Wendezeit - Kristina Spohr - E-Book

Wendezeit E-Book

Kristina Spohr

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Beschreibung

Die Geburt einer Epoche, deren Ende wir gerade erleben

Als im Revolutionsjahr 1989 in Berlin die Mauer fiel und in Peking auf dem Tiananmen-Platz die Proteste blutig niedergeschlagen wurden, veränderte sich die Welt dramatisch. Der Kalte Krieg war zu Ende, eine neue Weltordnung entstand. Auf Basis unzähliger unbekannter Quellen und dicht an den handelnden Personen schreibt Kristina Spohr eine neue große Geschichte dieser doppelten Wendezeit. Ihre wegweisende Studie zeigt, wie es gelang, den Übergang in eine neue Epoche so friedlich zu gestalten und wie die Richtungsentscheidungen der Jahre von 1989 bis 1992 unsere Welt bis heute formen.

Mit zahlreichen Abbildungen.

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EPUB

Seitenzahl: 1619

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Buch

Als im Revolutionsjahr 1989 in Berlin die Mauer fiel und in Peking auf dem Tiananmen-Platz die Proteste blutig niedergeschlagen wurden, veränderte sich die Welt dramatisch. Der Kalte Krieg war zu Ende, eine neue Weltordnung entstand. Auf Basis unzähliger unbekannter Quellen und dicht an den handelnden Personen schreibt Kristina Spohr eine neue große Geschichte dieser doppelten Wendezeit. Ihre wegweisende Studie zeigt, wie es gelang, den Übergang in eine neue Epoche so friedlich zu gestalten und wie die Richtungsentscheidungen der Jahre von 1989 bis 1992 unsere Welt bis heute formen.

Zur Autorin

Kristina Spohr ist erste Inhaberin der Helmut-Schmidt-Ehrenprofessur am Henry A. Kissinger Center for Global Affairs an der Johns Hopkins University in Washington, D.C., und lehrt außerdem internationale Geschichte an der London School of Economics. Spohr hat an der University of East Anglia, am Sciences Po in Paris und der University of Cambridge studiert und war ein Jahr lang als Senior Research Fellow im Büro des NATO-Generalsekretärs im Hauptquartier in Brüssel tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die internationalen Beziehungen und besonders die Geschichte Deutschlands im globalen Kontext seit 1945. Sie publiziert in Zeitschriften zu aktuellen Themen der Weltpolitik und ist Autorin und Herausgeberin mehrerer Bücher; auf Deutsch ist von ihr das vielbeachtete Buch »Der Weltkanzler« (2016) über die Außenpolitik Helmut Schmidts erschienen.

Kristina Spohr

WENDEZEIT

Die Neuordnung der Welt nach 1989

Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz

Deutsche Verlags-Anstalt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2019 Kristina Spohr Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München Covermotiv: © Sibylle Bergemann / OSTKREUZ Lektorat: Dr. Heike Specht, Zürich Karten: Peter Palm, Berlin Satz und E-Book Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-23278-8V001www.dva.de

Für meine Patenkinder

Anna Lisa (*1997)

Daniel (*2004)

James (*2007)

Clio (*2013)

hineingeboren in die Wendezeit

INHALT

EINLEITUNG

KAPITEL 1Die Neuerfindung des Kommunismus: Russland und China

KAPITEL 2Der Sturz des Kommunismus: Polen und Ungarn

KAPITEL 3Deutschland wiedervereinigen, den Ostblock auflösen

KAPITEL 4Der Platz des geeinten Deutschlands in der Welt

KAPITEL 5Der Aufbau eines freien und ganzen Europas

KAPITEL 6»Eine neue Weltordnung«

KAPITEL 7Russische Revolution

KAPITEL 8»Anbruch einer neuen Ära«

KAPITEL 9Ein erster Ausblick auf ein »pazifisches Jahrhundert«

EPILOGPost-Mauerfall, Post-Tiananmen: Eine neu gestaltete Welt?

Feindliche Blöcke: Die Welt im Kalten Krieg (1986)

Beginn eines pazifischen Jahrhunderts? Die Welt im Jahr 2017

ABKÜRZUNGEN

ANMERKUNGEN

DANK

PERSONENREGISTER

Wenn 1989 das Jahr des Wegfegens war, so muss 1990 das Jahr des Neuaufbaus werden.

James A. Baker, 1990

Wir legen keinen Wert darauf, was andere über uns sagen. Das Einzige, was uns wirklich wichtig ist, ist ein gutes Umfeld für unsere Entwicklung. Wenn die Geschichte am Ende die Überlegenheit des chinesischen sozialistischen Systems beweist, ist das genug.

Deng Xiaoping, 1989

Frankreich ist unsere Heimat, Europa ist unsere Zukunft.

François Mitterrand, 1987

Frieden ist nicht Einheit in Gleichartigkeit, sondern Einheit in Vielfalt, im Vergleich und in der Versöhnung von Unterschieden.

Michail Gorbatschow, 1991

Politik braucht Gespür für das Machbare, auch für das dem anderen Zumutbare.

Helmut Kohl, 2009

EINLEITUNG

Wirtschaftliche Krise in der Sowjetunion … Krieg im Golf … Unruhen in Jugoslawien … Sturz des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow und Machtübernahme durch Stalinisten … Mobilmachung im Osten … Einmarsch sowjetischer Truppen in Jugoslawien … Der Westen ruft die Reservisten in die Kasernen, mobilisiert die Zivilverteidigung.

Im Morgengrauen des 24. Februar 1989 rollen Tausende Panzer des Warschauer Pakts über die Grenzen der Bundesrepublik – auf breiter Front, von der Ostsee bis hinunter zur tschechoslowakischen Grenze. Der Hauptangriff erfolgt über die norddeutsche Tiefebene mit einem zweiten Vorstoß Richtung Frankfurt. Zunächst gelingt es westlichen Panzerkräften, den Feind trotz einer Flut von Flüchtlingen in Schach zu halten. Dann jedoch setzt der Kreml in Großbritannien und Norddeutschland Giftgas ein. Ab dem 5. März beginnt der Widerstand der alliierten Streitkräfte zu brechen, und dieNATOautorisiert den Ersteinsatz taktischer Atomwaffen. Doch die Sowjets lassen sich nicht abschrecken und setzen ihre Angriffe fort. Also unternimmt dieNATOam 9. März einen zweiten, diesmal massiven Atomschlag mit 25 Atombomben und Atomraketen, die zu einem Drittel in der Bundesrepublik gestartet werden. Die Sowjetführung antwortet mit den gleichen Mitteln. Ein atomarer Feuersturm verschlingt den größten Teil der Bundesrepublik und derDDR. Die Strahlung breitet sich auch in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn aus …1

Natürlich geschah all das nicht wirklich. Es handelte sich lediglich um das Szenario für eine der alle zwei Jahre stattfindenden Stabrahmenübungen der NATO. Im Planspiel Wintex 89 wurde Deutschland zum Schauplatz eines »begrenzten Atomkriegs«. Dieser hätte Hunderttausenden von Deutschen den sofortigen Tod gebracht, das historische Kernland Europas atomar verseucht und Millionen weiterer Menschen zu einem langsamen, extrem schmerzhaften Tod verurteilt. Schlimmer noch, es hätte die Gefahr bestanden, dass der lokale Atomkrieg schließlich den Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte.

Schon vor dem Beginn der Übung war das Drehbuch von Wintex 89 an die Presse durchgesickert und in den deutschen und sowjetischen Medien als Sensation gehandelt worden. So entsetzlich waren die in dem Kriegsspiel skizzierten Aussichten, dass Waldemar Schreckenberger (der Mann aus dem Kanzleramt, der bei dem Manöver den »Bundeskanzler übungshalber« spielen musste, während Kanzler Kohl seinen normalen Regierungsgeschäften nachging) die fiktive menschliche Tragödie begrenzte, indem er sich weigerte, den zweiten Atomschlag zu befehlen. Dies führte dazu, dass Wintex 89 abgebrochen wurde; und von da an hielt die NATO keine Wintex-Übungen mehr ab.

Anfang des Jahres 1989 ging das westliche Verteidigungsestablishment noch ernsthaft von der Möglichkeit aus, dass die andauernde Konfrontation zwischen den Supermächten in einem globalen nuklearen Holocaust enden konnte. Nur wenige Monate später sah die Zukunft Europas radikal anders aus. Der Kalte Krieg endete tatsächlich schnell und unerwartet, aber nicht mit dem nuklearen »Big Bang«, den zu üben die beiden bewaffneten Lager so viel Zeit, Geld und Scharfsinn aufgewendet hatten.

Ein Waffengang zwischen Ost und West fand nie statt. Das Ende des Kalten Krieges war ein weitgehend friedlicher Prozess, bei dem aus internationalen Abkommen, die in einem beispiellosen Geist der Zusammenarbeit ausgehandelt wurden, eine neue Weltordnung hervorging. Die beiden wichtigsten Katalysatoren dieses Wandels waren ein neuer sowjetischer Staatschef mit einer neuen politischen Vision und der Protest der Bevölkerung in den Straßen Osteuropas. Die Kraft des Volkes war explosiv, aber nicht im militärischen Sinne. Die Demonstranten des Jahres 1989 forderten Demokratie und Reformen. Sie entwaffneten Regierungen, die zuvor unangreifbar erschienen waren, und sie durchbrachen plötzlich und unaufhaltsam als Reisende und Migranten den einst so undurchdringlichen Eisernen Vorhang. Der symbolische Moment für das Drama jener Monate war der Fall der Berliner Mauer am Abend des 9. November.

