Weniger ist nicht immer Meer - Lea van Leer - E-Book
SONDERANGEBOT

Weniger ist nicht immer Meer E-Book

Lea van Leer

0,0
5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

„Überall hin – bloß nicht Europa. Und schon gar nicht Deutschland.“ Wie eine Weltreise ins Wasser fällt und weniger Meer vielleicht doch mehr ist. Fünf Jahre plant Lea ihr Sabbatical. Doch dann kommt alles anders. Plötzlich findet sie sich mit ihrem grummeligen Partner Hermi und ihrer vorlauten Yogamatte auf einem Roadtrip der etwas andern Art. Lea will um die Welt reisen. Einmal ganz rum. Der Antrag aufs Sabbatjahr wurde schon vor langer Zeit genehmigt und nach fünf Jahren reinster Vorfreude sind es nur noch wenige Monate bis zum Start: „Welt! Jetzt komme ich! Nichts kann mich noch aufhalten!“ Bis auf eine Pandemie. Aber Lea lässt sich nicht entmutigen und schaltet trotzig auf „Plan B“ um: „Wenn mich die Welt nicht will und die Alternative ‚12 Monate Altötting‘ lautet, dann lasse ich mir eben etwas Neues einfallen. Warum nicht erst einmal quer durch Deutschland radeln? Von A wie Aachen bis Z wie Zittau! Mal was anderes als die vierte USA-Durchquerung. Danach vielleicht ein gemütlicher Roadtrip an die Adria? Und überhaupt - das Mittelmeer ist schließlich auch ein Meer! Hm… in Kreta soll es im Spätherbst besonders schön sein. Wozu Florida, wenn es auch am Strand in Elafonisi Palmen gibt?“ Leas Motto für die nächsten Monate lautet: „Wenn schon Virus, dann Reisevirus!“ Zusammen mit ihrem Partner und einer vorlauten, sprechenden Yogamatte beginnt Lea ihre Reise, die zwar keine ist, aber trotzdem jede Menge Stoff fürs Reisetagebuch liefert. Frisch, frei und frech erzählt Lea von Ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Begegnungen, garniert mit skurrilen Lebensweisheiten, schrägen Reime und kurzweiligen Yogamatten-Dialogen. Geeignet und empfohlen für alle, die entweder selbst gerne abseits ausgetretener Touristenpfade reisen oder gerne witzige und skurrile Reisegeschichten lesen. Wer zudem keine Berührungsängste mit dem Reisevirus hat: Vorsicht, Ansteckungsgefahr! Mit Episoden aus Deutschland: Aachen, Bonn, Siegen, Marburg, Alsfeld, Bad Hersfeld, Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar, Jena, Gera, Chemnitz, Regensburg, Altötting Italien: Lignano, Bibione Kreta: Elafonisi, Paleochora, Sougia, Skaleta, Kaliviani, Heraklion

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Table of Contents

Vorwort

Die Weltreise fällt aus

Normalerweise …

nAachen

Altstadtrundgang

Schwül-kühl

„Sie können mir ja helfen, das Bett zu beziehen“

Ich mag Modernes lieber als Altes

Wer Englisch kann, versteht Deutsch

Bericht aus Bonn: Zaungäste der deutschen Geschichte

Bank-sie!

In Siegen ausgestiegen

Früher passte uns die Bank noch

Abgedriftet

Wie 1977

Habe Hermi an den Pranger gestellt!

Ich beneide heute jeden, der einen Pool sein Eigen nennt

Einen Tag im klimatisierten Zimmer …

Ich bin zu jung, um alt zu sein!

Im Reich der Mitte des vereinten Deutschlands

Schreiben an die Versicherung

Wir gehen ins Kloster!

Der Ort der Stille ist uns zu laut

Locken und Glocken

Rapunzel, Rapunzel, lass den Lift herunter!

Die Kleine Lea und der Große Wagen

Alte Radlerweisheit

Resozialisierung

Schiebung!

Doch noch Amerika

Von A bis Z

Epilog-Rätsel

Auflösung der Wortspielereien

Methadon-Urlaub

Weil wir gerne auf Liegen liegen, stehen wir auf Liegen!

Der Sonnenschirm

Das Hausboot

Der Mensch ist ein Depp …

Epilog-Rätsel

Auflösung der Wortspielereien

Kultureller Höhepunkt …

Faulenzen für Fortgeschrittene

Überall Überreste

Morgenübelkeit

5 Kilo leichter

Wandertag

Regnet es auf Kreta lauter?

In der Not …

Von Rauchern, Kindern und anderen Naturkatastrophen

Lea ist heiß

Rückflug

Epilog-Rätsel

Auflösung der Wortspielereien

Drei-Wetter-Mist

Lignano

Du schaust falsch

Bibione statt Bali

Es wird der Tag kommen …

Was ist das Lieblingstier vomTinnitus?

Abschied vom Meer

Zeitumstellung

Epilog-Rätsel

Auflösung der Wortspielereien

Weltkulturerbe

Wenn Frauen einkaufen…

Epilog-Rätsel

Auflösung der Wortspielereien

Das Sabbatjahr, das keines war

Bingo!!!

