Weltsichten - Weitsichten - Rethfeld Robert - E-Book

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Rethfeld Robert

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Beschreibung

Was bewegt unsere Welt, die sich in einem immer schnelleren Wandel befindet? Technische Veränderungen, weltwirtschaftliche Probleme, globale Umweltzerstörung und politische Umwälzungen lassen das Misstrauen in der Bevölkerung anwachsen. Nach einer umfassenden Bestandsaufnahme der Entwicklungen der letzten 1000 Jahre, geben die Autoren einen hochinteressanten Ausblick in das 21. Jahrhundert: Zwei präzise Szenarien, die den Weg weisen.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2007

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Rethfeld/Singer

Weltsichten/Weitsichten

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen: [email protected]

2. Auflage 2013 © 2004 by Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gesamtbearbeitung: UnderConstruction, München Umschlaggestaltung: Stephanie Villiger Lektorat: Dr. Renate Oettinger Druck: Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN Print 978-3-89879-767-2 ISBN E-Book (PDF) 978-3-86248-094-4

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unterwww.finanzbuchverlag.de Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unterwww.muenchner-verlagsgruppe.de

Vorwort

Die meisten Menschen ahnen, dass die Zeiten zunächst vorbei sind, in denen sie voller Optimismus in die Zukunft blicken können. Sie lesen und hören viel darüber, wie es weitergehen soll. Aber kaum etwas passt zusammen.

Der Leser weiß vielleicht noch nicht, dass sich die Welt wellenförmig, in Zyklen oder in Widersprüchen bewegt, aber er ahnt es. Er weiß möglicherweise nicht, wie sehr neue Technologien den Lauf der Weltgeschichte beeinflussen können, aber er ahnt es. Der Leser ahnt auch, dass der Lauf der Geschichte maßgeblich von handfesten Interessen und bestimmten Gesetzmäßigkeiten beeinflusst wird.

In diesem Buch versuchen wir, die vielen losen Gedankenfäden miteinander zu verbinden und die einzelnen Sättigungstendenzen unserer modernen Gesellschaft in einen Gesamtzusammenhang zu stellen, der durch historisches Wissen sowie wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse untermauert wird. Wir entwickeln verschiedene Wege ins 21. Jahrhundert, die unseren Leser anregen sollen, sich mit seiner Zukunft auseinander zu setzen und sich seine eigene Meinung zu bilden.

250 Jahre industrielle Revolution haben ihre Spuren hinterlassen. Wir befinden uns aktuell auf dem Höhepunkt einer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Die gegenwärtige Misere zeigt einen strukturellen Charakter. Im ersten Teil unseres Buches tragen wir viele Dinge zusammen, die in eine beunruhigend falsche Richtung laufen.

Die Bevölkerung überaltert und schrumpft, die Produktion von Erdöl geht ihrem Höhepunkt entgegen, die globale Erwärmung des Weltklimas führt zur Anhebung der Meeresspiegels und zur Verödung ganzer Landstriche. Die Arbeitslosigkeit steigt hartnäckig; die Folgen der Globalisierung werden auf allen Ebenen sichtbar. Die Globalisierung schafft anscheinend mehr Probleme, als sie zu lösen imstande ist. Sie hat zu einem Wettlauf um preiswerte Arbeitskräfte geführt, deren Verlierer die Arbeitnehmer der Industrieländer sind. Der Widerspruch zwischen Arm und Reich nimmt zu und lässt weiteren Sprengstoff entstehen.

Die Finanzwelt hat die größte Spekulationsblase der menschlichen Geschichte immer noch nicht verdaut, tiefes Misstrauen hat sich breit gemacht. Spekulative Billionenbeträge rasen auf elektronischem Wege ungehindert um die Welt. Die Wirtschaft kämpft mit stagnierenden Märkten und zurückgehender Kaufkraft. Die Entwicklung der Produktivität stößt an Grenzen. Nullwachstum und Rezessionsgefahren belasten. Das Gespenst der Inflation oder wahlweise der Deflation geht um. Die immense öffentliche und private Schuldenlast droht, uns zu erdrücken. Die niedrigsten US-Zinsen seit 40 Jahren vermochten an all dem bisher nichts zu ändern.

Wie bei einem Puzzle fügen sich die gesellschaftlichen Tendenzen in diese Landschaft. Brot und Spiele, lautet das Motto. Das Fernsehen – ursprünglich als Informationsinstrument gedacht – hat sich zu einer gigantischen Unterhaltungsmaschinerie gewandelt und ist bis in die tiefsten Schichten der Bevölkerung vorgedrungen. Wie in Colosseum und Circus Maximus des alten Rom sind die Vorführungen kostenlos – sieht man von TV-Gebühren ab. Fernsehsport wie Fußball und Formel 1 bringen Spannung in den Alltag und bedienen das Aggressionspotenzial. Die Ferienindustrie hat sich zum weltgrößten Wirtschaftszweig entwickelt und befriedigt Wellness- und Wohlfühlinstinkte, die sich im Arbeits- und Alltag aufbauen. Die strukturelle Krise bedroht auch sie. Unterhaltungs- und Ferienindustrie unterliegen schließlich ebenfalls wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten.

Die Lähmung der demokratischen Institutionen ist so offensichtlich, dass der Ruf nach grundsätzlichen Reformen auf politischer Ebene immer lauter wird. Wir fragen, ob die parlamentarische Demokratie am Ende ist. Stehen wir an der Schwelle zu oligopolistischen Strukturen?

In den neunziger Jahren wurden der westlichen Wirtschaft mit der friedlichen Lösung des Ost-West-Konflikts neue Absatzräume eröffnet. Jetzt, kaum 15 Jahre später, wächst die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen. Die zweifellos vorhandene Gefahr des Terrorismus wird dabei nur allzu gerne vor den Karren bestimmter Interessen gespannt. Im internationalen Maßstab bilden sich neue Allianzen, alte, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bewährte, erschöpfen sich. Die Welt wird neu aufgeteilt. Auch dies stellen wir in den Gesamtzusammenhang einer tief greifenden Umwälzung.

Nachdem wir im ersten Teil unseres Buches die aktuellen Tendenzen nachgezeichnet haben, fragen wir im zweiten Teil: Hat es in der Geschichte der Menschheit bereits Präzedenzfälle für unsere gegenwärtige Entwicklung gegeben? Wie erging es Völkern und Nationen nach dem Überschreiten des Gipfels ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung? Wir schauen uns das Schicksal der Griechen und Römer an. Aber auch die jüngere Geschichte bietet Beispiele: Der Fall Großbritanniens von der Welt- zur Regionalmacht ist ein solches.

In der Geschichte hatten Gold und Silber als Zahlungsmittel eine bewährte Funktion. Mit der Abschaffung der Golddeckung in den Währungssystemen wurde dieses automatisch wirkende Regulativ abgeschafft. Seit den dreißiger Jahren und den Lehren von Keynes glaubt die Wirtschaftswissenschaft, durch staatliche Interventionen den gesellschaftlichen Wohlstand sichern zu können.

Wir wollen zeigen, dass die Entwicklung der Weltwirtschaft, ja der menschlichen Gesellschaft insgesamt, nicht gradlinig verläuft, sondern sich in Wellen bzw. Zyklen bewegt. Menschen wie Elliott, Kondratieff oder Dow haben auf diesem Feld Hervorragendes geleistet. Kondratieff geht davon aus, dass ein langer Wirtschaftszyklus etwa 53 Jahre beträgt. Charles Dow hat die Entwicklung von Bullen- zu Bärenmärkten und zurück eingehend beschrieben. Elliott glaubte, mit seinem Wellenschema ein Bewegungsmuster für die Börse, ja für alle sozialen Vorgänge entdeckt zu haben.

Karl Marx wurde in jüngster Zeit wieder entdeckt. Seine Thesen sind aktueller den je. Er hat die Zwangsläufigkeit der Globalisierung vorhergesagt. Eine seiner Kernüberlegungen gilt dem Phänomen des tendenziellen Falls der Profitrate. Unternehmensgewinne nehmen ab, wenn es nicht gelingt, zu expandieren oder teure durch preiswerte Arbeitskräfte zu ersetzen. Für das Verständnis heutiger wirtschaftlicher Entwicklungen sind Kenntnisse über den von Marx geprägten dialektischen Materialismus und seine politische Ökonomie äußerst nützlich.

Auf diesem Fundament aus aktuellen Trends und philosophisch-wissenschaftlichem Hintergrund entwickeln wir im dritten Teil unseres Buches mögliche Zukunftsperspektiven anhand von prägnanten Szenarien. Dabei favorisieren wir grundsätzlich die globale Betrachtungsebene, da sich die europäische Entwicklung globalen Trends kaum nennenswert entziehen dürfte.

Jeder der beiden Autoren entwickelt dabei sein eigenes Modell. Uns erscheint mit diesem Buch viel erreicht, wenn unser Beitrag zu einer notwendigen Zukunftsdebatte den Leser anregt, seine eigenen Gedanken und Schlüsse zu formen und zu vervollständigen.

Klaus Singer (56) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater, Marktforscher und Finanzanalyst. Dabei fokussiert er die Elektronik. Spezialgebiete sind die industrielle Bildverarbeitung und Automatisierung, der Halbleiterbereich und die Telekommunikation. Darüber hinaus erstellt er Kommentare, Analysen und Hintergrundberichte zu aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen.

Zwischen 1982 und 1997 war er Anteilseigner und Geschäftsführer eines High-Tech-Unternehmens, in das er 1979 nach Beendigung seines Wirtschaftsstudiums eingetreten war.

Von 1994 an gehörte Klaus Singer sechs Jahre lang dem Vorstand der Fachabteilung „Industrielle Bildverarbeitung/Machine Vision“ des VDMA (Verein Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer) an.

1999 schrieb er einen Beitrag für das „Handbook of Computer Vision and Applications“, Academic Press, ein Standardwerk der Bildverarbeitung.