1989 schien alles im Fluss zu sein. Strömungen revolutionärer Veränderung kamen von unten, und zugleich versuchten die kommunistischen Machteliten Reformen durchzuführen.2 Die marxistisch-leninistische Ideologie des Sowjetkommunismus, einst der ideelle Rahmen des Sowjetblocks, verlor massiv an Glaubwürdigkeit und Einfluss. Die liberale kapitalistische Demokratie wies scheinbar den Weg in die Zukunft: Während der »Osten« große Anstrengungen unternahm, durch eine Transformation nach westeuropäischem Muster »aufzuholen«, orientierte sich die ganze Welt, so hatte man den Eindruck, zunehmend an den amerikanischen Werten. Vom »Ende der Geschichte« war die Rede.3

Nichts hatte die führenden Politiker auf einen so schnellen und allumfassenden Wandel vorbereitet. Sie hatten jahrzehntelang Kriegsspiele wie Wintex 89 veranstaltet, ohne je ein Szenario für einen friedlichen Ausgang des Kalten Krieges zu entwickeln. Schlimmstenfalls existierte lediglich eine fiktive Militärstrategie zum Überleben der atomaren Apokalypse, und bestenfalls verfügte man über diplomatische Strategien, um die komplizierte Koexistenz der beiden antagonistischen Blöcke zu managen. Auf das tatsächliche Ende des Kalten Krieges in den Jahren 1989-1991 hätten sie kaum schlechter vorbereitet sein können. Dieses Buch untersucht, warum im Jahr 1989 eine dauerhafte und scheinbar stabile Weltordnung zusammenbrach, und widmet sich dann der Frage, wie durch Improvisation eine neue Ordnung aus den Ruinen der alten geschaffen wurde.4

Um zu verstehen, welche Wege eingeschlagen und welche Entscheidungen getroffen wurden, schaue ich den wichtigsten Staatslenkern über die Schulter und verfolge, wie sie die neuen Kräfte, die in ihrer Welt wirksam wurden, zu verstehen und zu kontrollieren suchten. Sie erkundeten eine Vielfalt oft widersprüchlicher Optionen bei ihren Bemühungen, die Ereignisse zu steuern, Stabilität zu gewährleisten und Krieg zu vermeiden. Da sie für die künftige Weltordnung weder Blaupausen noch gemeinsame Entwürfe besaßen, näherten sie sich der Herausforderung des radikalen Wandels mit relativer Vorsicht. Sie bauten auf die Prinzipien und Institutionen, die sich während des Kalten Krieges im Westen bewährt hatten, und passten jene den neuen Verhältnissen an. Dies war zweifellos eine diplomatische Revolution, die jedoch, vielleicht paradoxerweise, auf eine konservative Art durchgeführt wurde.

Die beteiligten Politiker waren eine kleine, eng miteinander verbundene Gruppe. Das Machtdreieck, auf das es in Europa besonders ankam, wurde von der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland gebildet: auf einer Ebene durch die Staats- und Regierungschefs: Michail Gorbatschow, George H. W. Bush und Helmut Kohl;5 auf der anderen durch die die Außenminister: Eduard Schewardnadse, James Baker und Hans-Dietrich Genscher.6 Innerhalb dieser Kraftfelder nahm das Europa der Wendezeit nach dem Kalten Krieg Gestalt an. Eher am Rand standen zwei mächtige, aber zunehmend isolierte Politiker: die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die gegen die schnelle Wiedervereinigung Deutschlands war, und der französische Staatspräsident François Mitterrand, der sie widerstrebend hinnahm, aber nur unter der Bedingung, dass ein vereinigtes Deutschland fest in Europa verankert sein würde.7 Ihre Interaktionen mit Kohl, insbesondere was das Projekt der europäischen Einigung betraf, bildeten ein weiteres machtpolitisches Dreieck.8

Es ist jedoch eine zentrale Feststellung dieses Buches, dass das Europa nach dem Mauerfall, ja unsere Gegenwart, nur zu verstehen ist, wenn man auch berücksichtigt, was 1989 auf der anderen Seite der Welt geschah. Unter Deng Xiaoping erlebte die Volksrepublik China (VRC) ein ganz anderes Ende des Kalten Krieges als Europa, ein Ende, das für immer mit dem Blutvergießen auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni gleichgesetzt werden wird.9 Chinas schrittweiser Eintritt in die kapitalistische Weltwirtschaft wurde durch Dengs unbedingte Entschlossenheit, die Herrschaft der Kommunistischen Partei zu erhalten, reguliert. Mit diesem Balanceakt, der sich radikal von Gorbatschows vollständigem Kontrollverlust unterschied, bahnte sich Peking seinen eigenen Weg. Für die zentrale Rolle, die die Kraft des Volkes bei der Umwälzung in Osteuropa spielte, gab es in China keine Entsprechung. Der »Erfolg« des chinesischen Regimes bei der Unterdrückung der Protestbewegung hatte enorme Auswirkungen, die bis heute spürbar sind. Die europäische Geschichte muss also im Kontext eines weiteren globalen Dreiecks gesehen werden – eine dynamische Fortsetzung der chinesisch-sowjetisch-amerikanischen »Tripolarität«, die sich in der späten Phase des Kalten Krieges herauskristallisiert hatte.10

Die Manager des Wandels gehörten fast alle derselben Generation an. Mit Ausnahme Mitterrands (geboren 1916) und Dengs (geboren 1904) waren sie alle zwischen 1924 und 1931 geboren und somit geprägt von der Erinnerung an eine Welt im Krieg. Auch deshalb waren sie sich der Zerbrechlichkeit des Friedens schmerzlich bewusst. Dabei ist es bemerkenswert, dass die meisten von ihnen (mit Ausnahme Kohls und Mitterrands) zwischen 1990 und 1992 die Macht verloren und daher nie als politische Akteure mit den Folgen ihres Handelns umgehen mussten.

Die ersten drei Kapitel dieses Buches befassen sich mit den Umwälzungen, die 1989 die Schlagzeilen beherrschten: die Öffnung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich, das Blutbad auf dem Tiananmen-Platz, der ungeplante Fall der Berliner Mauer. Das Hauptgewicht jedoch liegt auf der aufregenden, aber auch überaus unsicheren Zeit, die auf diese Ereignisse folgte: auf der dual geprägten Wendezeit nach dem Mauerfall (»post Wall«) und nach dem Tiananmen-Massaker (»post Square«). Die Hoffnung, dass die Menschheit in eine neue Ära der Freiheit und des dauerhaften Friedens eintreten werde, stand in Konkurrenz zu der keimenden Erkenntnis, dass die bipolare Stabilität des Kalten Krieges damals schon einer weniger binären und gefährlicheren Struktur Platz machte.11

Der Hauptteil des Buches erzählt, wie die Welt in den Jahren von 1990 bis 1991 durch eine Diplomatie neu gestaltet wurde, die vor allen Dingen bewahrend wirkte. Etablierte Institutionen des Kalten Krieges wurden an die neuen Gegebenheiten angepasst. Obwohl dieser Vorgang unter Führung des Westens und insbesondere des US-Präsidenten George Bush stattfand, hatte auch der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow ein ausgeprägtes Interesse, sich an dem Prozess zu beteiligen, und zwar im Rahmen seines Versuchs, die offizielle Ideologie der Sowjetunion auf die Werte, die die Sowjetbürger mit dem Westen »gemeinsam« hatten, neu zu orientieren.12 Die daraus resultierende Annäherung kulminierte in einer kurzen Phase beispielloser Zusammenarbeit zwischen den USA und der UdSSR. Ihr partnerschaftlicher Ansatz bei der Reaktion auf die Invasion des Iraks in Kuwait sollte als Kernstück der »neuen Weltordnung«, wie Präsident Bush es nannte, dienen. Die alte konfrontative Bipolarität schien einem neuen Umgang mit dem Problem globaler Sicherheit zu weichen. Dieser sollte sich auf zwei Pfeiler stützen: die Supermächte, die sich als kooperative Kräfte in den Vereinten Nationen engagierten und sich am Völkerrecht orientierten.13

Sowohl Bush als auch Gorbatschow hofften, dass der neue Modus Vivendi als Grundlage für die internationalen Beziehungen nach dem Kalten Krieg dienen könnte. Amerika war dabei eindeutig der Seniorpartner, doch die Kooperation war real. Die Partnerschaft funktionierte, aber sie war fragil, gerade weil sie zu stark auf die Beziehung zwischen den beiden Männern an der Spitze zugeschnitten war. Bush, Kohl und andere führende Politiker des Westens klammerten sich lieber an Michail Gorbatschow, als sich mit den tiefgreifenden politischen und strukturellen Problemen der zusammenbrechenden Sowjetunion zu befassen. Als sich Ende 1991 die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken völlig auflöste, sah Bush sich gezwungen, den Mann ernst zu nehmen, der im postsowjetischen Russland am Ruder war: Boris Jelzin. Auf raschen Wandel erpicht, hatte der neue Chef im Kreml mit der gigantischen Herausforderung zu kämpfen, sein Land in eine kapitalistische Demokratie umzuwandeln.14 Dieser erneute Umbruch in der globalen Geopolitik betraf nicht nur Europa, sondern auch Asien und nötigte Bush, seinen Ansatz mit den zwei Pfeilern zu überdenken.