Völlig umsonst geduscht

Wer braucht Probleme, wenn es Technik gibt

Bayern oder Dortmund

Reichradeln

Zweite Chance

Mein Handy friert

Wie die Weihnachtsferien erfunden wurden

Krippenspaziergang

Schluss-Rätsel

Erbsünde

Gesamtquellenverzeichnis

 

Impressum

 

2023 Lea van Leer

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Heidi Keller

Coverdesign: Giraffenladen / www.giraffenladen.de

Covermotive: Frau im Liegestuhl und Yogamatte: Copyright: Adobe Stock

Herausgeber: Hermann Plasa

Anschrift: Kreszentiaheimstr. 24a, 84503 Altötting

Website: www.lea-van-leer.de

Vorwort

Y

ogamatte: „Hallo, ich bin Leas Yogamatte. Sie hat mich für einen Yogakurs bei der VHS gekauft. Der Yogakurs ist damals ausgefallen, aber wir sind zusammengeblieben. Wann immer Lea seitdem unterwegs ist, bin ich dabei, weil Lea sonst nicht mehr allein nach Hause findet. Warum ich sprechen kann? Weil Lea Zeichensprache nicht versteht.“

Ich: „Na, na, na.“

Yogamatte: „Was ist?“

Ich: „Klar kann ich Zeichensprache!“

Yogamatte: „Ein ausgestreckter Mittelfinger an sich ist noch keine Zeichensprache.“

Ich: „Oh, na dann kann ich keine Zeichensprache.“

Yogamatte: „Aber Sprache kannste, oder?“

Ich: „Schon. Warum?“

Yogamatte: „Na, weil du der Schreiberling dieser Geschichten bist. Da hilft Sprache ungemein.“

Ich: „Nicht nur Sprache, sondern auch Intelligenz. Denn diese Geschichten wurden noch von einer menschlichen statt einer künstlichen Intelligenz geschrieben.“

Yogamatte: „Na, na, na.“

Ich: „Was ist?“

Yogamatte: „Die Geschichten mögen von einem Menschen, nicht von einem Roboter geschrieben worden sein. Aber Intelligenz? Das finde ich dann doch übertrieben.“

Ich: „Warum?“

Yogamatte: „Intelligenz ist wie Humor. Hat nicht jeder.“

Nachwort zum Vorwort: Kein Reiseführer

Yogamatte: „Machste dir bei den Stadtführungen wieder Notizen?“

Ich: „Na klar. Sonst weiß ich ja nicht mehr, wo, wann, wie und warum an welchem Ort was passiert ist.“

Yogamatte: „Manchmal weißte das auch mit Notizen nicht mehr.“

Ich: „Ja mei. Manchmal sind meine Notizen nicht so aussagekräftig.“

Yogamatte: „Schon mal daran gedacht, die Informationen mit dem Handy aufzunehmen und dann aufzuschreiben?“

Ich: „Nee! Das wäre ja Plagiat. Ich will ja keine Doktorarbeit schreiben! Nö, ich schreibe das, woran mich meine Notizen erinnern.“

Yogamatte: „Und wenn sie dich falsch erinnern?“

Ich: „Ich bin keine Zeitzeugin, die Tatsachen wiedergibt. Ich bin eine Touristin, die ihre Erlebnisse wiedergibt. Ich schreibe über das, von dem ich glaube, dass es richtig ist.“

Yogamatte: „Oh, du schreibst Märchen!“

Ich: „Nee, ich schreib Geschichten, aber keinen Reiseführer!“

Bonus-Bilder auf meiner Webseite

Das Buch enthält eine Reihe ausgewählter Bilder mit Kommentaren. Mehr davon gibt es auf meiner Webseite www.lea-van-leer.de.

 

Disclaimer

Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich auf eine geschlechterspezifische Differenzierung. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für alle Geschlechter.

Die Weltreise fällt aus

(2015 bis 2020: Altötting)

Mein Sabbatjahr, das keines war

Und von dem mir immer alle sagten: „Sieh es positiv: Immerhin brauchst du nicht zu arbeiten.“

Worauf ich immer zu allen sagte: „Das ist, wie wenn ich bei einem Autohaus einen Maserati bestelle, fünf Jahre darauf warte, nur um dann einen Trabbi zu erhalten mit dem netten Vermerk: ‚Sieh es positiv; immerhin hat der Trabbi auch vier Reifen.‘“

Ende Juli 2015

Der Brief ist da. Neugierig öffne ich ihn, überfliege die wenigen Zeilen und grinse zufrieden.

Yogamatte: „Was grinste so?“

Ich: „Mein Sabbatjahr ist genehmigt.“

Yogamatte: „Bist du für ein Sabberjahr nicht zu jung? Beginnt man nicht erst mit achtzig Jahren zu sabbern?“

Ich: „Nicht Sabberjahr, Sabbatjahr. Heißt, dass ich ein Jahr lang nicht arbeite, sondern das tue, was ich am liebsten mache: reisen.“

Yogamatte: „Super. Wann fahren wir?“

Ich: „In fünf Jahren.“

Yogamatte schweigt. Dann:„Wie, in fünf Jahren?“

Ich: „In fünf Jahren. Ende Juli 2020 beginnt mein Sabbatjahr. Ein Jahr lang Weltreise.“

Yogamatte: „Aha. Schon ne Idee, wohin es gehen soll auf deiner Weltreise … in fünf Jahren?“

Ich: „Nö. Aber ich habe ja nun fünf Jahre Zeit, mir Gedanken darüber zu machen.“

Der Plan ist so genial wie einfach: Von den 400 Tagen meines Sabbatjahres werde ich nicht einen einzigen Tag in Altötting verbringen. Im Gegenteil. Denn obwohl der beliebte Wallfahrtsort im tiefsten Südbayern mein momentaner Wohnort ist, so ist das Beste an diesem Ort … die Autobahn nach München.

Zuerst durchqueren wir die USA mit dem Fahrrad. Wir, das sind Hermi, der Mann an meiner Seite, und ich. Und meine Yogamatte, die mich auf vielen Reisen begleitet. Anschließend reise ich allein weiter nach Australien, wo ich Kängurus beim Hüpfen zusehe; nach Bali, wo ich mich an Nasi Goreng versuche; anschließend nach Vietnam und Kambodscha, zwei Länder, die ich mit einer Kreuzfahrt auf dem Mekong erobere. Weiter geht es in den Oman, wo ich im Wadi badi, äh, bade; nach Irland, um ein Guinness zu kippen, und nach Aruba, um in den Sonnenuntergang zu schnorcheln. Zum Abschluss schaue ich in Panama vorbei, um den berühmten Kanal zu besuchen; in Kuba, wo ich das Zigarrenrauchen erlerne, und in Oklahoma, einem Fly-Over-State, wo kein Tourist freiwillig hinfährt.