Aktuell beschäftigt er sich mit Prognoseverfahren für Finanzmärkte, deren Ergebnisse auf der Website www.timepatternanalysis.de vorgestellt und regelmäßig aktualisiert werden.

Robert Rethfeld (41) ist Wirtschaftsjournalist. Er betreibt seit Mitte 2002 die Website www.wellenreiter-invest.de, eine Online-Publikation für wirtschaftliche, finanzielle und gesellschaftliche Entwicklungen. Eine Frühkolumne mit Kommentaren zum aktuellen Börsen-, Finanz- und Politikgeschehen erscheint handelstäglich.

Von 1998 bis 2002 war er Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens für Online-Dienstleistungen in Telekommunikation und Luftverkehr. Nach Abschluss eines Studiums der Betriebswirtschaft startete er seinen beruflichen Werdegang als Assistent der Geschäftsführung bei der International Air Transport Association (IATA). 1990 folgte die Übernahme des Referats für Neue Medien beim Deutschen Reisebüro Verband (DRV) sowie 1996 die Berufung zum Referenten im Lufthansa-Internet-Team.

Die Wellenreiter-Invest-Frühkolumne wird seit Februar 2002 von der Finanz-Website www.wallstreet-online.de parallel veröffentlicht.

Teil I Welt im Wandel – eine Bestandsaufnahme

1 Folgen des Fortschritts

a Wohin entwickelt sich die Weltbevölkerung?

Wer die untere Abbildung betrachtet, der muss glauben, dass die Bevölkerungsentwicklung der Menschheit eine unendliche Erfolgsgeschichte darstellt. Innerhalb der vergangenen 2000 Jahre nahm die Zahl der Menschen von 170 Millionen auf sechs Milliarden zu. Es lohnt sich, die Vergangenheit ein wenig differenzierter zu betrachten. Wer genau hinschaut, erkennt „Dellen“ und „Schübe“.

Wachstum der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2000

Millionen, log. Skala

Quelle: World Population Prospects, Revision 2002, UN Population Division

Im Jahre Null wurden in der damaligen Metropole Rom eine Million Einwohner gezählt. Bei einer Weltbevölkerung von 170 Millionen lebte demnach jeder 170. Mensch in der Hauptstadt des Römischen Reichs. Mit dem Verfall Roms geriet auch die Bevölkerungsentwicklung ins Stocken. Erst zwischen 800 und 1200 n. Chr. setzte mit dem Wiedererwachen Europas ein erneuter Anstieg der Bevölkerungszahlen ein. Die Pest raffte allerdings nach der ersten Millenniumswende so viele Menschen dahin, dass die Bevölkerungszahl bis ins 15. Jahrhundert nicht über 350 Millionen hinauskam. Die Industrialisierung im 18. Jahrhundert wirkte wie ein Raketenschub für die Entwicklung der Weltbevölkerung. Die erste Milliarde wurde 1804 überschritten. Knapp 200 Jahre später hatte sich die Weltbevölkerung versechsfacht. Das Wachstum scheint sich ungebremst fortzusetzen.

Ein Blick zurück in das Jahr 1989. Es war das Jahr, in dem die Mauer fiel. Doch ein Ereignis von mindestens ebenso großer Bedeutung fand außerhalb der medialen Aufmerksamkeit statt. Das Jahr 1989 markierte mit einem Zuwachs von 86 Millionen Einwohnern den Höhepunkt der Wachstumsentwicklung der Weltbevölkerung. Niemals zuvor und allem menschlichen Ermessen nach niemals danach konnte beziehungsweise wird die Menschheit derart stark in einem Jahr zulegen.

Wachstum der Weltbevölkerung pro Jahr

in Millionen

Quelle: World Population Prospects, Revision 2002, UN Population Division; eigene Berechnungen

Im Jahr 2002 betrug der Zuwachs „nur“ noch 73 Millionen. Für das Jahr 2050 erwartet die UN-Bevölkerungsabteilung in ihrer mittleren Variante einen Anstieg von – ebenfalls „nur“ noch – 37 Millionen Menschen gegenüber dem Vorjahr. Diese Entwicklung hat Konsequenzen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist ein Ende des Bevölkerungswachstums absehbar. In der aktuellen Revision der Bevölkerungsprojektionen1 geht die Bevölkerungsabteilung der UN in ihrer mittleren Variante davon aus, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf knapp neun Milliarden Menschen anwachsen wird.

Weltbevölkerung in einer „Bubble“?

Millionen, log. Skala

Quelle: World Population Prospects, Revision 2002, UN Population Division; 2100 – 2200 eigene Berechnungen

Das sind wesentlich geringere Zahlen als noch einige Jahre vorher formuliert. Rechnet man den Rückgang der Wachstumszahlen weiter durch, so muss man annehmen, dass sich die Weltbevölkerung in einer Art „Bubble“ befindet. Grund dafür ist das bis zum Jahr 2050 erwartete weltweite Absinken der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau unter das so genannte Ersatzniveau von 2,1 Kindern. Weltweit werden durchschnittlich 2,1 Kinder pro Frau benötigt, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Der Zuwachs speist sich zu 99 Prozent aus Schwellen- und Entwicklungsländern, hauptsächlich aus China und Indien. Hält die aktuelle Verringerung der Wachstumsrate an, so würde die Weltbevölkerung im Jahre 2092 mit 9,8 Milliarden Einwohnern ihren Höhepunkt erreichen. 2150 würden noch 8,3 Milliarden Menschen die Welt bevölkern; 50 Jahre später wären es nur noch 5,4 Milliarden.

In den 50 Jahren zwischen 2000 und 2050 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich um drei Milliarden Menschen zunehmen. Etwa 57 Prozent des Bevölkerungszuwachses wird in den Staaten generiert, von denen man annimmt, dass sie im Jahr 2050 die Top-Ten-Liste der bevölkerungsreichsten Länder anführen werden:

Top Ten der bevölkerungsreichsten Staaten

Indien ragt in dieser Liste heraus und stellt etwa ein Drittel des Zuwachses aller Top-Ten-Staaten. Zusammen mit den früher zu Indien gehörenden muslimischen Staaten Bangladesh und Pakistan werden etwa 50 Prozent des Top-Ten-Wachstums generiert. Die chinesische Bevölkerung wächst nur noch moderat. Nach derzeitigen Modellen wird das Land seine größte Bevölkerungszahl im Jahr 2032 mit etwa 1,46 Mrd. Menschen erreichen; anschließend setzt ein stetiger Rückgang ein. Die USA werden dank voraussichtlicher weiterer Zuwanderung in den kommenden Jahrzehnten ein respektables Wachstum aufweisen können. Indonesien (überwiegend islamisch) und Nigeria (50 Prozent islamisch) folgen in der Top-Ten-Liste. Nigeria weist nach Indien das absolut gesehen größte Bevölkerungswachstum auf. Während Brasilien (Platz acht) und Mexiko (Platz zehn) verhältnismäßig geringe Wachstumsraten aufweisen, wird der Kongo relativ gesehen am stärksten zulegen können. Im Jahr 2000 befanden sich mit Russland und Japan neben den USA zwei weitere Industrienationen auf der Liste. Im Jahr 2050 werden – aus heutiger Sicht – Schwellen- und Entwicklungsländer dominieren.

Eine Sondersituation nimmt der Nahe Osten ein. Diese Region verfügt über den Großteil der bekannten Erdölreserven der Welt. Wie die folgende Tabelle zeigt, wird sich die Bevölkerung in dieser Region in den kommenden 50 Jahren explosionsartig vermehren.

Siehe Tabelle.

Saudi-Arabien und der Jemen werden ihre Bevölkerung voraussichtlich verdreifachen. Die Einwohnerzahl Irans wächst voraussichtlich um – für die Region moderate – 40 Prozent. Dennoch wird das Land seinen Platz als bevölkerungsreichstes Land im Nahen Osten bis 2050 behaupten können.

„Old Europe“ ist im Hinblick auf die demographische Entwicklung der Welt der Vorreiter. Im Vergleich zum Jahr 2000 wird die Bevölkerung um voraussichtlich knapp zehn Prozent schrumpfen. Mit Bulgarien, Lettland, der Ukraine, Estland und Russland stehen allesamt ehemalige Ostblockstaaten an der Spitze der „Schrumpfliste“. Italien (– 12,7 Prozent) hat von den Gründungsmitgliedern der EU den größten Bevölkerungsrückgang zu verkraften. Deutschland rangiert mit einem Minus von voraussichtlich 10,4 Prozent im Durchschnitt; der Rückgang ist im europäischen Vergleich nicht überproportional.

Siehe Tabelle.

Voraussichtlich zwölf europäische Staaten werden mit steigenden Bevölkerungszahlen bis zum Jahr 2050 kalkulieren können, darunter Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Dänemark und Irland. Allerdings sind die Zuwächse bis auf Irland (plus 50 Prozent) nicht mehr bemerkenswert. Die Bevölkerung Frankreichs wird ab dem Jahr 2030 rückläufig sein, die Großbritanniens ab 2040. Die entwickelten Regionen wie Europa befinden sich in einem Stadium unterhalb des so genannten „Ersatzniveaus“. Die Lebenserwartung erhöht sich hingegen. Das Resultat sind schrumpfende Nationen, die mit einem steigenden Anteil der höheren Altersgruppen einhergehen.

