konnte. Doch zunächst kramte er seine Schlüssel hervor und steuerte die Strandbar an. Die Lichter waren aus. Ashton, sein Barkeeper, musste bereits Feierabend gemacht haben. Er verübelte es ihm nicht. Momentan lief die Bar sowieso nicht sonderlich gut, somit konnte wenigstens etwas Lohn eingespart werden.

Das Schloss klemmte wieder einmal und er brauchte geschlagene fünf Minuten, um die Tür endlich aufzubekommen. Schnell verstaute Luke sein Surfboard im Lagerraum und strich noch einmal liebevoll darüber. Er verschloss die Tür und steuerte wieder den Ausgang an, als sein Blick auf das milchige Fenster zur Küche fiel. Die letzten Sonnenstrahlen erhellten die Bar noch ausreichend, um sein Spiegelbild zu zeigen. Zögerlich näherte er sich. Sein Gegenüber sah wieder exakt so aus wie damals vor dem Fall. Kurze, perfekt gestylte Haare. Glatt rasiert. Ein makelloses Gesicht, ohne die entstellende Narbe.

Luke schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und trat noch einen Schritt an das Fenster. Alle Veränderungen waren wie weggewischt, als wären die Ereignisse in der Spiegelwelt nie passiert. Nichts erinnerte mehr an das Jahr.

Langsam griff er in den Ausschnitt seines Shirts und zog das Band hervor. Es war aus mit silbernen Schnüren verflochtenem Leder. Die einzelnen Komponenten waren so eng miteinander verwoben, dass weder ein Anfang noch ein Ende zu erkennen war. Die Kette hatte Neyla ihm aus einigen Strähnen von Savions Mähne gebastelt. Vermutlich mithilfe ihrer Magie, denn weder das Leder noch die Haare konnten beschädigt werden.

Das Schmuckstück war das Einzige, was ihm von den beiden geblieben war. Die andere Reisende hatte in den vergangenen zwei Jahren keine seiner SMS, E-Mails oder Anrufe beantwortet. Mit Dan dagegen hatte er sich bereits einige Male getroffen, mit Ethan schrieb er regelmäßig und hin und wieder skypte er mit den beiden Mädels in New York. Nur Neyla wollte scheinbar nichts mit ihm zu tun haben.

Das Vibrieren seines Handys ließ ihn erschrocken zusammenzucken. Er las die Nachricht und biss sich schuldbewusst auf die Lippe.

 

Kate: »Hey, wo bleibst du? Das Essen ist fast fertig.

Freue mich auf heute Abend.

Kuss!«

 

Schnell stopfte er das Telefon zurück in die Tasche und eilte aus der Bar.

Es ist vorbei! Ich lebe jetzt wieder hier, habe meine eigene Strandbar und eine wunderschöne Freundin. Das ist genau das, was ich mir früher immer erträumt habe! Also, reiß dich verdammt noch mal zusammen, Luke!

Er warf die Tür ins Schloss und trottete zu dem kleinen Juweliergeschäft, in dem er für heute Abend einen Beratungstermin vereinbart hatte. In den Schaufenstern glitzerten Ketten, Armbänder und Ringe um die Wette. Warmes Licht drang hinaus auf die Straße. Er atmete tief durch. Drinnen erkannte er Olivia, mit der er gemeinsam in der Schule gewesen war. Sie sah ihn und bedeutete ihm hereinzukommen. Luke zückte das Handy, gab ihr zu verstehen, dass er noch einen Moment brauchte.

Zerknirscht klickte er Kates Nachricht weg und scrollte nach unten, bis er Neylas Chat fand. Die Nachrichten der letzten Monate waren alle nur von ihm, es war nie eine Antwort gekommen. Sein Daumen schwebte über dem Anrufsymbol. Doch dann entschied er sich um und begann zu tippen.