Yogamatte: „Da fehlt aber was!“

Ich: „Was?“

Yogamatte: „Na, das Wort mit F!“

Ich: „Das Wort mit F? Das kann ich hier nicht schreiben.“

Yogamatte: „Nee, nicht DAS Lieblingswort mit F. Dein anderes Lieblingswort mit F.“

Ich: „Ach, das F! F wie Florida.“

Yogamatte: „Ja, genau. F wie Florida!“

Ich: „Ja, dort lasse ich mein Jahr mit einem Cocktail am Pool ausklingen.“

Yogamatte: „Aber warum erst in fünf Jahren?“

Ich: „Mei, der bayerische Staat braucht halt ein bisserl Vorlaufzeit, bis er sich an die Idee gewöhnt hat, ein Jahr ohne meine wertvolle Arbeitskraft auskommen zu müssen. Aber mit dem Ziel Weltreise vor Augen wird die Zeit schnell vergehen.“

Yogamatte: „Und wenn was schiefgeht?“

Ich: „Ach, was soll schon schiefgehen?!“

März 2020

Der Corona-Virus hat Deutschland erreicht.

April 2020

In der Schule bei meiner Chefin.

„Frau Chefin, ich hätte da mal eine Frage“, beginne ich.

„Frau Lea, welche Frage hätten Sie denn?“, fragt sie.

„Na, Sie wissen ja, dass mein Sabbatjahr ab August 2020 bereits vor vielen Jahren genehmigt wurde.“

„Ja, das weiß ich.“

„Ich möchte es verschieben.“

„Äääääh.“

„Naja, wissen Sie, so ein Sabbatjahr ist doch dafür da, dass man sich eine Auszeit nimmt, um sich von den Schülern und Kollegen zu erholen und wieder zu neuer Energie zu kommen.“

„Ja, das ist mir bekannt. Und das können Sie ja auch tun.“

„Aber nicht in Altötting.“

„Dann verreisen Sie halt.“

„Und wohin?! Corona verweigert mir die Einreise in sämtliche Länder meiner Weltreise.“

„Wie wär’s mit, äh … Österreich? Oder Italien!“

„Ich rede von echten Ländern. Ländern, in denen niemand Deutsch spricht, isst, kennt oder jemals lernen will.“

„Sag ich doch: Österreich.“

Schweigend überreiche ich ihr mein Gesuch um Verschiebung meines Sabbatjahres um ein Jahr.

Schweigend nimmt sie es mir ab und legt es in den Ausgangskorb; direkt über dem Schredder.

Schweigend verlasse ich das Büro meiner Chefin, als ich sie jammern höre: „Ich habe doch schon alle Klassen und Lehrer für nächstes Schuljahr eingeteilt.“

Kurz darauf höre ich ein verdächtiges Surr-Geräusch. Es klingt wie mein Schredder zu Hause.

Mai 2020

Kurz vor den Pfingstferien. Juchhu! In zehn Minuten endet der letzte Schultag! Ich packe meinen Krempel im Lehrerzimmer zusammen, als Frau Chefin mit einem Papier in der Hand auf mich zueilt.

„Frau Lea, ich weiß, ich verderbe Ihnen nun die nächsten zwei Wochen, aber hier ist die Antwort des Ministeriums auf Ihren Antrag auf Verschiebung des Sabbatjahres. Schöne Ferien.“

Und weg ist sie.

Das Blatt Papier segelt gemächlich auf meinen Tisch und bleibt dort herausfordernd liegen. „Lies mich doch, wenn du dich traust, du Weichei“, scheint es mich zu veräppeln.

„Ach, leck mich“, antworte ich. „Frau Chefin hat mir die Antwort bereits ins Gesicht gekotzt.“

„Weichei UND Spielverderber!“, zischt das Blatt Papier. „Wenn du nicht schnell genug liest, verwandle ich mich in einen Papierflieger und bin weg!“

„Weg? Wohin? Nimm mich mit! Egal, wohin … außer nach Österreich.“

Innerhalb weniger Sekunden habe ich das offizielle Schreiben überflogen.

Yogamatte: „Und? Was steht auf dem Papier?“

„Bürokratisches Blabla“, seufze ich. „Und nein, ich kann mein Sabbatjahr nicht verschieben.“

Yogamatte: „Oh, das tut mir leid.“

„Mir auch.“

Juli 2020

Die lang geplante Weltreise fällt aus.

----------

25. Juli bis 22. August 2020

Mittellandtour Deutschland

 

 

Normalerweise …

(Samstag, 25. Juli 2020: Altötting–Kitzingen)

… W

äre ich jetzt allein auf dem Weg von München nach Chicago. Im oberen Teil eines zweistöckigen Flugzeugs. In der Business Class.

Dort würde ich mich mit einem übergewichtigen, rotgesichtigen, kurzatmigen Sitznachbar-Schnösel unterhalten. Dieser würde mir beständig seine Platinkreditkarten unter die Nase halten, in der Hoffnung, so an Attraktivität zu gewinnen. Letztendlich würde er mich sowohl zu einem Glas Champagner als auch zum Beitritt in den Mile High Club einladen.