Der Autor Stein Ringen2 beschreibt den Bevölkerungskollaps in Europa. Mindestens 14 europäische Länder verzeichnen bereits jetzt eine schrumpfende Bevölkerung. Der Rest Europas wächst nicht mehr oder nur noch marginal. Um 2050 wird die Bevölkerung Europas von jetzt 720 auf 650 Millionen Einwohner geschrumpft sein. Das Jahrhunderte währende Bevölkerungswachstum geht seinem Ende entgegen. Erstaunlich ist die Erkenntnis von Ringen, dass das Schrumpfen der europäischen Bevölkerung bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann, aber durch den Nachkriegs-Baby-Boom zwischen 1945 und 1965 noch einmal umgedreht wurde. Anschließend kippten die Geburtenraten wieder unter das Ersatzniveau und blieben dort bis heute. Die Abwärtsbewegung konnte jetzt einsetzen. Ringen merkt an, dass nur Albanien eine Geburtenrate oberhalb des Ersatzniveaus von 2,1 Geburten pro Frau verbuchen kann. Irland folgt mit 2,0, Frankreich mit 1,8 sowie Norwegen und Dänemark mit 1,7. Süd- und Osteuropa können nur 1,2 Geburten pro Frau aufweisen. Deutschland und Schweden liegen bei 1,3, Großbritannien und Finnland bei 1,6. Der Durchschnittswert befindet sich bei 1,34 Kindern pro Frau.

In den USA befindet sich die Geburtenrate bei 2,1 Kindern pro Frau, also genau auf Ersatzniveau. Unter der amerikanischen weißen Bevölkerung liegt die Geburtenrate mit 1,8 auf dem Niveau von Frankreich. Das Bevölkerungswachstum der USA wird sich primär aus den heutigen Randgruppen (Latinos, Afro-Amerikaner) speisen. Doch zurück nach Europa: Bei sich nicht ändernder Tendenz und ohne Einwanderung wäre Deutschland im Jahre 2100 von weniger als 40 Millionen – überwiegend alten – Menschen bewohnt, Italien von weniger als 20 Millionen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Trend umgedreht werden kann? Nicht sehr. Die Geburtenraten sind im gesamten 20. Jahrhundert mit Ausnahme des Nachkriegs-Booms schwach gewesen. Die Drei-Kinder-Familie müsste zur Norm werden, und das ist eher unwahrscheinlich. Wie soll eine Drei-Kinder-Familie funktionieren, wenn beide Partner arbeiten? In der Nachkriegszeit arbeitete in der Regel nur einer der Partner. Die wenigsten Familien können es sich heute leisten, auf ein Einkommen zu verzichten. Hinzu kommt, dass entweder die Frauen ihre hart erkämpfte Emanzipation oder die Männer ihre Lebensgewohnheiten größtenteils aufgeben müssten. Nach der UN-Prognose wird die Bevölkerung in Deutschland in den kommenden Jahren stagnieren und bis zum Jahr 2050 auf etwa 73 bis 75 Millionen zurückgehen (siehe Grafik).

Voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung Deutschland 1950–2050

in Tausend

Quelle: Statistisches Bundesamt

Anfang der siebziger Jahre rutschte die Geburtenrate in Deutschland unter das Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Seit Mitte der siebziger Jahre stagniert die Rate bei 1,3 Kindern im früheren Bundesgebiet, während das Ende der DDR für die ostdeutschen Bundesländer 1991 bis 1996 eine Rate von unter eins mit sich brachte. Eine Angleichung an westdeutsche „Reproduktionsgewohnheiten“ ist in letzter Zeit zu beobachten.

Geburtenrate Deutschland 1950–2002

Quelle: Statistisches Bundesamt

Es ist einleuchtend, dass der – für das Wirtschaftswachstum erforderliche – Konsum nicht gesteigert werden kann, wenn die Bevölkerungsentwicklung negativ ist. Wer baut zusätzliche Häuser? Wer kauft neue Autos über den Ersatzbedarf hinaus? In der Bauwirtschaft sind die Stagnationstendenzen bereits seit zehn Jahren zu betrachten. Dies ist keine „Delle“, sondern eine Strukturkrise – analog zum Verfall der Kohle- und Stahlindustrie.

Es hilft auch nichts, wenn man immer wieder darauf hinweist, dass die „reife“ Bevölkerung über viel Zeit und Geld verfügt, um den „zweiten Lebensabschnitt“ in Ruhe genießen zu können. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Senioren über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um dem Konsum entscheidende Impulse zu geben. Der Staat finanziert sich hauptsächlich aus Steuereinnahmen. Und Rentner zahlen keine direkten Steuern, jedenfalls nicht auf die Rente – jedenfalls noch nicht. Die Einnahmen stammen hautsächlich vom erwerbstätigen Teil der Bevölkerung.

Die Veränderung der Alterspyramide für Deutschland innerhalb der vergangenen 100 Jahre ist markant.

Alterspyramide Deutschland 1910

Quelle: www.census.gov

Noch 1910 sah die Pyramide für Deutschland aus wie ein Tannenbaum. Die wenigen alten konnten sich auf viele junge Menschen stützen. Für die damals junge Rentenversicherung war das ideal.

Alterspyramide Deutschland 1950

Quelle: www.census.gov

Bereits 1950 war der Baum – hauptsächlich, aber nicht nur kriegsbedingt – unten ausgefranst. Mit den geburtenstarken Jahrgängen der dreißiger Jahre – im Jahre 1950 zwischen zehn und 17 Jahre alt – wurde der Grundstein für den Nachkriegs-Baby-Boom um das Jahr 1963 gelegt.

Alterspyramide Deutschland 2000

Quelle: www.census.gov

Die Ausbuchtung in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 repräsentiert den Nachkriegs-Baby-Boom in der Alterspyramide aus dem Jahr 2000.

Alterspyramide Deutschland 2025

Quelle: www.census.gov

Im Jahr 2025 werden die geburtenstarken Jahrgänge aus den sechziger Jahren den „Renteneintrittsgürtel“ zwischen 55 und 65 Jahren bilden. Die Pyramide steht auf tönernen Füßen; die jüngeren Jahrgänge sind deutlich unterrepräsentiert. Wer wird unsere Rente zahlen? Die Ausländer? Wahrscheinlich nicht, wie die nächste Tabelle zeigen wird.

Die untere Tabelle stellt den Saldo der Wanderungen über die Grenzen Deutschlands dar. Für uns überraschend: Es ist keinesfalls so, dass der Zuzug von Ausländern nach Deutschland kontinuierlich gestiegen ist. Seit Anfang der neunziger Jahre verringert sich der Wanderungssaldo deutlich.

Wanderungssaldo Deutschland 1952–2002

Quelle: Statistisches Bundesamt

Festzuhalten ist allerdings auch, dass der Zeitraum von 1988 bis 1995 einen Anstieg der ausländischen Bevölkerung um 2,5 Millionen Menschen mit sich brachte. Seit 1995 stagniert die Zahl der Ausländer in Deutschland bei etwa 7,3 Millionen. Eine Netto-Zuwanderung (Zuwanderung minus Abwanderung) von 300 000 Ausländern pro Jahr und mehr war zumindest in der Vergangenheit in Deutschland die Ausnahme. Eine Zuwanderung von 100 000 bis 200 000 Ausländern entspricht der Regel. Selbst damit ist Deutschland das Land mit der weltweit höchsten Einwanderungsrate nach den USA. Unter Annahme dieser Zahlen hat das Statistische Bundesamt errechnet, dass im Jahr 2050 in Deutschland zwischen 65 und 70 Millionen Menschen leben werden. Ist der Nettozuzug an Ausländern gleich null, so würde die Bevölkerungszahl auf 59 Millionen sinken. Welche Variante man auch immer nimmt: Das Vergreisungsproblem bleibt, das Problem der Gesundheitsfinanzierung bleibt, und das Rentenproblem bleibt.

Und Deutschland erhält ein emotionales Problem, das sich negativ auf den Konsum auswirken wird. Denn es ist ein Unterschied, ob junge oder alte Menschen einen Staat vorantreiben. Junge Menschen wollen etwas erreichen, sind leichter zu begeistern und auch leichter zu verführen – Handyklingeltöne, Deutschland wählt den Superstar, Big Brother sind Beispiele. Mit der Abschwächung der jungen Altersgruppen werden es die Werbetreibenden immer schwerer haben, ihre Botschaften in Kaufsignale umzusetzen. Auch die Krise der Werbewirtschaft ist keine Delle, sondern bereits ein strukturelles Problem.

b Die Endlichkeit fossiler Brennstoffe

Im Frühjahr 1972 veröffentlichte Dennis Meadows mit einigen Mit-Autoren den Klassiker „Die Grenzen des Wachstums“3, ein Bericht an den „Club of Rome“. Das Buch wurde in Europa und Japan millionenfach verkauft, in den USA war der Absatz mit nur wenigen zehntausend Exemplaren gering. Kernaussage des Buches ist, dass innerhalb der nächsten 50 bis 100 Jahre – unter Beibehaltung der damaligen Trends – ein katastrophaler Abfall des Lebensstandards zu befürchten sei. In den USA und England griff man die Ergebnisse des Buches scharf an und warf den Autoren vor, sie malten zu schwarz und beschwörten das „Jüngste Gericht“ herauf.4

Das Buch berücksichtigte die Wechselwirkungen zwischen Einflussfaktoren wie Bevölkerungsdichte, Umweltzerstörung, Energie, Kapital und Landnutzung. Ein entscheidender Punkt war dabei die Ausbeutung der Rohstoffe durch den Menschen und besonders des Energieträgers Erdöl. „Die Grenzen des Wachstums“ zeigte auf, dass Erdöl der Menschheit nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Die wachsende Weltbevölkerung und der steigende Wohlstand vieler Länder würden zu einer baldigen Erschöpfung der Energiereserven führen. Wir möchten diese These 30 Jahre nach Erscheinen des Buches auf den Prüfstand stellen, indem wir versuchen, die heutige und die künftige Nachfrage nach Primärenergie dem heutigen und dem künftigen Angebot gegenüberzustellen. Dabei wollen wir uns vor allen Dingen auf Erdöl konzentrieren, ohne jedoch die anderen Energieträger auszusparen.

Erdöl, Kohle und Erdgas dominieren die Energieverwertung. Es sind allesamt fossile Brennstoffe, deren Bildung Millionen von Jahren benötigte. Darunter ist Erdöl der am meisten nachgefragte fossile Brennstoff, wie die nachfolgende Abbildung verdeutlicht.