Mit dem Ende der Sowjetunion gehörte die Bipolarität der Vergangenheit an, und so drängten die Vereinigten Staaten nun mit frischer Energie auf ein wirklich globales und möglichst offenes, US-dominiertes Welthandelssystem. Sie wollten das veraltete Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) von 1947, das der Dynamik einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft nicht mehr angemessen schien, durch ein neues Regelwerk ersetzen und eine neue Welthandelsorganisation gründen. Diese sollte nicht nur den Entwicklungs- und Schwellenländern mehr Unterstützung bieten, sondern irgendwann auch die großen Akteure Russland und China aufnehmen, sobald sie sich von ihrer jeweiligen relativ geschlossenen Zentralplanwirtschaft verabschiedeten. Doch die USA waren nicht die Einzigen, die sich im globalen ökonomischen Powerplay positionieren wollten. Auch Japan, dank seiner phänomenalen Wachstumsraten zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, wurde damals als kommender globaler Hegemon eines »pazifischen Jahrhunderts«, gehandelt, in der Erwartung, dass es mit seiner ökonomischen Stärke das durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene geopolitische Vakuum füllen würde. Die Führung des kommunistischen Chinas hatte ihre eigenen Ambitionen. Das dortige Regime überlebte das »Tiananmen-Ereignis«, festigte seine Herrschaft über das Land und konnte schon bald auf einen atemberaubenden, unaufhaltsamen wirtschaftlichen Aufstieg der VRC verweisen. Eine Entwicklung, die sich langfristig geostrategisch als sehr viel wichtiger erweisen sollte als die falsche Morgendämmerung im Land der aufgehenden Sonne.15

Auch in Europa wurden Frieden und Stabilität der Nachkriegsära brüchig, als Jugoslawien in einem genozidalen Bürgerkrieg versank. Der einst so kohärent erscheinende Balkanstaat zerfiel in mehrere sich bekämpfende Kleinstaaten, was einen gewaltigen Flüchtlingsstrom auslöste. Die neuen Balkankriege führten nicht wie die von 1914 zu einem europäischen oder globalen Krieg, doch die internationale Politik tat sich schwer, die Flammen zu löschen.16

Die Zersplitterung Jugoslawiens weckte außerdem Befürchtungen, was eine mögliche Entwicklung betraf, die Gorbatschow selbst 1991 als »Balkanisierung« der Sowjetunion bezeichnete.17 Eine Zeitlang schien sich der Machtkampf zwischen Moskau und Kiew, in dem es um die Krim und weitere Territorien in der Ukraine ging, tatsächlich am Rand eines Krieges zu bewegen. Und 1992 entfachten sich Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen über den Besitz der ehemals sowjetischen Schwarzmeerflotte und strategisch wichtiger Häfen, über russische Stationierungsrechte und über die russische Nutzung ukrainischer Militäreinrichtungen. Washington war besonders besorgt über das Schicksal der sowjetischen Atomwaffen, die nun auf Russland und drei weitere unabhängig gewordene ehemalige Sowjetrepubliken (Weißrussland, Ukraine und Kasachstan) verteilt waren.

Zudem führte der Zusammenbruch der Sowjetmacht dazu, dass frühere Klientelstaaten rund um den Erdball in ihrer Ambition, sich zu behaupten, »abtrünnig« wurden. So blieb auch nach dem Zweiten Golfkrieg (1991) das Problem Saddam Hussein ungelöst, und zugleich wurde das von Kim Il Sung regierte Nordkorea mit seinem Geheimprogramm zur Herstellung von Atomwaffen zu einer immer dringlicheren Sorge.18 Um diese Entwicklung nachzuzeichnen, sind die letzten zwei Kapitel dieses Buchs den globalen Ereignissen des Jahres 1992 gewidmet – eines Jahres, das in den meisten Studien über das Ende des Ost-West-Konflikts weitgehend ignoriert wird, in dem allerdings Probleme entstanden, die uns im 21. Jahrhundert immer noch zu schaffen machen. Dem verfrühten Triumphalismus einiger Kommentatoren, insbesondere in den USA, zum Trotz endete der Kalte Krieg nicht schlicht mit einem Sieg der Vereinigten Staaten über die Sowjetunion; und die Welt wurde nicht einfach nach dem Bild der Vereinigten Staaten neu erschaffen.19

Nirgends brachte die internationale Diplomatie schnellere und eindrucksvollere Ergebnisse als bei der deutschen Widervereinigung. Wegen der problematischen Lage Deutschlands in Europa, wegen der zentralen Rolle, die es beim Ausbruch zweier Weltkriege gespielt hatte, und wegen seiner Position als Hauptschauplatz der Ost-West-Konfrontation nach 1945 war die Deutsche Frage eine riesige Herausforderung. Bei der Bewerkstelligung der Wiedervereinigung wurden zwei wichtige westliche Bündnisse des Kalten Krieges, die NATO und die Europäische Gemeinschaft, erhalten, modifiziert und schließlich so vergrößert, dass sie auch die Staaten Mittel- und Osteuropas miteinbezogen.20

Bei der »Neuordnung der Welt nach 1989« waren die zur Stabilisierung Europas ergriffenen Maßnahmen also im Wesentlichen konservativ in dem Sinne, dass von bereits bestehenden westlichen Institutionen und Strukturen Gebrauch gemacht wurde und nicht etwa neue Strukturen geschaffen wurden, die auf die Herausforderungen einer neuen Ära zugeschnitten waren. Zwar bemühten sich einige europäische Staatsmänner, insbesondere Genscher, Gorbatschow und Mitterrand, in den Jahren 1989 –1991 um eine neue paneuropäische Architektur, die beide Hälften des Kontinents umfasst und Russland in eine gemeinsame Sicherheitsstruktur eingebunden hätte, aber diese wurde letztlich nicht geschaffen. Aus der 1975 in Helsinki gegründeten Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) hätte eine solche Struktur werden können, doch die KSZE wurde nie in eine operative Sicherheitsorganisation umgewandelt. Die politische Realität nach dem Mauerfall – mit den Vereinigten Staaten, die fest entschlossen waren, eine »europäische Macht« zu bleiben – machte es unmöglich, solch paneuropäische Pfade einzuschlagen. Und die Anziehungskraft eines unter der Ägide einer immer stärker integrierten Europäischen Union stehenden und durch eine neu erfundene NATO gesicherten Europas war einfach zu stark.21

Als anschließend die verstreuten Bruchstücke aus der alten Ordnung des Kalten Kriegs zu einer neuen, immer größeren, westlich dominierten Struktur wieder zusammengesetzt wurden, verstärkte sich die Asymmetrie zwischen West und Ost allmählich immer mehr. Das so entstandene Ungleichgewicht sollten Gorbatschows Nachfolger, Boris Jelzin und Wladimir Putin, als unerträglich empfinden. Ein immer noch mächtiger und statusbewusster russischer Rumpfstaat wurde sich selbst überlassen, und, seinem Gefühl nach, marginalisiert und an die Peripherie des neuen Europas abgedrängt, wo er seine Wunden leckte. Mit den Folgen haben wir heute noch zu kämpfen.22

Diese Neubetrachtung des Zeitraums zwischen 1989 und 1992 stützt sich auf Archivalien in verschiedenen Sprachen von beiden Seiten des früheren Eisernen Vorhangs. Dabei profitiert sie stark von erst kürzlich freigegebenen oder bisher vernachlässigten Dokumenten. Diese reichen von Memoranden bis zu Gesprächsprotokollen, vom persönlichen Brief bis zum Geheimdienstbericht, und liegen in den nationalen, präsidentiellen und außenministeriellen Archiven der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion (Russlands), Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs und Estlands. Andere wichtige Quellensammlungen befinden sich im IMF Archiv, im Hoover Institution Archive, sowie im National Security Archive, im Woodrow Wilson Center und dem mit ihm verbundenen Cold War International History Project in Washington, DC, mit seiner Fülle von Electronic Briefing Books und publizierten Dokumentensammlungen aus dem Westen, Osteuropa, Russland und China (inklusive Materialien der Parteien und Politbüros). Weitere Primärquellen sind die Tagebücher und Privatpapiere führender Politiker und ihrer Berater sowie deren zahlreiche Memoiren.23

Wendezeit kombiniert die detaillierte Rekonstruktion wichtiger Episoden mit der synoptischen Untersuchung des makrohistorischen Wandels. Um die Ära der Transformation richtig zu begreifen, gilt es die verwirrenden Ereignisse gleichsam von einem künstlichen Aussichtspunkt, quasi aus der Vogelperspektive, in den Blick zu nehmen. Aber eine erfolgreiche Analyse muss auch den Narrativen Raum geben, mit denen die führenden Protagonisten ihrer Welt Sinn verliehen und ihre Handlungen rechtfertigten. Schließlich nahmen die wichtigsten Akteure maßgebenden Einfluss auf die Ereignisse jener Jahre. Sie waren nie nur Figuren in einer Geschichte, die von anderen erzählt wurde, sondern mit all ihren Unzulänglichkeiten starke Gestalter ihrer eigenen Zeit.

Im Jahr 1995 charakterisierte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog seine Ära als eine »Zeit, die noch keinen Namen hat«.24 Fünfundzwanzig Jahre später hat dieser Aphorismus kaum etwas von seiner Schärfe verloren, da die besonderen Kennzeichen der Epoche nach dem Kalten Krieg immer noch schwer zu erkennen oder zu verstehen sind. Manche mögen der Meinung sein, dass das übergreifende Narrativ, da 1989 immer weiter in die Vergangenheit rückt, ein ökonomisches sein müsse, das sich vom Zusammenbruch des Finanzsystems von Bretton Woods in den Siebzigerjahren bis zum Finanzkollaps des Jahres 2008 erstreckt.25 Ich selbst vertrete jedoch die Ansicht, dass wir durch eine gründlichere Analyse der entscheidenden »Scharnierjahre« von 1989 bis 1992 die geopolitische Ordnung besser verstehen können, auf deren Grundlage sich die Umwälzungen des globalen Kapitalismus vollziehen. Und es ist diese Ordnung, die nun bedroht ist.

Die Erfolge der konservativen Manager waren eindrucksvoll: Insbesondere stabilisierten sie Mitteleuropa in einer Periode des schnellen geopolitischen Wandels. Doch das (vor allem von amerikanischer Seite) an den Tag gelegte Selbstbewusstsein, dass sich die Welt künftig im Rahmen einer zunehmend auf Washington ausgerichteten Weltordnung immer mehr an den amerikanischen Werten orientieren werde, hat sich im Lauf der Zeit als Illusion entpuppt. Der Gedanke, ein gekränktes, aber wiedererstarkendes Russland26 oder die stets ihrem eigenen Kompass folgende Volksrepublik China27 könnten in einer unipolaren Welt einen untergeordneten Status akzeptieren, wirkt heute hoffnungslos naiv.28 Das Europa des Maastricht-Vertrags wiederum hat nicht die notwendige Vision und Energie für einen ungeteilten, freien und dynamischen Kontinent entwickelt. Es ist eingeengt durch Dogmen, die nach 1945 geschmiedet worden waren, und gefesselt durch ihren chronischen Mangel an unabhängiger politischer und militärischer Macht.