Yogamatte: „He, woher weißt du, was der Mile High Club ist?“

Ich: „Äh, ich lese viel.“

Yogamatte: „Ja, genau.“

Ich: „Woher weißt DU, was der Mile High Club ist?“

Yogamatte: „Äh, ich höre dir viel beim Lesen zu!“

Ich: „Ja, genau.“

Für den weniger zuhörenden Leser hier eine Kurzdefinition des Mile High Clubs, zitiert nach wikipedia.org: „Der Club, kurz MHC, ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Gruppe von Menschen, die an Bord eines im Flug befindlichen Luftfahrzeuges Sex mit einem Partner und/oder Fremden hatten. Idealerweise sollte die Flughöhe über Grund dabei mindestens eine nautische Meile, also 1852 Meter, betragen.“

Yogamatte: „Und, hättste dich einladen lassen?“

Ich: „Klar.“

Yogamatte: „Was? Und Hermi betrogen?“

Ich: „Wieso betrügen? Ich hätte mich doch nicht zum Mile High Club einladen lassen! Nur zum Champagner-Süffeln.“

Yogamatte: „Du bist ja käuflich! Ich bin entsetzt.“

Ich: „Nix käuflich. Nur durstig.“

Statt im Flieger sitzen wir nun im Auto. Nicht auf dem Weg nach Chicago, sondern auf dem Weg nAachen.“

Yogamatte: „nAachen? Was soll denn das sein?“

Ich: „Das ist ein noch nie dagewesenen Wortspiel aus nach und Aachen. Da schauste, gell?“

Yogamatte: „Zu deinem Wortspiel sach ich nur: Zu viel Sonne schadet nicht nur der Haut!“

Und statt die USA per Rad zu durchqueren, durchqueren wir nun Deutschland per Rad. Von A bis Z. Von Aachen bis Zittau. Einmal quer rüber. Um die 1000 Kilometer.

Yogamatte: „Auch schön!“

Ich: „Und schon ist es Zeit für Alkohol.“

Yogamatte: „Zum Feiern deines Sabbatjahres?“

Ich: „Nee, zum Schönsaufen meines Sabbatjahres.“

Yogamatte: „Schenk mir gleich einen Doppelten ein!“

nAachen

(Sonntag, 26. Juli 2020: Kitzingen–Aachen: Radstrecke: 4 Kilometer)

U

nser Mietwagen ist ein AudiHightechDingsda mit gefühlten 3195 PS, Gepiepse bei jeder Gelegenheit und einem hochsensiblen Navi, das wahlweise auf Getippsel oder Geschreibsel oder Geschwafel reagiert. Das schwierigste Element für Hermi an diesem hochtechnisierten, Verantwortung abnehmenden Fortbewegungsmittel ist allerdings die Fahrertür. Obwohl … nicht die Tür an sich, sondern deren erfolgreiches Schließen.

Türschließung, Teil 1

Hermi schließt die Fahrertür im Hof seines Hauses in AÖ. Beim Anfahren piepst das Auto in Morsezeichen, dass die Türe nicht richtig geschlossen sei. Früher, in der guten, alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, hat man bei einer nicht korrekt geschlossenen Tür während der Fahrt selbige geöffnet und mit Schmackes wieder zugeworfen. Fall erledigt. Deshalb versucht sich Hermi, der aus dieser guten, alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, stammt, auch in diesen modernen Zeiten an diesem Prinzip. Nur hat er nicht mit der Sturköpfigkeit eines Audis gerechnet.

Der Audi, der ist schnell und flott,

ein dicker Schlitten, gar kein Schrott.

Er hat Leuchten rot und schön,

aber Türen öffnet er nur im Steh‘n

Drum fängt er plötzlich an zu schrei‘n:

Während der Fahrt die Tür zu öffnen, das lass sein!

Also hält Hermi im Hof kurz an, öffnet die Tür, schlägt sie erfolgreich zu und gut is.

Türschließung, Teil 2

Wir müssen dringend auf einen Autobahnrastplatz fahren, denn eines der Fahrräder im Kofferraum macht ein quietschendes Geräusch und Hermi erträgt keine quietschenden Geräusche. Auf dem Rastplatz steigt er aus, öffnet den Kofferraum, rüttelt und schüttelt, wackelt und rackelt, macht und tut an den Fahrrädern bis er glaubt, dass er das Quietschproblem gelöst hat, steigt wieder ein, schließt die Tür und fährt zügig – ich darf an die 3000+ PS erinnern – auf die Autobahn. Da das Auto schneller ist, als die Sensoren reagieren können, sind wir bereits mitten im dichten Gedränge, als das Auto das Gespräch sucht: „Bitte Fahrertür schließen.“

Hermi: „Oh Mist. Ich habe die Tür wieder nicht richtig geschlossen.“

Ich, die Pragmatische: „Fahr auf den Standstreifen.“

Hermi: „Da darf man nur im Notfall halten.“

Ich: „Das ist ein Notfall.“

Hermi: „Eine nicht geschlossene Autotür ist doch kein Notfall!“

Ich: „Ich weiß, was deine letzten Worte sein werden, falls sich während der Fahrt bei 190 km/h die Autotür selbstständig öffnet, du hinausgesogen wirst und als Fußabstreifer für einen 40-Tonner endest.“

Hermi: „Nämlich?“

Ich: „War wohl doch ein Notfall.“

Hermi, der Gesetzestreue, ignoriert meinen Pragmatismus und fährt bei der nächsten Autobahnabfahrt heraus. An deren Ende bleibt er stehen, öffnet die Tür, schließt sie ordnungsgemäß und … das war’s. Für die Autotür. Und die Weiterfahrt. Denn die Auffahrt zurück auf die Autobahn ist gesperrt. Und nun?

Und nun schleppen wir uns 5 Kilometer auf einer Serpentinenstraße mit stetem Gegenverkehr hinter PS-losen Wohnmobilen und Lastwagen hinauf, weichen herunterrasenden SUVs aus, überqueren auf weiteren 7 Kilometern diverse Autobahnbrücken, blicken dabei sehnsüchtig auf den unter uns fließenden Verkehr und zuckeln hinter Traktoren durch idyllische Dörfchen, bis wir nach weiteren 9 Kilometern endlich wieder auf die Autobahn auffahren können.

Die Fahrräder quietschen noch immer.