 

Luke: »Hey.Wie ist dein Abend so? Würde mich freuen mal wieder von dir zu hören.xx Luke«

 

Kaum war die Nachricht verschickt, da bereute er sie bereits. Sie würde es sowieso nicht lesen. Oder sie würde es lesen und ihn weiterhin ignorieren, wie schon die letzten zwei Jahre. Die beiden Häkchen leuchteten just in diesem Moment blau auf und unter ihrem Namen erschien der Online-Schriftzug. Luke holte scharf Luft und sein Herz schlug schneller. Aber nichts geschah. Mehrere Sekunden starrte er den Chat an, betete, dass sie etwas schreiben würde. Wenigstens eine kleine Nachricht. Doch nichts. Keine Antwort, kein Anruf.

Er stieß einen leisen Fluch aus und schaltete sein Handy aus. Weißt du was, Neyla. Du kannst mich mal! Er streckte den Rücken durch und stieß die Tür des Ladens auf.

»Luke! Schön, dich zu sehen!«

Er lächelte Olivia freundlich an, versuchte sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Aber die Abfuhr und sein schlechtes Gewissen gegenüber Kate nagten an ihm.

»Was kann ich für dich tun? Du klangst am Telefon ja sehr geheimnisvoll«, sagte sie und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

Zischend stieß er die Luft aus und zwang sich die Wörter über seine Lippen zu bringen: »Ich … ähm. Ich würde gerne einen Verlobungsring bei dir kaufen.«

»O mein Gott! Luke, ist das dein Ernst? Herzlichen Glückwunsch! Ach, wie ich Kate beneide«, kreischte Olivia ganz außer sich und grinste ihn breit an. »Da habe ich genau das Richtige für euch zwei Turteltauben, komm mit.«

Sie kramte in einer der unzähligen Schubladen und brachte einige Schatullen zum Vorschein. Nach und nach legte sie die glitzernden Ringe auf den Tresen, während sie immer weiterredete. »Als du so plötzlich zu deinem Au-Pair-Jahr aufgebrochen bist, dachte ich ja echt, das war’s mit euch. Aber umso schöner, dass es doch wieder geklappt hat und …«

Luke ließ sie weiterplappern und nickte nur hin und wieder, was Olivia anscheinend genügte. Es war Kates Idee gewesen, sein Verschwinden mit einem Jahr als Au-Pair zu erklären. Sie glaubte ihm, das wusste er. Als er damals wie ein kleines Häufchen Elend vor ihrer Tür aufgetaucht war, hatte er ihr alles erklärt. Die schönen, fantastischen und magischen Dinge aus der Spiegelwelt. Alles über seine Freunde. Und die schrecklichen Sachen. Sie hatte ihn im Arm gehalten, als er unter Tränen von Savions Tod erzählt hatte. Selbst als er den Werwolfsfluch erwähnt hatte, hatte sie ihn nicht von sich gestoßen. Sie war viel zu gut für ihn. Nicht ein einziges Mal hatte Kate ihn unterbrochen oder auch nur einen Funken Misstrauen gezeigt. Und wie dankte er es ihr? Indem er seine Gedanken an eine andere Frau verschwendete, für die er sowieso nur Luft war.

»Ich nehme den da«, unterbrach er den nicht enden wollenden Redefluss von Olivia und deutete wahllos auf einen der Silberringe. Sie sahen eh alle gleich aus.

»Sehr gute Wahl. Soll ich ihn in eine Ringschatulle packen?«

»Ja, bitte.«

Sie nickte und wuselte zurück zur Kasse. Er schlurfte ihr hinterher und kramte erneut sein Handy hervor. Ohne zu zögern, suchte er Neylas Nummer heraus und tippte auf Löschen.

Nachdem Luke bezahlt hatte, nuschelte er »Danke dir! Einen schönen Abend noch!« und stopfte das kleine Kästchen tief in seine Tasche.

Es war an der Zeit, endlich mit der Vergangenheit abzuschließen und nach vorne zu sehen. In eine Zukunft ohne Magie und irgendwelche Kräfte. Ohne den Fluch des Wolfes in seinem Blut.

Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Schnell tippte er eine Nachricht.

 

Luke: »Hey, Baby!Ich freue mich auch total! Und ich habe eine Überraschung für dich.Zieh dir was Hübsches an.Ich liebe dich!«

 

Der Abend würde wunderschön werden. Er hatte extra eine Flasche Champagner versteckt, damit sie direkt auf ihre gemeinsame Zukunft anstoßen konnten.

