Wenn alles in Scherben fällt - F. John-Ferrer - E-Book

Wenn alles in Scherben fällt E-Book

F. John-Ferrer

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Beschreibung

"Strafsoldaten sind zum Sterben da", das ahnt auch Helmut Kalmeder, der wegen seiner Begeisterung für kommunistische Ideen bereits seit vier Jahren im KZ in Dachau ist. Eigentlich ist er daher für den Dienst an der Front ungeeignet, doch eine Verfügung vom Oktober 1942 hebt die Wehrunwürdigkeit für die Dauer des Krieges auf. Aus Zuchthäusern und Konzentrationslagern werden kampftaugliche Männer geholt, gedrillt und auf ihre Aufgaben als Soldat vorbereitet. Verbrecher und politisch Andersdenkende finden als Ersatzbataillon 999 ihr Schicksal an der Ostfront, in Afrika, aber auch auf dem Balkan, um dort für ein Vaterland zu sterben, an dessen Ideale kaum einer glaubt.

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Ablauf des militärischen Geschehens entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Die Namen der handelnden Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind daher rein zufällig.

LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2015

© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Worum geht es im Buch?

F. John-Ferrer

Wenn alles in Scherben fällt

»Strafsoldaten sind zum Sterben da«, das ahnt auch Helmut Kalmeder, der wegen seiner Begeisterung für kommunistische Ideen bereits seit vier Jahren im KZ in Dachau ist. Eigentlich ist er daher für den Dienst an der Front ungeeignet, doch eine Verfügung vom Oktober 1942 hebt die Wehrunwürdigkeit für die Dauer des Krieges auf. Aus Zuchthäusern und Konzentrationslagern werden kampftaugliche Männer geholt, gedrillt und auf ihre Aufgaben als Soldat vorbereitet. Verbrecher und politisch Andersdenkende finden als Ersatzbataillon 999 ihr Schicksal an der Ostfront, in Afrika, aber auch auf dem Balkan, um dort für ein Vaterland zu sterben, an dessen Ideale kaum einer glaubt.

1

Er ist ganz ruhig. Er zittert nicht. Er kann auf der Holzpritsche sitzen und noch einmal über alles nachdenken, ohne in Tränen oder dumpfes Angstgebrüll auszubrechen. Strafsoldat Herbert Klenke weiß, dass er heute erschossen wird – in einer Stunde, vielleicht in zwei oder drei. Die Marschtritte des Exekutionskommandos können aber auch schon in der nächsten Minute im Korridor des Gefängnisses ertönen.

Die Uniform ist abgegeben worden. Behalten durfte er nur den Drillich und die Turnschuhe, alte, morsche Klamotten, die gerade noch gut genug sind, um mit ihm in der Grube zu vermodern.

Klenke hatte gewusst, dass er an den Erschießungspfahl kommen würde, wenn man ihn erwischte. Er hätte seine Flucht anders durchführen müssen. Es war ein Fehler, zu Hilde zu gehen und sich mit ihr in einem Zweibettzimmer eines Straßburger Hotels einzuschließen. Sie waren auch pünktlich gekommen, die Kettenhunde, mit ärgerlichen Mienen und entsicherten Pistolen.

Hilde wollte sich dem Feldwebel vor die Füße werfen, aber der Strafsoldat Klenke hat das nicht geduldet, hat sie angeschrien und ihr dann einen Kuss auf den bebenden, tränennassen Mund gegeben.

»Lass man«, hat er zu ihr gesagt, »weine nicht. Geh heim und vergiss mich.«

Angst? Strafsoldat Herbert Klenke, wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt, schüttelt den Kopf. Nee, das ist vorbei, das mit der Angst. Angst hat er nur gehabt, als sie ihn mit Fußtritten in die Zelle geworfen haben, die Wachposten gekommen sind, ihn angespuckt und geschrien haben: »Du Schwein! Du Verräter! Du Sauhund!« Nur der Geistliche hat »mein lieber Sohn« gesagt.

Er schaut zum vergitterten Fenster empor, hinter dem der Tag graut. Der letzte Tag eines verspielten Lebens. Wie sachlich der Gerichtsoffizier gewesen ist! Hat sich alles angehört, ein paarmal genickt, sich Notizen gemacht und sich mit dem Finger an der von Mensuren zerhackten Wange gekratzt. Dann das Urteil, monoton gesprochen, mechanisch, oft geübt: wegen Fahnenflucht zum Tode durch Erschießen verurteilt …

Klenke hat nur zustimmend genickt. Strafsoldaten sind zum Sterben da. Zu Tausenden, zu Abertausenden! Wie damals, am 7. Oktober 1943, als der alte Minensucher die tausend Mann des IX. Ersatzbataillons 999 hätte von Piräus nach Samos fahren sollen. Es sind nur wenige mit dem Leben davongekommen. Die britischen U-Boote haben ganze Arbeit geleistet. Am 9. Oktober des gleichen Jahres sind noch einmal 450 Strafsoldaten zu den Fischen geschickt worden, und am 11. Oktober des nächsten Jahres sind es dann 800 gewesen, die »etwas gutzumachen« hatten.

Strafsoldat Herbert Klenke hat keine Angst vor dem Tod. Sie ist gestorben, als er sechs Stunden lang im salzigen Wasser geschwommen ist und endlich den Strand erreicht hat, um weiterleben zu dürfen. Wieder in die Heimat verschickt, wieder eingekleidet, wieder in Marsch gesetzt, um den Tod noch einmal herauszufordern, hat Strafsoldat Herbert Klenke beschlossen, nicht mehr mitzumachen und abzuhauen. In Straßburg, in dem zweitrangigen Hotel, nachts um ein Uhr, ist seine militärische Laufbahn endgültig zu Ende gegangen.

Jetzt wartet er. Sie müssen ja bald kommen, um mit einer Salve die Erinnerung an Berlin, KZ Buchenwald und aussichtsloses Heldentum wegzuknallen.

Aber Leutnant Franz Hartwig ist noch nicht fertig. Er schaut in den Spiegel und stellt fest, dass er wieder einmal versoffen aussieht. Tatsächlich hat er die ganze Nacht durchgesoffen, drüben, bei der Uschi in ihrer gemütlichen Bude.

Wo das Ding bloß immer den französischen Kognak her hat, fragt sich der einarmige Leutnant, als er den Wasserhahn aufdreht und den brummenden Schädel ins Becken taucht.

Uschi Brandt, die Stabshelferin, sitzt unterdessen schon längst vor dem Vermittlungsschrank und verbindet mit einem unerschütterlich freundlichen »’n Augenblickchen, bitte …«, die Teilnehmer.

Leutnant Hartwig rasiert sich sehr geschickt mit der Rechten, zieht Grimassen und schielt dann auf die abgelegte Armbanduhr. Um neun Uhr ist wieder eine Exekution. Er muss sich beeilen. Der arme Kerl, der drüben im Stabsgebäude wartet, soll bald erlöst sein.

Wie heißt er doch gleich, der heute dran ist? … Klinke oder so ähnlich. So ein Dummkopf! Haut ab und lässt sich erwischen … Immer dasselbe Lied: die Frauen. Nur wegen des Frauenzimmers ist der … der Dingsda erwischt worden. Das hat er nun davon.

Dar einarmige Leutnant schüttelt den schmalen Schädel, auf dem das Haar schütter wird. Hartwig kann nicht behaupten, dass ihm das Exekutionskommando Spaß macht. Aber Befehl ist Befehl. Ein Leutnant, der bei Smolensk den Arm verloren hat, ist gerade noch gut genug, um den Degen zu heben und »Feuer« zu kommandieren.

Bei der ersten Exekution hat Hartwig für einen Moment die Augen zugemacht. Bei der nächsten musste er sich gewaltsam zwingen, hinzuschauen, wie der Mann am Pfahl zusammenzuckte und den Kopf auf die Brust sinken ließ. Die nächsten Hinrichtungen konnte Leutnant Hartwig nur noch in alkoholisiertem Zustand ertragen. Heute lässt es ihn kalt, wenn einer zum Pfahl wankt. Nur wenn einer zu brüllen beginnt, zu fluchen, zu flehen, dann wird Leutnant Hartwig unruhig und gibt die Kommandos ganz schnell. Diese verdammten Hinrichtungen sind daran schuld, dass er säuft. Jeder Tote bringt ihn dem Delirium tremens näher.

»Lass dich doch versetzen«, hat Uschi gestern Nacht zu ihm gesagt. »Du machst dich hier ja fertig.«

Er lallte in ihren Armen etwas von Mistkrieg, Sauleben, und dann hat er sich aufgerichtet und das Mädchen angeschrien:

»Willst mich wohl loswerden, was?«

»Nein, ich will, dass du nicht so viel trinkst!«

»Ich saufe weiter!«, hatte er geknirscht und dann ein ganzes Mundspülglas voll Kognak ausgetrunken.

Fünf vor neun. Leutnant Hartwig legt die Armprothese an, zwängt sich etwas umständlich in den Uniformrock und schnallt den Degen um.

Draußen stehen die sechs Mann. Ihre Gesichter hängen unter den Stahlhelmen wie steinerne Masken. Koppel und Patronentaschen sind blank gewienert. Die Gewehrläufe funkeln kalt im blauen Morgenlicht.

»Stillgestanden! Rührt euch! Augen geradeeee aus! Im Gleichschritt – marsch!«

Die Kommissstiefel trommeln. Tram, tram, tram, tram … Herbert Klenke hört sie kommen und erhebt sich. Tram, tram, tram, tram …

Er ist blass. Die Augen liegen tief in den Höhlen. Ein Zittern schleicht sich in die Knie. Die Angst wächst und wächst, das Leben ist mit einem Male begehrenswert, gleich, unter welchen Umständen es gelebt werden soll.

Schlüssel klirren. Die Tür geht auf. Der Pfarrer kommt zuerst herein. Hinter ihm steht Leutnant Hartwig, dahinter die sechs Henkersknechte mit den Stahlhelmen.

»Mein Sohn …«, murmelt der Pfarrer.

Klenke winkt ab. Er hat Tausende verrecken sehen. Er hat ihre Hilfeschreie gehört, ihre verrenkten Arme, ihre kralligen Finger gesehen. Man stirbt nur einmal.

»Geht’s los, endlich?«, fragt er.