Altstadtrundgang

(Montag, 27. Juli 2020: Aachen: Radstrecke: 8 Kilometer)

W

arum sich Menschen früher in einer Gegend wie Aachen niederließen? Weil es warm war. Thermalquellenwarm. Diese Thermalquellen gibt es noch heute. Und noch heute sind sie warm. Die Quellen haben sogar einen eigenen Namen: Carolus Thermen. Benannt nach dem großen Karl, äh, nach Karl dem Großen. Er war es auch, der um 792 das heutige Rathaus von Aachen erbaute – er nannte es damals allerdings Palast. Und er war es auch, der das erste deutsche Welterbe erbaute, das gut 1180 Jahre später in die Liste der UNESCO aufgenommen wurde. Die Rede ist natürlich vom Aachener Dom, der mal ganz bescheiden als Pfalzkapelle angefangen hatte. Dank mehrerer Krönungen zwischen 936 und 1531 konnte sich die kleine, unscheinbare Kapelle aber zum mächtigen, unübersehbaren Dom hocharbeiten.

Yogamatte: „Und was hat der Gott Grannus zusammen mit seiner von der Geschichtserzählung unerwähnten Göttergattin Granny erfunden?“

Ich: „Den Apfel Granny Smith?“

Yogamatte: „Nah dran, aber nein. Den Granini-Saft. Denn die Mehrzahl von Grannus ist Granini. Weiß man ja.“

Ich: „Na klar. Schließlich schmeckt der Saft ja … göttlich!“

Yogamatte: „Rechtije!“

Ich: „Was?“

Yogamatte: „Rechtije, also richtig. Ist Aachener Platt oder Öcher, wie der Einheimische seine Artikulation zu nennen pflegt.“

Ich: „Ah ja, genau! Das ist der Dialekt, der der ripuarischen Sprachgruppe angehört. Jetzt erinnere ich mich wieder. Zweite Klasse Grundschule. Deutschaufsatz: ‚Öcher Platt: Ist das noch Sprache oder kann das wech?‘ Erörtere!“

Yogamatte: „Willste ma hören: Du kleids en e Höddelche.“

Ich: „Kann wech.“

Yogamatte: „Yep.“

Wer in der zweiten Klasse aufgepasst hat, weiß, dass die Hörprobe Du kleids en e Höddelche auf Deutsch heißt: Du kannst anziehen, was du willst, du siehst immer gut aus.

Und so sieht Öcher Platt in Aachen aus:

Ein paar Schritte weiter.

Yogamatte: „Hey, schau dir die Statuen an! Die strecken mir alle den Mittelfinger entgegen! Ja, sag mal, was ist denn das für ein Empfangskomitee?“

Ich: „Nee, nix Mittelfinger. Das ist ein hochgestreckter kleiner Finger.“

Yogamatte: „Ist das Öcher Platt für Mittelfinger?“

Ich: „Nee, das ist Platt für ausgeklinkt. Hat was mit den Nähern von früher zu tun.“

Yogamatte: „Aha.“

Ich: „Heutzutage ist der erhobene kleine Finger, Klenkes genannt, das Erkennungszeichen der Aachener, mit dem sie sich außerhalb von Aachen grüßen. Da weiß jeder sofort: ‚Ach, ein Aachener.‘“

Yogamatte: „Aaah! Deshalb grüßt du alle Autofahrer mit AÖ-Kennzeichen mit dem Mittelfinger. Als Erkennungszeichen! Da weiß jeder sofort: ‚Ach, ein A…ltöttinger.‘“

Ich: „Ja, genau.“

Der Ursprung des Aachener Klenkes geht auf die ehemals hier ansässige Nadelindustrie zurück, in der schlechte oder unbrauchbare Nadeln mit dem kleinen Finger ussjeklenkt, ausgeklinkt, wurden.

Yogamatte: „Und worauf geht dein Erkennungszeichen, der Mittelfinger, zurück?“

Ich: „Auf meinen Ring, den ich am Mittelfinger trage. In diesen Ring habe ich die Buchstaben AÖ eingravieren lassen. Nur deshalb zeige ich den AÖ-Autofahrern meinen Mittelfinger, damit sie meinen hübsch gravierten Ring bewundern können.“

Yogamatte: „Schöne Idee. Ich bin sicher, die Autofahrer wissen deine Geste zu schätzen.“

Ich: „Total. Manche tragen sogar selber einen Ring am Mittelfinger, den sie mir umgehend voller Stolz präsentieren. So nette Menschen in AÖ.“

Wir schlendern durch die Stadt und stehen plötzlich vor einem riesigen Sandkasten. Mitten in der Stadt. Im Katschhof. Der Sandkasten hat sogar einen Namen: Archimedischer Sandkasten. Nach dem Motto: Zukunft bauen.

Die Zukunft wird also auf Sand gebaut.

Im Vordergrund überlegt Klein-Archimedes, wo er wieder seine Förmchen verbuddelt hat.

Ich wiederum stelle mir gerade Groß-Kalle, wie ich Karl den Großen liebevoll abkürze, vor, wie er sich seiner Königsstiefel entledigt, das Badetuch grapscht und barfuß am Altstadtsandstrandkasten niederlässt. Ich bin sicher, dass sich bei zukünftigen Ausgrabungen in diesem Sandkasten Schäufelchen und Förmchen mit königlichem Emblem finden werden.

An der Westseite dieses Hofes befand sich früher das Gerichtsgebäude. Davor stand der Pranger, niederländisch Kaks genannt. Davon leitet sich der Name Katschhof ab. Einen Pranger gab es bis 1790 auch; dann wurde er abgeschafft. Mit der Abschaffung des Prangers wurden auch Verbrechen abgeschafft. Vermute ich.