Tief sog er die klare Abendluft in sich auf und sah nochmals hinaus auf das weite Meer. Es war das Richtige. Er wollte gerade nach Hause joggen, als sich plötzlich ein Brennen auf seiner Brust ausbreitete. Was zur Hölle?

Wie flüssiges Feuer versengte es seine Haut. Jaulend riss er das Shirt zur Seite. Er erstarrte. Die geflochtene Kette erstrahlte in gleißend hellem Licht und pulsierte.

In der gleichen Sekunde vibrierte sein Handy. Luke riss das Lederband von seinem Hals. Zeitgleich nahm er das Gespräch an, ohne auf die Nummer zu achten.

»Ja?«, zischte er ins Telefon.

»Luke?«, erklang eine zittrige Stimme.

Er stockte. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Seit Monaten versuchte er sie zu erreichen und genau jetzt meldete sie sich, wenn seine dämliche magische Kette anschlug.

»Luke, bist du da?«

»Ja.«

»Ich … ich bin in New York, bei Sky und Adriana. Ihre Amulette schlagen an. Sie glühen. Leuchten, meine ich – äh, dein Band auch?«

»Ja.«

Luke hörte sie tief Luft holen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Wie konnte das sein? Auf was reagierte das Band? Hier gab es keine Magie!

»Wir denken, dass es ein Problem in der Spiegelwelt gibt. Was machen wir jetzt?«

Woher soll ich das bitte wissen? Als wäre ich der Allwissende hier.

»Weiß ich nicht.«

»Adriana meint, wir sollten den Plan durchführen.«

»Welchen Plan?«

»Was wir damals bei unserem Abschied besprochen haben. Sollte ein Ruf aus der Spiegelwelt kommen, dann … dann würden wir uns bei Ethan treffen. Und –« Neyla stockte und Luke presste den Kiefer zusammen.

Ja, sie hatten vereinbart alle nach England zu fahren. Dort würden sie sich besprechen und dann zum Stonehenge zurückkehren, um erneut durch das Portal zu gehen.

»Ich kann hier nicht weg«, presste er hervor, versuchte die Beherrschung zu wahren. Er würde nicht springen, nur weil sie ihn darum bat.

»Luke, ich denke, wir haben gerade alle andere Pläne«, erwiderte sie kühl.

Sein Handy vibrierte erneut. Ein weiterer Anruf ging ein. Dieses Mal war es Dan. Also hatte auch sein Amulett reagiert. Es war somit kein falscher Alarm. Bei allen von ihnen machte sich die Magie der Spiegelwelt bemerkbar. Es musste irgendetwas passiert sein. Niemals sonst würden Helios und die anderen sie kontaktieren.

»Neyla, bist du noch dran?«

»Ja.«

»Ich setze mich in den nächsten Flieger und treffe mich mit Dan. Wir kommen zusammen nach London.«

»Okay.«

»Schön«, antwortete er und starrte auf das Display. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte.

»Bis dann. Ich habe deine Stimme vermisst«, flüsterte sie und legte auf.

In diesem Moment hatte er das Gefühl, dass die kleine Ringschatulle in seiner Tasche eine Tonne wog.

 

 

Erschöpft fuhr Dan sich durch die Haare und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Der Flug steckte ihm noch in den Knochen und der Gedanke an einen weiteren Langstreckenflug ließ ihn erneut gähnen. Das Reisen in seiner Welt war zwar um ein Vielfaches komfortabler als in der Spiegelwelt, aber dennoch gab es schönere Dinge, als mitten in der Nacht zum Flughafen zu rasen und in den nächstbesten Flieger zu steigen. Der Reichtum durch das Geschenk der Wächter machte diese Art von spontanen Aktionen und die Besuche seiner Freunde überall in der Welt zum Glück möglich. Etwas, wofür er Karpias und den anderen nicht genug danken konnte. Der Verkauf der Steine hatte dafür gesorgt, dass es ihm und seinem Vater an nichts mehr fehlte.