Er wird nicht plärren, denkt Leutnant Hartwig. Endlich mal einer, der nicht plärrt und lauter unsinniges Zeug lallt.

Tram, tram, tram, tram.

Die schwarzhaarige Stabshelferin Uschi Brandt aus Stuttgart steht im Waschraum und zieht die Lippen sorgfältig nach. Draußen auf der Lagerstraße ertönen Marschtritte. Uschi stößt das schmale Toilettenfenster auf und schaut hinaus. Leutnant Hartwig marschiert vorbei, zusammen mit seinen sechs Schergen, in der Mitte ein Mensch im Drillichanzug.

Der Erschießungsplatz liegt hinter der Baracke 6, dahinter der Wall, über dem der schwäbische Forst mit dunklen Wipfeln trauert. Der Pfahl ist neu.

Klenkes Lächeln ist leer, als man ihn festbindet.

»Nicht die Augen zu«, sagt er mit brüchiger Stimme zu Hartwig. »Ich will euch sehen, wenn ihr schießt. Und einmal wirst du dir selbst die Kugel durch den Kopf jagen, Leutnant – einmal bist auch du dran.«

Hartwig wendet sich ab, zieht den Degen, hebt ihn. Dann kracht die Salve.

Strafsoldat Herbert Klenke hängt schlaff in den Stricken, die ihn am Pfahl festhalten.

Über dem schwäbischen Forst kreist ein Schwarm aufgescheuchter Krähen und setzt sich irgendwo nieder. Jedesmal, wenn auf dem Schießplatz eine Salve kracht, schrecken die schwarzen Vögel auf. Sie werden sich ebenso wenig an das Krachen gewöhnen, wie sich Leutnant Hartwig daran gewöhnen wird, alle drei oder vier Tage einen Delinquenten zum Tode zu befördern.

Ohne Ende scheint die Fahrt. Zwei Tage schon poltert der Transportzug ins Ungewisse. Im grauen Dunkel der plombierten Viehwaggons kauern die Elendsgestalten auf dem blanken Boden. Je vierzig in einem Waggon. Die Luft ist verpestet. Die Gucklöcher sind mit Stacheldraht verspannt. Ein rollendes Gefängnis.

Taumelnd steht eine hohlwangige, zebragestreifte Gestalt an der Schiebetür und verrichtet ihre Notdurft. In einem Schweinestall kann es nicht schlimmer aussehen und grässlicher stinken.

In München-Stadelheim ist der letzte Schub Zuchthäusler übernommen worden. Ein paar Brote wurden hineingeworfen. Tür zu. Weiter!

Der Sammeltransport entehrter, geschundener, geprügelter, halb verhungerter Menschen rollt die Strecke Tuttlingen-Sigmaringen entlang. Der Zug pfeift. Es klingt wie der Aufschrei der Verzweiflung.

Nicht weniger als dreihundert Jahre Zuchthaus sind in diesen Viehwaggons zusammengepfercht. Am Schluss rollt der Personenwagen mit den Bewachern. Sie dreschen einen Skat, lachen, erzählen Witze, während ein paar Wagen weiter das Elend seufzt und stöhnt.

»Wer hier jammert, hat keine Überzeugung«, sagt der katholische Pfarrer, den man eines Sonntags aus der Sakristei geholt und ins KZ gesteckt hat.

Der Student aus Berlin neben ihm erwacht aus seiner Meditation: »Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.«

Denn man muss seine Gedanken auf etwas konzentrieren, man muss sich an etwas klammem, um nicht loszubrüllen und mit den Fäusten gegen die wackelnden Wände dieses scheußlichen Gefängnisses zu hämmern.

Die Eisenräder rollen. Die Kälte kriecht an den Beinen hoch. Sie umkrallt das Herz. Die Männer reden, um zu vergessen, sagen etwas, erzählen.

Der Dirnenmörder Emil Schlegel hat wieder einmal seinen festen Zuhörerkreis. Er wühlt im Schmutz der Vergangenheit, malt in Worten ein buntes Bild seiner Schandtaten.

»Also, wie jesacht: der Justav war ooch dabei. Zwee Straßen weita von un’sam Lokal hat die Ziska jewohnt. Die war frieha Puffmutta und hatte sich nu ’n janz hübschen Zaster uff de Seite jeräumt, von ihren Damens aus’m horizontalen Jewerbe, vasteht sich.«

Lüstern funkeln die Augen der Zuhörer. Die Kälte ist vergessen, der Hunger, die Qual dieser nicht enden wollenden Fahrt.

Im finsteren Winkel des Waggons, neben stinkenden Kothaufen, hockt Alfons Schnittgen, der Bibelforscher, und murmelt vor sich hin: »O mein Gott, du strafst uns, weil du uns liebst …«

Brüllendes Gelächter bricht aus. Jemand hat einen Witz erzählt, über den man sich totlachen will.

Helmut Kalmeder, Student der Rechtswissenschaft, wegen defätistischer Gesinnung von der Gestapo verhört, verprügelt und dann zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, weiß, dass es abwärtsgeht. Die große Katastrophe ist nicht mehr fern. Des Führers Tambour hat die Trommel auf den Zuchthaus- und KZ-Höfen gerührt. Die Entehrten, Entrechteten sind plötzlich gut genug, um unter der Fahne versammelt und in die klaffenden Lücken der Fronten geworfen zu werden.

In Paragraph 1, I des Wehrgesetzes heißt es: »Wehrdienst ist Ehrendienst am deutschen Volke.« Und Paragraph 13, I a verkündet: »Wehrunwürdig und damit ausgeschlossen von der Erfüllung der Wehrpflicht ist, wer mit Zuchthaus bestraft ist.«

Die Herren im OKW haben das berichtigt: Es gibt auch eine »bedingte« Wehrwürdigkeit. Der Krieg braucht Opfer. Die Front schreit nach Nachschub. Also auf mit den Zuchthaustoren! Raus mit den Verbrechern! Lasst auch sie bluten, lasst sie buddeln, schießen und verrecken! Wer sich bewährt, kann wieder wehrwürdig werden! Der Führer ist großmütig! Macht etwas gut, ihr Verbrecher, Verschwörer, Miesmacher, Hoch- und Landesverräter!

Der Student Helmut Kalmeder kichert in seinen Mantelkragen hinein. »Pfäfflein, die Not ist da, der Teufel frisst Strafsoldaten!«

125 Schicksale taumeln in der ratternden Dunkelheit durcheinander. Der Zug poltert durch das regengraue Donautal. Man schreibt irgendeinen Tag im November des Kriegsjahres 1943. Zäh hängt der Regennebel über den Höhen der Schwäbischen Alb. Der Wind ist kalt und treibt Sprühregen über das schmutzige Bahnhofsgelände der Station Tiergarten im Donautal.

Neben der Verladerampe wartet seit über zwei Stunden ein Lkw-Konvoi. Zum Kuckuck, wann kommt denn endlich dieser Transportzug?

Der Regen klatscht an die Wagenscheiben. Die Fahrer hocken missvergnügt hinter dem Steuer, schalten ab und zu den Scheibenwischer ein und blinzeln in den tristen Tag.

Endlich! Der Zug kommt und bringt Nachschub für den Heuberg! Zischend und dampfend fährt die Lok ein, rangiert umständlich auf das Nebengleis und schiebt die plombierten Viehwaggons an die Rampe. Aus dem Personenwagen klettern Justizbeamte. Drei Bluthunde hecheln gierig ins Freie und zerren an den Leinen.

»Heil Hitler, Kamerad«, grüßt ein Justizbeamter den Feldwebel.

»Na, wie viele bringt ihr uns heute?«

»125 sind es diesmal.«

»Was Besonderes dabei?«

»Allerhand!«

Der Feldwebel grinst. »Ihr macht uns Spaß. Also, laden wir das Kroppzeug mal aus.«

Aus dem Lkw steigen Soldaten vom Stammpersonal des Heubergs, mit Maschinenpistolen bewaffnet, gähnend, missgestimmt. Keiner freut sich über das, was jetzt mit barschen Rufen aus den Waggons getrieben wird.

»Macht fix, ihr Schweine! Los, los! Dalli, dalli!«

Kolbenstöße helfen nach, Flüche, hohles Geklapper von Holzpantinen.

Der Gefreite Hirtz von der 3. Kompanie schüttelt den Kopf. »Junge, Junge, das is vielleicht ’n Misthaufen. Den sollte man doch gleich zusammenschießen und in die Kalkgrube schmeißen.«

Es ist ein erschreckender Trauerzug, der zwischen Zug und Wagenkolonne so etwas Ähnliches wie Aufstellung nimmt, ein Mummenschanz von klapprigen Gestalten. Die Viehwagen speien Zuchthäusler und KZler aus: Gewohnheitsverbrecher in zebragestreifter Zuchthausuniform, KZ-Häftlinge in schlotternden Mänteln, Diebe, Mörder, Betrüger, verwahrloste Jugendliche mit langen Mähnen und bleichen Hungergesichtern. Da taumeln stoppelbärtige Zivilisten in Holzpantinen, Schwarzhörer und Schleichhändler. Sittenstrolche stehen neben Salonkommunisten oder Zeugen Jehovas, »Rassenschänder« neben überzeugten politischen Gegnern des Hitlerreiches.

Der Regen fällt nieder. Der Himmel weint über das viele Elend, das sich auf der Verladerampe der Bahnstation Tiergarten zusammendrängt und mit Kolbenstößen munter gemacht wird. Die Justizbeamten sind ungeduldig, sie wollen sich ihre brüchige Last so rasch wie möglich quittieren lassen.

Was soll dieser Mummenschanz? Was hat man mit ihnen vor? Die meisten haben keine Ahnung, stehen stumpfsinnig und ergeben im Regen und frieren und hungern.

Droben, im feuchten Grau des Novembertages versteckt, wartet der Heuberg, ein Truppenübungsplatz, berüchtigter Schleifstein aus den Jahren 1914 bis 1918. Der schluckt diese Elendsmassen, der frisst sie, wie sie kommen.

Zuchthäusler und KZler vereinigt die seltene Nummer 999. Der geistige Vater dieser Nummer war ein Spaßvogel und erklärte seinen Vorschlag damit, dass man in London dreimal die Nummer neun wählen muss, um Scotland Yard an die Strippe zu bekommen, jene Polizeidienststelle, die für Mord und Totschlag zuständig ist.