Apropos Verbrechen: Was ist ein Elf-Trappe-Jeseech?

a) Die elf Treppen, die zu Jesus, auf Öcher Platt Jeseech, führen

b) Die Fußballmannschaft von Trappe-toni nach einem verlorenen Spiel (Für alle Fußballfans: Jaja. Ich weiß schon, dass der Trappe-toni Trappatoni heißt. Ein Frau ist nicht Idiot. Ein Frau sehen, was passieren … Ich habe fertig!)

c) Die Verkündung des Gerichtsurteils auf der Rathaustreppe, die elf Stufen hatte: Am unteren Ende stand der Angeklagte, der ein entsprechendes Gesicht, auf Öcher Platt Jeseech, das Elf-Stufen-Gesicht, machte

Und die Antwort ist c). Es ist immer c). Außer es ist b) oder a).

Über das wichtigste Gebäude einer jeden Stadt, das Rathaus, gibt es aus meiner Sicht nichts Besonderes zu erzählen. Außer vielleicht, dass es auf einem Fundament aus dem 8. Jahrhundert erbaut wurde. Und dass ich mir den 1.000 Quadratmeter großen Krönungssaal ansehen könnte, wo dereinst die Könige nach ihrer Krönung ein Festmahl zu sich nahmen. Aber ich habe mir die Speisekarte angesehen und es war nichts nach meinem Geschmack dabei; wozu dann den Speisesaal aufsuchen? Ach ja, das Rathaus hat auch den großen Stadtbrand von 1656 fast unbeschadet überstanden. Zusammen mit dem Haus Löwenstein.

Ich: „Hm.“

Yogamatte: „Was?“

Ich: „Ich habe das Gefühl, dass jede größere Stadt, die etwas auf sich hält, früher oder später einen großen Stadtbrand vorweisen kann. Ich sach nur: Rom, London, Chicago, sogar Lübeck, das gleich mit drei Bränden auf sich aufmerksam machte. Da steckt doch System dahinter!“

Yogamatte: „Nee, kein System. Sondern Holzbauweise.“

Ich: „Wie? Holzbauweise?“

Yogamatte: „Ist doch logisch. Holz brennt schnell. Ein kleiner Funke und wech ist die Stadt. Deshalb werden Streichhölzer auch heute noch aus Holz und nicht aus Stein gebastelt, sonst würden sie ja nicht brennen. Oder hast du schon mal gehört, dass in der Steinzeit Steinhöhlen abgebrannt sind? Eben nicht. Und warum nicht? Weil sie aus Stein und nicht aus Holz waren.“

Ich: „Oder weil das Streichholz noch nicht erfunden war.“

Yogamatte: „Oder so.“

Apropos Haus Löwenstein. Es wurde 1344 fertiggestellt und wohl nach der ersten bekannten Besitzerin Anna Löwenstein benannt. Es wird vermutet, dass es sich bei der Familie Löwenstein um ein Adelsgeschlecht handelt, dessen Name ursprünglich Lewe lautete. Der Namenszusatz Stein wurde angefügt, um dem Plebs und Pöbel unter die Nase zu reiben, dass man sich Stein leisten konnte. Im Gegensatz zu den weniger vermögenden Menschen, die ihre Behausungen noch aus Holz oder Lehm bastelten.

Yogamatte: „Sie war also … steinreich.“

Später sehe ich, wie sich Yogamatte was in den Mund stopft.

Ich: „Was isst du da?“

Yogamatte: „Kann grad nicht antworten. Hab den Mund voll.“

Ich: „Mit Aachener Printen?“

Yogamatte: „Yep. Weißte, dass die Printen eine spezielle Sorte brauner Lebkuchen sind, die etwa seit 1820 in Aachen gebacken werden?“

Ich: „Und weißt du, dass man mit vollem Mund nicht spricht?“

Yogamatte: „Und weißt du, dass die Bezeichnung Printe für Aufdruck steht?“

Ich: „Und weißte, was auf die Printen gedruckt wird?“

Yogamatte: „Bitte nicht mit vollem Mund sprechen?“

Ich: „Rechtije!“

Tatsächlich stammten früher die Aufdrucke auf den Printen aus der Tier-, Symbol- und Heiligenwelt. Heutzutage gibt es Printen mit dem Logo von großen und erfolgreichen Firmen wie Reebok, Netflixoder sicherlich bald mit meinem berühmten Namen.

Ich: „Apropos Tiere. Kennste die Geschichte vom weißen Elefanten?“

Yogamatte: „Vom weißen Elefanten und Harrods? Was hat das mit Aachen zu tun?“

Ich: „Nee, nix Harrods. Der weiße Elefant von Aachen.“

Yogamatte: „Elefanten in Aachen?“

Ich: „Horch zu. Der Kalif von Bagdad soll Groß-Kalle angeblich einen weißen Elefanten geschenkt haben.“

Yogamatte: „Warum?“

Ich: „Als Zeichen der Freundschaft.“

Yogamatte: „Hätte es ein Kaninchen nicht auch getan?“

Ich: „Waren zu der Zeit in Bagdad noch nicht erfunden.“

Yogamatte: „Klar, dann blieb natürlich nur noch ein Elefant übrig als Geschenk. Was sonst.“

Ich: „Immerhin verhalf der Elefant den Geschichtsschreibern zu … Geschichten.“

Yogamatte: „Erläutere!“

Ich: „Eine Geschichte berichtet darüber, dass Groß-Kalle den Elefanten gerne mit auf Reisen nahm, aber der Elefant wohl an Reisefieber litt und diesem relativ bald erlegen ist. Eine andere Geschichte erzählt davon, dass der weiße Elefant gar nicht weiß war. Ein Geschichtsschreiber soll ihm diese Farbe einfach angedichtet haben, um die Besonderheit des Geschenkes zu betonen. Eine weitere andere Geschichte meint, dass Groß-Kalle den Elefanten als Waffe gegen die Friesen mitgeführt hätte, was dem Elefanten aber zum Verhängnis wurde.“