Weltenergieverbrauch 2002

Mio. Tonnen Öl-Äquivalent

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Anfang des 19. Jahrhunderts begann der Abbau von Kohle. Kohle steht nach Angaben des „World Energy Councils“ noch mindestens 200 Jahre bei gleich bleibender Produktionsrate zur Verfügung. Deutschland ist hier in einer günstigen Situation: Das Land verfügt über 6,3 Prozent aller Weltkohlereserven. Nur die flächenmäßig großen Länder USA, Russland, China, Australien und Indien haben mehr abbaubare Kohle aufzuweisen. Die reichhaltigen Kohlevorkommen lassen Deutschland in der Rangliste der an Primärenergie reichsten Länder auf Position neun rangieren – noch vor den Arabischen Emiraten, dem Irak, Kuwait und Venezuela.

Seit 1990 ist die Kohleförderung in unserem Land um 50 Prozent zurückgegangen. Gründe: Erstens ist importierte Kohle preiswerter, und zweitens ist Erdgas aus Russland sauberer und übernimmt einen Teil der Heizenergiefunktion der Kohle. Die Reserven werden somit langsamer verbraucht. Sie stellen für die Zukunft Deutschlands ein wichtiges Pfund dar. Weltweit werden 27 Prozent des Energiebedarfs durch Kohle gedeckt, in Deutschland sind es 40 Prozent.5

Erdgas ist umweltfreundlicher als Kohle und Erdöl. Erdöl setzt 20 Prozent, Kohle 50 Prozent mehr Kohlendioxid frei. Ursprünglich ein Abfallprodukt der Erdölproduktion, spielt Erdgas ein zunehmende Rolle für die Energieversorgung der Bevölkerung. Erdgas wird insbesondere zum Heizen und zur Stromgewinnung eingesetzt. Russland verfügt über fast ein Drittel der Welt-Erdgasreserven, der Iran über ein Sechstel. 80 Prozent der Reserven befinden sich in einer Region, die sich vom Kaspischen Meer bis an den Persischen Golf erstreckt. Die Reserven des amerikanischen Kontinents sind hingegen gering. Erdgas hat in den vergangenen Jahren für die Versorgung der Industrieländer stark an Bedeutung gewonnen. Europa bezieht sein Erdgas hauptsächlich via Pipelines aus der früheren Sowjetunion und aus Norwegen. Hauptabnehmer ist mit Abstand Deutschland. Die USA beziehen ihr Erdgas – neben der eigenen Förderung – ausschließlich aus Kanada und haben das Pech, dass die Erdgasproduktion auf dem nordamerikanischen Kontinent mittlerweile stagniert beziehungsweise sogar leicht rückläufig ist. Der Verbrauch allerdings ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen: Ein Großteil der Haushalte wird mit Erdgas beheizt. Das US-Energieministerium plant jetzt den Import per Schiff und muss schnellstens die notwendigen LNG-Kapazitäten aufbauen. Zur Verschiffung wird das Erdgas in einem komplizierten und aufwändigen Prozess heruntergekühlt und verflüssigt. Als so genanntes „LNG“ (liquified natural gas) wird es per Schiff in einen Spezialhafen transportiert, wo die Verflüssigung wieder rückgängig gemacht wird. Asien bezieht Erdgas aus den eigenen Reihen, hängt aber in starkem Maße von Lieferungen aus dem Nahen Osten ab. Zwischen den großen asiatischen Produzenten Indonesien und Malaysia einerseits und den asiatischen Großverbrauchern Japan, China und Südkorea andererseits gibt es nur die Möglichkeit der LNG-Verschiffung.

Weitere bedeutende Primärenergien sind Wasserkraft und Kernkraft, die jeweils etwa sieben Prozent des Welt-Energiekonsums befriedigen. Beide Energiequellen sind jedoch mit Restriktionen behaftet: Wasserkraft ist stark von den natürlichen Gegebenheiten abhängig und kaum noch ausbaubar. Der Bau von Kernkraftwerken ist in weiten Teilen der Erde politisch gebrandmarkt. Die Anteile regenerativer Energieformen wie Solar- oder Windenergie an der Energieproduktion wachsen kontinuierlich, leisten aber aktuell noch geringe Beiträge.

Werfen wir einen näheren Blick auf Erdöl als wichtigstem Energieträger. Der Siegeszug des Erdöls startete erst einhundert Jahre später als jener der Kohle, und das nicht zufälligerweise zusammen mit der Ausbreitung des Automobils. Noch 1922 lag der Welt-Ölverbrauch bei zwei Millionen Barrel pro Tag.20 Jahre später hatte sich der Öl-Konsum auf sechs Millionen Barrel verdreifacht. Die Wirtschaftswunderjahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bedeuteten eine enorme Zunahme des Verbrauchs auf 50 Millionen Barrel pro Tag im Jahre 1970. Die Öl-Schocks der siebziger Jahre führten zu steigenden Preisen, konnten aber dem Verbrauch keinen Einhalt gebieten, der aktuell bei gut 75 Millionen Barrel täglich liegt und weiter im Steigen begriffen ist.

Welt-Ölverbrauch 1922–2002

Mio. Barrel täglich

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Was unterscheidet Erdöl von allen anderen Primärenergieträgern? Einzig Erdöl ist gegenwärtig in der Lage, die Mobilität der Menschheit sicherzustellen. Ob Autos, LKWs, Bagger, Traktoren, Panzer, Schiffe oder Flugzeuge, der Transportsektor hängt nahezu zu 100 Prozent vom „flüssigen Gold“ ab. Eine Ausnahme bildet die Eisenbahn, die seit der Elektrifizierung das einzige bedeutsame Transportmittel ohne direkte Erdölabhängigkeit darstellt.

Verschaffen wir uns einen Überblick über die wichtigsten Ölverbraucher und ihre spezifischen Besonderheiten, um die künftige Nachfrageentwicklung einschätzen zu können: Der wichtigste Ölkonsument sind ohne Zweifel die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2002 konsumierten die USA täglich 19,7 Millionen Barrel Erdöl. Das entspricht 25,4 Prozent des weltweiten Konsums in Höhe von 75,7 Millionen Barrel. Der Bevölkerungsanteil der USA an der Weltbevölkerung beträgt weniger als fünf Prozent. Pro Kopf verbraucht ein Amerikaner mehr als doppelt so viel Energie wie ein Europäer. Ein Grund sind die größeren Entfernungen im Straßenverkehr. Der Durchschnittsverbrauch eines Pkw in den USA beträgt 2260 Liter pro Jahr, der eines in Europa gefahrenen Autos etwa 1140 Liter. Ein weiterer Grund ist das Fehlen von Massentransportmitteln – vom Flugverkehr abgesehen. Auch die Größe der Häuser und fehlender Wärmeschutz spielen eine enorme Rolle. Nicht einmal jedes zweite Haus in den USA verfügt über Doppelglas-Fenster. Hinzu kommen die üblichen Verdächtigen wie der massive Einsatz von Klimaanlagen in Bürogebäuden. Doch der Hauptgrund wird oft übersehen: Energie ist in den USA im Vergleich zu Europa immer noch sehr preiswert. Sie belastet das Monatsbudget einer Durchschnittsfamilie nicht sonderlich. Deshalb gibt es keinen Grund, auf den sparsamen Verbrauch von Benzin, Erdgas und Strom zu achten.

Pro-Kopf-Ölkonsum USA 1965–2002 in Litern pro Tag

in Litern pro Tag

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003; eigene Berechnungen

Der Pro-Kopf-Verbrauch beträgt gegenwärtig knapp elf Liter pro Person und ist seit etwa 20 Jahren konstant. Er ist damit mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland, wo er etwa fünf Liter beträgt. Schaut man sich die Entwicklung des US-Ölverbrauchs nach Sparten an,6 so wird deutlich, dass der Verbrauch von Flugbenzin in den USA seit dem Jahr 2000 gesunken ist.

US-Ölnutzung Flugverkehr Tausend Barrel pro Tag

Tausend Barrel pro Tag

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Hingegen erweisen sich die amerikanischen Autos weiterhin als durstige Vehikel: Ihr Verbrauch stieg in den vergangenen elf Jahren um 20 Prozent von 7,23 auf 8,61 Millionen. Barrel.

US- Ölnutzung Straßenverkehr

Tausend Barrel pro Tag

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Schaut man auf Europa, ist festzustellen, dass in Sachen Öl-Konsum eine von den USA abweichende Struktur herrscht. Bereits vor einem Vierteljahrhundert erreichte der Ölverbrauch in wichtigen europäischen Staaten wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland sein bisheriges – und wohl auch für lange Zeit geltendes – Allzeithoch, wie die folgende Abbildung zeigt.

Ölverbrauch wichtiger europäischer Staaten

Tausend Barrel täglich

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

In den neunziger Jahren haben lediglich diejenigen Länder ihren Ölkonsum gesteigert, die in den vergangenen Jahren ihre Tourismusindustrie massiv ausgebaut hatten. Das sind insbesondere Spanien und die Türkei. Der Pro-Kopf-Öl-Verbrauch liegt in Deutschland seit Jahren bei fünf bis sechs Litern. Momentan fällt er tendenziell. Und da die Bevölkerung nicht mehr wächst, ergibt dies den oben genannten Effekt eines stagnierenden bis fallenden Gesamt-Ölverbrauchs.

Pro-Kopf-Ölkonsum Deutschland 1965–2002

in Litern pro Tag

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003; eigene Berechnungen

Die wachsenden Volkswirtschaften Asiens beeinflussen die Gesamtnachfrage nach Erdöl in zunehmendem Maße. China, Indien und Südkorea verzeichnen die höchsten Verbrauchssteigerungen, während Japan als alte Industrienation auf hohem Niveau stagniert (siehe folgende Abbildung).