Dreimal die Neun heißt auf dem Heuberg »Ersatzbataillon 999«. Hier will man der knieweichen Zuchthaus- und KZ-Fracht eine Chance geben. Denn der Kanonendonner ist bedenklich nähergerückt. Das einst so glänzende Fanal am deutschen Kriegshimmel verdunkelt sich von Tag zu Tag.

Nicht weniger als 25 000 Mann versammeln sich unter der taktischen Nummer 999. Die, die vorher kamen, sind längst nicht mehr oder existieren nur noch als Einzelexemplare. Das Gros ist in Afrika geblieben, vor Tobruk zusammengeschossen worden, in der Wüste dem Hitzschlag erlegen, im afrikanischen Gefangenenlager »Pont du Fass« von fanatischen Nazis aus regulären Einheiten erschlagen, als Minenräumer in einem Minenfeld zerfetzt worden. Oder sie sind desertiert, irgendwo in der Wüste verschmachtet, zu Tausenden im Mittelmeer abgesoffen.

»In Gruppen zu je dreißig Mann antreten!«, brüllt der Transportführer vom Heuberg und fuchtelt mit der Signalkelle herum.

Die Bluthunde fletschen die Zähne. Der Gestank, den diese Elendsgestaltan verbreiten, reizt die Sinne. Die Tiere hassen diese Menschen in Lumpen. Sie sind auf sie dressiert. Wehe dem, der es wagen würde, auszubrechen, um im Nebel zu verschwinden.

Keiner bricht aus.

Die Rampen der Lkw knallen herunter. »Hopp, ihr Ganoven! Rauf mit euch! Beeilung, Beeilung!«

Feldwebel Helm winkt mit der Kelle. »Abfahren!«

Die Lastwagen rumpeln los. Aus der dampfenden Güterzuglok schauen zwei rußige Gesichter.

»Arme Schweine«, brummt der Lokführer.

»Untermenschen«, berichtigt der Heizer und spuckt dem letzten Lastwagen nach.

Stetten heißt der nächste Ort. Er liegt im Tal, am Fuß das Heubergs. Der Volksmund erzählt, dass an einem Pfingstsonntag anno Schnupftabak auf dem Viehmarkt eine Ziege erfroren und umgefallen sein soll. Die Heubergsoldaten haben den Ort Stetten am kalten Markt in »Stetten am kalten Arsch« umgetauft. Stettens Bürger betrachten den nahen Heuberg als ein Übel, für das sie nichts können. Andere meinen ganz offenkundig, dass er der Schandfleck in der Landschaft sei.

Der Bürgermeister seufzt heimlich unter der ihm auferlegten Last. Er ist verantwortlich dafür, dass kein Ortsbewohner mit einem Strafsoldaten Kontakt aufnimmt. Mitleid ist verboten. Die Standortkommandantur vom Heuberg greift scharf durch, wenn es herauskommt, dass ein mitleidiger Bauer einem Strafsoldaten einen Schnaps geschenkt oder ihm gar irgendeinen barmherzigen Dienst erwiesen hat. Nur das Stammpersonal genießt den Vorzug, am Wirtshaustisch sitzen oder mit einem Mädle flanieren zu dürfen.

Der zusammengepferchte Menschenhaufen schaut stumpfsinnig auf das dampfende Land, und dem Studenten Helmut Kalmeder ist es, als wehe von den abgeernteten Feldern und aus dem regennassen Forst ein Hauch von Freiheit herüber.

»Im Sommer muss es hier schön sein«, sagt Pfarrer Kranz.

Der Student nickt nur. Gefängnis bleibt Gefängnis, auch wenn die Sonne in die Enge scheint.

Die Ortschaft Stetten taucht auf.

»Ein Lied!«, ruft der Posten am hinteren Wagenende.

»Ein Lied …«, murmelte der hin und her schaukelnde Menschenhaufen. »Westerwald … zwo, drei, vier …«

Sie singen mit kraftlosen Lungen in das Brummen der Motoren hinein. Sie singen mit leeren Bäuchen und zitternden Gliedern. Die Bürger von Stetten schauen aus den Fenstern oder stehen vor den Haustüren.

»Ooooh du schöööner We-e-e-sterwald …«

»Lauter, ihr Drecksäcke!«, brüllt der Posten und fuchtelt mit der MP herum.

»… scheint tief ins Herz hinein«, singt die gequälte Last auf den schwankenden Lkw und verschwindet im Nebel der Höhen.

Der Heuberg hat Nachschub bekommen. Im Leben der Sträflinge hat sich nichts geändert. Der Heuberg wird genauso trostlos sein wie jedes andere Straflager. Es wird wieder Stacheldraht geben, es werden Wachtürme da sein, von denen die Posten ohne Anruf schießen, wenn sich jemand dem dreimal verfluchten Drahtzaun nähert, der die Wehrunwürdigen von der großen Gemeinschaft trennt.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als auf dem Heuberg vor der Schreibstubenbaracke der dritten Kompanie Hauptfeldwebel Wenzel Schimanek den Haufen mit Flüchen in Empfang nimmt, hat Herr Baurat Wendt in Berlin ganz andere Sorgen.

Das Schulhaus in Berlin-Zehlendorf darf gebaut werden, heißt es in einem eben eingetroffenen Schreiben des Rüstungsministers und Generalinspekteurs Albert Speer, und unterliegt keiner Beschränkung an Baustoffen und Arbeitskräften …

Der Herr mit dem graumelierten Haar hinter dem Schreibtisch erhebt sich und geht mit dem Schreiben ins Nebenzimmer. Inge Grotius blickt von ihrer Schreibmaschine auf.

»Die Baugenehmigung ist da«, erklärt Wendt. »Keine Beschränkung in Baustoffen.« Er legt ihr das Schreiben vor. »Ich weiß bloß nicht, woher wir die Arbeitskräfte nehmen sollen, Fräulein Inge. Wissen Sie einen Rat?«

Das langhaarige, blonde Fräulein mit den Nixenaugen seufzt: »Das heißt also, dass ich wieder einmal mit dem Parteigenossen Brinkmann vom Arbeitsamt verhandeln muss?«

Wendt legt seiner bildhübschen Sekretärin die Hand auf die Schulter. »Ich werde Sie darum bitten müssen, Inge. Ich weiß ja«, fügt er sanft und verständnisvoll hinzu, »dass es Ihnen nicht leichtfällt, mit diesem Nieselpriem zu sprechen, Inge. Aber bedenken Sie, dass sich dreihundert Schulkinder freuen würden, wenn sie ein neues Schulhaus bekämen.«

»Der Zweck soll die Mittel heiligen«, lächelt Wendts Sekretärin. Und nach einem zweiten Seufzer: »Na schön. Ich will es mal probieren.«

Alois Brinkmann ist der Ressortchef für Arbeitsbeschaffung. Inge weiß, dass sie bei dem schwindsüchtig aussehenden Parteigenossen einen Stein im Brett hat. Sie treffen sich gelegentlich am Wannsee. Brinkmann ist ehrenamtlicher Schriftführer des Segelklubs, und Inge entzückt den im Aktenstaub ergrauten Parteigenossen immer wieder mit ihrer attraktiven Figur und ihrem lächelnden Charme – einem Charme, dem sich auch Wendt nur schwer entziehen kann, und aus dem er immer wieder beruflichen Nutzen zieht.

»Brinkmännchen, ich brauche wieder etwas«, flötet Inge zehn Minuten später in den Hörer.

»Ich habe es geahnt«, stöhnt die Stimme am anderen Drahtende.

»Ausschachter, Brinkmännchen, so viele wie möglich. Also, was können Sie uns schicken?«

»Nichts!«

Inge runzelt die Stirn. »Machen Sie mich nicht brotlos, Brinkmännchen. Wir brauchen dringend Arbeitskräfte.«

»Ich habe nichts«, jammert der Parteigenosse Brinkmann.

»Dann zwingen Sie mich dazu, aus dem Jachtklub auszutreten und mich beim weiblichen Arbeitsdienst zu melden. Ich werde in drei Monaten eine dicke Tussi sein und mich nur noch an einsamen Strandwinkeln im Badeanzug blicken lassen dürfen.«

Pause! Brinkmann sitzt mit geschlossenen Augen an seinem Schreibtisch und träumt von warmen Sommertagen und einem Mädchen in weißem Segeldress.

»Sind Sie noch da, Brinkmännchen?«, fragt die helle Mädchenstimme in Wendts Vorzimmer.

»Ja, ja, Inge«, beeilt sich Brinkmann zu versichern.

»Also, wie schaut es aus damit?« Es klingt wie ein Ultimatum.

Brinkmann fährt sich mit der Hand über das schlaffe Beamtengesicht.

»Gut. Ich schicke Ihnen etwas zu. Morgen früh. Sie dürfen aber nicht erschrecken, Inge. Ich kann nur einen Schub Zuchthäusler freimachen. Wenn Sie nichts auf dem Grundstück haben, was die klauen könnten, können Sie es ja mal mit den Kerlen probieren.«

Inge Grotius nagt an der Unterlippe. Sie ist plötzlich sehr nachdenklich geworden. Sie bedankt sich zerstreut und legt auf.

Zuchthäusler! Das Wort schlägt jäh eine Brücke in eine schönere Vergangenheit. Ein Name taucht in ihrer Erinnerung auf: Helmut Kalmeder.

Inge Grotius zündet sich eine Zigarette an, schnippt gedankenvoll das Streichholz aus, stößt mit bebenden Nasenflügeln den Rauch aus, schaut auf die Schreibmaschinentasten nieder und schlägt gedankenverloren den Buchstaben H an. H wie Helmut.

Damals, vor vier Jahren … An einem verregneten Abend ist es gewesen. Helmut Kalmeder hat unter der Normaluhr im Park gewartet. Nass ist sein Gesicht gewesen, aber es hat gestrahlt, als sie gekommen ist.

»Entschuldige bitte«, hat sie gesagt, »ich habe mich um eine Viertelstunde verspätet.«

»Ich warte gern auf dich!« Mit diesen Worten hat er sie in die Arme gezogen und geflüstert: »Ich liebe dich, Inge …«

Sie sind durch den einsamen Park gegangen. Der Regen troff von den Bäumen. Die Bänke waren zu nass, um sich hinzusetzen. Helmut hat erzählt, während sie langsam den Kiesweg entlangspaziert sind, hat ihren Arm gehalten, ihre Hand gestreichelt.