Yogamatte: „Weil er keinen Friesentee vertrug?“

Ich: „Nee, weil er nicht schwimmen konnte.“

Yogamatte: „Hä? Fett schwimmt doch automatisch oben.“

Ich: „Der Elefant war aber nicht fett, er hatte nur schwere Knochen. Und die sind bei der Durchquerung des Rheins untergegangen.“

Yogamatte: „Als Kaninchen wäre das dem Elefanten nicht passiert.“

Ich: „Selbst als Kaninchen wäre der Elefant verstorben. Denn nach einer weiteren Geschichte ist der Elefant gar nicht ertrunken, sondern an einer Lungenentzündung gestorben.“

 

Am Spätnachmittag habe ich einen Termin für eine Domführung: Ich lerne, dass für den Dom nur die besten, schönsten und teuersten Materialien verbaut wurden, zum Beispiel italienischer Marmor für die Säulen. Wenn man allerdings nachzählt, stellt man fest, dass insgesamt zwölf der Originalsäulen fehlen. Acht sind spurlos verschwunden. Von vier Säulen aber weiß man, dass die Franzosen sich diese bei einer ihrer zahllosen Besatzungen Aachens unter den Nagel gerissen haben. Heutzutage kann man diese vier Säulen im Louvre bewundern. Angeblich sind sie mit dem Hinweis versehen: „Dauerleihgabe des Aachener Doms“.

Im Dom befindet sich auch Groß-Kalles letzte Ruhestätte. Oder zumindest das, was von ihm, dem Kalle, übrigblieb: nämlich 94 Knochen. Analysen haben ergeben, dass die Knochen tatsächlich von einem Mann stammen. Größe und Alter stammen ebenfalls von einem Mann. Experten sind sich daher einig, dass es sich um Karl den Großen, handelt.Vor allem weil neben den Knochen Schäufelchen und Eimerchen mit Kalles Initialien lagen.

Führerin: „Zu Kalles Reliquien gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht: Die gute Nachricht ist, dass es sich bei den Knochen nur um einen Menschen handelt. Denn früher war es üblich, Reliquien verschiedener Menschen zu vermischen. Die schlechte Nachricht allerdings ist, dass es sich aufgrund der Anzahl der Knochen nur um einen halben Menschen handelt. Irgendwelche Fragen?“

Ich: „Wo ist die andere Hälfte von Kalle?“

Führerin: „In Frankreich, denn dort wird Kalle auch sehr verehrt.“

Ich: „Ah, verstehe. Dauerleihgabe.“

Führerin: „Rechtije!“

Viele mittelalterliche Könige, darunter Barbarossa, fanden, dass Groß-Kalle ein idealer Herrscher mit christlichem Hintergrund war. Deshalb wollten sie ihn 1165 heiligsprechen lassen. Das ging so.

Barbarossa: „Du, Papst Leo III., ich hätte da mal einen Vorschlag.“

Papst: „Und der wäre?“

Barbarossa: „Wie wär’s, wennste den Groß-Kalle heiligsprichst?“

Papst: „Den Groß-Kalle? Warum?“

Barbarossa: „Na, immerhin hat er die barbarischen Völker wie die Sachsen zum Christentum bekehrt.“

Papst: „Mag schon sein, aber du weißt auch, was er mit den 4.500 Sachsen gemacht hat, die vom Christentum nicht überzeugt waren und sich eine zweite Meinung einholen wollten. Die hat er alle um einen Kopf kürzer gemacht. Daher sein Spitzname ‚Sachsenschlächter‘. So jemanden spreche ich nicht heilig.“

Barbarossa: „Ach, nicht so nachtragend sein. Ist doch schon alles … Geschichte.“

Papst: „Also, wenn du mir so kommst, sach ich dir was: Du bist exkommuniziert.“

Barbarossa: „Fein! Wenn du mir so kommst, kann ich auch anders!“

Barbarossa sucht sich einen rückgratlosen Bischof, ernennt ihn zum Gegenpapst und lässt den Kalle von diesem heiligsprechen.

Yogamatte: „Ich will auch heiliggesprochen werden! Willst du mein Gegenpapst sein?“

Ich: „Nee, dafür hab ich zu viel Rückgrat.“

Die Domführung führt natürlich auch an Groß-Kalles Thron vorbei. Unter anderem soll er aus Marmorplatten bestehen, die um 800 aus der Grabeskirche in Jerusalem abhandengekommen sind. Angeblich sind sie mit dem Hinweis versehen: „Dauerleihgabe der Grabeskirche in Jerusalem“.

Unterhalb des Throns gibt es einen Durchgang. Was es damit auf sich hatte? Zunächst gar nichts. Aber dann kamen die Pilger und mehr Pilger und immer mehr Pilger, die alle so lange in Aachen verweilten, bis sie sündenfrei waren. Und das kann dauern. Ich bin ja der beste Beweis: Seit über 20 Jahren bin ich Pilgerin in AÖ und noch immer nicht sündenfrei. Weil aber den Aachenern die Pilger zu viel wurden, wollten sie sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Deshalb erfanden sie die Absolution to go. Funktioniert so: Auf den Thron drapierste ein paar religiöse Utensilien, die Göttlichkeit vorgaukeln, dann lässt du die Pilger unter dem Thron durchkriechen, wobei sie die Unterseite des Throns berühren; sie spüren die göttliche Anwesenheit, du erteilst ihnen die Absolution to go, erklärst sie für sündenfrei, jagst sie aus dem Dorf Aachen und gut is. Und in AÖ? Obwohl ein Thron fehlt, könnte es mit etwas Einfallsreichtums so ähnlich funktionieren: Religiöse Utensilien auf Kirchenbänke, Pilger drunter durchkrabbeln lassen, für sündenfrei erklären, aus dem Dorf jagen und gut is.

Von dieser Mutter Gottes im Dom heißt es, dass sie die reichste Frau Aachens sei. Denn sie besitzt 49 edelste und teuerste Gewänder, die ihr von adeligen Frauen als Zeichen ihrer Verehrung überreicht wurden.

