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Das Buch gibt mit Kapiteln zum Unterhaltungstheater, zum Tanz, zur Populärmusik, zum Vergnügungspark und zum Drogenkonsum einen Überblick über die Entwicklung der Berliner Vergnügungskultur vom Deutschen Kaiserreich bis zur Weimarer Republik. Es verfolgt dabei den Zusammenhang von ›Vergnügen‹ und ›Stadt‹ auf zwei Ebenen: Zum einen zeigt es, dass die Vergnügungskultur eine wichtige Funktion für die sog. ›innere Urbanisierung‹ hatte, d.h. für die mentale und habituelle Anpassung der Stadtbewohner/innen an die durch die ›äußere‹ Urbanisierung veränderten Lebensbedingungen in der Großstadt. Zum anderen zeigt es, dass die Vergnügungskultur auch ein wichtiges Übungsfeld für den Umgang mit kultureller Differenz war und damit den kosmopolitischen Charakter Berlins als Weltstadt prägte. Diese beiden Leitfragen nach der Erfahrung der Weltstadt im Vergnügen strukturieren die Darstellung in den fünf Kapiteln, die gleichzeitig eine anschauliche Rekonstruktion der verschiedenen Berliner Vergnügungsorte und -praktiken, der Akteure auf und vor den Unterhaltungsbühnen und -plätzen der Stadt bieten. Ein Ergebnis der Darstellung ist dabei auch die Erkenntnis, dass das Berliner Vergnügungsleben nicht erst in den ›goldenen‹ Zwanzigerjahren, sondern schon um 1900 in vielerlei Hinsicht ausschweifend war und die Wahrnehmung Berlins als Weltstadt prägte.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Daniel Morat, Tobias Becker, Kerstin Lange,Johanna Niedbalski, Anne Gnausch und Paul Nolte
Weltstadtvergnügen
Berlin 1880–1930
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 49 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99695-0
Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de
Umschlagabbildung: Postkarte (Ausschnitt) »›Casanova‹ Casino International.Die schönste Tanzstätte des Kontinents« (Aquarell von Martin Frost)
© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.
www.v-r.de
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.de
Inhalt
Vorwort
Daniel Morat
1.Einleitung
1.1Äußere und innere Urbanisierung
1.2Vergnügungskultur und Kosmopolitismus
1.3Berliner Vergnügen im Wandel
Tobias Becker
2.Unterhaltungstheater
2.1Betrieb: Topographie, Ökonomie, Politik
2.2Publikum: Bürger, Angestellte, Arbeiter
2.3Metropole: Die Stadt auf der Bühne
2.4Kosmopolitismus: Die Welt auf der Bühne
Kerstin Lange
3.Tanzvergnügen
3.1Von Rixdorf zur Friedrichstraße: Berliner Tanzlokale im Wandel
3.2Neue Modetänze: Ragtime, Tango und der Berliner Schieber
3.3Erfahrung und Ordnung des Tanzvergnügens
3.4Tanz – Kosmopolitismus – Weltstadt
Daniel Morat
4.Populärmusik
4.1Zwischen Gartenkonzert und Operettenbühne: Orte und Urheber der Populärmusik
4.2Zwischen Zuhören und Mitsingen: Die Praxis der Populärmusik
4.3Zwischen Gassenhauer und Berlinschlager: Populärmusik und innere Urbanisierung
4.4Zwischen Wiener Walzer und Jazz: Kosmopolitismus in der Populärmusik
Johanna Niedbalski
5.Vergnügungsparks
5.1Hasenheide und Halensee: Die Topographie und Geschichte der Vergnügungsorte
5.2Biergarten, Lunapark und Amerikanischer Vergnügungspark: Die Organisation des Vergnügens
5.3Massenbesuch und Elitetage: Das Publikum der Vergnügungsparks
5.4Rasende Bahnen: Urbane Erlebnisse mit Vergnügungsattraktionen
Anne Gnausch
6.Kokainkonsum
6.1Zur Einführung von Kokain und Morphium im Kaiserreich
6.2Von »Kokainhöhlen« und Halbweltdamen: Berlin im Drogendiskurs der Weimarer Republik
6.3Gesetzliche Rahmenbedingungen und internationale Dimensionen
6.4Kokainhandel und -konsum
6.5Zwischen Vergnügen und Verfall: Kokain in Kunst und Kultur
Paul Nolte
7.Ausblick
Anhang
Bildnachweis
Quellen- und Literaturverzeichnis
Register
Vorwort
Dieses Buch geht auf zwei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekte zurück: »Metropole und Vergnügungskultur. Berlin im transnationalen Vergleich, 1880–1930« (Projektleitung: Daniel Morat, Paul Nolte; Mitarbeit: Kerstin Lange, Anna Littmann, Johanna Niedbalski, Anne Gnausch) und »West End und Friedrichstrasse. Populäres Musiktheater in London und Berlin, 1890–1939« (Projektleitung: Paul Nolte, Len Platt; Mitarbeit: Tobias Becker, David Linton, Laura Ameln, Alissa Rubinstein; kofinanziert durch den britischen Arts & Humanities Research Council (AHRC)).1 Der Aufbau des Buchs und seiner Kapitel sowie die in der Einleitung formulierten Leitthesen und -überlegungen wurden in der gemeinsamen Projektarbeit und -diskussion entwickelt.