Die neue Europäische Union von 1992 kooptierte die Logik der Nachkriegsentwicklung des westdeutschen Staates. Die Bundesrepublik hatte schon lange auf die historischen Ambitionen Deutschlands als Militärmacht verzichtet. Die europäische Integration wurde als deutsch-französisches Friedensprojekt auf der Grundlage wirtschaftlicher Prosperität und sozialer Sicherheit begriffen. Als die EU nach dem Kalten Krieg die Friedensdividende ernten wollte, sah sie sich im deutschen Modus als strahlendes Beispiel nicht einer Militär-, sondern einer »Zivilmacht«.29

Dies war eine lineare Interpretation der Zukunft nach dem Mauerfall, die die friedliche Vereinigung Deutschlands auf die europäische Ebene ableitete. Doch die Plausibilität dieses idealistischen Traums wird durch den Aufstieg von Populismus, Nationalismus und Antiliberalismus in den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts in Frage gestellt: Die Grundüberzeugung, dass das europäische Integrationsprojekt irreversibel sei, wurde durch das »Brexit«-Votum erschüttert und der Glaube an die Unzerstörbarkeit des transatlantischen Bündnisses durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump untergraben. Die amerikanische Vision von »einer Weltgemeinschaft der Nationen«30 – einer Ordnung, die sich auf das Völkerrecht, liberale Werte, den begrenzten Einsatz von Gewalt und eine legitime internationale Autorität zur Vermittlung bei Konflikten stützt – nimmt sich heute utopisch aus.31 Die alte Rivalität zwischen den Großmächten ist mit Vehemenz zurückgekehrt, und die traditionellen westlichen Wahrheiten von Demokratie und Freihandel werden auf der ganzen Welt in Frage gestellt. Dies gilt insbesondere für Russland und China, aber auch für Amerika selbst.

Die Schwächen der internationalen Regelung, die den Kalten Krieg beendete, sind heute offensichtlich: eingefrorene Konflikte, Auflösung von Rüstungskontrollabkommen, Verknöcherung internationaler Institutionen, Aufstieg mächtiger autoritärer Regime, gewachsene Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen, dies sind nur einige der nicht vorhergesehenen oder teils auch einfach ausgeblendeten Folgen von Konstruktionsfehlern der neuen Ordnung, die von den Gestaltern der Weltpolitik in den Jahren von 1989 bis 1992 mit solcher Hast und solchem Erfindungsgeist improvisiert wurde.32 Genau deshalb ist es heute notwendiger denn je, die Ursprünge der Wendezeit und ihre schwierige Geburt zu verstehen.

KAPITEL1

DIE NEUERFINDUNG DES KOMMUNISMUS: RUSSLAND UND CHINA

»Gorbi-Manie« in Manhattan

© picture alliance (Richard Drew/AP)

Siebter Dezember 1988. Manhattan war in heller Aufregung an diesem Abend. Tausende New Yorker und Touristen säumten die Straßen hinter den Polizeisperren, jubelten, winkten und reckten die Daumen hoch, als Michail Gorbatschow in einem Korso von 47 Autos den Broadway hinunterrollte.

Plötzlich, vor dem Winter Garden Theatre, in dem das Musical Cats Erfolge feierte, stoppte die Stretchlimo. Gorbatschow und seine Frau Raissa stiegen lächelnd aus und ließen sich fotografieren. Die Bilder zeigen den Generalsekretär aus der Sowjetunion unter einer riesigen Neonreklame für Coca-Cola, die geballten Fäuste im Triumph erhoben – wie Robert »Rocky« Balboa aus dem gleichnamigen Boxdrama von Sylvester Stallone.

Gorbatschow sonnte sich hemmungslos in der amerikanischen Bewunderung. Einen Block weiter südlich, mitten auf dem Times Square, dem Mekka der Werbewelt des Weltkapitalismus, leuchteten rot Hammer und Sichel auf einer elektronischen Werbetafel, gepaart mit der Botschaft »Willkommen Generalsekretär Gorbatschow«. Der Staatsgast stand an der Spitze der mit Amerika konkurrierenden Supermacht. In seinem Herzen war er wohl immer noch Kommunist, aber in dieser Nacht in New York war er »Gorbi«, ein Superstar, der vor allem als Friedensstifter verehrt wurde. In Manhattan war er die meiste Zeit umgeben von Prominenten, Milliardären und Mitgliedern der oberen Zehntausend, statt amerikanischen Arbeitern die Hände zu drücken.1

So stand auch ein Besuch des Trump Tower auf seiner Agenda. Der Immobilieninvestor konnte es kaum erwarten, Mrs. Gorbatschow durch die glamourösen Geschäfte im marmornen Atrium seines Wolkenkratzers zu führen. Trump brannte darauf, den Gorbatschows eine Suite im 60. Stock zu zeigen, weil sie über einen Swimmingpool verfügte, der seiner Aussage nach »praktisch Normgröße hatte, obwohl er sich in einer Wohnung befand«. Und natürlich wollte Trump unbedingt mit seinem eigenen opulent ausgestatteten 19-Millionen-Dollar-Appartement im 68. Stock angeben. Sie sollten »einen ordentlichen Eindruck bekommen, worum es in New York und in den Vereinigten Staaten eigentlich geht«, sagte er und hoffte, sie würden finden, dass der Trump Tower »etwas Besonderes« sei. Letztendlich wurde die Besichtigungsroute der Gorbatschows geändert und der Tower von der Liste der Sightseeing-Highlights gestrichen. An jenem Nachmittag jedoch wurde ein Gorbatschow-Doppelgänger erspäht, wie er, gefolgt von einer Horde von Kamerateams und Massen von Neugierigen, am Juwelierladen Tiffany& Co. vorbei die Fifth Avenue hinabschlenderte. Als Trump Wind davon bekam, eilte er mit den Leibwächtern aus seinem Büro hinunter auf die Straße, weil er dachte, der Generalsekretär habe seinen Plan geändert und sei nun doch scharf darauf, seinen Konsumtempel zu besichtigen. Deshalb kämpfte er sich zum Gehweg durch und drückte dem falschen Gorbatschow begeistert die Hand.

Der echte Gorbatschow saß zu diesem Zeitpunkt in der sowjetischen Gesandtschaft in New York. Bei seinem Irrtum ertappt, erklärte Trump den Journalisten, er habe das Ganze natürlich durchschaut. »In seiner Limo habe ich vier attraktive Frauen auf dem Rücksitz gesehen. Ich wusste natürlich, dass die kapitalistische Dekadenz bei denen noch nicht so weit fortgeschritten ist.« Mit Trumps Ideal der Dekadenz hatte Gorbatschow gewiss nichts am Hut. Von der Marktwirtschaft allerdings war er fasziniert. Der Passant Joe Peters meinte, dass Gorbatschow »alle unsere kapitalistischen Tricks lernen und der Donald Trumpski der Sowjetunion werden wird«.2

Wandel lag in der Luft. Man ahnte, dass sich etwas verändern würde. An jenem Morgen errang Gorbatschow seinen bis dahin vermutlich größten internationalen Triumph. Er hielt vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine wirklich erstaunliche Rede, eine Rede, die für die künftige Außenpolitik der Sowjetunion und für den Verlauf der Weltpolitik wegweisend werden sollte. Gorbatschow wollte das »genaue Gegenteil« von dem erreichen, was Winston Churchill 1946 in seiner berühmten Rede über den »eisernen Vorhang« formuliert hatte: Er wollte die Welt aus dem Kalten Krieg herausführen.

Im Laufe einer Stunde ließ der Generalsekretär in Bezug auf bestimmte politische Streitfragen eine Bombe nach der anderen platzen. Am meisten verblüffte er, als er das Ende des Klassenkampfes proklamierte: »Gewalt und Gewaltandrohung können und dürfen … nicht länger ein Instrument der Außenpolitik sein«. Stattdessen appellierte er an die Welt, »den Primat der universellen Idee des Menschlichen« anzuerkennen, und hob die Bedeutung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hervor, die die UNO 1948, fast auf den Tag genau 40 Jahre zuvor, verabschiedet hatte.3

Das waren außergewöhnliche Worte für jeden Moskauer Politiker, vom Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ganz zu schweigen. An diesem Tag Ende 1988 erschien Gorbatschow der Welt als Herr der Reformen, der offenbar alles unter Kontrolle hatte.

Tatsächlich jedoch löste er eine Revolution aus, die alles hinwegfegen sollte – am Ende auch ihn selbst. Und der Mann, der im Westen an der Spitze stand und mit den Folgen dieser Umwälzungen zurechtkommen musste, war von Natur aus eher vorsichtig und auch gerade erst zum Präsidenten gewählt worden. George H. W. Bush hegte eine erhebliche Skepsis seinem unwiderstehlichen Sowjetkollegen gegenüber und fragte sich, welche wahren Absichten sich wohl hinter den schlagzeilenträchtigen Reformen in der Sowjetunion verbargen. Bush hatte Ronald Reagan die vollen acht Jahre seiner Präsidentschaft (1981–1989) als Vizepräsident gedient. Als Präsident war er nun fest entschlossen, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen einer Bestandsaufnahme zu unterziehen, die Prioritätensetzung zu überdenken, während er daranging, eine neue Agenda zu entwickeln, mit der er sich von der Politik der Regierung Reagan unterscheiden würde.4 Sein Hauptanliegen Anfang 1989 war allerdings das Problem, wie er mit der »Neuerfindung« des Kommunismus in Asien umgehen sollte – und nicht mit der in Europa.