Sanft strich er über die kleine Erhebung unter dem T-Shirt, wo sich die braune Greiffeder vor neugierigen Augen versteckte. Sein Wächter hatte ihm die Kette kurz vor seiner Abreise geschenkt und seit diesem Tag hatte Dan sie nicht mehr abgelegt. Laut Karpias’ Worten konnte er ihm zu Hilfe eilen, wenn er das Schmuckstück berührte und dreimal seinen Namen sagte. Doch es war nie dazu gekommen. Und ihn nur zu rufen, weil er ihn so schrecklich vermisste, war nicht richtig. Der Greif würde alles stehen und liegen lassen, wenn er dachte, dass sein Reisender in Gefahr wäre. Und dafür würde er sich selbst in Gefahr bringen und hierherkommen. Nicht auszudenken, was die Menschen ihm antun würden, wenn ihn jemand sah.

Daher erlaubte Dan sich nur Erinnerungen an den majestätischen Greif und ihre gemeinsame Zeit. Umso mehr hatte es ihn erschreckt, als die Kette vor wenigen Tagen aus dem Nichts zu glühen begonnen hatte. Etwas musste in der Spiegelwelt geschehen sein. Ein weiteres Unglück? Ein neuer Gegenspieler? Er wusste es nicht. Nur wenige Sekunden später hatte sein Handy nicht mehr still gestanden, da sowohl Sky als auch Adriana ihn mit Nachrichten bombardierten. Der Schreck saß bei allen tief, aber sie hatten einen Plan. Einen Plan für das absolut Unwahrscheinliche. Einen Plan, wie sie handeln würden, sollte die Spiegelwelt nach ihnen rufen.

Erneut berührte er die Feder, die seit seiner Abreise aus China nicht mehr auf seiner Haut brannte. Sie sendete noch hin und wieder kleine Impulse aus, schmiegte sich die meiste Zeit aber nur warm an seine Brust.

Unsicher sah er durch die riesige Halle des Flughafens von Brisbane. Sein erster Anruf hatte Luke gegolten. Sie hatten sich in der Hauptstadt von Queensland verabredet, um gemeinsam nach London zu fliegen. Er lief über den glänzenden Marmorboden und schwang die schwere Reisetasche auf seine Schulter. Das Gewicht störte ihn nicht. Nach seiner Rückkehr hatte er jeden Tag weitertrainiert, um in Form zu bleiben. Und es hatte Wirkung gezeigt. Er würde zwar nie so breit werden wie Ethan, aber dennoch war er stolz auf die harten Muskeln, über die sich sein T-Shirt spannte.

Sein Handy vibrierte. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen, als er den Namen auf dem Display las.

»Hey!«

»Selber hey. Wo steckst du? Euer Flughafen ist so riesig, ich glaub, ich habe mich verlaufen«, sagte er ins Handy.

Ein Lachen ertönte am anderen Ende der Leitung und direkt hinter ihm. Erstaunt drehte Dan sich um und sah in die blauen Augen seines besten Freundes.

»Luke! Ich freue mich dich endlich mal wieder zu sehen!«

Er ließ seine Tasche fallen und umarmte den Australier. Dieser klopfte ihm auf die Schulter, grinste ihn verschmitzt an.

»Kann ich nur zurückgeben. Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen. Gut schaust du aus! Sag mal, gehst du ins Fitnessstudio oder so? Da wird man ja glatt neidisch«, lachte er mit einem anerkennenden Nicken.

Dan schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Als ob es so etwas in meinem Dorf geben würde. Du kennst es, da ist nichts los.«

»Weiß ich doch. Wie geht es deinem Dad?«

»Gut. Er lässt dich grüßen.«

»Danke, schöne Grüße zurück.« Luke schwieg für einen Moment und sah zu Boden. »Hast du ihm die Wahrheit gesagt?«

Das schlechte Gewissen machte sich in Dan breit. Er hatte nichts gesagt. Nur, dass er spontan nach Brisbane fliegen würde. Aber kein Wort von dem Ruf aus der Spiegelwelt oder dem Vorhaben, dorthin zurückzukehren. Sein Vater würde sich nur Sorgen machen und hätte ihn niemals gehen lassen. Er war zwar ein liebenswerter und stolzer Mann, aber er war in dem Dorf aufgewachsen und hatte nie die Absicht gehabt, außerhalb ihrer Provinz zu leben. Daher konnte er Dans Bedürfnisse, mehr von der Welt zu sehen, nicht verstehen. Auch nicht, dass er nichts lieber tun würde, als zurück in die Spiegelwelt zu gehen.