»Komm mit zum Maxe«, hat er gesagt. »Ein paar Kommilitonen sind dort. Ich werde einen Vortrag über Russland halten.«

»Du wirst über Lenin, Marx und Engels sprechen?«, hat sie gefragt.

»Vielleicht«, hat er lächelnd erwidert. »Oder hörst du es nicht gern?«

»Nein.«

Da hat er sie geküsst, und unter diesem Kuss hätte sie beinahe ja gesagt.

Dann ist sie mit zu Maxe gegangen, in ein verqualmtes Kellerlokal. Helmuts Kollegen sind da gewesen, haben Bier getrunken und das Paar mit Hallo begrüßt …

Wendts Sekretärin vergisst, an der Zigarette zu ziehen, schaut zum Fenster hinaus, an das der Regen klopft. Wie lange ist es her, dass sie Helmut aus den Augen verloren hat? Wie lange doch? Drei, vier Jahre. Oder mehr? Damals nachts, in dem engen, verräucherten Lokal: Helmut hat auf dem Tisch gestanden und im Stil von »Seid umschlungen, Millionen« von einer utopischen Weltanschauung geschwärmt.

Sie haben viel getrunken an diesem Abend. Die jungen Männer sind immer lauter geworden. Einer ist aufgestanden und hat gerufen: »Wir verheiraten euch! Los, kniet nieder, fasst euch an den Händen und sprecht mir nach …«

Ein Unfug zu nächtlicher Stunde! Ein Frevel an etwas Heiligem! Eine Nacht voller Sünde. Am Morgen das Erwachen in einem leeren Bett. Helmut ist fort gewesen.

Sie hat erst eine Woche später erfahren, dass man ihn verhaftet hat, dass er einen SD-Mann niedergeschlagen hat und dass er mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft worden ist.

Und dann? Das blonde Mädchen vor der Schreibmaschine schließt die Augen, legt den Kopf in den Nacken und denkt nach.

Dann ist der andere gekommen, ein Offizier. Gleich in den ersten Kriegstagen ist er in Frankreich gefallen. Der nächste hat Bertram geheißen und ist Flieger gewesen. Auch er ist gestorben – gestorben wie die Erinnerung an jene verrückte Nacht in einer verräucherten Kaschemme.

Die Tür geht auf. Wendt kommt herein.

»Na, was ist? Kriegen wir Leute?«, fragt er.

»Ja. Brinkmann schickt uns Zuchthäusler. Wir können in Berlin-Zehlendorf anfangen.«

Wendt reibt sich die Hände. »Fein, fein! Großartig gemacht, Ingelein. Ich werde Sie für einen Orden vorschlagen.«

»Danke«, sagt sie gleichgültig und beginnt das Antwortschreiben an den Generalinspekteur zu tippen.

Am nächsten Morgen trifft der Schub Zuchthäusler ein. Man bringt sie in einem Lkw, bewacht von Justizbeamten.

Um zehn fährt Wendt mit Inge Grotius zur Baustelle hinaus. Es regnet in Strömen. Im Grau des Tages stehen zwölf gestreifte Gestalten und schauen mit stumpfen Mienen herüber.

Inge bleibt im Wagen sitzen. Um Gottes willen, denkt sie beklommen, sieht Helmut inzwischen auch so aus wie diese dort?

An diesem Vormittag erwacht in Inge Grotius der Wunsch, nachzuforschen, was aus jenem Mann geworden ist, mit dem sie einstmals in frevelhafter Ausgelassenheit verbunden war.

»Ich heiße Hauptfeldwebel Schimanek«, stellt er sich mit ausgeschriener Stimme vor. »Und jetzt werde ich euch etwas sagen: Für mich seid ihr alle Sauköpfe! Verstanden?«

»Jawohl«, murmelt der Haufen.

»Ab heute«, fährt Spieß Schimanek fort, »seid ihr bei der 3. Kompanie. Das Bataillon heißt 999. Unser taktisches Zeichen ist ein V mit einem Strich darunter. Das heißt für euch: Strich unter die Vergangenheit. Ist das jedem klar?«

»Jawohl!«

»Hier seid ihr alle gleich«, verkündet Schimanek weiter. Hinter ihm steht das Stammpersonal und nickt der Rangordnung nach. »Wir machen jeden zur Schnecke, der glaubt, hier seine Schweinereien weitermachen zu können. Eine bedingte Wehrwürdigkeit gibt es bei uns nicht. Das ist eine Floskel, die ihr euch gleich aus dem Kopf schlagen müsst. Soldbücher kriegt ihr erst, wenn ihr bewiesen habt, dass ihr Soldaten seid. Im Übrigen verweise ich auf den Aushang am schwarzen Brett. Dort steht alles, was ihr wissen müsst. Eure Ausbildung wird hart, aber gerecht sein! Ich bin dafür verantwortlich, dass …«

Ein kleiner Zwischenfall unterbricht seine Ausführungen. Im hintersten Glied der Sträflinge nieste jemand mit langgezogenem »Hatschiii«.

»Wer war das?«, brüllt Schimanek.

Eine zebragestreifte Gestalt tritt vor, eine ungeschlachte Figur mit dümmlichem Gesicht, abstehenden Ohren und hängenden Gorillaarmen, Xaver Bunser heißt der Mann. Er hat vor vier Jahren zwei Bauernhöfe angezündet, weil er als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr von Kornbach auf Brände gewartet hat, und es einfach nirgendwo hat brennen wollen. Da hat der Xaver selbst Feuer gelegt, ist als Erster an der Brandstätte gewesen und hat sich so fleißig am Löschen beteiligt, dass er eine Belobigung vom Feuerwehrhauptmann bekommen hat. Hernach, im Wirtshaus, als man angefangen hat, den Brand in der Kehle zu löschen, hat der Xaver nach der zwölften Halben angefangen, von seiner Brandstiftung zu erzählen. Man hat ihn ordentlich verdroschen, und vom Gericht ist er zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Xaver Bunser ist ein Klotz von einem Kerl, und wenn er sein asymmetrisches Grinsen aufsetzt, bringt es kein noch so grober Vollzugsbeamter fertig, ihm den Knüppel überzuziehen.

»Du Saukopp!«, brüllt Schimanek den Brandstifter aus Niederbayern an. »Willst du mich verarschen?«

»Na, na«, wehrt der Xaver kopfschüttelnd ab, »’s war halt so saukalt im Waggon, Herr Major.«

Das Stammpersonal feixt. Spieß Schimanek schielt den Kerl misstrauisch an. Da explodiert ein zweiter Nieser. Schimanek weicht erschrocken zurück. Die Sträflinge brechen in ein wieherndes Gelächter aus, und das macht Schimanek so böse, dass er rot anläuft.

»Aus!«, brüllt er.

Es wird still. Auch der Brandstifter wagt es nicht, sein entwaffnendes Grinsen aufzustecken.

Schimaneks Blick wird schmal. »Das war sehr lustig«, sagte er mit drohender Stimme. »Ich werde euch Zeit geben, euch zu beruhigen. Scher dich weg, du Saukopp!«, blökt er Bunser an.

Bunser rennt los, verliert einen Holzschuh, tritt in den Schmutz, hüpft so komisch herum, dass der Haufen noch einmal zu lachen beginnt.

»Aus!«, brüllt Schimanek zum zweiten Mal und dann: »Stillgestanden!«

Die Sträflinge zucken zusammen. Schimanek dreht sich zum Stammpersonal um: »Bitte wegtreten«.

Mit kurzen, ärgerlichen Schritten geht er in die Baracke zurück.

Es ist halb elf Uhr vormittags. Um zwölf stehen die Sträflinge noch immer. Es fängt an zu schneien. Der Wind ist eisig. Um halb zwei steht der jämmerliche Menschenhaufen noch immer in leidlich strammer Haltung auf dem Appellplatz. Niemand kümmert sich um ihn. Der Schnee fällt auf ihn nieder.

Gegen drei Uhr fegt ein richtiger Schneesturm über den Heuberg und lässt die grimmigen Flüche der Gepeinigten erstarren, tötet jeden Verzweiflungsgedanken, friert die Hirne ein.

Um vier Uhr fallen die Ersten um und bleiben im matschigen Schnee liegen.

Erst um fünf taucht Feldwebel Helm auf und treibt den zusammengefrorenen, halbtoten Menschenhaufen in die eiskalten Unterkünfte.

Der Heuberg erwacht. Die Normaluhr zeigt sechs. In den Baracken gellen die Trillerpfeifen.

»Aufstehen!«

Der Tag beginnt mit Gebrüll, Getrampel und Türenschlagen. Die lahmen Gestalten werden von den Strohsäcken gescheucht.

»Seid ihr noch nicht in den Waschräumen, ihr Drecksäcke?! Laufschritt, marsch, marsch!«

Im Barackenflur klappern die Holzpantinen. Halbnackte Knochengerüste drängeln in die eiskalten Waschräume. Die Wasserhähne zischen. Vor dem Betonbecken stehen dichtgedrängt die Gestalten des Elends, des Hungers, der Entbehrung.

Auf jedem zweiten Rücken kann man die Narben viehischer Schläge sehen. Jeder Dritte ist tätowiert. Jeder Fünfte leidet an schwärender Furunkulose.

Emil Schlegel, der Mörder, hat sich einen Spaß daraus gemacht, sich die witzigen Worte »Dieses Haupt gehört dem Henker« in die Nackenhaut ritzen zu lassen. Fragt man ihn, wie es zugegangen ist, als er in Hamburg eine jüdische Frau mit einem Bleirohr niedergeschlagen und ausgeraubt hat, erzählt er es bereitwillig und beschließt seine detaillierte Schilderung mit dem Seufzer: »Es war blöd, dass ich mir ’ne Jüdische vorgenommen hab. Ich hätte mir denken können, dass da die Gestapo nicht weit weg ist.«

Der Postdieb rasiert sich neben dem Tresorknacker, der Bibelforscher neben dem Sittenstrolch, der Defätist zwischen zwei Jugendlichen aus dem Dessauer Gefängnis. Die Kriminellen schneiden auf dem Heuberg besser ab als die Politischen, das ist eine längst bekannte Tatsache. Das Kalfaktorentum blüht, der Spitzeldienst bringt ein paar Vergünstigungen ein.