Ölverbrauch wichtiger asiatischer Staaten Tausend Barrel täglich

Tausend Barrel täglich

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Das derzeit rasanteste Verbrauchswachstum beansprucht China für sich: Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich der tägliche Verbrauch nahezu verdreifacht, und er wächst ungebremst weiter. Der steigende Pro-Kopf-Verbrauch – ursächlich ist die zunehmende Verstädterung – sowie die insgesamt noch wachsenden Bevölkerungszahlen führen zu einem zunehmenden Energiebedarf.

Pro-Kopf-Ölkonsum China 1965–2002

in Litern pro Tag

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003; eigene Berechnungen

Indien hingegen steht am Anfang seiner Entwicklung. Doch gerade dieses Land mit seinen enorm steigenden Bevölkerungszahlen kann den Ölnachschub ins Stocken geraten lassen.

Bevor wir die Angebotsseite kritisch betrachten, wollen wir noch einen kurzen Blick nach Südamerika werfen. Argentinien ist ein Beispiel dafür, wie der Ölkonsum die ökonomische Situation eines Landes widerspiegelt. Der Verbrauchswert des Jahres 1969 wurde lediglich im Jahr 1979 einmal übertroffen. Heute sind die Werte niedriger als 35 Jahre zuvor.

Ölverbrauch Argentinien

Tausend Barrel täglich

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

In ihrem „Weltenergieausblick 2002“7 geht die Internationale Energieagentur (IEA) davon aus, dass der Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2030 um jährlich etwa 1,7 Prozent zunehmen wird. Diese Zunahme entspräche etwa zwei Dritteln des heutigen Verbrauchs.

Welt-Primärenergieverbrauch – Gesamtprognose

Mrd. Tonnen

Quelle: Internationale Energie-Agentur

Erdöl wird die Hauptlast der Nachfrage zu tragen haben: Der Ölverbrauch soll bis zum Jahr 2030 von jetzt 75 auf 120 Millionen Barrel täglich steigen (siehe Abbildung).

Welt-Primärenergieverbrauch – Einzelprognose

Mrd. Tonnen

Quelle: Internationale Energie-Agentur

Die Entwicklung des künftigen Ölkonsums hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab: der Entwicklung der Weltbevölkerung und der Ausprägung der Lücke zwischen Arm und Reich. Von den jetzt 6,3 Milliarden Menschen verbrauchen eine Milliarde (die OECD-Länder) etwa 20 Barrel Erdöl pro Kopf pro Jahr. Die anderen 5,3 Milliarden nutzen weniger als zwei Millionen Barrel (ein Barrel sind 159 Liter). Während Europa mit seiner schwindenden Bevölkerung seinen Ölverbrauch sukzessive reduzieren wird, werden Schwellenländer mit hohen Bevölkerungswachstumsraten – wie etwa Indien oder Nigeria – weltweit den Ölverbrauch ankurbeln. 97 Prozent des künftigen Wirtschaftswachstums sollen in den Schwellen- und Entwicklungsländern generiert werden.

Wir haben die Situation auf der Nachfrageseite kennen gelernt und wissen jetzt, dass die Welt bis mindestens 2030, wahrscheinlich aber noch weit darüber hinaus, einen steigenden Bedarf an Primärenergie hat. Gemäß IEA wird Erdöl dabei weiterhin die Hauptrolle spielen. Wie aber sieht die Angebotsseite aus? Es ist eine Binsenweisheit, dass nicht mehr Erdöl konsumiert werden kann, als gefördert wird. Die Welt-Ölreserven sind in der Berechung der Förderquoten ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor. Mit gut 75 Millionen Barrel täglich konsumiert die Menschheit jährlich drei Prozent der aktuell festgestellten Erdölreserven. Die nachfolgende Übersicht listet die fünf Länder mit den größten Erdölreserven auf. Mit Saudi-Arabien, dem Irak, den Emiraten, Kuwait und dem Iran befinden sie sich allesamt im Nahen Osten.

Welt-Ölreserven

Angaben in Prozent

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2003

Diese fünf Länder kontrollieren 62,6 Prozent aller nachgewiesenen Welt-Ölreserven. Lediglich Venezuela kann sich mit 7,4 Prozent der Welt-Ölreserven diesem illustren Kreis nähern. Kein anderes Land der Welt – weder Russland, Norwegen, Nigeria, Libyen noch die USA – kann die Fünf-Prozent-Hürde überschreiten. In anderen Regionen der Welt kann die Erdölförderung nur noch eingeschränkt gesteigert werden oder ist sogar rückläufig. Bereits 1956 erstellte der Geologe M. King Hubbert für Shell eine Studie, in der er den US-Produktionshöhepunkt für die frühen siebziger Jahre vorhersagte. Der anschließende Rückgang sollte unabhängig von der Installation zusätzlicher Ölförderanlagen lang und stetig sein. Hubbert wurde ob seiner Vorhersage belächelt.

Die USA waren immerhin 50 Jahre lang das Land mit der höchsten Erdölproduktion: 1970 wurden 11,3 Millionen Barrel pro Tag produziert. Rückblickend sollte dies den Höhepunkt der US-Ölproduktion darstellen. Heute werden täglich 7,7 Millionen Barrel gefördert. Die Abbildung auf Seite 39 zeigt, dass sich die Lücke zwischen Ölkonsum und Ölproduktion in den USA in den vergangenen 50 Jahren ständig vergrößert hat. Seit Anfang der fünfziger Jahre übersteigt der Verbrauch die eigene Produktion. Seit den siebziger Jahren ist die US-Ölförderung sogar rückläufig. Als Folge mussten die Importe ab 1985 deutlich erhöht werden.

Öl-Strukturdaten der USA

in Mrd. Barrel

Quelle: http://mwhodges.home.att.net/

Die Nordsee hat ihren Produktionshöhepunkt ebenfalls bereits deutlich überschritten, und auch in Russland sind die Förderquoten nicht mehr beliebig zu steigern.

Gemäß einer Studie von Simmons8 befriedigen die 14 größten Erdölfelder der Welt etwa 20 Prozent des Welt-Ölkonsums. Sie liegen zum Großteil im Nahen Osten. Das Durchschnittsalter dieser Erdölfelder beträgt 43 Jahre. In den zurückliegenden 30 Jahren wurden große Erdölfelder in immer geringerem Umfang gefunden, und seit 1960 wurden nur noch drei große Erdölfelder entdeckt. Die großen Erdölfelder im Nahen Osten – alle zwischen 1920 und 1950 gefunden – sind laut Simmons im Begriff, ihren Produktionshöhepunkt zu überschreiten. Dies würde zwangsläufig eine Abnahme der täglichen Fördermenge bedeuten. Simmons rechnet damit, dass der Produktionshöhepunkt eher früher als später erreicht wird. Projiziert man die von Hubbert angewendete Methode auf die Welt-Ölproduktion, so erhält man folgendes Bild:

Welt-Erdölproduktion

Tausend Barrel täglich

Quelle: Udall and Andrews, 1999, und Hiller, 1999

Bei knapp über 80 Millionen täglich geförderten Barrel Erdöl wäre demnach das Ende der Fahnenstange erreicht. Anschließend würde die Förderung beständig zurückgehen und im Jahr 2050 den Stand von 1970 erreichen. Im Jahre 2030 würden demnach etwa 65 Millionen Barrel täglich gefördert werden können. Im vorhergehenden Abschnitt haben wir jedoch gelernt, dass die Nachfrage im Jahr 2030 etwa 120 Millionen Barrel betragen soll. Hinzu kommt folgender Aspekt, der unbedingt zu beachten ist: Im Nahen Osten, der 62,6 Prozent aller Erdölreserven beherbergt, wächst die Bevölkerung mit erheblicher Geschwindigkeit (siehe auch Kapitel I.1.a). In Saudi-Arabien werden 5,7 Kinder pro Frau geboren, im Irak 5,3 und in Kuwait 4,2. Allein die Bevölkerung Saudi-Arabiens wird sich in den kommenden 25 Jahren voraussichtlich von heute 23 auf 50 Millionen Menschen mehr als verdoppeln. Diese stark steigenden Bevölkerungszahlen erhöhen in den kommenden Jahrzehnten den Eigenverbrauch der Region und mindern deren Exportkapazität.

Je knapper das Erdöl wird, desto intensiver werden die rohstoffproduzierenden Länder versuchen, die Kontrolle über ihr wertvollstes Gut zu erlangen oder zu behalten. Kontrolle und freie Märkte schließen sich aus. Seit dem Muskelspiel der OPEC in den siebziger Jahren unterliegt der Ölpreis massiven staatlichen Einflüssen. In knappen Märkten haben die Anbieter, nicht die Nachfrager das Sagen. Das kann sogar dazu führen, dass ein einheitlicher Weltmarkt für Rohöl aufhört zu existieren. Stattdessen könnten sich regionale Märkte herausbilden, die den Interessen der rohstoffreichen Länder dienen.

Schon jetzt werden folgende Abhängigkeiten deutlich: Europa ist auf Erdöl- und Erdgaslieferungen aus der früheren Sowjetunion angewiesen. Die USA sind von Südamerika – namentlich Mexiko und Venezuela – abhängig; im Falle von Erdgas müssen sie zunehmend auf andere Kontinente ausweichen. Asiens Hauslieferant ist der Nahe Osten. Sicher scheint, dass der eurasische Kontinent mit den Hauptförderzonen frühere Sowjetunion und Arabien über Erdöl- und Erdgasreserven verfügt, die einen längeren Atem haben als die auf dem amerikanischen Kontinent.