*

Michail Sergejewitsch Gorbatschow war kein »normaler« sowjetischer Spitzenpolitiker. 1931 in Priwolnoje, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stawropol im Nordkaukasus geboren, hatte der Junge mit seiner Familie unter Stalins Kollektivierung und später unter der großen Säuberung gelitten. Als er zehn war, wurde sein Vater zur Armee eingezogen und kehrte erst fünf Jahre später wieder zurück. Priwolnoje wurde während des Großen Vaterländischen Krieges nicht zerstört, aber Stawropol war 1942/43 fünf Monate von den Deutschen besetzt. Gorbatschow erlebte also die Verwüstungen des Krieges aus nächster Nähe und vergaß sie nie. Der begabte und politisch interessierte junge Mann war ein sehr guter Schüler und wurde von Anfang an durch die lokale Führung der Kommunistischen Partei gefördert. Dank dieser Förderung kam er an die Staatliche Universität Moskau (MGU), wo er Rechtswissenschaften studierte. Noch als Schüler hatte er eine Abschlussarbeit mit dem Titel »Stalin ist unser Kriegsruhm, Stalin verleiht unserer Jugend Flügel« geschrieben, ein Beweis dafür, dass er »wie wir alle damals noch ein lupenreiner Stalinist war«, wie es Zdeněk Mlynář, sein bester Freund an der Universität, später ausdrücken sollte. Auf einer Tanzveranstaltung der Universität lernte Gorbatschow Raissa Maximowna Titarenko, eine elegante und kluge Philosophiestudentin, kennen. Ein Jahr später, 1954, waren die beiden verheiratet.

Nach dem Studium kehrte Gorbatschow nach Stawropol zurück und begann seinen steten Aufstieg in der sowjetischen Nomenklatura. Unterdessen lehrte Raissa an der lokalen Hochschule Marxismus und recherchierte für eine Doktorarbeit über die Bauern in den Kolchosen der Region. Gorbatschows stalinistische Überzeugungen wurden 1956 durch Chruschtschows »Geheimrede« erschüttert. Der neue Generalsekretär beschuldigte seinen Vorgänger Stalin monströser Verbrechen und legte die chronischen Probleme der sowjetischen Industrie und Landwirtschaft offen. Danach glaubte Gorbatschow zwar immer noch fest an die kommunistische Ideologie, war sich aber bewusst, wie mangelhaft sie in der Sowjetunion in die Praxis umgesetzt wurde. Bei Reisen nach Frankreich, Italien und Schweden, die er ab den Sechzigerjahren mit Raissa machte, lernte er den Westen kennen und konnte einen Blick auf eine alternative Zukunft werfen. Inzwischen beschleunigte sich seine politische Karriere. Im Jahr 1967 wurde Gorbatschow mit nur 35 Jahren Parteichef der Region und zwölf Jahre darauf Erster Sekretär für Landwirtschaft im Zentralkomitee. Er zog in das Machtzentrum Moskau, und Raissa erhielt einen Lehrauftrag an der Moskauer Universität. Einer von Gorbatschows wichtigsten Mentoren war der KGB-Chef Juri Andropow, der im November 1982 Breschnews Nachfolger als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) wurde.5

Obwohl Gorbatschow inzwischen auf die fünfzig zuging, war er nach den Maßstäben des sowjetischen Politbüros noch ein junger Mann. Der beinahe 17 Jahre ältere Andropow erlag im Februar 1984 einem akuten Nierenversagen. Sein Nachfolger Konstantin Tschernenko war 20 Jahre älter als Gorbatschow, hatte Herz- und Lungenprobleme und verstarb im März 1985. Schließlich beschlossen die alten Männer im Kreml, eine Generation zu überspringen, und wählten Gorbatschow. Als er sich gegenüber Raissa für die Annahme des Postens rechtfertigte, sagte er: »Jetzt bin ich das siebte Jahr in Moskau. Aber es ist unmöglich, etwas Bedeutendes zu leisten, irgendetwas im größeren Maßstab zu bewegen, worauf das Land wartet. Es ist, als liefe man gegen eine Wand. Aber das Leben fordert es, schon lange. Nein! So kann es einfach nicht weitergehen.«6 Wie es freilich weitergehen sollte, war viel schwerer zu entscheiden. Zuerst versuchte er es mit einer Kampagne gegen den Alkohol; als sie scheiterte, suchte er nach anderer Abhilfe und neuen Parolen. Dabei verfiel er zuerst auf uskorenje (Beschleunigung) und dann auf perestroika (Umgestaltung) und glasnost (Transparenz). Doch diese Mittel beinhalteten keine revolutionären Veränderungen: Gorbatschow war immer noch ein Mann der Partei und er wollte ganz buchstäblich das Sowjetsystem re-formieren, um es lebens- und wettbewerbsfähiger zu machen: Sein Motto war: »Zurück zu Lenin«.

Dass er sich oft auf Lenin berief, sollte einerseits die Politik der Erneuerung und Umgestaltung vor der Partei rechtfertigen – eine Politik, die sich radikal von der stalinistischen Tradition und der Praxis unter Breschnew unterschied, die seiner Ansicht nach den »Sozialismus« pervertiert hatten. Noch wichtiger aber war, dass er seine eigene Fundamentalreform des Sowjetsystems im Rahmen der Perestroika mit Lenins Neuer Ökonomischer Politik in den Zwanzigerjahren, einem gelenkten und begrenzten System freien Unternehmertums, identifizierte. Sein Ziel im damaligen Stadium seiner Amtszeit war nicht die Wende zum Kapitalismus oder zur Sozialdemokratie. Für ihn blieb Lenin die Legitimationsquelle für politische Veränderungen innerhalb der KPdSU – der reine Urquell der Sowjetdoktrin. Er wollte die traditionelle sozialpolitische Ordnung der Sowjetunion »systemimmanent« umgestalten. Deshalb gab er im Rahmen von Glasnost auch dem »sozialistischen Pluralismus« den Vorrang vor einem vollen »politischen Pluralismus«. Das übergeordnete Ziel blieb selbstverständlich, die Sowjetunion wiedererstarken zu lassen.7

Damit sich die UdSSR reformieren und regenerieren konnte, musste Gorbatschow die Belastung der sowjetischen Volkswirtschaft durch den militärisch-industriellen Komplex reduzieren, die in den Achtzigerjahren durch den Krieg in Afghanistan und das Wettrüsten mit den USA immer größer geworden war.

Natürlich funktionierte die sowjetische Planwirtschaft aus rein strukturellen Gründen schlecht, eine Tatsache, die in den Siebzigerjahren durch den globalen Anstieg der Ölpreise und die riesigen sibirischen Energiereserven des Landes verdeckt wurde, da diese dem sowjetischen BIP zwischen 1970 und 1980 Wachstumsraten von 2 bis 3,5 Prozent bescherten. Als jedoch der Ölpreis im folgenden Jahrzehnt fiel, ging auch das sowjetische Nationaleinkommen stark zurück. Tatsächlich hatte die UdSSR von 1980 –1985 so gut wie kein Wachstum mehr zu verzeichnen. Die zunehmende Unzufriedenheit der sowjetischen Verbraucher wurde durch einen sinkenden Lebensstandard und fehlenden Zugang zu technisch hochwertigen Konsumgütern noch verschärft. Dies lag zwar auch an der mangelnden Flexibilität des Plans und fehlender industrieller Modernisierung, aber der Kern des Problems bestand darin, dass die Militärausgaben auf Kosten der zivilen Produktion etwa ein Viertel des sowjetischen BIPs verschlangen.8

Um die Wirtschaft seines Landes in Schwung zu bringen und langsam für die Welt zu öffnen, musste sich Gorbatschow für ein stabiles internationales Umfeld einsetzen und zugleich die »imperiale Überdehnung« der UdSSR in Osteuropa und in den Entwicklungsländern reduzieren. Dies bedeutete eine Verminderung der US-amerikanischen Feindseligkeit (durch den Ausstieg aus dem Rüstungswettlauf) und eine kompromissbereite Politik in der »Dritten Welt« (einschließlich einer ideellen Anerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung). Die sowjetische Innenpolitik war somit unauflöslich mit der Außenpolitik verbunden. Um also eine weniger konfrontative Beziehung zu den Vereinigten Staaten aufzubauen, brannte Gorbatschow ab Mitte der Achtzigerjahre darauf, mit seinem amerikanischen Gegenüber ins Gespräch zu kommen.9

Auf den ersten Blick schien der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan für dieses Anliegen freilich ein denkbar ungeeigneter Kandidat zu sein. Der 1911 geborene Reagan war genauso alt wie der Mann, dessen Nachfolge Gorbatschow gerade angetreten hatte. Er war ein leidenschaftlicher Antikommunist. Kaum im Amt, hatte er ab 1981 das Wettrüsten intensiviert. Und er war berühmt-berüchtigt, weil er die Sowjetunion als »Reich des Bösen« bezeichnet hatte, gefolgt von der Voraussage: »Freiheit und Demokratie sind auf dem Vormarsch und werden den Marxismus-Leninismus auf dem Müllhaufen der Geschichte zurücklassen«.10 Dieser massive ideologische Konflikt rechtfertigte Reagans Ansicht nach die militärische Aufrüstung in seinen ersten Amtsjahren. Doch er hatte auch noch eine andere Seite: er wollte ein Friedensstifter sein und betrachtete militärische Macht als Grundlage für diplomatische Anstrengungen, um »Frieden durch Stärke« zu erreichen. Noch verblüffender war, dass der nüchterne Realist Reagan den utopischen Glauben an eine atomwaffenfreie Welt hegte.11

In seiner ersten Amtszeit hatte Reagan es nicht geschafft, mit den kranken alten Männern im Kreml in einen Dialog zu kommen. Mit dem Amtsantritt Gorbatschows jedoch waren plötzlich nicht nur Gespräche, sondern ernsthafte Verhandlungen möglich geworden. Bei den nun folgenden vier Gipfeltreffen, von Genf im November 1985 bis Moskau im Mai 1988, waren die Diskussionen oft heftig gewesen, aber mit der Zeit hatten die beiden Politiker eine Beziehung zueinander aufgebaut, die auf gegenseitigem Vertrauen und sogar Zuneigung basierte. Gorbatschows radikale Abrüstungsvorschläge in Reykjavík im Oktober 1986 hätten Reagan, zum Entsetzen seiner hartleibigen Berater, fast mitgerissen. Bis zum Gipfeltreffen in Washington im Dezember 1987 hatten sich Ronald und Michail sogar das Du angeboten. Aber nicht nur die Symbolik stimmte, die neue Beziehung hatte auch Substanz. In Washington schafften Reagan und Gorbatschow durch den Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme (INF-Vertrag) eine ganze Kategorie von Atomwaffen ab – das erste Mal, dass sich die Supermächte auf eine Reduktion ihres Nuklearwaffenarsenals einigten. Der Vertrag war ein wichtiger Schritt zur Entschärfung des Ost-West-Konflikts. Durch ihn wurde der Ausbruch eines Atomkriegs weniger wahrscheinlich, und die Atomwissenschaftler konnten ihre »Weltuntergangsuhr« von drei Minuten vor zwölf auf sechs Minuten vor zwölf zurückstellen. Schließlich antwortete Reagan am 31. Mai 1988 auf dem Roten Platz auf die Frage, ob die UdSSR für ihn immer noch das »Reich des Bösen« sei, mit den Worten: »Nein, das war eine andere Zeit, eine andere Ära.«12