Auf dem Heuberg gibt es kein Moralschema, und deshalb hat Pfarrer Kranz recht, wenn er seinen Freund Helmut Kalmeder beschwört: »Auch hier darfst du keinem trauen.«

Der Student, gleich gestern Abend als Stubenältester eingeteilt, weiß längst, dass er sich vor Emil Schlegel in Acht nehmen muss, dass der Postdieb Karl Zenker ein guter Kerl ist, der nur gestohlen hat, weil er seinem kranken Töchterchen eine Freude hat bereiten wollen, dass Alfons Schnittgen, der Bibelforscher, noch am Erschießungspfahl enden wird, dass Xaver Bunser, der Halbidiot, harmlos ist, dass man sich aber vor Hansi Weiß, dem Taschendieb, hüten muss und dass der Rest der Stubenbelegschaft sich aus mehr oder weniger zwielichtigen Charakteren zusammensetzt – Charakteren, die sich erst in den nächsten Wochen als zuverlässig oder unzuverlässig herausstellen werden.

Der U. v. D. steht breitbeinig an der Tür und wartet. Dann ein Pfiff. »Auf die Stuben, marsch, marsch!«

Alles geschieht hier im Laufschritt, auch das Kaffeeholen. Für Stube 10 besorgt das Karl Zenker, der unredliche Postler. Im Laufschritt geht es zur Küchenbaracke hinüber.

Unteroffizier Pratsch, ein Bulle mit feistem Pickelgesicht, lauert mit der Kelle in der Hand auf die Neuen.

»Geht bloß auf Vordermann, ihr Schweinsköppe!« Er taucht die Kelle in den dampfenden Kessel. »Dass mir ja kein Tropfen danebengeht!«

Pratsch ist bekannt dafür, dass er die Strafsoldaten für Pestbeulen hält, die man ausmerzen müsste.

Der Kaffee ist mies. Ohne Aroma. Sehr dünn. Nur heiß. Karl Zenker zittert, als er die Zinnkanne hinhält. Pratsch schüttet ihm eine Kelle voll heißem Kaffee über die Hand.

»Pass doch auf, du Dussel!«, entschlüpft es Zenker.

»Was hast du gesagt?«, brüllt Pratsch. »Was hast du gesagt?«

Er hebt die Kelle und haut sie Zenker dreimal über den Kopf. Die Kelle ist verbogen. Der überdimensionale Kochlöffel wird besser halten. Und den haut Pratsch dem Postler über Kopf und Buckel.

Zenker schreit zweimal auf. Erst als er zusammengekrümmt und mit blutendem Schädel auf den Fliesen liegt, erwacht Pratsch aus seinem Prügelrausch, legt den Kochlöffel beiseite und grunzt: »Der Nächste.«

Die Stube 10 wartet an diesem ersten Morgen vergeblich auf die Kaffeekanne. Zenker liegt mit angeknackter Hirnschale im Revier. Das Brot muss trocken hinuntergewürgt werden. Dann gellt die Trillerpfeife.

»Raustreten zum Frühappell!«

Der Neuschnee färbt den Morgen bleich und fremd. Die Spuren der Kaffeeholer führen zur Küchenbaracke hinüber und wieder zurück.

U. v. D. Schmitt geht alles zu langsam. »An den Zaun, marsch, marsch! Hinlegen, ihr Schweine! Schnauze in den Dreck! Robben!«

Der Haufen rennt los, wirft sich hin, kriecht im matschigen Schnee.

»Morgenstund’ hat Gold im Mund«, höhnt Kalmeder und hilft Pfarrer Kranz beim Aufstehen. »Hinlegen! Auf marsch, marsch!«

Atemlos kehrt der Haufen zurück, formiert sich wieder, taumelt, hält sich gegenseitig aufrecht.

»Mensch Meier«, keucht Emil Schlegel, »det sind ja janz scheen brutale Methoden, da war ma ja’s Zuchthaus noch lieba.«

Hauptfeldwebel Schimanek sitzt noch beim Frühstück. Weißbrot, Landbutter, luftgetrockneter Schinken aus Westfalen, drei halbweiche Eier und Bohnenkaffee. Es geht ihm nicht schlecht. Trotzdem ist er schlechter Laune. Das bekommt der neue Haufen auch bald zu spüren.

»Da war einer unter euch«, beginnt Schimanek den Frühappell, »der ist gleich frech geworden. Zu welcher Stube gehörte das Schwein?«

Kalmeder tritt vor.

»Her mit dir!«, schreit Spieß Schimanek.

Kalmeder bleibt drei Meter vor Schimanek stehen, Hände an der Hosennaht, den Blick seiner grauen Augen fest auf die gedrungene Gestalt gerichtet.

»Name?«

»Helmut Kalmeder.«

»Von wo?«

»KZ Dachau.«

»Wieviel?«

»Fünf Jahre.«

»Wegen was?«

Kalmeder schweigt.

»Wegen was, hab ich gefragt?«, brüllt Schimanek. »Soll ich dich Schwein zum Sprechen bringen?«

Kalmeder spürt etwas von jenem Trotz in sich aufsteigen, der ihm damals von der Gestapo viehische Prügel eingebracht hat.

Junge, sei vernünftig, betet Pfarrer Kranz in sich hinein. Spiele jetzt um Gottes willen nicht den starken Mann. Die bringen dich um … die warten ja nur darauf.

»Ich bin wegen antifaschistischer Gesinnung abgeurteilt worden«, sagt Kalmelder mit lauter Stimme.

»Aha«, ergrimmt sich Schimanek, »ein solches Schwein bist du. Schimpft auf den Führer und frisst doch sein Brot.«

Kalmeder bleibt ruhig, sieht den Sprecher an und denkt: Du armes Würstchen. Blökst und kommst dir großartig vor. Ich tue dir nicht den Gefallen, etwas auf deine strohdumme Rede zu erwidern.

Schimanek stemmt die Arme in die Seiten, stellt sich breitbeinig hin und schreit Kalmeder an: »Wenn ich herauskriege, dass du deine Leute aufhetzt, mach ich dich so zur Sau, dass du in keinen Sarg mehr passt. Wir haben die Mittel, euch kirre zu machen! Bevor ihr anständige Soldaten werdet, sorge ich dafür, dass nur der die Schulterklappen kriegt, der sie wirklich verdient. Wegtreten!«

Kalmeder vollführt eine Wendung und geht wieder ins Glied zurück.

Während Schimanek den Dienstplan für heute verliest, flüstert Kranz Kalmeder zu: »Das ist ein ganz übler Bursche. Ich hatte Angst um dich, mein Junge.«

Kalmeder lächelt und drückt heimlich die Hand seines Freundes.

Eine Viertelstunde später, nachdem Spieß Schimanek noch ein paar Verhaltensmaßregeln verkündet hat, trabt der Haufen Sträflinge unter der Führung Feldwebel Helms und eines Stammgefreiten zum Bekleidungsgebäude hinüber.

»Ich mache mir Sorgen um Alfons«, raunt Kranz Kalmeder zu.

Der Bibelforscher schweigt seit gestern, hat keinen Bissen zu sich genommen. Kranz hat gehört, wie Schnittgen in der Nacht gebetet hat. Jetzt lehnt der einsneunzig lange Zeuge Jehovas im nach Mottenkugeln riechenden Flur der Bekleidungskammer und wartet. Vorne werden bereits die ersten Klamotten aus der Tür geworfen. Feldwebel Helm überwacht die Übernahme der neuen Bekleidung – Bekleidung, die aus aufgebrauchten Drillichanzügen, geflickten Uniformen und ausgelatschtem Schuhwerk besteht.

Alles passt. Die einzelnen Kleidungsstücke kommen aus der Kammer geflogen, werden aufgesammelt und kopfschüttelnd betrachtet.

»Alfons«, sagt Kranz zu Schnittgen, »du musst jetzt ganz vernünftig sein, hörst du.«

Das müde Gesicht des Bibelforschers hellt sich auf. »Hochwürden, Sie werden es doch am besten verstehen, wenn ich mich weigere, eine Uniform anzuziehen.«

»Dann erschießen sie dich«, mahnt Kalmeder halblaut und schaut den Gang entlang, in dem es poltert und kracht, flucht und nach Mottenpulver stinkt.

»Ich glaube an Gott«, sagt Schnittgen entschlossen.

»Mensch, du spinnst«, mischt sich Schlegel ein. »Dein lieba Jott hilft dir ooch nich, wenn se dir an den Pfahl binden und det Hemdchen zerlöchern.«

»Schlegel hat recht«, pflichtet Kalmeder notgedrungen bei. »Sei vernünftig, Alfons, und nimm die Klamotten, wie sie ranfliegen.«

Der Bibelforscher schüttelt standhaft den Kopf.

Kranz nimmt Kalmeder zur Seite und flüstert ihm zu: »Dieser Mann ist ein Held … ein wirklicher Held. Ich bewundere ihn.«

»Wir können ihn abschreiben, Pfäfflein. Nimm ihn zur Seite und gib ihm den letzten Segen.«

»Meinst du wirklich, dass sie ihn erschießen?« Das knochige Gesicht des Geistlichen zuckt.

Kalmeder gibt keine Antwort.

Ein paar Meter weiter vorne bemüht sich Xaver Bunser verzweifelt, zwei linke, knochenharte Kommisslatschen gegen ein passendes Paar einzutauschen.

»I kann doch net in zwoa linke Schuach rumlaffa«, jammert der Brandstifter. »Hat wer zwoa rechte Schuach?«, fragt er herum.

Und dann ist es so weit, dass Alfons Schnittgen vor dem Türloch steht und die ersten heranfliegenden Bekleidungsstücke auffangen soll. Er nimmt nur den Drillich. Die chemisch gereinigte, geflickte Uniformjacke fällt zu Boden, die Hose dazu, die Mütze, der Stahlhelm, das Koppel.

Feldwebel Helm kneift die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

»Los, aufheben, du langes Reff!«, knurrt er Schnittgen wütend an.

Schnittgen schüttelt den Kopf.

Der Kammerbulle steckt den Kopf zur Tür heraus und fragt: »Was’n los da?«

»Bitte nur den Drillich«, sagt Schnittgen.