Fazit: Die „Grenzen des Wachstums“ für die fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas sind nach menschlichem Ermessen fast erreicht; Produktionssteigerungen größeren Ausmaßes sind bereits jetzt nicht mehr durchführbar. Der Buch-Klassiker aus dem Jahre 1972 hat in dieser Hinsicht Recht behalten. Die Menschheit dreht sich durch ständiges Bevölkerungswachstum und steigenden Energieverbrauch selbst den Hahn zu, was die fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas angeht. Experten erwarten den Produktionshöhepunkt für Erdöl im Mittel für die Jahre 2005 bis 2015. Sollten erneuerbare Energien in absehbarer Zeit einen stärkeren Einfluss auf die Gesamtenergieproduktion nehmen können, würde sich die Hauptlast der Energieversorgung, welche die fossilen Brennstoffe derzeit – und nach IEA-Erwartungen auch noch in den kommenden Jahrzehnten – zu tragen haben, zugunsten anderer Energieformen verschieben.

c Globale Erwärmung

Die Entwicklung eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Szenarios für das 21. Jahrhundert kann nicht ohne einen Blick auf die klimatischen Veränderungen erfolgen, die sich gegenwärtig auf der Erde abspielen. Inzwischen scheinen Politiker und Bevölkerungen in weiten Teilen der Welt für das Thema globale Erwärmung sensibilisiert zu sein. Man weiß zumindest, dass Ungewöhnliches vor sich geht. Die extremen Sommer der vergangenen Jahre in Europa – Regenkatastrophe 2002, Rekordhitze 2003 – deuten auf einige Instabilitäten hin.

Klimatologen unterscheiden jedoch zu Recht zwischen Wetter und Klima. Das Wetter drückt sich durch kurzfristige Veränderungen in der Atmosphäre aus; die Vorhersage von Wetterereignissen ist schwer zu greifen und aus diesem Grund auf nur wenige Tage beschränkt. Klimatische Veränderungen hingegen wirken langfristig. Hier gilt es, die langfristig wirkenden Einflussfaktoren herauszuarbeiten und zu verstehen, wie diese das Klima beeinflussen. Eine umfassende Kenntnis der Klimageschichte ist die Forschungsgrundlage, auf deren Basis sich künftige Entwicklungen abschätzen lassen. Im Jahre 2001 fassten 2000 Wissenschaftler aus aller Welt ihre Erkenntnisse zum Stand der klimatischen Veränderungen auf der Erde in einem Forschungsbericht9 zusammen. Diese Untersuchung des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderung (IPCC) – einem UN-Organ – wird alle fünf bis sieben Jahre durchgeführt.

Ein Aufziehen der Perspektive zeigt die einzigartige Situation, in der sich die Menschheit aktuell befindet. Auf dem nachfolgenden Chart wird die Abweichung der Jahre 1961 bis 1990 von der Durchschnittstemperatur der vergangenen 1000 Jahre dargestellt. Man erkennt, dass sich die Temperaturveränderungen jahrhundertelang in relativ engen Grenzen hielten. Anfang des 20. Jahrhunderts begann plötzlich ein kontinuierlicher Temperaturanstieg.

Temperaturentwicklung der letzten 1000 Jahre

Abweichungen vom Durchschnittswert 1961–1990 in °C

Quelle: www.ipcc.ch

Ein zweiter Chart, der die Temperaturentwicklung der vergangenen 140 Jahre zeigt, lässt die Details ein wenig deutlicher hervortreten.

Temperaturentwicklung der letzten 140 Jahre

Abweichungen vom Durchschnittswert 1961-1990 in C

Quelle: www.ipcc.ch

Man erkennt, dass man den Beginn der gegenwärtigen Erwärmungsphase auf den Zeitraum zwischen 1900 und 1910 datieren kann. Zwischen dem Ende der vierziger und dem Ende der siebziger Jahre legte der Temperaturanstieg eine Pause ein. Wer seine Kindheit in den sechziger Jahren verbracht hat, wird sich an die langen Frost- und Schneeperioden erinnern. Die Gründe für diesen Temperaturanstieg sind vielschichtig, aber die Klimaforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten hier große Fortschritte gemacht. Einer der größten Einflussfaktoren ist der Kohlendioxid-Anteil in der Luft. Je mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre vorhanden ist, desto weniger Wärme kann in den Weltraum abfließen. Auf dem folgenden Chart erkennt man, dass die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre seit Beginn des 19. Jahrhunderts beständig zunimmt. Nicht zufälligerweise nahm die industrielle Revolution zum gleichen Zeitpunkt ihren Anfang.

Kohlendioxid-Konzentration der letzten 1000 Jahre

in ppm

Quelle: www.ipcc.ch

Der renommierte Klimatologe Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung beschreibt in einem Essay10 die Situation: „Die Klimageschichte bestätigt eindrücklich die wichtige Rolle von CO2 als Treibhausgas. Die Klimageschichte zeigt auch, dass über die vergangenen 400 000 Jahre – also den gesamten Zeitraum, über den es exakte Daten gibt – der CO2 -Gehalt der Atmosphäre niemals auch nur annähernd so hoch war wie jetzt: Er liegt heute bereits um 30 Prozent über dem für Warmzeiten normalen Wert, mit stark steigender Tendenz.“

CO2 ist nicht der einzige Einflussfaktor, aber wohl der bedeutendste. Sonnenaktivität, Erdrotation und Methankonzentration spielen für die Klimaentwicklung ebenfalls eine große Rolle. Aus Gründen der Vereinfachung wollen wir uns auf die Auswirkungen von CO2 konzentrieren. Die Langfristfolgen von verstärkten CO2 Emissionen sind kaum wieder gutzumachen. Selbst nach einer sofortigen Reduktion des Ausstoßes würden sich die Temperaturen erst nach einigen Jahrhunderten stabilisieren.

Noch deutlicher sind die Auswirkungen der gegenwärtigen CO2-Emissionen auf den Anstieg des Meeresspiegels. Dort sind im Wesentlichen zwei Erscheinungen erkennbar, die sich gegenseitig verstärken und für die Küstenländer eine echte Bedrohung darstellen. Das Abschmelzen großer Eismengen leistet einen Beitrag zur Erhöhung der Meeresspiegel; jedoch hat der zweite Effekt für die kommenden Jahrhunderte einen deutlich höheren Einfluss: Es ist die physikalische Tatsache, dass sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt. Erwärmen sich die Ozeane, steigt der Meeresspiegel.

Meeresspiegelanstieg bis 2100

mittlere Variante in cm

Quelle: www.ipcc.ch

Die Auswirkungen auf die Küstenländer sind gravierend. Das IPCC hat errechnet, dass die Zahl der von Sturmfluten betroffenen Menschen bis 2080 von gegenwärtig 40 Millionen auf 250 Millionen ansteigen würden, falls keine weiteren Schutzmaßnahmen erfolgen. Selbst bei erhöhtem Schutz würden knapp 100 Millionen Menschen im Jahr 2080 von Sturmfluten betroffen sein.

Insgesamt wird für die kommenden 100 Jahre eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur je nach Szenario zwischen 1,5 und 5 Grad erwartet. Nach den gegenwärtigen Projektionen des IPCC würde sich die weitere Erwärmung der Erde besonders auf die nördlichen Breiten der Nordhalbkugel konzentrieren. Skandinavien, Russland, und Polen, aber auch der nordöstliche Teil Deutschlands würden sich deutlich erwärmen – um 3,5 bis zehn Grad. In den Mittelmeerregionen wären nur geringe Temperaturanstiege zu verzeichnen.

Temperaturanstieg bis 2100

mittlere Variante in Grad Celsius

Quelle: www.ipcc.ch

Ein wichtiges, Europa betreffendes Szenario muss allerdings noch genannt werden: Die Ozeane werden von kalten und warmen Meeresströmungen durchzogen. Der Golfstrom nimmt Wärme in der Karibik auf und trägt sie nach Europa. Er sorgt dafür, dass sich die Durchschnittstemperatur im nordwestlichen Europa deutlich oberhalb der Temperaturen befinden, die für unsere Breitengrade üblich sind. Aufgrund der verstärkten Sauerstoffzufuhr, die das Abschmelzen des Polar-Eises (speziell des Grönland-Eises) mit sich bringt, ist ein Versiegen des Golfstroms nicht auszuschließen. Eine Reduzierung der Durchschnittstemperatur wäre die Folge. Allerdings ist diese Entwicklung mit Unsicherheiten behaftet; kein seriöser Wissenschaftler wagt hier eine Eintrittswahrscheinlichkeit zu nennen.

Horrorszenarien, denen zufolge uns in einem solchen Fall Alaska-ähnliche Verhältnisse drohen, sind zwar weit übertrieben. Ein simpler Blick in den Atlas zeigt, dass Deutschland auf dem gleichen Breitengrad liegt wie das Gebiet der großen Seen Nordamerikas. Die Sommer sind dort genauso warm wie in Mitteleuropa; die Winter sind einige Grade kälter. Da aber die Erderwärmung gerade die nördlichen Regionen der Nordhalbkugel betrifft, liegt der Schluss nahe, dass der Effekt eines versiegenden Golfstroms durch die angenommene künftige Temperaturerhöhung ausgeglichen werden würde. Die Erhöhung der Temperaturen bewirkt eine höhere Aufnahmefähigkeit von Feuchtigkeit in der Luft, aus der eine Verstärkung von Unwettern resultiert.

Fazit: Nach den wahrscheinlichen Szenarien werden sich die Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten speziell in den nördlichen Breiten der Nordhalbkugel (in Europa nördlich der Alpen) deutlich erhöhen. Die Meeresspiegel werden aller Voraussicht nach in den kommenden 50 Jahren um 20 Zentimeter, in den kommenden 100 Jahren um einen halben Meter steigen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der gegenwärtigen Klimaveränderungen sind unschwer auszumalen. Die angenommene Temperaturerhöhung in Zusammenspiel mit dem Anstieg der Meeresspiegel sowie mit zunehmend instabilem Wetter werden Folgen für alle menschlichen und natürlichen Systeme haben.