Wir danken David Linton, Anna Littmann, Len Platt, Laura Ameln und Alissa Rubinstein für die produktive Projektzusammenarbeit und der DFG sowie dem AHRC für die großzügige Finanzierung. Den Mitgliedern der »Berliner Werkstatt zur Stadtgeschichte«, besonders Hanno Hochmuth und Henning Holsten, sowie Alexander C. T. Geppert und Jens Wietschorke danken wir für produktive Diskussionen. Helen Wagner danken wir für das gründliche Lektorat des Manuskripts und die Recherche der Bildrechte. Bei Vandenhoeck & Ruprecht danken wir Martina Kayser und Daniel Sander für die kompetente Betreuung des Buchs.
Die Autorinnen und Autoren
Berlin im Dezember 2015
1Es liegen bereits andere Buchveröffentlichungen aus diesem Projektkontext vor: Becker, Inszenierte Moderne; Becker, Littmann u. Niedbalski, Die Stadt der tausend Freuden; Lange, Tango in Paris und Berlin; Nolte, Die Vergnügungskultur der Großstadt; Platt, Becker u. Linton, Popular Musical Theatre in London and Berlin.
Daniel Morat
1. Einleitung
»Fremder, der du nach Berlin kommst, der du Anteil haben willst an all dem bunten Treiben, der du wandeln willst durch die leuchtenden Ballsäle, mit den lachenden Mädeln kosen, über die pikanten Scherze der Kabaretts und über die strammen Trikots der Variétékünstlerinnen dich ergötzen willst --- Fremder, folge mir in das Labyrinth der Freuden!«1
Der Schriftsteller Edmund Edel wusste um die Verlockungen der Berliner Vergnügungskultur. In seinem Beitrag über das Nachtleben in dem Reiseführer Ich weiß Bescheid in Berlin von 1908 sparte er nicht mit Superlativen: »In keiner Stadt der Welt«, so Edel, »lachen die Nächte so laut und gellend wie in Berlin«.2 Auch andere Reiseführer priesen in diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die Berliner Vergnügungskultur als singulär und als besondere Attraktion. So war etwa im Reiseführer Berlin für Kenner von 1912 zu lesen: »Das Berliner Nachtleben ist erwiesenermaßen mit dem Nachtleben keiner anderen Stadt, selbst nicht mit dem von Paris, zu vergleichen, und charakterisiert Berlin einzigartig als Weltstadt.«3 Die Friedrichstraße als Zentrum des damaligen Berliner Vergnügungslebens erschien deshalb zugleich als »die weltstädtischste Straße von Berlin«.4 Carl Moreck bezeichnete sie Ende der Weimarer Republik, im Rückblick auf die Kaiserzeit, als »Substanzierung der Weltstadtexistenz Berlins«.5 Das Nacht- und Vergnügungsleben findet breiten Raum in den Reiseführern der Zeit, von den Theatern, Konzert- und Opernhäusern über die Varietés, Kabaretts, Zirkusse, Eispaläste und Kinos bis hin zu den Ball- und Tanzsälen, den Bars und Biergärten, den Restaurants und Nachtcafés, den Vergnügungsparks und Sportarenen.