Es wird still im Korridor des Bekleidungsgebäudes, so still, dass man hört, wie Feldwebel Helm den Atem durch die Nase ausstößt. In einer langen Reihe an die rechte Wandseite des Korridors gedrückt, stehen die Sträflinge.

»So«, hören sie den Kammerbullen höhnen, »nur ’n Drillich willst du haben? Die anderen Klamotten sind dir wohl nicht fein genug?«

»Nimm die Sachen«, lässt sich der Feldwebel vernehmen; seine Stimme klingt wie das Knurren einer angriffslustigen Dogge.

»Ich bin Christ«, sagt Schnittgen mutig. »Ich werde nie eine Soldatenuniform anziehen … und schon gar nicht ein Gewehr in die Hand nehmen. Das verbietet mir Gott, der in seinem fünften Gebot …«

Weiter kommt Schnittigen nicht. Eine Faust packt ihn am Kragen und schleudert ihn auf die Kammertür zu. Das Viereck, durch das die Bekleidungsstücke geflogen kamen, verschließt sich von innen.

»Knabe …«, grinst der Kammerbulle und zieht die Jacke aus, »Knäblein … Nu unterhalten wir uns mal ’n lüttgen über deine Idee.«

Feldwebel Helm nimmt ein Koppel und schwingt es ein paarmal probeweise durch die Luft.

Die draußen im Korridor ziehen die Köpfe ein, als in der Kammer ein dumpfer Aufschrei ertönt und dann von klatschenden Hieben abgelöst wird. Das Gesetz des Heubergs vollzieht sich auch an Alfons Schnittgen, brutal, eindeutig, unbarmherzig.

Das dumpfe Brüllen des gepeinigten Menschen ist erloschen. Nur das klatschende Geräusch der Hiebe ist zu hören.

»Sie schlagen ihn tot«, flüstert der Pfarrer Kranz und schlägt die Hände vors Gesicht.

Kalmeder lehnt mit geschlossenen Augen an der Wand. Sein Asketengesicht ist starr. Nur um die nach unten gezogenen Mundwinkel spielt der Anflug eines seltsamen Lächelns.

Zehn Minuten später taucht Alfons Schnittgen auf. Er taumelt aus der Tür, schlurft mit blutendem Mund, mit zerschlagenem Kopf an den Sträflingen vorbei, gefolgt von Feldwebel Helm.

»Vorwärts, du Mistbiene, vorwärts!«

Der Verschlag öffnet sich. Das feiste Gesicht des Kammerbullen schaut heraus.

»Weitermachen, Herrschaften«, ruft er. »Weiter im Text. Der Nächste bitte … Hier ein Paar wunderschöne Stiefel … ein Drillich, eine Uniform, made in Germany.«

Als Helmut Kalmeder seine Klamotten in Empfang nimmt, ist es ihm, als müsse er sich in die Ecke stellen und den Magen ausleeren.

2

Während der Bibelforscher Alfons Schnittgen in Demut sein Schicksal erwartet, sitzt viele hundert Kilometer von Krieg und Heuberg entfernt der Strafsoldat Felix Haslach im Bummelbähnchen der Strecke Quakenbrück–Meppen und stellt mit Zufriedenheit fest, dass die Mitreisenden runde, gutgenährte Bauerngesichter haben und statt vom Krieg von landwirtschaftlichen Dingen reden.

Es hat einen guten Grund, dass Felix Haslach einen Abstecher in das Emsland macht. »Komm mir bloß mit ner Kiste prima Schnaps zurück«, hatte Spieß Schimanek zu dem Mann gesagt, ihm einen Sonderurlaubsschein und einen Packen Banknoten hingelegt und gute Reise gewünscht.

In der Expressguthalle Münster sind zwei Kisten per Express als Wehrmachtsgut an die Adresse »Stetten am kalten Markt, bahnlagernd« abgegangen. In der einen Kiste liegen Zigarettenstangen aus Bremen, Schokolade aus Aachen und Stoffballen aus Bielefeld. In der anderen Kiste stapeln sich Landbutter, drei luftgetrocknete Schinken, etliche Gläser Bienenhonig und ein paar Kartons garantiert frische Eier.

Acht Tage ist Strafsoldat Felix Haslach nun schon auf Achse, hat organisiert und Sachen zusammengehamstert, die Schimanek und Konsorten zukommen und deren Durchhaltevermögen in schlimmer Zeit stärken sollen.

»Sag mal, wie machst du das bloß …?«, hat man ihn schon oft gefragt, wenn Felix Haslach mit tausend seltenen Leckereien von seiner Tour zurückgekommen ist. Aber Felix Haslach hat nichts verraten, hat die Masche für sich behalten, nach der er erlesenste Weine, teure Stoffe und sonstige begehrte Artikel erhamstert. Es ist allein sein Geheimnis, wie er verfährt und den Herren von der dritten Kompanie Scheuer und Fass füllt. Es ist eine Art Erfolgssystem, das Felix Haslach anwendet.

Das Bähnlein ruckelt und zuckelt, pfeift und hält ein paarmal, ruckt wieder an und dampft fröhlich durch Heideland und Kiefernforste.

Die Mitreisenden kümmern sich wenig um den Soldaten in der Abteilecke. Haslach wünscht auch keine Unterhaltung, erstens,weil er das Plattdeutsch ohnehin nicht versteht, zweitens weil er scharf über die bevorstehende Aktion in der Schnapsbrennerei nachdenkt. Mindestens fünfzig Flaschen besten Kornbrands verspricht er sich, vielleicht auch mehr. Kommt ganz darauf an, wie der Fabrikant reagiert. Haslach ist sich seiner Sache so gut wie sicher. Er hat den Dreh schon hundertmal angewendet, also wird es auch heute wieder klappen.

Pünktlich und geschäftig wie schon zu Zeiten Kaiser Wilhelms verschnauft der feurige Elias an der Emsländer Station, lässt die Reisenden aus- und einsteigen und dampft wieder davon.

Schütze Felix Haslach ist am Ziel. Er schaut sich um. Dann verschwindet er in jenem Örtchen, das sich hinter einer Wellblechwand verbirgt und mit einem Fahnenschild auf seine Bestimmung hinweist.

Hier drinnen, im spezifisch riechenden Halbdunkel, öffnet Felix Haslach das kleine Pappköfferchen, entnimmt ihm eine Uniform, zieht die andere aus und kommt drei Minuten später als Ritterkreuzträger Unteroffizier Felix Haslach wieder ins Freie.

Der Tag lacht sonnig über die Frechheit des Gewohnheitsbetrügers. Felix Haslach, der gut aussehende Ganove, dessen Gewissen ebenso weit ist wie der blaue Himmel über dem Emsländer Marktflecken, schlendert sicher und lächelnd seinem Ziel entgegen.

Die Bevölkerung schaut dem Helden nach. Ein paar Mädchen seufzen. Vier Arbeitsdienstmänner, die irgendwo im Moor mithelfen, nach Erdöl zu bohren, treten zur Seite und reißen die Knochen zusammen, als der Ritterkreuzträger vorbeigeht.

Die Schnapsbrennerei Julius Stüsken liegt am Ortsausgang und verrät ihre Anwesenheit durch den Geruch destillierter Mangelware. Natürlich ist Herr Julius Stüsken sofort zu sprechen. Er erhebt sich rasch hinter seinem Schreibtisch und eilt mit ausgestreckter Hand auf den Besuch zu.

»Unteroffizier Haslach«, stellt sich der Besucher vor. »Ich komme im Auftrag des Reservelazaretts in Marbach und möchte für die Kameraden Marketenderwaren einkaufen.«

»Bitte, nehmen Sie Platz … Zigarren? Zigaretten?«

Julius Stüsken hat ein rosiges Gesicht und einen weißen Haarhelm. Die wasserhellen, gut in Fettpolstern liegenden Äuglein funkeln genauso wie das Ritterkreuz des Unteroffiziers Haslach.

»Aber gewiss«, sagt Herr Stüsken beflissen. »Das können Sie haben … ist doch selbstverständlich, Herr Unteroffizier.«

»Darf ich mit hundert Flaschen rechnen?«

Herr Stüsken denkt daran, dass sein Betrieb unter Kontrolle steht. Aber einem Ritterkreuzträger, der für Volk und Vaterland sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, einem Helden, der im Namen der Kameraden Marketenderwaren hamstert, dem kann man doch nicht abschlägig antworten.

»Gegen Quittung natürlich«, sagt Haslach gewichtig, »und in bar.«

Er zieht die Brieftasche, doch der Schnapsfabrikant hebt abwehrend die rosigen Hände.

»Ich bitte Sie, Herr Unteroffizier! Nein, nein, das verrechne ich schon so, dass alles in Ordnung geht.«

Felix Haslach hätte sich auch sehr gewundert, wenn er die Ware hätte bezahlen müssen. Auch der Schokoladenfritze in Aachen hat kein Geld genommen. Keiner nimmt Geld, wenn er das Ritterkreuz, das goldene Verwundetenabzeichen, das EK eins und zwo, die Nahkampfspange und das hübsche Gesicht des schneidigen Helden sieht.

Felix Haslach muss auch den Betrieb besichtigen. In einem Nebenraum werden Trinkproben genommen, während der Lagerist die Kisten fertigmacht.

Um halb drei Uhr bringt Herr Stüsken seinen Besuch höchstpersönlich zur Bahn und achtet darauf, dass die beiden Kisten mit je fünfzig Flaschen besten Kornbrands auch gleich mit auf den Weg kommen.

»Wissen Sie«, sagt Stüsken zum Abschied, »die Heimat muss mithelfen.« Und dann beugt er sich etwas näher und fragt: »Wie ist denn die Stimmung an der Front? Ich meine …« – Stüsken schaut sich um, als fürchte er Lauscher – »ist es denn irgendwie möglich, dass wir diesen Krieg noch gewinnen?«

»Sie bestimmt«, lächelt der falsche Unteroffizier Felix Haslach anzüglich.

Der Zug pfeift in der Schneise des Kiefernwäldchens. Der Bahnbeamte bringt das Köfferchen aus der Aufbewahrung.

»Ich danke Ihnen im Namen der Kameraden«, sagt Haslach zu dem Fabrikanten. »Sie haben mit dazu beigetragen, unsere Kampfmoral zu stärken, Herr Stüsken.«

»Man tut sein Bestes«, seufzt der weißhaarige Herr.