Das Gesamtfazit für Teil I.1 des vorliegenden Buchs lässt sich wie folgt ziehen: Die rasante Zunahme der Weltbevölkerung in den vergangenen 250 Jahren, die Erschöpfung fossiler Brennstoffe sowie die globale Erwärmung sind allesamt Folgen des Fortschritts. Die globale Erwärmung hätte einerseits ohne die Ausbeutung fossiler Brennstoffe in diesem Ausmaß nicht stattgefunden. Andererseits wäre die Ausbeutung fossiler Brennstoffe moderater verlaufen, wenn die Nachfrage geringer gewesen wäre. Und das wäre sie nur gewesen, wenn das Bevölkerungswachstum in den Industrieländern nicht so explodiert wäre. Lässt sich dieser gigantische Kreislauf von Kausalzusammenhängen, den die Industrieländer losgetreten haben, einzig auf die Erfindung der Dampfmaschine zurückführen? Ohne Dampfmaschine keine Erschöpfung fossiler Brennstoffe, keine massives Bevölkerungswachstum und keine globale Erwärmung. Die Industrialisierung hat in den betreffenden Ländern zu einer nie gekannten Hebung des Lebensstandards für alle geführt. Aber man sollte auch nicht so blauäugig sein zu glauben, dass dafür kein Preis zu bezahlen sei. Die Optionen für das 21. Jahrhundert, die wir in Teil III beleuchten, müssen unter den oben genannten Prämissen gesehen werden.

2 Wirtschaft und Finanzen

a Produktivität – Stillstand ist Rückschritt

Was verstehen wir unter Produktivität? Diese Frage ist ganz einfach zu beantworten: Steigt sie, können Güter immer kostengünstiger hergestellt werden. Da freut sich der gesunde Menschenverstand: Mit steigender Produktivität wird das Leben leichter – man arbeitet weniger und lebt besser. Stimmt, man arbeitet heute weniger. Die Arbeitslosenquote eilt von Rekord zu Rekord. Und besser leben? Das gilt wohl eher für immer weniger als für mehr Bürger. Was also ist los mit der Produktivität unserer modernen Informationsgesellschaft?

Noch einmal von vorne: Die Produktivität ergibt sich ganz allgemein als Verhältnis von Produktionsmenge und Menge der eingesetzten Produktionsfaktoren. Sie misst also die Leistungsfähigkeit der beiden Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Dementsprechend spricht man entweder von Arbeits- oder von Kapitalproduktivität oder auch von der totalen Faktorproduktivität. Die Arbeitsproduktivität ist für eine Volkswirtschaft von besonderer Bedeutung. Sie bestimmt nach landläufiger Auffassung den Rahmen für die Entwicklung der Reallöhne und damit des Niveaus des allgemeinen Wohlstands.

Der volkswirtschaftliche Terminus „Arbeitsproduktivität“ wird nicht immer gleich verstanden. Am gebräuchlichsten ist wohl die Definition als Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigem. Dieser Wert ist einfach zu berechnen und international gut vergleichbar. Er spiegelt aber die Effizienz des Einsatzes des Faktors Arbeit nicht immer korrekt wider. Wenn nämlich etwa im Rahmen eines volkswirtschaftlichen Outsourcing-Prozesses inländische Arbeit durch im Ausland beschaffte Zwischenprodukte ersetzt wird, steigt zwar die Arbeitsproduktivität. Aber das hat dann nichts mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Produktionsfaktors Arbeit zu tun.

Es gibt noch weitere Einwände gegen diese Form. Misst man stattdessen die Produktivität an Hand von Wertzuwächsen, vermeidet man zum Beispiel Doppelerfassungen und erhält gerade bei den erwähnten Substitutionsprozessen ein genaueres Bild. Eine dritte Variante besteht darin, den volkswirtschaftlichen Output auf die geleistete Arbeitsstunde zu beziehen. Häufig werden die Daten auch preisbereinigt oder indiziert dargestellt, um reale Veränderungen zu messen.

Alle verfügbaren Zahlen stützen die These, dass Arbeitsproduktivität langfristig deutlich gestiegen ist, im Einzelnen variiert das Bild aber stark. Das folgende Diagramm veranschaulicht zum Beispiel die Entwicklung der Zuwächse zwischen 1961 und 1997 für die Europäische Union11.

Reallohn und Arbeitsproduktivität in der EU – jährliche Zuwächse (%) und Trend

Nimmt man die Bruttowertschöpfung (BWS) zu Marktpreisen als Maßstab für die wirtschaftliche Leistung, so ergibt sich ein ähnliches Bild. Sie drückt den um die Vorleistungen – verbrauchte Waren und Dienstleistungen –verminderten Wert aller in einer Periode produzierten Güter aus. In der Zeit zwischen 1960 und 1999 ist die Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigem in Deutschland um mehr als 760 Prozent gestiegen. Zwischen 1991 und 1999 lag der Zuwachs bei fast 37 Prozent.12 Für die Zeitspanne von 1960 bis 2001 ergeben sich Werte von knapp 815 beziehungsweise 46 Prozent.

BWS zu Marktpreisen je Erwerbstä DDR) inDM tigem in der BRD (ab 1991 einschl.

Prof. Rainer Roth trug am 12. Dezember 2002 auf einer Gewerkschaftsveranstaltung vor:13 „Im Wirtschaftszyklus von 1991 bis 2000 nahm die Produktivität von IndustriearbeiterInnen in Deutschland um 73,1 % zu. Anders ausgedrückt: Waren 1991 für die Produktion von inflationsbereinigten Werten in Höhe von zum Beispiel 100 Millionen DM noch 500 ArbeiterInnen notwendig, so waren es 2000 nur noch 290 ArbeiterInnen. Nie zuvor in Nachkriegsdeutschland stieg die industrielle Produktivität so schnell wie in den neunziger Jahren.“

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) lobt den Anstieg der deutschen Wirtschaftsleistung. Das reale Bruttoinlandsprodukt habe in Preisen von 1995 seit 1950 von 218,2 Milliarden Euro auf 1984,2 Milliarden Euro in 2002 zugelegt. Dieser kräftige Anstieg um insgesamt gut 800 Prozent sei das Resultat der Modernisierung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsapparates nach dem Zweiten Weltkrieg und des gewaltigen Nachholbedarfs der Bevölkerung.14

Entwicklung von Arbeitsproduktivität und BIP in Deutschland (geglättet)

1960 erwirtschafteten 26 Millionen Beschäftigte in der BRD ein reales Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu Preisen von 1995 von rund 500 Milliarden Euro. 20 Jahre später, im Jahre 1980, hatte es sich bei annähernd gleicher Zahl von Erwerbstätigen auf 1179 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, die Arbeitsproduktivität ist um mehr als 120 Prozent gestiegen. In der Dekade von 1980 bis 1990 betrug ihre Zunahme nur noch 15 Prozent. Mit der Aufnahme der ehemaligen DDR sackte der Wert im Jahre 1991 zunächst um zehn Prozent ab, legte zwischen 1991 und 2001 aber wieder um knapp 19 Prozent zu. Das BIP wuchs in diesem Zeitraum um 16 Prozent.

Betrachtet man die gesamte Zeitspanne zwischen 1960 und 2001, so legte die Arbeitsproduktivität um insgesamt knapp 180 Prozent zu, während das BIP um über 280 Prozent wuchs. Hier wirkt sich vor allem aus, dass die Zahl der Erwerbstätigen mit dem Ende der DDR im Jahr 1991 um rund 8,5 Millionen oder 29 Prozent gestiegen ist. Zwischen 1960 und 1990 waren die Zuwächse beider Kennzahlen mit 162 beziehungsweise 190 Prozent noch in ähnlicher Größenordnung, besonders wenn man berücksichtigt, dass zwischen 1980 und 1990 die Zahl der Erwerbstätigen um 2,5 Millionen oder neun Prozent angewachsen ist.

Wie stehen Deutschland und Europa im Vergleich zu den USA da, die häufig als „Musterknabe der Produktivität“ hingestellt werden? Für das Jahr 2001 hat die Europäische Union in ihrem „European Competitiveness Report 2002“ die Arbeitsproduktivität ihrer 15 Vollmitgliedsstaaten als Bruttosozialprodukt zu Marktpreisen je Erwerbstätigem berechnet.15 Auf einer Indexskala wird die Produktivität der USA auf 100 gesetzt, der entsprechende Wert der EU-15 kommt auf lediglich 78.

Nach Zahlen von Eurostat16 lassen sich die jährlichen Veränderungen der Arbeitsproduktivität in der EU, in den USA und in Japan über den Zeitraum 1961 bis 2002 vergleichen. Das Ergebnis ist insofern interessant, als die USA erst in der jüngeren Vergangenheit, nämlich seit Mitte der neunziger Jahre, durchgängig höhere Werte ausweist als die EU. Japan kann andererseits von den hohen Zuwächsen in den sechziger Jahren nur noch träumen.

Jährliche Veränderungen der Arbeitsproduktivität

Für die Zeitspanne 1971 bis 1993 weisen die USA diesen Angaben zufolge eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Produktivität von 1,3 Prozent auf. Die EU-15 kommen auf 2,2 Prozent. Zwischen 1994 und 2002 liegen die entsprechenden Werte bei 2,0 und 1,6 Prozent. In der Statistik übliche so genannte polynomische Trendlinien zeigen für die jüngere Vergangenheit eine leicht steigende Tendenz. Danach wurde in den USA das Minimum der Jahreszuwächse bei der Produktivität sogar schon in den achtziger Jahren durchschritten. Für Europa zeigt die Trendlinie seit Mitte der neunziger Jahre lediglich leicht aufwärts.

Absolute Zahlen und Trends scheinen also die Annahme des Produktivitätsvorsprungs der USA zu stützen. Von dem früheren Chefökonomen der Dresdner Bank, Dr. Kurt Richebächer, werden dagegen allerdings ernst zu nehmende Argumente vorgebracht, auf die wir weiter hinten noch zu sprechen kommen. Aber auch die folgende Untersuchung legt nahe, dass die US-Werte zumindest bis 1993 eher zu hoch angesetzt sind.