Und genau deswegen hatte er kein Wort gesagt. Dan hatte einen Brief geschrieben, welchen ein Bekannter seinem Vater nach seiner Abreise geben sollte. In diesem erklärte er ihm alles. Dass er gebraucht wurde und dass seine Freunde auf ihn zählten. Dass sich eine ganze Welt auf ihn verließ. Und wie sehr es ihm leidtat, ihn schon wieder zu verlassen. Er biss die Zähne zusammen und starrte zu Boden. Luke deutete sein Schweigen richtig.

»Du also auch nicht.«

»Hast du Kate nichts gesagt?«

Sein Freund zuckte nur mit den Schultern.

»Und hattest du sie schon gefragt gehabt?«

Dan wusste, dass er seiner Freundin einen Antrag machen wollte. Luke war überglücklich gewesen, als sie das letzte Mal telefoniert hatten. Er hatte Bilder von Ringen geschickt und ihn nach seiner Meinung gefragt. Und er hätte es seinem besten Freund gegönnt, glücklich zu werden. Nach den ganzen Grausamkeiten, die ihm in der Spiegelwelt widerfahren waren.

»Nein. Ich habe den Ring zwar gekauft, aber genau dann ging es los. Warum ausgerechnet jetzt?! Warum, wenn wir gerade endlich mal glücklich sind? Die letzten zwei Jahre sind sie doch auch bestens ohne unsere Hilfe ausgekommen!«, zischte Luke wütend und trat gegen seinen Koffer.

»Ich weiß es nicht. Aber es muss wichtig sein, sonst würden sie uns nie ihre eigenen Probleme aufhalsen. Nicht nach allem, was passiert ist«, erwiderte Dan sanft.

Er konnte verstehen, dass für seinen Freund gerade alles auseinanderbrach. Dass es ihn zornig machte, jetzt alles zurückzulassen. Seine Freundin und sein Leben aufzugeben, um in eine Welt zurückzukehren, die ihm fast nur Schmerz und Leid gebracht hatte.

Für ihn selbst war es jedoch das größte Glück seit Langem, endlich wieder gebraucht zu werden. Für etwas Größeres einzustehen. Es war einfach nicht mehr genug gewesen, das Dorf neu aufzubauen. Auch wenn seine Tage brechend voll gewesen waren, er jedem geholfen hatte und unverzichtbar für die Gemeinschaft geworden war. Aber es konnte ihm nicht geben, was die Spiegelwelt ihm einst gegeben hatte.

Doch er hütete sich etwas dergleichen zu sagen. Dafür warf er einen schnellen Blick auf die Uhr.

»Lass uns rüber ins Hotel gehen, damit wir schlafen können. Das Flugzeug startet morgen doch ganz früh.«

Luke nickte, griff nach seinem Koffer und stapfte durch die Menschenmenge davon. Dan seufzte leise. Ihr Wiedersehen hatte er sich anders vorgestellt. Ob die anderen alle genauso dachten? War er der Einzige, der sich freute? Er schulterte die Tasche und eilte seinem Freund hinterher.

 

Die gedimmten Lichter im Flugzeug waren gerade zu einschläfernd. Die Schatten legten sich wohltuend auf die Lider und luden zum Ausruhen ein. Kein Wunder also, dass das Flugzeug von lautem Schnarchen erfüllt war. Doch Dan war hellwach. In den vergangenen Stunden hatte er kaum ein Auge zugetan, dafür war die Nervosität zu groß.

Er hatte es ernst gemeint, in seinem Gespräch mit Luke. Niemals würden die Wächter sie zurückrufen, wenn es keine Gefahr gab. Und diese musste so groß sein, dass sich die Völker der Spiegelwelt dazu entschieden hatten, die Reisenden ein weiteres Mal um Hilfe zu bitten. Und das nach dem Schaden, den sie bei ihrem letzten Besuch angerichtet hatten. Ein Frösteln überlief ihn, als er an das goldene Licht seiner Seelenkraft dachte. Und wie es jeden Gegner zerstört hatte, der wagte es zu berühren.