Der Zug hält, die Kisten verschwinden im Packwagen, Felix Haslach winkt noch einmal aus dem heruntergelassenen Abteilfenster.

»Heil Hitler, Herr Stüsken – und nochmals herzlichen Dank!«

Julius Stüsken steht stramm – steht stramm vor einem Ganoven, der mit seiner »Masche« immer wieder die Mitmenschen blufft. Damals, vor vier Jahren, waren es andere Hochstapeleien: mit klingenden Namen und Visitenkarten auf teurem Büttenpapier. Heute reicht ein bisschen funkelndes Blech aus, um die »Volksgenossen« in Geberlaune zu versetzen. Und der Spieß Schimanek wird nicht fragen, wie es Felix Haslach gemacht hat. Man wird trinken und am nächsten Morgen die zur Schnecke machen, aus denen Felix Haslach, das Organisationsgenie, hervorgegangen ist.

»Ich lasse bitten«, sagt Rechtsanwalt Dr. Rolf Kalmeder zu seinem Kanzleivorsteher und liest in der Akte weiter.

Inge Grotius tritt ein und bleibt an der Polstertür stehen. Sie schaut zum Schreibtisch hinüber, hinter dem Helmuts Bruder sitzt und jetzt den schmalen Kopf hebt. Zwei randlose Brillengläser funkeln, ein blasses Gesicht lächelt zuvorkommend. Rolf Kalmeder hat keine Ahnung, wer gekommen ist.

»Bitte nehmen Sie Platz, gnädige Frau!« Er verbeugt sich im Sitzen und deutet auf einen der Lederfauteuils. Rolf Kalmeder steht nie auf, wenn Klienten hereinkommen. Er ist in früher Jugend an spinaler Kinderlähmung erkrankt und gehbehindert. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Inge Grotius sieht reizend und jugendfrisch aus. Das marineblaue Kostüm mit den weißen Aufschlägen unterstreicht das Blond ihres Haares. Rolf Kalmeder findet den Besuch apart, schätzt ihn auf etwa 23 Jahre. Eine Witwe, taxiert er, die den Mann verloren hat. Sie kommt sicher in einer Erbschaftsangelegenheit.

»Ich möchte mit Ihnen über Ihren Bruder sprechen«, sagt Inge ohne Umschweife und setzt sich, legt das Handtäschchen auf die Knie und stellt fest, dass Rolf Kalmeder erschrickt.

»Über meinen Bruder …?« Kalmeder nimmt die Brille ab und blinzelt die Besucherin an.

»Ja«, nickt Inge, »über Helmut.«

Er ähnelt ihm gar nicht, denkt sie dabei. Er ist ein Snob, er wird mich anhören, den Kopf schütteln und mich verabschieden.

Kalmeder hat sich wieder gefasst. Er lächelt so blass, wie seine Gesichtshaut wirkt.

»Darf ich fragen, in welcher Beziehung Sie zu meinem Bruder stehen?«

»Ich war mit Helmut befreundet … oder besser gesagt: Er hat mir damals viel bedeutet. Es ist mittlerweile über drei Jahre her, dass ich nichts mehr von ihm gehört habe.«

Der Mann hinter dem Schreibtisch räuspert sich nervös. »Wie war Ihr Name?«

»Inge Grotius.«

Nein, Kalmeder kennt diesen Namen nicht, hat ihn noch nie gehört. Helmut ist immer seine eigenen Wege gegangen.

»Verzeihung«, sagte Rolf Kalmeder, »es ist mir neu, dass mein Bruder …« Er bricht ab und setzt die Brille wieder auf. »Sie wollen wissen, wo mein Bruder ist?«

»Ich weiß nur, dass man ihn im Oktober 1939 verhaftet hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«

Kalmeder lehnt sich zurück und faltet die Hände. »Er ist im KZ Dachau … Ob er jetzt noch dort ist, weiß ich nicht. Die Verbindung zu meinem Bruder ist abgerissen. Er hat uns viele Sorgen gemacht …«

Inge blickt sich in dem Raum um – ein Milieu, das zur Sachlichkeit zwingen soll, schmucklos, von unauffälliger Eleganz. Über dem Schreibtisch, hinter dem Inhaber des Platzes, hängt das obligatorische Führerbild.

Dr. Kalmeder legt die Hände auf die Schreibtischkante. »Was veranlasst Sie, nach drei Jahren zu mir zu kommen und zu fragen, wie es meinem Bruder geht?«

Inge kramt in ihrem Täschchen nach Zigaretten und Feuerzeug.

»Sie gestatten, dass ich rauche?«, fragt sie, ohne aufzublicken.

»Ja, bitte.« Es klingt sehr frostig.

»Ich gebe zu«, sagt Inge, während sie sich eine Zigarette anzündet, »dass mein Gewissen etwas spät erwacht ist. Ich arbeite in einer Baufirma als Sekretärin. Als wir Arbeitskräfte anforderten, schickte man uns Sträflinge … die Menschen, Herr Rechtsanwalt Kalmeder, die Sie vielleicht einmal erfolglos verteidigt haben.«

»Ich bin kein Strafverteidiger«, berichtigte er kühl, »meine juristische Betätigung beschränkt sich ausschließlich auf den Industriesektor.«

»Ich verstehe«, lächelte sie. »Deshalb liegt für Sie der Fall Ihres Bruders wahrscheinlich auch etwas abseits.«

Die Brillengläser funkeln. Kalmeder beugt sich vor und verschränkt die Arme auf dem Schreibtisch. »Sind Sie gekommen, um mir Vorwürfe zu machen?«

»Nein. Ich wollte mich nur erkundigen, was aus Helmut geworden ist.«

Kalmeder erhebt sich mühsam, kommt um den Schreibtisch herum, geht zum Fenster, schiebt die Stores auseinander und schaut auf die Straße hinunter.

Inge ist ein wenig erschrocken, als sie sieht, wie stark er den Fuß nachzieht. Ehe sie die Behinderung des Mannes erkannt hat, hat sie ihn für einen Flegel gehalten. Jetzt stellt sie noch einmal den Vergleich an, ob er Helmut ähnelt. Sie haben nur die Figur gemeinsam. Helmuts Kopf ist markanter, eigenwilliger. Rolf Kalmeder ist ein eleganter, blasser Typ mit schütterem Haar, das er sorgfältig über die Lichtung des Hinterkopfes verteilt.

Der Mann am Fenster dreht sich um und steht im Schatten des Tageslichtes – eine Stellung, die er stets sucht, wenn er sein Gegenüber ungestört betrachten will.

»Mein Bruder war ein Rebell«, beginnt er mit sachlicher Stimme und verschränkt die Arme vor der Brust. »Es war ihm völlig gleichgültig, was aus seiner Familie wird – er lebte nur für seine Ideen. Mein Vater wurde schwer herzkrank, meine Mutter starb vor zwei Jahren an den Folgen der Aufregungen. Und wenn Sie mich fragen, mein Fräulein, warum ich mich nicht um meinen Bruder kümmere, so antworte ich Ihnen: Weil Helmut ein Narr ist!«

Inge zerdrückt die Zigarette im Aschenbecher; sie schmeckt ihr plötzlich nicht mehr.

»Ein Narr?«, wiederholt sie kopfschüttelnd.

»Jawohl, ein Narr! Ein Nihilist!«, erregt sich der Mann am Fenster. »Er hat sich selbst das Wasser abgegraben. Ich kann meinem Bruder nicht helfen!«

Kalmeder kehrt mit schleppenden Schritten hinter seinen Schreibtisch zurück, nimmt mit nervösem Schwung die Brille ab und putzt sie mit einem Seidentüchlein.

»Ich habe etwas zu verlieren, mein Fräulein«, fährt er fort. »Sie können mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass das Vaterland es mir nicht leicht gemacht hat, das aufzubauen, was heute meine Existenz darstellt.«

»Aber Sie sitzen fest im Sattel, nicht wahr?«, fragt sie gelassen.

Er setzt die Brille wieder auf. »Kommen wir zur Sache, Fräulein … äh …«

»Grotius«, hilft sie ihm lächelnd.

»Fräulein Grotius«, ergänzt er nervös. »Sie wollen wissen, wo mein Bruder ist. Ich kann Ihnen keine Auskunft geben. Wir stehen mit ihm nicht mehr in Verbindung. Es ist anzunehmen, dass er im Zuge der Neuordnung Soldat geworden ist … Ich weiß wirklich nicht, wo sich mein Bruder zur Zeit aufhält.«

»Er hat nie geschrieben?«

Kalmeder hebt die Achseln und lässt sie wieder sinken. »Das entzieht sich meiner Kenntnis. Möglich, dass mein Vater Post erhalten hat. Ich persönlich hatte mich entschlossen, keine Verbindung mit meinem Bruder zu halten.«

Inge zieht die Unterlippe zwischen die Zähne. Zorn und Abscheu steigen in ihr auf. Eine scharfe Erwiderung liegt ihr auf der Zunge. Dann wirft sie den Kopf in den Nacken.

»Haben Sie schon einmal Zuchthäusler gesehen, Herr Rechtsanwalt? Wissen Sie, wie es aussieht, wenn solch ein Haufen im Regen steht und Sie mit stumpfen Blicken anschaut? Ich habe solche Menschen gesehen. Ich war erschüttert darüber, dass es so etwas gibt. Und jetzt bin ich zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, etwas für Helmut zu tun.«

Das Gesicht hinter dem Schreibtisch ist voller Abwehr. Kalmeder hebt protestierend beide Hände. »Sie überschätzen entschieden meine Einflussmöglichkeiten, Fräulein Grotius. Ich habe leider keine Freunde in der Prinz-Albrecht-Straße.«

»Aber Sie haben sicher ein Herz in der Brust, nicht wahr?«

Kalmeder schließt für einen Moment die Augen. Liebt sie ihn noch? überlegt er. Hat sie vielleicht ein Kind von ihm?

»Mein Bruder dauert mich natürlich«, sagt er. Es klingt unaufrichtig. »Ich wüsste aber nicht, was ich für ihn tun könnte.«

Inge steht auf. Die kalten Augen des Mannes hinter dem Schreibtisch wandern an ihrer Figur entlang.

»Und wenn ich Sie herzlich bitte?«, fragt Inge und tritt an den Schreibtisch heran.