Reagan hatte sich bewegt und Gorbatschow ebenfalls. Sechs Monate nach Reagans Staatsbesuch in Moskau, am Morgen des 7. Dezember 1988, hielt der Generalsekretär seine, bereits erwähnte, spektakuläre Rede vor der UNO-Vollversammlung – ein, wie er selbst meinte, »bahnbrechender« Moment. Er wollte sich als ein Mann präsentieren, der die Entwicklung der Weltpolitik dauerhaft prägte. Und durch seine Gestaltungskraft zielte er darauf, die Amerikaner auf dem falschen Fuß zu erwischen, insbesondere in einer Zeit des Übergangs zwischen zwei Präsidenten, solange ihre Außenpolitik in der Schwebe war. »Die Amerikaner haben Angst, dass wir etwas im Geist von Reykjavík tun könnten«, sagte er. Mit der Arbeit an der Rede hatte er schon Monate zuvor, gleich nach Reagans Kreml-Visite, begonnen. Es hatte zahlreiche Entwürfe gegeben, und sie war bis zur letzten Minute optimiert worden. Denn Gorbatschow hatte sich vorgenommen, die Gelegenheit zu nutzen, der Welt zu zeigen, dass er an die strahlende Zukunft einer wiedererstarkten Sowjetunion glaubte, und er wollte seine persönliche Glaubwürdigkeit als visionärer Friedensstifter festigen. Außerdem hoffte er, westliche Kredite und Wirtschaftshilfe zu bekommen, wenn er sein neues politisches Denken auf eine so prägnante Art präsentierte.13

Die riesige Generalversammlungshalle war gesteckt voll, als er im UNO-Hauptquartier ankam. Alle 1800 Sitze waren belegt. Angeregtes Gemurmel erfüllte den Raum. Die Erwartungen waren hoch. Gorbatschow, in einem dunklen, gutgeschnittenen Anzug mit weißem Hemd und burgunderroter Krawatte, trat ans Rednerpult. Er begann seine Ansprache langsam und bedächtig, aber dann wurde er schneller und redete mit zunehmendem Schwung und wachsender Überzeugungskraft. Er schilderte sein ideologisches Konzept für die Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus und den Weg, der die Welt aus dem Kalten Krieg herausführen sollte.14

Zunächst ging er auf die Rolle der Revolutionen in der Geschichte West- und Osteuropas ein: »Die zwei großen Revolutionen – die Französische von 1789 und die Russische von 1917 – haben sich auf den Charakter des historischen Prozesses stark ausgewirkt und den Verlauf der Ereignisse in der Welt radikal verändert. Sie haben dem Fortschritt der Mehrheit, jede auf ihre Art, einen gewaltigen Impuls gegeben.« Nachdem Gorbatschow den Begriff der Revolution auf diese Weise entgiftet und für den gespaltenen Kontinent eine gemeinsame Grundlage geschaffen hatte, kam er auf die Universalität der menschlichen Erfahrung zu sprechen: »Wir sind heute in ein Zeitalter eingetreten, in dem der Fortschritt auf den Interessen der gesamten Menschheit beruhen wird.« Und er betonte, dass weiterer Fortschritt nur durch einen echten globalen Konsens zu erzielen sei, durch eine Entwicklung »zu einer neuen Weltordnung«. Wenn dem so ist, fügte er hinzu, »lohnt es sich auch, sich auf die wesentlichen, tatsächlich universalen Voraussetzungen und Prinzipien solcher Maßnahmen zu einigen. So ist es zum Beispiel klar, dass Gewalt und Gewaltandrohung keine Instrumente der Außenpolitik mehr sein dürfen.«

Dies war eine explizite Abkehr von der »Breschnew-Doktrin« – dem von Moskau beanspruchten Recht, zur Rettung eines sozialistischen Brudervolks in seinem direkten Einflussbereich mit der Roten Armee zu intervenieren. Mit dieser Doktrin hatte die Sowjetunion 1968 den Panzereinsatz zur Niederschlagung des Prager Frühlings begründet. Stattdessen verkündete Gorbatschow nun, angesichts der »Verschiedenartigkeit der gesellschaftspolitischen Strukturen«, »die Freiheit der Wahl« als ein »allgemein gültiges Prinzip, das keine Ausnahme kennen soll«.15

Er machte sich offenbar sehr grundsätzliche Gedanken, weit über die traditionelle Bipolarität zwischen Ost und West hinaus. Nach mehr als 40 Jahren Kaltem Krieg befürwortete er ausdrücklich die »Entideologisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen« und verkündete damit ein Ende des Interventionismus in den Entwicklungsländern. Tatsächlich sprach er sich angesichts der Tatsache, dass die Welt in ihrer Gesamtheit inzwischen ernsthaft Hunger, Krankheit, Analphabetismus und »andere massenhaft verbreitete Missstände« bekämpfte, dafür aus, gemeinsam den Weg zum »Primat der universellen Idee des Menschlichen« zu suchen. Dennoch hatte er nicht die Absicht, die sowjetischen Werte aufzugeben: »Es bleibt eine fundamentale Tatsache, dass die friedliche Periode unter den Bedingungen der Existenz und Rivalität verschiedener sozialökonomischer und politischer Systeme Gestalt annehmen wird.« Freilich, fuhr er fort, bestehe »der Sinn unserer internationalen Anstrengungen, eine der Grundüberzeugungen des neuen Denkens, gerade darin, dieser Rivalität die Qualität eines vernünftigen Wettbewerbs unter den Bedingungen des Respekts vor Entscheidungsfreiheit und Interessenausgleich zu verleihen«. Die beiden Systeme sollten also nicht ineinander verschwimmen, sondern ihre Beziehung sollte von einer friedlichen »Ko-Entwicklung« geprägt sein. Durch diese Art von Koexistenz und Zusammenarbeit seien die Supermächte in der Lage, »die Gefahren eines Atomkriegs und des Militarismus aus der Welt zu schaffen«.

Zusätzlich zu seiner umfassenden Vision machte Gorbatschow konkrete Vorschläge insbesondere zur Beendigung der neunjährigen Intervention in Afghanistan, dem sowjetischen Äquivalent des Vietnamkriegs, und zur Abrüstung, dem »wichtigsten Thema, ohne das kein einziges Problem des kommenden Jahrhunderts gelöst werden kann«. Er sprach von der Notwendigkeit eines neuen Vertrags zur Reduktion strategischer Waffen (START), durch den das Arsenal beider Supermächte um jeweils 50 Prozent verkleinert werden sollte. Und um die Vereinigten Staaten unter Druck zu setzen, versprach er, die Truppen der Sowjetunion in Europa in den folgenden zwei Jahren um eine halbe Million Mann zu vermindern. Auf diese Weise wollte er den Wechsel von einer »Rüstungswirtschaft zu einer Abrüstungswirtschaft« einleiten.

Diese Konversion war als Stütze seines Projekts einer »tiefgreifenden Erneuerung« der gesamten sozialistischen Gesellschaft absolut essenziell geworden – eines Projekts, das gewaltig an Umfang zugenommen hatte, seit er 1985 begonnen hatte, seine großen Ideen Perestroika und Glasnost zu entwickeln. »Im Zeichen der Demokratisierung«, erklärte er, »erstreckt sich die Perestroika jetzt auch auf die Politik, die Wirtschaft, das geistige Leben und die Ideologie.« Die sowjetische Demokratie werde »auf eine feste normative Basis gestellt«, auch was »die Gesetze über Gewissensfreiheit, Glasnost und gesellschaftliche Vereinigungen und Organisationen« betreffe. Dennoch beharrte Gorbatschow darauf, die sowjetische Verteidigungsfähigkeit auf dem, wie er sagte, »Niveau des vernünftigen und zuverlässigen Mindestmaßes« aufrechtzuerhalten, um niemanden in Versuchung zu führen, »die Sicherheit der UdSSR und ihrer Verbündeten zu gefährden«, solange der Kreml die dringend nötigen »kühnen revolutionären Umgestaltungen« vornahm. Diese Aussagen waren eine markante Abweichung vom Ziel der »Überlegenheit«, das die Ost-West-Beziehungen den größten Teil des Kalten Krieges dominiert hatte. Ernsthafte Differenzen bestünden immer noch, räumte der Generalsekretär ein, und schwierige Probleme müssten zwischen den Supermächten gelöst werden. Aber generell war er optimistisch, was die Zukunft betraf, als er den Blick durch die Halle schweifen ließ: »Wir haben die Grundschule der gegenseitigen Verständigung schon hinter uns und suchen nach Lösungen, die sowohl in unserem eigenen als auch im allgemeinen Interesse liegen.«16

Gegen Ende der Rede lobte er die Arbeit, die Präsident Reagan und sein Außenminister George Shultz beim Aushandeln der Abkommen geleistet hatten. »Das alles«, sagte er, »ist Kapital, das in ein gemeinsames Unternehmen von historischer Tragweite investiert worden ist. Es darf nicht verschwendet werden oder ungenutzt bleiben. Die künftige US-Administration mit dem designierten Präsidenten George Bush an der Spitze wird in uns einen Partner finden, der bereit ist, ohne lange Pausen und Rückschritte, den Dialog in einem Geist des Realismus, der Transparenz und des guten Willens fortzusetzen und in dem Bestreben, konkrete Resultate zu erzielen bei einer Agenda, die die wichtigsten Probleme der sowjetisch-US-amerikanischen Beziehungen und der internationalen Politik umfasst.«17 Bush war nicht unter den Zuhörern. Er sah die Rede nur im Fernsehen, aber ihre Bedeutung kann ihm nicht entgangen sein. Wie Gorbatschow im Politbüro richtig vorausgesagt hatte, ließ seine diplomatische Offensive Bush »keinen Ausweg«.18