In seiner Zeit in der anderen Welt hatte er sich eingeredet, dass es notwendig gewesen war. Ein notwendiges Grauen, um zu siegen. Der Zweck heiligte ja bekanntlich die Mittel. Doch in den letzten zwei Jahren war er immer und immer wieder gedanklich die Schlachten und Kämpfe durchgegangen. Und die Zweifel nagten an ihm, ob es wirklich hätte sein müssen, all diese Leben auszulöschen. All das, um Alastair zu vernichten. Nur zu gut erinnerte er sich an die letzten Worte des dunklen Herrschers. »Ihr müsst die Spiegelwelt verlassen. Ich weiß, dass ihr meine Taten nicht gutheißt, aber der wahre Feind ist noch da draußen. Geht, solange ihr könnt. Ihr seid zu mächtig geworden. Sie wird euch nicht am Leben lassen.«

Und sie waren gegangen, aber nicht wegen seiner Worte. Eruanna und Brandon hatten sie nicht mehr dort haben wollen …

»Ich kann es immer noch nicht glauben! Wir haben es geschafft, nach all diesem Scheiß sind wir am Leben und er ist tot«, rief Ethan und goss sich etwas Wein in den juwelenbesetzten Krug.

Dan verdrehte bei den Worten nur die Augen. Ihm war nicht wirklich zum Feiern zumute. Brandon und Eruanna hatten sich angekündigt und er war mehr als gespannt, was die beiden besprechen wollten.

»Alter, komm, ein bisschen Respekt«, brummte Luke, mit einem Seitenblick auf Neyla.

Von ihr hatten sie kaum mehr als eine Handvoll Worte gehört, seitdem sie den Thronsaal verlassen hatten. Betretenes Schweigen machte sich in dem Speiseraum breit.

»Sorry«, nuschelte Ethan zerknirscht, aber Neyla winkte ab.

»Weiß jemand, was die beiden Hoheiten von uns wollen?«, wechselte Adriana das Thema und drehte nervös ihren leeren Weinkelch in den Händen.

Bevor jemand etwas antworten konnte, wurde die Tür aufgestoßen und das Königspaar schritt in den Raum. Ungefragt ließ sich Eruanna zwischen Sky und Tamani nieder, die unbehaglich auf der Bank umherrutschten. Brandon seufzte nur leise, lehnte sich an den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei blitzte ein weißer Verband an seinem Handgelenk auf.

»Wenn Ihr möchtet, kann ich das heilen«, wisperte Tamani und deutete auf die Verletzung.

»Das brauchst du nicht. Ihr habt schon so viel für uns getan, mehr können wir gar nicht verlangen. Aber danke dir für das Angebot.«

In seinen Augen lag ein Ausdruck, den Dan nicht deuten konnte. War es versteckter Schmerz? Schuldgefühle? Oder etwas anderes?

»Wie geht es euch nach diesem grandiosen Sieg?«, richtete Eruanna unvermittelt das Wort an ihre Gruppe.

»Ähm, ganz okay, würde ich sagen«, antwortete Sky. Sie zwirbelte eine Haarsträhne zwischen den Fingern.

»Nun, nach diesem Erfolg ist ›okay‹ doch kaum eine passende Beschreibung«, säuselte die Elbin und lachte glockenhell auf. Es jagte Dan einen Schauer über den Rücken. »Ihr könnt wahrlich stolz auf euch sein. Keiner hat mehr geglaubt, dass der Schattenkönig eines Tages seine Macht verliere. Und nun habt ihr die Prophezeiung und euer Schicksal erfüllt.«

Sie erhob sich und schritt andächtig durch den Raum. Dan sah unschlüssig zu Brandon, doch dieser wich seinem Blick aus.

»Eruanna, muss das –«, setzte der König an, aber sie hob die Hand. Das Lächeln vertiefte sich auf ihrem Gesicht und sie strich eine Falte ihres Kleides glatt.

»Deshalb sind wir heute zu euch gekommen. Die freien Völker feiern euren Sieg, weshalb genießt ihr den Triumph nicht mit ihnen?«

»Es ist nicht jedem von uns unbedingt zum Feiern zumute«, sagte Luke leise.

---ENDE DER LESEPROBE---