»… müsste ich noch ein paar Fragen an Sie stellen«, fügt er rasch hinzu.

»Bitte, fragen Sie.«

Inge sieht erst jetzt, dass Kalmeder hellblaue Augen hat – kalte, scharf taxierende Augen, mit denen er sie auszuziehen scheint.

»Wie lange waren Sie mit meinem Bruder … ähm … ich meine, haben Sie ihn sehr geliebt?«

»Ja, sehr. Wir lernten uns bei den Vorlesungen in der Universität kennen.«

Kalmeder wirft sich in den Sessel zurück, nimmt die Brille ab und schwenkt sie gedankenschwer hin und her. »Sie haben studiert?«

»Ich wollte studieren.«

»Welches Fach?«

»Rechtswissenschaft.«

»Oh«, entschlüpft es ihm, »das ist interessant. Und warum haben Sie das Studium aufgegeben?«

Inge weiß, dass das ein Verhör ist. Sie setzt sich wieder, schlägt die langen, schön geformten Beine übereinander und wippt mit dem Fuß. Kalmeders Blick bleibt an ihrem Bein hängen.

»Es kam mir sinnlos vor«, antwortet Inge.

Er zieht erstaunt die Brauen hoch. »Sinnlos?«

»Ja. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Rechtsbegriffe verschoben haben. Ich fand Justizkomödien plötzlich lächerlich und glaubte, die Gefahr zu erkennen, dass man in ein Netz gerät, aus dem man ebenso schwer herauskommt wie der Angeklagte. Es lohnte sich meines Erachtens nicht mehr, einen Juden zu verteidigen oder mit dem Richter um den Kopf eines Schwarzschlächters zu ringen. Meine Besuche in den Gerichtssälen brachten mich zu der Überzeugung, dass das Urteil schon gesprochen ist, ehe der Prozess beginnt.«

Sie hat ruhig gesprochen, sachlich, ohne jenes Lächeln, das den Mann hinter dem Schreibtisch nachgiebig oder unsicher machen sollte.

Kalmeder hat die Brille wieder aufgesetzt. Donnerwetter, denkt er, sie ist klug und mutig. Es kommt selten vor, dass eine schöne Frau auch klug ist.

»Sie haben Ihre Meinung sehr offen geäußert«, sagt er freundlich und tastet wie zufällig an dem Rockaufschlag seines blendend sitzenden Maßanzugs entlang, an dem das Parteiabzeichen steckt.

Inge versteht diese Bewegung.

»Habe ich meinen Kopf in Gefahr gebracht?«, fragt sie ironisch. »Werden Sie die Gestapo anrufen und …«

Er winkt unwirsch ab. »Unsinn. Ich habe es gehört und werde es wieder vergessen.«

»Einverstanden, Herr Doktor. Nur um eines bitte ich Sie jetzt noch einmal, und zwar inständig: Helfen Sie Ihrem Bruder.«

»Ihm ist nicht zu helfen.« Kalmeder schüttelt den Kopf und fährt sich mit der flachen Hand über die Stirn. »Außerdem bin ich sicher, dass Helmut jedes Gnadengesuch ablehnen würde. Sie werden ihn ja kennen, Fräulein Grotius; er war schon immer ein Fanatiker.«

Das Telefon summt. Kalmeder murmelt eine Entschuldigung und nimmt den Hörer ab, sagt: »Ja, danke, ich komme.«

Dann wendet er sich wieder seinem Besuch zu.

»Sie sind enttäuscht, nicht wahr?«

Inge zuckt die Schultern und erhebt sich. »Ich werde sicher einen anderen Weg finden, Herr Rechtsanwalt Kalmeder.«

»Ich warne Sie!«

Inge geht zur Tür und dreht sich noch einmal um. Kalmeder ist hinter seinem Schreibtisch aufgestanden.

»Ich kannte Sie nicht«, sagt Inge, »aber jetzt kenne ich Sie. Sie sind in meinen Augen ein Unmensch, ein Feigling, der seinen Schreibtisch halten will.«

»Einen Augenblick!«, ruft Kalmeder. Er tritt hastig hinkend auf Inge zu und verstellt ihr den Weg. »Sie haben mich beleidigt!« Seine Stimme zittert vor Zorn.

»Das wollte ich auch.«

»Ich könnte Sie dafür belangen!«

»Tun Sie’s doch.« Sie lächelt herausfordernd. »Meine Adresse ist Berlin-Dahlem, Breitenbachplatz 14, bei Kalinke! Guten Tag, Herr Kalmeder.«

Doch er gibt ihr den Weg nicht frei. Sein schlaffes Gesicht hat sich gerötet. Hinter den Brillengläsern funkeln die Augen.

»Sie gefallen mir!«, sagt er gepresst. »Ich könnte Sie wegen Beleidigung …« Er gibt sich einen Ruck. »Wann haben Sie einen dienstfreien Tag?«

Inge Grotius lächelt unverhohlen ironisch. »Das heißt also, dass Sie sich mit mir treffen wollen?«

»Genau.«

»Ich gehe jeden Sonnabend um vier ins Schönemann und trinke dort Kaffee.«

Er reicht ihr die Hand. »Gut, ich werde kommen.«

»Falls ich es mir anders überlegen sollte, schicken Sie mir die Rechnung der Konsultation zu.«

»Ich werde sie Ihnen am Sonnabend überreichen«, lächelt er und öffnet ihr die Tür.

Als Inge das Haus verlässt, bleibt sie stehen, atmet tief durch und murmelt: »Er ist ein Schuft, wie er im Buche steht …« Dann geht sie weiter.

Rolf Kalmeder steht am Fenster und verfolgt die schlanke Gestalt mit seinen Blicken. Dann nickt er vor sich hin und geht zum Schreibtisch zurück, um sich die Verabredung zu notieren.

Der Schnee ist zu Matsch geworden. Der Exerzierplatz am Heuberg hat sich in ein schmatzendes Ungeheuer verwandelt.

»Links, zwo, drei, vier …«, kommandieren die Ausbilder und bringen den Zuchthäuslern und Landesverrätern erst einmal das Marschieren bei.

Sie traben im Karree, sie singen »Es ist so schön, Soldat zu sein« … Sie wälzen sich wie die Säue im Morast und sind nicht mehr als Menschen zu erkennen.

»Auf, marsch, marsch, ihr Drecksäcke!«

Der Pfarrer keucht neben dem Studenten, der Einbrecher neben dem Fahrraddieb, der »Rassenschänder« neben dem Wilderer.

Gnadenlos ist der Drill, brutal, rücksichtslos. Diese Kerle hier haben alle etwas gutzumachen. Der Heuberg gibt keinen Pardon. Selbst Offiziere des Ersten Weltkrieges und der Reichswehr traben mit im Karree herum. Auch sie sind »wehrunwürdig« geworden, weil sie sich nicht rechtzeitig ins Ausland abgesetzt haben und hier als »charakterlose Schweine« gelten. Soldaten allerletzten Grades sind es, die man nach allen Regeln des Kommiss schleift. Strafsoldaten eben.

Sie spannen sich vor schwere Geschütze, sie ziehen die tonnenschweren Dinger durch den Morast. Sie kriegen etwas mehr zu essen als im Zuchthaus, aber sie verbrauchen das kleine Mehr an Nahrung beim Dienst. Sich in den Dreck zu schmeißen, sich schinden und kujonieren zu lassen, ist auch eine Ehre, ganz abgesehen davon, dass die ehemaligen Zuchthäusler und Hochverräter auch die Chance bekommen werden, beim Minen ausbuddeln, Schippen oder auf einem rostigen Transporter über die Klinge zu springen.

Was der Begriff »bedingt wehrwürdig« bedeutet, ist jedem schon klar geworden. Nicht mehr als eine Floskel war es. Auf dem Heuberg gibt es nur WU-Soldaten.

Auch Helmut Kalmeder hat sich seine Interpretation der Definition »unehrlich, bedingt ehrlich, ehrlich« zurechtgelegt und grinst über die andere Definition »unsauber, bedingt sauber, sauber«, die er sich voller Ingrimm vorsagt, um diese militärische Posse zu verhöhnen.

Was einmal von diesem Haufen übrigbleibt, gilt als ausgebildet. Aber noch ist es nicht soweit, und die Strafsoldaten marschieren ohne Ehre und Schulterklappen durch den Morast. Noch brüllen die Ausbilder, und die wenigen Offiziere, die sich diesem Haufen als Zug- oder Kompanieführer zur Verfügung halten müssen, schämen sich mehr oder weniger offen über ihre Verwendung und sträuben sich hartnäckig, mit diesem Verein identifiziert zu werden.

Drüben im Krankenrevier werden die Betten nicht leer. Täglich bringt man zu Tode erschöpfte Soldaten herein, wäscht sie und lässt sie ein paar Tage ausruhen. Oberarzt Dr. Gimmler ist kein Unmensch, unterscheidet aber streng zwischen Simulanten und wirklich erschöpften Patienten. Ab und zu gibt es einen Exitus, den man von der Verpflegungsliste streichen muss. Von den 125 Mann, die vor acht Tagen eingetroffen sind, harren inzwischen nur noch knapp 90 auf dem Heuberg aus. 20 sind wieder in die Zuchthäuser zurückgeschickt worden. Grund: untauglich für den Wehrdienst. Der Heuberg ist kein Sanatorium und hat das Recht, hoffnungslos ausgemergelte Menschen wieder abzuschieben.

Oberleutnant Greiner heißt der Kompaniechef. Er ist ein guter Offizier und hat es aufgegeben, um Versetzung von diesem Haufen zu betteln. Soweit er Härten vermeiden kann, tut er es. Es ist nicht leicht, eine Truppe zu führen, die aus 60 Prozent Kriminellen, 30 Prozent Politischen und nur 10 Prozent Stammpersonal besteht.

Greiner hat während des Frankreichfeldzuges eine Kompanie geführt. Er hat sich durch Tapferkeit ausgezeichnet und trägt zum Verwundetenabzeichen das EK 1. Er hat Volkswirtschaft studiert und besitzt in der Gegend von Passau einen Bauernhof, den seine Frau bestellt.

Wenn Greiner auf dem Exerzierplatz auftaucht, brüllen die Ausbilder nicht mehr so wütend, sehen von weiteren Schikanen ab, und der Exerzierdienst verläuft in erträglichen Bahnen.