Gorbatschows Berater Anatoli Tschernajew war unter den Zuhörern. Er hatte geholfen, die Rede zu schreiben, und durchaus erwartet, dass sie Eindruck machen würde, aber auf die Reaktion an diesem Morgen war er nicht vorbereitet. »Mehr als eine Stunde machte niemand einen Mucks. Und dann brachen die Zuhörer in Begeisterungsstürme aus und ließen M. S. lange nicht gehen. Er musste sogar aufstehen und sich verbeugen, als ob er auf einer Bühne stünde.«19 Der begnadete Showman Michail Sergejewitsch Gorbatschow genoss das alles in vollen Zügen. Die meisten Pressereaktionen waren ebenfalls positiv. Die New York Times kommentierte: »Seit Woodrow Wilson 1918 seine Vierzehn Punkte vorstellte oder Franklin Roosevelt und Winston Churchill im Jahr 1941 die Atlantikcharta promulgierten, hat vermutlich kein Weltpolitiker mehr eine Vision wie die Gorbatschows vorgestellt.«20 Andere jedoch hinterfragten den Anlass und die Rhetorik. So lenkte etwa der Christian Science Monitor die Aufmerksamkeit auf das, was Gorbatschow nicht gesagt hatte: Es gebe keinen Hinweis, dass sich der Kreml ganz aus den am weitesten vorgeschobenen Einflussgebieten zurückziehen wollte, die er, in Ostdeutschland und Ostasien, im Zweiten Weltkrieg gewonnen habe. Tatsächlich kam Asien in der Rede so gut wie gar nicht vor. Zwar versprach Gorbatschow eine Reduktion der Streitkräfte in der asiatischen Sowjetunion und sagte, ein »wesentlicher Teil« der vorübergehend in der Mongolischen Volksrepublik stationierten Truppen werde »in die Heimat zurückkehren«. Keine Erwähnung jedoch hatten, laut dem Monitor, die Stützpunkte in Vietnam gefunden, und auch die vier nordjapanischen Inseln, die Stalin 1945 annektiert hatte und wegen deren umstrittenem Status der Kriegszustand zwischen Japan und der Sowjetunion nie durch einen Friedensvertrag beendet worden war, habe er mit keinem Wort erwähnt.21 Die Zeitung hatte nicht ganz unrecht: Gorbatschows Vision für die Zeit nach dem Kalten Krieg war selektiv. Doch er hatte in seiner Rede klargemacht, dass sich die Kampfarena des Kalten Krieges seiner Ansicht nach in Europa befand. Und genau dort mussten die Spannungen abgebaut werden.

Nach seinem Auftritt im UNO-Hauptquartier wandte Gorbatschow sich dem nächsten Punkt in seinem dichten New Yorker Terminkalender zu: es ging nach Governors Island vor der Südspitze Manhattans zu einem Gespräch mit Präsident Reagan und Vizepräsident Bush. Auf der Fahrt zur Bootsanlegestelle im Battery Park bekam Gorbatschow einen dringenden Telefonanruf aus Moskau: Ein schweres Erdbeben hatte den Kaukasus erschüttert, und den jüngsten Meldungen zufolge waren in Armenien etwa 25 000 Menschen ums Leben gekommen. Gorbatschow beschloss, am folgenden Morgen in die Sowjetunion zurückzukehren und auf die ursprünglich geplanten Zwischenstopps in Kuba und London zu verzichten.22 Zunächst galt es aber, sich nicht von den Sorgen um die Situation im Kaukasus vereinnahmen zu lassen. Auf der kurzen Fahrt mit der Fähre konzentrierte sich Gorbatschow stattdessen voll und ganz auf die bevorstehende Begegnung mit Ronald Reagan. Es war sein fünftes und letztes Treffen mit dem Mann, den er nicht länger als einen »unverbesserlichen Kalten Krieger« betrachtete und für den er allen Widrigkeiten zum Trotz echte Zuneigung und Freundschaft entwickelt hatte.23

Bush spürte die gespannte Erwartung bei den amerikanischen und sowjetischen Regierungsvertretern um ihn herum, als er die Fähre über die bewegte See des New Yorker Hafens auf sich zukommen sah. Auch er stand natürlich unter Hochspannung. Als neugewählter Präsident, wenige Wochen vor seiner Amtseinsetzungszeremonie und noch ohne politische Richtlinienkompetenz, musste er seine künftige Rolle zu der noch bestehenden als bloßer Stellvertreter Reagans in das richtige Verhältnis setzen. Er wusste, dass Gorbatschow unbedingt wissen wollte, wie er als Präsident die Beziehungen mit der Sowjetunion zu gestalten gedachte, aber noch war Reagan der Mann im Oval Office. Und an diesem besonderen Tag wollte Bush alles vermeiden, was man als Untergrabung der Autorität des amtierenden Präsidenten interpretieren oder was seine eigene künftige politische Handlungsfreiheit beeinträchtigen konnte.24

Gorbatschow verließ das Boot, winkte den versammelten Zuschauern mit einem breiten Lächeln zu und wurde von dem ebenfalls strahlenden Reagan am Kai begrüßt. Bald darauf saßen die beiden Delegationen in der Residenz des Kommandanten auf Governors Island. Das Gespräch war größtenteils entspannt und nostalgisch: Es war keine »Verhandlungssitzung«, wie Gorbatschow zu den anwesenden Medienvertretern sagte. Dennoch hatte die Begegnung, wie Bush es formulierte, etwas »Besonderes«, und zwar wegen seiner eigenen Doppelrolle, die zugleich in die Vergangenheit und in die Zukunft wies.25

Als die Journalisten und Fotografen gegangen waren, erinnerten sich Gorbatschow und Reagan gemeinsam an ihre erst drei Jahre zurückliegende erste Begegnung in der Schweiz. Der Präsident schenkte dem Generalsekretär ein Andenken: ein Foto des Augenblicks, als sie sich auf dem Parkplatz getroffen hatten. Reagan hatte es mit der handschriftlichen Bemerkung versehen, dass sie »zusammen einen weiten Weg zurückgelegt hätten, um dem Frieden einen Weg zu bahnen. Genf 1985 – New York 1988«. Gorbatschow war gerührt und betonte, dass er ihr »harmonisches Verhältnis« sehr schätze. Reagan erwiderte, er sei stolz, »was sie zusammen erreicht« hätten. Zwei Führer mit der »Fähigkeit, den nächsten Weltkrieg auszulösen«, hätten beschlossen, »den Frieden auf der Welt zu erhalten«,26 so hätten sie ein »starkes Fundament für die Zukunft gelegt«. Das sei möglich gewesen, weil sie miteinander immer »direkt und offen« gewesen seien. Reagan erwähnte bei dem bewusst harmonisch gestalteten Erinnerungsaustausch natürlich nicht, dass der Moskauer Gipfel im Juni die Serie der Gipfeltreffen nicht, wie Gorbatschow gehofft hatte, durch einen Vertrag über die Reduktion der strategischen Angriffswaffen gekrönt hatte. START I war, wie Gorbatschow in seiner UNO-Rede betont hatte, noch eine wichtige unerledigte Aufgabe.27

Reagan fragte Bush, ob er etwas hinzufügen wolle. Doch der künftige Präsident äußerte sich lediglich zur Symbolik des Erinnerungsfotos. Beide Länder hätten in den letzten drei Jahren eine weite Wegstrecke zurückgelegt, sagte er, und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass es in weiteren drei Jahren »ein weiteres solches Foto mit derselben Bedeutung« geben werde. Er sagte, er wolle darauf aufbauen, was Präsident Reagan in der Zusammenarbeit mit Gorbatschow erzielt habe. Nichts, was realisiert worden sei, müsse rückgängig gemacht werden. Doch er fügte hinzu, dass er ein bisschen Zeit brauchen werde, »um sich über die verschiedenen Fragen und Themenkomplexe einen Überblick zu verschaffen«. Gorbatschow wollte Zusagen, dass Bush den von Reagan eingeschlagenen Pfad fortsetzen werde. Doch der Vizepräsident ließ sich dazu nicht verleiten und redete sich damit heraus, dass er erst einmal ein neues Kabinett bilden müsse. Er gehe davon aus, dass man »den Dingen durch den Einsatz neuer Leute neues Leben einhauchen« könne. Er wolle »eine kluge Politik der nationalen Sicherheit formulieren«, wobei er die Dinge weder »zum Stillstand bringen« noch »die Uhr zurückdrehen« wolle. Der künftige Präsident versuchte, die Diskussion unbestimmt und vage zu halten, und gab Plattitüden von sich, um sich seinen Handlungsspielraum zu erhalten.28

Aber Gorbatschow ließ sich nicht abwimmeln. Die Augen fest auf die Zukunft gerichtet, löcherte er Bush beim Mittagessen weiter. Er wollte seinen Gesprächspartnern substanzielle Reaktionen auf die UNO-Rede entlocken. Shultz sagte lediglich, die Zuhörer hätten »sehr aufmerksam« gelauscht, und der Applaus am Ende sei total »echt« gewesen. Und Bush meinte, Gorbatschow habe offenbar »ein volles Haus gehabt – bis zum letzten Platz«, aber ansonsten schwieg er sich aus. Der Sowjetführer unterstrich, dass er hinter allem stehe, was er in der Rede über die Zusammenarbeit zwischen ihren Ländern gesagt habe.29 Er räumte ein, dass es, insbesondere in regionalen Fragen, »echte Gegensätze« gebe, betonte aber, dass Washington der Sowjetunion nicht misstrauen dürfe. Direkt an Bush gewandt sagte er, »es sei ein guter Zeitpunkt, um dem Vizepräsidenten dies zu versichern«. Dann machte er eine schnelle tour d’horizon durch die bedeutendsten akuten Krisen auf der Welt und griff sein wichtigstes Thema wieder auf: die Zusammenarbeit, die er und Präsident Reagan aufgebaut hatten. Mit einem bedeutungsvollen Blick sowohl auf Bush als auch auf Reagan erklärte er, »Kontinuität sei der Name des Spiels«, und »wir sollten deshalb bei regionalen Problemen zu konstruktiver Zusammenarbeit in der Lage sein«. Von Bush kam immer noch keine Reaktion, also versuchte Gorbatschow, ihn in Zugzwang zu bringen. »Wenn der künftige Präsident Studien in Auftrag gegeben und zu diesen Themen Bemerkungen oder Vorschläge zu machen hat, würde ich sie gerne hören.« Wieder ließ sich Bush zu nichts hinreißen. Am Ende machte Gorbatschow nur noch den Witz, es sei das »Wichtigste, dem nächsten Präsidenten das Leben leichter zu machen.«30

Während des gesamten Treffens blieb Bush zugeknöpft und hielt sich so am Rand, dass er, wie der Journalist Steven V. Roberts schrieb, manchmal »ungelenk ins Bild hineinragte«.