Reiseführer sind Werbeschriften für Leserinnen und Leser mit ganz bestimmten Freizeitbedürfnissen. Insofern sind diese Aussagen nicht einfach für bare Münze zu nehmen und der Schwerpunkt, den sie auf die Vergnügungskultur legen, spiegelt nicht das Großstadtleben als solches. Sie treffen aber doch sehr gut das Bild, das man sich nicht nur außerhalb, sondern auch in Berlin selbst von dieser damals noch jungen Metropole machte. Denn wie der Untertitel des zuerst zitierten Führers »durch Groß-Berlin für Fremde und Einheimische« selbst sagte, richteten sie sich nicht nur an Touristen, sondern ebenso an Berlinerinnen und Berliner, die sich über das Vergnügungsangebot der Großstadt informieren wollten. So konstatierte etwa auch der vom Berliner Lokalanzeiger herausgegebene Tägliche Vergnügungsanzeiger, Berlin habe ein »Nachtleben, wie es kaum eine zweite Stadt der Welt aufzuweisen hat«, und er empfahl den Berlinerinnen und Berlinern die Vergnügungsstätten mit »internationalem Publikum«, um dort am »weltstädtischen Leben« teilzuhaben.6 Damit benannte er in gleicher Weise wie die Reiseführer genau den Zusammenhang, dem wir in diesem Buch nachgehen wollen, zwischen Weltstadt und Vergnügen.
Die Parole »Berlin wird Weltstadt« hatte David Kalisch schon 1866 im Titel einer seiner Lokalpossen ausgegeben.7 Unter ihr vollzog sich nach dem Aufstieg Berlins zur Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs 1871 dann dessen rasante Entwicklung hin zu einer Millionenstadt. Weltstadt werden, das hieß allerdings nicht nur Einwohnerwachstum und Zuwachs an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Es bedeutete auch, dass man auf dem Gebiet der Unterhaltungskultur mit anderen (europäischen) Metropolen wie Paris, Wien oder London konkurrieren können musste.8 Das Verhältnis von Weltstadt und Vergnügen erschöpft sich jedoch nicht in diesem Phänomen der Metropolenkonkurrenz. Die Vergnügungskultur, so die Hauptthesen dieses Buchs, übernahm vielmehr noch zwei weitere, zentrale Funktionen in der Entwicklung Berlins zur Weltstadt: Zum einen diente sie als Medium und Katalysator der »inneren Urbanisierung«, also der kognitiven und habituellen Anpassung an die Bedingungen des Großstadtlebens und der Herausbildung einer Großstadtmentalität.9 Zum anderen fungierte sie als Verhandlungsfeld des Kosmopolitismus, das heißt der Arten und Weisen, in denen die Welt in der Stadt präsent war. Zum besseren Verständnis dieser beiden Hauptthesen werden die Zentralbegriffe der inneren Urbanisierung, der Vergnügungskultur und des Kosmopolitismus in den nächsten beiden Abschnitten genauer erläutert. Im Anschluss folgt ein kurzer Überblick über die Sozialtopographie des Berliner Vergnügens und seines Wandels im hier gewählten Untersuchungszeitraum.
1.1Äußere und innere Urbanisierung
Das 19. Jahrhundert erlebte einen beispiellosen Aufstieg der Städte. Während um 1800 in Europa etwa 19 Millionen Menschen in Städten lebten, waren es um 1900 über 108 Millionen, die Zahl der europäischen Großstädte erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 21 auf 147.10 Dieser Prozess der Verstädterung bzw. Urbanisierung war eng mit der Industrialisierung verbunden, die zur Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft in die industriellen Zentren führte.11 Ebenso wie die Industrialisierung vollzog sich auch die Urbanisierung in den verschiedenen europäischen Ländern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und nach unterschiedlichen Mustern. In Deutschland nahm die Dynamik der Urbanisierung ab Mitte des Jahrhunderts zu. Berlin zählte um 1850 bereits 412.000 Einwohner und war damit schon zu diesem Zeitpunkt die größte deutsche Stadt. Bis zur Reichsgründung 1871 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 826.000, 1877 war die erste Million erreicht, 1905 die zweite. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Berlin die drittgrößte europäische Stadt nach Paris und London. Durch die Bildung Groß-Berlins 1920, das heißt durch die Eingemeindung der umliegenden Städte und Gemeinden (von denen sieben bereits selbst Großstädte mit über 100.000 Einwohnern waren) stieg die Einwohnerzahl mit einem Schlag auf knapp 3,9 Millionen, 1925 erreichte sie dann die Vier-Millionen-Grenze. Berlin war damit in einer Geschwindigkeit gewachsen, die das Wachstum der ›alten‹ Metropolen bei weitem übertraf, und war am Ende dieser ›Aufholjagd‹ nun, nach New York und London, die drittgrößte Stadt der Welt.
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