In „Information Technology and Labour Productivity Growth: An Empirical Analysis for Canada and the United States“17 errechnen die Autoren für die Jahre 1971 bis 1993 für das produzierende Gewerbe der USA eine durchschnittliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität von 1,98 Prozent pro Jahr. Über den gesamten Zeitraum betrachtet sind das knapp 57 Prozent. Der Dienstleistungsbereich kam lediglich auf einen Wert von lediglich 0,47 Prozent. Damit ergibt sich ein Wert von 0,86 Prozent für den „Business Sector“ insgesamt oder knapp 22 Prozent für die gesamte Zeitspanne.

Welche Rolle dabei die Informationstechnologie spielt, zeigt der Anteil der entsprechenden Investitionen. Er kletterte im produzierenden Gewerbe der USA von 7,61 Prozent im Jahre 1972 auf 15,35 Prozent im Jahre 1990. Die entsprechenden Werte für den Dienstleistungssektor liegen bei 18,70 beziehungsweise 26,16 Prozent. Für den „Business Sector“ insgesamt ergibt sich eine Steigerung von 10,68 auf 22,30 Prozent.18 Diese Entwicklung war zumindest bis zum Anfang des dritten Jahrtausends ungebrochen. So gibt Stephen Roach von der Investment-Bank Morgan Stanley an, dass der Anteil der Ausgaben für Informationstechnologie (Hardware und Software) – bezogen auf die gesamten Investitionen der US-Industrie – von 31 Prozent im Jahre 1980 auf 47 Prozent im Schlussquartal 2002 angestiegen ist.19 Das dürfte in ähnlicher Form auch für die anderen Industrieländer gelten.

Damit sollten die Zuwächse bei der Arbeitsproduktivität seit Mitte der neunziger Jahre tatsächlich wieder gestiegen sein, so wie es die Trendlinien in der Abbildung „Jährliche Veränderungen der Arbeitsproduktivität“ andeuten. Allerdings kann man bisher nicht von einem Trendwechsel sprechen. Roach etwa sieht die Budgets für Informationstechnologie bei den US-Unternehmen aktuell auf den Stand von 1999 zurückfallen.

Die Vorreiterrolle der USA, wie sie sich aus den Angaben der Europäischen Union und von Eurostat ergibt, sollte also mit einem Fragezeichen versehen werden. Eine detaillierte, kritische Auswertung der Produktivitätsentwicklung in den USA liefert auch J. Bradford DeLong in seiner lesenswerten Abhandlung „Productivity Growth in the 2000s“. Sie ist im Internet abrufbar unter folgender Adresse: http://www.j-bradford-delong.net/Econ_Articles/macro_annual/delong_macro_annual_05.pdf.

Richebächer geht noch weiter als Roach und DeLong. Für ihn ist die Darstellung von Produktivität und Wachstum in der offiziellen US-Statistik stark überzogen: Schon in den achtziger Jahren sei beschlossen worden, bei der Berechnung der Investitionsrate mehr und mehr Qualitätsverbesserungen zu berücksichtigen. Mit dem technischen Fortschritt bei PCs, insbesondere seit 1995 hinsichtlich Speicherausstattung, Taktfrequenz und Rechenleistung, seien aus 34 Milliarden Dollar, die in der Zeit von 1997 bis 2000 für Computer tatsächlich ausgegeben wurden, in den Statistiken 214 Milliarden Dollar geworden. Das sind 20 Prozent des Wachstums des realen Sozialprodukts. Vor einigen Jahren war dann auch noch beschlossen worden, Ausgaben für Software fortan als Investitionen anzusehen. Für die Jahre 1998 bis 2000 gehen sie mit einer Summe von rund 70 Milliarden Dollar ins Sozialprodukt ein, während sie früher als Kosten wachstumsneutral zu verbuchen waren.

Nach Richebächer hätte sich so aus dem so genannten hedonischen Preisindex und aus der Kapitalisierung der Software ein Investitions-Boom von 25 Prozent des Wachstums oder einem Prozent des Sozialprodukts ergeben, der real nie stattgefunden hat. Zudem hätten Bilanzierungsvorschriften eine Gewinnentwicklung vorgegaukelt, die es in dieser Form nur auf dem Papier gegeben habe.20

In die gleiche Kerbe schlägt der Internetdienst „21st Century Alert“, der im September 2003 anlässlich der Schätzung des amerikanischen Bruttosozialprodukts für das zweite Quartal fragte: „Where are the jobs?“ Eine Wirtschaft, die mit jährlich 3,1 Prozent wächst, so wird argumentiert, sollte doch einige hunderttausend neue Jobs je Quartal ausspucken. Stattdessen würden sogar noch Stellen abgebaut. Also mutmaßt der Verfasser, dass die Statistik kein richtiges Bild der US-Wirtschaft vermittelt, und fährt fort, die Art und Weise, wie die Regierung zu diesen Zahlen kommt, sei ein einziger Witz. Im zweiten Quartal 2003 seien die Investitionen in Computersysteme um 6,3 Milliarden Dollar gestiegen. Daraus sei über den hedonischen Preisindex ein Zuwachs von 38,4 Milliarden Dollar geworden, was rund 40 Prozent des gemeldeten Quartalswachstums ausmacht. 32,1 Milliarden Dollar waren also reine Phantasie. Doch damit nicht genug. Denn das sei nur ein Teil der statischen Schönfärberei, schreibt „21st Century Alert“.

Was wollen wir in diesem Zusammenhang festhalten?

Die offiziellen Statistiken belegen, dass die Arbeitsproduktivität in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen ist. Ein Erwerbstätiger erarbeitet heute gegenüber früher ein Mehrfaches an Wert, weil sein Arbeitsplatz besser, das heißt mit moderneren Produktionsmitteln, ausgestattet ist. Die Informationstechnologie spielt eine äußerst bedeutende Rolle bei der Investitionstätigkeit und ist damit ein Schlüssel für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität. Wichtig ist dabei: Informationstechnologie findet nicht nur in Form von PCs in Büro und Verwaltung statt. Wir finden sie in Internet und Telekommunikation ebenso wie in den Werkshallen, wo sie Produktionsanlagen steuert und vernetzt. Der Anstieg der Arbeitsproduktivität hat im Laufe der Zeit an Dynamik verloren und diese trotz zuletzt leichter Belebung bisher nicht zurückgewonnen. Die Zuwachsraten scheinen sich auf niedrigem Niveau einzupendeln. Das gilt erst recht, wenn man den dargestellten Einwänden gegen die statistische Erhebungsmethodik folgt.Die Bruttoinlandsprodukte der einzelnen entwickelten Industrienationen nähern sich offenbar einem bestimmten Deckel an. Das gilt selbst für Deutschland, wo die Zahl der Erwerbstätigen durch die Wiedervereinigung im Jahre 1991 um fast 30 Prozent angewachsen ist.

Der eingangs zitierte gesunde Menschenverstand ist verwirrt: Die Arbeitsproduktivität ist heute so hoch wie nie zuvor. Aber diejenigen, die Arbeit haben, scheinen immer weniger daran zu partizipieren. Wenn es überhaupt noch Zuwächse des Reallohns gibt, liegen sie in den entwickelten Industrieländern seit mehreren Jahrzehnten unter denen der Arbeitsproduktivität.

Seit Ende der siebziger Jahre ist außerdem immer häufiger von struktureller Arbeitslosigkeit die Rede. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit löst sich vom Konjunkturzyklus, selbst in einer Boom-Phase sinkt sie nicht mehr wesentlich. Mehr noch: Der Arbeitslosigkeits-Sockel ist in den vergangenen 15 Jahren sogar immer größer geworden, wie wir in Kapitel I.2.c darlegen.

b Elektronikmärkte in der Sättigung

Die Elektronik ist an die Stelle von Dampfmaschine, Elektrizität und Automobil getreten und prägt den aktuellen Technologiezyklus. Wir leben im Zeitalter der Informationstechnik. Internet, Telekommunikation, elektronische Datenverarbeitung bestimmen unser Leben. In fast jedem Haushalt findet man mindestens einen PC, ein Handy, eine Digitalkamera, einen Fernseher oder eine Spielekonsole. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in den die Elektronik noch nicht Einzug gehalten hat. Selbst im Kraftfahrzeug finden Chips & Co. mittlerweile massiven Einsatz, dezentrale Steuerungskonzepte verdrängen hier zunehmend mechanische Komponenten, und Navigationssysteme ebnen der mobilen Vernetzung den Weg.

Die Elektronik bestimmt den Charakter moderner Produkte. Bald dürften alle Geräte im Haus vernetzt sein, der Kühlschrank meldet dann selbstständig Fehlbestände. Vom Auto aus wird man drahtlos Küchenherd oder Kaffeemaschine in Gang setzen können. Die Familie wählt, welchen Film sie am Abend sehen möchte, den Rest erledigt der Fernseher, indem er ihn vollautomatisch übers Internet herunterlädt. Keine Utopie ist phantastisch genug – „High-tech“ macht‘s möglich.

Gleichzeitig ist die Elektronik aber auch der Schlüsselfaktor zur Steigerung der Produktivität, sei es auf der Ebene von Büroarbeit und Verwaltung, sei es in der physischen Produktion. Moderne Fertigungsstraßen sind ohne hochkomplexe Elektronik undenkbar, der sehende Roboter ist längst keine Zukunftsvision mehr. Auch der Traum eines Firmenchefs, sein Unternehmen per Mausklick und Internet vom heimischen Arbeitszimmer aus steuern zu können, ist keineswegs abwegig. Moderne Fertigungssysteme sind direkt mit dem kaufmännischen Teil des Unternehmens vernetzt und zentral steuerbar.

Mehr und mehr erfolgt die Fertigung von Waren auftrags-, ja sogar kundenbezogen. Ein Beispiel sind Autos: Sie sind einerseits Großserienprodukte, andererseits in der Kombination unterschiedlicher Merkmale Unikate. Ohne eine durchgängige Steuerung des Produktionsprozesses wäre das kaum möglich. Moderne Warenwirtschaftssysteme erlauben eine effiziente Planung und damit kürzestmögliche Kapitalbindung, insbesondere dann, wenn sie auch