Etwa jede Woche kommen Gläubige vorbei und ziehen der Barbiepuppen-Maria eines dieser edlen Gewänder über. Und das kleine Jesulein? Wird passend dazu eingekleidet. Ein erster Fall von göttlichem Partnerlook!

Ich: „Was wohl Jesus heutzutage dazu sagen würde?“

Jesulein: „Blumenmuster? Echt jetzt?!“

Bild des Tages

Haus der Kohle: Wahrscheinlich Öcher Platt (Aachener Platt) für Sparkasse.

Schwül-kühl

(Dienstag, 28. Juli 2020: Aachen–Obermaubach: Radstrecke: 42 Kilometer)

D

ie Route, die wir radeln, geht einmal quer durch Deutschland von A bis Z, von Aachen bis Zittau. Sie verbindet ein Dreiländereck im Westen mit einem im Osten, berührt alle größeren Flüsse, führt durch fünf Bundesländer (Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen, Sachsen) und ist laut Radführer 1068 Kilometer lang oder laut Navi 1055 oder laut allwissendem Google Maps 1043.

Ansonsten ist das Wetter in der Sonne schwül, im Schatten kühl, gesamt also schwül-kühl.

Geradelt sind wir heute auch. Und zwar bergauf, nur bergauf, immer nur bergauf. Bis auf die Höhe des Mont Blanc. Woher ich das weiß? Weil mir unterwegs Reinhold Messner begegnet ist. Er hat mich gebeten, seine Sauerstoffflasche die restlichen 300 Meter hochzufahren, damit er am Gipfel einen tiefen Zug nehmen kann. 100 Meter weiter stand am Straßenrand in die Gegenrichtung Yeti als Tramper mit erhobenem Daumen. Und einem selbstgemalten Schild, auf dem stand: „Süden“.

Nachtrag zu Aachen

Mehrmals haben wir uns heute gefragt, ob wir noch in Deutschland sind oder in eine Utopie gebeamt wurden. Denn alle Autofahrer waren Radlern gegenüber rücksichtsvoll, hielten Abstand, ließen uns den Vortritt oder zuckelten hinter uns her, bis die Sicht frei war. Unglaublich! In Aachen gibt es sogar eigene Fahrradstraßen, wo die Autos nur geduldet sind. Oh, wie schön ist Aachen!

Und dann sind da noch die beliebten Wortspiele der Aachener Geschäftsleute. So heißen einige Geschäfte in Aachen.

MundArt: Ein … (mittlerweile geschlossenes) Restaurant.

Radar’t: Nein, nix Fahrrad. Es ist eine Galerie. Wahrscheinlich liegt der Schwerpunkt auf Rad-ierarbeiten.

Diesein: Ein Friseurladen, wo sie diesein kann, die sie schon immer sein wollte. Einen dersein-Friseur scheint es nicht zu geben. Der Mann an sich war schon immer der, der er sein wollte. Da braucht er keinen Friseur zu.

Busenbender: So. Das ist nun wirklich knifflig. Hier ein paar Vorschläge:

a) Ein anzüglicher Dessous-Laden

c) Ein Coiffeur, der fast nur sehr gute Bewertungen hat

Und es ist c). Es ist immer c). Außer es ist b) oder a).

„Sie können mir ja helfen, das Bett zu beziehen“

(Mittwoch, 29. Juli 2020: Obermaubach–Euskirchen: Radstrecke: 50 Kilometer)

Gestern

Wir kommen zu unserem Hotel, das einen Seeblick verspricht. Die Rezeption ist noch nicht besetzt. Hermi und ich nehmen an einem der leeren Tische auf der Terrasse Platz. Die Tür geht auf, ein energischer Italiener sieht uns an und fragt: „Booking.com? Einzelzimmer?“

Hermi: „Ja und nein. Booking.com ja, Einzelzimmer nein. Ich habe ein Doppelzimmer gebucht.“

Italiener: „Hm. Es ist nur ein Einzelzimmer bestellt.“

Hermi: „Hm. Wir sind zu zweit.“

Italiener: „Kein Problem. Wir beziehen einfach ein zweites Bett. Vielleicht können Sie mir ja dabei helfen.“ Spricht’s und blickt in meine Richtung.

Ich, die ich gemütlich auf der Terrasse sitze und den nicht vorhandenen Seeblick genieße, fühle mich in keinster Weise angesprochen und ignoriere die Aufforderung. Hermi wiederum tapst brav hinter dem Mann her und wird mir später berichten, wie irritiert der Italiener war, als ich mich weigerte, Hausfrauenarbeit zu leisten.

Mein Motto: Hermi hat die Reservierung vermasselt, also bezieht er das Bett.

Aber wieso nennt sich das Übernachtungsteil Hotel, wenn wir Gäste Zimmermädchen spielen sollen? Hat der Italiener keine Ehefrau, die das erledigt?!

Heute

Es geht bergauf. Und zwar wieder so hoch hinauf, dass ich unterwegs erneut den Messner treffe, der zur Entspannung diesen neuen Mount Everest hinaufjoggt.

Messni: „Hey, Lea. Du wieder. Du siehst aber fertig aus. Hier, nimm einen kräftigen Zug aus meiner Sauerstoffflasche. Ach, weißte was, behalt sie. Wir treffen uns eh in Kürze oben.“

Ich will ihm noch mitteilen, dass ich die Sauerstoffflasche nicht auch noch hochschleppen könne … aber da ist er schon außer Rufweite.

Yogamatte: „Haste gesehen? Der ist gejoggt.“

Ich: „Ja und? Noch nie nen Jogger gesehen?“

Yogamatte: „Der ist zur Erholung gejoggt!“

Ich: „Soll es geben.“

Yogamatte: „Zur Erholung gejoggt! Den Mount Everest hinauf!“

Ich: „Hat er gesagt.

---ENDE DER LESEPROBE---