Der Mann am Rande des Geschehens: George H. W. Bush

© Ronald Reagan Library

Auch als er später an jenem Tag mit der Presse sprach, blieb er bei seinem unverbindlichen Ton: »Ich habe dem Generalsekretär klargemacht, dass ich selbstverständlich an die Fortschritte anknüpfen will, die die Regierung Reagan mit den Sowjets gemacht hat, und ich habe auch klargemacht, dass wir etwas Zeit brauchen, und er hat das verstanden.«31

*

George H. W. Bush wurde am 20. Januar 1989 als 41. Präsident der Vereinigten Staaten in sein Amt eingeführt. Er war seit Martin van Buren im Jahr 1836 der erste amtierende Vizepräsident, der ins höchste politische Amt gewählt worden war. Tatsächlich war der Eindruck weit verbreitet gewesen, dass Bush für immer im Vorzimmer der Geschichte sitzen bleiben und nützliche Dinge erledigen würde, ohne je wirkliche Größe zu erringen: Botschafter bei den Vereinten Nationen, diplomatischer Vertreter in der Volksrepublik China und Chef der CIA in den Siebzigerjahren. Als Bush sich 1980 endlich hervorgewagt und um die republikanische Nominierung als Präsidentschaftskandidat beworben hatte, war er von dem deutlich telegeneren Reagan aus dem Feld geschlagen worden – einem ehemaligen Hollywoodschauspieler, dessen Finanzpolitik er verächtlich als »Voodoo Economics« bezeichnet hatte.32

Reagan hatte ursprünglich gehofft, den früheren Präsidenten Gerald Ford zu seinem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft küren zu können, aber die Verhandlungen mit Ford scheiterten nur zwei Stunden, bevor er den Kandidaten bekanntgeben musste. Also bot er Bush den Posten an, und der akzeptierte die Ernennung trotz des schmerzhaften Nominierungswahlkampfs umgehend. Er war ein loyaler Mensch und ein Teamplayer. In seinem Tagebuch finden sich Einträge wie: »Ich werde darauf verzichten, mir eine eigene Wählerschaft aufzubauen oder Hintergrundkonferenzen zu machen, um der Welt zu beweisen, dass ich einen guten Job mache«, oder: »Der Präsident muss wissen, dass er sich auf den Vizepräsidenten verlassen kann. Er darf nicht das Gefühl haben, dass er ihm auf die Finger schauen muss.«33

In Reagans zweiter Amtszeit, als Bush begann, seinen eigenen Wahlkampf zu planen, wurde ihm diese Loyalität manchmal vorgeworfen und als Beweis dafür gewertet, dass er stets bereit sei, die zweite Geige zu spielen.34 Auch soll er, als man ihn drängte, eine eigene Agenda zu formulieren, »Ah, das Ding mit der Vision!« gerufen haben, eine Äußerung, die in der Folge oft gegen ihn verwendet werden sollte.35 Hatte Bush wirklich das Rückgrat und das Selbstvertrauen, um den letzten großen Schritt ins Oval Office zu tun?36 Schließlich fehlte es ihm an Reagans sorgfältig kultivierter volksnaher Eloquenz. Die Rede, mit der er im Juli 1988 die republikanische Nominierung als Präsidentschaftskandidat annahm, wurde zwar gelobt, enthielt aber auch das Versprechen: »Nehmen Sie mich beim Wort: keine neuen Steuern. (Read my lips: no more taxes)« Bush hatte den Satz in die Rede geschmuggelt, um der republikanischen Rechten zu gefallen, auf die er im Vergleich zu Reagan unannehmbar gemäßigt wirkte. Später sollte ihn dieses Steuerversprechen einholen, aber damals waren diese Aussagen typisch für seine Bewerbung um die Präsidentschaft, die eher wirtschaftliche und soziale und weniger außenpolitische Themen in den Vordergrund stellte.37 In dem stark personalisierten, manchmal wirklich hässlichen Wahlkampf denunzierten die Republikaner Bushs demokratischen Gegner Michael Dukakis, einen früheren Gouverneur von Massachusetts, als verweichlichten Liberalen von der Harvard University, der schwach in Verbrechensbekämpfung und stark im Geldausgeben sei. Am 8. November 1988 wurde die Nummer zwei endlich Nummer eins, und zwar durch einen Erdrutschsieg in 40 von 50 Staaten und mit 80 Prozent der Stimmen des Wahlkollegiums.38

Viele nahmen an, Bush werde die Politik der scheidenden Regierung sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik einfach fortsetzen, doch der neue Präsident war fest entschlossen, keine dritte Reagan-Amtszeit zu absolvieren. Tatsächlich waren er und Reagan sich nie sonderlich nahegestanden. Bush hatte privat keine große Achtung vor dem Ex-Gouverneur von Kalifornien, sondern hielt ihn für einen Mann, der »in vielen Angelegenheiten eher dumm oder allzu einfach« war. Der Amtswechsel war also in Wahrheit eine »Übernahme«, wenn auch eine freundliche. Außerdem sollte die Außenpolitik, wenngleich Bushs Wahlkampf vielleicht einen anderen Eindruck vermittelt hatte, nicht in den Hintergrund treten. Mehr noch: Bushs Diplomatie unterschied sich in Stil und Agenda von der seines Vorgängers. So würde also der »echte« George Bush auf dem Feld der internationalen Politik aus Reagans Schatten treten.39

Der neue Ansatz in den amerikanischen Außenbeziehungen wurde während des Interregnums von November bis Januar ausgearbeitet. Die beiden wichtigsten Berater Bushs waren hierbei James A. Baker III, der neue Außenminister, und Brent Scowcroft, der Nationale Sicherheitsberater. Ihre enge Beziehung zum Präsidenten führte zu einer Art konstruktiven Spannung, da sie in der Diplomatie des Präsidenten verschiedene Rollen spielten. Beide stimmten darin überein, dass Washington gegenüber dem Kreml ein starkes Blatt hatte, unterschieden sich aber erheblich in der Einschätzung, wie es zu spielen war.40

Baker und Bush kannten sich aus alten Zeiten in Texas. 1930 in Houston geboren, war Baker sechs Jahre jünger als der Präsident. Die beiden waren seit mehr als 30 Jahren eng befreundet: Und für Bush war Baker fast wie ein kleiner Bruder. Als junger Mann war er bei den Marines gewesen, hatte später als erfolgreicher Anwalt gearbeitet und wurde schließlich ein Politik-Insider in Washington. So organisierte er 1976 den Wahlkampf für Gerald Ford und 1984 den für Ronald Reagan, dem er in beiden Amtszeiten zunächst als Stabschef im Weißen Haus und dann als Finanzminister diente. Laut Dennis Ross, einem Veteranen der Washingtoner Politszene, der unter Bush zum Direktor des Planungsstabs im Weißen Haus ernannt wurde, war Baker ein Verhandlungsgenie mit hervorragender Intuition, einem natürlichen Talent für den Umgang mit Menschen und einer seltenen Begabung für das Erkennen von Prioritäten. In Bezug auf die Sowjetunion trat Baker für fortgesetzte, intensive diplomatische Anstrengungen ein. Er wollte Gorbatschows Ernsthaftigkeit auf die Probe stellen und ihn zu weiteren Reformen im In- und Ausland ermutigen.41

Scowcroft stand im Zentrum einer zweiten Beratergruppe, die Gorbatschow und seinen Reformen sehr viel skeptischer gegenüberstanden und fürchteten, dass deren eigentliches Ziel die Wiedererstarkung der Sowjetmacht sei. Moskau, warnte Scowcroft, könne »den Westen durch Freundlichkeit ersticken« und dadurch die Entschlossenheit und den Zusammenhalt der NATO schwächen. Er sprach sich vehement gegen ein frühes Gipfeltreffen zwischen Bush und Gorbatschow aus, weil es nur der sowjetischen Propaganda nutzen könne. Eine Haltung, die er später wie folgt begründete: Ohne substanzielle Erfolge etwa bei der Rüstungskontrolle würden die Sowjets aus dem einzigen anderen Ergebnis Kapital schlagen – dem guten Gefühl, das durch das Gipfeltreffen entstünde. Sie würden die so entstandene Begeisterung nutzen, um die Entschlossenheit des Westens zu untergraben. Eine allgemeine Stimmung des Wohlbehagens aber werde manche zu der Annahme verführen, dass die Vereinigten Staaten in ihrer Wachsamkeit nachlassen könnten. Die Sowjets im Allgemeinen und Gorbatschow im Besonderen verstünden es meisterhaft, diese enervierende Kuschelatmosphäre herzustellen. Der Generalsekretär habe bei seiner UNO-Rede vor allem mit Hilfe geschickt eingesetzter rhetorischer Mittel eine rauschhaft optimistische Stimmung erzeugt. Er könne ein frühes Treffen mit dem Präsidenten nutzen, um den Kalten Krieg ohne substanzielle Taten der »neuen« Sowjetunion für beendet zu erklären.42